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Full text of "Die Traumdeutung. (5., vermehrte Auflage)"

I 

II, 






DIE 

TRAUMDEUTUNG 



VON 



PROF. Dr. SIGM. FREUD. 



»FLECTERE SI NEQUEO SUPEROS, ACHERONTÄ MOVEBO* 



FÜNFTE, VERMEHRTE AUFLAGE 

MIT BEITEÄGEN VON 

Dr. OTTO RANK. 



LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE. 

1919. 



VEKLAGS-NB. 2610. 



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Dr. mH. jV\. Hofmann 
Rtpperswil a. Ziirichsee 



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DIE 

TRAUMDEUTUNG 



VON 



PROF. Dr. SIGM. FREUD. 



»FLECTERE SI NEQUEO SUPEROS, ACHERONTÄ MOVEBO* 



FÜNFTE, VERMEHRTE AUFLAGE 



MIT BEITRÄGEN VON 



Dr. OTTO RANK. 



LEIPZIG UND WIEN. 

FRANZ DEUTICKE. 

1919. 






Verlags-Nr. 2510. 



Druck- und Verlagshaus Karl Prochaaka, Teachen. 



• 



- 



Vorbemerkung. 

Indem ich hier die Darstellung der Traumdeutung- versuche, 
glaube ich den Umkreis neuropathologiseher Interessen nicht über- 
schritten zu haben. Denn der Traum erweist sich bei der psycho- 
logischen Prüfung- als das erste Glied in der Reihe abnormer psychischer 
Gebilde, von deren weiteren Gliedern die hysterische Phobie, die 
Zwangs- und die Wahnvorstellung den Arzt aus praktischen Gründen 
beschäftigen müssen. Auf eine ähnliche praktische Bedeutung kann 
der Traum — wie sicli zaigen wird — Anspruch nicht erheben ; um 
so größer ist aber sein theoretischer Wert als Paradigma, und wer 
sich die Entstehung dar Traumbilder nicht zu erklären weiß, wird 
sich auch um das Verständnis der Phobien, Zwangs- und Wahnideen, 
eventuell um deren therapeutische Beeinflussung, vergeblich bemühen. 

Derselbe Zusammenhang aber, dem unser Thema seine Wichtig- 
keit verdankt, ist auch für die Mängel der vorliegenden Arbeit ver- 
antwortlich zu machen. Die Bruchflachen, welche man in dieser Dar- 
stellung so reichlich finden wird, entsprechen cbensovielcn Kontakt- 
stellen, an denen das Problem der Traumbildung in umfassendere 
Probleme der Psychopathologie eingreift, die hier nicht behandelt 
werden konnten, und denen, wenn Zeit und Kraft ausreichen und 
weiteres Material sich einstellt, spätere Bearbeitungen gewidmet wer- 
den sollen. 

Eigentümlichkeiten des Materials, an dem icli die Traumdeutung 
erläutere, haben mir auch diese Veröffentlichung schwer gemacht. Es 
wird sich aus der Arbeit selbst ergeben, warum alle in der Literatur 
erzählten oder von Unbekannten zu sammelnden Träume für meine 
Zwecke 'unbrauchbar sein mußten; ich hatte nur die Wahl zwischen 
den eigenen Träumen und denen meiner in i>s3'choanalytischer Behand- 
lung stehenden Patienten. Die Verwendung des letzteren Materials 
wurde mir durch den Umstand verwehrt, daß hier die Traum vornan o-e 
einer unerwünschten Komplikation durch die Einmengung neurotischer 
Charaktere unterIngen. Mit der Mitteilung meiner eigenen Träume 
aber erwies sich als untrennbar verbunden, daß ich von den Intimitäten 



IV 

meines psychischen Lehens fremden Einblicken mehr eröffnete, als 
mir lieb sein konnte und als sonst einem Autor, der nicht Poet, son- 
dern Naturforscher ist, zur Aufgabe fällt. Das war peinlich, aber 
unvermeidlich; ich haba mich also darein gefügt, um nicht auf die 
Beweisführung für meine psychologischen Ergebnisse überhaupt ver- 
zichten zu müssen. Natürlich habe ich doch der Versuchung nicht 
widerstehen können, durch Auslassungen und Ersetzungen manchen 
Indiskretionen die Spitze abzubrechen; so oft dies geschah, gereichte 
es dem Werte der von mir verwendeten Beispiele zum entschiedensten 
Nachteile- Ich kann nur die Erwartung aussprechen, daß die Leser 
dieser Arbeit sich in meine schwierige Lage versetzen werden, um 
Nachsicht mit mir zu üben, und ferner daß alle Personen, die sich 
in den mitgeteilten Träumen irgendwie betroffen finden, wenigstens 
dem Traumleben Gedankenfreiheit nicht werden versagen wollen. 



Vorwort zur zweiten Auflage. 



Daß von diesem schwer lesbaren Buche noch vor Vollendung 
des ersten Jahrzehntes eine zweite Auflage notwendig geworden ist, 
verdanke ich nicht dem Interesse der Fachkreise, an die ich mich in 
den vorstehenden Sätzen gewendet hatte. Meine Kollegen von der 
Psychiatrie scheinen sich keine Mühe gegeben zu haben, über das 
anfängliche Befremden hinauszukommen, welches meine neuartige 
Auffassung des Traumes erwecken konnte, und die Philosophen von 
Beruf, die nun einmal gewohnt sind, die Probleme des Traumlebens 
als Anhang zu den Bewußtseinszuständen mit einigen — meist den 
nämlichen — Sätzen abzuhandeln, haben offenbar nicht bemerkt, daß 
man gerade an diesem Ende allerlei hervorziehen könne, was zu einer 
gründlichen Umgestaltung unserer psychologischen Lehren führen 
muß. Das Verhalten der wissenschaftlichen Buchkritik konnte nur 
zur Erwartung berechtigen, daß Totgeschwiegen werden das Schick- 
sal dieses meines "Werkes sein müsse; auch die kleine Schar von 
wackeren Anhängern, die meiner Führung in der ärztlichen Hand- 
habung der Psychoanalyse folgen und nach meinem Beispiel Träume 
deuten, um diese Deutungen in der Behandlung von Neurotikern zu 
verwerten, hätte die erste Auflage des Buches nicht erschöpf i. So 
fühle ich mich denn jenem weiteren Kreise von Gebildeten und "Wiß- 
begierigen verpflichtet, deren Teilnahme mir die Aufforderung ver- 
schafft hat, die schwierige und für so vieles grundlegende Arbeit 
nach neun Jahren von neuem vorzunehmen. 

Ich freue mich, sagen zu können, daß ich wenig zu verändern 
fand. Ich habe hie und da neues Material eingeschaltet, aus meiner 
vermehrten Erfahrung einzelne Einsichten hinzugefügt, an einigen 
wenigen Punkten Umarbeitungen versucht j alles Wesentliche über 
den Traum und seine Deutung sowie über die daraus ableitbaren 
psychologischen Lehrsätze ist aber ungeändert geblieben; es hat 
wenigstens subjektiv, die Probe der Zeit bestanden. Wer meine anderen 
Arbeiten (über Ätiologie und Mechanismus der Psychoneuroscn) kennt, 
weiß, daß ich niemals Unfertiges für fertig ausgegeben und mich 
stete bemüht habe, meine Aussagen nach meinen fortschreitenden 
Einsichten abzuändern; auf dem Gebiete des Traumlebens durfte ich 
bei meinen ersten Mitteilungen stehen bleiben. In den langen Jahren 
meiner Arbeit an den Neurosenproblemen bin ich wiederholt ins 
Schwanken geraten und an manchem irre geworden; dann war es 
immer wieder die „Traumdeutung", an der ich meine Sicherheit 



VI 

wiederfand. Meine zahlreichen wissenschaftlichen Gegner zeigen also 
einen sicheren Instinkt, wenn sie mir gerade auf: das Gebiet der 
Traumforschung nieftt folgen wollen. 

Auch das Material diesem Buches, diese zum größten Teil durch 
die Ereignisse entwerteten oder überholten eigenen Träume, an denen 
ich die Kegeln der Traumdeutung erläutert hatte, erwies bei der 
Revision ein Beharrungsvermögen, das sich eingreifenden Änderungen 
widersetzte. Für mich hat dieses Buch nämlich noch eine andere 
subjektive Bedeutung, die ich erst nach seiner Beendigung verstehen 
konnte. Es erwies sich mir als ein Stück meiner Seitatanalyse, als 
meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste 
Ereignis, den einschneidendsten Verlust im Leben eines Mannes. 
Nachdem ich dies erkannt hatte, fühlte ich mich unfähig, die Spuren 
dieser Einwirkung zu verwischen. Für den Leser mag es aber gleich- 
gültig sein, an welchem Material er Träume würdigen und deuten 
lernt. 

Wo ich eine unabweisbare Bemerkung nicht in den alten Zu- 
sammenhang einfügen konnte, habe ich ihre Herkunft von der zweiten 
Bearbeitung durch eckige Klammern angedeutet*. 

Bcrchtesgadcn, im Sommer 1908. 



Vorwort zur dritten Auflage. 



Während zwischen der ersten und der zweiten Auflage dieses 
Buches ein Zeitraum von neun Jahren verstrichen ist, hat sich das 
Bedürfnis einer dritten bereits nach wenig mehr als einem Jahre 
bemerkbar gemacht. Ich darf mich dieser Wandlung freuen; wenn 
ich aber vorhin die Vernachlässigung meines Werkes von Seite der 
Leser nicht als Beweis für dessen Unwert gelten lassen wollte, kann 
ich das nunmehr zu Tage getretene Interesse auch nicht als Beweis 
für seine Trefflichkeit verwerten. 

Der Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis hat auch die 
„Traumdeutung" nicht unberührt gelassen. Als ich sie 1899 nieder- 
schrieb, bestand die „Sexualtheorie" noch nicht, war die Analyse der 
komplizierteren Formen von Psychoneurosen noch in ihren Anfängen. 
Die Deutung der Träume sollte ein Hilfsmittel werden, um die psy- 
chologische Analyse der Neurosen zu ermöglichen; seither hat das 
vertiefte Verständnis der Neurosen auf die Auffassung des Traumes 
zurückgewirkt. Die Lehre von der Traumdeutung selbst hat sich 
nach einer Richtung weiterentwickelt, auf welche in der ersten Auf- 
lage dieses Buches nicht genug Akzent gefallen war. Durch eigene 
Erfahrung wie durch die Arbeiten von W. Stekel und anderen habe 
ich seither den Umfang und die Bedeutung der Symbolik im Traume 

* Diese wurden bei den folgenden Auflagen wieder fallen gelassen. 



VII 

(oder vielmehr im unbewußten Denken) richtiger würdigen gelernt. 
Sil hat sich im Laufe dieser .Jahre vieles angesammelt, was Berück- 
sichtigung verlangte. Ich habe versucht, diesen Neuerungen durch 
zahlreiche Einschaltungen in den Text und Anfügung von Fußnoten 
Rechnun» zu tragen. Wenn diese Zusätze nun gelegentlich den Rah- 
men der Darstellung zu sprengen drohen, oder wenn es doch nicht 
;iu allen Stellen gelungen ist,- den früheren Text auf das Niveau 
unserer heutigen Einsichten zu heben, so bitte ich für diese Mängel 
des Buches um Nachsicht, da sie nur Folgen und Anz/ichen der nun- 
mehr beschleunigten Entwicklung unseres Wis ens sind. Ich getraue 
mich auch vorherzusagen, nach welchen anderen Richtungen spätere 
Auflagen der Traumdeutung — - falls sich ein Bedürfnis nach solchen 
ergeben würde — von der vorliegenden abweichen werden. Dieselben 
müßten einer.-eits einen engeren Anschluß an den reichen Stoff der 
Dichtung, des Mythus, des Sprachgebrauchs und dos Folklore suchen, 
anderseits die Beziehungen des Traumes zur Neurose und zur Geistes- 
störung noch eingehender, als es hier möglich war, behandeln. 

Herr Otto Rank hat mir bei der Auswahl der Zusätze wertvolle 
Dienste geleistet und die Revision der Druckbogen allein besorgt. 
Ich bin ihm und vielen anderen für ihre Beiträge und Berichtigungen 
zu Dank verpflichtet. . . 

."Wien, im Frühjahr 1011. 



Vorwort /Air vierten Auflage. 

Im Vorjahre (1913) hat Dr. A. A. Brill in New York eine eng- 
lische Übersetzung dieses Buches zu Stande gebracht. [The Interpreta- 
tion of dreams. G-. Allen & O., London.] 

Herr Dr. Otto Rank hat diesmal nicht nur die Korrekturen be- 
sorgt, sondern auch den Text um zwei selbständige Beiträge bereichert. 
(Anhang zu Kap. VI.) 

W ien, im Juni 1911. 



Vorwort zur fünften Auflage. 

Das Interesse für die „Traumdeutung" hat auch während des 
Weltkrieges nicht geruht und noch vor Beendigung desselben eine 
neue Auflage notwendig gemacht. In dieser konnte aber die neue 
Literatur seit 1914 nicht voll berücksichtigt werden; soweit sie 
fremdsprachig war, kam sie überhaupt nicht zu meiner und 
Dr. Rank's Kenntnis. 



VIII 



Eine ungarische Übersetzung der Traumdeutung, von den Herren 
Dr. Hollös und Dr. Ferenczi besorgt, ist dem Erscheinen nahe. 
In meinen 1916/17 veröffentlichten „Vorlesungen zur Einfüh- 
rung in die Psychoanalyse" (bei H. Heller, "Wien), ist 
das elf Vorlesungen umfassende Mittelstück einer Darstellung des 
Traumes gewidmet, welche elementarer zu sein bestrebt ist und einen 
innigeren Anschluß an die Neurosenlehre herzustellen beabsichtigt. 
Sie hat im ganzen den Charakter eines Auszugs aus der ./Traum- 
deutung", obwohl sie an einzelnen Stellen Ausführlicheres bietet. 

Zu einer gründlichen Umarbeitung dieses Buches, welche es auf 
das Niveau unserer heutigen psychoanalytischen Anschauungen heben, 
dafür aber seine historische Eigenart vernichten würde, konnte ich 
mich nicht entschließen. Ich meine aber, es hat in nahezu 20jähriger 
Existenz . seine Aufgabe erledigt. 



Budapest-Steinbruch, im Juli 



1918. 



Inhaltsverzeichnis. 

S-ito 
I. Die wissen schaft liehe Literatur der Trauinprobleme (bis 

1900) I 

a) beziehung des Traumes zum Wachleben 4 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traume 7 

c) Traum reize und Traumquellen • 15 

d) Warum man den Traum nach dem Erwachen vergißt? 30 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes 33 

j) Die ethischen Gefühle im Traume 45 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes 5*2 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrankheiten 61 

XX, Die Methode der Traumdeutung. Die Analyse eines Traum- 

musters 67 

HI. Der Traum ist eine Wunscherfüllung S6 

IV. Die Traumentstellung 94 

V. Das Traummaterial und die Traumquellen 114 

o) Das Rezente und das Indifferente im Traume 115 

b) Das Infantile als Traumquelle 131 

c) Die somatischen Traumquellen 152 

d) Typische Träume 166 

a\ Der Verlegenheitstraum der Nacktheit 167 

£) Die Traume vom Tod teurer Personen 171 

Y) Der Prüfungstraum 188 

VJ. Die Traumarbeit 190 

a) Die Verdichtungsarbeit 191 

b) Die Verschiebungsarbeit • . . 208 

e) Die Darstellungsmittel des Traumes 212 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit 232 

e) Die Darstellung durch Symbole im Traume. — Weitere typische Träume 239 

f) Beispiele von Darstellungen. — Rechnen und Reden im Traume .... 275 

g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im Traume ' 288 

h) Die Affekte im Traume 312 

t) Die sekundäre Bearbeitung 332 

Anhang 1. Traum und Dichtung (0. Rank) 346 

Anhang 2. Traum und Mythus (O. Rank) 368 

VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge 381 

a) Das Vergessen der Träume 383 

b) Die Regression 398 

c) Zur Wunscherfüllung 409 

d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion dt s Traumes. Der Angst- 
traum • 425 

e) Der Primär- und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung 435 

/) Das Unbewußte und das Bewußtsein. Die Realität 450 

VIII. Literaturverzeichnis:^ 

A. Bis zum Erscheinen diesc& Buches (1900) 459 

B. Seit dem Erscheinen dieses Buches (bis Ende 1913)' 465 



I. 

Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme*. 

Auf den folgenden Blättern werde ich den Nachweis orbringen, 
daß es eine psychologische Technik gibt, welche gestattet, Träume zu 
deuten, und daß bei Anwendung dieses Verfahrens jeder Traum sich 
als ein sinnvolles psychisches Gebilde herausstellt, welches an angeb- 
barer Stelle in das seelische. Treiben des Wachens einzureihen ist. 
Ich werde ferner versuchen, die Vorgänge klar zu legen, von denen 
die Fremdartigkeit und Unkenntlichkeit des Traumes herrührt, und 
aus ihnen einen Rückschluß auf die Natur der psychischen Kräfte 
ziehen, aus deren Zusammen- oder Gegenemandcrwirken der Lranm 
hervorgeht. So weit gelangt, wird meine Darstellung abbrechen, denn 
sie wird den Punkt erreicht haben, wo das Problem des .Iraumens 
in umfassendere Probleme einmündet, deren Lösung an anderem Mate- 
rial in Angriff genommen werden muß. . 

Line Übersicht über die Leistungen früherer Autoren sowie über 
den gegenwärtigen Stand der Traumprobleme in der Wissenschaft 
stelle ich voran, weil ich im Verlaufe der Abhandlung nicht haulig 
Anlaß haben werde, darauf zurückzukommen. Das wissenschaftliche 
Verständnis des Traumes ist nämlich trotz mehrtausend jähriger Be- 
mühung sehr wenig weit gediehen. Dies wird von den Autoren so 
■illo-omcin zugegeben, daß es überflüssig scheint, einzelne Stimmen 
anzuführen- In den Schriften, deren Verzeichnis ich zum Schlüsse 
meiner Arbeit anfüge, finden sich viele anregende Bemerkungen und 
reichlich interessantes Material zu unserem Thema, aber nichts oder 
wenig, was das Wesen des Traumes träfe oder eines seiner Ratsei 
endgültig löste. Noch weniger ist natürlich in das "Wissen der gebil- 
deten Laien übergegangen. ' 

Welche Auffassung der Traum m den Urzeiten der Menschheit 
bei den primitiven Völkern gefunden und welchen Einfluß er auf 
die Bildung ihrer Anschauungen von der "Welt und von der Seele 
genommen haben mag, das ist ein Thema von so hohem Interesse, 
daß ich es nur ungern von der Bearbeitung in diesem Zusammenhange 
ausschließe. Ich verweise auf die bekannten Werke von Sir J. Lub- 
bock, H. Spencer, E. B. Tylor u. a. und füge nur hinzu, daß 
uns die Tragweite dieser Probleme und Spekulationen erst begreif- 
lich werden "kann, nachdem wir die uns vorschwebende Aufgabe der 
„Traumdeutung" erledigt haben. 

* Bis zur ersten Veröffentlichung dieses Buches 1900. 

Freud, Traumde .tung. 5. Aufl. 



2 I. Die wissenschaftliche Literatur der Tranmprobieme. 

Ein Nachklang der urzeitlichen Auffassung des Traumes liegt 
offenbar der Tranmschätzung bei den Völkern des klassischen Alter- 
tums i ZU Grunde*. Es war bei ihnen Voraussetzung, daß die Träume 
mit der Welt übermenschlicher Wesen, an die sie glaubten, in Bezie- 
hung stunden und Offenbarungen von Seite der Götter und Dämonen 
brachten, lerner drängte sich ihnen auf, daß die Träume eine für 
den iraumei bedeutsame Absicht hätten, in der Regel, ihm die Zu- 
fcunft zu verkünden. Die außerordentliche Verschiedenheit in dem 
Inhalt und dem Eindruck der Träume machte es allerdings schwierig 
eine einheitliche Auffassung derselben durchzuführen und nötigte zu 
mannigfachen Unterscheidungen und Gruppenbildungen der Träume, 
je nach ihrem Wert und ihrer Zuverlässigkeit. Bei den einzelnen 
1 hilosophen des Altertums war die Beurteilung des Traumes natür- 
lich nicht unabhängig von der Stellung, die sie der Mantik über- 
haupt einzuräumen bereit waren. 

In den beiden den Traum behandelnden Schriften des Aristo- 
teles- ist der Iraum bereits Objekt der Psychologie geworden. Wir 
hören, der Iraum sei nicht gottgesandt, nicht göttlicher Natur, wohl 
aber dämonischer, da ja die Natur dämonisch, nicht göttlich ist, d. h. 
der Traum entstammt keiner übernatürlichen Offenbarung, sondern 
folgt aus den Gesetzen des allerdings mit der Gottheit verwandten 
menschlichen Geistes. Der Traum wird definiert als die Seelentäti ff - 
Jccit des hchlafenden, insofern er schläft. 

Aristoteles kennt einige der Charaktere des Traumlebens, 
z. Li _ daß der Traum kleine, während des Schlafes eintretende Beize 
ins Große umdeutet („man glaubt, durch ein Feuer zu gehen und 
neitf zu werden, wenn nur eine ganz unbedeutende Erwärmung dieses 
oder jenes Gliedes stattfindet"), und zieht aus diesem Verhalten den 
behiuß, daß die Träume sehr wohl die ersten bei Tag nicht bemerk- 
trrraten1,t°nen** er ^^w^ndea Vertagung im Körper dem Arzte 

n,VH D L^V° r A ? is * *? leß **tten den Traum wie erwähnt 
nicht iui ein Erzeugnis der träumenden Seele gehalten, sondern für 
eine Eingebung von göttlicher Seite, und die beiden gegensätzlichen 

vnXnT° n ' S? 7 ir m d / r Schätz ™S des Traumlebens °ols jederzeit 
vorhanden auffinden werden, machten sich bereits bei ihnen ' geltend. 
Man unterschied wahrhafte und wertvolle Träume, dem Schläfer ge- 
sandt, um ihn zu warnen oder ihm die Zukunft zu verkünden, von 
eitlen, trügerischen und nichtigen, deren Absicht es war, ihn in die 
Irre zu fuhren oder ins Verderben zu stürzen. 

Gruppe (Griechische Mythologie und Religionsgeschichte, p.390) 
gibt eine solche Einteilung der Träume nach Makrobius und Ar- 
iern idoros wieder: „Man teüte die Träume in zwei Klassen. Die 
eine sollte nur durch die Gegenwart (oder Vergangenheit) beeinflußt, 
iur am Zukunft aber bedeutungslos sein; sie umfaßte die evu™* 
msomnia. die unmittelbar die gegebene Vorstellung oder ihr Gegenteil 
wiedergebe n, z. B. den Hunger oder dessen Stillung, und die %^-äa- 

•t.?!L r '?- ge £ de - ? ach ßüchsenschütz' sorgfältiger Darstellung 
mJL * f ?t 6 - B ^* m y de ? Traumes zu den Krankheitea handelt der *rie- 
chische Arzt Ilippokrates in einem Kapitel seines berühmten Werkes 



Die Trautnlehre der Alton. 3 

. 
jictra, welche die gegebene Vorstellung phantastisch erweitern, wie z. B. 
der Alpdruck, Ephialtcs. Ilie ander. 1 Klasse dagegen galt als bestim- 
mend für die Zukunft; zu ihr gehören: 1. die direkte AYeissagung, 
die man im Traume empfängt (%ffl\uniap£c', oraculum), 2. das Voraus- 
sagen eines bevorstehenden Ereignisses (opafiot, visio), 3. der symbo- 
lische, der Auslegung bedürftige Traum (cvupo;, somnium). Diese 
Theorie hat sich viele Jahrhunderte hindurch erhalten." 

Mit dieser wechselnden Einschäizung der Träume stand die Auf- 
gabe einer „Traumdeutung" im Zusammenhange. Da man von den 
Träumen im allgemeinen wichtige Aufschlüsse erwartete, aber nicht 
alle Träume unmittelbar verstand und nicht wissen konnte, ob nicht 
ein" bestimmter unverständlicher Traum doch Bedeutsames ankündigte, 
war der Anstoß zu einer Bemühung gegeben, welche den unverständ- 
lichen Inhalt des Traumes durch einen cinsichtlichen und dabei be- 
deutungsvollen ersetzen konnte. Als die grüßte Autorität in der Traum- 
deutung galt im späteren Altertum Artemidoros aus Daldis, 
dessen ausführliches Werk uns für die verloren gegangenen Schrif- 
ten des nämlichen Inhaltes entschädigen muß*. 

Die verwissenschaftliche Traumauffassung der Alien stand sicher- 
lich im vollsten Einklänge mit ihrer gesamten "Weltanschauung, wel- 
che als Realität in die Außenwelt zu projizieren pflegte, was nur 
innerhalb des Seelenlebens Realität hatte. Sie trug überdies dem 
Haupteindruck Rechnung, welchen das Wachleben durch die am Mor- 
gen übrigbleibende Erinnerung von dem Traume empfängt, denn in 
dieser Erinnerung stellt sich der Traum als etwas Fremdes, das gleich- 
sam aus einer anderen Welt herrührt, dem übrigen psychischen Inhalt 
entgegen. Es wäre übrigens irrig zu meinen, daß die Lehre von 
der übernatürlichen Herkunft der Träume in unseren Tagen der An : 
bänger entbehrt; von allen pietistischen und mystischen Schriftstel- 
lern abgesehen — die ja recht darau tun, die Reste des ehemals 
ausgedehnten Gebietes des Übernatürlichen besetzt zu halten, solange 
sie nicht durch naturwissenschaftliche Erklärung erobert sind — , 
trifft man doch auch auf scharfsinnige und allem Abenteuerlichen 
abgeneigte Männer, die ihren religiösen Glauben an die Existenz und 
an das Eingreifen übermenschlicher Geisteskräfte gerade auf die Un- 
erklärbar keit der Traumerscheinungen zu stützen versuchen (Haff- 
ner). Die "Wertschätzung des Traumlebens von Seite mancher Philo- 
sophenschulen, z. B. der Seh cllingianer, ist ein deutlicher Nach- 
klang der im Altertum unbestrittenen Göttlichkeit des Traumes, und 
auch über die divinatorische, die Zukunft verkündende Kraft des 
Traumes ist die Erörterung nicht abgeschlossen, weil die psycho- 
logischen Erklärungsversuche zur Bewältigung des angesammelten 
Materials nicht ausreichen, so unzweideutig auch die Sympathien 

* Die weiteren Schicksale der Traumdeutung im Mittelalter siehe bei 
Diepgen und in den Spezialuntersuchungen von M. Förster, Gotthard 
u.a. Über die Traumdeutung bei den Juden bandeln Almoli, Amram, Lö- 
winger sowie neuestens, mit Berücksichtigung des psychoanalytischen Stand- 
punktes, Lauer. Kenntnis de,r arabischen Traumdeutung vermitteln Drexl, 
F. Schwarz und der Missionar Tfinkdji, der japanischen Miura und 
Iwaya, der chinesischen Seoker, der indischen Ne gel ein. 

1* 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



eines jeden, der sich der wissenschaftlichen Denkungsart ergehen hat, 
zur Abweisung einer solchen Behauptung hinneigen mögen. 

Eine Geschichte unserer wissenschaftlichen Erkenntnis derTraum- 
prohleme zu schreiben ist darum so schwer, weil in dieser Erkennt- 
nis, so wertvoll sie an einzelnen Stellen geworden sein mag, ein Fort- 
schritt längs gewisser Richtungen nicht zu bemerken ist. Es ist nicht 
zur Bildung eines Unterbaues von gesicherten Resultaten gekommen, 
auf dem dann ein nächstfolgender Forscher weitergebaut hätte, son- 
dern jeder neue Autor faßt die nämlichen Probleme von neuem "und 
wie vom Ursprung her wieder an. Wollte ich mich an die Zeitfolge 
der Autoren halten und von jedem einzelnen im Auszug Wichten, 
welche Ansichten über die Traumprobleme er geäußert, so müßte ich 
darauf verzichten, ein übersichtliches Gesamtbild vom gegenwärtigen 
Stande der Traumerkenntnis zu entwerfen ; ich habe es darum vor- 
gezogen, die Darstellung an die Themata anstatt an die Autoren an- 
zuknüpfen und werde bei jedem der Traumprobleme anführen, was 
an Material zur Lösung desselben in der Literatur niedergelegt ist. 

Da es mir aber nicht gelungen ist, die gesamte, so sehr ver- 
streute und auf anderes übergreifende Literatur des Gegenstandes zu 
bewältigen, so muß ich meine Leser bitten, sich zu bescheiden, wenn 
nur keine grundlegende Tatsache und kein bedeutsamer Gesichtspunkt 
in meiner Darstellung verloren gegangen ist. 

Bis vor kurzem haben die meisten Autoren sich veranlaßt ge- 
sehen, Schlaf und Traum in dem nämlichen Zusammenhange abzu- 
handeln, in der Regel auch die "Würdigung analoger Zustände, welche 
in die Psychopathologie reichen, und traumähnlicher Vorkommnisse 
(wie der Halluzinationen, Visionen usw.) anzuschließen. Dagegen zeigt 
sich in den jüngsten Arbeiten das Bestreben, das Thema eingeschränkt 
zu halten und etwa eine einzelne Präge aus dem Gebiete des Traum- 
lebens zum Gegenstand zu nehmen. In dieser Veränderung möchte 
ich einen Ausdruck der Überzeugung sehen, daß in so dunklen Din- 
gen Aufklärung und Übereinstimmung nur durch eine Reihe von De- 
tailuntersuchungen zu erzielen sein dürften. Nichts anderes als eine 
solche Detailuntersuchung, und zwar speziell psychologischer Natur, 
kann ich hier bieten. Ich hatte wenig Anlaß, mich mit dem Problem 
des Schlafes zu befassen, denn dies ist ein wesentlich physiologisches 
Problem, wenngleich in der Charakteristik des Schlafzustandes die 
Veränderung der Funktionsbedingungen für den seelischen Apparat 
mitenthalten sein muß. Es bleibt also auch die Literatur des Schlafes 
hier außer Betracht. 

Das wissenschaftliche Interesse an den Traumphänomenen an sich 
führt zu den folgenden, zum Teil ineinanderfließenden Fragestellungen : 

a) Beziehung des Traumes zum "Wachleben. Das naive 
Urteil des Erwachten nimmt an, daß der Traum, — wenn ei* schon 
nicht aus einer anderen Welt stammt — doch den Schläfer in ; eine 
andere Welt entrückt hatte. Der alte Physiologe Burdach, dem 
wir eine sorgfältige und feinsinnige Beschreibung der Traum phäno- 
mene verdanken, hat dieser Überzeugung in einem vielbemerkten Satze 
Ausdruck gegeben (p. 474): „ . . . nie wiederholt sich das Leben 
des Tages mit seinen Anstrengungen und Genüssen, seinen Freuden 



Beziohuug' zum Wacklebeu. 5 

und Schmerzen, vielmehr geht der Traum darauf aus, uns davon zu 
befreien. Selbst wenn unsere ganze Seele von einem Gegenstand er- 
füllt war, wenn tiefer Schmerz unser Inneres zerrissen oder eine Auf- 
gabe unsere ganze Geisteskraft in Anspruch genommen hatte, gibt 
uns der Traum entweder etwas ganz Fremdartiges oder er nimmt aus 
der "Wirklichkeit nur einzelne Elemente zu seinen Kombinationen 
oder er geht nur in die Tonart unserer Stimmung ein und symbolisiert 
die Wirklichkeit." — J. H. Fichte (I, 541) spricht im selben Sinne 
direkt von Erg an zungs träumen und nennt diese eine von den 
geheimen Wohltaten selbstheilender Natur des Geistes. In ähnlichem 
Sinne äußert sich noch L.Strümpell in der mit Hecht von allen 
Seiten hochgehaltenen Studie über die Natur und Entstehung der 
Träume (p. 16) : „Wer träumt, ist der Welt des wachen Bewußt- 
seins abgekehrt . . •" (p- 17) : „Im Traume geht das Gedächtnis für 
den geordneten Inhalt des wachen Bewußtseins und dessen normales 
Verhalten so gut wie ganz verloren - . ." (p- 19) : „Die fast erin- 
nerungslose Abgeschiedenheit der Seele im Traume N von dem regel- 
mäßigen Inhalt und Verlaufe des wachen Lebens. . ." 

Die, überwiegende Mehrheit der Autoren hat aber für die Be- 
ziehung des Traumes zum Wachleben die entgegengesetzte Auffassung 
vertreten. So Haffner (p. 19): „Zunächst setzt der Traum das . 
Wachleben fort. Unsere Träume schließen sich stets an die kurz 
zuvor im Bewußtsein gewesenen Vorstellungen an. Eine genaue Be- 
obachtung wird beinahe immer einen Faden finden, in welchem der 
Traum an die Erlebnisse des vorhergehenden Tages anknüpfte." Wey- 
g a n d t (p. 6) widerspricht direkt der oben zitierten Behauptung B u r- 
dachs, „denn es läßt sich oft, anscheinend in der überwiegenden 
Mehrzahl der Träume beobachten, daß dieselben uns gerade ins ge- 
wöhnliche Leben zurückführen, statt uns davon zu befreien." Maury 
(p. 5G) sagt in seiner knappen Formel: „Nous revons de cc que nous 
avons vu, dit, desire ou fait"; Jessen in seiner 1855 erschienenen. 
Psychologie (p. 530) etwas ausführlicher: „Mehr oder weniger wird 
der Inhalt der Träume stets bestimmt durch die individuelle Per- 
sönlichkeit, durch das Lebensalter, Geschlecht, Stand. Bildungsstufe, 
gewohnte Lebensweise und durch die Ereignisse und Erfahrungen 
des ganzen bisherigen Lebens." 

Am unzweideutigsten nimmt zu dieser Frage der Philosoph 
T. G. E. M a a ß (Über die Leidenschaften, 1805) Stellung : .,Die Er- 
fahrung bestätigt unsere Behauptung, daß wir am häufigsten von 
den Dingen träumen, auf welche unsere wärmsten Leidenschaften ge- 
richtet sind. Hieraus sieht man, daß unsere Leidenschaften auf die 
Erzeugung unserer Träume Einfluß haben müssen. Der Ehrgeizige 
träumt von den (vielleicht nur in seiner Einbildung) errungenen oder 
noch zu erringenden Lorbeeren, indes der Verliebte sich in seinen 
Träumen mit dem Gegenstand seiner süßen Hoffnungen beschäftigt. . . 
Alle sinnlichen Begierden und Verabscheuungen, die im Herzen echlum- 
mern, können, wenn sie durch irgend einen Grund angeregt werden, 
bewirken, daß aus den mit ihnen vergesellschafteten Vorstellungen ^ 
ein Traum entstellt oder daß sich diese Vorstellungen in einen bereits* 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumproblome. 



vorhandenen Traum einmischen." (Mitgeteilt von "Winterstein im 
„Zbl. für Psychoanalyse".) 

Nicht anders dachten die Alten über die Abhängigkeit dos Traum- 
ni kaltes vom Leben. Ich zitiere nach Radestock (p. 139): Als 
Xerxcw vor seinem Zuge gegen Griechenland von diesem seinem Ent- 
schloß durch guten Bat abgelenkt, durch Träume aber immer wieder 
dazu angefeuert wurde, sagte schon der alte rationelle Traumdeuter 
der Perser, Artabanos, treffend zu ihm, daß die Traumbilder meist 
das enthielten, was der Mensch schon im Wachen denke. 



Im 
(IV, v. 



im 

Lehrgedichte des Liieret ins, De rerum natura, findet sich 
959) die Stelle: 

„Et quo quisque fere studio devinetus adhaerel, 
aut quibus in rebus multum sumus ante mora.i 
atque in ea ratione fuit contenta magis mens, 
in somnis eadem plerumque videmur obire; 
causidici causas agere et componere leges, 
induperatores puguare ac proelia obire,* etc. 

Cicero (De Divinatione II) sagt ganz ähnlich, wie so viel später 
Maury: Maximeque reliquiae earum rerum moventur in aüimis et 
agitantur, de quibus vigilantes aut eogitavimus aut egimus." 

Der Widerspruch dieser beiden Ansichten über die Beziehung 
von I raumleben und Wachleben scheint in der Tat unauflösbar. Es 
ist darum am Platz, der Darstellung von F. W. Hildebrandt (1875) 
zu gedenken, welcher meint, die Eigentümlichkeiten des Traumes 
helfen sich überhaupt nicht anders beschreiben als durch eine „Reihe 
von Gegensätzen, welche scheinbar bis zu Widersprüchen sich zu- 
spitzen, (p. 8). „Den ersten dieser Gegensätze bilden einerseits die 
strenge Abgeschiedenheit oder Abgeschlossenheit des 
Iraumes von dem wirklichen und wahren Leben und anderseits das 
stete Hinübergreifen des einen in das andere, die stete Abhän- 
gigkeit des einen von dem anderen. — Der Traum ist etwas von der 
wachend erlebten Wirklichkeit durchaus Gesondertes, man möchte 
sagen, ein m sich selbst hermetisch abgeschlossenes Dasein, von dem 
wirklichen Loben getrennt durch eine unübersteigliche Kluft. Er macht 
uns von der AYirklichkcit los, löscht die normale Erinneruno- an die- 
selbe in uns aus und stellt uns in eine andere Welt 'und in eine ganz 
andere Lebensgeschichte, die im Grunde nichts mit der wirklichen zu 
schaffen hat. . ." Hildebrandt führt dann aus, wie mit dem Ein- 
schlafen unser ganzes Sein mit seinen Existenzformen „wie hinter 
einer unsichtbaren Falltür'- verschwindet. Man macht dann etwa im 
Iraumc eine Seereise nach St. Helena, um dem dort gefangenen Na- 
poleon etwas Vorzügliches in Moselweinen anzubieten. .Man wird von 
dem Exkaiser aufs liebenswürdigste empfangen und bedauert fast, die 
interessante Illusion durch das Erwachen gestört zu sehen- Nun aber 
vergleicht man die Traumsituation mit der Wirklichkeit. Man war 
nie Wcmhändler und hat's auch nie werden wollen. Man hat nie eine 
Seereise gemacht und würde St. Helena am wenigsten zum Ziele einer 
solchen nehmen. Gegen Napoleon hegt man durchaus keine sympa- 
thische Gesinnung, sondern einen grimmigen patriotischen Haß. Und 



Das Trauminaterial. f 

zu alledem war der Träumer überhaupt noch nicht unter den Leben- 
den, als Napoleon auf der Insel starb; eine persönliche Beziehung 
zu ihm zu knüpfen lag außerhalb des Bereiches der Möglichkeit. So 
erscheint das Traumerlebnis als etwas eingeschobenes Fremdes zwi- 
schen zwei vollkommen zueinander passenden und einander fortset- 
zenden Lebensabschnitten. 

„Und dennoch," setzt Hildebrandt fort, „ebenso wahr und 
richtig ist das scheinbare Gegenteil. Ich meine, mit dieser Ab- 
geschlossenheit und Abgeschiedenheit geht doch die innigste Bezie- 
hung und Verbindung Hand in Hand. Wir dürfen geradezu sagen: 
Was der Traum auch irgend biete, er nimmt das Material dazu aus 
der Wirklichkeit uild aus dem Geistesleben, welches an dieser Wirk- 
lichkeit sich abwickelt. . . . Wie wunderlich ers damit treibe, er 
kann doch eigentlich niemals von der realen We'.t los und seine sub- 
limsten wie possenhaften Gebilde müssen immer ihren Grundstoff 
entlehnen von dem, was entweder in der Sinnenwelt uns vor Augen ge- 
treten ist oder in unserem wachen Gedankengange irgendwie bereits 
Platz gefunden hat. mit anderen Worten, von dem, was wir äußer- 
lich oder innerlich bereits erlebt haben." 

b) Das Traummaterial. — Das Gedächtnis im Traume. 
Daß alles Material, was den Trauminhalt zusammensetzt, auf irgend 
ein© Weise vom Erlebten abstammt, also im Traume reproduziert, 
erinnert wird, dies wenigstens darf uns als unbestrittene Erkenntnis 
gelten. Doch wäre es ein Irrtum anzunehmen, daß ein solcher Zu- 
sammenhang des Trauminhaltes mit dem Wachleben sich mühelos als 
augenfälliges Ergebnis der angestellten Vergleichung ergeben müsse. 
Derselbe muß vielmehr aufmerksam gesucht werden und weiß sich 
in einer ganzen Reihe von Fällen für lange Zeit zu verbergen. Der 
Grund hiefür liegt in einer Anzahl von Eigentümlichkeiten, welche 
die Erinnerungsfähigkeit im Traume zeigt, und die, obwohl allgemein 
bemerkt, sich doch bisher jeder Erklärung entzogen haben. Es wird 
der Mühe lohnen, diese Charaktere eingehend zu würdigen. 

Es kommt zunächst vor, daß im Trauminhalt ein Material auf- 
tritt, welches man dann im Wachen nicht als zu seinem Wissen und 
Erleben gehörig anerkennt. Man erinnert wohl, daß man das Be- 
treffende geträumt, aber erinnert nicht, daß und wann man es erlebt 
hat. Man bleibt dann im unklaren darüber, aus welcher Quelle der 
Träum geschöpft hat, und ist wohl versucht, an eine selbständig pro- 
duzierende Tätigkeit des Traumes zu glauben, bis oft nach langer 
Zeit ein neues Erlebnis die verloren gegebene Erinnerung an das 
frühere Erlebnis wiederbringt und damit die Traumquelle aufdeckt. 
Man muß dann zugestehen, daß man im Traume etwas gewußt und ier- 
innert hat. was der Erinnerungsfähigkeit im Wachen entzogen war*. 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Art erzählt Del- 
boeuf aus seiner eigenen Träumer fahrunsr. Er sah im Traume den 
Hof seines Hauses mit Schnee bedeckt und fand zwei kleine Eidechsen 
halb erstarrt, und unter dem Schnee begraben, die er als Tierfreund 

*Yaschido behauptet auch, es sei oft bemerkt worden, daß man im 
Traume fremde Sprachen geläufiger und reiner spreche als im Wachen. 



8 I. Die wissenschaftliche Literatur der Tranmproblemo. 

aufnahm, erwärmte und in die für sie bestimmte Meine Höhle im 
Gemäuer zurückbrachte. Außerdem steckte er ihnen einige Blätter 
von einem kleinen Farnkraut zu, das auf der Mauer wuchs und das 
sie, wie er wußte, sehr liebten. Im Traume kannte er den Namen der 
1 Wanze: Asplenium rata muralis. — Der Traum ging dann weiter, 
kehrte nach einer Einschaltung zu den Eidechsen zurück und zeigte 
Delboeuf zu seinem Erstaunen zwei neue Tierchen, die sich über 
iüe lieste der Farne hergemacht hatten. Dann wandte er den Blick 
aufs freie Feld, sah eine fünfte, eine sechste Eidechse den Weg zu 
dem Loche m der Mauer nehmen und endlich war die ganze Straße 
bedeckt von einer Prozession von Eidechsen, die alle in derselben 
.Richtung wanderten. 

Delboeufs Wissen umfaßte im "Wachen nur wenige lateinische 
I iianzennamon und schloß die Kenntnis eines Asplenium nicht ein. 
Zu seinem großen Erstaunen mußte er sich überzeugen, daß ein Farn 
dieses Namens wirklich existiert. Asplenium ruta muraria war seine 
richtige Bezeichnung, die der Traum ein wenig entstellt hatte. An 
ein zufälliges Zusammentreffen konnte man wohl nicht denken ; es 
blieb aber iür Delboeuf rätselhaft, woher er im Traume die Kennt- 
nis des Namens Asplenium genommen hatte. 

Der Traum war im Jahre 1862 vorgefallen; sechzehn Jahre 
spater erblickt der Philosoph bei einem seiner Freunde, den er be- 
sucht, ein kleines Album mit getrockneten Blumen, wie sie als Er- 
innerungsgaben in manchen Gegenden der Schweiz an die Fremden 
verkauft werden. Eine Erinnerung steigt in ihm auf, er öffnet das 
Herbarium, findet m demselben das Asplenium seines Traumes und 
erkennt seine eigene Handschrift in dem beigefügten lateinischen 
Namen. Nun ließ sich der Zusammenhang herstellen. Eine Schwester 
dieses Freundes hatte im Jahre 1860 — zwei Jahre vor dem Eidech- 
sentraume — auf der Hochzeitsreise Delboeuf besucht. Sie hatte 
damals dieses für ihren Bruder bestimmte Album bei sich, und Del- 
boeuf unterzog sich der Mühe, unter dem Diktat eines Botanikers 
zu jedem der getrockneten Pflänzchen den lateinischen Namen hinzu- 
zuschreiben. 

v «Die Gunst des Zufalls, welche dieses Beispiel so sehr mitteilens- 
wert macht, gestattete Delboeuf, noch ein anderes Stück aus dem 
Inhalt dieses Traumes auf seine vergessene Quelle zurückzuführen. 
Eines Tages im Jahre 1877 fiel ihm ein alter Band einer illustrierten 
Zeitschrift in die Hände, in welcher er den ganzen Eidechsenzu & ab- 
gebildet sah, wie er ihn 1862 geträumt hatte. Der Band trug die 
Jahreszahl 1861 und Delboeuf wußte sich zu erinnern, daß er von 
dem Erscheinen der Zeitschrift an zu ihren Abonnenten gehört hatte. 
Daß der Traum über Erinnerungen verfügt, welche dem "Wachen 
unzugänglich sind, ist eine so merkwürdige und theoretisch bedeut- 
same Tatsache, daß ich durch Mitteilung noch anderer „hypermnesti- 
scher" Träume die Aufmerksamkeit für sie verstärken möchte. Maury 
erzählt, daß ihm eine Zeitlang das Wort Mussidan bei Tag in 
den Sinn zu kommen pflegte. Er wußte, daß es der Name einer 
franzosischen Stadt sei, aber weiter nichts. Eines Nachts träumte ihm 
von einer Unterhaltung mit einer gewissen Person, die ihm sagte, sie 



Dan TraomgecLächtnis. — Hypermnesie des Trauinei. 9 

käme aus Mussida n, und auf seine Frage, wo die Stadt liege, zur 
Antwort gab : Mussidan sei eine Kreisstadt im Departement 
de la Dordogne. Erwacht, schenkte Maury der im Traume er- 
haltenen Auskunft keinen Glauben ; das geographische Lexikon be- 
lehrte ihn aber, daß sie vollkommen richtig sei. In diesem Falle ist 
das Mehrwissen des Traumes bestätigt, die vergessene Quelle dieses 
"Wissens aber nicht aufgespürt worden. 

Jessen erzählt (p. 55) ein ganz ähnliches Traumvorkommnis 
aus älteren Zeiten: „Dahin gehört unter anderem der Traum des 
älteren Sc a liger (Hennings 1. c, p. 300), welcher ein Gedicht 
zum Lobe der berühmten Männer in Verona schrieb und dem ein Mann, 
welcher sich Brugnolus nannte, im Traume erschien und sich be- 
klagte, daß er vergessen sei. Obgleich Scaliger sich nicht erinnerte, 
je etwas von ihm gehört zu haben, so machte er doch Verse auf ihn, 
und sein Sohn erfuhr nachher in Verona, daß ehemals ein solcher 
Brugnolus als Kritiker daselbst berühmt gewesen sei." 

Einen hypermnestischon Traum, welcher sich durch die besondere 
Eigentümliclikeit auszeichnet, daß sich in einem darauffolgenden Traum 
die Agnoszierung der zuerst nicht erkannten Erinnerung vollzieht, 
erzählt der Marquis d'Hervcy de St. Denis (nach Va-schide, 
p. 232): „Ich träumte einmal von einer jungen Frau mit goldblondem 
Haar, die ich mit meiner Schwester plaudern sali, während* sie ihr 
eine Stickereiarbeit zeigte. Im Traume kam sie mir sehr bekannt vor, 
ich meinte sogar, sie zu wiederholten Malen gesehen zu haben. Nach 
dem Erwachen habe ich dieses Gesicht noch lebhaft vor mir, kann 
es aber absolut nicht erkennen. Ich schlafe nun wieder ein; das 
Traumbild wiederholt sich. In diesem neuen Traume spreche ich nun 
die blonde Dame an und frage sie, ob ich nicht schon das Vergnügen 
gehabt, sie irgendwo zu treffen. Gewiß, antwortet die Dame, erinnern 
Sie sich nur an das Seebad von Pornic. Sofort wache ich wieder auf 
und weiß mich nun mit aller Sicherheit an die Einzelheiten zu be- 
sinnen, mit denen dieses anmutige Traumgcsicht verknüpft war." 

Derselbe Autor (bei Vaschide, p. 233) berichtet: 
Ein ihm bekannter Musiker hörte einmal im Traum eine Melodie, 
die ihm völlig neu erschien. Erst mehrere Jahre später fand er die- 
s dbo in einer alten Sammlung von Musikstücken aufgezeichnet, die 
vorher in der Hand gehabt zu haben er sich noch immer nicht er- 
innert. 

An einer mir leider nicht zugänglichen Stelle (Procecdings pf 
tlie Society for psychical rescarch) soll Myers eine ganze Sammlung 
solcher hypermnostischer Träume veröffentlicht haben. Ich meine, 
jeder, der sich mit Träumen beschäftigt, wird es als ein t-ehr ge- 
Aviihnliches Phänomen anerkennen müssen, daß der Traum Zeugnis für 
Kenntnisse und Erinnerungen ablegt, welche der "Wachende nicht zu 
besitzen vermeint. In den psychoanalytischen Arbeiten mit Nervösen, 
von denen ich später berichten werde, komme ich jede Woche mehr- 
mals in die Lage, den Patienten aus ihren Träumen zu beweisen, daß 
sie Zitate, obszöne Worte u. dgl. eigentlich sehr gut kennen, und 
daß sie sich ihrer im Traume bedienen, obwohl sie sie im wachen 



10 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



Leben vergessen haben. Einen harmlosen Fall von Traumhypermnesie 
will ich liier noch mitteilen, weil sich bei ihm die Quelle, aus wel- 
cher die nur dem Traume zugängliche Kenntnis stammte, sehr leicht 
auffanden ließ. 

Ein Patient träumte in einem längeren Zusammenhange, daß 
er sich in einem Kaffeshause eine „Kontuszöwka" geben lasse, fragte 
über nach der Erzählung, was das wohl sei ; er habe den Namen 
nie gehört. Ich konnte antworten, Kontuszöwka sei ein polnischer 
Schnaps, den er im Traume nicht erfunden haben könne, da mir der 
JSame von Plakaten her schon lange bekannt sei. Der Mann wollte 
mir zuerst keinen Glauben schenken. Einige Tage später, nachdem 
er seinen Traum im kaffeehause hatte zur Wirklichkeit werden lassen, 
bemerkte er den Namen auf einem Plakat, und zwar an einer Straßen- 
ecke, welche er seit Monaten wenigstens zweimal im Tage hatte pas- 
sieren müssen. l 

mir ^i h A ab L SC / bst *5 eig ? nc 1 n Trium en erfahren, wie sehr man 
5Sf.il? kt?-2?u der Herkunft einzelner Traumelemente vom 
Zufalle abhängig bleibt. So verfolgte mich durch Jahre vor der Ab- 
fassung dieses Buches das Bild eines sehr einfach gestalteten Kirch- 
turmes den gesehen zu haben ich mich nicht erinnern konnte. Ich 
SSÄ Jülich, und zwar mit voller Sicherheit, auf einer 

SÄ T 18 ^ 11 ^^S und B°i<*enhall. Es war in der 
IX, 1R? f ^ ? cunz /^nahre, und ich hatte die Strecke im 

S Ö J 88 «F™ erstenmal befahren. In späteren Jahren, als ich 

Zl H? i m r nSlV - T\ *? m ? tudium der Träume beschäftigte, 
wurde das häufig wiederkehrende Traumbild einer gewissen merk- 

H^Ä L l° kahtät mir - gera ? eZU lM * lck ■* in bestimmter ört- 

£ B ™fT S Z \ mcmer * er f°V u meimir Linkeu > cinen to^en 
Kaum, aus dem mehrere groteske Sandstein figuren hervorleuchteten. 

s-,H< wlT — E " nnerun & döm *<* ™ht recht glauben wollte, 
sagte mir, es sei ein Eingang m einen Bierkeller; es gelang mir aber 
weder aufzuklaren was dieses Traumbild bedeuten wolle, noch woher 
es stamme. Im Jahre 1907 kam ich zufällig nach Padua, das ich A 

Me^rJ^T™ 1 861 ' i 895 ? ioht ™der hatte besuchen könnem 
Alu n eiste- Besuch in der schönen Universitätsstadt war uribefrie- 

t^Af^f^L^ hHi lr diC f reskGn Gi0tt0S in der Madonna 
d Y- iX i t} besichtigen können und machte mitten auf der 
dahin fuhrenden Straße Kehrt, als man mir mitteilte, das Kirch lein 
SJ?JK? ^S^rnrt Bai meinem zweiten Besuche, zwölf 
Janie spater, gedachte ich mich zu entschädigen und suchte vor allem 

S?!.\ny C f- 5 i ,ir r Ia i d0nna dc]VA ™™ a "f- An der zu ihr führenden 
Stiaße, linkerhand von meiner Wegrichtung, wahrscheinlich an der 
Stelle, wo ich 1895 umgekehrt war, entdeckte ich die Lokalität, die 
ich so oft im räume -.sehen hatte, mit den in ihr enthaltenen Sand- 
steiniigurcn. Es war in der Tat der Eingang in einen llotaurations- 
garten. 

Eine der Quellen, aus welcher der Traum Material zur Re- 
Produktion bezieht, zum Teil solches, das in der Denktätigkeit des 
Wachens nicht erinnert und nicht verwendet wird, ist das Kind- 



Iufautiles Material im Traume. 



11 



hei t sieben. Ich werde nur einige der Autoren anführen, die dies 
bemerkt und betont haben: 

Hildebrandt (p. 23): „Ausdrücklich ist schon zugegeben wor- 
den, daß der Traum bisweilen mit wunderbarer Beproduktionskraft 
uns abgelegene und selbst vergessene Vorgänge aus fernster Zeit 
treu vor die Seele zurückführt." 

Strümpell (p. 40): „Die Sache steigert sich noch mein-, wenn 
man bemerkt, wie der Traum mitunter gleichsam aus den tiefsten 
und massenhaftesten Verschüttungen, welche die spätere Zeit auf die 
frühesten Jugenderlebnisse gelagert hat, die Bilder einzelner Lokali- 
täten, Dinge, Personen ganz unversehrt und mit ursprünglicher 
Frische wieder hervorzieht. Dies beschränkt sich nicht bloß auf 
solche Eindrücke, die bei ihrer Entstehung ein lebhaftes Bewußtsein 
gewonnen oder sich mit starken psychischen "Werten verbunden haben, 
und nun später im Traume als eigentliche Erinnerungen wiederkehren, 
an denen das erwachte Bewußtsein sich erfreut. Die Tiefe des Traum- 
gedächtnisses umfaßt vielmehr auch solche Bilder von Personen, 
Dingen, Lokalitäten und Erlebnissen der frühesten Zeit, die entweder 
nur ein geringes Bewußtsein oder keinen psychischen Wert besaßen 
oder längst das eine wie das andere verloren hatten und deshalb auch 
sowohl im Traume wie nach dem Erwachen als gänzlich fremd und 
unbekannt erscheinen, bis ihr früher Ursprung entdeckt wird." 

Volkclt (p. 119): „Besonders bemerkenswert ist es, wie gern 
Kindheits- und Jugenderinnerungen in den Traum eingehen. Woran 
wir längst nicht mehr denken, was längst für uns alle Wichtigkeit 
verloren: der Traum mahnt uns daran unermüdlich." 

Die Herrschaft des Traumes über das Kindheitsmaterial, welches 
bekanntlich ziun größten Teile in die Lücken der bewußten Erin- 
nerungsfähigkeit fällt, gibt Anlaß zur Entstehung von interessanten 
hypermnestischen Träumen, von denen ich wiederum einige Beispiele 
mitteilen will. 

Maury erzählt (p. 92), daß er von seiner Vaterstadt Mcaux 
als Kind häufig nach dem nahe gelegenen Trilport gekommen war, 
wo sein Vater den Bau einer Brücke leitete. In einer Wacht versetzt 
ihn der Traum nach Trilport und läßt ihn wieder in den Straßen 
der Stadt; spielen. Ein Mann nähert sich ihm, der eine Art Uniform 
trägt. -Maury fragt ihn nach seinem Namen; er stellt sich vor, er 
heiße C . . . und sei Brückenwächtcr. Nach dem Erwachen fragt 
der an der Wirklichkeit der Erinnerung noch zweifelnde llaur y 
eine alte Dienerin, die seit der Kindheit bei ihm ist, ob sie sich an 
einen Mann dieses Namens erinnern kann. Gewiß, lautet die Ant- 
wort, er war der Wächter der Brücke, die Ihr Vater damals ge- 
baut hat. 

Ein ebenso schön bestätigtes Beispiel von der Sicherheit der im 
Traume auftretenden Kindheitserinnerung berichtet Maury von einem 
Herrn F. ... , der als Kind in Montbrison aufgewachsen war. Die- 
ser Mann beschloß, 25 Jahre nach seinem Weggang, die Heimat 
und alte, seither nicht gesehene Freunde der Familie wieder zu be- 
suchen. In der Nacht vor seiner Abreise träumt er, daß er am Ziele 
ist und in der Näh© von Montbrison einen ihm vom Ansehen 



12 I- i->io wiaseuiichaftlicbe Literatur der Traumprobleine. 

unbekannten Herrn begegnet, der ihm sagt, er sei der Herr T., ein 
Freund seines Vaters. Der Träumer wußte, daß er einen Herrn die- 
ses Namens als Kind gekannt hatte, erinnerte sich aber im Wachen 
nicht mehr an sein Aussehen. Einige Tage später nun wirklich in 
Montbrison angelangt, findet er die für unbekannt gehaltene Lo- 
kalität des Traumes wieder und begegnet einem Herrn, den er sofort 
als den T. dos Traumes erkennt. Die wirkliche Person war nur stärker 
gealtert, als sie das Traumbild gezeigt hatte. 

Ich kann hier einen eigenen Traum erzählen, in dem der zu 
erinnernde Eindruck durch eine Beziehung ersetzt ist. Ich sah in 
einem Traume eine Person, von der ich im Traume wußte, es sei der 
Arzt meines heimatlichen Ortes. Ihr Gesicht war nicht deutlich, sie 
vermengte sich aber mit der Vorstellung eines meiner Gymnasial- 
lehrer, den ich noch heute gelegentlich treffe. Welche Beziehung die 
beiden Personen verknüpfte, konnte ich dann im Wachen nicht aus- 
findig machen. Als ich aber meine Mutter nach dem Arzte dieser 
meiner ersten Kinderjahre fragte, erfuhr ich, daß er einäugig ge- 
wesen war, und einäugig ist auch der Gvmnasiallehrer, dessen Person 
die des Arztes im Traume gedeckt hatte. Es waren 38 Jahre her, daß 
ich den Arzt nicht mehr gesehen, und ich habe meines Wissens im 
wachen Leben niemals an seine Person gedacht, obwohl eine Narbe 
am Kinn mich an seine Hilfeleistung hätte erinnern können. 

Es klingt, als sollte ein Gegengewicht gegen die übergroße 
Rolle der Kindheitseindrücke im Traumleben geschaffen werden, 
wenn mehrere Autoren behaupten, in den meisten Träumen ließen 
sich Elemente aus den allerjüngsten Tagen nachweisen. Robert 
(p. 46) äußert sogar: „Im allgemeinen beschäftigt sich der normale 
Traum nur mit den Eindrücken der letzt vergangenen Tage." Wir 
werden allerdings erfaliren, daß die von Robert aufgebaute Theorie 
des Traumes eine solche Zurückdrängung der ältesten und Verschie- 
bung der jüngsten Eindrücke gebieterisch fordert. Die Tatsache aber, 
der Robert Ausdruck gibt, besteht, wie ich nach eigenen Unter- 
suchungen versichern kann, zu Recht. Ein amerikanischer Autor Nel- 
son meint, am häufigsten finden sich im Traume Eindrücke vom 
Tago vor dem Traumtage oder vom dritten Tage vorher verwertet, 
als ob die Eindrücke des dem Traume unmittelbar vorher^henden 
Tages nicht abgeschwächt — nicht abgelegen — genug wären. 

Es ist mehreren Autoren, die den intimen Zusammenhang des 
Trauminhaltes mit dem Wachlcben nicht bezweifeln mochten^ auf- 
gefallen, daß Eindrücke, welche das wache Denken intensiv beschäf- 
tigen, erst dann im Traume auftreten, wenn sie von der Tages- 
gedankenarbeit einigermaßen zur Seite gedrängt worden sind. So 
träumt man in der Regel von einem lieben Toten nicht die erste 
Zeit, solange die Trauer den Überlebenden ganz ausfüllt (Delage). 
Indes hat eine der letzten Beobachterinnen, Miß Hall am, auch Bei- 
spiele vom gegenteiligen Verhalten gesammelt und vertritt für diesen 
Punkt das Recht der psychologischen Individualität. 

Die dritte, merkwürdigste und unverständlichste Eigentümlich- 
keit des Gedächtnisses im Traume zeigt sich in der Auswahl des 
reproduzierten Materials, indem nicht wie im Wachen nur das Be- 






, 



Rezentes und indifferentes Material im Traume. 13 

deutsamste, sondern im Gegenteil auch, das Gleichgültigste, Unschein- 
barste der Erinnerung wert gehalten wird. Ich lasse hierüber jene 
Autoren zum Worte kommen, welche ihrer Verwunderung den kräf- 
tigsten Ausdruck gegeben haben. 

Hildebrandt (p. 11): „Denn das ist das Merkwürdigste, daß 
der Traum seine Elemente in. der Regel nicht aus den großen und 
tief greif enden Ereignissen, nicht aus den mächtigen und treibenden 
Interessen des vergangenen Tages, sondern aus den nebensächlichen 
Zugaben, sozusagen aus den wertlosen Brocken der jüngst verlebten 
oder weiter rückwärts liegenden Vergangenheit nimmt. Der erschüt- 
ternde Todesfall in unserer Familie, unter dessen Eindrücken wir 
spat einschlafen, bleibt ausgelöscht aus unserem Gedächtnisse, bis 
ihn der erste wache Augenblick mit betrübender Gewalt in das- 
selbe zurückkehren läßt. Dagegen die Warze auf der Stirn eines 
Fremden, der uns begegnete, und an den wir keinen Augenblick mehr 
dachten, nachdem wir an ihm vorübergegangen waren, die spielt eine 
Rolle in unserem Traume. . ." 

Strümpell (p. 39): „ . . . solche Fälle, wo die Zerlegung eines 
Traumes Bestandteile desselben auffindet, die zwar aus 'den Erleb- 
nissen des vorigen oder vorletzten Tages stammen, aber doch so un- 
bedeutend und wertlos für das wache Bewußtsein waren, daß sie 
kurz nach dem Erleben der Vergessenheit anheimfielen. Dergleichen 
Erlebnisse sind etwa zufällig gehörte Äußerungen oder oberflächlich 
bemerkte Handlungen eines anderen, rasch vorübergegangene Wahr- 
nehmungen von Dingen oder Personen, einzelne kleine Stücke aus 
einer Lektüre u. dgl." 

Havelock Ellis (1899, p. 727): „The profound emotione of wa- 
king life, the questions and problems on which we spread our chief 
voluntary mental energy, are not thosc which usually present them- 
selves at once to dreamconsciousness. It is so far as the immediate 
past is concerneel, mostly the trifling, the incidental, the ,forgotten' 
impressions of daily life which reappear in our dreams. The psychic 
activities that are awakc most intensely are those that sleep most 
profoundly." 

B i n z (p. 45) nimmt gerade die in Rede stehenden Eigentümlich- 
keiten des Gedächtnisses im Traume zum Anlaß, seine Unbefriedigung 
mit den von ihm selbst unterstützten Erklärungen des Traumes aus- 
zusprechen: „Und der natürliche Traum stellt uns ähnliche Fragen. 
Warum träumen wir nicht immer die Gedächtniseindrücke der letzt- 
verlebten Tage, sondern tauchen oft ein, ohne irgend erkennbares 
Motiv, in weit hinter uns liegende, fast erloschene Vergangenheit? 
Warum empfängt im Traume 'das Bewußtsein so oft den Eindruck 
gleichgültiger Erinnerungsbilder, während die Gehirnzellen da, 
wo sie die reizbarsten Aufzeichnungen des Erlebten in sich tragen, 
meist stumm und starr liegen, es sei denn, daß eine akute Auffrischung 
während des Wachens sie kurz vorher erregt hatte?" 

Man sieht leicht ein, wie die sonderbare Vorliebe des Traum- 
gedächtnisses für das Gleichgültige und darum Unbeachtete an den 
Tageserlebnissen zumeist dazu führen mußte, die Abhängigkeit des 
Traumes vom Tageslebcn überhaupt zu verkennen und dann wenig- 






14 



1. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



stens den Nachweis derselben in jedem einzelnen Falle zu erschweren. 
80 war es möglich, daß Miß Whiton Calkins bei* der statistischen 
Bearbeitung ihrer (und ihres Gefährten) Träume doch llo/ der An- 
zahl übrig behielt, in denen eine Beziehung zum Tageslehcn nicht 
ersichtlich war. Sicherlich hat Hildebrandt mit der Behauptung 
recht, daß sich alle Traumbilder uns- genetisch erklären würden, 
wenn wir jedesmal Zeit und Sammlung genug darauf verwendeten, 
ihrer Herkunft nachzuspüren. Er nennt dies freilich „ein äußerst 
mühseliges und undankbares Geschäft. Denn es liefe ja meistens 
darauf hinaus, allerlei psychisch ganz wertlose Dinge in den abge- 
legensten Winkeln der Gedächtniskammer aufzustöbern, allerlei völlig 
-indiiferente Momente längst vergangener Zeit aus der Verschüttung, 
die ihnen vielleicht schon die nächste Stunde brachte, wieder zu Tage 
zu fördern". Ich muß aber doch bedauern, daß der scharfsinnige 
Autor sich von der Verfolgung des so unscheinbar beginnenden "Weges 
abhalten ließ ; er hätte ihn unmittelbar zum Zentrum der Traum- 
erklärung geleitet. 

Das Verhalten des Traumgedächtnisses ist sicherlich höchst be- 
hutsam für jede Theorie des Gedächtnisses überhaupt. Es lehrt, 
daß „nichts, was wir geistig einmal besessen, ganz und gar verloren 
gehen kann" (Scholz, p. 34). Oder, wie Dclboeuf es ausdrückt, 
„quo tonte Impression meme la plus insignifiante, laisse une trace in- 
alterable, lndefmiment susceptible de reparaitre au jour", ein Schluß, 
zu welchem so viele andere pathologische Erscheinungen des Seelen- 
lebens gleichfalls drängen. Man halte sich nun diese außerordentliche 
Jicistungsialngkeit des Gedächtnisses im Traume vor Augen, um den 
Widerspruch lebhaft zu empfinden, den gewisse später zu erwähnende 
iraunilheoricn aufstellen müssen, wenn sie die Absurdität und In- 
kohärenz der Träume durch ein partielles Vergessen des uns am Tage 
Bekannten erklären wollen. ° 

Man könnte etwa auf den Einfall geraten, das Phänomen des 
J räumen* überhaupt auf das des Erinnerns zu reduzieren, im Traume 
die Äußerung einer auch nachts nicht rastenden ^Produktionstätig- 
keit sehen, die sich Selbstzweck ist. Mitteilungen wie die von 
Iilcz wurden hiezu stimmen, denen zufolge feste Beziehungen zwi- 
schen der Zeit des Träumcns und dem Inhalt der Träume nach- 
weisbar sind, in der Weise, daß im tiefen Schlafe Eindrücke aus den 
ältesten Zeiten, gegen Morgen aber rezente Eindrücke vom Traume 
reproduziert werden. Es wird aber eine solche Auffassung von vorn- 
herein unwahrscheinlich durch die Art, wie der Traum mit dem zu 
erinnernden Material verfährt. Strümpell macht mit Recht darauf 
aufmerksam, daß Wiederholungen von Erlebnissen im Traume nicht 
vorkommen. Der Traum macht wohl einen Ansatz dazu, aber das 
folgende Glied bleibt aus ; es tritt verändert auf oder an seiner Stelle 
erscheint, ein ganz fremdes. Der Traum Bringt nur Bruchstücke von 
Reproduktionen. Dies ist sicherlich so weit die Regel, daß es eine 
theoretische Verwertung gestattet. Indes kommen Ausnahmen vor, 
in denen ein Traum ein Erlebnis ebenso vollständig wiederholt, wie 
unsere Erinnerung im Wachen es vermag. Delboeuf erzählt von 
einem seiner Universitätskollegen, daß er im Traume eine gefährliche 



Traunireize und Traumqucllea. Jf, 

Wagcnfahrl. bei welcher er einem Unfnllc nur wie durch ein Wunder 
entging, mit all ihren Einzelheiten wieder durchgemacht habe. Miß 
Calkins erwähnt zweier Träume, welche die genaue Reproduktion 
eines Erlebnisses vom Vortage zum Inhalt hatten, und ich selbst 
werde späterhin Anlaß nehmen, ein mir bekanntgewordenes Beispiel 
von unveränderter Traumwiederkehr eines Kindererlebnisses mitzu- 
teilen*. 

c) Traum reize und Traum quellen. "Was man unter Traum- 
reizen oder Traumquelhm verstellen soll, das kann durch eine Be- 
rufung auf die Volksrede , .Träume kommen vom Magen" verdeut- 
licht werden. Hinter der Aufstellung dieser Begriffe verbirgt sich 
eine Theorie, die den Traum als Po Ige einer Störung des Schlafes 
erfaßt. Man hätte nicht geträumt, wenn nicht irgend etwas Störendes 
im Schlafe sich geregt hätte, und der Traum ist die Reaktion auf 
diese Störung. 

Die _ Erörterungen über die erregenden Ursachen der Träume 
nehmen in den Darstellungen der Autoren den breitesten Raum ein. 
Daß das Problem sich erst ergeben konnte, seitdem der Traum ein 
Gegenstand der biologischen Porschung geworden war, ist selbstver- 
ständlich. Die Alten, denen der Traum als göttliche Sendung galt, 
brauchten nach einer Reizquelle für ihn nicht zu suchen; aus dem 
Willen der göttlichen oder dämonischen Macht erfloß der Traum, aus 
deren Wissen oder Absicht sein Inhalt. Pur die Wissenschaft erhob 
sich alsbald die Präge, ob der Anreiz zum Träumen stets der näm- 
liche sei oder ein vielfacher sein könne, und damit die Erwägung, 
ob die ursächliche Erklärung des Traumes der Psychologie °oder 
vielmehr der Physiologie anheimfalle. Die meisten Autoren°scheinen 
anzunehmen, daß die Ursachen der Schlafstörung, also die Quellen 
des Träumens, mannigfaltiger Art sein können, und daß Leibreize 
ebenso wie seelische Erregungen zur Rolle von Traumerregern ge- 
langen. In der Bevorzugung der einen oder der anderen unter den 
Traumquellen, in der Herstellung einer Rangordnung unter ihnen je 
nach' ihrer Bedeutsamkeit für die Entstehung des Traumes gehen die 
Ansichten weit auseinander. 

Wo die Aufzählung der Traumquellen vollständig ist, da er- 
geben sich schließlich vier Arten derselben, die auch zur Einteilung 
der Träume verwendet worden sind. 

1. Äußere (objektive) Sinneserregung. 

2. Innere (subjektive) Sinneserregung. 

3. Innerer (organischer) Leibreiz. 

4. Rein psychische Rcizquellen. 

ad 1. Die äußeren Sinnesreize. Der jüngere Strümpell, 
der Solin des Philosophen, dessen Werfe über den Traum uns bereits 

* Aus späterer Erfahrung füge ich hinzu, daß gar nicht so seiton harm- 
lose und unwichtige Beschäftigungen des Tages vom Traume wiederholt werden, 
etwa: Koffer packen, in der Küche Speisen zubereiten u.dgl. Bei solchen Träumen 
betont der Träumer selbst aber nicht den Charakter der Erinnerung, sondern den 
der „Wirklichkeit". „Ich habe das alles am Tage wirklich getan." 



16 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



mehrmals als Wegweiser in die Traum prob] eme diente, hat bekannt- 
lich die Beobachtung eines Kranken mitgeteilt, der mit allgemeiner 
Anästhesie der Körpcrdecken und Lähmung mehrerer der höheren 
Sinnesorgane behaftet war. Wenn man bei diesem Manne die we- 
nigen noch offenen Sinnespforten von der Außenwelt abschloß, verfiel 
er in Schlaf. Wenn wir einsehlafen wollen, pflegen wir alle eine 
Situation anzustreben, die jener im S trümpel Ischen Experiment 
ähnlieh ist. Wir verschließen die wichtigsten Sinnespforten, die Augen, 
und suchen von den anderen Sinnen jeden Reiz oder jede Veränderung 
der auf sie wirkenden Reize abzuhalten. Wir schlafen dann ein, ob- 
wohl uns unser Vorhaben nie völlig gelingt. Wir können weder die 
Reize vollständig von den Sinnesorganen fernhalten, noch die Er- 
regbarkeit unserer Sinnesorgane völlig aufheben. Daß wir durch 
stärkere Reize jederzeit zu erwecken sind, darf uns beweisen, ,-daß 
die Seele auch im Schlafe in fortdauernder Verbindung mit der außer- 
leiblichen Welt" geblieben ist. Die Sinnesreize, die uns während des 
Schlafes zukommen, können sehr wohl zu Traumquellen werden. 

Von solchen Reizen gibt es nun eine große Reihe, von den un- 
vermeidlichen an, die der Sehlafzustand mit sich bringt oder nur 
gelegentlich zulassen muß, bis zum zufälligen Weckreize, welcher ge- 
eignet oder dazu bestimmt ist, dem Schlafe ein Ende zu machen. Es 
kann stärkeres Licht in die Augen dringen, ein Geräusch sich ver- 
nehmbar machen, ein riechender Stoff die Nasenschleimhaut erregen. 
Wir können im Schlafe durch ungewollte Bewegungen einzelne Körper- 
teile entblößen und so der Abkülüungsempfindung aussetzen oder durch 
Lageveränderung uns selbst Druck- und Berührungsempfindungen 
erzeugen. Es kann uns eine Fliege stechen oder ein kleiner nächt- 
licher Unfall kann mehrere Sinne zugleich bestürmen. Die Aufmerk- 
samkeit der Beobachter hat eine ganze Reihe von Träumen gesam- 
melt, in welchen der beim Erwachen konstatierte Reiz und ein Stück 
des Trauminhaltes so weit übereinstimmten, daß der Reiz als Traum- 
quelle erkannt werden konnte. 

Eine Sammlung solcher auf objektive — mehr oder minder ak- 
zidentelle — Sinnesreizung zurückgehender Träume führe ich hier 
nach Jessen (p. 527) an: Jedes undeutlich wahrgenommene Geräusch 
erweckt entsprechende. Traumbilder, das Rollen des Donners versetzt 
uns mitten in eine Schlacht, das Krähen eines Hahnes kann sich in 
das Angstgeschrei eines Menschen verwandeln, das Knarren einer 
Tür Träume von räuberischen Einbrüchen hervorrufen. Wenn wir 
des Nachts unsere Bettdecke verlieren, so träumen wir vielleicht, daß 
wir nackt umhenrehen oder" daß wir ins Wasser gefallen sind. "Wenn 
wir schräg im Bette liegen und die Füße über den Rand desselben 
herauskommen, so träumt uns vielleicht, daß wir am Rande eines 
schrecklichen Abgrundes stehen oder daß wir von einer steilen Höhe 
hinabstürzen. Kommt unser Kopf zufällig unter das Kopfkissen, so 
hängt ein großer Felsen über uns und steht im Begriff, uns unter 
seiner Last zu begraben. Anhäufungen des Samens erzeugen wol- 
lüstige Träume, örtliche Schmerzen die Idee erlittener Mißhandlungen, 
feindlicher Angriffe oder geschehender Körperverletzungen. . . . 






Experimentell erzeugte Träume. 17 

„Meier (Versuch einer Erklärung des Nachtwandeln«. Halle 
1758, p. 33) träumte einmal, daß er von einigen Personen überfallen 
würde, welche ihn der Länge nach auf den Rücken auf die Erde 
hinlegten und ihm zwischen die große und die nächste Zeh© einen 
Pfahl in die Erde schlugen. Indem er sich dies im Traume vorstellte, 
erwachte er und fühlte, daß ihm ein Strohhalm zwischen den Zehen 
stecke. Demselben soll nach Hennings (1781, p. 258) ein anderes 
Mal, als er sein Hemd am Halse etwas fest zusammengesteckt hatte, 
geträumt, haben, daß er gehängt würde. Hoffbauer träumte in seiner 
Jugend, von einer hohen Mauer hinabzuf allen, und bemerkte beim Er- 
wachen, daß die Bettstelle auseinandergegangen und daß er wirklieh 
gefallen war Gregory berichtet, er habe einmal beim Zu- 
bettgehen eine Flasche mit heißem "Wasser an die Füße gelegt und 
darauf im Traum eine Heise auf die Spitze des Ätna gemacht, wo er 
die Hitze des Erdbodens fast unerträglich gefunden. Ein anderer 
träumte nach einem auf den Kopf gelegten Blasenpflaster, daß er 
von einem . Haufen Indianern skalpiert werde ; ein dritter, der in 
einem feuchten Hemde schlief, glaubte, durch einen Strom gezogen 
zu werden. Ein im Schlafe eintretender Anfall von Podagra ließ einen 
Kranken glauben, er sei in den Händen der Inquisition und erdulde 
die Qualen der Folter (Macnish)." 

Das auf die Ähnlichkeit zwischen Beiz und Trauminhalt ge- 
gründete Argument läßt eine Verstärkung zu, wenn es gelingt, bei 
einem Schlafenden durch planmäßige Anbringung von Sinnesreizen 
dem Beize entsprechende Träume zu erzeugen. Solche Versuche hat 
nach Macnish schon Giron de Buzarc. ingucs angestellt. „Er 
ließ seine Knie unbedeckt und träumte, daß er in der Nacht auf einem 
Postwagen reise. Er bemerkt dabei, daß Reisende wohl wissen wür- 
den, wie in einer Kutsche die Knie des Nachts kalt würden. Ein 
anderes Mal ließ er den Kopf hinten unbedeckt und träumte, daß er 
einer religiösen Zeremonie in freier Luft beiwohne. Es war nämlich 
in dem Lande, in welchem er lebte, Sitte, den Kopf stets bedeckt 
zu tragen, ausgenommen bei solchen Veranlassungen wie die eben 
genannte." 

Maury teilt neue Beobachtungen von an ihm seihst erzeugten 
Träumen mit. (Eine. Reihe anderer Versuche, brachte keinen Erfolg.) 

1. Er wird an Lippen und Nasenspitze mit einer Feder ge- 
kitzelt. — Träumt von einer schrecklichen Tortur; eine .Pechlarve 
wird ihm aufs Gesicht gelegt, dann weggerissen, so daß die Haut 
mitgeht. 

2. Man wetzt eine Schere an einer Pinzette. — Er hört Glocken 
läuten, dann Sturmläuten und ist in die Junitagc des Jahres 18-18 
versetzt. 

3. Man läßt ihn Kölnerwasser riechen. — Er ist in Kairo im 
Laden von Johann Maria Farina. Daran schließen sich tolle Aben- 
teuer, die er nicht reproduzieren kann. 

4. Man kneipt ihn leicht in den Nacken. — Er träumt, daß 
man ihm ein Blasenpflaster auflegt, und denkt an einen Arzt, der 
ihn als Kind behandelt hat. 

i'reud, Tranmfantung. 5. And. 



18 



t. Ti\p wissenschaftliche Literatur rter Traumprobleme. 



5. 






Map; nähert ein heißes Eisen seinem Gesicht. — Er träumt 
von den „Chauffeurs"*, die sich ins Haus eingeschlichen haben und 
die Bewohner zwingen, ihr Geld herauszugeben, indem sie ihnen die 
Füße ins Kohlenbecken stecken. Dann tritt die Herzogin von Abran- 
tes auf, deren Sekretär er im Traume ist. ( 

8. Man gießt ihm einen Tropfen "Wasser auf die Stirn. — Er 
ist in Italien, schwitzt heftig und trinkt den weißen Wein von Or- 

vieto. . 

9. Man läßt wiederholt durch ein rotes Papier das Licht einer 
Kerze auf ihn fallen. — Er träumt vom Wetter, von Hitze und be- 
findet sich wieder in einem Seesturm, den er einmal auf dem Kanal 
L a Manche mitgem acht. 

Andere Versuche, Träume experimentell zu erzeugen, rühren 
von d r Hervey, Wcygandt u- a. her. 

Von mehreren Seiten ist die „auffällige Fertigkeit des Traumes 
bemerkt worden, plötzliche Eindrücke, aus der Sinneswelt dergestalt 
in seine Gebilde zu verweben, daß sie in diesen eine allmählich schon 
vorbereitete und eingeleitete Katastrophe bilden" (Hilde br an dt). 
„In jüngeren Jahren," erzählt dieser Autor, „bediente ich mich zu 
Zeiten, um regelmäßig in bestimmter Morgenstunde aufzustehen, des 
bekannten, meist an Uhrwerken angebrachten Weckers. Wohl zu 
hundert Malen ist mir's begegnet, daß der Ton dieses Instrumentes in 
einen vermeintlich sehr langen und zusammenhängenden Traum der- 
gestalt hineinpaßte, als ob dieser ganze Traum eben nur auf ihn an- 
gelegt sei und in ihm seine eigentliche logisch unentbehrliche Pointe, 
sein natürlich gewiesenes Endziel fände." 

Ich werde drei dieser Weckerträume noch in anderer Absicht 
zitieren. 

Volkelt (p. 68) erzählt: „Einem Komponisten träumte einmal, 
er halte Schule und wolle eben seinen Schülern etwas klar machen. 
Schon ist er damit fertig und wendet sich an einen der Knaben mit 
der Frage; „Hast du mich verstanden?" Dieser schreit wie ein Be- 
sessener: ,.0 ja!" Ungehalten hierüber verweist er ihm das Schreien. 
Doch schon schreit die ganze Klasse: „Orja!" Hierauf: „Eurjo!" 
Und endlich: „Feuerjo!" Und nun erwacht er von wirklichem Feuer- 
jogeschrei auf der Straße. 

Garnier (Traite des facultes de l'äme, 1865) bei Badestock 
berichtet, daß Napoleon 1. durch die Explosion der Höllenmaschine 
aus einem Traume geweckt wurde, den er im Wagen schlafend hatte, 
und der ihn den Übergang über den Tagliamento und die Kano- 
nade der Österreicher wieder erleben ließ, bis er mit dem Ausruf 
aufschreckte: „Wir sind unterminiert." 

Zur Berühmtheit gelangt ist ein Traum, den Maury erlebt hat 
(p. ,161). Er war leidend und lag in seinem Zimmer zu Bett; seine 
Mutter saß neben ihm. Er träumte nun von der Schreckensherrschaft 
zur Zeil der Revolution, machte greuliche Mordszenen mit und wurde 
dann endlich selbst vor den Gerichtshof zitiert. Dort sah er Robes- 

* „Chauffeurs" hießen Banden von Käubern in der Vendi-e, die sich dieser 
Tortur bedienten. 



Träume auf WeckreiV 19 

pierre, Marat, Fouquicr-Tinville und alle die traurigen Hel- 
den jener gräßlichen Epoche, stand ihnen Rede, wurde nach allerlei 
Zwischenfällen, die sich in seiner Erinnerung nicht fixierten, ver- 
urteilt und dann, von einer unübersehbaren Menge begleitet, auf den 
Richtplatz geführt. Er steigt aufs Schafott, der Scharfrichter bindet 
ihn aufs Brett; es kippt um; das Messer der Guillotine fällt herab: 
er fühlt, wie sein Haupt vom Rumpfe getrennt wird, wacht in der 
entsetzlichsten Angst auf — und findet, daß der Bettaufsatz herab- 
gefallen war und seine Halswirbel, wirklich ähnlich wie das Messer 
einer Guillotine, getroffen hatte. 

An diesen Traum knüpft sich eine interessante von Lc Lorrain 
und Egger in der „Revue, philosonhique" eingeleitete Diskussion, ob 
und wie es dem Träumer möglich werde, in dem kurzen Zeitra.u,iu, 
der zwischen der Wahrnehmung des Weckreizes und dem Erwachen 
verstreicht, eine anscheinend so überaus reiche Fülle von Trauminhalt 
zusammenzudrängen. 

Beispiele dieser Art lassen die objektiven Sinnesreizungfu wäh- 
rend des Schlafes als die am besten sichergestellte unter den Traum- 
quellen erscheinen. Sie ist es auch, die in der Kenntnis des Laien 
einzig und allein eine Rolle spielt. Fragt man einen Gebildeten, der 
sonst der Traumliteratur fremd geblieben ist, wie die Träume zu 
stände kommen, so wird er zweifellos mit der Berufung auf einen 
ihm bekannt gewordenen Fall antworten, in dem ein Traum durch 
einen nach dem Erwachen erkannten objektiven Sinnesreiz aufgeklärt 
wurde. Die wissenschaftliche. Betrachtung kann dabei nicht halt 
machen; sie schöpft den Anlaß zu weiteren Fragen aus der Be- 
obachtung, daß der während des Schlafes auf die Sinne einwirkende 
Reiz im Traume ja nicht in seiner wirklichen Gestalt auftritt, sondern 
durch irgend eine, andere Vorstellung vertreten wird, die in irgend 
welcher Beziehung zu ihm steht. Die Beziehung aber, die den Traum- 
reiz und den Traumerfolg verbindet, ist nach den Worten Maurys 
,,une affinite quelconquc, mais qui n'cst pas unique et exclusivc". 
(p. 72.) Man höre z. B. drei der Weckerträume Hildebrandts; 
man wird sich dann die Frage vorzulegen haben, warum derselbe 
Reiz so verschiedene und warum er gerade diese Traumerfolge her- 
vorrief : 

(p. 37.) „Also ich gebe, an einem Frühlingsmorgen spazieren 
und schlendre durch die grünenden Felder weiter bis zu einem be- 
nachbarten Dorfe, dort sehe ich die Bewohner in. Feierkleidern, das 
Gesangbuch unter dem Arme, zahlreich der Kirche zuwandern. Rich- 
tig! es ist ja Sonntag und der Frühgottesdienst wird bald beginnen. 
Tch beschließe, an diesem teilzunehmen, zuvor aber, weil ich etwas 
echauffiert bin, auf dem die Kirche umgebenden Friedhofe mich 
abzukühlen. Während ich hier verschiedene Grabschriften lese, höre 
ich den Glöckner den Turm hinansteigen und sehe nun in der Höhe 
des letzteren die kleine Dorfglocke, die das Zeichen zum Beginne der 
Andacht geben wird. Noch eine ganze Weile hängt sie bewegungslos 
da, dann fängt sie an zu schwingen — und plötzlich ertönen ihre 
Schläge hell und durchdringend — so hell und durchdringend, daß 

2* 



20 



T. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



sie meinem Schlafe ein Ende machen. Die Glockentöne aber kommen 

von dem Wecker." „ w . , , v C j n 

„Eine zweite Kombination. Es ist heller W mtertag ; die Straßen 
sind hoch mit Schnee bedeckt. Ich habe meine lcilnahme an einer 
Schlittenfahrt zugesagt, muß aber lange warten, bis 
erfolgt, der Schlitten stehe vor der 
reitungen zum «miswag 
hervorgeholt — und endlich sitze ich 
verzögert sieh die Abfahrt, bis die 
fühlbare Zeichen geben. Nun ziehen 
telten Schellen 



Tür- 



Jetzt erfolgen die Yorbe- 
Einsteiffen"— "der Pelz wird angelegt, der Fußsack 

auf meinem Platze. Aber noch 

den harrenden Bossen das 

diese an; die kräftig geschüt- 



'beginnen 



ihre wohlbekannte Janitscharenmusik mit 

einer Mächtigkeit, °die augenblicklich das Spinngewebe des Traumes 
zerreißt. Wieder ist's nichts anderes als der schrille Ton der \\ ecker- 



glocke." 
„Noch 



das dritte Beispiel! Ich sehe ein 



einigen Dutzend aufgetürmter Teller den Korridor entlang zum Speis 
ziinmer schreiten. Die Porzellansäule in ihren Armen _ scheint mir ] 



Aber 
merke, 

— und 



das endlos 
kein eigent- 
mit diesem 



Küchenmädchen mit 

ise- 

in 

Gefahr, das "Gleichgewicht zu verlieren. ,Nimm dich in acht,' warne 
ich, ,die ganze Ladung wird zur Erde fallen.' Natürlich bleibt der 
obligate Widerspruch nicht aus: man sei dergleichen schon gewohnt 
usw , währenddessen ich noch immer mit Blicken der Besorgnis die 
Wandelnde begleite. Kichtig, an der Türschwelle erfolgt ein Strau- 
cheln — das zerbrechliche Geschirr fällt und rasselt und prasselt 
in hundert Scherben auf dem Fußboden umher, 
sich fortsetzende Getön ist doch, wie ich bald 
liches Bassein, sondern ein richtiges Klingein; 
Klingeln hat, wie nunmehr der Erwachende erkennt, nur der Wecker 
seine' Schuldigkeit getan." • 

Die Frage, warum die Seele im Traume die Natur des objek- 
tiven Sinnesreizes verkenne, ist von Strümpell — und fast ebenso 
von Wundt — dahin beantwortet worden, daß sie sich gegen solche 
im Schlaf angreifende Beize unter den Bedingungen der illusions- 
bildung befindet. Ein Sinneseindruck wird von uns erkannt, rich- 
tig o-c deutet, d. h. unter die Erinnerungsgruppe eingereiht, m die 
er nach allen vorausgegangenen Erfahrungen gehört, wenn der Ein- 
druck stark, deutlich, dauerhaft genug ist und wenn uns die für diese 
"Überlegung erforderliche Zeit zu Gebote steht. Sind diese Bedingungen 
nicht erfüllt, so verkennen wir das Objekt, von dem der Eindruck 
herrührt; wir bilden auf Grund desselben eine Illusion. „Wenn je- 
mand auf freiem Felde spazieren geht und einen entfernten Gegen- 
stand undeutlich wahrnimmt, kann es kommen, daß er denselben zu- 
erst für ein Pferd hält." Bei näherem Zusehen kann die Deutung einer 
ruhenden Kuh sich aufdrängen und endlich kann sich die Vorstel- 
lung mit Bestimmtheit in die einer Gruppe von sitzenden Menschen 
auflösen. Ähnlich unbestimmter Natur sind nun die Eindrucke, welche 
die Seele im Schlafe durch äußere Beize empfängt; sie bildet aut 
Grund derselben Illusionen, indem durch den Eindruck eine größere 
oder kleinere Anzahl von Erinnerungsbildern wachgerufen wird, durch 
welche der Eindruck seinen psychischen Wert bekommt. _ Aus wel- 
chem der vielen in Betracht kommenden Erinnerungskreise die zu- 



Ulusionstheoriü der objektiven Sinnesreize. 21 

gehörigen Bilder geweckt werden, und welche der möglichen Asso- 
ziationsbeziehungen dabei in Kraft treten, dies bleibt auch nach 
Strümpell unbestimmbar und gleichsam der Willkür des Seelen- 
lebens überlassen. 

Wir stehen hier vor einer Wahl. Wir können zugeben, daß die 
Gesetzmäßigkeit in der Traumbildung wirklich nicht weiter zu ver- 
folgen ist, und somit verzichten zu fragen, ob die Deutung «1er ,durch 
den Sinneseindruck hervorgerufenen Illusion nicht noch anderen Be- 
dingungen unterliegt. Oder wir können auf die Vermutung geraten, 
daß" die im Schlafe eingreifende objektive Sinnesreizung als Traum- 
quelle nur eine bescheidene Bolle spielt, und daß andere Momente die 
Auswahl der wachzurufenden Erinnerungsbilder determinieren. In der 
Tat, wenn man die experimentell erzeugten Träume M a u r y s prüft, 
die ich in dieser Absicht so ausführlich mitgeteilt habe, so ist man 
versucht zu sagen, der angestellte Versuch deckt eigentlich nur eines 
der Traumelemente nach seiner Herkunft, und der übrige Trauminhalt 
erstheint vielmehr zu selbständig, zu sehr im einzelnen bestimmt, 
als daß er durch die eine Anforderung, er müsse sich mit dem ex- 
perimentell eingeführten Element vertragen, aufgeklärt werden könnte. 
Ja. man beginnt selbst an der Illusionstheorie und an der Macht des 
objektiven Eindruckes, den Traum zu gestalten, zu 1 zweifeln, wenn 
man erfährt, daß dieser Eindruck gelegentlich die allersonderbarste 
und entlegenste Deutung im Traume findet. So erzählt z. B. M. Simon 
einen Traum, in dem er riesenhafte Personen bei Tische sitzen sah 
und deutlich das furchtbare Geklapper hörte, das ihre aufeinander- 
schlagenden Kiefer beim Kauen erzeugten. Als er erwachte, hörte er 
den Hufschlag eines vor seinem Fenster vorbeigaloppierenden Pferdes. 
Wenn hier der Lärm der Pfcrdchufe gerade Vorstellungen wie aus 
dem Erinnerungskreis von Gullivers Reisen, Aufenthalt bei den 
Riesen von Brobdingnag, wachgerufen hat, sollte die Auswahl 
dieses für den Reiz so ungewöhnlichen Erinnerungskreises nicht außer- 
dem durch andere Motive erleichtert gewesen sein*? 

ad 2. .Innere (subjektive) Sinneserregung. 

Allen Einwendungen zum Trotz wird man zugeben müssen, daß 
die Rolle objektiver Sinneserregungen während des Schlafes als Traum- 
erreger unbestritten feststeht, und wenn diese Reize ihrer Natur und 
Häufigkeit nach vielleicht unzureichend erscheinen, um alle Traum- 
bilder zu erklären, so wird man darauf hingewiesen, nach anderen, 
aber ihnen analog wirkenden Traumcpuellen zu suchen. Ich weiß nun 
nicht, wo zuerst der Gedanke aufgetaucht ist, neben den äußeren 
Sinnesreizen die •inneren (subjektiven) Erregungen in den Sinnesor- 
ganen in Anspruch zu nehmen; es ist aber Tatsache, daß dies in 
allen neueren Darstellungen der Traumätiologie mehr oder minder 
nachdrücklich geschieht. „Eine wesentliche Rolle spielen ferner, wie 
ich glaube," sagt Wundt (p. 363), „bei den Traumillusionen jene 
subjektiven Gesichts- und Gehörsempfindungen, die uns aus dem wachen 
Zustande als Lichtchaos des dunklen Gesichtsfeldes, als Ohrenklingen, 

* lliesenhafte Personen im Traume lassen annehmen, daß es sieb um eine 
Szene aus der Kindheit des Träumers handelt. 




u. 



XlsiAM/r 



22 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



Ohrensausen usw., bekannt sind, unter ihnen namentlich die subjek- 
tiven Netzhauterregungen. So erklärt sich die merkwürdige Neigung 
des Traumes, ähnliche oder ganz übereinstimmende Objekte in der 
Mehrzahl dem Auge vorzu zaubern. Zahllose Vögel, Schmetterlinge, 
Fische, bunte Perlen, Blumen u. dgl. sehen wir vor uns ausgebreitet. 
Hier hat der Lichtstaub des dunklen Gesichtsfeldes phantastische Ge- 
stalt angenommen und die zahlreichen Lichtpunkte, aus denen derselbe 
besteht, werden von dem Traume in ebenso vielen Einzelbildern ver- 
körpert, die wegen der Beweglichkeit des Lichtchaos als bewegte Ge- 
genstände angeschaut werden. — Hierin wurzelt wohl auch die große 
Neigung des Traumes zu den mannigfachsten Tiergestalten, deren 
Formenreichtum sich der besonderen Form der subjektiven Lichtbilder 
leicht anschmiegt." 

tu Die .? ub i ektiven Sinneserregungen haben als Quelle der Traum- 
bilder offenbar den Vorzug, daß sie nicht wie die objektiven vom 
äußeren Zufalle abhängig sind. Sie stehen sozusagen der Erklärung 
zu Gebote, so oft diese ihrer bedarf. Sie stehen aber hinter den 
objektiven Sinnesreizen darin zurück, daß sie jener Bestätigung ihrer 
Kollo als Traumerreger, welche Beobachtung und Experiment bei den 
letzteren ergeben, nur schwer oder gar nicht zugänglich sind. Den 
Haupterwcis für die traumerregende Macht subjektiver Sinneserregunr 
gen erbringen die sogenannten hypnagogischen Halluzinationen, die 
von Johann Müller als „phantastisch© Gesichtscrscheinungcir' be- 
schrieben worden sind. Es sind dies oft sehr lebhafte, Wechsel volle 
Bilder, die sich in der Periode des Einschlafens bei vielen Menschen 
ganz regelmäßig einzustellen pflegen und auch nach dem Offnen der 
Augen eine Weile bestehen bleiben können. Maury, der ihnen im 
hohen Grade unterworfen war, hat ihnen eine eingehende Würdigung 
zugewendet und ihren Zusammenhang, ja vielmehr ihre Identität; mit 
den Traumbildern (wie übrigens schon Johann Müller) behauptet. 
Juir ihre Entstehung, sagt Maury, ist eine gewisse seelische Passivität, 
ein JNacnialt der Aufmerksamkeitsspannung erforderlich (p. 59 u f) 
Es genügt aber, daß man auf eine Sekunde in solche Lethargie ver- 
falle, um bei sonstiger Disposition eine hypnagogische Halluzination 
zu sehen, nach der man vielleicht wieder aufwacht, bis daß sich das 
mehrmals wiederholende Spiel mit dem Einschlafen endigt. Erwacht 
man dann nach nicht zu langer Zeit, so gelingt es nach Maury 
häufig, im Traume dieselben Bilder nachzuweisen, die einem als hypna- 
gogische Halluzinationen vor dem Einschlafen vorgeschwebt haben 
(p. Jd4). bo erging es Maury einmal mit einer Reihe von grotesken 
Gestalten mit verzerrten Mienen und sonderbaren Frisuren, die ihn 
mit unglaublicher Aufdringlichkeit in der Periode des Einschlafens 
belastigten, und von denen er nach dem Erwachen sich erinnerte, ge- 
träumt zu haben. Ein andermal, als er gerade an Hungergefühl litt, 
weil er sich schmale Diät auferlegt hatte, sah er hvpnagogisch eine 
Schussel und eine mit einer Gabel bewaffnete Hand, die sich etwas 
von der Speise in der Schüssel holte. Im Traume befand er sich an 
einer reichgedeekten Tafel und hörte das Geräusch, das die Speisen- 
den mit ihren Gabeln machten. Ein anderes' Mal, als er mit 'gereizten 
und schmerzenden Augen einschlief, hatte er die hypnagogische Hallu- 






Subjektive Sinneserzeugxmg-. 



Co 



zination von mikroskopisch kleinen Zeichen, die er mit großer An- 
strengung- einzeln entziffern mußte ; nach einer Stunde aus dem Schlafe 
geweckt, erinnerte er sich an einen Traum, in dem ein aufgeschlagenes 
Buch, mit sehr kleinen Lettern gedruckt, vorkam, welches er müh- 
selig hatte durchlesen müssen. 

Ganz ähnlich wie diese Bilder können auch Gehörshalluzina- 
tionen von Worten, Namen usw. hypnagogisch auftreten und dann im 
Traum sich wiederholen, als Ouvertüre gleichsam, welche die Leit- 
motive der mit ihr beginnenden Oper ankündigt. 

Auf den nämlichen Wegen wie Johann Müller und Maury 
wandelt ein neuerer Beobachter der hypnagogischen Halluzinationen, 
G. Trumbull Ladd. Er brachte es durch Übung dahin, daß er 
sich zwei bis fünf Minuten nach dem allmählichen Einschlafen jäh 
aus dem Schlafe reißen konnte, ohne die Augen zu öffnen, und hatte 
dann die Gelegenheit, die eben entschwindenden Netzhautempfindungen 
mit den in der Erinnerung überlebenden Traumbildern zu vergleichen. 
Er versichert, daß sich jedesmal eine innige Beziehung zwischen bei- 
den erkennen ließ, in der Weise, daß die leuchtenden Punkte und 
Linien des Eigenlichtes der Netzhaut gleichsam die Umrißzeichnung, 
das Schema, für die psychisch wahrgenommenen Traumgestalten brach- 
ten. Einem Traume z. B., in welchem er deutlich gedruckte Zeilen 
vor sich sah, die er las und studier! e, entsprach eine Anordnung der 
leuchtenden Punkte in der Netzhaut in parallelen Linien. Um es mit 
seinen Worten zu sagen: Die klar bedruckte Seite, die er im Traume 
gelesen, löste sich in ein Objekt auf, das seiner wachen- Wahrnehmung 
erschien wie ein Stück eines reellen bedruckten Blattes, das man aus 
allzu großer Entfernung, um etwas deutlich auszunehmen, durch ein 
Lüchelchcn in einem Stücke Papier ansieht. Ladd meint, ohne übrigens 
den zentralen Anteil des Phänomens zu unterschätzen, daß kaum ein 
visueller Traum in uns abläuft, der sich nicht .an das Material der 
inneren Erregungszustände der Netzhaut anlehnte. Besonders gilt dies 
für die Träume kurz nach dem- Einschlafen im dunklen Zimmer, wäh- 
rend für die Träume am Morgen nahe dem Erwachen das objektive, 
im erhellten Zimmer ins Auge dringende Licht die Beizquelle abgebe. 
Der wechselvolle, unendlich abänderungsfähige Charakter der Ei°-cn- 
liehtcrregung entspricht genau der unruhigen Bilderflucht, die unsere 
Träume uns vorführen. Wenn man den Beobachtungen von Ladd 
Bedeutung- beimißt, wird man die Ergiebigkeit dieser subjektiven Beiz- 
quelle für den Traum nicht gering anschlagen können, denn Gesichts- 
bilder machen bekannt lieh den Hauptbestandteil unserer Träume aus. 
Der Beitrag von anderen Sinnesgebieten bis auf den des Gehörs ist 
geringfügiger und inkonstant. 

ad 3. Innerer, organischer Leibreiz. Wenn wir auf dem' 
Wege sind, die Traumquollen nicht außerhalb, sondern innerhalb des 
Organismus zu suchen, so müssen wir uns daran erinnern, daß fast 
alle unsere inneren Organe, die im Zustand der Gesundheit uns kaum 
Kunde von ihrem Bestand geben, in Zuständen von Heizung — die 
wir so heißen — oder in Krankheiten eine Quelle von meist peinlichen 
Empfindungen für uns werden, welche den Erregern der von außen 
anlangenden Schmerz- und Empfindungsreize gleichgestellt werden 



24 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

muß. Es sind sehr alte Erfahrungen, welche z. B. Strümpell zu 
der Aussage veranlassen (p. 107): „Die Seele gelangt im Schlafe zu 
einem viel tieferen und breiteren Empfindungsbewußtsein von ihrer 
Leiblichkeit als im Wachen und ist genötigt, gewisse Beizeindrücke 
zu empfangen und auf sich wirken zu lassen, die aus Teilen und 
Wanderungen ihres Körpers herstammen, von denen sie im Wachen 
nichts wußte." Schon Aristoteles erklärt es für sehr wohl mög- 
lich, daß man im Traume auf beginnende Krankheitszustände auf- 
merksam gemacht würde, von denen man im AVachen noch nichts 
merkt (kraft der Vergrößerung, die der Traum den Eindrücken an- 
gedeihen läßt, siehe S. 2) und ärztliche Autoren, deren Anschauuno- 
es sicherlich fern lag, an eine prophetische Gabe des Traumes zS 
glauben, haben wenigstens für die Krankheitsankündigung diese Be- 
deutung des Traumes gelten lassen. (Vgl. _U Simon, p. 31, und viele 
altere Autoren*.) 

Es scheint an beglaubigten Beispielen für solche diagnostische 
Leistungen des J raumes auch aus neuerer Zeit nicht zu fehlen. So 
z. B. berichtet 1 iss le nach Artigues (Essai sur la vaieur semeio- 
logique des reves) die Geschichte einer 43jährigen Frau, die durch 
einige Jahre in scheinbar voller Gesundheit von Angstträumen heim- 
gesucht wurde, und bei der die ärztliche Untersuchung dann eine 
beginnende Herzaffektion aufwies, welcher sie alsbald erlag. 

Ausgebildete Störungen der inneren Organe wirken offenbar bei 
einer ganzen Reihe von Personen als Traumerreger. Allgemein wird 
aut die Häufigkeit der Angstträume bei Herz- und Lungenkranken 
hingewiesen, m diese Beziehung des Traumlebens wird von vielen 
Autoren so sehr in den Vordergrund gedrängt, daß ich mich hier mit 
der bloßen Verweisung auf die Literatur (Kadestock, Spitta, 
Maury, M. Simon, Tis sie) begnügen kann. Tissie meint sogar, 
daß die erkrankten Organe dem Trauminhalt das charakteristische 
Gepräge autdrücken. Die Träume der Herzkranken sind gewöhnlich 
sehr kurz und enden mit schreckhaftem Erwachen; fast immer spielt 
im Inhalt derselben die Situation des Todes unter gräßlichen Um- 
standen eine Rolle. Die Lungenkranken träumen von Ersticken. Ge- 
dränge, Hucht und sind in auffälliger Zahl dem bekannten Alptraume 
unterworten, den übrigens Born er durch Lagerung aufs Gesicht 

* Außer dieser diagnostischen Verwertung der Träume (z. B. bei Hip 130 - 
fcrates) muß man ihrer therapeutischen Bedeutung im Altertum gedenken. 

Bei den Griechen gab es Traumorakel, welche gewöhnlich Genesung suchende 
Kranke aufzusuchen pflegten. Der Kranke ging in den Tempel des Apollo oder 
des Äskulap, dorfc wurde er verschiedenen Zeremonien unterworfen, «-ebadet ge- 
rieben, geräuchert, und so in Exaltation versetzt, legte man ihn im°Tempei auf 
das Fell eines geopferten Widders. Er sehlief ein und träumte von Heilmitteln 
die ihm m natürlicher Gestalt oder in Symbolen und Bildern eezeijrt wurden' 
welche dann die Priester deuteten. c 

Weiteres über die Heilträume der Griechen bei Lehmann I, 74 Bouchc- 
Leclorq, Hermann, Gottesd. Altert, d. Gr. § 41, Privataltert.,' 8 38 16 
Bottinger in Sprengeis Beitr. ■/.. Gesch. d. Med. II, p. 163 ff., W.' Lloyd' 
Magnetism and Mesmerism in antiquity, London. 1877, Doli in «-er Heiden- 
tum und Judentum, p. 130; ' 



Die Theorie der Orgaiireize und Orgaiiempfindurjgen. Ojj 

durch Verdeckung der llespirationsüf finnigen experimentell hat her- 
vorrufen können. Bei Digestionsstörung enthält der Traum Vorstel- 
lungen aus dem Kreise des Genießens und des Ekels. Der Einfluß 
sexueller Erregung endlich auf den Inhalt, der Träume ist für die 
Erfahrung eines jeden einzelnen greifbar genug und leiht der ganzen 
Lehre von der Traunierregung durch Organreiz ihre stärkste Stütze. 

Es ist auch, wenn man die Literatur des Traumes durcharbeitet, 
ganz unverkennbar, daß einzelne der Autoren (Maury, Wcygandt) 
durch den Einfluß ihrer eigenen Krankheitszustände auf den Inhalt 
ihrer Träume zur Beschäftigung mit den Traumproblemen geführt 
worden sind. 

Der Zuwachs an Traumquellen aus diesen unzweifelhaft fest- 
gestellten Tatsachen ist übrigens nicht so bedeutsam, als man meinen 
möchte. Der Traum ist ja ein Phänomen, das sich bei Gesunden — 
vielleicht bei allen, vielleicht allnächtlich — einstellt, und das Organ- 
erkrankung' offenbar nicht zu seinen unentbehrlichen Bedingungen 
zählt. Es handelt sich für uns aber nicht darum, woher besondere 
Träume rühren, sondern was für die gewöhnlichen Träume normaler 
Menschen die Reizquelle sein mag. 

Indes bedarf es jetzt nur eines Schrittes weiter, um auf eine 
Traumquelle zu stoßen, die reichlicher fließt als jede frühere und 
eigentlich für keinen Fall zu versiegen verspricht. Wenn es sicher- 
gestellt ist, daß das Körperinnere im kranken Zustand zur Quelle 
der Traumreize wird, und wenn wir zugeben, daß die Seele, im Schlaf; 
zustand von der Außenwelt abgelenkt, dem Innern des Leibes größere 
Aufmerksamkeit zuwenden kann, so liegt es nahe anzunehmen, daß 
die Organe nicht erst zu erkranken brauchen, um Erregungen, die 
irgendwie zu Traumbildern werden, an die schlafende Seele gelangen 
zu lassen. Was wir im Wachen dumpf als Gemeingefühl nur seiner 
Qualität nach wahrzunehmen, und wozu nach der Meinung der Ärzte 
alle Organsysteme ihre Beiträge leisten, das würde nachts, zur 'kräf- 
tigen Einwirkung gelangt und mit seinen einzelnen Komponenten 
tätig, die mächtigste und gleichzeitig die gewöhnlichste Quelle für 
die Erweckung der Traumvorstellungen ergeben. Es erübrigte dann 
noch die Untersuchung, nach welchen Regeln sicli die Organreize in 
Traumvorstcllungen umsetzen. 

Wir haben hier jene Theorie der Traumentstehung berührt, wel- 
che die bevorzugte bei allen ärztlichen Autoren geworden ist. Das 
Dunkel, in welches der Kern unseres Wesens, das .,moi splanchnique", 
wie Tissie es nennt, für unsere Kenntnis gehüllt ist, und das Dunkel 
der Traumentstehung entsprechen einander zu gut, um nicht in Be- 
ziehung zueinander gebracht zu werden. Der Ideengang, welcher die 
vegetative Organempfindung zum Traumbildner macht, hat überdies 
für den Arzt den anderen Anreiz, daß er Traum und Geistesstörung, 
die _ soviel Übereinstimmung in ihren Erscheinungen zeigen, auch ätio- 
lonsch vereinigen läßt, denn Alterationen des Gemeingefühles und 
Rfize, die von den inneren Organen ausgehen, werden auch einer 
weitreichenden Bedeutung für die Entstehung der Psychosen bezichtigt. • 
Es ist darum nicht, zu verwundern, wenn die Leibreiztheorie sich 



26 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

auf mehr als einen Urheber, der sie selbständig angegeben, zurück- 
führen läßt. 

Pur eine Reihe von Autoren wurde der Gedankengang maßgebend 
den der Philosoph Schopenhauer im Jahre 1851 entwickelt hat' 
Das Weltbild entsteht m uns dadurch, daß unser Intellekt die ihn 
von außen treffenden Eindrücke in die Formen der Zeit, des Raumes 
und der Kausalität umgießt. Die Reize aus dem Innern des Organis- 
mus, vom sympathischen Nervensystem her, äußern bei Tag höch- 
stens einen unbewußten Einfluß auf unsere Stimmung. Bei Nacht 
aber, wenn die übertäubende Wirkung der Tageseindrücke aufgehört 
hat, vermögen jene aus dem Innern her auf dringenden Eindrücke sich 
Aufmerksamkeit zu verschaffen — ähnlich wie wir bei Nacht die 
Quelle rieseln hören, die der Lärm des Tages unvernehmbar machte. 
Wie anders aber soll der Intellekt auf diese Reize reagieren, als in- 
dem er seine ihm eigentümliche Funktion vollzieht? Er wird also die 
Reize zu räum- und zeiterfüllenden Gestalten, die sich am Leitfaden 
der Kausalität bewegen, umformen und so entsteht der Traum. In 
die nähere Beziehung zwischen Leibreizen und Traumbildern versuch- 
ten dann Sehern er und nach ihm Volkelt einzudringen, deren 
Würdigung wir uns auf den Abschnitt über die Traumtheorien auf- 
sparen. 

In einer besonders konsequent durchgeführten Untersuchung hat 
der Psychiater Kraus s die Eni stehung des Traumes wie der Delirien 
und Wahnideen von dem nämlichen Element, der organisch be- 
dingten Empfindung, abgeleitet. Es lasse sich kaum eine Stelle 
des Organismus denken, welche nicht der Ausgangspunkt eines Trau- 
mes oder Wahnbildes werden könne. Die organisch bedingte Emp- 
iindung „läßt sieh aber in zwei Reihen trennen: 1. in die der Total- 
stimmungen (Gemeingefühle), 2. in die spezifischen, den Hauptsvste- 
f° n , n ve S ctatlvon Organismus immanenten Sensationen, wovon wir 
tun! (Truppen unterschieden haben, a) die Muskclempfindungen. b) die 
pneumatischen, e) die gastrischen, d) die sexuellen und e) die peri- 
pherischen" (p. 33 des zweiten Artikels). 

Den Hergang der Traumbilderentstehung auf Grund der Leib- 
reize nimmt Krause folgendermaßen an: Die geweckte Empfindung 
ruft nach irgend einem Assoziationsgesetz eine ihr verwandte Vor- 
stellung wach und verbindet sich mit ihr zu einem organischen Ge- 
bilde, gegen welches sieh aber das Bewußtsein anders verhält als 
normal. Denn dies schenkt der Empfindung selbst keine Aufmerk- 
samkeit, sondern wendet sie ganz den begleitenden Vorstellungen zu, 
was zugleich der Grund ist, warum dieser Sachverhalt so knie ver- 
kannt werden konnte (p. 11 u. f.). Krauss findet für den Vbrganc 
auch den besonderen Ausdruck der Transsubs tantiation der 
Empfindungen in Traumbilder (p. 24). 

Der Einfluß der organischen Leibreize auf die Traumbildung 
wird heute nahezu allgemein angenommen, die Frage nach dem Ge- 
setze der Beziehung zwischen beiden sehr verschiedenartig, oftmals 
mit dunklen Auskünften, beantwortet. Es ergibt sich nun auf dem 
Boden der Leibreiztheorie die besondere Aufgabe der Traumdeutung, 
den Inhalt eines Traumes auf die ihn verursachenden organischen 






Organischer Leibreiz und typische Träume. <->q 

Reize zurückzuführen, uud wenn man nicht die von Sehern er auf- 
gefundenen Deutungsregeln anerkennt, steht man oft vor der miß- 
lichen Tatsache, daß die organische Reizquelle sich eben durch nichts 
anderes als durch den Inhalt des Traumes verrät. 

Ziemlich übereinstimmend hat sich aber die Deutung verschie- 
dener Traumformen gestaltet, die man als „typische" bezeichnet hat, 
weil sie bei so vielen Personen mit ganz ähnlichem Inhalt wieder- 
kehren. Es sind dies die bekannten Träume vom Herabfallen von 
einer Höhe, vom Zahnausfallen, vom Fliegen und von der Verlegenheit, 
daß man nackt oder schlecht bekleidet ist. Letzterer Traum soll ein- 
fach von der im Schlafe gemachten Wahrnehmung herrühren, daß. man 
die Bettdecke abgeworfen hat und nun entblößt daliegt. Der Traum 
vom Zahnausfallen wird auf „Zahnreiz" zurückgeführt, womit aber 
nicht ein krankhafter Erregungszustand der Zähne gemeint zu sein 
braucht. Der Traum zu fliegen ist nach Strümpell, der hierin 
Scherner folgt, das von der Seele gebrauchte adäquate Bild, womit 
sie das von den auf- und niedersteigenden Lungenflügeln ausgehende 
Reizquantum deutet, wenn gleichzeitig das Hautgefühl des Thorax 
schon bis zur Bewußtlosigkeit herabgesunken ist. Durch den letzteren 
Umstand wird die an die Vorstellungsform des Schwebens Gebundene 
Empfindung vermittelt. Das Herabfallen aus der Höhe soll darin 
seinen Anlaß haben, daß bei eingetretener Bewußtlosigkeit des Haut- 
druckgefühles entweder ein Arm vom Körper herabsinkt oder ein 
eingezogenes Knie plötzlich gestreckt wird, wodurch das Gefühl des 
Hautdruckes wieder bewußt wird, der Übergang zum Bewußtwerden 
aber als Traum vom Niederfallen sich psychisch verkörpert (Strüm- 
pell, p. .118). Die Schwäche dieser plausibeln Erklärungsversuche 
liegt offenbar darin, daß sie ohne weiteren Anhalt die oder jene 
Gruppe von Organempfindungen aus der seelischen Wahrnehmung 
verschwinden oder sich ihr aufdrängen lassen, bis die für die Er- 
klärung \ günstige Konstellation hergestellt ist. Ich werde übrigens 
später Gelegenheit haben, auf die typischen Träume und ihre Ent- 
stehung zurückzukommen. 

M. Simon hat versucht, aus der Vergleichung einer Reihe von 
ähnlichen Träumen einige Regeln für den Einfluß der Oro-anreize 
auf die Bestimmung ihrer Traumerfolge abzuleiten. Er sagt°(p. 34): 
Wenn im Schlafe irgend ein Organapparat, der normalerweise am 
Ausdruck eines Affektes beteiligt ist, durch irgend einen anderen 
Anlaß sich in dem Erregungszustand befindet, in den er sonst bei 
jenem Affekt versetzt wird, so wird der dabei entstehende Traum 
Vorstellungen enthalten, die dem Affekt angepaßt sind. 

Eine, andere Regel lautet (p. 35): Wenn ein Or<canapparat sich 
im Schlafe in Tätigkeit, Erregung «.der Störung befindet, ßo wird 
der Traum Vorstellungen bringen, welche sich auf die Ausübung der 
organischen Funktion beziehen, die jener Apparat versieht. 

Mourly Vold (189G) hat es unternommen, den von der Leibreiz- 
thcoric supponierten Einfluß auf die TraumerzeUffung für ein ein- 
zelnes Gebiet experimentell zu erweisen. Er hat Versuche gemacht, 
die Stellungen der Glieder des Schlafenden zu verändern und die 



28. 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



Traumerfolge mit seinen Abänderungen verglichen. Er teilt folgendo 
Sätze als Ergebnis mit: 

1. Die Stellung eines Gliedes im Traume entspricht ungefähr 
der in der Wirklichheit, d. h. man träumt von einem statischen Zu- 
stand des Gliedes, welcher dem realen entspricht. 

2. Wenn man von der Bewegung eines Gliedes träumt, so ist 
diese immer so, daß eine der bei ihrer Vollziehung vorkommenden 
Stellungen der wirklichen entspricht. 

3. Man kann die Stellung des eigenen Gliedes im Traume auch 
einer fremden Person zuschieben. 

4. Man kann auch träumen, daß die betreffende Bewegung ge- 
hindert ist. . 

5. Das Glied in der betreffenden Stellung kann im Traume als 
lier oder Ungeheuer erscheinen, wobei eine gewisse Analogie beider 
hergestellt wird. 

6. Die Stellung eines Gliedes kann im Traume Gedanken an- 
regen, die zu diesem Gliede irgend eine Beziehung haben. So z. B. 
träumt man bei Beschäftigung mit den Fingern von Zahlen. 

Ich würde aus solchen Ergebnissen schließen, daß auch die Leib- 
reiztheonc die scheinbare Freiheit in der Bestimmung der zu er- 
weckenden Traumbilder nicht gänzlich auszulöschen vermag*. 

ad 4. P s y c h i s c h e R e i z q u e 1 1 e n. Als wir die Beziehungen des 
Traumes zum W achleben und die Herkunft 'des Traummaterials be- 
handelten, erfuhren wir, es sei die Ansicht der ältesten wie der neue- 
sten Iraumforschcr, daß die Menschen von dem träumen, was sie 
bei ag treiben und was sie im Wachen interessiert. Dieses aus dem 
WacnJebcn in den Schlaf sich fortsetzende Interesse wäre nicht nur 
ein psychisches Band, das den Traum ans Leben knüpft, sondern 
ergibt uns auch eine nicht zu unterschätzende Traumquelle, die neben 
dem im Schlafe interessant Gewordenen — den während des Schlafes 
einwirkenden Beizen — ausreichen sollte, die Herkunft aller Traum- 
bilder aufzuklären. Wir haben aber auch den Widerspruch gegen obi«v 
Behauptung gehört, nämlich daß der Traum den Schläfer von den 
Interessen des Tages abzieht und daß wir — meistens — von den 
Dingen, die uns bei Tag am mächtigsten ergriffen haben, erst dann 
träumen, wenn sie für das Wachlebeii den Beiz der Aktualität ver- 
loren haben. So erhalten wir in der Analyse des Traumlebens bei 
jedem Schritt den Eindruck, daß es unstatthaft ist, allgemeine Ke- 
geln aufzustellen, ohne durch ein „oft", „in der Regel", „meistens" 
Einschränkungen vorzusehen und auf die Gültigkeit der Ausnahmen 
vorzubereiten. . ■ 

Wenn das Wachinteresse nebst den inneren und äußeren Schlaf - 
reizen zur Deckung der Traumätiologie ausreichte, so müßten wir 
im stände sein, von der Herkunft aller Elemente eines Traumes be- 
friedigende Rechenschaft zu geben; das Rätsel der Traumquellen wäre 
gelöst, und es bliebe noch die Aufgabe, den Anteil der psychischen 
und der somatischen Traumreize in den einzelnen Träumen abzugrenzen. 

* Näheres über die seither in zwei Bänden veröffentlichten Traumproto- 
kolle dieses Forschers siehe unten. 



Di.; psychischen Traumquellen. 29 

In Wirklichkeit ist diese vollständige Auflösung eines Traumes noch 
in keinem Falle gelungen, und jedem, der dies versucht hat, sind — 
meist sehr reichlich — Traumbestandteile übrig geblieben, über deren 
Herkunft er keine Aussage machen konnte. Das Tagesinteresse als 
psychische Traumquelle trägt offenbar nicht so weit, als ma.n nach 
den zuversichtlichen Behauptungen, daß jeder im Traume sein ('•<'- 
schäft weiter betreibe, erwarten sollte. 

Andere psychische Traumquellen sind nicht bekannt. Es lassen 
also alle in der Literatur vertretenen Traumerklärungen — mit Aus- 
nahme etwa der später zu erwähnenden von Scherncr — eine 
große Lücke offen, wo es sich um 'die Ableitung des für ,den Traum 
am meisten charakteristischen Materials an Vorstellungsbildern handelt. 
In dieser Verlegenheit hat die Mehrzahl der Autoren die Neigung 
entwickelt, den psychischen Anteil an der Traumerregung, dem so 
schwer bei zukommen ist, möglichst zu verkleinern. Sie unterscheiden 
zwar als Haupteinteilung den Nervenreiz und den Assoziations- 
traum, welch letzterer ausschließlich in der Reproduktion seine 
Quelle findet (Wundt, p. 365), aber sie können den Zweifel nicht 
loswerden, „ob sie sich ohne anstoßgebeuden Leibreiz einstellen" (Vol- 
le olt, p. 127). Auch die Charakteristik des reinen Assoziationstraumes 
versagt: „In den eigentlichen Assoziationsträumen kann von einem 
solchen festen Kerne nicht mehr die Rede sein. Hier dringt die lose 
Gruppierung auch in den Mittelpunkt des Traumes ein. Das ohnedies 
von Vernunft und Verstand freigelassene Vorstellungsleben ist- hier 
auch von jenen gewichtvolleren Leib- und Seelenerregungen nicht mehr 
zusammengehalten und so seinem eigenen bunten Schieben und Trei- 
ben, seinem eigenen lockeren Durcheinandertaumeln überlassen" (Vol- 
kelt, p. 118). Eine Verkleinerung des psychischen Anteiles an der 
Traumerregung versucht dann "Wundt, indem er ausführt, daß man 
die „Phantasmen des Traumes wohl mit Unrecht als reine Halluzina- 
tionen ansehe. "Wahrscheinlich sind die meisten Traumvorstellungen 
in Wirklichkeit Illusionen, indem sie von den leisen Sinneseindrücken 
ausgehen, die niemals im Schlafe erlöschen" (p. oö9 u. f.). Weygandt 
hat sich diese Ansicht angeeignet und sie verallgemeinert. Er be- 
hauptet für alle Traumvorstellungen, daß ihre nächste Ursache Sin- 
nesreize sind, daran erst schließen sich reproduktive Assoziationen" 
(p. 17). Noch weiter in der Verdrängung der psychischen Rcizquellcii 
geht Tis sie (p. 1S3): Les reves d'origine absolument psychique 
n'existent pas, und anderswo (p. 6): les pensees de nos reves nous 
viennent du dehors. 

Diejenigen Autoren, welche wie der einflußreiche Philosoph 
"Wundt eine Mittelstellung einnehmen, versäumen nicht anzumerken, 
daß in den meisten Träumen somatische Reize und die unbekannten 
oder als Tagesinteresse erkannten psychischen Anreger des Traumes 
zusammenwirken. 

Wir werden später erfahren, daß das Rätsel der Traumbildung 
durch die Aufdeckung einer unvermuteten psychischen Reizquelle 
gelöst werden kann. Vorläufig wollen wir uns über die Übersehätzung 
der nicht aus dem Seelenleben stammenden Reize zur Traumbildung 
nicht verwundern. Nicht nur daß diese allein leicht aufzufinden und 



30 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



selbst durchs Experiment zu bestätigen sind; es entspricht auch die 
somatische Auffassung der Traumdeutung durchwegs der heute in 
der Psychiatrie herrschenden Denkrichtung. Die Herrschaft des Gc- 
liirns über den Organismus wird zwar nachdrücklichst betont, aber 
alles, was eine Unabhängigkeit des Seelenlebens von nachweisbaren 
organischen Veränderungen oder eine Spontaneität in dessen Äußerun- 
gen erweisen könnte, schreckt den Psychiater heute so, als ob dessen 
Anerkennung die Zeiten der Naturphilosophie und des metaphysischen 
Seelenwescns wiederbringen müßte. Das Mißtrauen des Psychiaters 
hat die Psyche gleichsam unter Kuratel gesetzt und fordert nun, 
daß keine ihrer Kegungen ein ihr eigenes Vermögen verrate. Doch 
zeigt dies Benehmen von nichts anderem als von einem geringen 
Zutrauen in die Haltbarkeit der Kausalverkettung, die sich zwischen 
Leiblichem und Seelischem erstreckt. Selbst wo das Psychische sich 
bei der Erforschung als der primäre Anlaß eines Phänomens erkennen 
läßt, wird ein tieferes Eindringen die Fortsetzung des Weges bis zur 
organischen Begründung des Seelischen einmal zu finden wissen. "Wo 
aber das Psychische für unsere derzeitige Erkenntnis die Endstation 
bedeuten müßte, da braucht es darum nicht geleugnet zu werden. 

d) .Warum man den Traum nach dem Erwachen ver- 
gißt? 

Daß der Traum am Morgen „zerrinnt ;c ist sprichwörtlich. Ereilich 
ist er der Erinnerung fähig. Denn wir kennen den Traum ja nur 
aus der Erinnerung an ihn nach dem Erwachen; aber wir glauben 
sehr oft, daß wir .ihn nur unvollständig erinnern, während in der 
Nacht mehr von ihm da war; wir können beobachten, wie eine des 
Morgens noch lebhafte Traumerinnerung im Laufe des Tages bis auf 
kleine Brocken dahinschwindet; wir wissen oft, daß wir geträumt 
haben, aber nicht, was wir geträumt haben, und wir sind an die 
Erfahrung, daß der Traum dem Vergessen unterworfen ist, so ge- 
wöhnt, daß wir die Möglichkeit nicht als absurd verwerfen, daß auch 
der bei Nacht geträumt haben könnte, der am Morgen weder vom 
Inhalt noch von der Tatsache des Träumens etwas weiß. Anderseits 
kommt es vor, daß Träume eine außerordentliche Haltbarkeit im 
Gedächtnisse zeigen. Ich habe bei meinen Patienten Träume analy- 
siert, die sich ihnen vor 25 und mehr Jahren ereignet hatten, und 
kann mich an einen eigenen Traum erinnern, der durch mindestens 
37 Jahre vom heutigen Tage getrennt ist und doch an seiner Ge- 
dächtnisfrische nichts eingebüßt hat. Dies alles ist sehr merkwürdig 
und zunächst nicht verständlich. 

"Über das Vergessen der Träume handelt am ausführlichsten 
Strümpell. Dies Vergessen ist offenbar ein komplexes Phänomen, 
denn Strümpell führt es nicht auf einen einzigen, sondern auf 
eine ganze Beihe von Gründen zurück. 

Zunächst sind für das Vergessen der Träume alle .jene Gründe 
wirksam, die im Wachleben das Vergessen herbeiführen. Wir pflegen 
als Wachende eine Unzahl von Empfindungen und Wahrnehmungen 
alsbald zu vergessen, weil sie zu schwach waren, weil die an sie 
geknüpfte Seelenerregung einen zu geringen Grad "hatte. Dasselbe 
ist rücksichtlich vieler Traumbilder der Fall; sie werden vergessen, 



Das Vergessen der Träume. 91 

weil sie zu schwach waren, während stärkere Bilder aus ihrer Nähe 
erinnert werden. Übrigens ist das Moment der Intensität für sich 
allein sicher nicht entscheidend für die Erhaltung der Traumbilder; 
Strümpell gesteht wie auch andere Autoren (Calkins) zu, daß man 
häufig Traumbilder rasch vergißt, von denen man weiß, daß sie sehr 
lebhaft waren, während unter den im Gedächtnis erhaltenen sich sehr 
viele schall anhafte, sinnesschwache Bilder befinden. Ferner pflegt man 
im Wachen leicht zu vergessen, was sich nur einmal ereignet hat, 
und hesser zu merken, was man wiederholt wahrnehmen konnte. Die 
meisten Traumbilder sind aber einmalige Erlebnisse*; diese Eigen- 
tümlichkeit wird gleichmäßig zum Vergessen aller Träume beitragen. 
Weit bedeutsamer ist dann ein dritter Grund des Vergessens. Damit 
Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken usw. eine gewisse Erinnerungs- 
größe erlangen, ist es notwendig, daß sie nicht vereinzelt bleiben, son- 
dern Verbindungen und Vergesellschaftungen passender Art eingehen. 
Löst man einen kleinen Vers in seine Worte auf und schüttelt diese 
durcheinander, so wird es sehr schwer, ihn zu merken. „Wohlgeordnet 
und in sachgemäßer Folge hilft ein Wort dem anderen und das Ganze 
steht sinnvoll in der Erinnerung leicht und lange fest. Widersinniges 
behalten wir im allgemeinen ebenso schwer und ebenso selten wie 
das Verworrene und Ordnungslosc." Nun fehlt den Träumen in den 
meisten Fällen Verständigkeit und Ordnung. Die Traum Kompositionen 
enthehren an sich der Möglichkeit ibres eigenen Gedächtnisses und 
werden vergessen, weil sie meistens schon in den nächsten Zeif- 
momenten auseinariderfallcn. — Zu diesen Ausführungen stimmt aller- 
dings nicht ganz, was Radestock (p. 168) bemerkt haben will, daß 
wir gerade die sonderbarsten Träume am besten behalten. 

Noch wirkungsvoller für das Vergessen des Traumes erscheinen 
Strümpell andere Momente, die sich aus dem Verhältnis von Traum 
und Waehleben ableiten. Die Vergeßlichkeit der Träume für das wache 
Bewußtsein ist augenscheinlich nur das Gegenstück zu der früher 
erwähnten Tatsache, daß der Traum (fast) nie geordnete Erinnerungen 
aus dem Wachleben, sondern nur Einzelheiten aus demselben über- 
nimmt, die. er aus ihren gewohnten psychischen Verbindungen reißt, 
in denen sie im Wachen erinnert werden. Die Traumkomposition hat 
somit keinen Platz in der Gesellschaft der psychischen Reihen, mit 
denen die Seele erfüllt ist. Es fehlen ihr alle Erinnerungshilfen. 
,,Auf diese Weise hebt sich das Traumgebilde gleichsam von dem 
Boden unseres Seelenlebens ab und schwebt im psychischen Räume 
wie eine Wolke am Himmel, die der neu belebte Atem rasch ver- 
weht" (p. 87). Nach derselben Richtung wirkt der Umstand, daß mit 
dem Erwachen sofort die herandrängende Sinneswelt die Aufmerk- 
samkeit mit Beschlag belegt, so daß vor dieser Macht die wenigsten 
Traumbilder standhalten können. Diese weichen vor den Eindrücken 
des jungen Tages wie der Glanz der Gestirne vor dem Lichte der Sonne. 

An letzter Stelle ist als förderlich für das Vergessen der Träume 
der Tatsache zu gedenken, daß die meisten Menschen ihren Träumen 



* Periodisch wiederkehrende Träume sind wiederholt bemerkt worden, vgl. 



die Sammlung von Chabeneix. 



gjg T. Die wissenschaftliche Literatur der Traamprobleme. 

überhaupt wenig- Interesse entgegenbringen. Wer sich z. B. als For- 
seher eine Zeitlang für den Traum interessiert, träumt währenddes 
auch mehr als sonst, das heißt wohl: er erinnert seine Träume leichter 
und häufiger. 

Zwei andere Gründe des Vergessens der Träume, die Bona! e 11 i 
hei Bonini zu den Strümpell sehen hinzugefügt, sind wohl bereits 
in diesen enthalten, nämlich 1. daß die Veränderung des Gemein- 
gefühles zwischen Schlafen und "Wachen der wechselseitigen Repro- 
duktion ungünstig ist, und 2. daß die andere Anordnung des Vörstel- 
lungsmaterials im Traume diesen sozusagen unübersetzbar fürs Wach- 
bewußtsein macht. 

Nach all diesen Gründen fürs Vergessen wird es, wie Strüm- 
pell selbst, hervorhebt, erst recht merkwürdig, daß soviel von den 
Träumen doch in der Erinnerung behalten wird. Die fortgesetzten Be- 
mühungen der Autoren, das Erinnern "der Träume in Regeln zu fas- 
sen, kommen einem Eingeständnis gleich, daß auch hier etwas rätsel- 
haft und ungelöst geblieben ist. Mit Recht sind einzelne Eigentüm- 
lichkeiten der Erinnerung an den Traum neuerdings besonders bemerkt 
worden, z. B. daß man einen Traum, den man am Morgen für ver- 
gessen hält, im Laufe des Tages aus Anlaß einer Wahrnehmung er- 
innern kann, die zufällig an den — doch vergessenen — Inhalt des 
Traumes anrührt (R adestock, Tis sie). Die gesamte. Erinnerung 
an den Traum unterliegt aber einer Einwendung, die geeignet ist, 
ihren Wert in kritischen Augen recht ausgiebig herabzusetzen. Man 
kann zweifeln, ob unsere Erinnerung, die soviel vom Traume wegläßt, 
das, was sie erhalten hat, nicht verfälscht. 

Solche Zweifel an der Exaktheit der Reproduktion des Traumes 
spricht auch Strümpell aus: „Dann geschieht es eben leicht, daß 
das wache Bewußtsein unwillkürlich manches in die Erinnerung des 
Traumes einfügt: man bildet sich ein, Allerlei geträumt zu haben, 
was der gewesene Traum nicht enthielt." 

Besonders entschieden äußert sich Jessen (p. 547) : 

„Außerdem ist aber bei der Untersuchung und Deutung zu- 
sammenhängender und folgerichtiger Träume der, wie es scheint, bis- 
her wenig beachtete Umstand sehr in Betracht zu ziehen, daß es 
dabei fast immer mit der Wahrheit hapert, weil wir, wenn wir einen 
gehabten Traum in unser Gedächtnis zurückrufen, ohne es zu be- 
merken oder zu wollen, die Lücken der Traumbilder ausfüllen und 
ergänzen. Selten und vielleicht niemals ist ein zusammenhängender 
Traum so zusammenhängend gewesen, wie er uns in der Erinnerung 
erscheint. Auch dem wahrheitsliebendsten Menschen ist es kaum mög- 
lich, einen gehabten merkwürdigen Traum ohne allen Zusatz rmd 
ohne alle Ausschmückung zu erzählen: das Bestreben des mensch- 
lichen Geistes, alles im Zusammenhange zu erblicken, ist so groß, 
daß er bei der Erinnerung eines einigermaßen unzusammenhängenden 
Traumes die Mängel des Zusammenhanges unwillkürlich ergänzt." 

Fast wie eine Übersetzung dieser Worte Jessens klingen die doch 
gewiß selbständig konzipierten Bemerkungen von V. E g g e r (1895) : 

l'observation des reves a ses difficultes speciales et le seul 

moyen d'eviter toute erreur en pareille matiere est de eonfier au 



Psychologische Charaktere des Traumes. 33 

papier sans le moindre retard ce que l'on vient d'eprouver et de re- 
marquer ; sinon, l'oubli vient vite ou total ou parfi'el ; l'oubli total est 
sans gravite; mais l'oubli partiel est perfide,; car si l'on se met ensuite 
ä raconter ce que l'on n'a pas oublie, on est expose a completer par 
imagination les fragments incoherents et disjoints fourni par la me- 
moire . . . ; on devient artiste a son insu, et le recit periodiquement 
repete s'impose ä la creance de son auteur, qui, de bonne foi, le pre- 
sente comme un fait authentique, düment etabli selon les bonnes me- 
thodes. ..." 

Ganz ähnlich Spitta (p. 338), der anzunehmen scheint, daß 
Wir überhaupt erst bei dem Versuche, den Träum zu reproduzieren, 
die Ordnung in die lose miteinander assoziierten Traumelemente ein- 
führen — „aus dem Nebeneinander ein Hintereinander, Aus- 
einander machen, also den Prozeß der logischen Verbindung, der 
im Traume fehlt, hinzufügen". 

Da wir nun eine andere als eine objektive Kontrolle für die 
Treue unserer Erinnerung nicht besitzen, diese aber beim Traume, 
der unser eigenes Erlebnis ist, und für den wir nur die Erinnerung 
als Quelle kennen, nicht möglich ist, welcher Wert bleibt da unserer 
Erinnerung an den Traum noch übrig? 

e) Die psychologischen Besonderheiten des Traumes. 

Wir gehen in der wissenschaftlichen Betrachtung des Traumes 
von der Annahme aus, daß der Traum ein Ergebnis unserer eigenen 
Seelentätigkeit ist; doch erscheint uns der fertige Traum als etwas 
Fremdes, zu dessen Urheberschaft zu bekennen es uns so wenig drängt, 
daß wir ebenso gern sagen : „Mir hat geträumt" wie: „Ich habe ge- 
träumt." Woher rührt diese „Seelcnfremdheit" des Traumes ? Nach 
unseren Erörterungen über die Traumquellcn sollten wir meinen, sie 
sei nicht durch das Material bedingt, das in den Trauminhalt gelangt; 
dies ist ja zum größten Teil dem Traumleben wie dem Wachlebcn 
gemeinsam. Man kann sich fragen, ob es nicht Abänderungen der 
psychischen Vorgänge im Traume sind, welche diesen Eindruck hei'- 
vorrufen, und kann so eine psychologische Charakteristik des Traumes 
versuchen. 

Niemand hat die Wesensverschiedenheit von Traum- und Wach- 
leben stärker betont und zu weitergehenden Schlüssen verwendet als 
G. Th. Fechner in einigen Bemerkungen seiner Elemente der Psy- 
chophysik (p. 520, II. T.). Er meint, „weder die einfache Herali- 
drückung des bewußten Seelenlebens unter die Hauptschwelle", noch 
die Abziehung der Aufmerksamkeit von den Einflüssen der Außen- 
welt genüge, um die Eigentümlichkeiten des Traumlebens dein wachen 
Leben gegenüber aufzuklären. Er vermutet vielmehr, daß auch der 
Schauplatz der Träume ein anderer ist als der des wachen 
Vor Stellungslebens. „Sollte der Schauplatz der psychopl^'sischen 
Tätigkeit während des Schlafens und des Wachens derselbe sein, so 
könnte der Traum meines Erachtens bloß eine auf einem niederen 
Grade der Intensität sich haltende Fortsetzung des wachen Vor- 
stellungslebens sein und mußte übrigens dessen Stoff und dessen Form 
teilen. Aber es verhält sich ganz anders." 

Freud, Traumdeutung. 6. Aufl. 3 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



Was Eechncr mit einer solchen Umsiedlung der Seelentätig- 
keit meint, ist wohl nicht klar geworden; auch hat kein anderer, 
soviel ich weiß, den Weg weiter verfolgt, dessen Spur er in jener 
Bemerkung aufgezeigt. Eine anatomische Deutung im Sinne der phy- 
siologischen Gehirnlokalisation oder selbst mit Bezug auf die histo- 
logische Schichtung der Hirnrinde wird man wohl auszuschließen 
haben. Vielleicht aber erweist sich der Gedanke einmal als sinnreich 
und fruchtbar, wenn man ihn auf einen seelischen Apparat bezieht, 
der aus mehreren hintereinander eingeschalteten Instanzen aufge- 
baut ist. 

Andere Autoren haben sich damit begnügt, die eine oder die 
andere der greifbareren psychologischen Besonderheiten des Traumlebens 
hervorzuheben und etwa zum Ausgangspunkte weiterreichender Er- 
klärungsversuche zu machen. # i 

Es ist mit Becht bemerkt worden, daß eine der Haupteigen- 
tümlichkeiten des Traumlebens schon im Zustand des Einschlafens 
auftritt und als den Schlaf einleitendes Phänomen zu bezeichnen ist. 
Das Charakteristische des wachen Zustandes ist nach Schleier- 
macher (p. 351), daß die Denktätigkeit in Begriffen und nicht 
in Bildern vor sich geht. Nun denkt der Traum hauptsächlich in 
Bildern, und man kann beobachten, daß mit der Annäherung an den 
Schlaf in demselben Maße, in dem die gewollten Tätigkeiten sich er- 
schwert zeigen, ungewollte Vorstellungen hervortreten, die 
alle in die Klasse der Bilder gehören. Die Unfähigkeit zu solcher 
Vorstellungsarbeit, die wir als absichtlich gewollte empfinden, und 
das mit dieser Zerstreuung regelmäßig verknüpfte Hervortreten von 
Bildern, dies sind zwei Charaktere, die dem Traume verbleiben und 
die wir bei der psychologischen Analyse desselben als wesentliche 
Charaktere des Traumlebens anerkennen müssen. Von den Bildern — 
den hypnagogischen Halluzinationen — haben wir erfahren, daß sie 
selbst dem Inhalt nach mit den Traumbildern" identisch sind *. 

Der Traum denkt also vorwiegend in visuellen Bildern, aber 
doch nicht ausschließlich. Er arbeitet auch mit Gehörsbildern und in 
geringerem Ausmaße mit den Eindrücken der anderen Sinne. Vieles 
wird auch im Traume einfach gedacht oder vorgestellt (wahrschein- 
lich also durch Wortvorstellungsreste vertreten), ganz wie sonst im 
Wachen. Charakteristisch für den Traum sind aber doch nur jene 
Inhaltselemente, welche sich wie Bilder verhalten, d. h. den Wahr- 
nehmungen ähnlicher sind als den Erinnerungsvorstellungen. Mit Hin- 
wegsetzung über alle die dem Psychiater wohlbekannten Diskussionen 
über das Wesen der Halluzination können wir mit allen sachkundigen 
Autoren aussagen, daß der Traum halluziniert, daß er Gedanken 
durch Halluzinationen ersetzt. In dieser Hinsicht besteht kein Unter- 
schied zwischen visuellen und akustischen Vorstellungen; es ist be- 
merkt worden, daß die Erinnerung an eine Tonfolge, mit der man 
einschläft, sich beim Versinken in den Schlaf in die Halluzination 



* H. Silberer hat an schönen Beispielen gezeigt, wie sich selbst ab- 
strakte Gedanken im Zustande der Schläfrigkeit in anschaulich-plastische Bilder 
umsetzen, die das nämliche ausdrücken wollen. (Jahrbuch von Bleu ler-"Freud, 
Band I, 1909.) 



Der Glaube an die Realität der Traumbilder. 35 

derselben Melodie verwandelt; um beim Zusichkommcn, das mit dem 
Einnicken mehrmals abwechseln kann, wieder der leiseren und quali- 
tativ anders gearteten Erinnerungs Vorstellung Platz zu machen. 

Die Verwandlung der Vorstellung in Halluzination ist nicht die 
einzige Abweichung des Traumes von einem etwa ihm entsprechen- 
den "Wachgedanken. Aus diesen Bildern gestaltet der Traum eine 
Situation, er stellt, etwas als gegenwärtig dar, er dramatisiert eine 
Idee, wie S p i 1 1 a (p. 145) es ausdrückt. Die Charakteristik dieser 
Seite des Traumlebens wird aber erst vollständig, wenn man hinzu- 
nimmt, daß man beim Träumen — ■ in der Regel; die Ausnahmen 
fordern eine besondere Aufklärung — nicht zu denken, sondern zu 
erleben vermeint, die Halluzination also mit vollem Glauben auf- 
nimmt. Die Kritik, man habe nichts erlebt, sondern" nur in eigentüm- 
licher Form gedacht — geträumt, regt sich erst beim Erwachen. 
Dieser Charakter scheidet den echten Schlaftraum von der Tagträu- 
merei, die niemals mit der Realität verwechselt wird. 

Burdach hat die bisher betrachteten Charaktere des Traum- 
lebens in folgenden Sätzen zusammengefaßt (p. 476) : „Zu den wesent- 
lichen Merkmalen des Traumes gehört: a) daß die subjektive Tätig- 
keit unserer Seele als objektiv erscheint, indem das "Wahrnehmungs- 
vermögen die Produkte der Phantasie so auffaßt, als ob es sinnliche 
Rührungen wären; ... b) der Schlaf ist eine Aufhebung der Eigen- 
mächtigkeit. Daher gehört eine gewisse Passivität zum Einschlafen. . . 
Die Schlummerbilder werden durch den Nachlaß der Eigenmächtig- 
keit bedingt." 

Es handelt sich nun um den Versuch, die Gläubigkeit der Seele 
gegen die Traumhalluzinationen, die erst nach Einstellung einer 
gewissen eigenmächtigen Tätigkeit auftreten können, zu erklären. 
Strümpell führt aus, daß die Seele sich dabei korrekt und ihrem 
Mechanismus gemäß benimmt. Die Traumeleanente sind keineswegs 
bloße Vorstellungen, sondern wahrhafte und wirkliche E r- 
lebnisse der Seele, wie sie im "Wachen durch Vermittlung der 
Sinne auftreten (p. 34). "Während die Seele wachend in "Wortbildern 
und in der Sprache vorstellt und denkt, stellt sie vor und denkt im 
Traume in wirkliehen Empfindungsbildern (p. 35). Überdies kommt im 
Traume ein Raumbewußtsein hinzu, indem wie im Wachen Empfin- 
dungen und Bilder in einen äußeren Raum versetzt werden (p. 36). 
Man muß also zugestehen, daß sich die Seele im Traume ihren Bil- 
dern und "Wahrnehmungen gegenüber in derselben Lage befindet wie 
im "Wachen (p. 43). "Wenn sie dabei dennoch irre geht, so rührt dies 
daher, daß ihr im Schlafzustand das Kriterium fehlt, welches allein 
zwischen von außen und von innen gegebenen Sinneswahrnehmungen 
unterscheiden kann. Sie kann ihre Bilder nicht den Proben unterzie- 
hen, welche allein deren objektive Realität erweisen. Sie vernachlässigt 
außerdem den Unterschied zwischen willkürlich vertauschbaren 
Bildern und anderen, wo diese "Willkür wegfällt. Sie irrt, weil sie 
das Gesetz der Kausalität nicht auf den Inhalt ihres Traumes an- 
wenden kann (p. 58). Kurz, ihre Abkehrung von der Außenwelt ent- 
hält auch den Grund für ihren Glauben an die subjektive Traumwelt. 

- • •• 3» 



3G 



T. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



Zum selben Schlüsse gelangt nach teilweise abweichenden psy- 
chologischen Entwicklungen Delboeuf. Wir schenken den Traum- 
bildern den Realitätsglauben, weil wir im Schlafe keine anderen Ein- 
drücke zum Vergleiche haben, weil wir von der Außenwelt abgelöst 
sind. Aber nicht etwa darum glauben wir an die Wahrheit unserer 
Halluzinationen, weil uns im Schlafe die Möglichkeit entzogen ist, 
Proben anzustellen. Der Traum kann uns alle diese Prüfungen vor- 
spiegeln, uns etwa zeigen, daß wir die gesehene Rose berühren, und 
Wir träumen dabei doch. Es gibt nach Delboeuf kein stichhaltiges 
Kriterium dafür, ob etwas ein Traum ist oder wache Wirklichkeit, 
außer — und dies nur in praktischer Allgemeinheit — der Tatsache 
des Erwachens. Ich erkläre alles für Täuschung, was zwischen Ein- 
schlafen und Erwachen erlebt worden ist, wenn ich durch das Er- 
wachen merke, daß ich ausgekleidet in meinem Bette liege (p. 84). 
Während des Schlafes habe ich die Traumbilder für wahr gehalten 
infolge der nicht einzuschläfernden Denkgewohnheit, eine Außen- 
welt anzunehmen, zu der ich mein Ich in Gegensatz bringe*. 

Wird so die Abwendung von der Außenwelt zu dem bestimmen- 
den Moment für die Ausprägung der auffälligsten Charaktere des 
Traumlehens erhoben, so verlohnt es sich, einige feinsinnige Bemer- 
kungen des alten B u r da c h anzuführen, welche auf die Beziehung 
der schlafenden Seele zur Außenwelt Licht werfen und dazu angetan 
sind, vor einer Überschätzung der vorstehenden Ableitungen zurück- 
zuhalten. „Der Schlaf erfolgt nur unter der Bedingung," sagt Bur- 
dach, „daß die Seele nicht von Sinnesreizen angeregt wird, .... aber 



* Einen ähnlichen Versuch wie Delboeuf, die Traumtätigkeit zu er- 
klären durch die Abänderung, welche eine abnorm eingeführte Bedingung an der 
sonst korrekten Punktion des intakten seelischen Apparates zur Polge haben 
muß, hat Haff ner unternommen, diese Bedingung aber in etwas anderen Worten 
beschrieben. Das erste Kennzeichen des Traumes ist nach ihm die Ort- und Zoit- 
losigkeit, d. i. die Emanzipation der Vorstellung von der dem Individuum zukom- 
menden Stelle in der örtlichen und zeitlichen Ordnung. Mit diesem verbindet sicli 
der zweite Grund Charakter des Traumes, die Verwechslung der Halluzinationen, 
Imaginationen und Phantasiekombinationen mit äußeren Wahrnehmungen. „Da 
die Gesamtheit der höheren Seelenkräfte, insbesondere Begriffsbildung, Urteil 
und Schlußfolgerung einerseits und die freie Selbstbestimmung anderseits an die 
sinnlichen Phantasiebilder sich anschließen und diese jederzeit zur Unterlage 
haben, so nehmen auch diese Tätigkeiten an der Regellosigkeit der Traumvor- 
stellungcn teil. Sie nehmen teil, sagen wir, denn an und für sich ist unsere 
Urteilskraft wie unsere "Willenskraft im Schlafe in keiner Weise alteriert. Wir 
sind der Tätigkeit nach ebenso scharfsinnig und ebenso frei wie im wachen Zu- 
stande. Der Mensch kann auch im Traume nicht gegen die Denkgesetze an sich 
verstoßen, d. h. nicht das ihm als entgegengesetzt sich Darstellende identisch 
setzen usw. Er kann auch im Traume nur das begehren, was er als ein Gutes 
sich vorstellt (sub ralione boni). Aber in dieser Anwendung der Gesetze des Den- 
kens und Wollens wird der menschliche Geist im Traume irregeführt durch die 
Verwechslung einer Vorstellung mit einer anderen. So kommt es, daß wir im 
Traume die größten Widersprüche setzen und begehen, während wir anderseits 
die scharfsinnigsten Urteilsbildungen und die konsequentesten Schlußfolgerungen 
Vollziehen, die tugendhaftesten und heiligsten Entschließungen fassen können. 
Mangel an Orientierung ist das ganze Geheimnis des Pluges, mit welchem 
unsere Phantasie im Traume sich bewegt, und Mangel an kritischer Re- 
flexion sowie an Verständigung mit anderen ist die Hauptquelle der maßlosen 
Extravaganzen unserer Urteile wie unserer Hoffnungen und Wünsche im Traume" 
(p. 18). 



Die Abwendung von der Außenwelt. 37 

es ist nicht sowohl der Mangel an Sinnesreizen die Bedingung- des 
Schlafes, als vielmehr der Mangel an Interesse dafür* mancher sinn- 
liche Eindruck ist selbst notwendig, insofern er zur Beruhigung der 
Seele dient, wie denn der Müller nur dann schläft, wenn er das Klap- 
pern seiner Mühle hört, und der, welcher aus Vorsicht ein Nacht- 
licht zu brennen für nötig hält, im Dunkeln nicht einschlafen kann" 
(P-457). 

„Die Seele isoliert sich im Schlafe gegen die Außenwelt und 
zieht sich von der Peripherie . . . zurück. . . . Indes ist der Zu- 
sammenhang nicht ganz unterbrochen : wenn man nicht im Schlafe 
selbst, sondern erst nach dem Erwachen hörte und fühlte, so könnte 
man überhaupt nicht geweckt werden. Noch mehr wird die Fort- 
dauer der Sensation dadurch bewiesen, daß man nicht immer durch 
die bloß sinnliche Stärke eines Eindruckes, sondern durch die psy- 
chische Beziehung desselben geweckt wird; ein gleichgültiges Wort 
weckt den Schlafenden nicht, ruft man ihn aber beim Namen, so 
erwacht er, . . . die Seele unterscheidet also im Schlafe zwischen 
den Sensationen. . . . Daher kann man denn auch durch den Mangel 
eines Sinnesreizes, wenn dieser sich auf eine für die Vorstellung wich- 
tige Sache bezieht, geweckt werden ; so erwacht man vom Auslöschen 
eines Nachtlichtes und der Müller vom Stillstand seiner Mühle, also 
vom Aufhören der Sinnestätigkeit, und dies setzt voraus, daß diese 
perzipiert worden ist, aber als gleichgültig oder vielmehr befriedigend 
die Seele nicht aufgestört hat" (p. 460 u- ff.). 

Wenn wir selbst von diesen nicht gering zu schätzenden Ein- 
wendungen abschen wollen, so müssen wir doch zugestehen, daß die 
bisher gewürdigten und aus der Abkehrung von der Außenwelt abge- 
leiteten Eigenschaften des Traumlebens die Eremdartigkeit desselben 
nicht voll zu decken vermögen. Denn im anderen Falle müßte es 
möglich sein, die Halluzinationen des Traumes in Vorstellungen, die 
Situationen des Traumes in Gedanken zurückzuverwandeln und damit 
die Aufgabe der Traumdeutung zu lösen. Nun verfahren wir nicht 
anders, wenn wir nach dem Erwachen den Traum aus der Erinnerung 
reproduzieren, und ob uns diese llückübersei zung ganz oder nur teil- 
weise gelingt, der Traum behält seine Rätselhaftigkeit unverringert bei. 

Die Autoren nehmen auch alle unbedenklich an, daß im Traume 
noch andere und tiefergreifende Veränderungen mit dem Vorstcllungs- 
material des Wachens vorgefallen sind. Eine derselben sucht Strüm- 
pell in folgender Erörterung herauszugreifen (p. 17) : „Die Seele 
verliert mit dem Aufhören der sinnlich tätigen Anschauung und 
des normalen Lebensbewußtseins auch den Grund, in welchem ihre 
Gefühle, Begehrungen, Interessen und Handlungen wurzeln. Auch 
diejenigen geistigen Zustände, Gefühle, Interessen, Wertschätzungen, 
welche im Wachen den Erinnerungsbildern anhaften, unterliegen . . . 
einem verdunkelnden Drucke, infolgedessen sich ihre Verbindung 
mit den Bildern auflöst, die Wahrachmungsbildcr von Dingen, Per- 
sonen, Lokalitäten, Begebenheiten und Handlungen des wachen Le- 
bens werden einzeln sehr zahlreich reproduziert, aber keines der- 

* Man vergleiche liiezu das „DesintereL", in dem Claparödc (1'jOö) den 
Mechanismus des Einschlafens findet. 



38 



1. Die wissenschaftliche Literatur der Trauiuprohleme. 



selben bringt seinen psychischen Wert mit. Dieser ist von ihnen 
abgelöst und sie schwanken deshalb in der Seele nach eigenen Mit- 
teln umher. . ." 

Diese Entblößung der Bilder von ihrem psychischen "Werte, die 
selbst wiederum auf die Abwendung von der Außenwelt zurück- 
geführt wird, soll nach Strümpell einen Hauptanteil an dem Ein- 
druck der Fremdartigkeit haben, mit dem sich der Traum in unserer 
Erinnerung- dem Leben gegenüberstellt. 

Wir haben gehört, daß schon das Einschlafen den Verzicht auf 
eine der seelischen Tätigkeiten, nämlich auf die willkürliche Leitung 
des Vorstellungsablaufes, mit sich bringt. Es wird uns so die ohne- 
dies naheliegende Vermutung aufgedrängt, daß der Schlafzustand sich 
auch über die seelischen Verrichtungen erstrecken möge. Die eine 
oder andere dieser Verrichtungen wird etwa ganz aufgehoben; ob die 
übrigbleibenden ungestört weiter arbeiten, ob sie unter solchen Um- 
ständen normale Arbeit leisten können, kommt jetzt in Frage. Der 
Gesichtspunkt taucht auf, daß man die Eigentümlichkeiten des Trau- 
mes erklären könne durch die psychische Minderleistung im Schlaf- 
zustand, und nun kommt der Eindruck, den der Traum unserem 
wachen Urteil macht, einer solchen Auffassung entgegen. Der Traum 
ist unzusammenhängend, vereinigt ohne Anstoß die ärgsten Wider- 
sprüche, läßt Unmöglichkeiten zu, läßt unser bei Tag einflußreiches 
Wissen bei Seite, zeigt uns ethisch und moralisch stumpfsinnig. Wer 
sich im Wachen so benehmen würde, wie es der Traum in seinen 
Situationen vorführt, den würden wir für wahnsinnig halten; wer im 
Wachen so spräche oder solche Dinge mitteilen wollte, wie sie im 
Trauminhalt vorkommen, der würde uns den Eindruck eines Ver- 
worrenen und eines Schwachsinnigen machen. Somit glauben wir 
nur dem Tatbestand Worte zu leihen, wenn wir die psychische Tätig- 
keit im Traum nur sehr gering anschlagen und insbesondere die 
höheren intellektuellen Leistungen als im Traume aufgehoben oder 
wenigstens schwer geschädigt erklären. 

Mit ungewöhnlicher Einmütigkeit — von den Ausnahmen wird 
an anderer Stelle die Rede sein — haben die Autoren solche Urteile 
über den Traum gefällt, die auch unmittelbar zu einer bestimmten 
Theorie oder Erklärung des Traumlebens hinleiten. Es ist an der 
Zeit, daß ich mein eben ausgesprochenes Eesume durch eine Samm- 
lung von Aussprüchen verschiedener Autoren — Philosophen und 
Ärzte — über die psychologischen Charaktere des Traumes ersetze: 

Nach Lemoine ist die Inkohärenz der Traumbilder der ein- 
zig wesentliche Charakter des Traumes. 

Maury pflichtet dem bei; er sagt (p. 163): „il n'y a pas des 
reves absolument raisonnables et qui ne contiennent quelque inco- 
herence, quelque anachronisme, quelque absurdite." 

Nach Hegel bei Spitta fehlt dem Traume aller objektive ver- 
ständige Zusammenhang. 

"Du gas sagt: „Le reve, c'est l'anarchie psychique, affective et 
mentale, c'est le jeu des fonetions livrees ä elles-memes et s'exercant 
sans contröle et sans but; dans le reve l'esprit est un automate 
spirituel." 



Die Absurdität der Trilume. 39 

„Dio Auflockerung, Lösung und Durcheinandermischung des 
im "Wachen durch die logische Gewalt des zentralen Ich zusammen- 
gehaltenen Vorstellungslebens" räumt selbst Volkelt ein (p. 14), nach 
dessen Lehre die psychische Tätigkeit während des Schlafes keines- 
wegs zwecklos erscheint. 

Die Absurdität der im Traume vorkommenden Vorstellungs- 
verbindungen kann man kaum schärfer verurteilen, als es schon 
Cicero (De divin. II) tat; Nihil tarn praepostere, tarn incondite, 
tarn monstruose cogitari potest, quod non possimus soinniare. 

Pechner sagt (p. 522): „Es ist, als ob die psychologische Tätig- 
keit aus dem Gehirn eines Vernünftigen in das eines Narren über- 
siedelte." 

Radestock (p. 145) : „In der Tat scheint es unmöglich, in 
diesem tollen Treiben feste Gesetze zu erkennen. Der strengen Po- 
lizei des vernünftigen, den wachen Vorstellungslauf leitenden Willens 
und der Aufmerksamkeit sich entziehend, wirbelt der Traum jn 
tollem Spiele alles kaleidoskopartig durcheinander." 

Hildebrandt (p. 45): „Welche wunderlichen Sprünge erlaubt 
sich der Träumende z. B. bei seinen Verstandesschlüssen! Mit welcher 
Unbefangenheit sieht er die bekanntesten Erfahrungssätze geradezu 
auf den Kopf gestellt! Welche lächerlichen Widersprüche kann er in 
den Ordnungen der Natur und der Gesellschaft vertragen, bevor ihm, 
wie man sagt, die Sache zu bunt wird, und die Überspannung des Un- 
sinnes das Erwachen herbeiführt! Wir multiplizieren gelegentlich ganz 
harmlos: Drei mal drei macht zwanzig; es wundert uns gar nicht, 
daß ein Hund uns einen Vers hersagt, daß ein Toter auf eigenen 
Füßen nach seinem Grabe geht, daß ein Felsstück auf dem Wasser 
schwimmt; wir gehen alles Ernstes in höherem Auftrage nach dem 
Herzogtum Bernburg oder dem Fürstentum Liechtenstein, um dio 
Kriegsmarine des Landes zu beobachten oder lassen uns von Karl 
dem Zwölften kurz vor der Schlacht bei Pultawa als Freiwillige 
anwerben." 

B i n z (p. 33) mit dem Hinweise auf dio aus diesen Eindrücken 
sich ergebende Traumtheorie : „Unter zehn Träumen sind mindestens 
neun absurden Inhaltes. Wir koppeln in ihnen Personen und Dinge zu- 
sammen, welche nicht die geringsten Beziehungen zueinander haben. 
Schoii im nächsten Augenblick, wie in einem Kaleidoskop, ist die 
Gruppierung .eine andere geworden, womöglich noch unsinniger und 
toller, als sie es schon vorher war ; und so geht das' wechselnde Spiel 
des unvollkommen schlafenden Gehirns weiter, bis wir erwachen, mit 
der Hand nach der Stirn greifen und uns fragen, ob wir in der Tat 
noch die Fähigkeit des vernünftigen Vorstellens und Denkens besitzen." 

Maury (p- 50) findet für das Verhältnis der Traumbilder zu 
den Gedanken des Wachens einen für den Arzt sehr eindrucksvollen 
Vergleich: „La produetion de ces images que chez Phomme eveillc 
fait le plus souvent naitre la volonte, correspond, pour l'intelligence, 
ä ce que sont pour la motilite certains mouvements que nous offrent 
la choree et les affections paralytiques." .... Im übrigen ist ihm 
der Traum „toute une serie de degradations de la faculte pensante et 
raisonnante" (p. 27). 



40 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumproblcme. 

• Es ist kaum nötig, die Äußerungen der Autoren anzuführen, 
welche den Satz von Maury für die einzelnen höheren Seelen- 
leistungen wiederholen. 

Nach Strümpell treten im Traume — selbstverständlich auch 
dort, wo der Unsinn nicht augenfällig ist — sämtliche logische, auf 
Verhältnissen und Beziehungen beruhende Operationen der Seele zu- 
rück (p. 26). Nach Spitta (p. 148) scheinen im Traume die Vor- 
stellungen dem Kausalitätsgesetz völlig entzogen zu sein. Radestock 
und andere betonen die dem Traume eigene Schwäche des Urteils 
und des Schlusses. Nach Jodl (p. 123) gibt es im Traume keine 
Kritik, keine Korrektur einer Wahrnehmungsreihe durch den Inhalt 
des Gesamtbewußtscins. Derselbe Autor äußert: „Alle Arten der Be- 
wußtseinstätigkeit kommen im Traume vor, aber unvollständig, ge- 
hemmt, gegeneinander isoliert." Die Widersprüche, in welche* sicli 
der Traum gegen unser waches Wissen setzt, erklärt Stricker (mit 
vielen anderen) daraus, daß Tatsachen im Traume vergessen oder 
logische Beziehungen zwischen Vorstellungen verloren gegano-en sind 
(p. 98) usw. usw. 

Von den Autoren, die im allgemeinen so ungünstig über die 
psychischen Leistungen im Traume urteilen, wird indes zugegeben, 
daß ein gewisser Best von seelischer Tätigkeit dem Traume verbleibt. 
Wiindt, dessen Lehren für so viel andere Bearbeiter der Traum- 
probleme maßgebend geworden sind, gesteht dies ausdrücklich zu. 
Man könnte nach der Art und Beschaffenheit des im Traume sich 
äußernden Bestes von normaler Seelentätigkeit fragen. Es wird nun 
ziemlich allgemein zugegeben, daß die Repoduktionsfähigkeit, das 
Gedächtnis, im Traume am wenigsten gelitten zu haben scheint, ja 
eine gewisse Überlegenheit gegen die gleiche Funktion des Wachens 
(vgl. oben p. 7 ff.) aufweisen kann, obwohl ein Teil der Absurditäten 
des Traumes durch die Vergeßlichkeit eben dieses Traumlebens erklärt 
werden soll. Nach Spitta ist es das Gemüt sieben der Seele, 
was vom Schlafe nicht befallen wird und dann den Traum dirigiert. 
Als „Gemüt" bezeichnet er „die konstante Zusammenfassung der Ge- 
fühle als des innersten subjektiven Wesens des Menschen" (p. 84). 

Scholz (p. 37) erblickt eine der im Traume sich äußernden 
boclcntatigkeiten m der „a 1 1 e g o r i s i e r e n d e n U m d e u t u n g :< , wel- 
cher das Traummaterial unterzogen wird. Siebeck konstatiert auch 
im Traume die „ergänzende Deutungstätigkeit" der Seele 
(p. 11), welche von ihr gegen alles Wahrnehmen und Anschauen geübt 
wird. Eine besondere Schwierigkeit hat es für den Traum mit der 
Beurteilung der angeblich höchsten psychischen Funktion, der des 
Bewußtseins. Da wir vom Traume nur durchs Bewußtsein etwas 
wissen, kann an dessen Erhaltung kein Zweifel sein; doch meint 
Spitta, es sei im Traume nur das Bewußtsein erhalten, nicht auch 
das Selbstbewußtsein. Delboeuf gesteht ein, daß er diese Un- 
terscheidung nicht zu begreifen vermag. 

Die Assoziationsgesetze, nach denen sich die Vorstellungen ver- 
knüpfen, gelten auch für die Traumbilder, ja ihre Herkunft kommt 
im Traume reiner und stärker zum Ausdruck. Strümpell (p. 70): 
„Der Traum verläuft entweder ausschließlich, wie es scheint, nach 






Die oberflächlichen Assoziationen im Traume. 4] 

den Gesetzen nackter Vorstellungen oder organischer Reize mit sol- 
chen Vorstellungen, das heißt, ohne daß Reflexion und Verstand, 
ästhetischer Geschmack und sittliches Urteil etwas dabei vermögen." 
Die Autoren, deren Ansichten ich hier reproduziere, stellen sich die 
Bildung der Träume etwa folgender Art vor: Die Summe der im 
Schlafe einwirkenden Sensationsreize aus den verschiedenen an an- 
derer Stelle angeführten Quellen wecken in der Seele zunächst eine 
Anzahl von Vorstellungen, die sich als Halluzinationen (nach Wundt 
richtiger Illusionen wegen ihrer Abkunft von den äußeren und in- 
neren Reizen) darstellen. Diese verknüpfen sich untereinander nach 
den bekannten Assoziationsgesetzen und rufen ihrerseits nach den- 
selben Regeln eine neue Reihe von Vorstellungen (Bildern) wach. 
Das ganze Material wird dann vom noch tätigen Reste der ordnenden 
und denkenden Seclenvermög - en, so gut es eben gehen will, verarbeitet 
(vgl. etwa "Wundt und Weygandt). Es ist bloß noch nicht ge- 
lungen, die Motive einzusehen, welche darüber entscheiden, daß die 
Erweckung der nicht von außen stammenden Bilder nach diesem oder 
nach jenem Assoziationsgesetz vor sich gehe. 

Es ist aber wiederholt bemerkt worden, daß die Assoziationen, 
welche die Traumvorstcllungen untereinander verbinden, von ganz 
besonderer Art und verschieden von den im wachen Denken tätigen 
sind. So sagt Volkelt (p. 15): „Im Traume jagen und haschen sich 
die Vorstellungen nach zufälligen Ähnlichkeiten und kaum wahr- 
nehmbaren Zusammenhängen. Alle Träume sind von solchen nach- 
lässigen, zwanglosen Assoziationen durchzogen." Maury legt auf die- 
sen Charakter der Vorstellungsbindimg, der ihm gestattet, das Traum- 
leben "in engere Analogie mit gewissen Geistesstörungen zu bringen, 
den größten "Wert. Er anerkennt zwei Hauptcharaktere des „delire" : 
1. une action spontanee et comme automatique de l'esprit; 2. une asso- 
ciation vicieuse et irregulierc des idees (p. 126). Von Maury selbst 
rühren zwei ausgezeichnete Traumbcispiele her, in denen der bloße 
Gleichklang der Worte die Verknüpfung der Traumvorstcllungen ver- 
mittelt. Er träumte einmal, daß er eine Pilgerfahrt (pelerinagc) 
nach Jerusalem oder Mekka unternehme, dann befand er sich nach 
vielen Abenteuern beim Chemiker Pelletier, dieser gab ihm nach 
einem Gespräche eine Schaufel (pelle) von Zink, und diese wurde 
in einem darauffolgenden Traumstück sein großes Schlachtschwcrt 
(p. 137). Ein andermal ging er im Traume auf der Landstraße und 
las auf den Meilensteinen die Kilo nieter ab, darauf befand er sich 
bei einem Gewürzkrämer, der eine große Wage hatte, und ein Mann 
legte Kilo gewichte auf die Wagschale, um Maury abzuwägen; 
dann sagte ihm der Gewürzkrämer: „Sie sind nicht in Paris, sondern 
auf der Insel Gilolo." Es folgten darauf mehrere Bilder, in wel- 
chen er die Blume L o b e 1 i a sah, dann den General Lopez, von 
dessen Tod er kurz vorher gelesen hatte; endlich erwachte er, eine 
Partie Lotto spielend*. 

* Au späterer Stelle wird uns der Sinn solcher Träume, die von Worten 
mit; glcichcu Anfangsbuchstaben und ähnlichem Anlaute erfüllt sind, zugänglich 
werden. 



42 I- Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

Wir sind aber wohl gefaßt darauf, daß diese Geringschätzung 
der psychischen Leistungen des Traumes nicht ohne Widerspruch 
von anderer Seite geblieben ist. Zwar scheint der Widerspruch hier 
schwierig. Es will auch nicht viel bedeuten, wenn einer der Herab- 
setzer des Traumlebens versichert (Spitta, p. 118), daß dieselben 
psychologischen Gesetze, die im Wachen herrschen, auch den Traum 
regieren, oder wenn ein anderer (D u g a s) ausspricht : Le reve n'est 
pas deraison ni meme irraison pure, solange beide sich nicht die 
Mühe nehmen, diese Schätzung mit der von ihnen beschriebenen psy- 
chischen Anarchie und Auflösung aller Funktionen im Traume in 
Einklang zu bringen. Aber anderen scheint die Möglichkeit gedämmert 
zu .haben, daß der Wahnsinn des Traumes vielleicht doch nicht ohne 
Methode sei, vielleicht nur Verstellung wie der des Dänenprinzen, 
auf dessen Wahnsinn sich das hier zitierte einsichtsvolle Urteil be- 
zieht. Diese Autoren müssen es vermieden haben, nach dem Anschein zu 
urteilen, oder der Anschein, den der Traum ihnen bot, war ein anderer. 

So würdigt Havelock Ellis (1899) den Traum, ohne bei seiner 
scheinbaren Absurdität verweilen zu wollen, als „an archaic world of 
vast emotions and imperfect thoughts", deren Studium uns primitive 
Entwicklungsstufen des psychischen Lebens kennen lehren könnte. 
J. Sully(p. 362) vertritt dieselbe Auffassung des Traumes in einer 
noch weiter ausgreifenden und tiefer eindringenden Weise. Seine 
Aussprüche verdienen um so mehr Beachtung, wenn wir hinzunehmen, 
daß er wie vielleicht kein anderer Psychologe von der verhüllten 
Sinnigkeit des Traumes überzeugt war. „Nbw our dreams are a means 
of conserving these successive pcrsonalities. When asleep we go 
back to the old ways of looking at things and of fee- 
ling about them, to impulses and activities which 
long ago dominated us." Ein Denker wie Delboeuf behaup- 
tet — freilich ohne den Beweis gegen das widersprechende Material 
zu führen und darum eigentlich mit Unrecht: „Dans -le sommeil, 
hormis la pereeption, toutes les facultes de l'esprit, intelligence, Imagi- 
nation, memoire, volonte, moralite, restent intactes dans leur es- 
sence; seulement, elles s'appliquent ä des objets imaginaires et mo- 
biles. Le songeur est un acteur qui joue ä volonte les fous et les 
sages, les bourreaux et les victimes, les nains et les geants, los de- 
mons et les anges" (p. 222). Am energischesten scheint die Herab- 
setzung der psychischen Leistung im Traume der Marquis d'Hcrvey 
bestritten zu haben, gegen den Maury lebhaft polemisiert, und dessen 
Schrift ich mir trotz aller Bemühung nicht verschaffen konnte. Maury 
sagt über ihn (p. 19): „M. le Marquis d'Hervey prete ä l'inteU'i- 
gence, durant le sommeil, toute sa liberte d'aetion et d'attention et 
il no semble faire consister le sommeil que dans l'occlusion des sens, 
dans leur fermeture au Monde exterieur; en sorte que l'homme qui 
dort ne se distingue guere, selon sa maniere de voir, de l'homme qui 
laisso vaguer sa pensee en se bouchant les sens ; toute la difference 
qui separe alors la pensee ordinaire du celle du dormeur c'est que, 
chez celui, Pidee prend üne forme visible, objeetive et ressemble, a 
s'y meprendre, a la Sensation determinee par les objets exterieurs; 
le souvenir revet l'apparence du fait presenk" 



Psychologische Einschätzung- des Traumlebens. 43 

Maury fügt «aber hinzu: ,,qu'il y a une differcnce de plus et 
capitata a savoir que les facultes intellectuelles de l'homrae endormi 
n'offrent pas l'equilibre qu'elles gardent cliez Thomme l'eveille." 

Bei Vaschide, der uns eine bessere Kenntnis des Buches von 
d'Hervey vermittelt, finden wir, daß sich dieser Autor in folgender 
Art über die scheinbare Inkohärenz der Träume äußert. „L'image 
du reve est la copie de l'idee. Le prineipal est l'idee; ,1a vision n'est 
qu'accessoire. Ceci etabli, il faut savoir suivre la marche des idees, 
il faut savoir analyser le tissu des reves; l'incoherence devient alors 
comprchensible, les coneeptions les plus fantasques deviennent des 
faits simples et parfectement logiques". (p. 146.) Und (p. 147): „Les 
reves les plus bizarres trouvent meine une explieation des plus logiques 
quond on sait les analyser." 

3. Stärcke hat darauf aufmerksam gemacht, daß eine ähnliche 
Auf lösung der Trauminkohärenz von einem alten Autor, Wolf D a- 
vidson, der mir unbekannt war, 1799 verteidigt worden ist (p. 136): 
„Die sonderbaren Sprünge unserer Vorstellungen im Traume haben 
alle ihren Grund in dem Gesetze der Assoziation, nur daß diese Ver- 
bindung manchmal sehr dunkel in der Seele vorgeht, so daß wir 
oft einen Sprung der Vorstellung zu beobachten glauben, wo doch 
keiner ist." 

Die Skala der "Würdigung des Traumes als psychisches Produkt 
hat in der Literatur einen großen Umfang; sie reicht von der tiefsten 
Geringschätzung, deren Ausdruck wir kennen gelernt haben,' durch 
die Ahnung eines noch nicht enthüllten Wertes bis zur Überschät- 
zung! die den Traum weit über die Leistungen des Wachlebens stellt. 
Hildebrandt, der, wie wir wissen, in drei Antinomien die psycho- 
logische Charakteristik des Traumlebens entwirft, faßt im dritten 
dieser Gegensätze die Endpunkte dieser Reihe zusammen (p. 19): 
„Es ist der zwischen einer Steigerung, einer nicht selten bis zur 
Virtuosität sich erhebenden Potenzierung und anderseits einer 
entschiedenen, oft bis unter das Niveau des Menschlichen führenden 
H e r a b m i n d e r u n g und Schwächung des Seelenlebens." 

„Was das erstere betrifft, wer könnte nicht aus eigener Er- 
fahrung bestätigen, daß in dem Schaffen und Weben des Traumgenius 
bisweilen eine Tiefe und Innigkeit des Gemütes, eine Zartheit der 
Empfindung, eine Klarheit der Anschauung, eine Feinheit der Beob- 
achtung, eine Schlagfertigkeit des Witzes zu Tage tritt, wie wir sol- 
ches alles als konstantes Eigentum während des wachen Lebens zu 
besitzen bescheidentlich in Abrede stellen würden? Der Traum hat 
eine wunderbare Poesie, eine treffliche Allegorie, einen unvergleich- 
lichen Humor, eine köstliche Ironie. Er schauet die Welt in einem 
eigentümlichen idealisierenden Lichte und potenziert den Effekt ihrer 
Erscheinungen oft im sinnigsten Verständnisse des ihnen zum Grunde 
liegenden Wesens- Er stellt uns das irdisch Schöne in wahrhaft himm- 
lischem Glänze, das Erhabene in höchster Majestät, das erfahrungs- 
gemäß Furchtbare in der grauenvollsten Gestalt, das Lächerliche mit 
unbeschreiblich 'drastischer Komik vor Augen ; und bisweilen sind 
wir nach dem Erwachen irgend eines dieser Eindrücke noch .«0 voll, 



44 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumproblema. 



daß es uns vorkommen will, dergleichen habe die »wirkliche Welt uns 
noch nie und niemals geboten." 

Man darf sich fragen, ist es wirklich das nämliche Objekt, dem 
jene geringschätzigen Bemerkungen und diese begeisterte Anpreisung 
gilt? Haben die einen die blödsinnigen Träume, die anderen die tief- 
sinnigen und feinsinnigen übersehen? Und wenn beiderlei vorkommt, 
Träume, die solche und die jene Beurteilung verdienen, scheint es 
da nicht müßig, nach einer psychologischen Charakteristik des Trau- 
mes zu suchen, genügt es nicht zu sagen, im Traume sei .alles mög- 
lich, von der tiefsten Herabsetzung' des Seelenlebens bis zu einer im 
Wachen ungewohnten Steigerung desselben? So bequem diese Lösung 
wäre, sie hat dies eine gegen sich, daß den Bestrebungen aller .Traum- 
forscher die Voraussetzung zu 'Grunde zu liegen scheint, es gäbe eine 
solche in ihren wesentlichen Zügen allgemeingültige Charakteristik 
des Trauines, welche über jene Widersprüche hinweghelfen müßte. 

Es ist unstreitig, daß die psychischen Leistungen des Traumes 
bereitwilligere und wärmere Anerkennung gefunden haben in jener 
jetzt hinter uns liegenden intellektuellen Periode, da die Philosophie 
und nicht 'die exakten 'Naturwissenschaften die Geister beherrschte. 
Aussprüche wie die von Schubert, daß der Traum eine Befreiung 
des Geistes von der Gewalt der äußeren Natur sei, eine Loslösung 
der Seele von den Fesseln der Sinnlichkeit, und ähnliche Urteile von 
dem jüngeren Fichte* u. a-, welche sämtlich den Traum als einen 
Aufschwung des Seelenlebens zu einer höheren Stufe darstellen, er- 
seheinen uns heute kaum begreiflich; sie werden in der Gegenwart 
auch nur bei Mystikern und Frömmlern wiederholt**. Mit dem Ein- 
dringen naturwissenschaftlicher Denkweise ist eine Reaktion in der 
AVürdigung des Traumes einhergegangen. Gerade die ärztlichen Au- 
toren sind am ehesten geneigt, die psychische Tätigkeit im Traume 
für geringfügig und wertlos anzuschlagen, während Philosophen und 
nicht zünftige Beobachter — Amateurpsychologen — deren Beiträge 
gerade auf diesem Gebiete nicht zu vernachlässigen sind, im besseren 
Einvernehmen mit den Ahnungen des Volkes, meist an dem psychi- 
schen Werte der Träume festgehalten haben. AVer zur Geringschät- 
zung der psychischen Leistung im Traume neigt, der bevorzugt be- 
greiflicherweise in der Traumätiologie die somatischen ßeizfiuellcn; 
für den, welcher der träumenden Seele den größeren Teil ihrer Fähig- 
keiten im Wachen belassen hat, entfällt natürlich jedes Motiv, ihr 
nicht auch selbständige Anregungen zum Träumen zuzugestehen. 

Unter den Überleistungen, welche man auch bei nüchterner 
Vergleichung versucht sein kann, dem Traumleben zuzuschreiben, 
ist die des Gedächtnisses die auffälligste; Wir haben die sie be- 
weisenden, gar nicht seltenen Erfahrungen ausführlich behandelt. 
Ein anderer, von alten Autoren häufig gepriesener Vorzug des Traum- 
lebens, daß es sich souverän über Zeit- und Ortsentfernungen hinweg- 

* Vgl. Haffner und Spitta. 
** Der geistreiche Mystiker Du Prel, einer der wenigen Autoren, denen 
ich die Vernachlässigung in früheren Auflagen dieses Buches abbitten möchte, 
äußert, nicht das "Wachen, sondern der Traum sei die Pforte zur Metaphysik, 
soweit sie den Menschen "betrifft (Philosophie der Mystik, p. 59). 



Die ethischen Gefühle im Traume. 4*-, 

zusetzen vermöge, ist mit Leichtigkeit als eine Illusion zu erkennen. 
Dieser Vorzug ist, wie II i Idebrandt bemerkt, eben ein illusorischer 
Vorzug; das Träumen setzt sich über Zeit und Raum nicht andere 
hinweg als das wache Denken, und eben weil es nur eine .Form des 
Denkens ist. Der Traum sollte sich in bezug auf die Zeitlichkeit 
noch eines anderen Vorzuges erfreuen, noch in anderem Sinne vom 
Ablauf der Zeit unabhängig sein. Träume wie der oben S. 18 mit- 
geteilte Maurys von seiner Hinrichtung durch die Guillotine scheinen 
zu beweisen, daß der Traum in eine sehr kurze Spanne Zeit weit 
mehr "Wahrnehmungsinhalt zu drängen vermag, als unsere psychische 
Tätigkeit im Wachen Denkinhalt bewältigen kann. Diese Folgerung 
ist indes mit mannigfaltigen Argumenten bestritten worden; seit den 
Aufsätzen von Le Lorrain und Egger „über die scheinbare Dauer 
der Träume" hat sich hierüber eine interessante Diskussion ange- 
sponnen, welche in dieser heiklen und tiefreichenden Frage wahr- 
scheinlich noch nicht die letzte Aufklärung erreicht hat *. 

Daß der Traum die intellektuellen Arbeiten des Tages aufzu- 
nehmen und zu einem bei Tag nicht erreichten Abschluß zu bringen 
vermag, daß er Zweifel und Probleme lösen, bei Dichtern und Kom- 
ponisten die Quelle neuer Eingebungen werden kajm, scheint nach 
vielfachen Berichten und nach der von Chabaneix angestellten 
Sammlung unbestreitbar zu sein. Aber wenn auch nicht die Tat- 
sache, so unterliegt doch deren Auffassung vielen, ans Prinzipielle, 
streifenden Zweifeln **. 

Endlich bildet die behauptete divinatorische Kraft des Traumes 
ein Streitobjekt, an welchem schwer überwindliche Bedenken mit 
hartnäckig wiederholten Versicherungen zusammentreffen. Man ver- 
meidet es — und wohl mit Kecht — , alles Tatsächliche an diesem 
Thema abzuleugnen, weil für eine lleihe von Fällen die Möglichkeit 
einer natürlichen psychologischen Erklärung vielleicht nahe bevorsteht. 

/) Die ethischen Gefühle im Traume. 

Aus Motiven, welche erst nach Kenntnisnahme meiner eigenen 
Untersuchungen über den Traum verständlich werden können, bahn, 
ich von dem Thema der Psychologie des Traumes das Teilproblem 
abgesondert, ob und inwieweit die moralischen Dispositionen und Emp- 
findungen des Wachens sich ins Traumleben erstrecken. Der nämliche 
Widerspruch in der Darstellung der Autoren, den wir für alle anderen 
seelischen Leistungen mit Befremden bemerken mußten, macht uns 
auch hier betroffen. Die einen versichern mit ebensolcher Entschieden- 
heit, daß der Traum von den sittlichen Anforderungen nichts weiß, 
wie die anderen, daß die moralische Natur des Menschen auch fürs 
Traumleben erhalten bleibt. 

Die Berufung auf die allnächtliche Traumerfahrung scheint die 
Richtigkeit der ersteren Behauptung über jeden Zweifel zu erheben. 
.Jessen sagt (p. 553): „Auch besser und tugendhafter wird man nicht 
im Schlafe, vielmehr scheint das Gewissen in den Träumen zu schwei- 
gen, indem man kein Mitleid empfindet und die schwersten Ver- 

* Weitere Literatur und kritische Erörterung dieser Probleme in der Pariser 
Dissertation der To bowolska (1900). 

** Vgl. die Kritik bei H. Ellis, World of Drearns, p. 2G8. 



jg I. Die wissenschaftliche Literatur der Tranmprobleme. 

brechen, Diebstahl, Mord und Totschlag- mit völliger Gleichgültigkeit 
und ohne nachfolgende Heue verüben kann." 

Radestock (p. 146): „Es ist zu berücksichtigen, daß die Asso- 
ziationen im Traume ablaufen und die Vorstellungen sich verbinden, 
ohne daß Reflexion und Verstand, ästhetischer Geschmack und sitt- 
liches Urteil etwas dabei vermögen; das Urteil ist höchst schwach 
und es herrscht ethische Gleichgültigkeit vor. _ 

Volkelt (p. 23): „Besonders zügellos aber geht es, wie ^ecLer 
weiß, im Traume in geschlechtlicher Beziehung zu. Wie der irau- 
mende selbst aüfs Äußerste schamlos und jedes sittlichen Geluhles 
und Urteiles verlustig ist, so sieht er auch alle anderen lind selbst die 
verehrtesten Personen mitten in Handlungen, die er im "Wachen auch 
nur in Gedanken mit ihnen zusammenzubringen sich scheuen wurde. 

Den schärfsten Gegensatz hiezu bilden Äußerungen wie die 
von Schopenhauer, daß jeder im Traume in vollster Gemaüheit 
seines Charakters handle und rede. R. Ph. F i s c h e r * behauptet, 
daß die subjektiven Gefühle und Bestrebungen oder Affekte und 
Leidenschaften in der ."Willkür des Traumlebens sich offenbaren, daß 
die moralischen Eigentümlichkeiten der Personen in ihren .träumen 

sich spiegeln. *■',', • i 

Haffner (p. 25): „Seltene Ausnahmen abgerechnet,... wird 
ein tugendhafter Mensch auch im Traume tugendhaft sein; er wird 
den Versuchungen widerstehen, dem Haß, dem Neid, dem Zorn und 
allen Lastern sich verschließen ; der Mann der Sünde aber wird auch 
in seinen Träumen in der Regel die Bilder finden, die er im \\ achen 

vor sich hatte." 

Scholz (p. 36): „Im Traume ist Wahrheit, trotz aller Mas- 
kierung in Hoheit oder Erniedrigung erkennen wir unser eigenes 
Selbst wieder. - - . Der ehrliche Mann kann auch im Traume kein 
entehrendes Verbrechen begehen, oder wenn es doch der Fall ist, so 
entsetzt er sich darüber als über etwas seiner Natur Fremdes. Der 
römische Kaiser, der einen seiner Untertanen hinrichten ließ, weil 
diesem geträumt hatte, er habe dem Kaiser den Kopf abschlagen 
lassen, hatte darum so unrecht nicht, wenn er dies damit recht- 
fertigte, daß, wer so träume, auch ähnliche Gedanken im Wachen 
haben müsse. Von etwas, das in unserem Innern keinen Raum haben 
kann, sagen wir deshalb auch bezeichnenderweise: „Es fällt mir auch 
im Traume nicht ein." 

Im Gegensatz hiezu meint Plato, diejenigen seien die besten, 
denen das, was andere wachend tun, nur im Traume einfalle.^ 

Pf äff sagt geradezu in Abänderung eines bekannten Sprich- 
wortes: „Erzähle mir eine Zeitlang deine Träume und ich will dir 
sagen, wie es um dein Inneres steht." 

Die kleine Schrift von Hildebrandt, der ich bereits so zahl- 
reiche Zitate entnommen habe, der formvollendetste und gedanken- 
reichste Beitrag zur Erforschung der Traumprobleme, den ich in der 
Literatur gefunden, rückt gerade das Problem der Sittlichkeit im 
Traume in den Mittelpunkt ihres Interesses. Auch lur Hiide- 

* Gruntküge des Systems der Authropologie. Erlangen 1850. (Nach Spitta.) 



Unsittliche Trimme. 47 

brau dt stellt es als Kegel fest: Je reiner das Leben, desto reiner 
der Traum ; je unreiner Jenas, desto unreiner dieser. 

Die sittliche Natur des Menschen bleibt auch im Traume be- 
stehen: „Aber während kein noch so handgreiflicher Rechnungsfehler, 
keine noch so romantische Umkehr der Wissenschaft, kein noch so 
scherzhafter Anachronismus uns verletzt oder uns auch nur ver- 
dächtig wird, so geht uns doch der Unterschied zwischen Gut und 
Böse, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Tugend und Laster nie 
verloren. Wie vieles auch von dem, was am Tage mit uns geht, in 
den Schlummerstunden weichen mag, — Kants kategorischer Impe- 
rativ hat sich als untrennbarer Begleiter so an unsere Fersen ge- 
heftet, daß wir ihn auch schlafend nicht los werden. . . . Erklären 
aber läßt sich (diese Tatsache) eben nur daraus, daß das Fundamen- 
tale der Menschennatur, das sittliche Wesen, zu fest gefügt ist, um 
an der Wirkung der kaleidoskopischen Durchschüttelung teilzuneh- 
men, welcher Phantasie, Verstand, Gedächtnis und sonstige Fakul- 
täten gleichen Ranges im Traume unterliegen" (p. 45 u. ff.). 

In der weiteren Diskussion des Gegenstandes sind nun merk- 
würdige Verschicbungen und Inkonsequenzen bei beiden Gruppen von 
Autoren hervorgetreten. Streng genommen wäre für alle diejenigen, 
welche meinen, im Traume zerfalle die sittliche Persönlichkeit des 
Menschen, das Interesse an den unmoralischen Träumen mit dieser 
Erklärung zu Ende. Sie könnten den Versuch, den Träumer für seine 
Träume verantwortlich zu machen, aus der Schlechtigkeit seiner 
Träume auf eine böse Regung in seiner Natur zu schließen, mit der- 
selben Ruhe ablehnen wie den anscheinend gleichwertigen Versuch, 
aus der Absurdität seiner Träume die Wertlosigkeit seiner intellek- 
tuellen Leistungen im Wachen zu erweisen. Die anderen, für die 
sich „der kategorische Imperativ" auch in den Traum erstreckt, hätten 
die Verantwortlichkeit für unmoralische Träume ohne Einschränkung 
anzunehmen; es wäre ihnen nur zu wünschen, daß eigene Träume 
von solch verwerflicher Art sie nicht an der sonst festgehaltenen 
Wertschätzung der eigenen Sittlichkeit irre machen müßten. 

Nun scheint es aber, daß niemand von sich selbst so recht 
sicher weiß, inwieweit er gut oder böse ist, und daß niemand die 
Erinnerung an eigene unmoralische Träume verleugnen kann. Denn 
über jenen Gegensatz in der Beurteilung der Traummoralität hinweg 
zeigen sich bei den Autoren beider Gruppen Bemühungen, die Her- 
kunft der unsittlichen Träume aufzuklären, und es entwickelt sich 
ein neuer Gegensatz, je nachdem deren Ursprung in den Funktionen 
des psychischen Lebens oder in somatisch bedingten Beeinträchtigun- 
gen desselben gesucht wird. Die zwingende Gewalt der Tatsächlich- 
keit läßt dann Vertreter der Verantwortlichkeit wie der Unverant- 
lichkeit des Traumlebens in der Anerkennung einer besonderen psy- 
chischen Quelle für die Unmoralität der Träume zusammentreffen. 

Alle die, welche die Sittlichkeit im Traume fortbestehen lassen, 
hüten sich doch davor, die volle Verantwortlichkeit für ihre Träume 
zu übernehmen. Haffner sagt (p. 24): „Wir sind für Träume nicht 
verantwortlich, weil unserem Denken und Wollen die Basis entrückt 
ist, auf welcher unser Leben allein Wahrheit und Wirklichkeit hat. . . 



4g I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

Es kann eben darum kein Traumwollen ' und Traumhandeln Tugend 
oder Sünde sein." Doch ist der Mensch für den sündhaften Traum 
verantwortlich, sofern er ihn indirekt verursacht. Es erwächst für 
ihn die Pflicht, wie im Wachen, so ganz besonders vor dem Schlafen- 
gehen seine Seele sittlich zu reinigen. 

Viel tiefer reicht die Analyse dieses Gemenges von Ablehnung 
iind von Anerkennung der Verantwortlichkeit für den sittlichen In- 
halt der Träume bei H i 1 d e b r a n d t. Nachdem er ausgeführt, daß die 
dramatische Darstellungs weise des Traumes, die Zusammendrängung 
der kompliziertesten Uberlegungs Vorgänge in das kleinste Zeiträum- 
chen und die auch von ihm zugestandene Entwertung und Vermen- 
gung der Vorstellungselemente im Traume gegen den unsittlichen An- 
schein der Träume in Abzug gebracht werden muß, gesteht er, daß 
es doch den ernstesten Bedenken unterliege, alle Verantwortung für 
Traumsünden und -schulden schlechthin zu leugnen. 

(p. 49) : „"Wenn wir irgend eine ungerechte Anklage, namentlich 
eine solche, die sich auf unsere Absichten und Gesinnungen bezieht, 
recht entschieden zurückweisen wollen, so gebrauchen wir wohl die 
Redensart: Das sei uns nicht im Traume eingefallen. Damit sprechen 
wir allerdings einerseits aus, daß wir das Traumgebiet für das fernste 
und letzte halten, auf welchem wir für unsere Gedanken einzustehen 
hätten, weil dort diese Gedanken mit unserem wirklichen Wesen nur 
so lose und locker zusammenhängen, daß sie kaum noch als 'die 
unsrigen betrachtet werden dürfen; aber indem wir eben auch auf 
diesem Gebiete das Vorhandensein solcher Gedanken ausdrücklich zu 
leugnen uns veranlaßt fühlen, so geben wir doch indirekt damit zu- 
gleich zu, daß unsere Rechtfertigung nicht vollkommen sein würde, 
wenn sie nicht bis dort hinüber reichte. Und ich glaube, wir reden 
hier, wenn auch unbewußt, die Sprache der Wahrheit." 

(p. 52): „Es läßt sich nämlich keine Traumtat denken, deren 
erstes Motiv nicht irgendwie als Wunsch, Gelüste, Regung vorher 
durch die Seele des Wachenden gezogen wäre." Von dieser ersten 
Regung müsse man sagen: Der Traum erfand es nicht, — er bildete 
es nur nach und spann's nur aus, er bearbeitete nur ein Quentlein 
historischen Stoffes, das er bei uns vorgefunden hatte, in dramatischer 
Form; er setzte das Wort des Apostels in Szene: Wer seinen Bruder 
haßt, der ist ein Totschläger. Und während man das ganze breit 
ausgeführte Gebilde des lasterhaften Traumes nach dem Erwachen, 
seiner sittlichen Stärke bewußt, belächeln kann, so will jener ur- 
sprüngliche Bildungsstoff sich doch keine lächerliche Seite abgewin- 
nen lassen. Man fühlt sich für die Verirrungen des Träumenden 
verantwortlich, nicht für die ganze Summe, aber doch für einen ge- 
wissen Prozentsatz. „Kurz, verstehen wir in diesem schwer anzu- 
fechtenden Sinne das Wort Christi: Aus dem Herzen kommen arge 
Gedanken, — dann können wir auch kaum der Überzeugung uns er- 
wehren, daß jede im Traume begangene Sünde ein dunkles Minimum 
wenigstens von Schuld mit sich führe." 

In den Keimen und Andeutungen böser Regungen, die als Ver- 
süchungsgedanken tagsüber durch unsere Seelen ziehen, findet also 
Hildebrandt die Quelle für die Unmoralität der Träume, und er 



Kontrastierende Vorstellungen. 49 

steht nicht an, diese nnmora.lisc.hen Elemente bei der sittlichen Wert- 
schätzung der Persönlichkeit einzurechnen. Es sind dieselben Gedan- 
ken und die nämliche Schätzung 1 derselben, welche, wie wir wissen, 
die Frommen und Heiligen zu allen Zeiten klagen ließ, sie seien 
arge Sünder*. 

An dem allgemeinen Vorkommen dieser kontrastierenden 
Vorstellungen — bei den meisten Menschen und auch auf anderem 
als ethischem Gebiete — besteht wohl kein Zweifel. Die Beurteilung 
derselben ist gelegentlich eine minder ernsthafte gewesen. Bei Spitta 
findet sich folgende hieher gehörige Äußerung von A. Zeller (Artikel 
„Irre" in der allgemeinen Enzyklopädie der Wissenschaften von Er seh 
und Gruber) zitiert (p. 144) : „So glücklich ist selten ein Geist 
organisiert, daß er zu allen Zeiten volle Macht besäße und nicht immer 
wieder nicht allein unwesentliche, sondern auch völlig fratzenhafte 
und widersinnige Vorstellungen den stetigen, klaren Gang seiner Ge- 
danken unterbrächen, ja die größten Denker haben sich über dieses 
traumartige, neckende und peinliche Gesindel von Vorstellungen zu 
beklagen gehabt, da es ihre tiefsten Betrachtungen und ihre heiligste 
und ernsthafteste Gedankenarbeit stört." 

Ein helleres Licht fällt auf die psychologische Stellung dieser 
Kontrastgedanken aus einer weiteren Bemerkung von Hildebrandt, 
daß der Traum uns wohl bisweilen in Tiefen und Falten unseres 
Wesens blicken lasse, die uns im Zustand des Wachens meist ver- 
schlossen bleiben (p. 55). Dieselbe Erkenntnis verrät Kant an einer 
Stelle der Anthropologie, wenn er meint, der Traum sei wohl dazu 
da, um uns die verborgenen Anlagen zu entdecken und uns zu offen- 
baren, nicht was wir sind, sondern was wir hätten werden können, 
wenn wir eine andere Erziehung gehabt hätten; Radestock (p. 84) 
mit den Worten, daß der Traum uns nur offenbart, was wir uns 
nicht gestehen wollen, und daß wir ihn darum mit Unrecht einen 
Lügner und Betrüger schelten. J. E. Erdmann äußert: „Mir hat 
nie ein Traum offenbart, was von einem Menschen zu halten sei, 
allein was ich von "ihm halt© und wie ich hinsichtlich seiner gesinnt 
bin, das habe ich bereits" einige Male aus einem Traume gelernt zu 
meiner eigenen großen Überraschung." Und ähnlich meint J. H. F ichtc : 
„Der Charakter unserer Träume bleibt ein weit treuerer Spiegel 
unserer Gesamtstimmung, als was wir davon durch die Selbstbeob- 
achtung des Wachens erfahren." Wir werden aufmerksam gemacht, 
daß das Auftauchen dieser unserem sittlichen Bewußtsein fremden 
Antriebe nur analog ist zu der uns bereits bekannten Verfügung des 
Traumes über anderes Vorstellungsmatcrial, welches dem Wachen 
fehlt oder darin eine geringfügige Rolle spielt, durch Bemerkungen 
wie die von Benini : „Gerte nostre inclinazioni che si credevano 
soffocate e spente da un pezzo, si ridestano; passioni vecchie e 



* Es ist nicht ohne Interesse zu erfahren, wie sich die heilige Inquisition, 
zu unserem Problem gestellt. Im Tractatus de Officio sancLissimae Inquisitionis 
des Thomas Carefla, Lyoner Ausgabe, 1659, ist folgende Stelle: ,. Spricht je- 
mand im Traum Ketzereien aus, so sollen die Inquisitoren daraus Anlaß nehmen, 
seine Lebensführung zu untersuchen, denn im Schlafe pflegt das wiederzukommen, 
was nnter Tags jemand beschäftigt hat." (Dr. E h n i g e r, S. Urban, Schweiz.) 

Freud, Traumdeutung. 5. Aufl. * 



50 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 



sepolte rivivono; cose e persone a cui non pensiamo mai, ci vengono. 
dinanzi" (p. 149) und von Volkelt: „Auch. Vorstellungen, die in 
das wache Bewußtsein fast unbeachtet eingegangen sind und von ihm 
vielleicht nie wieder der Vergessenheit entzogen würden, pflegen 
sehr häufig dem Traum ihre Anwesenheit in der Seele kundzutun" 
(p. 105). Endlich ist es hier am Platze uns zu erinnern, daß nach 
Schleier mach er schon das Einschlafen vom Hervortreten unge- 
wollter Vorstellungen -(Bilder) begleitet war. 

Als „ungewollte Vorstel hingen" dürfen wir nun dies ganze 
Vorstellungsmaterial zusammenfassen, dessen Vorkommen in den un- 
moralischen wie in den absurden Träumen unser Befremden erregt. 
Ein wichtiger Unterschied liegt nur darin, daß die ungewollten Vor- 
stellungen auf sittlichem Gebiete den Gegensatz zu unserem sonstigen 
Empfinden erkennen lassen, während die anderen uns bloß fremd- 
artig erscheinen. Es ist bisher kein Schritt geschehen, der uns er- 
möglichte, diese Verschiedenheit durch tiefer gehende Erkenntnis auf- 
zuheben. 

Welche Bedeutung hat nun das Hervortreten ungewollter Vor- 
stellungen im Traume, welche Schlüsse für die Psychologie der 
wachenden und der träumenden Seele lassen sich aus diesem nächt- 
lichen Auftauchen kontrastierender ethischer Regungen ableiten? Hier 
ist eine neue Meinungsverschiedenheit und eine abermals verschiedene 
Gruppierung der Auteren zu verzeichnen. Den Gedankengang von 
Hildebrandt und anderen Vertretern seiner Grund ansieht kann man 
wohl nicht anderswohin fortsetzen, als daß den unmoralischen Re- 
gungen auch im Wachen eine gewisse Macht innewohne, die zwar 
gehemmt ist, bis zur Tat vorzudringen, und daß im Schlafe etwas 
wegfalle, was, gleichfalls wie eine Hemmung wirksam, uns gehindert 
habe, die Existenz dieser Regung zu bemerken. Der Traum zeigte so 
das wirkliche, wenn auch nicht das ganze Wesen des Menschen, und 
gehörte zu den Mitteln, das verborgene Seeleninnere für unsere Kennt- 
nis zugänglich zu machen. Nur von solchen Voraussetzungen her 
kann Hildebrandt dem Traume die Rolle eines Warners zuweisen, 
der uns auf verborgene sittliche Schäden unserer Seele aufmerksam 
macht, wie er nach dem Zugeständnis der Ärzte auch bisher unbe- 
merkte körperliche Leiden dem Bewußtsein verkünden kann. Und 
auch Spitta kann von keiner anderen Auffassung geleitet sein, wenn 
er auf die Erregungsquellen hinweist, die zur Zeit der Pubertät z. B. 
der Psyche zufließen, und den Träumer tröstet, er habe alles getan, 
was in seinen Kräften steht, wenn er im Wachen einen streng tugend- 
haften Lebenswandel geführt und sich bemüht hat, die sündigen 
Gedanken, so oft sie kommen, zu unterdrücken, sie nicht reifen und 
zur Tat werden zu lassen. Nach dieser Auffassung könnten wir die 
„ungewollten" Vorstellungen als die während des Tages „unter- 
drückten'? bezeichnen und müßten in ihrem Auftauchen ein echtes 
psychisches Phänomen erblicken. 

Nach anderen Autoren hätten wir kein Recht zu letzterer Fol- 
gerung. Für Jessen stellen die ungewollten Vorstellungen im Traume 
wie im Wachen und in Fieber- und anderen Delirien „den Charakter 
einer zur Ruhe gelegten Willenstätigkeit und eines gewissermaßen 



Dm Unterdrückte, 



51 



mechanischen Prozesses von Bildern und Vorstellungen durch 
innere Bewegungen dar" (p. 360). Ein unmoralischer Traum beweise 
weiter nichts für das Seelenlehen des Träumers, als daß dieser von 
dem betreffenden Vorstellungsinhalt irgendwie einmal Kenntnis ge- 
t wonnen habe, gewiß nicht eine ihm eigene Seelenregung. Bei einem 
anderen Autor, Maury, könnte man in Zweifel geraten, ob nicht 
auch er dem Traumzustand die Fähigkeit zuschreibt, die seelische 
Tätigkeit nach ihren Komponenten zu zerlegen, anstatt sie planlos 
zu zerstören. Er sagt von den ' Träumen, in denen man sich über 
die Schranken der Moralität hinaussetzt: „Ce sont nos penchants qui 
parlent et qui nous fönt agir, sans que la conscience, nous retienne. 
bien que parfoit ello nous avertisse. J'ai mes defauts et mes pen- 
chants yicieux ; ä l'etat de veille, je täche de lutter contre eux, et 
il m'arrivc assez souvent de n'y pas suecomber. Mais dans mes songes 
j'y suecombe toujours ou pour mieux dire j'agis par leur impulsion, 
sans crainto et sans remords. . . . Evidemment les visions qui sc 
deroulent devant ma pensee et qui constituent le reve, nie sont sug- 
gerees par les incitations que je ressens et que ma volonte absente 
ne cherchc pas ä refouler" (p. 113). 

Wenn man an die Fälligkeit des Traumes glaubte, eine wirklich 
vorhandene, aber unterdrückte oder versteckte unmoralische Dispo- 
sition des Träumers zu enthüllen, so könnte man dieser Meinung 
schärferen Ausdruck nicht geben als mit den Worten Maurys 
(p. 115) : „En reve riiomme sc revelc donc tout entier ä soi-meme 
dans sa nudite et sa misere natives. Des qu'il suspend l'exercice 
de sa volonte, il devient le jouet de toutes les passions contre les- 
quelles, a l'etat de veille la conscience, le sentiment d'honneur, la 
crainte nous defendent." An anderer Stelle findet er das treffende 
Wort (p. 462): „Dans le reve, e'est surtout l'homme instinetif qui 
se revele. .^. . L'homme revient pour ainsi dire ä l'etat de nature 
quand il reve; mais moins les idees acquises ont penetre dans son 
esprit, plus les penchants en desaecord avec elles conservent 
encore sur lui d'influence dans le reve." Er führt dann als Beispiel 
an, daß seine Träume ihn nicht selten als Opfer gerade jenes Aber- 
glaubens zeigen, den er in seinen Schriften am heftigsten bekämpft 
hat. 

Der Wert all dieser scharfsinnigen Bemerkungen für eine psy- 
chologische. Erkenntnis des Traumlebens wird aber bei Maury da- 
durch beeinträchtigt, daß er in den von ihm so richtig beobachteten 
Phänomenen nichts als Beweise für den „Automatisme psychologique" 
sehen will, der nach ihm das .Traumleben beherrscht. Diesen Auto- 
matismus faßt er als vollen Gegensatz zur psychischen Tätigkeit. 

Eine. Stelle in den Studien über das Bewußtsein von Stricker 
lautet: „Der Traum besteht nicht einzig und allein aus Täuschungen; 
wenn man sich im Traume z. B. vor lläubem fürchtet, so sind die 
Räuber zwar imaginär, die Furcht aber ist real." So wird man auf- 
merksam darauf gemacht, daß die Affektentwicklung im Traume die 
Beurteilung nicht zuläßt, welche man dem übrigen Trauminhalt 
schenkt, und das Problem wird vor uns aufgerollt, was an den psy- 
chischen Vorgängen im Traume real sein mag, das heißt einen An- 

4* 



• 



,-,2 1. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

sprach auf Einreihung unter die psychischen Vorgänge des Wachens 
beanspruchen darf?" 

g) Traumtheorien und Funktion des Traumes. 

Eine Aussage über den Traum, welche möglichst viele der 
beobachteten Charaktere desselben von einem Gesichtspunkte aus zu- 
erklären versucht und gleichzeitig die Stellung des Traumes zu einem 
umfassenderen Erscheinungsgebiet bestimmt, wird man eine Traum- 
theorie heißen dürfen. Die einzelnen Traumtheorien werden sich 
darin unterscheiden, daß sie den oder jenen Charakter des Traumes 
zum wesentlichen erheben, Erklärungen und Beziehungen an ihn an- 
knüpfen lassen. Eine Funktion, d. i. ein Nutzen oder eine sonstige 
Leisümg des Traumes, wird nicht notwendig aus der Theorie ableitbar 
sein müssen, aber unsere auf die Teleologie gewohnheitsgemäß ge- 
richtete Erwartung wird doch jenen Theorien entgegenkommen, die 
mit der Einsicht in eine Funktion des Traumes verbunden sind- 

Wir haben bereits mehrere Auffassungen des Traumes kennen 
gelernt, die den Namen von Traumtheorien in diesem Sinne mehr 
oder weniger verdienten. Der Glaube der Alten, daß der Tra-im eine 
Sendung der Götter sei, um die Handlungen der Menschen zu lenken, 
war eine vollständige Theorie des Traumes, die über alles am Traum 
Wissenswerte Auskunft erteilte. Seitdem der Traum ein Gegenstand 
der biologischen Forschung geworden ist, kennen wir eine größere An- 
zahl von Traumtheorien, aber darunter auch manche recht unvoll- 
ständige. 

Wenn man auf Vollzähligkeit verzichtet, kann man etwa folgende 
lockere Gruppierung der Traumtheorien versuchen, je nach der zu 
Grunde gelegten Annahme über Maß und Art der psychischen Tätig- 
keit im Traume : 

1. Solche Theorien, welche die volle psychische Tätigkeit des 
Wachens sich in dem Traume fortsetzen lassen, wie die von Del- 
b o e u f . Hier schläft die Seele nicht, ihr Apparat bleibt intakt, aber 
unter die vom Wachen abweichenden Bedingungen des Schlafzustandes 
gebracht, muß sie bei normalem Funktionieren andere Ergebnisse liefern 
als im Wachen. Bei diesen Theorien fragt es sich, ob sie im stände 
sind, die Unterschiede des Traumes von dem Nachdenken sämtlich aus 
den Bedingungen des Schlafzustandes abzuleiten. Überdies fehlt ihnen 
ein möglicher Zugang zu einer Funktion des Traumes; man sieht 
nicht ein, wozu man träumt, warum der komplizierte Mechanismus 
dos seelischen Apparates weiter spielt, auch wenn er in Verhältnisse 
versetzt wird, für die er nicht berechnet scheint. Traumlos schlafen, 
oder wenn störende Reize kommen, aufwachen, bleiben die einzig 
zweckmäßigen Reaktionen anstatt der dritten, der des Träumens. 

2. Solche Theorien, welche im Gegenteil für den Traum eine 
Herabsetzung der psychischen Tätigkeit, eine Auflockerung der Zu- 
sammenhänge, eine Verarmung an anspruchsfähigem Material ari- 

• nehmen. Diesen Theorien zufolge müßte eine ganz andere psycho- 
logische Charakteristik des Schlafes gegeben werden als etwa nach 
Delboeuf. Der Schlaf erstreckt sich weit über die Seele, er besteht 
nicht bloß in einer Absperrung der Seele von der Außenwelt,, er 
dringt vielmehr in ihren Mechanismus ein und macht ihn zeitweilig 






Tiauintlieorieii. Der partielle Schlaf. 53 

unbrauchbar. Wenn ich einen Vergleich mit psychiatrischem Material 
heranziehen darf, so möchte ich sagen, die ersteren Theorien kon- 
struieren den Traum wie eine Paranoia, die zweiterwähnten machen 
ihn zum Vorbilde des Schwachsinnes oder einer Amentia. 

Die Theorie, daß im Traumleben nur ein Bruchteil der durch 
den Schlaf lahmgelegten Seelentätigkcit zum Ausdruck komme, ist 
die bei ärztlichen Schriftstellern und in der wissenschaftlichen Welt 
überhaupt weit bevorzugte. Soweit ein allgemeineres Interesse für 
Traunierklärung vorauszusetzen ist, darf man sie wohl als die herr- 
schende Theorie des Traumes bezeichnen. Es ist hervorzuheben, 
mit welcher Leichtigkeit gerade diese Theorie die ärgste Klippe jeder 
Traumerklärung, nämlich das Scheitern an einem der durch den 
Traum verkörperten Gegensätze, vermeidet. Da ihr der Traum das 
Ergebnis eines partiollen "Wachens ist („ein allmähliches, partielles 
und zugleich sehr anomalisches Wachen" sagt Herbarts Psychologie 
über den Traum), so kann sie durch eine Heihe von Zuständen von 
immer weitergehender Erweckung bis zur vollen Wachheit die ganze 
Reihe von der Minderleistung des Traumes, die sich durch Absurdität 
verrät, bis zur voll konzentrierten Denkleistung decken. 

Wem die physiologische Darstellungsweise unentbehrlich gewor- 
den ist oder wissenschaftlicher dünkt, der wird diese Theorie des 
Traumes in der Schilderung von Binz ausgedrückt finden fp. 43): 

„Dieser Zustand (von Erstarrung) aber geht in den frühen Mor- 
genstunden nur allmählich seinem Ende entgegen. Immer geringer 
werden die in dem Gehirneiweiß aufgehäuften Ermüdungsstoffe und 
immer mehr von ihnen wird zerlegt oder von dem rastlos treibenden 
Blutstrom fortgespült. Da und dort leuchten schon einzelne Zellcn- 
haufen wach geworden hervor, während ringsumher noch alles in Er- 
starrung ruht. Es tritt nun die isolierte Arbeit der Einzel- 
gruppen vor unser umnebeltes Bewußtsein und zu ihr fehlt die 
Kontrolle anderer, der Assoziation vorstehender Gehirnteile. Darum 
fügen die geschaffenen Bilder, welche meist den materiellen Ein- 
drücken naheliegender Vergangenheit entsprechen, sich wild und regel- 
los aneinander. Immer größer wird die Zahl der freiwerdenden Gehirn- 
zellen, immer geringer die Unvernunft des Traumes." 

Man wird die Auffassung des Träumens als eines unvollstän- 
digen, partiellen Wachens oder Spuren von ihrem Einflüsse sicherlich 
bei allen modernen Physiologen und Philosophen finden. Am aus- 
führlichsten ist sie bei Maury dargestellt. Dort hat es oft den 
Anschein, als stellte sich der Autor das Wachsein oder Eingeschlafcn- 
sein nach anatomischen Regionen verschiebbar vor, wobei ihm aller- 
dings eine anatomische Provinz und eine bestimmte psychische Funk- 
tion aneinander gebunden erscheinen. Ich möchte hier aber nur an- 
deuten, daß, wenn die Theorie des partiellen Wachens sich bestätigte, 
über den feineren Ausbau derselben sehr viel zu verhandeln wäre. 

Eine Funktion des Traumes kann sich bei dieser Auffassung des 
Traumlebens natürlich nicht herausstellen. Vielmehr wird das Urteil 
über ' die Stellung, und Bedeutung des Traumes konsequenterweise 
durch die Äußerung von Binz gegeben (p. 357): „Alle Tatsachen, 
wie wir. sehen, drängen dahin, den Traum als einen kör per liehen, 



54 !• Die wissenschaftliche Literatur der Traum|>robleme. 

in allen Fällen unnützen, in vielen Fällen geradezu krankhaften Vor- 
gang zu kennzeichnen. . ." 

Der Ausdruck „körperlich" mit Beziehung auf den Traum, der 
seine Hervorhebung dem Autor selbst verdankt, weist wohl nach 
mehr als einer Richtung. Er bezieht sich zunächst auf die Traum- 
ätiologie, die ja B i n z besonders nahe lag, wenn er die experimentelle 
Erzeugung von Träumen durch Darreichung von Giften studierte. Es 
liegt nämlich im Zusammenhange dieser Art von Traumtheorien, die 
Anregung zum Träumen womöglich ausschließlich von somatischer 
Seite ausgehen zu lassen. In extremster Form dargestellt, lautete es 
so: Nachdem wir durch Entfernung der Eeize uns in Schlaf ver- 
setzt haben, wäre zum Träumen kein Bedürfnis und kein Anlaß bis 
zum Morgen, wo das allmähliche Erwachen durch die neu anlangen- 
den Heize sich in dem Phänomen des Träumens spiegeln könnte. Nun 
gelingt es aber nicht, den Schlaf reizlos zu erhalten; es kommen, 
ähnlich wie Mephisto von den Lebenskeimen klagt, von überall her 
Reize an den Schlafenden heran, von* außen, von innen, von all den 
Körpergebieten sogar, um die man sich als Wachender nie gekümmert 
hat. So wird der Schlaf gestört, die Seele bald an dem, bald an jenem 
Zipfelchen wachgerüttelt und funktioniert dann ein Weilchen mit dem 
geweckten Teil, froh wieder einzuschlafen. Der Traum ist die Re- 
aktion auf die durch den Reiz verursachte Schlafstörung, übrigens 
eine rein überflüssige Reaktion. 

Den Traum, der doch immerhin eine Leistung des Seelenorgans 
bleibt, als einen körperlichen Vorgang zu bezeichnen, hat aber auch 
noch einen anderen Sinn. Es ist die Würde eines psychischen Vor- 
ganges, die damit dem Traume abgesprochen werden soll. Das in 
seiner Anwendung auf den Traum bereits sehr alte Gleichnis von 
den „zehn Fingern eines der Musik ganz unkundigen Menschen, die 
über die Tasten des Instrumentes hinlaufen", veranschaulicht vielleicht 
am besten, welche Würdigung die Traumleistung bei den Vertretern 
der exakten Wissenschaft zumeist gefunden hat. Der Traum wird in 
dieser Auffassung etwas ganz und gar Undeutbares; denn wie sollten 
die zehn Finger des unmusikalischen Spielers ein Stück Musik pro- 
duzieren können? 

Es hat der Theorie des partiellen Wachens schon frühzeitig 
nicht an Einwänden gefehlt. Burdach meint 1830: „Wenn man 
sagt, der Traum sei ein partielles Wachen, so wird damit erstlich 
weder das AVachen, noch das Schlafen erklärt, zweitens nichts anderes 
gesagt, als daß einige Kräfte der Seele im Traume tätig sind, während 
andere ruhen- Aber solche Ungleichheit findet während des ganzen 
Lebens statt. . ." (p. 483.) 

An die herrschende Traumtheorie, welche im Traume einen „kör- 
perlichen" Vorgang sieht, lehnt sich eine sehr interessante Auffas- 
sung des Traumes an, die erst 1866 von Robert ausgesprochen 
wurde und die bestechend wirkt, weil sie für das Träumen eine 
Funktion, einen nützlichen Erfolg anzugeben weiß. Robert nimmt 
zur Grundlage seiner Theorie zwei Tatsachen der Beobachtung, bei 
denen wir bereits in der Würdigung des Traummaterials verweilt 



Theorie von Robert. 



55 



haben (vgl. S. 13), nämlich, daß man so häufig von den nebensächlich- 
sten Eindrücken des Tages träumt, und daß man so selten die großen 
Interessen des Tages mit hinübernimmt. Robert behauptet als aus- 
schließlich richtig: „Es werden nie Dinge, die man voll ausgedacht 
hat, zu Traumerregern, immer nur solche, die einem unfertig im 
Sinne liegen oder den Geist flüchtig streifen" (p. 10). — „Darum kann 
man meistens den Traum sich nicht erklären, weil die Ursachen des- 
selben eben die nicht zum genügenden Erkennen des Träu- 
mende n gekommenen Sinneseindrücke des verflossenen 
Tages sind." Die Bedingung, daß ein Eindruck in den Traum ge- 
lange, ist also, entweder daß dieser Eindruck in seiner Verarbeitung 
gestört wurde, oder daß er als allzu unbedeutend auf solche Ver- 
arbeitung keinen Anspruch hatte. 

Der Traum stellt sich Robert nun dar „als ein körperlicher 
Ausscheidungsprozeß, der in seiner geistigen Reaktionserscheinung 
zum Erkennen gelangt". Träume sind Ausscheidungen von 
im Keime erstickten Gedanken. „Ein Mensch, dem man die 
Fähigkeit nehmen würde, zu träumen, müßte in gegebener Zeit 
geistesgestört werden, weil sich in seinem Hirn eine Unmasse un- 
fertiger, unausgedachter Gedanken und seichter Eindrücke ansammeln 
würde, unter deren "Wucht dasjenige ersticken müßte, was dem Ge- 
dächtnisse als fertiges Ganzes einzuverleiben wäre." Der Traum leistet 
dem überbürdeten Gehirn die Dienste eines Sicherheitsventils. Die 
Träume haben heilende, entlastende Kraft (p. 32). 

Es wäre mißverständlich, an Robert die Krage zu richten, 
wie denn durch das Vorstellen im Traume eine Entlastung der Seele 
herbeigeführt werden kann. Der Autor schließt offenbar aus jenen 
beiden Eigentümlichkeiten des Traummaterials, daß während des 
Schlafes eine solche Ausstoßung von wertlosen Eindrücken irgend- 
wie als somatischer Vorgang vollzogen werde, und das Träumen ist 
kein besonderer psychischer Prozeß, sondern nur die Kunde, die wir 
von jener Aussonderung erhalten, "übrigens ist eine Ausscheidung nicht 
das einzige, was nachts in der Seele vorgeht. Robert fügt selbst 
hinzu, daß überdies die Anregungen des Tages ausgearbeitet werden, 
und „was sich von dem unverdaut im Geiste liegenden Gedanken- 
stoff nicht ausscheiden läßt, wird durch der Phantasie entlehnte 
Gedankenfäden zu einem abgerundeten Ganzen ver- 
bunden und so dem Gedächtnisse als unschädliches Phantasiegemäldc 
eingereiht" (p. 23). 

In den schroffsten Gegensatz zur herrschenden Theorie tritt die 
Roberts aber in der Beurteilung der Traumquellen. "Wahrend dort 
überhaupt nicht geträumt würde, wenn nicht die äußeren und inneren 
Sensationsreize die Seele immer wieder weckten, liegt der Antrieb 
zum Träumen nach der Theorie Roberts in der Seele selbst, in ihrer 
Überladung, die nach Entlastung verlangt, und Robert urteilt voll- 
kommen konsequent, daß die im körperlichen Befinden liegenden 
traumbedingenden Ursachen einen untergeordneten Rang einnehmen 
und einen Geist, in dem kein dem wachen -Bewußtsein entnommener 
Stoff zur Traumbildung wäre, keinesfalls zum Träumen veranlassen 






£>6 I- Di9 wissenschaftliche Literatur der Tramnprobleine. 

könnten. Zuzugeben sei bloß, daß die im Traume aus den Tiefen 
der beele heraus sich entwickelnden Phantasiebilder durch die Ner- 
venreize beeinflußt werden können (p. 48). So ist der Traum nach 
Itobert doch nicht so ganz abhängig vom Somatischen, er ist zwar 

SV- PSych ? er w V T ng ' hat keine Stelle untei * d en psychischen 
\ 01 gangen des Wachens er ist ein allnächtlicher somatischer Vor- 
gang am Apparat der Seelenlätigkeit und hat eine Funktion zu er- 

SrSlÄf PP ? ra i T ? bcrs P an ™S zu behüten oder, wenn man 
das Gleichnis wechseln darf: die Seele auszumisten. 

Aui die nämlichen Charaktere des Traumes, die in der A.us- 

?t s So H a r matmalS deUt ^ h Werden ' Siützt ™ öderer Aulo, 

achten wie fw ei S cne Theorie, und es ist lehrreich zu beob- 

D nle^i^FnZilT e *"" Wendu ** in der Auffassung derselben 

JDelLf S " T g n n ! and f, er Tra S^ite gewonnen wird. 

durch der S Tod vtwrr^>i. nMhdem er cine ih ™ teuro Persoa 
cht tr'iinnt Zl ' °< Lrfahrun ^ gemacht, daß man von dem 
ers dann ™, I? T* ^^ •««*** beschäftigt hat, oder 
SLT'w , andei ; en Interes sen tagsüber zu weichen beginnt 

mende Material als besfehend a™ Bruchstücke Tn^T* "^^ 
drücken der letzten Tage und frühem Zeiten Al^ V ° D ^ 

Träumen auftritt, was wur znÄSÄJ 1 ,\ uns / ren 
des Traumlebens anzusehen, erweist skh ffÄÄ Sc p ho P fu "S 
unerkannte Koproduktion, als ,Ärt^ 
stellungsinaterial zeigt einen gemeinsamen Charakter, es rührt von 
mdrucken her, die unsere Sinne wahrscheinlich starker be roffen 
haben als unseren Geist, oder von denen die Aufmerksamkeit sehr bald 
nach ihrem Auftauchen wieder abgelenkt wurde. Je weniger beWßt 
und dabei je stärker ein Eindruck gewesen ist, desto mehr Aussicht 
hat er, im nächsten Traume eine Rolle zu spielen. 

Es sind im wesentlichen dieselben zwei Kategorien von Fir» 
drücken, die nebensächlichen und die unerledigten, wie sie Robert 
hervorhebt, aber Belage wendet den Zusammenhang anders, indem 
er meint, diese Eindrücke werden nicht, weil sie gleicho-ültiV sind 
traiimiahig, sondern weil sie unerledigt sind. Auch die nebensächli- 
chen Eindrücke sind gewissermaßen nicht voll erledigt worden, auch 
sie sind ihrer Natur nach als neue Eindrücke „autant de ressorts 
tendus", die sich während des Schlafes entspannen werden. Noch mehr 
Anrecht auf eine Rolle im Traume als der schwache und fast un- 
beachtete Eindruck wird ein starker Eindruck haben, der zufällig in 
seiner Verarbeitung aufgehalten wurde oder mit Absicht zurückge- 
drängt worden ist. Die tagsüber durch Hemmung und Unterdrückung 
aufgespeicherte psychische Energie wird nachts die Triebfeder des 



Theorie von DeInge. 57 

Traumes. Im Traume kommt das psychisch Unterdrückte zum. 
Vorschein*. 

Leider bricht der Gedankengang von Dclage an dieser Stelle 
ab; er kann einer selbständigen psychischen Tätigkeit im Traume, 
nur die. geringste Rolle einräumen und so schließt er sich mit seiner 
Traumtheorie unvermittelt wieder an die herrschende Lehre vom 
partiellen Schlafen des Gehirns an : „En somme le reve est le produit 
de la pensee errante, sans but et sans direction, se f ixant successivc- 
ment sur les Souvenirs, qui ont gardö assez d'intensite pour se placer 
sur sa route et l'arretcr au passage, etablissant entre eux im lien 
tantot faiblo et indecis, tantot plus fort et plus serre selon quo 
l'activitc actuelle du cerveau est plus ou moins abolie par le sommerl." 

3. Zu einer dritten Gruppe kann man jene Theorien des Traumes 
vereinigen, welche der träumenden Seele die Fähigkeit und Neigung 
zu besonderen psychischen Leistungen zuschreiben, die sie imAAaehen 
entweder gar nicht oder nur- in unvollkommener Weise ausfuhren kann. 
Aus der Betätigung dieser Fähigkeiten ergibt sich zumeist eine nütz- 
liche Funktion des Traumes. Die Wertschätzungen, welche der Traum 
bei älteren psychologischen Autoren gefunden hat, gehören meist in 
diese Reihe. Ich will mich aber damit begnügen, an deren Statt ,dje 
Äußerung von Burdach anzuführen, derzufolge der Traum „die 
Naturtätigkeit der Seele ist, welche nicht durch die Macht der In- 
dividualität beschränkt, nicht durch Selbstbewußtsein gestört, nicht 
durch Selbstbestimmung gerichtet wird, sondern die in freiem Spiele 
sich ergehende Lebendigkeit der. sensiblen Zentralpunkte ist" (p.486). 

Dieses Schwelgen im freien Gebrauche der eigenen Kräfte stellen 
sich Burdach u. a. offenbar als einen Zustand vor, in welchem die 
Seele sich erfrischt und neue Kräfte für die Tagesarbeit sammelt, 
also etwa nach Art eines Fericnurlaubes. Burdach zitiert und ak- 
zeptiert darum auch die liebenswürdigen "Worte, in denen der Dichter 
Novalis das Walten des Traumes preist: „Der Traum ist eine Schutz- 
wehr gegen die Regelmäßigkeit und Gewöhnlichkeit des Lebens, eine 
freie Erholung der gebundenen Phantasie, wo sie alle Bilder des 
Lebens durcheinander wirft und die beständige Ernsthaftigkeit des 
erwachsenen Menschen durch ein fröhliches Kinderspiel unterbricht; 
ohne die Träume würden wir gewiß früher alt, und so kann man 
den Traum, wenn auch nicht als unmittelbar von oben gegeben, doch 
als eine köstliche Aufgabe, als einen freundlichen Begleiter auf der 
Wallfahrt zum Grabe betrachten." 

Die erfrischende und heilende Tätigkeit des Traumes schildert 
noch eindringlicher Purkinje (p. 456): „Besonders würden die pro- 
duktiven Träume diese Funktionen vermitteln. Es sind leichte Spiele 
der Imagination, die mit den Tagesbegebenheiten keinen Zusammen- 
hang haben. Die Seele will die Spannungen des wachen Lebens nicht 
fortsetzen, sondern sie auflösen, sich von ihnen erholen. Sie erzeugt 
zuvörderst denen des Wachens entgegengesetzte Zustände. Sie heilt 

* Ganz ähnlich äußerst sich der Dichter Anatole France (Lys rouge): 
Co qno nous voyons la nnifc, ce- sont les restes malbeureux de ce que nous avons 
neglige dans la voille. Le revc est souvent la revanche des choses qu'on mepriso 
ou le reproch© des 6tres abandonnes. 



58 I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprobleme. 

Traurigkeit durch Freude, Sorgen durch Hoffnungen und heitere 
zerstreuende Bilder, Haß durch Liebe und Freundlichkeit, Furcht 
durch Mut und Zuversicht ; den Zweifel beschwichtigt sie durch Über- 
zeugung und festen Glauben, vergebliche Erwartung durch Erfüllung. 
Viele wunde Stellen des Gemütes, die der Tag immerwährend offen 
erhalten würde, heilt der Schlaf, indem er sie zudeckt und vor neuer 
Aufregung bewahrt. Darauf beruht zum Teil die schmerzenheilendc 
SWA^f,^ empfinden es alle, daß der Schlaf eine 
Wohltat für das Seelenleben ist, und die dunkle Ahnung des Volks- 
bewußtseins laßt sich offenbar das Vorurteil nicht rauben, daß der 

spenXt ° iner gG "^ aUf denen dei Schlaf Seine "Wohnten 

Wnn^!Ln ri ^ n + ell ? t u lin J d w £ ite , st Sehende Versuch, den Traum aus einer 
«KS?\ Iatl S keit der Seele, die sich erst im Schlafzustand frei 
Ä&7^ ist der von Scherner 1861 unternom- 
Stü J2SJi22? Bcherners > * Einern schwülen und schwülstigen 
Stil geschrieben, von einer nahezu trunkenen Begeisterung für den 
Gegenstand getragen, die abstoßend wirken muß, fvenn Sticht mit 
sich fortzureißen vermag, setzt einer Analyse solche Schwieriieiten 

SEST Äff™" ZTVP* S-M? klarei ' eü ™ d kürzeren Da" 
Stellung greifen, m welcher der Philosoph Volkelt die Lehren 

Sehern er s uns vorführt. „Es blitzt und leuchtet wohl aus de 

mystischen Zusammenballungen, aus all dem Pracht und ü 

ein. ahnungsvoller Schein von Sinn heran« »11«;,, t,«ii T ? 

durch des Philosophen Pfade ÄÄtriSÄ *e 

Darstellung Scherners selbst bei seinem Anhänger. 

-+oHn ° V n i^ ?e } 101 '} mcht ZU - den Autore »> welche der Seele Ä e- 
statton ihre Fähigkeiten unvemngert ins Traumleben mitzunehmen 
Er fuhrt selbst aus, wie im Traume die Zentralst, die Spontanener^e 
des Ich entnervt wird wie infolge dieser Dezentralisation Erkennen! 
Fühlen, Collen und Vorstellen verändert werden und wie den Übe, 
blei bscin dieser Seelenkräfte kein wahrer Geistcharakter, sondern nur 
noch die Natur eines Mechanismus zukommt. Aber dafür schwingt 
sich im Traume die als Phantasie zu benennende Tätigkeit der 
Seele, frei von aller Verstandesherrschaft und damit der strengen 
Maße ledig", zur unbeschränkten Herrschaft auf. Sie nimmt zwar 
die letzten Bausteine aus dem Gedächtnis des "Wachens, aber führt 
aus ihnen Gebäude auf, die von den Gebilden des "Wachens himmel- 
weit verschieden sind, sie zeigt sich im Traume nicht nur reproduktiv, 
sondern auch produktiv. Ihre Eigentümlichkeiten verleihen dem 
Traumleben seine besonderen Charaktere. Sie zeigt eine Vorliebe für 
das Ungemessene, Übertriebene, Ungeheuerliche. Zu- 
gleich aber gewinnt sie durch die Befreiung von den hinderlichen 
Denkkategorien eine größere Schmiegsamkeit, Behendigkeit, Wendungs- 
lust; sie ist aufs feinste empfindsam für die zarten Stimmungsreize 
des Gemütes, für die wühlerischen Affekte, sie bildet sofort das innere 
Leben in die äußere plastische Anschaulichkeit hinein. Der Traum- 
phantasie fehlt die Begriffssprache; was sie sagen will, 
muß sie anschaulich hinmalen, und da der Begriff hier nicht schwä- 
chend einwirkt, malt sie es in Fülle, Kraft und Größe der An- 



Jy^Jr^- 



Die Theorie S eherner». 59 

schauungsform hin. Ihre Sprache wird hiedurch, so deutlich sie ist, 
weitläufig, schwerfällig, unbeholfen. Besonders erschwert wird die 
. Deutlichkeit ihrer Sprache dadurch, daß sie die Abneigung hat, ein 
Objekt durch sein eigentliches Bild auszudrücken und lieber ein frem- 
des Bild wählt, insofern dieses nur dasjenige Moment des Objektes, 
an dessen Darstellung ihr liegt, durch sich auszudrücken im stände 
ist. Das ist die symbolisierende Tätigkeit der Phantasie. . . 
Sehr wichtig ist ferner, daß die Traumphantasie die Gegenstände 
nicht erschöpfend, sondern nur in ihrem Umriß und diesen in 
freiester Weise nachbildet. Ihre Malereien erscheinen daher wie 
genial hingehaucht. Die Traumphantasie bleibt aber nicht bei der 
bloßen Hinstellung des Gegenstandes stehen, sondern sie ist innerlich 
genötigt, das Traum-Ich mehr oder weniger mit ihm zu verwickeln 
und so eine Handlung zu erzeugen. Der Gesichtsreiztraum z. B. malt 
Goldstücke auf die Straße; der Träumer sammelt sie, freut sich, 
trägt sie davon. 

Das Material, an welchem die Traumphantasie ihre künstlerische 
Tätigkeit vollzieht, ist nach Schorner vorwiegend das der bei Tag 
so dunklen organischen Leibreize (vgl. S. 23), so daß in der Annahme 
der Traumquellen und Traumerreger die allzu phantastische Theorie 
Scherners und die vielleicht übernüchterne Lehre W u n d t s und 
anderer Physiologen, die sich sonst wie Antipoden zueinander ver- 
halten, sich hier völlig decken. Aber während nach der physiologi- 
schen Theorie die seelische Reaktion auf die inneren Leibreize mit der 
Kr weckung von irgend zu ihnen passenden Vorstellungen erschöpft ist, 
die sich dann einige andere Vorstellungen auf dem Wege der Assozia- 
tion zur Hilfe rufen, und mit diesem Stadium die Verfolgung der 
psychischen Vorgänge des Traumes beendigt scheint, geben "die Leib- 
reizo nach Scherner der Seele nur ein Material, das i-ie ihren 
phantastischen Absichten dienstbar machen kann. Die Traumbildung 
fängt für Scherner dort erst an, wo sie für den Blick der an- 
deren versiegt. 

Zweckmäßig wird man freilich nicht finden können, was die 
Traumphantasie mit den Leibreizen vornimmt. Sie treibt ein necken- 
des Spiel mit ihnen, stellt sich die Organquelle, aus der die Reize im 
betreffenden Traume stammen, in irgend einer plastischen Symbolik 
vor. Ja, Scherner meint, worin Volkelt und andere ihm nicht 
folgen, daß die Traumphantasie eine bestimmte Lieblingsdarstellung 
für den ganzen Organismus habe; diese wäre das Haus. Sie scheint 
sich aber zum Glück für ihre Darstellungen nicht an diesen Stoff 
zu binden; sie kann auch umgekehrt ganze Reihen von Häusern 
benutzen, um ein einzelnes Organ zu bezeichnen, z. B. sehr lange 
Häuserstraßen für den Eingeweidereiz. Andere Male stellen einzelne 
Teile des Hauses wirklich einzelne Körperteile dar, so z. B- im 
Kopfschmerztraum die Decke eines Zimmers (welche der Träumer 
mit ekelhaften krötenartigen Spinnen bedeckt sieht) den Kopf- 

Von der Haussymbolik ganz abgesehen, werden beliebige andere 
Gegenstände zur Darstellung der den Traumreiz ausschickenden Kör- 
perteile verwendet- „So findet die atmende Lunge in dem flammen- 
erfüllten Ofen mit seinem luftartigen Brausen ihr Symbol, das Herz 



CO 



J. Die wissenschaftliche Literatur der Tniuraproblenie. 



in hohlen Kisten und Körben, die Harnblase in runden beutelformigen 
oder überhaupt nur ausgehöhlten Gegenständen. Der mannliche Ge- 
schlechtsreiztraum läßt den Träumer den oberen Teil einer Klarinette, . 
daneben den gleichen Teil einer Tabakspfeife, daneben wieder einen 
Pelz auf der Straße finden. Klarinette und Tabakspfeife stellen die 
annähernde Form des männlichen Gliedes, der Pelz das Schamhaar 
dar. Im weiblichen Geschlechtstraume kann sich die Schrittenge der 
zusammenschließenden Schenkel durch einen schmalen, von Häusern 
umschlossenen Hof, die weibliche Scheide durch einen mitten durch 
den Hofraum führenden, schlüpfrig weichen, sehr schmalen Fußpfad 
symbolisieren, 'den die Träumerin wandeln muß, um etwa einen 
Brief zu einem Herrn zu tragen" (Volkelt, p. 39). Besonders wichtig 
ist es, daß am Schlüsse eines solchen Leibreiztraumes die Traum- 
phantasie sich sozusagen demaskiert, indem sie das erregende Organ 
oder dessen Funktion unverhüllt hinstellt. So schließt der „Zahnreiz- 
traum" gewöhnlich damit, daß der Träumer sich einen Zahn aus dem 
Munde nimmt. 

Hie Traumpliantasie kann ihre Aufmerksamkeit aber nicht bloß 
der Form des erregenden Organs zuwenden, sie kann ebensowohl 
die in ihm enthaltene Substanz zum Objekt der Symbolisierung neh- 
men. So führt z. B. der Eingeweidereiztraum durch kotige Straßen, 
der . Harnreiztraum an schäumendes "Wasser. Oder der Reiz als sol- 
cher, die Art seiner Erregtheit, das Objekt, das er begehrt, werden 
symbolisch dargestellt oder das Traum-Ich tritt in konkrete Verbin- 
dung mit den Symbolisierungen des eigenen Zustandes, z. B. wenn 
wir bei Schmerzreizen uns mit beißenden Hunden oder tobenden 
Stieren verzweifelt balgen, oder die Träumerin sich im Geschlechts- 
traume von einem nackten Manne verfolgt sieht. Von all dem mög- 
lichen Reichtum in der Ausführung abgesehen, bleibt eine symboli- 
sierende Phantasietätigkeit als die Zentralkraft eines jeden Traumes 
bestehen. In den Charakter dieser Phantasie näher einzudringen, der 
so erkannten psychischen Tätigkeit ihre Stellung in einem System 
philosophischer Gedanken anzuweisen, versuchte dann Volkelt in 
seinem schön und warm geschriebenen Buche, das aber allzu schwer 
verständlich für jeden bleibt, der nicht durch frühe Schulung für 
das ahnungsvolle Erfassen philosophischer Begriffsschemen vorbe- 
reitet ist. 

Eine nützliche Funktion ist mit der Betätigung der symboli- 
sierenden Phantasie Scherners in den Träumen nicht verbunden. 
Die Seele spielt träumend mit den ihr dargebotenen Reizen. Man 
könnte auf die Vermutung kommen, daß sie unartig spiele. Man 
könnte aber auch an uns die Frage richten, ob unsere eingehende 
Beschäftigung mit Scherners Theorie des Traumes zu irgend etwas • 
Nützlichem führen kann, deren "Willkürlichkeit und Losgebunden- 
heit von den Regeln aller Forschung doch allzu augenfällig scheint. 
Da wäre es denn am Platze, gegen eine Verwerfung der Lehre 
Scherners vor aller Prüfung als allzu hochmütig ein Veto einzu- 
legen. Diese Lehre baut sich auf dem Eindruck auf, den jemand von 
seinen Träumen empfing, der ihnen große Aufmerksamkeit schenkte; 1 
und der persönlich sehr wohl veranlagt scheint, dunklen seelischen 



; 



Die Tranmphnntasie. Q] 

Dingen nachzuspüren. Sie handelt ferner von einem Gegenstand, der 
den Menschen durch Jahrtausende rätselhaft, wohl aber zugleich In- 
halts- und beziehungsreich erschienen ist, und zu dessen Erhellung 
die gestrenge Wissenschaft, wie sie selbst bekennt, nicht viel anderes 
beigetragen hat, als daß sie im vollen Gegensatz zur populären Emp- 
findung dem Objekt Inhalt und Bedeutsamkeit abzusprechen ver- 
suchte. Endlich wollen wir uns ehrlich sagen, daß es den Anschein 
hat, wir könnten bei den Versuchen, den Traum aufzuklären, der 
Phantastik nicht leicht entgehen. Es gibt auch Ganglienzellen-Phan- 
tastik; die p. 53 zitierte Stelle eines nüchternen und exakten For- 
schers wie Binz, welche schildert, wie die Aurora des Erwachens 
über die eingeschlafenen Zell häufen der Hirnrinde hinzieht, steht an 
Phantastik und an — Unwahrscheinlichkcit hinter den Schemer- 
schen Deutungsversuchen nicht zurück. Ich hoffe, zeigen zu können, 
daß hinter den letzteren etwas Reelles steckt, das allerdings nur ver- 
schwommen erkannt worden ist und nicht den Charakter der All- 
gemeinheit besitzt, a.uf den eine Theorie des Traumes Anspruch er- 
heben kann. Vorläufig kann uns die Sehern ersehe Theorie des 
Traumes in ihrem Geg'ensatz zur medizinischen etwa vor Augen 
führen, zwischen welchen Extremen die Erklärung des Traumlebens 
heute noch unsicher schwankt. 

h) Beziehungen zwischen Traum und Geisteskrank- 
heil e n- 

Wer von den Beziehungen des Traumes zu den Geistesstörungen 
spricht, kann dreierlei, meinen : 1. ätiologische und klinische Bezie- 
hungen, etwa wenn ein Traum einen ps3 T chotischen Zustand vertritt, 
einleitet oder nach ihm erübrigt. 2. Veränderungen, die das Traum- 
leben im Falle der Geisteskrankheiten erleidet. 3. Innere Beziehungen 
zwischen Traum und Psychosen, Analogien, die auf "Wesensverwandt- 
schaft hindeuten. Diese mannigfachen Beziehungen zwischen den beiden 
Reihen von Phänomenen sind in früheren Zeiten der Medizin — und 
in der Gegenwart von neuem wieder — ein Lieblingsthema ärztlicher 
Autoren gewesen, wie die bei S p i 1 1 a, Radestock, M a u r y und 
Tissie gesammelte Literatur des Gegenstandes lehrt. Jüngst hat 
Sante de Sanctis diesem Zusammenhange seine Aufmerksamkeit zu- 
gewendet*. Dem Interesse unserer Darstellung wird es genügen, den 
bedeutsamen Gegenstand bloß zu streifen. 

Zu den klinischen und ätiologischen Beziehungen zwischen Traum 
und Psychosen will ich folgende Beobachtungen als Paradigmata mit- 
teilen. Hohnbaum berichtet (hei Krauss), daß der erste Aus- 
bruch des Wahnsinns sich öfters von einem ängstlichen schreckhaften 
Traume herschrieb, und daß die vorherrschende Idee mit diesem Traume 
in Verbindung stand. Sante de Sanctis bringt ähnliche Beobach- 
tungen von Paranoischen und erklärt den Traum in einzelnen der- 
selben für die „vraie cause determinante de la folie". Die Psychose 
kann mit dem wirksamen, die wahnhafte Erklärung enthaltenden Traum 
mit einem Schlage ins Leben treten oder sich durch weitere Träume, 

* Spätere Autoren, die solche Beziehungen behandeln, sind: Fi're, Idol er, 
Lasegue, P £ c h o n, E t> g i s, V o s p a ; G i e s s 1 e r, Kazodowsky, Pachan- 
toni \i. a. 



(32 T. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprohleme. 

die noch gegen Zweifel anzukämpfen haben, langsam entwickeln. In 
einem Falle von de Sanctis schlössen sich an den ergreifenden 
Traum leichte hysterische Anfälle, dann in weiterer Folge ein ängst- 
lich-melancholischer Zustand. Fere (bei Tissie) berichtet von einem 
Traume, der eine hysterische Lähmung zur Folge hatte. Hier wird 
uns der Traum als Ätiologie der Geistesstörung vorgeführt, obwohl 
wir dem Tatbestand ebenso Rechnung tragen, wenn wir aussagen, 
die geistige Störung habe ihre erste Äußerung am Traumleben ge- 
zeigt, sei im Traume zuerst durchgebrochen. In anderen Beispielen 
enthält das Traumleben die krankhaften Symptome oder die Psychose 
bleibt aufs Traumleben eingeschränkt. So macht Thomayer auf 
Angstträume aufmerksam, die als Äquivalente von epileptischen 
Anfällen aufgefaßt werden müssen. Allison hat nächtliche Geistes- 
krankheit (nocturnal insanity) beschrieben (nach Radestock), bei 
der die Individuen tagsüber anscheinend vollkommen gesund sind, 
während bei Nacht regelmäßig Halluzinationen, Tobsuchtsanfalle u. dgl. 
auftreten. Ähnliche Beobachtungen bei de Sanctis (paranoisches 
Traumäquivalent bei einem Alkoholiker, Stimmen, die die Ehefrau 
der Untreue beschuldigen); bei Tissie. Tissie bringt aus neuerer 
Zeit eine reiche Anzahl von Beobachtungen, in denen Handlungen 
pathologischen Charakters (aus Wahnvoraussetzungen, Zwangimpulse) 
sich aus Träumen ableiten. Guislain beschreibt einen Fall, in dem 
der Schlaf durch ein intermittierendes Irresein ersetzt war. 

Es ist wohl kein Zweifel, daß eines Tages neben der- Psycho- 
logie des Traumes eine Psychopathologie des Traumes die Ärzte be- 
schäftiger. wird. 

Besonders deutlich wird es häufig in Fällen von Genesung nach 
Geisteskrankheit, daß bei gesunder Funktion am Tage das Traum- 
leben noch der Psychose angehören kann. Gregory soll auf dieses 
Vorkommen zuerst aufmerksam gemacht haben (nach Krauss). Ma- 
cario (bei Tissie) erzählt von einem Maniacus, der eine Woche nach 
seiner völligen Herstellung in Träumen die Ideenflucht und die leiden- 
schaftlichen Antriebe seiner Krankheit wieder erlebte. 

Über die Veränderungen, welche das Traumleben bei dauernd 
Psychotischen erfährt, sind bis jetzt nur sehr wenige Untersuchungen 
angestellt worden. Dagegen hat die innere Verwandtschaft zwischen 
Traum und Geistesstörung, die sich in so weitgehender Übereinstim- 
mung der Erscheinungen beider äußert, frühzeitig Beachtung gefunden. 
Nach Maury hat zuerst Cabanis in seinen „Rapports du physiquo 
et du moral" auf sie hingewiesen, nach ihm Lelut, J. Moreau 
und ganz besonders der Philosoph Maine de Biran. Sicherlich ist 
die Verglcichung noch älter. Radestock leitet das Kapitel, in dem 
er sie behandelt, mit einer Sammlung von Aussprüchen ein, welche 
Traum und Wahnsinn in Analogie bringen. Kant sagt an einer Stelle: 
„Der Verrückte ist ein Träumer im Wachen." Krauss: „Der Wahn- 
sinn ist ein Traum innerhalb des Sinnen Wachseins." Schopenhauer 
nennt den Traum einen kurzen Wahnsinn und den Wahnsinn einen 
langen Traum. Hagen bezeichnet das Delirium als Traumleben, wel- 
ches nicht durch Schlaf, sondern durch Krankheiten herbeigeführt 
ist. Wundt äußert in der „Physiologischen Psychologie": „In der 



Beziehungen zwischen Traum und Tsychosen. QQ 

Tat können wir im Traume fast alle Erscheinungen, die uns in den 
Irrenhäusern begegnen, selber durchleben." 

Die einzelnen Übereinstimmungen, auf Grund deren eine solche 
Gleichstellung sich dem Urteil empfiehlt, zählt Spitta (übrigens 
sehr ähnlich wie Maury) in folgender Reihe auf: „1. Aufhebung 
oder doch Rctardation des Selbstbewußtseins, infolgedessen Unkennt- 
nis über den Zustand als solchen, also Unmöglichkeit des Erstaunens, 
Mangel des moralischen Bewußtseins. 2. Modifizierte Perzeption der 
Sinnesorgane, und zwar im Traume verminderte, im Wahnsinn im 
allgemeinen selu* gesteigerte. 3. Verbindung der Vorstellungen unter- 
einander lediglich nach den Gesetzen der Assoziation und Reproduk- 
tion, also automatische Reihenbildung, daher Unproportionalität der 
Verhältnisse zwischen den Vorstellungen (Übertreibungen, Phantas- 
men) und aus alle dem resultierend 4. Veränderung, beziehungsweise 
Umkehrung der Persönlichkeit und zuweilen der Eigentümlichkeiten 
des Charakters (Perversitäten)." 

Radestock fügt noch einige Züge hinzu, Analogien im Ma- 
terial: „Im Gebiete des Gesichts- und Gehörsinnes und des Gemein- 
gefühles findet man die meisten Halluzinationen und Illusionen. 
Die wenigsten Elemente liefern wie beim Traume der Geruchs- und 
Geschmacksinn. — Dem Fieberkranken steigen in den Delirien wie 
dem Träumenden Erinnerungen aus langer Vergangenheit auf; was 
der Wachende und Gesunde vergessen zu haben schien, dessen er- 
innert sich der Schlafende und Kranke." — Die Analogie von Traum 
und Psychose erhält erst dadurch ihren vollen Wert, daß sie sich 
wie eine Familienähnlichkeit in die feinere Mimik und bis auf ein- 
zelne Auffälligkeiten des Gesichtsausdruckes erstreckt. 

„Dem von körperlichen und geistigen Leiden Gequälten gewahrt 
der Traum, was die Wirklichkeit versagte: Wohlsein und Glück; so 
heben sich auch bei dem Geisteskranken die lichten Bilder von Glück, 
Größe, Erhabenheit und Reichtum. Der vermeintliche Besitz von 
Gütern und die imaginäre Erfüllung von Wünschen, deren Verwei- 
gerung oder Vernichtung eben einen psychischen Grund des Irreseins 
abgaben, machen häufig den Hauptinhalt des Deliriums aus. Die 
Frau, die ein teures Kind verloren, deliriert in Mutterfreuden, wer 
Vermügensverluste erlitten, hält sich für außerordentlich reich, das 
betrogene Mädchen sieht sich zärtlich geliebt." 

(Diese Stelle Radestocks ist die Abkürzung einer feinsinnigen 
Ausführung von Griesinger [p. 111], die mit aller Klarheit die 
Wunscher f üllung als einen dem Traume und der Psychose ge- 
meinsamen Charakter des Vorstellens enthüllt. Meine eigenen Unter- 
suchungen haben mich gelehrt, daß hier der Schlüssel zu einer psycho- 
logischen Theorie des Traumes und der Psychosen zu finden ist.) 

„Barocke Gedankenverbindungen und Schwäche des Urteils sind 
es, welche den Traum und den Wahnsinn hauptsächlich charakteri- 
sieren." Die Überschätzung der eigenen geistigen Leistungen, 
die dem nüchternen Urteil als unsinnig erscheinen, findet sich hier 
wie dort; dem rapiden Vors tellungs verlauf des Traumes entspricht 
die Ideenflucht der Psychose. Bei beiden fehlt jedes Zeitmaß. 
Die Spaltung der Persönlichkeit im Traume, welche z. B. 



CA 



T. Die wissenschaftliche Literatur der Traumprohleme. 



" 



I 



das eigene Wissen auf zwei Personen verteilt, von denen die fremde 
das eigene Ich im Traume korrigiert, ist völlig gleichwertig der be- 
kannten Persönlichkeitsteilung bei halluzinatorischer Paranoia; auch 
der Träumer hört die eigenen Gedanken von fremden Stimmen vor- 
gebracht. Selbst für die konstanten Wahnideen findet sich eine Ana- 
logie in den stereotyp wiederkehrenden pathologischen Träumen (reve 
obsedant). — Nach der Genesung von einem Delirium sagen die Kran- 
ken nicht selten, daß ihnen die ganze Zeit ihrer Krankheit wie ein 
of nicht unbehaglicher Traum erscheint; ja sie teilen uns mit, daß 
, sie gelegentlich noch während der Krankheit geahnt haben, sie seien 
nur in einem Traume befangen, ganz wie es oft im Schlaftraumc 
vorkommt. 

Nach alledem ist es nicht zu verwundern, wenn Radestock 
seine wie vieler anderer Meinung in den "Worten zusammenfaßt, daß 
„der Wahnsinn, eine anormale krankhafte Erscheinung, als eine Stei- 
gerung des periodisch wiederkehrenden normalen Traumzustandes zu 
betrachten ist" (p. 228). 

Noch inniger vielleicht, als es durch diese Analogie der sich 
äußernden Phänomene möglich ist, hat Krauss die Verwandtschaft 
von Traum und Wahnsinn in der Ätiologie (vielmehr: in den Er- 
regungsquellen) begründen wollen. Das beiden gemeinschaftliche Grund- 
element ist nach ihm, wie wir gehört haben, die organisch be- 
dingte Empfindung, die Leibreizsensation, das durch Beiträge 
von allen Organen her zu stände gekommene Gemeingefühl (vgl. 
Peisse bei Maury [p. 52]). 

Die nicht zu bestreitende, bis in charakteristische Einzelheiten 
reichende Übereinstimmung von Traum und Geistesstörung gehört zu 
den stärksten Stützen der medizinischen Theorie des Traumlebens, 
nach welcher sich der Traum als ein unnützer und störender Vor- 
gang und als Ausdruck einer herabgesetzten Seelentätigkeit darstellt. 
Man wird indes nicht erwarten können, die endgültige Aufklärung 
über den Traum von den Seelenstörungen her zu empfangen, wo es 
allgemein bekannt ist, in welch unbefriedigendem Zustand unsere 
Einsicht in den Hergang der letzteren sich befindet. Wohl aber ist 
es wahrscheinlich, daß eine veränderte Auffassung des Traumes unsere 
Meinungen über den inneren Mechanismus der Geistesstörungen mit- 
bceinflusscn muß, und so dürfen wir sagen, daß wir auch an der 
Aufklärung der Psychosen arbeiten, wenn wir uns bemühen, das Ge- 
heimnis des Traumes aufzuhellen. 



Es bedarf einer Rechtfertigung, daß ich die Literatur der Traum- 
probleme nicht auch über den Zeitabschnitt vom ersten Erscheinen 
bis zur zweiten Auflage dieses Buches fortgeführt habe. Dieselbe 
mag dem Leser wenig befriedigend erscheinen; ich bin nichtsdesto- 
weniger durch sie bestimmt worden. Die Motive, die mich überhaupt 
zu einer Darstellung der Behandlung des Traumes in der Literatur 
veranlaßt hatten, waren mit der vorstehenden Einleitung erschöpft; 
eine Fortsetzung dieser Arbeit hätte mich außerordentliche Bemühung 
gekostet und — sehr wenig Nutzen oder Belehrung gebracht. Denn 
der in Rede stehende Zeitraum von neun Jahren hat weder an tat- 



Die Literatur seit 1900. 65 

sächlichem Material noch an Gesichtspunkten für die Auffassung des 
Traumes Neues oder Wertvolles gebracht. Meine Arbeit ist in den 
meisten seither veröffentlichten Publikationen unerwähnt und unbe- 
rücksichtigt geblieben; am wenigsten Beachtung hat sie natürlich 
bei den sogenannten „Traumforschern" gefunden, die von der dem 
wissenschaftlichen Menschen eigenen Abneigung, etwas Neues zu er- 
lernen, hiemit ein glänzendes Beispiel gegeben haben. „Les savants 
ne sont pas curieux," meint der Spötter Anatole France. Wenn es 
in der Wissenschaft ein Recht zur Revanche gibt, so wäre ich wohl 
berechtigt, auch meinerseits die Literatur seit dem Erscheinen dieses 
Buches zu vernachlässigen. Die wenigen Berichterstattungen, die sieli 
in wissenschaftlichen Journalen gezeigt haben, sind so voll von Un- 
verstand und Mißverständnissen, daß ich den Kritikern mit nichts 
anderem als mit der Aufforderung, dieses Buch noch einmal zu lesen, 
antworten könnte. Vielleicht dürfte die Aufforderung auch lauten: 
es überhaupt zu lesen. 

In den Arbeiten jener Ärzte, welche sich zur Anwendung des 
psychoanalytischen Heilverfahrens entschlossen haben und anderer 
sind reichlich Träume veröffentlicht und nach meinen Anweisungen 
gedeutet worden. Soweit diese Arbeiten über die Bestätigung meiner 
Aufstellungen hinausgehen, habe ich deren Ergebnisse in den Zu- 
sammenhang meiner Darstellung eingetragen. Ein zweites Literatur- 
verzeichnis am Ende stellt die wichtigsten Veröffentlichungen seit 
dem ersten Erscheinen dieses Buches zusammen. Das reichhaltige Buch 
von Santa de Sanctis über die Träume, dem bald nach seinem 
Erscheinen eine "Übersetzung ins Deutsche zu teil geworden ist, hat 
sich mit meiner „Traumdeutung" zeitlich gekreuzt, so daß ich von 
ihm ebensowenig Notiz nehmen konnte wie der "italienische Autor 
von mir. Ich mußte dann leider urteilen, daß seine fleißige Arbeit 
überaus arm an Ideen sei, so arm, daß man aus ihr nicht einmal die 
Möglichkeit der bei mir behandelten Probleme ahnen könnte. 

Ich habe nur zweier Erscheinungen zu gedenken, die nahe an 
meine Behandlung der Traumprobleme streifen. Ein jüngerer Philo- 
soph, H. Swoboda, der es unternommen hat, die Entdeckung der 
biologischen Periodizität (in Reihen von 23 und 28 Tagen), die von 
Willi. Fliess herrührt, auf das psychische Geschehen auszudehnen, 
hat in einer phantasievollen Schrift* mit diesem Schlüssel unter 
anderem auch das Rätsel der Träume lösen wollen. Die Bedeutung der 
Träume wäre dabei zu kurz gekommen; das Inhaltsmaterial derselben 
würde sich durch das Zusammentreffen all jener Erinnerungen er- 
klären, die in jener Nacht gerade eine der biologischen Perioden zum 
ersten- oder n-tenmal vollenden. Eine persönliche Mitteilung des 
Autors ließ mich zuerst annehmen, daß er selbst diese Lehre nicht 
mehr ernsthaft vertreten wolle. Es scheint, daß ich mich in diesem 
Schluß- geirrt habe; ich werde an anderer Stelle einige Beobachtungen 
zu der Aufstellung Swobodas mitteilen, die mir aber ein über- 
zeugendes Ergebnis nicht gebracht haben. Bei weitem erfreulicher 
war mir der Zufall, an unerwarteter Stelle eine Auffassung des Traumes 

* II. Swoboda, Die Perioden des menschlichen Organismus, 1904. 
Freud, Traumdeutung, 5. Auf! 



I. Die wissenschaftliche Literatur der Traumproblemo. 

zu' finden, die sich mit dem Kern der meinigen völlig deckt. Die 
Zeitverhältnisse schließen die Möglichkeit aus, daß jene Äußerung 
durch die Lektüre meines Buches beeinflußt worden sei; ich muß 
alao in ihr die einzige in der Literatur nachweisbare Übereinstimmung 
eines unabhängigen Denkers mit dem Wesen meiner Traumlehre 
begrüßen. Das Buch, in dem sich die von mir ins Auge gefaßte 
Stelle über das Träumen findet, ist 1900 in zweiter Auflage unter 
dem Titel „Phantasien eines Realisten" von Lynkeu-s veröffentlicht 

worden. 

Zusatz (1914). 

Die vorstehende Rechtfertigung ist im Jahre 1909 niederge- 
schrieben worden. Seither hat sich die Sachlage allerdings geändert; 
mein Beitrag zur „Traumdeutung" wird in der Literatur nicht mehr 
übersehen. Allein die neue Situation macht mir die Fortsetzung des 
vorstehenden Berichtes erst recht unmöglich. Die „Traumdeutung" 
hat eine ganze Reihe neuer Behauptungen und Probleme gebracht, 
die nun von den Autoren in verschiedenster "Weise erörtert worden 
sind. Ich kann diese Arbeiten doch nicht darstellen, ehe ich meine 
eigenen Ansichten entwickelt habe, auf welche die Autoren sich be- 
ziehen. "Was mir an dieser neuesten Literatur wertvoll erschien, habe 
ich darum im Zusammenhange meiner nun folgenden Ausführungen 
gewürdigt. 



II. 

Die Methode der Traumdeutung. 
Die Analyse eines Traummusters. 

Die Überschrift, die ich meiner Abhandlung gegeben habe, läßt 
erkennen, an welche Tradition in der Auffassung der Träume ich 
anknüpfen möchte. Ich habe mir vorgesetzt, zu zeigen, daß Träume 
einer Deutung fähig sind, und Beiträge zur Klärung der eben be- 
handelten Traumprobleme werden sich mir nur als etwaiger Neben- 
gewinn bei der Erledigung meiner eigentlichen Aufgabe ergeben können. 
Mit der Voraussetzung, daß Träume deutbar sind, trete ich sofort 
in Widerspruch zu der herrschenden Traumlehre, ja zu allen Traum- 
theorien mit Ausnahme der S eherner sehen, denn „einen Traum 
deuten" heißt, seinen „Sinn" angeben, ihn durch etwas ersetzen, was 
sich als vollwichtiges, gleichwertiges Glied in die Verkettung un- 
serer seelischen Aktionen einfügt.. Wie wir erfahren haben, lassen 
aber die wissenschaftlichen Theorien des Traumes für ein Problem 
der Traumdeutung keinen Raum, denn der Traum ist für sie über- 
haupt kein seelischer Akt, sondern ein somatischer Vorgang, der sich 
durch Zeichen am seelischen Apparat kxmdgibt. Anders hat sich zu 
allen Zeiten die Laienmeinung benommen. Sie bedient sich ihres 
guten Hechtes, inkonsequent zu verfahren, und obwohl sie zugesteht, 
der Traum sei unverständlich und absurd, kann sie sich doch nicht 
entschließen, dem Traume jede Bedeutung abzusprechen. Von einer 
dunklen Ahnung geleitet, scheint sie doch anzunehmen, der Traum 
habe einen Sinn, wiewohl einen verborgenen, er sei zum Ersätze eines 
anderen Denkvorganges bestimmt, und es handle sich nur darum, 
diesen Ersatz in richtiger Weise aufzudecken, um zur verborgenen 
Bedeutung des Traumes zu gelangen. 

Die Laicnwelt hat sich darum von jeher bemüht, den Traum 
zu „deuten" und da.bei zwei im Wesen verschiedene Methoden ver- 
sucht. Das erste dieser Verfahren faßt den Trauminhalt als Ganzes 
ins Auge und sucht denselben durch einen anderen, verständlichen 
und in gewissen Hinsichten analogen Inhalt zu ersetzen. Dies ist die 
symbolische Traumdeutung; sie scheitert natürlich von vornherein 
an jenen Träumen, welche nicht, bloß unverständlich, sondern auch 
verworren erscheinen. Ein Beispiel für ihr Verfahren gibt etwa die 
Auslegung, welche der biblische Josef dem Traume des Pharao an- 
gedeihen ließ- Sieben fette Kühe, nach denen sieben magere kommen, 
welche die ersteren aufzehren, das ist ein symbolischer Ersatz für 
die Vorhersagung von sieben Hungerjahren im Lande Ägypten, welche 
allen Überfluß aufzehren, den sieben fruchtbare Jahre geschaffen 
haben. Die meisten der artefiziellen Träume, welche von Dichtern 



,,q II. Die Methode der Traumdeutung. 

geschaffen wurden, sind für solche symbolische Deutung ^stimmt, 
denn sie geben den vom Dichter gefaßten Gedanken in einer Ver- 
kleidung wieder, die zu den aus der Erfahrung bekannten Charakteren 
unseres Räumens passend gefunden wird*. Die Meinung der 1 räum 
beschäftige sich vorwiegend mit der Zukunft, deren Gestaltung ei 
im voraus ahne - ein Best der einst den Traumen zuerkannten 
prophetischen Bedeutung -, wird dann zum Motiv, den durch sym- 
bolische Deutung gefundenen Sinn des Traumes durch ein „es wird 
ins Futurum zu versetzen. „ 

Wie man den Weg zu einer solchen symbolischen Deutung tm- 
det, dazu läßt sich eine Unterweisung natürlich nicht geben. IJas 
Gelingen 'bleibt Sache des witzigen Einfalles, der unvermittelten In- 
tuition, und darum konnte die Traumdeutung mittels Symbolik sich 
zu einer Kunstübung erheben, die an eine besondere Begabung ge- 
bunden schien**. Von solchem Anspruch hält sich die andere der 
populären Methoden der Traumdeutung völlig fern. Man konnte sie »als 
die „Chiffriermethode" bezeichnen, da sie den Iraum wie eme 
Art von Geheimschrift behandelt, in der jedes Zeichen nach einem 
feststehenden Schlüssel in ein andeves Zeichen von bekannter Be- 
deutung übersetzt wird. Ich habe z. B. von einem Briefe geträumt, 
aber auch von einem Leichenbegängnis u. dgl- ; ich sehe nun in einem 
„Traumbuche" nach und finde, daß „Brief" mit „Verdruß , „Leichen- 
begängnis" mit „Verlobung" zu übersetzen ist. Es bleibt mir dann 
überlassen, aus den Schlagworten, die ich entziffert habe, einen Zu- 
sammenhang herzustellen, den ich wiederum als zukunftig hinnehme. 
Eine interessante Abänderung dieses Chif frier Verfahrens, durch welche 
dessen Charakter als rein mechanische Übertragung einigermaßen kor- 
rigiert wird, zeigt sich in der Schrift über Traumdeutung des Arte- 
midoros aus Daldis***. Hier wird nicht nur auf den Trauminhalt, 

* In einer Novelle „Gradiva'" des Dichters W. Jensen entdeckte ich 
smfälliß mehrere artifizielle Träume, die vollkommen korrekt gebildet waren und 
sich deuten ließen, als wären sie nicht erfunden, sond.-ru von realen. Personen 
geträumt worden. Der Dichter bestätigte auf Anfrage von meiner Seite, etab 
ihm meine Traumlehre fremd geblieben war. Ich habe diese bereinstimmung 
zwischen meiner Forschung und dem Schaffen des Dichters als Beweis «t die 
Richtigkeit meiner Traumanalyse verwertet. („Der Wahn und die lraiime in 
W. Jensens „Gradiva", erstes Heft der von mir herausgegebenen „Schriften 
zur angewandten Seelenkunde", 190G, zweite Auflage 1912.) 

** Aristoteles hat sich dahin geäußert, der beste Traumdeuter sei der, 
welcher Ähnlichkeiten am besten auffasse; denn die Traumbilder seien, wie die 
Bilder im Wasser, durch die Bewegung verzerrt, und der trefle am besten, der 
in dem verzerrten Bild das Wahre zu erkennen vermöge (Büchsenschutz, p to). 
*** Artemidoros aus Daldis, wahrscheinlich zu Anfang des 2. Jahr- 
hunderts unserer Zeitrechnung geboren, hat uns die vollständigste und sorg- 
fältigste Bearbeitung der Traumdeutung in der griechisch-romischen Welt über- 
liefert Er le*te, wie Th. Goruperz hervorhebt, Wert darauf, die Deutung der 
Träume auf Beobachtung und Erfahrung zu gründen und sonderte seine Kunst 
strenge von anderen, trügerischen Künsten. Das Prinzip seiner Deulungskunst 
ist rieh der Darstellung von Gomperz identisch mit der ^agie, das Prinzip 
der Assoziation. Ein Traumding bedeutet das, woran es erinnert Wohlvers anden, 
woraa es den Traumdeuter erinnert! Eine nicht zu beherrschende Quelle der 
Willkür und Unsicherheit ergibt sich dann aus dem Tjmstand, daß das Iraum- 
ftl«ncnt den Deuter an verschiedene Dinge und jeden an etwas anderes erinnern 
kann Die Technik, die ich im folgenden auseinandersetze, weicht von der antiken 






Die symbolische and die CMtTrierinetliode. 6<J 

Sondern Mich, auf die Person und die Lebensumstähde des Träumers 
Rücksicht genommen, so daß das nämliche Traumclement für den 
Reichen, den Verheirateten, den Redner andere Bedeutung hat als 
für den Armen, den Ledigen und etwa den Kaufmann. Das "Wesent- 
liche an diesem Verfahren ist nun, daß die Deutungsarbeit nicht auf 
das Ganze des Traumes gerichtet wird, sondern auf jedes Stück des 
Trauminhaltes für sich, als ob der Traum ein Konglomerat wäre, 
in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt. 
Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, 
von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausge- 
gangen ist*. 

Für die. wissenschaftliche Behandlung des Themas kann die Un- 
brauchbarkeit beider populärer Dcutungs verfahren des Traumes keinen 
Moment lang zweifelhaft sein. Die symbolische Methode ist in ihrer 
Anwendung beschränkt und keiner allgemeinen Darlegung fähig. Bei 

in dem einen wesentlichen Punkte ab, daß sie dem Träumer selbst die Dcutuiigs- 
arbeit atifcrle«t. Sie will nicht berücksichtigen, was dem Traumdeuter, sondern 
was dem Träumer zu dem betreffenden Element des Traumes einfällt. — Nach 
neueren Berichten des Missionärs Tfinkdjt (Anthropos 1913) nehmen aber auch 
die modernen Traumdeuter des Orients die Mitwirkung des Traumers ausgiebig 
in Anspruch Der Gewährsmann erzählt von den Traumdeutern bei den meso- 
potamischen Arabern: ,.Pour Interpreter exaotement un songe, les omromanciens 
les plus habiles s'informent de ceux qui les consultent des toutes les circon- 
stances quils rc-gaxdent necessaires pour la bonne explication. . . . En uu mot, 
nos oniromancions ne laissent aueuno circonstance leur echapper et ne donnent 
Interpretation desiree avant davon- parlaitement saisi et re9u toutes les inter- 
ro^tions desirables." Unter diesen Fragen befinden sich regelmäßig solche um 
cenaue Angaben über die nächsten Familienangehörigen (Eltern, Iran, Kinder) 
sowie die typische Formel: habistine in hac nocte copulam coivjugalem ante 
vel post somnium? — „L'idee dominant^ dans Interpretation des songes con- 
siste ä expliquer le reve par son oppose." ■'. . 

* D 1 - Alf. llobitsek macht mich darauf aufmerksam, daß die orienta- 
lischen Traumbücher, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die 
Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit 
de- Worte vornehmen. Da diese Verwandtschaften bei der Übersetzung m unsere 
Sprache verloren gehen müssen, würde daher die Unbegreiflichkcit der Erset- 
zungen in unseren populären „Traumbüchern' stammen. — über diese außer- 
ordentliche Bedeutung des Wortspieles und der Wortspielerei m den alten orien- 
talischen Kulturen mag man sich aus den Schriften Hugo Wmcklers unter- 
richten. Das schönste Beispiel einer Traumdeutung, welches uns aus dem Alter- 
tum überliefert ist, beruht auf einer Wortspielen. Artemidoros erzählt 
( V "35): „Es scheint mir aber auch Aristandros dem Alosaudros von 
Makedonien eine gar glückliche Auslegung gegeben zu haben, als dieser 1 yros 
eingeschlossen hielt und belagerte und wegen des großen Zeitverlustes, un- 
«ilBff und betrübt, das Gefühl hatte, er sehe einen Satyr os auf seinem 
Schilde tanzen; zufällig befand sich Aristandros in der Nahe von iyros 
und im Geleite des Königs, der die Syrier bekriegte. Indem er nun das AS Öl t 
Satvros in 8« uud Topos zerlegte, bewirkte er, daß der Konig die Belagerung 
nachdrücklicher in Angriff nahm, so daß er Herr der Stadt wurde." X% ~ ■ °? o; 
= dein ist Iyros.) — Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen 
Ausdruck, daß Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre 
eigene Traumsprache; Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere 
Soranhen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch. Mcnts- 
destoweni«'er ist es Dr. A. A. Brill in New- York gelungen; eine englische 
Übersetzung der „Traumdeutung" zu schaffen (London 1913, George Allen & Co., 
Ltd.), und°die Psychoanalytiker Dr. Hol lös und Dr. Ferenczi haben eine 
ungarische Übersetzung in Angriff genommen (1018). 



70 li Die Methode der Traumdeutung. 

der Chiffrierincthode käme alles darauf an, daß der „Schlüssel", das 
Traumbuch, verläßlich wäre, und dafür fehlen alle Garantien. Mau 
wäre versucht, den Philosophen und Psychiatern Recht zu geben und 
mit ihnen das Problem der Traumdeutung als eine imaginäre Auf- 
gabe zu streichen*. 

Allein ich bin eines Besseren belehrt worden. Ich habe einsehen 
müssen, daß hier wiederum einer jener nicht seltenen Fälle vorliegt, 
in denen ein uralter, hartnäckig festgehaltener Volksglaube der Wahr- 
heit der Dinge näher gekommen zu sein scheint als das Urteil der 
heute geltenden Wissenschaft. Ich muß behaupten, daß der Traum 
wirklich eine Bedeutung hat, und daß ein wissenschaftliches Verfahren 
der Traumdeutung möglich ist. Zur Kenntnis dieses Verfahrens bin 
ich auf folgende Weise gelangt: 

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit der Auflösung ge- 
wisser psychopathologischer Gebilde, der hysterischen Phobien, der 
Zwangsvorstellungen u. a. in therapeutischer Absicht; seitdem ich 
nämlich aus einer bedeutsamen Mitteilung von Josef Breuer weiß, 
daß für diese als Krankheitssymptome empfundenen Bildungen Auf- 
lösung und Lösung in eines zusammenfallen**. Hat man eine solche 
pathologische Vorstellung auf die Elemente zurückführen können, aus 
denen sie im Seelenleben des Kranken hervorgegangen ist, so ist 
diese auch zerfallen, der Kranke von ihr befreit. Bei der Ohnmacht 
unserer sonstigen therapeutischen Bestrebungen und angesichts der 
Rätselhaftigkeit dieser Zustände erschien es mir verlockend, auf dem 
von Breuer eingeschlagenen Wege trotz aller Schwierigkeiten bis 
zur vollen Aufklärung vorzudringen. Wie sich die Technik des Ver- 
fahrens schließlich gestaltet hat, und welches die Ergebnisse der Be- 
mühung gewesen sind, darüber werde ich an anderen Orten aus- 
führlich Bericht zu erstatten haben. Im Verlaufe dieser psychoana- 
lytischen Studien geriet ich auf die Traumdeutung. Die Patienten, die 
ich verpflichtet hatte, mir alle Einfälle und Gedanken mitzuteilen, 
die sich ihnen zu einem bestimmten Thema aufdrängten, erzählten 
mir ihre Träume und lehrten mich so, daß ein Traum in die psy- 
chische Verkettung eingeschoben sein kann, die von einer patho- 
logischen Idee her nach rückwärts in der Erinnerung zu verfolgen 
ist. Es lag nun nahe, den Traum selbst wie ein Symptom zu behandeln 
und die für letztere ausgearbeitete Methode der Deutung auf ihn 
anzuwenden. 

Dazu bedarf es nun einer gewissen psychischen Vorbereitung des 
Kranken. Man strebt zweierlei bei ihm an, eine Steigerung seiner 
Aufmerksamkeit für seine psychischen Wahrnehmungen und eine Aus- 
schaltung der Kritik, mit der er die ihm auftauchenden Gedanken 
sonst zu sichten pflegt. Zum Zwecke seiner Selbstbeobachtung mit 
gesammelter Aufmerksamkeit ist es vorteilhaft, daß er eine ruhige 
Lage einni mmt und die Augen schließt; den Verzicht auf die Kritik 

* Nach Abschluß meines Manuskriptes ist mir eine Schrift von Stumpf 
zugegangen, die in der Absicht zu erweisen, der Traum sei sinnvoll und deutbar 
mit meiner Arbeit zusammentrifft. Die Deutung geschieht aber mittels einer 
ällegorisicrcnden Symbolik ohne Gewähr für Allgemeingültigkcit des Verfahrens 
** Breuer und Freud, Studien über Hysterie, Wien 1895, 3. Aufi; 1916 



Psychische Vorbereitung; zur Traumdeutung. 71 

der wahrgenommenen Gedankenbildungen muß man ihm ausdrücklich 
auferlegen. Man sagt ihm also, der Erfolg der Psychoanalyse hänge 
davon ah, daß er alles beachtet und mitteilt, was ihm durch den 
Sinn geht, und nicht etwa sich verleiten läßt, den einen Einfall zu 
unterdrücken, weil er ihm unwichtig oder nicht zum Thema gehörig, 
den anderen, weil er ihm unsinnig erscheint. Er müsse sich völlig 
unparteiisch gegen seine Einfälle verhalten, denn gerade an dieser 
Kritik läge es, wenn es ihm sonst nicht gelänge, die gesuchte Auf- 
lösung des Traumes, der Zwangsidee u. dgl. zu finden. 

Bei den psychoanalytischen Arbeiten habe ich gemerkt, daß. die 
psychische Verfassung des Mannes, welcher nachdenkt, eine ganz andere 
ist als die desjenigen, welcher seine psychischen Vorgänge beobachtet. 
Beim Nachdenken tritt eine psychische Aktion mehr ins Spiel als bei 
der aufmerksamsten Selbstbeobachtung, wie es auch die gespannte 
Miene und die in Falten gezogene Stirn des Nachdenklichen im Gegen- 
satz zur mimischen Buhe des Selbstbeobachters erweist. In beiden Fällen 
muß eine Sammlung der Aufmerksamkeit vorhanden sein, aber der 
Nachdenkende übt außerdem eine Kritik aus, infolge deren er einen 
Teil der ihm aufsteigenden Einfälle verwirft, nachdem er sie wahr- 
genommen hat, andere kurz abbricht, so daß er den Gedankenwegen 
nicht folgt, welche sie eröffnen würden, und gegen noch andere Ge- . 
danken weiß er sich so zu benehmen, daß sie überhaupt nicht be- 
wußt, also vor ihrer Wahrnehmung unterdrückt werden. Der Selbst- 
beobachter hingegen hat nur die Mühe, die Kritik zu unterdrücken; 
gelingt ihm dies, so kommt ihm eine Unzahl von Einfällen zum Be- 
wußtsein, die sonst unfaßbar geblieben wären. Mit Hilfe dieses für 
die Selbstwahrnehmung neu gewonnenen Materials läßt sich die Deu- 
tung der pathologischen Ideen sowie der Traumgebilde vollziehen. 
Wie man sieht, handelt es sich darum, einen psychischen Zustand 
herzustellen, der mit dem vor dem Einschlafen (und sicherlich auch 
mit dem hypnotischen) eine gewisse Analogie in der Verteilung der 
psychischen Energie (der beweglichen Aufmerksamkeit) gemein hat. 
Beim Einschlafen treten die „ungewollten Vorstellungen" hervor durch 
den Nachlaß einer gewissen willkürlichen (und gewiß auch kritischen) 
Aktion, die wir auf den Ablauf unserer Vorstellungen einwirken 
lassen; als den Grund dieses Nachlasses pflegen wir „Ermüdung" 
anzugeben; die auftauchenden ungewollten Vorstellungen verwandeln 
sich in visuelle und akustische Bilder. (Vergleiche die Bemerkungen 
von Schleiermacher u. a., p. 34.)* Bei dem Zustand, den man 
zur Analyse der Träume und pathologischen Ideen benützt, verzichtet 
man absichtlich und willkürlich auf jene Aktivität und verwendet 
die ersparte psychische Energie (oder ein Stück derselben) zur auf- 
merksamen "Verfolgung der jetzt auftauchenden ungewollten Gedanken, 
die ihren Charakter als Vorstellungen (dies der Unterschied gegen 
den Zustand beim Einschlafen) beibehalten. Man macht so die 
„ungewollten" Vorstellungen zu „gewollten". 

* H, Silber er hat aus der direkten Beobachtung dieser Umsetzung von 
Vorstellungen in Gesichtsbildcr wichtige Beiträge zur Deutung der Träume ge- 
wonnen. (Jahrbuch der Psychoanalyse I u. II, 1009 u. ff.) 



72 II. Die Methode der Traumdeutung. 

Die liier geforderte Einstellung auf anscheinend „freisteigende" 
Einfälle mit Verzicht auf die sonst gegen diese geübte Kritik scheint 
manchen Personen nicht leicht zu werden. Die „ungewollten Gedan- 
ken" pflegen den heftigsten Widerstand, der sie am Auftauchen hin- 
dern will, zu entfesseln. Wenn wir aber unserem großen Dichter- 
philosophen Fr. Schiller Glauben schenken, muß eine ganz ähnliche 
Einstellung auch die Bedingung der dichterischen Produktion ent- 
halten. An einer Stolle seines Briefwechsels mit Körner, deren Auf- 
spürung Otto Eank zu danken ist, antwortet Schiller auf die 
Klage seines Freundes über seine mangelnde Produktivität: „Der 
Grund deiner Klagen liegt, wie mir scheint, in dem Zwange, den 
dein Verstand deiner Imagination auflegt. Ich muß hier einen Ge- 
danken hinwerfen und ihn durch ein Gleichnis versinnlichen. Es 
scheint nicht gut und dem Schöpf ungs werke der Seele nachteilig zu 
sein, wenn der Verstand die zuströmenden Ideen, gleichsam an den 
Toren schon, zu scharf mustert. Eine Idee kann, isoliert betrachtet, 
sehr unbeträchtlich und sehr abenteuerlich sein, aber vielleicht wird 
sie. durch eine, die nach ihr kommt, wichtig, vielleicht kann sie in 
einer gewissen Verbindung mit anderen, die vielleicht ebenso abge- 
schmackt scheinen, ein sehr zweckmäßiges Glied abgeben: — Alles 
das kann der Verstand nicht beurteilen, wenn er sie nicht so lange 
festhält, bis er sie in Verbindung mit diesen anderen angeschaut hat. 
Bei einem schöpferischen Kopfe hingegen, däucht mir, hat der Ver- 
stand seine Wache von den Toren zurückgezogen, die Ideen stürzen 
pele-mele herein, und alsdann erst übersieht und mustert er den 
großen Haufen. — Ihr Herren Kritiker, und wie Ihr Euch sonst 
nennt, schämt oder fürchtet Euch vor dem augenblicklichen vorüber- 
gehenden Wahnwitze, der sich bei allen eigenen Schöpfern findet, 
und dessen längere oder kürzere Dauer den denkenden Künstler von 
dem Träumer unterscheidet. Daher Eure Klagen über Unfruchtbarkeit, 
weil Ihr zu früh verwerft und zu strenge sondert." (Brief vom 
1. Dezember 1788.) 

Und doch ist ein „solches Zurückziehen der Wache von den 
Toren des Verstandes", wie Schiller es nennt, ein derartiges sich 
in den Zustand der kritiklosen Selbstbeobachtung Versetzen keines- 
wegs schwer. 

Die meisten meiner Patienten bringen es nach der ersten Unter- 
weisung zu stände; ich selbst kann es sehr vollkommen, wenn ich 
mich dabei durch Niederschreiben meiner Einfälle unterstütze. Der 
Betrag von psychischer Energie, um den man so die kritische Tätig- 
keit herabsetzt, und mit welchem man die Intensität der Selbst- 
beobachtung erhöhen kann, schwankt erheblich je nach dem Thema, 
welches von der Aufmerksamkeit fixiert werden soll. 

Der erste Schritt bei der Anwendung dieses Verfahrens lehrt nun, 
daß man nicht den Traum als Ganzes, sondern nur die einzelnen 
Teilstücke seines Inhaltes zum Objekt der Aufmerksamkeit machen 
darf. Frage ich den noch nicht eingeübten Patienten: Was fällt Ihnen 
zu diesem Traume ein? so weiß er in der Regel nichts in seinem 
geistigen Blickfelde zu erfassen. Ich muß ihm den Traum zerstückt 
vorlegen, dann liefert er mir zu jedem Stücke eine Reihe von Ein- 






. 



Schwierigkeiten des Materials. 7IJ 

fällen, die man als die „Hintergedanken" dieser Traum partie be- 
zeichnen kann. In dieser ersten wichtigen Bedingung weicht also die 
von mir geübte Methode der Traumdeutung bereits von der populären, 
historisch und sagenhaft berühmten Methode der Deutung durch 
Symbolik ab und nähert sich der zweiten, der „Chiffriermethode". 
Sie ist wie diese eine Deutung en detail, nicht en masse; wie diese 
faßt sie den Traum von vornherein als etwas Zusammengesetztes, 
als ein Konglomerat von psychischen Bildungen auf. 

Im Verlaufe meiner Psychoanalysen bei Ncurotikem habe ich 
wohl bereits viele tausend Träume zur Deutung gebracht, aber dieses 
Material möchte ich hier nicht zur Einführung in die Technik und 
Lehre der Traumdeutung verwenden. Ganz abgesehen davon, daß 
ich mich dem Einwand aussetzen würde, es seien ja die Träume von 
Neuropathen, die einen Rückschluß auf die Träume gesunder Men- 
schen nicht gestatten, nötigt mich ein anderer Grund zu deren Ver- 
werfung. Das Thema, auf welches diese Träume zielen, ist natür- 
lich immer die Krankheitsgeschichte, welche der Neurose zu Grunde 
liegt. Hiedurch würde für jeden Traum ein überlanger Vorbericht 
und ein Eindringen in das Wesen und die ätiologischen Bedingungen 
der Psychoneurosen erforderlich, Dinge, die an und für sich neu 
und im höchsten Grade befremdlich sind und so die Aufmerksam- 
keit vom Traumproblem ablenken würden. Meine Absicht geht viel- 
mehr dahin, in der Traumauflösung eine Vorarbeit für die Er- 
schließung der schwierigeren Probleme der Neurosenpsychologie zu 
schaffen. Verzichte ich aber auf die Träume der Neurotiker, mein 
Hauptmaterial, so darf ich gegen den Rest nicht allzu wählerisch 
verfahren. Es bleiben nur noch jene Träume, die mir gelegentlich 
von gesunden Personen meiner Bekanntschaft erzählt worden sind, 
oder die ich als Beispiele in der Literatur über das Traumleben ver- 
zeichnet finde. Leider geht mir bei all diesen Träumen die Analyse 
ab, ohne welche ich den Sinn des Traumes nicht finden kann. Mein 
Verfahren ist ja nicht so bequem wie das der populären Chiffrier- 
methode, welche den gegebenen Trauminhalt nach einem fixierten 
Schlüssel übersetzt; ich bin vielmehr gefaßt darauf, daß derselbe 
Trauminhalt bei verschiedenen Personen und in verschiedenem Zu- 
sammenhang auch einen anderen Sinn verbergen mag. Somit bin 
ich auf meine eigenen Träume angewiesen als auf ein reichliches 
und bequemes Material, das von einer ungefähr normalen Person 
herrührt und sich auf mannigfache Anlässe des täglichen Lebens 
bezieht. Man wird mir sicherlich Zweifel in die Verläßlichkeit sol- 
cher „Selbstanalysen" entgegensetzen. Die Willkür sei dabei keines- 
wegs ausgeschlossen. Nach meinem Urteile liegen die Verhältnisse 
bei der Selbstbeobachtung eher günstiger als bei der Beobachtung 
anderer; jedenfalls darf man versuchen, wie weit man in der Traum- 
deutung mit der Selbstanalyse reicht. Andere Schwierigkeiten habe 
ich in meinem eigenen Innern zu überwinden. Man hat eine begreif- 
liche Scheu, soviel Intimes aus seinem Seelenleben preiszugeben, 
weiß sich dabei auch nicht gesichert vor der Mißdeutung der Frem- 
den. Aber darüber muß man sich hinaussetzen können. „Tout psy- 
chologiste" schreibt Delboeuf, „est obligc de faire l'aveu meine de 



74 II. Die Methode der Traumdeutuufr. 



■ 

ses faiblesses s'il croit par lä jeter du jour sur quclque problemo 
obscure." Und auch beim Leser, darf ich annehmen, wird das an- 
fängliche Interesse an den Indiskretionen, die ich begehen muß, sein- 
bald der ausschließlichen Vertiefung in die hiedurch beleuchteten psy- 
chologischen Probleme Platz machen. 

Ich werde also einen meiner eigenen Träume hervorsuchen und 
an ihm meine Deutungsweise erläutern. Jeder solche Traum macht 
einen Vorbericht nötig. Nun muß ich aber den Leser bitten, für 
eine ganze Weile meine Interessen zu den seinigen zu machen und 
sich mit mir in die kleinsten Einzelheiten meines Lebens zu ver- 
senken, denn solche Übertragung fordert gebieterisch das Interesse 
für die versteckte Bedeutung der Träume. 

Vorbericht: Im Sommer 1895 hatte ich eine junge Dame 
psychoanalytisch behandelt, die mir und den Meinigen freundschaft- 
lich sehr nahe stand. Man versteht es, daß solche Verniengung der 
Beziehungen zur Quelle mannigfacher Erregungen für den Arzt werden 
kann, zumal für den Psychotherapeuten. Das persönliche Interesse 
des Arztes ist größer, seine Autorität geringer. Ein Mißerfolg droht 
die alte Freundschaft mit den Angehörigen der Kranken zu lockern. 
Die Kur endete mit einem teilweisen Erfolg, die Patientin verlor 
ihre hysterische Angst, aber nicht alle ihre somatischen Symptome. 
Ich war damals noch nicht recht sicher in den Kriterien, welche die 
endgültige Erledigung einer hysterischen Krankengeschichte bezeich- 
nen, und mutete der Patientin eine Lösung zu, die ihr nicht annehmbar 
erschien. In solcher Uneinigkeit brachen wir der Sommerzeit wegen 
die Behandlung ab. — Eines Tages besuchte mich ein jüngerer 
Kollege, einer meiner nächsten Freunde, der die Patientin — Irma — 
und ihre Familie in ihrem Landaufenthalt besucht hatte. Ich fragte 
ihn, wie er sie gefunden habe, und bekam die Antwort: Es geht ihr 
besser, aber nicht ganz gut. Ich weiß, daß mich diese Worte meines 
Freundes Otto oder der Ton, in dem sie gesprochen waren, ärgerten. 
Ich glaubte einen Vorwurf herauszuhören, etwa daß ich der Patientin 
zu viel versprochen hätte, und führte — ob mit Recht oder Unrecht — 
die vermeintliche Parteinahme Ottos gegen mich auf den Einfluß 
von Angehörigen der Kranken zurück, die, wie ich annahm, meine 
Behandlung nie gern gesehen hatten. Übrigens wurde mir meine 
peinliche Empfindung nicht klar, ich gab ihr auch keinen Ausdruck. 
Am selben Abend schrieb ich noch die Krankengeschichte Irmas 
nieder, um sie, wie zu meiner Rechtfertigung, dem Dr. M-, einem 
gemeinsamen Freunde, der damals tonangebenden Persönlichkeit, in 
unserem Kreise, zu übergeben. In der auf diesen Abend folgenden 
Nacht (wohl eher am Morgen) hatte ich den nachstehenden Traum, 
der unmittelbar nach dem Erwachen fixiert wurde. 

Traum vom 23-/24. Juli 1895*. 

Eine große Halle — viele Gäste, die wir empfangen. — Unter 
ihnen Irma, die ich sofort bei Seite nehme, um gleichsam ihren Brief 



Es ist dies der erste Traum, den ich einer eingehenden Deutung unterzog. 



Der Traum von Irmas Injektion. 75 

zu beantworten, ihr Vorwürfe zu machen, daß sie die „Lösung" 
noch nicht akzeptiert. Ich sage ihr: "Wenn du noch Schmerzen hast, 
so ist es wirklich nur deine Schuld. — Sie antwortet: Wenn du 
wüßtest, was ich für Schmerzen jetzt habe im Halse, Magen und 
Leib, es schnürt mich zusammen. — Ich erschrecke und sehe sie an. 
Sie sieht bleich und gedunsen aus; ich denke, am Ende übersehe ich 
da doch etwas Organisches. Ich nehme sie zum Fenster und schaue 
ihr in den Hals. Dabei zeigt sie etwas Sträuben, wie die Frauen, 
die ein künstliches Gebiß tragen. Ich denke mir, sie hat es doch 
nicht nötig. ■ — Der Mund geht dann auch gut auf, und ich finde 
rechts einen großen weißen Fleck und anderwärts sehe ich an merk- 
würdigen krausen Gebilden, die offenbar den Nasenmuscheln nach- 
gebildet sind, ausgedehnte weißgraue Schorfe. — Ich rufe schnell 
Dr. M. hinzu, der die Untersuchung wiederholt und bestätigt .... 
Dr. M. sieht gajiz anders aus als sonst; er ist sehr bleich, hinkt, 
ist am Kinn bartlos .... Mein Freund Otto steht jetzt auch neben 
ihr und Freund Leopold perkutiert sie über dem Leibchen und sagt: 
Sie hat eine Dämpfung links unten, weist auch auf eine infiltrierte 
Hautpartie an der linken Schulter hin (was ich trotz des Kleides wie 
er spüre) . . . . M. sagt: Kein Zweifel, es ist eine Infektion, aber es 
macht nichts ; es wird noch Dysenterie hinzukommen und das Gift 
sich ausscheiden .... Wir wissen auch unmittelbar, woher die 
Infektion rührt. Freund Otto hat ihr unlängst, als sie sich unwohl 
fühlte, eine Injektion gegeben mit einem Propylpräparat, Propylon 
. . . . Propionsäure . . . . Trimethylamin (dessen Formel ich fett 
gedruckt vor mir sehe) .... Man macht solche Injektionen nicht so 
leichtfertig .... Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. 

Dieser Traum hat vor vielen anderen eines voraus. Es ist 
sofort klar, an welche Ereignisse des letzten Tages er anknüpft und 
welches Thema er behandelt- Der Vorbericht gibt hierüber Aus- 
kunft. Die Nachricht, die ich von Otto über Irmas Befinden er- 
halten, die Krankengeschichte, an der ich bis tief in die Nacht ge- 
schrieben, haben meine Seelentätigkeit auch während des Schlafes 
beschäftigt. Trotzdem dürfte niemand, der den Vorbericht und den 
Inhalt des Traumes zur Kenntnis genommen hat, ahnen können, 
was der Traum bedeutet. Ich selbst weiß es auch nicht. Ich wundere 
mich über die Krankheitssymptome, welche Irma im Traum mir 
klagt, da es nicht dieselben sind, wegen welcher ich sie behandelt 
habe. Ich lächle über die unsinnige Idee einer Injektion mit Propion- 
säure und über den Trost, den Dr. M. ausspricht. Der Traum erscheint 
mir gegen sein Ende hin dunkler und gedrängter, als er zu Beginn 
ist. Um die Bedeutung von alledem zu erfahren, muß ich mich zu 
einer eingehenden Analyse entschließen. 



■7g II. Die Methode der Traumdeutung. 

Analyse: 

Die Halle — viele Gäste, die wir empfangen. 'Wir wohn- 
ten in diesem Sommer auf der Bellevue, einem einzelstehendcn Hause 
auf einem der Hügel, die sich an den Kahlenberg anschließen. Dies 
Haus war ehemals zu einem Vergnügungslokal bestimmt, hat hievon 
die ungewöhnlich hohen, hallenförmigen Räume. Der Traum ist 
auch auf der Bellevue vorgefallen, und zwar wenige Tage vor dem 
Geburtsfeste meiner Frau. Am Tage hatte meine Frau die Erwartung 
ausgesprochen, zu ihrem Geburtstage würden mehrere Freunde, und 
darunter auch Irma, als Gäste zu uns kommen. Mein Traum anti- 
zipiert also diese Situation: Es ist der Geburtstag meiner Frau und 
viele Leute, darunter Irma, werden von uns als Gäste in der großen 
Halle der Bellevue empfangen. 

Ich mache Irma Vorwürfe, d a ß s i e die Lösung nicht 
akzeptiert hat; ich sage: Wenn du noch Schmerzen hast, 
ist es deine eigene Schuld. Das hätte ich ihr auch im Wachen 
sagen können oder habe es ihr gesagt. Ich hatte damals die (später 
als unrichtig erkannte) Meinung, daß meine Aufgabe sieh darin er- 
schöpfe, den Kranken den verborgenen Sinn ihrer Symptome mitzu- 
teilen; ob sie diese Lösung dann annehmen oder nicht, wovon der 
Erfolg abhängt, dafür sei ich nicht mehr verantwortlich. Ich bin 
diesem jetzt glücklich überwundenen Irrtum dankbar dafür, daß er 
mir die Existenz zu einer Zeit erleichtert, da ich in all meiner un- 
vermeidlichen Ignoranz Heilerfolge produzieren sollte. ■ — Ich merke 
aber an dem Satze, den ich im Traume zu Irma spreche, daß ich vor 
allem nicht Schuld sein will an den Schmerzen, die sie noch hat. 
Wenn es Irmas eigene Schuld ist, dann kann es nicht meine sein. 
Sollte in dieser Richtung die Absicht des Traumes zu suchen sein? 

Irmas Klagen; Schmerzen im Halse, Leibe und Ma- 
gen, esse hnürtsiezusammen. Schmerzen im Magen gehörten zum 
Symptomkomplex meiner Patientin, sie waren aber nicht sehr vor- 
dringlich; sie klagte eher über Empfindungen von Übelkeit und 
Ekel. Schmerzen im Halse, im Leibe, Schnüren in der Kehle spielten 
bei ihr kaum eine Rolle. Ich wundere mich, warum ich mich zu 
dieser Auswahl der Symptome im Trauine entschlossen habe, kann 
es auch für den Moment nicht finden. 

Sie sieht bleich und gedunsen aus. 

Meine Patientin war immer rosig. Ich vermute, daß sich hier 
eine andere Person ihr unterschiebt. 

Ich erschrecke im Gedanken, daß ich doch eine orga- 
nische Affektion übersehen habe. 

Wie man mir gern glauben wird, eine nie erlöschende Angst 
beim .Spezialisten, der fast ausschließlich Keurotiker sieht und der so 
viele Erscheinungen auf Hysterie zu schieben gewohnt ist, welche 
andere Ärzte als organisch behandeln. Anderseits beschleicht mich — 
ich weiß nicht woher — ein leiser Zweifel, ob mein Erschrecken 
ganz ehrlich ist. Wenn die Schmerzen Irmas organisch begründet 
sind, so bin ich wiederum zu deren Heilung nicht verpflichtet. Meine 
Kur beseitigt ja nur hysterische Schmerzen. Es kommt mir also 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 77 

eigentlich vor, als sollte ich einen Irrtum in der Diagnose wünschen; 
dann wäre der Vorwurf des Mißerfolges auch beseitigt. 

Ich nehme sie zum Fenster, um ihr in den Hals zu'sehen. 
Sie sträubt sich ein wenig wie die Frauen, die falsche 
Zähne tragen. Ich denke mir. sie hat es ja doch nicht nötig. 

Bei Irma hatte ich niemals Anlaß, die Mundhöhle zu inspizieren. 
Der Vorgang im' Traume erinnert mich an die vor einiger Zeit ,vor- 
o-enommene Untersuchung einer Gouvernante, die zunächst den Ein- 
druck von jugendlicher Schönheit gemacht hatte, beim Offnen des 
Mundes aber gewisse Anstalten traf, um ihr Gebiß zu verbergen. An 
diesen Fall knüpfen sich andere Erinnerungen an ärztliche Unter- 
suchungen und an kleine Geheimnisse, die dabei, keinem von beiden 
zur Lust, enthüllt werden. — Sie hat es doch nicht nötig, ist wohl 
zunächst ein Kompliment für Irma; ich vermute aber noch eine 
andere Bedeutung. Man fühlt es bei aufmerksamer Analyse, ob man 
die zu erwartenden Hintergedanken erschöpft hat oder nicht. Die 
Art, wie Irma beim Fenster steht, erinnert mich plötzlich an ein 
anderes Erlebnis. Irma besitzt eine intime Freundin, die ich sehr 
hoch schätze. Als ich eines Abends bei ihr einen Besuch machte, 
fand ich sie in der im Traume reproduzierten Situation beim henster 
und ihr Arzt, derselbe Dr. M-, erklärte, daß sie einen diphtherischen 
Belag habe. Die Person des Dr. M. und der Belag kehren ja im 
Fortffanß des Traumes wieder. Jetzt fällt mir ein, daß ich m den 
letzten Monaten allen Grund bekommen habe, von dieser anderen 
Dame anzunehmen, sie sei gleichfalls hysterisch. Ja, Irma selbst hat 
es mir verraten. Was weiß ich aber von ihren Zustanden t Gerade 
das eine, daß sie an hysterischem Würgen leidet wie meine Irma im 
Traume. Ich habe also im Traume meine Patientin durch ihre 
Freundin ersetzt. Jetzt erinnere ich mich, ich habe oft mit der Ver- 
mutung- gespielt, diese Dame könnte mich gleichfalls m Anspruch 
nehmen, sie von ihren Symptomen zu befreien. Ich hielt es aber 
dann selbst für unwahrscheinlich, denn sie ist von sehr zurückhalten- 
der Natur. Sie sträubt sich, wie es der Traum zeigt. Eine andere 
Erklärung wäre, daß sie es nicht nötig hat; sie hat sich wirklich 
bisher stark genug gezeigt, ihre Zustände ohne fremde Hilfe zu be- 
herrschen. Nun sind nur noch einige Züge übrig, die ich weder bei 
Irma noch bei ihrer Freundin unterbringen kann; bleich, gedunsen, 
falsche Zähne. Die falschen Zähne führten mich auf jene Gouvernante; 
ich fühle mich nun geneigt, mich mit schlechten Zähnen zu begnügen. 
Dann fällt mir eine andere Person ein, auf welche jene Zuge an- 
spielen können. Sie ist gleichfalls nicht meine Patientin und ich 
möchte sie nicht zur Patientin haben, da ich gemerkt habe, daß sie 
sich vor mir geniert und ich sie für keine gefügige Kranke halte, bie 
ist für gewöhnlich bleich, und als sie einmal eine besonders gute 
Zeit hatte, war sie gedunsen*. Ich habe also meine Patientin Irma 



* Auf diese dritte Person läßt sich auch die noch unaufgeklärte Klage 
über Schmerzen im Leibe zurückführen. Es handelt sich natürlich um meine 
eigene Frau; die Leibschmerzen erinnern mich an einen der Anlasse, bei denen 
ihre Scheu mir deutlich wurde. Ich muß mir eingestehen, daß ich Irma unü 



78 II. Die Methode der Traumdeutung. 

mit zwei anderen Personen verglichen, die sich gleichfalls der Be- 
handlung sträuben würden. Was kann es für Sinn haben, daß ich' sie 
im Traume mit ihrer Freundin vertauscht habe? Etwa, daß ich sie 
vertauschen möchte; die andere erweckt entweder bei mir stärkere 
Sympathien oder ich habe eine höhere Meinung von ihrer Intelligenz. 
Ich halte nämlich Irma für unklug, weil sie meine Lösung nicht 
akzeptiert. Die andere wäre klüger, würde also eher nachgeben. Der 
Mund gekt dann auch gut auf; sie würde mehr erzählen als 
Irma**. 

Was ich im Halse sehe: einen weißen Fleck und ver- 
schärfte Nasenmuscheln. 

Der weiße Fleck erinnert an Diphtheritis und somit an Irmas 
Ireimdm, außerdem aber an die schwere Erkrankung meiner ältesten 
Tochter vor nahezu zwei Jahren und an all den Schreck iener bösen 
Zeit. Die Schorfe an den Nascnmuscheln mahnen an eine' Sorge um 
meine eigene Gesundheit. Ich gebrauchte damals häufig Kokain, um 
last ige Nasenschwellungen zu unterdrücken, und hatte vor wenigen 
Tagen gehört, daß eine Patientin, die es mir gleich tat, sich eine 
ausgedehnte Nekrose der Nasenschleimhaut zugezogen hatte. Die 
iMiipielilung des Kokains, die 1885 von mir ausging, hat mir auch 
schwerwiegende Vorwürfe eingetragen. Ein teurer. 1895 schon ver- 
storbener Freund hatte durch den Mißbrauch dieses Mittels seinen 
, Untergang beschleunigt. 

_ Ich rufe schnell Dr. M. hinzu, der die "Untersuchung; 
wiederholt. 

Das entspräche einfach der Stellung, die M. unter uns einnahm. 
Aber das „schnell" ist auffällig genug, um eine besondere Erklärung 
zu fordern. Es erinnert mich an ein trauriges ärztliches Erlebnis. 
Ich hatte einmal durch die fortgesetzte Ordination eines Mittels, 
welches damals noch als harmlos galt (Sulfonal), eine schwere Intoxi- 
kation bei einer Kranken hervorgerufen und wandte mich dann eiligst 
an den_ erfahrenen älteren Kollegen um Beistand. Daß ich diesen 
i ! , w ™ lch ^ Au £ e naDe ' wir( * durch einen Nebenumstand er- 
härtet. Die Kranke, welche der Intoxikation erlag, führte denselben 
.Namen -wie meine älteste Tochter. Ich hatte bis jetzt niemals daran 
gedacht; jetzt kommt es mir beinahe wie eine Schicksalsvergeltung 
vor. Als sollte sich die Ersetzung der Personen in anderem Sinne 
hier fortsetzen; diese Mathilde für jene Mathilde; Aug' um Avig y , 
/ahn um Zahn. Es ist, als ob ich alle Gelegenheiten hervorsuchte, 
aus denen ich mir den Vorwurf mangelnder ärztlicher Gewissenhaftig- 
keit machen kann. 

Dr. M. ist bleich, ohne Bart am Kinn und hinkt. 

moino Frau in diesem Traume nicht sehr liebenswürdig behandle, aber zu meiner 
Entschuldigung sei bemerkt, daß ich beide am Ideal der braven, <*efü°-i-en 
Patientin meSse. ° ° ° 

** Ich ahne, daß die Deutung dieses Stückes nicht weit genuo- geführt ist 
um allem verborgenen Sinne zu folgen. Wollte ich die Vergleiclmng der drei 
Frauen fortsetzen, so käme icii weit ab. — Jeder Traum hat mindestens eine 
Stelle, an welcher er unergründlich ist, gleichsam einen Nabel, durch den ei 
mit dem Unerkannten zusammenhängt. 










Analyse des Trimmes von Irmas Injektion. 79 

Davon ist soviel richtig, daß sein schlechtes Aussehen häufig 
die Sorge seiner Freunde erweckt. Die heiden anderen Charaktere 
müssen einer anderen Person angehören. Es fällt mir mein im Aus- 
land lebender älterer Bruder ein, der das Kinn rasiert trägt und dem, 
wenn ich mich recht erinnere, der M. des Traumes im ganzen ähnlich 
sah. über ihn kam vor einigen Tagen die Nachricht, daß er .wegen 
einer arthritischen Erkrankung in der Hüfte hinke. Es muß einen 
Grund haben, daß ich die beiden Personen im Traume zu einer 
einzigen verschmelze. Ich erinnere mich wirklich, daß ich gegen 
beide aus ähnlichen Gründen mißgestimmt war. Beide hatten einen 
gewissen Vorschlag, den ich ihnen in der letzten Zeit gemacht hatte, 
zurückgewiesen. 

Freund Otto steht jetzt bei der Kranken und Freund 
Leopold untersucht sie und weist eine Dämpfung links 
unten nach. 

Freund Leopold ist gleichfalls Arzt, ein Verwandter von Otto. 
Das Schicksal hat die beiden, da sie dieselbe Spezialität ausüben, zu 
Konkurrenten gemacht, die man beständig miteinander vergleicht. 
Sie haben mir beide Jahre hindurch assistiert, als ich noch eine 
öffentliche Ordination für nervenkranke Kinder leitete. Szenen wie 
die im Traume reproduzierte haben sich dort oftmals zugetragen. 
Während ich mit Otto über die Diagnose eines Falles debattierte, 
hatte Leopold das Kind neuerdings untersucht und einen unerwarteten 
Beitrag zur Entscheidung beigebracht. Es bestand eben zwischen 
ihnen eine ähnliche Charakterverschiedenheit wie zwischen dem In- 
spektor B ras ig und seinem Freunde Karl. Der eine tat sich durch 
„Fixigkeit" hervor, der andere war langsam, bedächtig, aber gründ- 
lich. "Wenn ich im Traume Otto und den vorsichtigen Leopold ein- 
ander gegenüberstelle, so geschieht es offenbar, um Leopold heraus- 
zustreichen. Es ist ein ähnliches Vergleichen wie oben zwischen der 
unfolgsamen Patientin Irma und ihrer für klüger gehaltenen Freun- 
din. Ich merke jetzt auch eines der Geleise, auf denen sich die 
Gedankenverbindung im Traume fortschiebt : vom kranken Kinde zum 
Kinderkrankeninstitut. — Die Dämpfung links unten macht mir den 
Eindruck, als entspräche sie allen Details eines einzelnen Falles, 
in dem mich Leopold 'durch seine Gründlichkeit frappiert hat. Es 
schwebt mir außerdem etwas vor wie eine metastatische Affektion, 
aber es könnte auch eine Beziehung zu der Patientin sein, die ich 
an Stelle von Irma haben möchte. Diese Dame imitiert nämlich, soweit 
ich es übersehen kann, eine Tuberkulose. 

Eine infiltrierte Hautpartie an derlinken Schulter. 

Ich weiß sofort, das ist mein eigener Schultcrrhcumatismus,_ den 
ich regelmäßig verspüre, wenn ich bis tief in die Nacht wach geblieben 
bin. Der "Wortlaut im Traume klingt auch so zweideutig: was ich 
.... wie er spüre. Am eigenen Körper spüre, ist gemeint. Übrigens 
fällt mir auf, wie ungewöhnlich die Bezeichnung ..infiltrierte flaut- 
partic" klingt. An die „ Infiltration links hinten oben" sind wir 
gewöhnt; die bezöge sich auf die Lunge und somit wieder auf 
Tuberkulose. 



80 



II. Die Methode der Traumdeutung. 



Trotz des Kleides. Das ist allerdings nur eine Einschaltimg. 
Die Kinder im Krankeninstitut untersuchten wir natürlich entkleidet ; 
es ist irgend ein Gegensatz zur Art, wie man erwachsene weibliche 
Patienten untersuchen muß. Von einem hervorragenden Ebaiiker 
pflegte mar. zu erzählen, daß er seine Patienten nur durch die Kleider 
physikalisch untersucht habe. Das Weitere ist mir dunkel, ich habe, 
offen gesagt, keine Neigung, mich hier tiefer einzulassen. 

Dr. M. sagt: Es ist eine Infektion, aber es macht 
nichts. Es wird noch Dysenterie hinzukommen und das 
Gift sich ausscheiden. 

Das erscheint mir zuerst lächerlieh, muß aber doch, wie alles 
andere, sorgfältig zerlegt werden. Näher betrachtet, zeigt es doch 
eine Art- von Sinn. Was ich an der Patientin gefunden Habe, war 
eine lokale Diphtheritis. Aus der Zeit der Erkrankung meiner 
Tochter erinnere ich mich an die Diskussion über Diphtheritis und 
Diphtherie. Letztere ist die Allgemeininfektion, die von der lokalen 
Diphtheritis ausgeht. Eine solche Allgemeininfcktion weist Leopold 
durch die Dämpfung nach, welche also an metastatische Herde den- 
ken läßt. Ich glaube zwar, daß gerade bei Diphtherie derartige 
Metastasen nicht vorkommen. Sie erinnern mich eher an Pyämie. 

Es macht nichts, ist ein Trost. Ich meine, er fügt sich 
folgendermaßen ein: Das letzte Stück des Traumes hat den Inhalt 
gebracht, daß die Schmerzen der Patientin von einer schweren orga- 
nischen Affektion herrühren. Es ahnt mir, daß ich auch damit nur 
die Schuld von mir abwälzen will. Für den Fortbestand diphthenti- 
scher Leiden kann die psychische Kur nicht verantwortlich gemacht 
werden. Nun geniert es mich doch, daß ich Irma ein so schweres 
Leiden andichte, einzig und allein, um mich zu entlasten. Es sieht 
so grausam aus. Ich brauche also eine Versicherung des guten ^Aus- 
ganges, und es scheint mir nicht übel gewählt, daß ich den Trost 
gerade der Person des Dr. M. in den Mund lege. Ich erhebe mich 
aber hier über den Traum, was der Aufklärung bedarf. 

"Warum ist dieser Trost aber so unsinnig? 

Dysenterie: Irgend eine fernliegende theoretische Vorstellung, 
daß Krankheitsstoffe durch den Darm entfernt werden können. "Will 
ich mich damit über den Reichtum des Dr. M. an weit hergeholten 
Erklärungen, sonderbaren pathologischen Verknüpfungen, lustig ma- 
chen? Zu Dysenterie fällt mir noch etwas anderes ein. Vor einigen 
Monaten hatte ich einen jungen Mann mit merkwürdigen Stuhl- 
beschwerden übernommen, den anderen Kollegen als einen Fall von 
„Anämie mit Unterernährung" behandelt hatten. Ich erkannte, daß 
es sich um eine Hysterie handle, wollte meine Psychotherapie nicht 
an ihm versuchen und schickte ihn auf eine Seereise. Nun bekam 
ich vor einigen Tagen einen verzweifelten Brief von ihm aus Ägypten, 
daß er dort einen neuen Anfall durchgemacht, den der Arzt für 
Dysenterie erklärt habe. Ich vermute zwar, die Diagnose ist nur ein 
Irrtum des unwissenden Kollegen, der sich von der Hysterie äffen 
läßt; aber ich konnte mir doch die Vorwürfe nicht ersparen, daß ich 
den Kranken in die Lage versetzt, sich zu seiner hysterischen Darm- 
affektion etwa noch eine organische zu holen. Dysenterie klingt 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion. 81 

ferner an Diphtherie an, welcher Name fff im Traume nicht ge- 
nannt wird. 

Ja, es muß so sein, daß ich mich mit der tröstlichen Prognosen 
Es wird noch Dysenterie hinzukommen usw. über Dr. M. lustig 
mache, denn ich entsinne mich, daß er mir einmal vor Jahren etwas 
ganz Ähnliches von einem anderen Kollegen lachend erzählt hat. Er 
war zur Konsultation mit diesem Kollegen bei einem schwer Kranken 
berufen worden und fühlte sich veranlaßt, dem anderen, der sehr 
hoffnungsfreudig schien, vorzuhalten, daß er beim Patienten Eiweiß 
im Harne finde. Der Kollege ließ sich aber nicht irre machen, 
sondern antwortete beruhigt: Das macht nichts, Herr Kollege, 
der Eiweiß wird sich schon ausscheiden! — Es ist mir also nicht 
mehr zweifelhaft, daß in diesem Stück des Traumes ein Holm auf v die 
der Hysterie unwissenden Kollegen enthalten ist. Wie zur Bestätigung 
fährt mir jetzt durch den Sinn: "Weiß denn Dr. M., daß die Er- 
scheinungen bei seiner Patientin, der Freundin Irmas, welche eine 
Tuberkulose befürchten lassen, auch auf Hysterie beruhen? Hat er 
diese Hysterie erkannt oder ist er ihr „aufgesessen"? 

Welches Motiv kann ich aber haben, diesen Freund so schlecht 
zu beha-ndeln? Das ist sehr einfach: Dr. M. ist mit meiner „Lösung" 
bei Irma so wenig einverstanden wie Irma selbst. Ich habe also in 
diesem Traume bereits an zwei Personen Eache genommen, an Irma 
mit den Worten: Wenn du noch Schmerzen hast, ist es deine eigene 
Schuld, und an Dr. M. mit dem Wortlaute der ihm in den Mund 
gelegten unsinnigen Tröstung. 

Wir wissen unmittelbar, woher die Infektion rührt. 
Dies unmittelbare AVissen im Traume ist sehr merkwürdig. Eben 
vorhin wußten wir es noch nicht, da die Infektion erst durch Leopold 
nachgewiesen wurde. 

Freund Otto hat ihr, als sie sich unwohl fühlte, eine 
Injektion gegeben. Otto hatte wirklich erzählt, daß er in der 
kurzen Zeit seiner Anwesenheit bei Irmas Familie ins benachbarte 
Hotel geholt wurde, um dort jemandem, der sich plötzlich unwohl 
fühlte, eine Injektion zu machen. Die Injektionen erinnern mich 
wieder an den unglücklichen Freund, der sich mit Kokain vergiftet 
hat. Ich habe ihm das Mittel nur zur internen Anwendung während 
der Morphiumentziehung geraten; er machte sich aber unverzüglich 
Kokaininjektionen. 

Mit einem Propylpräparat .... Propylen .... Pro- 
pionsäure. Wie komme ich nur dazu? Am selben Abend, nach 
welchem ich an der Krankengeschichte geschrieben und darauf ge- 
träumt hatte, öffnete meine Frau eine Flasche Likör, auf welcher 
,, Ananas"* zu lesen stand und die ein Geschenk unseres Freundes 
Otto war. Er hat nämlich die Gewohnheit, bei allen möglichen An- 
lässen zu schenken; hoffentlich wird er einmal durch eine Frau davon 



* „Ananas" enthält übrigens einen deutlichen Anklang an den Familien- 
namen meiner Patientin Irma. 

Freud, Tran mit rühm?, 5. Aufl. U 



82 



II. Die Methode der Traumdeutung. 



kuriert*. Diesem Likör entströmte ein solcher Fusclgcruch, daß ich 
mich weigerte, davon zu kosten. Meine Frau meinte: Diese Flasche 
schenken wir den Dienstleuten, und ich, noch vorsichtiger, untersagte 
es mit der menschenfreundlichen Bemerkung, sie sollen sich auch 
nicht vergiften. Der Fuselgeruch (Amyl . . .) hat nun offenbar bei 
mir die Erinnerung an die ganze Reihe: Propyl, Methyl usw. ge- 
weckt, die für den Traum die Propylenpräparate lieferte. Ich habe 
dabei allerdings eine Substitution vorgenommen, Propyl geträumt, 
nachdem ich Amyl gerochen, aber derartige Substitutionen sind viel- 
leicht gerade in der organischen Chemie gestattet. 

Trimethylamin. Von diesem Körper sehe ich im Traume 
die chemische Formel, was jedenfalls eine große Anstrengung meines 
Gedächtnisses bezeugt, und zwar ist die Formel fett gedruckt, als 
wollte man aus dem Kontext etwas als ganz besonders wichtig heraus- 
heben. Worauf führt mich nun Trimethylamin, auf das ich in 
solcher Weise aufmerksam gemacht werde? Auf ein Gespräch mit 
einem anderen Freunde, der seit Jahren um all meine keimenden 
Arbeiten weiß, wie ich um die sein igen. Er hatte mir damals 
gewisse Ideen zu einer Sexualchemic mitgeteilt und unter anderem 
erwähnt, eines der Produkte des Sexualstoffwechsels glaube er im 
Trimethylamin zu erkennen. Dieser Körper führt mich also auf die 
Sexualität, auf jenes Moment, dem ich für die Entstehung der ner- 
vösen Affektionen, welche ich heilen will, die größte Bedeutung bei- 
lege. Meine Patientin Irma ist eine jugendliche Witwe; wenn es 
mir darum zu tun ist, den Mißerfolg der Kur bei ihr zu entschul- 
digen, werde ich mich wohl am besten auf diese Tatsache berufen, 
an welcher ihre Freunde gerne ändern möchten. Wie merkwürdig 
übrigens ein solcher Traum gefügt ist! Die andere, welche ich an 
Irinas Statt im Traume als Patientin habe, ist auch eine junge Witwe. 

Ich ahne, warum die Formel Trimethylamin im Traume sich 
so breit gemacht hat. Es kommt soviel Wichtiges in diesem einen 
Worte zusammen: Trimethylamin ist nicht nur eine Anspielung auf 
das übermächtige Moment der Sexualität, sondern auch auf eine 
Person, an deren Zustimmung ich mich mit Befriedigung erinnere, 
wenn ich mich mit meinen Ansichten verlassen fühle. Sollte dieser 
Freund, der in meinem Leben eine so große Rolle spielt, in dem 
Gedankenzusammenhang des Traumes weiter nicht vorkommen? Doch; 
er ist ein besonderer Kenner der Wirkungen, welche von Affektionen 
der Nase und ihren Nebenhöhlen ausgehen, und hat der Wissenschaft 
einige höchst merkwürdige Beziehungen der Nasenmuscheln zu den 
weiblichen Sexualorganen eröffnet. (Die drei krausen Gebilde im 
Halse bei Irma.) Ich habe Irma von ihm untersuchen lassen, ob ihre 
Magenschmerzen etwa nasalen Ursprunges sind. Er leidet aber selbst 
an Naseneiterungen, die mir Sorge bereiten, und darauf spielt wohl 
die Pyämie an, die mir bei den Metastasen des Traumes vorschwebt 

* Hierin erwies sich dieser Traum nicht als prophetisch. In anderem 
Sinne behielt er Recht, denn die „ung-elösten" Magenbeschwerden meiner Pa- 
tientin, an denen ich nicht Schuld haben wollte, waren die Vorläufer eines 
ernsthaften Gallensteinleidens. 



Analyse des Traumes von Irmas Injektion. gJJ 

Man macht s o 1 c h c Injektionen nicht' so leichtfertig. 
Hier wird der Vorwurf der Leichtfertigkeit unmittelbar gegen Freund 
Otto geschleudert. Ich glaube, etwas Ähnliches habe ich mir am 
Nachmittag gedacht, als er durch Wort und Blick seine Parteinahme 
gegen mich zu bezeugen schien. Es war etwa: "Wie leicht er sich 
beeinflussen läßt ; wie leicht er mit seinem Urteile fertig wird. — 
Außerdem deutet mir der obenstehende Satz wiederum auf den ver- 
storbenen Freund, der sich so rasch zu Kokaininjektionen entschloß. 
Ich hatte Injektionen mit dem Mittel, wie gesagt, gar nicht beab- 
sichtigt. Bei dem Vorwurfe, den ich gegen Otto erhebe, leichtfertig 
mit jenen' chemischen Stoffen umzugehen, merke ich, daß ich wieder 
die Geschichte jener unglücklichen Mathilde berühre, aus der der- 
selbe Vorwurf gegen mich hervorgeht. Ich sammle hier offenbar Bei- 
spiele für meine Gewissenhaftigkeit, aber auch fürs Gegenteil. 

Wahrscheinlich war auch die Spritze nicht rein. Noch 
ein Vorwurf gegen Otto, der aber anderswoher stammt. Gestern 
traf ich. zufällig den Sohn einer 82jährigen Dame, der ich tätlich 
zwei Morphiuminjektionen geben muß. Sie ist gegenwärtig auf dem 
Lande, und ich hörte über sie, daß sie an einer Venenentzündung 
leide. Ich dachte sofort daran, es handle sich um ein Infiltrat 
durch Verunreinigung der Spritze. Es ist mein Stolz, daß ich ihr 
in zwei Jahren nicht ein einziges Infiltrat gemacht habe; es ist 
freilich meine beständige Sorge, ob die Spritze auch rein ist. Ich 
bin eben gewissenhaft. Von der Venenentzündung komme ich wieder 
auf meine Frau, die in einer Schwangerschaft an Venenstauungen 
gelitten, und nun tauchen in meiner Erinnerung drei ähnliche Si- 
tuationen, mit meiner Frau, mit Irma und der verstorbenen Mathilde 
auf, deren Identität mir offenbar das Recht gegeben hat, die drei 
Personen im Traume füreinander einzusetzen. 



Ich habe nun die Traumdeutung vollendet*. Während dieser 
Arbeit hatte ich Mühe, mich all der Einfälle zu erwehren, zu denen 
der Vergleich zwischen dem Traunrinhalt und den dahinter versteckten 
Traumgedanken die Anregung geben mußte Auch ist mir unterdes 
der „Sinn" des Traumes aufgegangen. Ich habe eine Absicht gemerkt, 
welche durch den Traum verwirklicht wird, und die das Motiv des 
Träumens gewesen sein muß. Der Traum erfüllt einige Wünsche, 
welche durch die Ereignisse des letzten Abends (die Nachricht Ottos, 
die Niederschrift der Krankengeschichte) ininir rege gemacht worden 
sind. Das Ergebnis des Traumes ist nämlich, daß ich nicht schuld 
bin an dem noch vorhandenen Leiden Irmas, und daß Otto daran 
schuld ist. Nun hat mich Otto durch seine Bemerkung über Irmas 
unvollkommene Heilung geärgert; der Traum rächt mich an ihm, 
indem er den Vorwurf gegen ihn selbst zurückwendet. Von der Ver- 
antwortung für Irmas Befinden spricht der Traum mich frei, indem 
er dasselbe auf andere Momente (gleich eine ganze Reihe von Be- 
gründungen) zurückführt. Der Traum stellt einen gewissen Sach- 

* Wenn ich auch, wie begreiflich, nicht alles mitgeteilt habe, was mir 
zur Deutungsarbeit eingefallen ist. 

C» 



QA Bf. Die Meihode der Traumdeutung-. 

verhalt so aar, wie ich ihn wünschen möchte; sein Inhalt ist 
also eine Wunscherfüllung, sein Motiv ein Wunsch. 

Soviel springt in die Augen. Aber auch von den Details des 
Traumes wird mir manches unter dem Gesichtspunkte der Wunsch- 
erfüllung verständlich. Ich räche mich nicht nur an Otto für seine 
voreilige Parteinahme gegen mich, indem ich ihm eine voreilige ärzt- 
liche Handlung zuschiebe (die Injektion), sondern ich nehme auch 
Rache an ihm für den schlechten Likör, der nach Fusel duftet, und 
ich finde im Traume einen Ausdruck, der beide Vorwürfe vereint: 
die Injektion mit einem Propylenpräpaxat. Ich bin noch nicht be- 
friedigt, sondern setze meine Rache fort, indem ich ihm seinen 
verläßlicheren Konkurrenten gegenüberstelle. Ich scheine damit zu 
sagen : Der ist mir lieber als du. Otto ist aber nicht der einzige, der 
die Schwere meines Zornes zu fühlen hat. Ich räche mich auch 
an der unfolgsamen Patientin, indem ich sie mit einer klügeren, 
gefügigeren vertausche. Ich lasse auch dem Dr. M. seinen Wider- 
spruch nicht ruhig hingehen, sondern drücke ihm in einer deutlichen 
Anspielung meine Meinung aus, daß er der Sache als ein Unwissen- 
der gegenübersteht („es wird Dysenterie hinzutreten usw.").' Ja, mir 
scheint, ich appelliere von ihm weg an einen anderen, Besserwissen- 
den (meinen Freund, der mir vom Trimethylaniin erzählt hat), wie 
ich von Irma an ihre Freundin, von Otto an Leopold mich gewendet 
habe. Schafft mir diese Personen weg, ersetzt sie mir durch drei 
andere meiner Wahl, dann bin ich der Vorwürfe ledig, die ich nicht 
verdient haben will! Die Grundlosigkeit dieser Vorwürfe selbst wird 
mir im Traume auf die weitläufigste Art erwiesen. Irmas Schmer- 
zen fallen nicht mir zur Last, denn sie ist selber schuld an ihnen, 
indem sie meine Lösung anzunehmen verweigert. Irmas Schmerzen 
gehen mich nichts an, denn sie sind organischer Natur, durch eine 
psychische Kur gar nicht heilbar. Irmas Leiden erklären sich be- 
friedigend durch ihre Witwenschaft (Trimethylaniin!), woran ich 
ja nichts ändern kann. Irmas Leiden ist durch eine unvorsichtige. 
Injektion von Seite Ottos hervorgerufen worden mit einem dazu 
nicht geeigneten Stoff, wie ich sie nie gemacht hätte. Irmas Leiden 
rührt von einer Injektion mit unreiner Spritze her wie die Venen- 
entzündung meiner alten Dame, während ich bei meinen Injek- 
tionen niemals etwas anstelle. Ich merke zwar, diese Erklärungen 
für Irmas Leiden, die darin zusammentreffen, mich zu entlasten) 
stimmen untereinander nicht zusammen, ja sie schließen einander aus. 
Das ganze Plaidoyer — nichts anderes ist dieser Traum — er- 
innert lebhaft an die Verteidigung des Mannes, der von seinem Nach- 
bar angeklagt war, ihm einen Kessel in schadhaftem Zustand zurück- 
gegeben zu haben. Erstens habe er ihn unversehrt zurückgebracht, 
zweitens war der Kessel schon durchlöchert, wie er ihn entlehnte, 
drittens hatte er nie einen Kessel vom Nachbar entlehnt. Aber um so 
besser; wenn nur eine dieser drei Verteidigungsarten stichhaltig er- 
kannt wird, muß der Mann freigesprochen werden. 

Es spielen in den Traum noch andere Themata hinein, deren 
Beziehung zu meiner Entlastung von Irmas Krankheit nicht so durch- 
sichtig ist: Die Krankheit meiner Tochter und die einer gleich- 



Deutung dea Traumes von Irmas Injektion. gr, 

sämigen Patientin, die Kokainschädlichkeit, die Affektion meines in 
Ägypten reisenden Patienten, die Sorge um die (Jcsundheit meiner 
Frau, meines Bruders, des Dr. M., meine eigenen Körperbeschwerden, 
die Sorge um den abwesenden Freund, der an Naseneiterungen 
leidet. Doch wenn ich all das ins Auge fasse, fügt es sich zu einem 
einzigen Gedankenkreis zusammen, etwa mit der Etikette: Sorge 
um die Gesundheit, eigene und fremde, ärztliche Gewissenhaftigkeit. 
Ich erinnere mich an eine unklare peinliche Empfindung, als mir 
Otto die Nachricht von Ix-inas Befinden brachte. Aus dem im Traume 
mitspielenden Gedankenkreis möchte ich nachträglich den Ausdruck 
für diese flüchtige Empfindung einsetzen. Es ist, als ob er mir ge- 
sagt hätte : Du nimmst deine ärztlichen Pflichten nicht emsthaf t genug, 
bist nicht gewissenhaft, hältst nicht, was du versprichst. Daraufhin 
hätte sich mir jener Gedankenkreis zur Verfügung gestellt, damit 
ich den Nachweis erbringen könne, in wie hohem Grade ich ge- 
wissenhaft bin, wie sehr mir die Gesundheit meiner Angehörigen, 
Freunde und Patienten am Herzen liegt- Bemerkenswerterweise sind 
unter diesem Gedankenmaterial auch peinliche Erinnerungen, die 
eher für die meinem Freunde Otto zugeschriebene Beschuldigung als 
für meine Entschuldigung sprechen. Das Material ist gleichsam un- 
parteiisch, aber der Zusammenhang dieses breiteren Stoffes, auf dem 
der Traum ruht, mit dem engeren Thema des Traumes, aus dem 
der Wunsch hervorgegangen ist, an Irmas Krankheit unschuldig zu 
sein, ist doch unverkennbar. 

Ich will nicht behaupten, daß ich den Sinn dieses Traumes voll- 
ständig aufgedeckt habe, daß seine Deutung eine lückenlose ist. 

Ich könnte noch lange bei ihm verweilen, weitere Aufklärungen 
aus ihm entnehmen und neue Rätsel erörtern, die er auf werfen heilit. 
Ich kenne selbst die Stellen, von denen aus weitere Gedanken- 
zusammenhänge zu verfolgen sind ; aber Rücksichten, wie sie bei 
jedem eigenen Traume in Betracht kommen, halten mich von der 
Deutungsarbeit ab. "Wer mit dem Tadel für solche Reserve rasch 
bei der Hand ist, der möge nur selbst versuchen, aufrichtiger zu 
sein als ich. Ich begnüge mich für den Moment mit der einen neu 
gewonnenen Erkenntnis : Wenn man die hier angezeigte Methode 
der Traumdeutung befolgt, findet man, daß der Traum wirklich einen 
Sinn hat und keineswegs der Ausdruck einer zerbröckelten Hirn- 
tätigkeit ist, wie die Autoren wollen. N a c li vollendeter Deu- 
t ungs arbeit läßt sich der Traum als e in eWunscherfüllung 
erkennen. 



III 

XXL. 

Der Traum ist eine Wunscherfüllung. 

Wenn man einen engen Hohlweg passiert hat und plötzlich auf 
einer Anhöhe angelangt ist, von welcher aus die Wege sich teilen 
und die reichste Aussicht nach verschiedenen Richtungen sich öffnet, 
darf man einen Moment lang verweilen und überlegen, wohin man 
zunächst sich wenden soll. Ähnlich ergeht es uns, nachdem wir 
diese erste Traumdeutung überwunden haben. Wir stehen in der 
Klarheit einer plötzlichen Erkenntnis. Der Traum ist nicht ver- 
gleichbar dem unregelmäßigen Ertönen eines musikalischen Instru- 
mentes, das anstatt von der Hand des Spielers von dem Stoß einer 
äußeren Gewalt getroffen wird, er ist nicht sinnlos, nicht absurd, setzt 
nicht voraus, daß ein Teil unseres Vorstellungsschatzes schläft, wäh- 
rend ein anderer zu erwachen beginnt. Er ist ein vollgültiges psychi- 
sches Phänomen, und zwar eine Wunscherfüllung-; er ist einzureihen 
in den Zusammenhang der uns verständlichen seelischen Aktionen des 
Wachens; eine hoch komplizierte intellektuelle Tätigkeit hat ihn 
aufgebaut. Aber eine Fülle von Prägen bestürmt uns im gleichen 
Moment, da wir uns dieser Erkenntnis freuen wollen. Wenn der 
Traum laut Angabe der Traumdeutung einen erfüllten Wunsch dar- 
stellt, woher rührt die auffällige und befremdende Form, in welcher 
diese Wunscherfüllung ausgedrückt ist? Welche Veränderung ist mit 
den Traumgedanken vorgegangen, bis sich aus ihnen der manifeste 
Traum, wie wir ihn beim Erwachen erinnern, gestaltete? Auf welchem 
Wege ist diese Veränderung vor sich gegangen? Woher stammt das 
Material, das zum Traume verarbeitet worden ist? Woher rühren 
manche, der Eigentümlichkeiten, die wir an den Traumgedanken be- 
merken konnten, wie z. B., daß sie einander widersprechen dürfen? 
(Die Analogie mit dem Kessel, S. 84.) Kann der Traum uns etwas 
Neues über unsere inneren psychischen Vorgänge lehren, kann sein 
Inhalt Meinungen korrigieren, an die wir tagsüber geglaubt haben? 
Ich schlage vor, alle diese Fragen einstweilen beiseite zu lassen und 
einen einzigen Weg weiter zu verfolgen. Wir haben erfahren, daß 
der Traum einen Wunsch als erfüllt darstellt. Unser nächstes Inter- 
esse soll es sein zu erkunden, ob dies ein allgemeiner Charakter 
des Traumes ist oder nur der zufällige Inhalt jenes Traumes 
(„von Irmas Injektion")) mit dem unsere Analyse begonnen hat, denn 
selbst wenn wir uns darauf gefaßt machen, daß jeder Traum einen 
Sinn und psychischen Wert hat, müssen wir noch die Möglichkeit 
offen lassen, daß dieser Sinn nicht in jedem Traume der nämliche 
sei. Unser erster Traum war eine Wunscherfüllung; ein anderer 
stellt sich vielleicht als eine erfüllte Befürchtung heraus; ein dritter 
mag eine Reflexion zum Inhalt haben, ein vierter einfach eine Er- 
innerung reproduzieren. Gibt es also noch andere Wunschträume oder 
gibt es vielleicht nichts anderes als Wunschträume? 



• Bequenilichkuitstriiume. 87 

Es ist leicht zu zeigen, daß die Träume häufig den Charakter, 
der Wimscheri'üllung unvcrhüllt erkennen lassen, so daß man sich 
wundern mag, warum die Sprache der Träume nicht schon längst 
ein Verständnis gefunden hat. Da ist z. B. ein Traum, den ich mir 
beliehig oft, gleichsam experimentell, erzeugen kann. "Wenn ich am 
Abend Sardellen, Oliven oder sonst stark gesalzene Speisen nehme, 
bekomme ich in der Nacht Durst, der mich weckt. Dem Erwachen 
geht aber ein Traum voraus, der jedesmal den gleichen Inhalt hat, 
nämlich daß ich trinke. Ich schlürfe Wasser in vollen Zügen, es 
schmeckt mir so köstlich, wie nur ein kühler Trunk schmecken 
kann, wenn man verschmachtet, ist, und dann erwache ich und muß 
wirklich trinken. Der Anlaß dieses einfachen Traumes ist der Durst, 
den ich ja beim Erwachen verspüre. Aus dieser Empfindung geht 
der Wunsch hervor zu trinken, und diesen Wunsch zeigt mir der 
Traum erfüllt. Er dient dabei einer Funktion, die ich bald errate. 
Ich bin ein guter Schläfer, nicht gewöhnt, durch ein Bedürfnis ge- 
weckt zu werden. Wenn es mir gelingt, meinen Durst durch den 
Traum, daß ich trinke, zu beschwichtigen, so brauche ich nicht auf- 
zuwachen, um ihn zu befriedigen. Es ist also ein Bequemlichkeits- 
traum. Das Träumen setzt sich an Stelle des Handelns wie auch 
sonst im Leben. Leider ist das Bedürfnis nach Wasser, um den 
Durst zu löschen, nicht mit einem Traume zu befriedigen wie mein 
Bachedurst gegen Ereund Otto und Dr. M., aber der gute Wille 
ist der gleiche. Derselbe Traum hat sich unlängst einigermaßen 
modifiziert. Da bekam ich schon vor dem Einschlafen Durst und 
trank das Wasserglas leer, das auf dem Kästchen neben meinem 
Bette stand. Einige Stunden später kam in der Nacht ein neuer 
Durstanfall, der seine Unbequemlichkeiten im Gefolge hatte. Um mir 
Wasser zu verschaffen, hätte ich aufstehen und mir das Glas holen 
müssen, welches auf dem Nachtkästchen meiner Frau stand. Ich 
träumte also zweckentsprechend, daß meine Er au mir aus einem 
Gefäße zu trinken gibt; dies Gefäß war ein etruskischer Aschen- 
krug, den ich mir von einer italienischen Heise heimgebracht und 
seither verschenkt hatte. Das Wasser in ihm schmeckte aber so 
salzig (von der Asche offenbar), daß ich erwachen mußte. Man 
merkt, wie bequem der Traum es einzurichten versteht; da Wunsch- 
erfüllung seine einzige Absicht ist, darf er vollkommen egoistisch 
sein. Liebe zur Bequemlichkeit ist mit Bücksicht auf Andere wirk- 
lich nicht vereinbar. Die Einmengung des Aschenkruges ist wahr- 
scheinlich wieder eine Wunscherfüllung; es tut mir leid, daß ich dies 
Gefäß nicht mehr besitze, wie übrigens auch das Wasserglas auf 
seiten meiner Frau mir nicht zugänglich ist. Der Aschenkrug paßt 
sich auch der nun stärker gewordenen Sensation des salzigen Ge- 
schmackes an, von der ich weiß, daß sie mich zum Erwachen zwingen 
wird*. 



* Das Tatsächliche der Durstträume war auch Weygandt bekannt, der 
p. 11 darüber äußert: „Gerade die Durstempfindung wird am präzisessen von 
allen aufgefaßt: sie erzeugt stets eine Vorstellung des Durstlöschens. — Die 
Art, wie sich der Traum das Durstlöschen vorstellt, ist mannigfaltig und wird 
nach einer naheliegenden Erinnerung spezialisiert. Eine allgemeine Erscheinung 



88 III. Dur Traum ist eine Wunscherfüllung. 

Solche Bequemlichkeitsträume waren bei mir in juvenilen Jahren 
schi- häufig. Von jeher gewöhnt, bis tief in die Nacht zu arbeiten, 
war mir das zeitige Erwachen immer eine Schwierigkeit. Ich pflegte 
dann zu träumen, daß ich außer Bett bin und beim 'Waschtische 
stehe. Nach einer "Weile konnte ich mich der Einsicht nicht ver- 
schließen, daß ich noch nicht aufgestanden bin, hatte aber doch da- 
zwischen eine Weile geschlafen. Denselben Trägheitstraum in be- 
sonders witziger Form kenne ich von einem jungen Kollegen, der 
meine Schlafneigung zu teilen scheint. Die Zimmerfrau, bei der er 
in der Nähe des Spitals wohnte, hatte den strengen Auftrag, ihn 
jeden Morgen rechtzeitig zu wecken, aber auch ihre liebe Not, wenn 
sie den Auftrag ausführen wollte. Eines Morgens war der Schlaf be- 
sonders süß. Die Frau rief ins Zimmer: Herr Pepi, stehen's auf. 
Sie müssen ins Spital. Daraufhin träumte der Schläfer ein Zimmer 
im Spital, ein Bett, in dem er lag, und eine Kopftafel, auf der zu 

lesen' stand: Pepi H , cand. med., 22 Jahre. Er sagte sich 

träumend: Wenn ich also schon im Spital bin, brauche ich nicht erst 
hineinzugehen, wendete sich um und schlief weiter. Er hatte sich dabei 
das Motiv seines Träumens unverhohlen eingestanden. 

Ein anderer Traum, dessen Reiz gleichfalls während des Schlafes 
selbst einwirkt: Eine meiner Patientinnen, die sich einer ungünstig 
verlaufenen Kieferoperation hatte unterziehen müssen, sollte nach dem 
Wunsche der Ärzte Tag und Nacht einen Kühlapparat auf der kran- 
ken Wange tragen. Sie pflegte ihn aber wegzuschleudern, sobald sie 
eingeschlafen _ war. Eines Tages bat man mich, ihr darüber Vorwürfe 
zii machen; sie hatte den Apparat wiederum auf den Boden geworfen. 
Die Kranke verantwortete sich: „Diesmal kann ich wirklich nichts 
dafür; es war die Folge eines Traumes, den ich bei Nacht gehabt. 
Ich war im Traume in einer Loge in der Oper und interessierte mich 
lebhaft für die Vorstellung. Im Sanatorium aber lag der Herr Karl 
Meyer und jammerte fürchterlich vor Kopfschmerzen. Ich habe mir 
gesagt, da ich die Schmerzen nicht habe, brauche ich auch den Apparat 
nicht; darum habe ich ihn weggeworfen." Dieser Traum der armen 
Dulderin klingt wie die Darstellung einer Redensart, die sich einem 
in unangenehmen Lagen über die Lippen drängt: Ich wüßte mir wirk- 
lich ein besseres Vergnügen. Der Traum zeigt dieses bessere Ver- 
gnügen. Herr Karl Meyer, dem die Träumerin ihre Schmerzen zu- 
schob, war der indifferenteste junge Mann ihrer Bekanntschaft, an den 
sie sich erinnern konnte. 

Nicht schwieriger ist es, die Wunscherfüllung in einigen anderen 
Träumen aufzudecken, die ich von Gesunden gesammelt habe. Ein 

ist auch hier, daß sich sofort nach der Vorstellung des Durstlös chens eiue 
Enttäuschung über die geringe Wirkung der vermeintlichen Erfrischungen ein- 
stellt." Er übersieht aber das Allgemeingültige in der Eeaktion dos Traumes 
auf den Heiz. — Wenn andere Personen, die in der Nacht vom Durste befallen 
•werden, erwachen, ohne vorher zu träumen, so bedeutet dies keinen Einwand 
gegen mein Experiment, sondern charakterisiert? diese anderen als schlechtere 
Schläfer. — Vgl. dazu Jesaias, 29, 8: „Denn gleich wie einem Hungrigen 
träumet, daß er esse, wenn er aber aufwacht, so islt steine Speie noch leer: und 
wie einem Durstigen träumet, daß er trinke, wenn er aber aufwacht, ist er matt 
und durstig" 






Wuiisclierfiillung-oii. gl) 

Freund, der meine Traumtheorie kennt und sie seiner Frau mitgeteilt 
hat, sagt mir eines Tages: „Ich soll dir von meiner Frau erzählen, 
daß sie gestern geträumt hat, sie hätte die Periode bekommen. Du 
wirst wissen, was das bedeutet." Freilich weiß ich's; wenn die junge 
Frau geträumt hat, daß sie die Periode hat, so ist die Periode aus- 
geblieben. Ich kann imir's denken, daß sie gern noch einige Zeit 
ihre Freiheit genossen hätte, ehe die Beschwerden der Mütterlichkeit 
beginnen. Es war eine geschickte Art, die Anzeige von ihrer ersten 
Gravidität zu machen. Ein anderer Freund schreibt, seine Frau habe 
unlängst geträumt, daß sie an ihrer Hemdenbrust Milchfleeken be- 
merke. Dies ist auch eine Graviditätsanzeige, aber nicht mehr vom 
ersten Mal; die junge Mutter wünscht sich, für das zweite Kind L mehr 
Nahrung zu haben als seinerzeit fürs erste. 

Eine junge Frau, die Wochen hindurch bei der Pflege ihres 
infektiös erkrankten Kindes vom Verkehre abgeschnitten war, träumt 
nach glücklicher Beendigung der Krankheit von einer Gesellschaft, in 
der sich A. Daudet, Bourget, M. Prevost u. a. befinden, die 
sämtlich sehr liebenswürdig gegen sie sind und sie vortrefflich amüsie- 
ren. Die betreffenden Autoren tragen auch im Traume die Züge, 
welche ihnen ihre Bilder geben; M. Prevost, von dem sie ein Bild 
nicht kennt, sieht dem — Desinfcktionsmanne gleich, der am Tage 
vorher die Krankenzimmer gereinigt und sie als erster Besucher nach 
langer Zeit betreten hatte. Man meint, den Traum lückenlos über- 
setzen zu können: Jetzt wäre es einmal Zeit für etwas Amüsanteres 
als diese ewigen Krankenpflegen- 

Vielleicht wird diese Auslese genügen, um zu erweisen, daß man 
sehr häufig und unter den mannigfaltigsten Bedingungen Träume 
findet, die sich nur als Wunscherfüllungen verstehen lassen, und die 
ihren Inhalt unverhüllt zur Schau tragen. Es sind dies zumeist 
kurze und einfache Träume, die von den verworrenen und über- 
reichen Traumkompositionen, welche wesentlich die Aufmerksamkeit 
der Autoren auf sich gezogen haben, wohltuend abstechen. Es ver- 
lohnt sich aber, bei diesen einfachen Träumen noch zu verweilen. Die 
allerein fachsten Formen von Träumen darf man wohl bei Kindern 
erwarten, deren psychische Leistungen sicherlich minder kompliziert 
sind als die Erwachsener. Die Kinderpsychologie ist nach meiner 
Meinung dazu berufen, für die Psychologie der Erwachsenen ähn- 
liche Dienste zu leisten wie die Untersuchung des Baues oder der 
Entwicklung niederer Tiere für die Erforschung der Struktur der 
höchsten Tierklassen. Es sind bis jetzt wenig zielbewußte Schritte 
geschehen, die Psychologie der Kinder zu solchem Zwecke auszunützen. 

Die Träume der kleinen Kinder sind häufig simple Wunsch- 
erfüllungen und dann im Gegensatze zu den Träumen Erwachsener 
gar nicht interessant. Sie geben keine Kätsel zu lösen, sind aber 
natürlich unschätzbar für den Beweis, daß der Traum seinem innersten 
Wesen nach eine Wunscherfüllung bedeutet. Bei meinem Material 
von eigenen Kindern konnte ich einige Beispiele von solchen Träumen 
sammeln. 

Einem Ausfluge nach dem schönen Hallstatt (im Sommer 1896) 
von Aussee aus verdanke ich zwei Träume, den einen von meiner 



1)0 



III. Der Traum ist eine Winischerfiilluii{,". 



damals 87°jährigen Tochter, den anderen von einem 57 jährigen 
Knaben. Als Vorbericht muß ich angeben, daß wir in diesem Sommer 
auf einem Hügel bei Aussee wohnten, von wo aus wir bei schönem 
Wetter eine herrliche Dachsteinaussicht genossen. Mit dem Fern- 
rohre war die Simony-Hütte gut zu erkennen. Die Kleinen be- 
mühten sich wiederholt, sie durchs Fernrohr zu sehen; ich. weiß 
nicht, mit welchem Erfolge. Vor der Partie hatte ich den Kindern 
erzählt, Hallstatt läge am Fuße des Dachsteins. Sie freuten sich 
sehr auf den Tag. Von Hallstatt aus gingen wir ins Eschern tal, das 
mit seinen wechselnden Ansichten die Kinder sehr entzückte. Nur 
eines, der fünfjährige Knabe, wurde allmählich mißgestimmt. So oft 
ein neuer Berg in Sicht kam, fragte er: Ist das der Dachstein? 
worauf ich antworten mußte: Nein, nur ein Vorberg. Nachdem sich 
diese Frage einigemal wiederholt hatte, verstummte er ganz ; den 
Stufenweg zum Wasserfall wollte er überhaupt nicht mitmachen. Ich 
hielt ihn für ermüdet. Am nächsten Morgen kam er aber ganz 
selig auf mich zu und erzählte: Heute Nacht habe ich geträumt, 
daß wir auf der Simony-Hütte gewesen sind. Ich verstand ihn nun; 
er hatte erwartet, als ich vom Dachstein sprach, .daß er auf dem 
Ausflüge, nach Hallstatt den Berg besteigen und die Hütte zu Ge- 
sicht bekommen werde, von der beim Fernrohre so viel die Hede 
war. Als er dann merkte, daß man ihm zumute, sich mit Vor- 
bergen und einem Wasserfall abspeisen zu lassen, fühlte er sich 
getäuscht und wurde verstimmt. Der Traum entschädigte ihn dafür. 
Ich versuchte Details des Traumes zu erfahren; sie waren ärm- 
lich. „Man .geht sechs Stunden lang auf Stufen hinauf," wie er's ge- 
hört hatte. 

Auch bei dem 8V 2 jährigen Mädchen waren auf diesem Ausfluge 
Wünsche rege geworden, die der Traum befriedigen mußte. Wir 
hatten den zwölfjährigen Knaben unserer Nachbarn nach Hallstatt mit- 
genommen, einen vollendeten Bitter, der, wie mir schien, sich bereits 
aller Sympathien des kleinen Frauenzimmers erfreute. Sie erzählte 
nun am nächsten Morgen folgenden Traum: Denk' dir, ich hab' ge- 
träumt, daß der Emil einer von uns ist, Papa und Mama zu euch 
sagt und im großen Zimmer mit uns schläft wie unsere Buben. Dann 
kommt die Mama ins Zimmer und wirft eine Handvoll großer Scho- 
koladestangen in blauem und grünem Papier unter unsere Betten. 
Die Brüder, die sich also nicht kraft erblicher Übertragung auf 
Traumdeutung verstehen, erklärten ganz wie unsere Autoren : Dieser 
Traum ist ein Unsinn. Das Mädchen trat wenigstens für einen Teil 
des Traumes ein, und es ist wertvoll für die Theorie der Neurosen 
zu erfahren, für welchen: Daß der Emil ganz bei uns ist, das ist 
ein Unsinn, aber das mit den Schokoladestangen nicht. Mir war 
gerade das letztere dunkel. 'Die Mama lieferte mir hiefür die Er- 
klärung. Auf dem Wege vom Bahnhofe nach Hause hatten die 
Kinder vor dem Automaten haltgemacht und sich gerade solche 
Schokoladestangen in metallisch glänzendem Papiere gewünscht, die 
der Automat nach ihrer Erfahrung zu verkaufen hatte. Die Mam,a 
hatte mit Recht gemeint, jener Tag habe genug Wunscherfüllungen 
gebracht und diesen Wunsch für den Traum übrig gelassen. Mir war 






Träume von Kindern. 9 \ 

die Heine Szene entgangen. Den von meiner Tochter präskribierten 
Teil des Traumes verstand ich ohne weiteres. Ich hatte selbst ge- 
hört, wie der artige Gast auf dem Wege die Kinder aufgefordert hatte 
zu warten, bis der Papa oder die Mama nachkommen. Aus dieser 
zeitweiligen Zugehörigkeit machte der Traum der Kleinen eine dauernde 
Adoption. Andere Formen des Beisammenseins als die im Traume 
erwähnten.; die von den Brüdern hergenommen sind, kannte ihre 
Zärtlichkeit noch nicht. Warum die Schokoladestangen unter die 
Betten geworfen wurden, ließ sich ohne Ausfragen des Kindes natür- 
lich nicht aufklären. 

Einen ganz ähnlichen Traum wie 'den meines Knaben habe ich 
von befreundeter Seite erfahren. Er betraf ein achtjähriges Mädchen. 
Der Vater hatte mit mehreren Kindern einen Spaziergang nach Dorn- 
bach in der Absicht unternommen, die Rohrerhütte zu besuchen, 
kehrte aber um, weil es zu spät geworden war, und versprach den 
Kindern, sie ein anderes Mal zu entschädigen. Auf dem Rückwege 
kamen sie an einer Tafel vorbei, welche den Weg zum Hameau 
anzeigt. Die Kinder verlangten nun auch aufs Hameau geführt zu 
werden, mußten sich aber aus demselben Grund wiederum auf einen 
anderen Tag vertrösten lassen. Am nächsten Morgen kam das acht- 
jährige Mädchen dem Papa befriedigt entgegen: Papa, heut hab' ich 
geträumt, du warst mit uns bei der Rohrerhütte und auf dem .Hameau. 
Ihre Ungeduld hatte also die Erfüllung des vom Papa geleisteten 
Versprechens im Traume antizipiert. 

Ebenso aufrichtig ist ein anderer Traum, den die landschaftliche 
Schönheit Aussccs bei meinem damals 3V,jährigen Töchterchen er- 
regt hat. Die Kleine war zum erstenmal über den See gefahren, und 
die Zeit der Seefahrt war ihr zu rasch vergangen. An der Landungs- 
stello wollte sie das Boot nicht verlassen und weinte bitterlich. Am 
nächsten Morgen erzählte sie: Heute Nacht bin ich auf dem See 
o-efahren. Hoffen wir, daß die Dauer dieser Traumfahrt sie besser 

befriedigt hat. w . 

Mein ältester, derzeit achtjähriger Knabe träumt bereits die Rea- 
lisierung seiner Phantasien. Er ist mit dem Aehilleus in einem "Wagen 
gefahren und der Diomedes war Wagenlcnker. Er hat sich natürlich 
Tags vorher für die Sagen Griechenlands begeistert, die der älteren 
Schwester geschenkt worden sind. 

Wenn man mir zugibt, daß das Sprechen aus dem Schlafe der 
Kinder gleichfalls dem Kreise des Träumcns angehört, so kann ich im 
folgenden einen der jüngsten Träume meiner Sammlung mitteilen. 
Mein jüngstes Mädchen, damals 19 Monate alt, hatte eines Morgens 
erbrochen und war darum den Tag über nüchtern erhalten worden. 
In der Nacht, die diesem Hungertag folgte, hörte man sie erregt aus 
dem Schlafe rufen: Anna F.eud, Er(d)beer, Hochbeer, Eicr- 
(s)peis, Papp. Ihren Namen gebrauchte sie damals, um die Besitz- 
ergreifung auszudrücken; der Spciszettel umfaßte wohl alles, was ihr 
als begehrenswerte Mahlzeit erscheinen mußte; daß die Erdbeeren 
darin in zwei Varietäten vorkamen, war eine Demonstration gegen 
die häusliche Sanitätspolizei und hatte seinen Grund in dem von ihr 
wohl bemerkten Nebenumstand, daß die Kinderfrau ihre Indisposition 



92 XI I . Der Traum ist eine Wunsclierlullung. 

auf allzu reichlichen! Erdbeergenuß geschoben hatte; für dies ihr 
unbequeme Gutachten nahm sie also im Traume ihre Revanche*. 

"Wenn wir die Kindheit glücklieh preisen, weil sie die sexuelle 
Begierde noch nicht kennt, so wollen wir nicht verkennen, eine wie 
reiche Quelle der Enttäuschung, Entsagung und damit der Traum- 
anrcgung der andere der großen Lebenstriebe für sie werden kann**. 
Hier ein zweites Beispiel dafür. Mein 22monatiger Neffe hat zu 
meinem Geburtstage die Aufgabe bekommen, mir zu gratulieren und 
als Geschenk ein Körbehen mit Kirschen zu überreichen, die um 
diese Zeit des Jahres noch zu den Primeurs zählen. Es scheint ihm 
hart anzukommen, denn er wiederholt unaufhörlich: Kirschen sind 
d(r)in, und ist nicht zu bewegen, das Körbchen aus den Händen zu 
geben. Aber er weiß sich zu entschädigen. Er pflegte bisher jeden 
Morgen seiner Mutter zu erzählen, daß er vom „weißen Soldat 1 ' ge- 
träumt, einem Gardeoffizier im Mantel, den er einst auf der Straße 
bewunderte. Am Tag nach dem Geburtstagsopfer erwacht er freudig 
mit der Mitteilung, die nur einem Traume entstammen kann: Ile(r)- 
man alle Kirschen aufgessen !*** 

* Dieselbe Leistung wie bei der jüngsten Enkelin vollbringt dann der Traum 
kurz nachher bei der Großmutter, deren Alter das des Kindes ungefähr zu 70 Jahren 
ergänzt. Nachdem sie einen Tag laug durch die Unruhe ihrer Wanderniere zum 
Hungern gezwungen war, träumt sie dann, offenbar mit Versetzung in die glück- 
liche Zeit des blühenden Mädchentums, daß sie für beide Hauptmahlzeiten D „aus- 
gebeten', zu Gast geladen ist, und jedesmal die köstlichsten Bissen vorgesetzt 
bekommt. 



## 



Eingehendere Beschäftigung mit dem Seelenleben der Kinder belehrt uns 
»eallOh» daß sexuelle Triebkräfte in infantiler Gestallung in der psychischen 
iatigkeit des Kindes eine genügend große, nur zu lange übersehene Bolle spielen, 
und läßt uns an dem Glücke der Kindheit, wie die Erwachsenen es späterhin 
konstruieren, einigermaßen zweifeln. (Vgl. des Verfassers „Drei Abhandlungen 
zur Soxualtheorie 1905 und 3. Aufl. 1915.) 

*** Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich bei kleinen Kindern bald 
kompliziertere und minder durchsichtige Träume einzustellen pflegen, und daß 
anderseits iraume von so einfachem infantilen Charakter unter Umständen auch 
bei Erwachsenen häufig vorkommen. Wie reich an ungeahntem Inhalt Träume 
von Kindern im Alter von vier bis fünf Jahren bereits sein können, zei»un die 
Beispiele in meiner „Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben" (Jahrbuch 
yon Bleuler-Ereud L, 1909) und in Jungs „Ober Konflikte der kindlichen 
Seele (ebenda IL Bd 1910). Analytisch gedeutete Kinderträume siehe noch 
bei v. Hug-Hellmuth, Putnam, Baalte, Spielrein, Tausk; andere bei 
Banchieri, Busemann, Doglia und besonders beiWigam, der die Wunsch- 
erfullungstendenz derselben betont. Anderseits scheinen sich bei Erwachsenen 
Traume vom infantilen Typus besonders häufig wieder einzustellen, wenn sie unter 
ungewöhnliche Lebensbedingungen versetzt werden. So berichtet Otto Norden.; 
skjold in seinem Buche „Antarotic" 1904 über die mit ihm überwinterte 
Mannschaft (Bd. I, p. 336): „Sehr bezeichnend für die ltichtung unserer inner- 
sten Gedanken waren unsere Träume, die nie lebhafter und zahlreicher waren 
als gerade jetzt. Selbst diejenigen unserer Kameraden, die sonst nur ausnahms- 
weise träumten, hatten jetzt des Morgens, wenn wir unsere letzten Erfahrungen 
aus dieser Phantasiewelt miteinander austauschten, lange Geschichten zu "er- 
zählen. Alle handelten sie von jener äußeren Welt, die uns jetzt so fern la^" 
waren aber oft unseren jetzigen Verhältnissen angepaßt. Ein besonders charak- 
teristischer Traum bestand darin, daß sich einer der Kameraden auf die Schul- 
bank zurückversetzt glaubte, wo ihm die Aufgabe zu teil wurde, ganz kleinen 
Miniaturseehunden, die eigens für Unterrichtszwecke angefertigt waren, die Haut 
abzuziehen. Essen und Trinken waren übrigens die Mittelpunkte, um die sich unsere 
Träume am häufigsten drehten. Einer von uns, der nächtlicherweise darin exzel- 



Trüume von infantilem Typus. Q3 

Wovon die Tiere träumen, weiß ich. nicht. Ein Sprichwort, 
dessen Erwähnung ich einem meiner Hörer danke, behauptet es zu 
wissen, denn es stellt die Frage auf: Wovon träumt die Gans? 
und beantwortet sie: Vom Kukuruz (Mais)*. Die ganze Theorie, 
daß der Traum eine Wunscheri'üllung sei, ist in diesen zwei Sätzen 
enthalten**. 

Wir bemerken jetzt, daß wir zu unserer Lehre von dem ver- 
borgenen Sinn des Traumes auch auf dem kürzesten Wege gelangt 
wären, wenn wir nur den Sprachgebrauch befragt hätten. Die Spruch- 
weisheit redet zwar manchmal verächtlich genug vom Traume — man 
meint, sie wolle der Wissenschaft recht geben, wenn sie urteilt: 
Träume sind Schäume — , aber für den Sprachgebrauch ist der 
Traum doch vorwiegend der holde Wnnscherfüller. „Das hätt' icli 
mir in meinen kühnsten Träumen nicht vorgestellt," ruft entzückt, 
wer in der Wirklichkeit seine Erwartungen übertroffen findet. 

Horte, auf große Mittogsgesellschalton zu gehen, war seelenfroli, wenn er dos 
Morgens berichten konnte, ,daß er ein Diner von drei Gängen eingenommen habe'; 
ein anderer träumte von Tabak, von ganzen Bergen Tabak ; wieder andere von dem 
Schiff, das mit vollen Segeln auf dem offenen Wasser daherkam. Noch ein anderer 
Traum verdient der Erwähnung: Der Briefträger kommt mit der Post und gibt 
eine lange Erklärung, warum diese so lange habe auf sich warten lassen, er habe 
sie verkehrt abgeliefert und erst nach großer Mühe sei es ihm gelungen, eic 
wieder zu erlangen. Natürlich beschäftigte man sich im Schlaf mit noch un- 
möglicheren Dingen, aber der Mangel an Phantasie in fast allen Träumen, die ich 
selbst träumte oder erzählen hörte, war ganz auffallend. Es würde sicher von 
großem psychologischen Interesse sein, wenn alle diese Träume aufgezeichnet 
würden. Man wird aber leicht verstehen können, wie ersehnt der Scldaf war, 
da er uns alles bieten konnte, was ein jeder von uns am glühendsten begehrte." 
Nach Du Prel (p. 231) zitiere ich noch: „Mungo Park, auf einer Heise in 
Afrika dem Verschmachten nahe, träumte ohne Aufhören von wasserreichen 
Tälern und Auen seiner Heimat. So sah sich auch der von Hunger gequälte 
T r e n c k in der Sternschanzc zu Magdeburg von üppigen Mahlzeiten umgeben, 
Und George Back, Teilnehmer der ersten Expedition Franklins, als er in- 
folge furchtbarer Entbehrungen dem Ilungertode nahe war, träumte stets und 
gleichmäßig von reichen Mahlzeiten." 

* Ein ungarisches, von Ferenczi angezogenes Sprichwort behauptet 
vollständiger, daß „das Schwein von Eicheln, die Gans von Mais träumt". Ein 
jüdisches Sprichwort lautet: „Wovon träumt das Huhn? — Von Hirse." (Samm- 
lung jüd. Sprichw. u. Redensarten, herausg. v. Bernstein, 2. Aufl., S. llßO, 

** Es liegt mir fern zu behaupten, daß noch niemals ein Autor vor mir 
daran gedacht habe, einen Traum von einem Wunsch abzuleiten. (Vgl. die 
ersten Sätze des nächsten Abschnittes.) Wer auf solche Andeutungen Wert 
lct könnte schon aus dem Altertum den unter dem ersten Ptoleinäus leben- 
den' Arzt Herophil os anführen, der nach Büchsenschütz (p. 33) drei Ar- 
ten von Träumen unterschied: gottgesandte, natürliche, welche entstehen, indem die 
Seclo sich ein Bild dessen schafft, was ihr zuträglich fist und was eintreten wird, 
und gemischte, die von selbst durch Annäherung von Bildern entstehen, wenn 
wir das sehen, was wir wünschen. Aus der Beispielsammlung von Sehern er 
weiß J. S täreke einen Traum hervorzuheben, der vom Autor selbst als Wunsch- 
Erfüllung bezeichnet wird (p. 239). Scherner sagt: „Den wachen Wunsch der 
Träumerin erfüllte die Phantasie sofort einfach darum, weil er im Gemüte der- 
selben lebhaft bestand." Dieser Traum steht unter den „Stimmungsträumen"; in 
seiner Nähe befinden sich Träume für „männliches und weibliches Liebessehnen"' 
und für „verdrießliche Stimmung". Es ist, wie man sieht, keine Rede davon, 
daß Scherner dem Wünschen iür den Traum eine andere Bedeutung zuschrieb 
als irgend einem sonstigen Seelenzusla.nd des Wachens, geschweige denn, daß 
er den Wunsch mit dem Wesen des Traumes in Zusammenhang gebracht hätte. 



IV. 

Die Traumentstellung. 

"Wenn ich nun die Behauptung aufstelle, daß "Wunscherfüllung 
der Sinn eines jeden Traumes sei, daß es also keine anderen als 
Wunschträume geben kann, so hin ich des entschiedensten Wider- 
Spruches im vorhinein sicher. Man wird mir entgegenhalten: Daß 
es Träume gibt, welche als Wunscherfüllungen zu verstehen sind, 
ist nicht neu, sondern längst von den Autoren bemerkt worden. (Vgl. 
Radestock [p. 137 bis 138], Volkelt [p. 110 bis 111], Purkinje 
[p. 456], Tissie [p. 70], M. Simon [p. 42 über die Hungerträume 
des eingekerkerten Barons Trenck] und die Stelle bei Griesinger 
[p. 111].)* Daß es aber nichts anderes als Wunscherfüllungsträume 
geben soll, das ist wieder eine ungerechtfertigte Verallgemeinerung, 
die sich aber zum Glück leicht zurückweisen läßt. Es kommen doch 
reichlich genug Träume vor, welche den peinlichsten Inhalt erkennen 
lassen, aber keine Spur irgend einer Wunscherfüllung. Der pessi- 
mistische Philosoph Ed. v. Hartmann steht wohl der Wunscherfül- 
lungstheorie am fernsten. Er äußert in seiner Philosophie des Un- 
bewußten, II. Teil (Stereotypausgabe, p. 344): 

»Was den Traum betrifft, so treten mit ihm alle Plackereien 
des wachen Lebens auch in den Schlafzustand hinüber, nur das ein- 
zige nicht, was den Gebildeten einigermaßen mit dem Leben aus- 
söhnen kann : wissenschaftlicher und Kunst-Genuß " Aber auch 

minder unzufriedene Beobachter haben hervorgehoben, daß im Träume 
Schmerz und Unlust häufiger seien als Lust, so Scholz (p. 33), Vol- 
kelt (p. 80) u. a. Ja die Damen Sarah Weed und /Elorence Hal- 
lam haben aus der Bearbeitung ihrer Träume einen ziffermäßigen 
Ausdruck für das Überwiegen der Unlust in den Träumen entnommen. 
Sie bezeichnen 58o/ der Träume als peinlich und nur 28-6 o/ als 
positiv angenehm. Außer diesen Träumen, welche die mannigfaltigen 
peinlichen Gefühle des Lebens in den Schlaf fortsetzen, gibt es auch 
Angstträume, in denen uns diese entsetzlichste aller Unlustempfin- 
dungen schüttelt, bis wir erwachen, und von solchen Angstträumen 
werden gerade die Kinder so leicht heimgesucht (vgl. Debacker, 
Über den Pavor nocturnus), bei denen wir die Wunschträume un- 
verhüllt gefunden haben. 

Wirklich scheinen gerade die Angstträume eine Verallgemeine- 
rung des Satzes, den wir aus den Beispielen des vorigen Abschnittes 
gewonnen haben, der Traum sei eine Wunscherfüllung, unmöglich 
zu machen, ja diesen Satz als Absurdität zu brandmarken. 

Dennoch ist es nicht sehr schwer, sich diesen anscheinend zwin- 
genden Einwänden zu entziehen. Man wolle bloß beachten, daß unsere 
Lehre nicht auf der Würdigung des manifesten Trauminhaltes bc- 

* Schon der Neuplatoniker P lotin sagte: „Wenn die Begierde sich regt, 
dann kommt dio Phantasie und präsentiert uns gleichsam das Objekt derselben" 
(Du Prel, p. 276). 



Manifester und latentei Trauminhalt. 95 

ruht, sondern sich auf den Gcdankeninhalt bezieht, welcher durch die 
Beutungsar bei t hinter dein Traume erkannt wird. Stellen wir mani- 
festen und latenten Trau min halt einander gegenüber. Es ist 
richtig;, daß es Träume gibt, deren manifester Inhalt von der pein- 
lichsten Art ist. Aber hat jemand versucht, diese Träume zu deuten, 
den latenten Gedankcninhalt derselben aufzudecken? Wenn aber nicht, 
dann treffen uns die beiden Einwände nicht mehr; es bleibt immerhin 
möglich, daß auch peinliche und Angstträume sich nach der Beu- 
tung als Wunschcrfüllungen enthüllen*. 

Bei wissenschaftlicher Arbeit ist es oft von Vorteil, wenn die 
Lösung des einen Problems Schwierigkeiten bereitet, ein zweites 
hinzuzunehmen, etwa wie man zwei Nüsse leichter miteinander als 
einzeln aufknackt. So stehen wir nicht nur vor der Erage: Wie 
können peinliche und Angstträume Wunsch er lullungen sein, son- 
dern wir können auch aus unseren bisherigen Erörterungen über den 
Traum eine zweite Erage aufwerfen: Warum zeigen die Träume 
indifferenten Inhalts, welche sich als Wunseherfüllungcn ergeben, 
diesen ihren Sinn nicht unverhüllt? Man nehme den weitläufig be- 
handelten Traum von Irmas Injektion, er ist keineswegs peinlicher 
Natur, er ist durch die Beutung als eklatante Wunscherfüllung zu 
erkennen. Wozu bedarf es aber überhaupt einer Beutung? Warum 
sagt der Traum nicht direkt, was er bedeutet? Tatsächlich macht auch 
der Traum von Irmas Injektion zunächst nicht den Eindruck, daß 
er einen Wunsch des Träumers als erfüllt darstellt. Ber Leser wird 
diesen Eindruck nicht bekommen haben, aber auch ich selbst wußte 
es nicht, ehe ich die Analyse angestellt hatte. Heißen wir dieses der 
Erklärung bedürftige Verhalten des Traumes: die Tatsache der 
Traumentstellung, so erhebt sich also die zweite Erage: Wovon 
rührt diese Traumentstellung her? 

Wenn imau hierüber seine ersten Einfälle befragt, könnte man 
auf verschiedene mögliche Lösungen geraten, z. B. daß während des 
Schlafes ein Unvermögen bestehe, den Traumgedanken einen ent- 
sprechenden Ausdruck zu schaffen. Allein die Analyse gewisser 
Träume nötigt uns, für die Traumentstellung eine andere Erklärung 
zuzulassen. Ich will dies an einem zweiten Traume von mir selbst 
zeigen, welcher wiederum vielfache Indiskretionen erfordert, aber für 

* Es ist ganz unglaublich, mit welcher Hartnäckigkeit sich Leser und 
Kritiker dieser Erwägung verschließen und die grundlegende Unterscheidung 
von manifestem und latentem Trauminhalt unbeachtet lassen. — Keine der in 
der Literatur niedergelegten Äußerungen kommt aber dieser meiner Aufstellung 
so sehr entgegen wie eine Stolle in J. Sullys Aufsatz: „Dreams as a revelation", 
deren Verdienst dadurch nicht geschmälert werden soll, daß ich sie erst hier 
anführe: „It would seem then, after all, fchat dreams are not the uttcr non- 
sense they have been said to be by such authoritios as Chauccr, Shakespeare and 
Milton. The chaotic aggregations of our nightfancy have a significance and 
communicate new knowledge. Like some letter in cipher, the dream- 
inscription when scrutinised closely loses its first look of 
baldordash and takes on the aspect of a serious, intellegible 
message. Or, to vary the figure slightly, we may say that, like 
some palimpsest, the dream discloses beneath its worthless 
surface-charac ters traces of an old and precious communica- 
tion" (p. 364). 



96 



IV. Die Traumeutstellung. 



dies persönliche Opfer durch eine gründliche Aufhellung des Problems 

entschädigt. , „ . 

Vorbericht: Im Frühjahr 1897 erfuhr ich, daß zwei Pro- 
fessoren unserer Universität mich für die Ernennung zum Prof. 
extraord. vorgeschlagen hatten. Diese Nachricht kam mir über- 
raschend und erfreute mich lebhaft als Ausdruck einer durch persön- 
liche Beziehungen nicht aufzuklärenden Anerkennung von Seite 
zweier hervorragender Männer. Ich sagte mir aber sofort, daß ich 
an dieses Ereignis keine Erwartungen knüpfen dürfe. Das Ministerium 
hatte in den letzten Jahren Vorschläge solcher Art unberücksichtigt 
gelassen, und mehrere Kollegen, die mir an Jahren voraus waren und 
an Verdiensten mindestens gleichkamen, warteten seitdem vergebens 
auf ihre Ernennung. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, daß es mir 
besser ergehen würde. Ich beschloß also bei mir, mich zu trösten. 
Ich bin, soviel ich weiß, nicht ehrgeizig, übe meine ärztliche Tätig- 
keit mit zufriedenstellendem Erfolge aus, auch ohne daß mich ein 
Titel empfiehlt. Es handelte sich übrigens gar nicht darum, ob ich 
die Trauben für süß oder sauer erklärte, da sie unzweifelhaft zu hoch 
für mich hingen. 

Eines Abends besuchte mich ein befreundeter Kollege, einer von 
denjenigen, deren Schicksal ich mir zur Warnung hatte dienen lassen. 
Seit längerer Zeit ein Kandidat für die Beförderung zum Professor, 
die den Arzt in unserer Gesellschaft zum Halbgott' für seine Kranken 
erhebt, und minder resigniert als ich, pflegte er von Zeit zu Zeit 
seine Vorstellung in den Bureaus des hohen Ministeriums zu machen, 
um seine Angelegenheit zu fördern. Von einem solchen Besuche 
kam er zu mir. Er erzählte, daß er diesmal den hohen Herrn in 
die Enge getrieben und ihn geradeheraus beiragt habe, ob an dem 
Aufschub seiner Ernennung wirklich — konfessionelle Rücksichten 
die Schuld trügen. Die Antwort hatte gelautet, daß allerdings — bei 
der gegenwärtigen Strömung — Se. Exzellenz vorläufig nicht in der 
Lage sei usw. „Nun weiß ich wenigstens, worin ich bin," schloß 
mein Freund seine Erzählung, die mir nichts Neues brachte, mich 
aber in meiner Resignation bestärken mußte. Dieselben konfessionellen 
Bücksichten sind nämlich auch auf meinen Fall anwendbar. 

Am Morgen nach diesem Besuche hatte ich folgenden Traum, 
der auch durch seine Form bemerkenswert war. Er bestand aus zwei 
Gedanken und zwei Bildern, so daß ein Gedanke und ein Bild einander 
ablösten. Ich setze aber nur die erste Hälfte des Traumes hieher,' da 
die andere mit der Absicht nichts zu tun hat, welcher die Mitteilung 
des Traumes dienen soll. 

I. Freund B. ist mein Onkel. — Ich empfinde große 
Zärtlichkeit für ihn. 

II. Ich sehe sein Gesicht etwas verändert vor mir. Es 
ist wie in die Länge gezogen; ein gelber Bart, der es um- 
rahmt, ist besonders deutlich hervorgehoben. 

Dann folgen die beiden anderen Stücke, wieder ein Gedanke und 
ein Bild, die ich übergehe. 

Die Deutung dieses Traumes vollzog sich folgendermaßen : 



Der Oukeltranm. 0,7 

Als mir der Traum im Laufo des Vormittags einfiel, lachte ich 
auf und sagte: Der Traum ist ein Unsinn. Er ließ sich aber nicht 
abtun und ging mir den ganzen Tag nach, bis ich mir endlich am 
Abend Vorwürfe machte: „Wenn einer deiner Patienten zur Traum- 
deutung nichts zu sagen wüßte als: Das ist ein Unsinn, so würdest 
du es ihm verweisen und vermuten, daß sich hinter dem Traume 
eine unangenehme Geschichte versteckt, welche zur Kenntnis zu neh- 
men er sich ersparen will. Verfahre mit dir selbst ebenso; deine 
Meinung, der Traum sei ein Unsinn, bedeutet nur einen inneren 
Widerstand gegen die Traumdeutung. Laß dich nicht abhalten." Ich 
macht i mich also an die Deutung. 

„R. ist mein Onkel." Was kann das heißen? Ich habe doch nur 
einen Onkel gehabt, den Onkel Josef*. ,Mit dem war's allerdings 
eine traurige Geschichte. Er hatte sich einmal, es sind mehr als 
30 Jahre her, in gewinnsüchtiger Absicht zu einer Handlung ver- 
leiten lassen, welche das Gesetz schwer bestraft, und wurde dann auch 
von der Strafe betroffen. Mein Vater, der damals aus Kummer in 
wenigen Tagen grau wurde, pflegte immer zu sagen, Onkel Josef 
sei nie ein schlechter Mensch gewesen, wohl aber ein Schwachkopf; 
so drückte er sich aus. Wenn also Freund R. mein Onkel Josef ist, 
so will ich damit sagen: R. ist ein Schwachkopf. Kaum glaublich 
und sehr unangenehm! Aber da ist ja jenes Gesicht, das ich im 
Traume sehe, mit den länglichen Zügen und dem gelben Barte- Mein 
Onkel hatte wirklich so ein Gesicht, länglich von einem schönen 
blonden Barte umrahmt. Mein Freund R- war intensiv schwarz, 
aber wenn die Schwarzhaarigen zu ergrauen anfangen, so büßen sie 
für die Pracht ihrer Jugendjahre. Ihr schwarzer Bart macht Haar 
für Haar eine unerfreuliche Farbenwanderung durch; er wird zuerst 
rotbraun, dann gelbbraun, dann erst definitiv grau. In diesem Stadium 
befindet sich jetzt der Bart meines Freundes R. ; übrigens auch schon 
der meinige, wie ich mit Mißvergnügen bemerke. Das Gesicht, das 
ich im Traume sehe, ist gleichzeitig das meines Freundes R. und 
das meines Onkels. Es ist wie eine Mischphotographie von Galton, 
der, um Familienähnlichkeiten zu eruieren, mehrere Gesichter auf 
die nämliche Platte photographieren ließ. Es ist also kein Zweifel 
möglich, ich meine wirklich, daß mein Freund K. ein Schwachkopf 
ist — wie mein Onkel Josef. 

Ich ahne noch gar nicht, zu welchem Zwecke ich diese Be- 
ziehung hergestellt, gegen die ich* mich unausgesetzt sträuben muß. 
Sie ist doch nicht sehr tiefgehend, denn der Onkel war ein Verbrecher, 
mein Freund R. ist unbescholten. Etwa bis auf die Bestrafung dafür, 
daß er mit dem Rade einen Lehrbuben niedergeworfen. Sollte ich 
diese Untat meinen? Das hieße die Vergleichung ins Lächerliche 
ziehen. Da fällt mir aber ein anderes Gespräch ein, das ich vor 
einigen Tagen mit einem anderen Kollegen N., und zwar über das 

* Es ist merkwürdig, wie sicli hier meine Erinnerimg — im Wachen — 
für die Zwecke der Analyse einschränkt: Ich habe fünf von meinen Onkeln ge- 
kannt, einen von ihnen geliebt und geehrt. In dem Augenblicke aber, da ich den 
Widerstand gegen die Traumdeutung überwunden habe, sage ich mir: Ich habo 
doch nur einen Onkel gehabt, den, der eben im Traume gemeint ist. 

Freud, Traumdeutung, 5. Aufl. 7 



gg IV. Die Tnuimentstelluii». 

gleiche Thema hatte Ich traf ls T . auf der Straße; er ist auch zum Pro- 
fessor vorgeschlagen, wußte von meiner Ehrung und gratulierte mir 
dazu. Ich lehnte entschieden ab- „Gerade Sie sollten sich den Scherz 
nicht machen, da Sie den Wert des Vorschlages an sich selbst erfahren 
haben." Er darauf, wahrscheinlich nicht ernsthaft: „Das kann man 
nicht wissen. Gegen mich liegt ja etwas Besonderes vor. Wissen Sic 
nicht, daß eine Person einmal eine gerichtliche Anzeige gegen mich 
erstattet hat? Ich brauche Urnen nicht zu versichern, daß die Unter- 
suchung eingestellt wurde; es war ein gemeiner Erpressungsversuch; 
ich hatte noch alle Mühe, die Anzeigerin selbst vor Bestrafung zu 
retten. Aber vielleicht macht man im Ministerium diese Angelegen- 
heit gegen mich geltend, um mich nicht zu ernennen. Sie aber, Sie 
sind unbescholten." Da habe ich ja den Verbrecher, gleichzeitig aber 
auch die Deutung und Tendenz meines Traumes. Alein Onkel Josef 
stellt mir da beide nicht zu Professoren ernannte Kollegen dar, den 
einen als Schwachkopf, den anderen als Verbrecher. Ich weiß jetzt 
auch, wozu ich diese Darstellung brauche- Wenn für den .Aufschub 
der Ernennung meiner Freunde R. und N. „konfessionelle" Rück- 
sichten maßgebend sind, so ist auch meine Ernennung in Frage ge- 
stellt; wenn ich aber die Zurückweisung der beiden auf andere 
Gründe schieben kann, die mich nicht treffen, so bleibt mir die 
Hoffnung ungestört. So verführt mein Traum, er macht den einen, 
R., zum Schwachkopf, den anderen, N., zum Verbrecher; ich bin 
aber weder das eine noch das andere; unsere Gemeinsamkeit ist 
aufgehoben, ich darf mich auf meine Ernennung zum Professor 
freuen und bin der peinlichen Anwendung entgangen, die ich aus 
R.s Nachricht, was ihm der hohe Beamte bekannt, für meine eigene 
Person hätte machen müssen. 

Ich muß mich mit der Deutung dieses Traumes noch weiter 
beschäftigen. Es ist für mein Gefühl noch nicht befriedigend er- 
ledigt, ich bin noch immer nicht über die Leichtigkeit beruhigt, mit 
der ich zwei geachtete Kollegen degradiere, um mir den Weg zur 
Professur frei zu halten. Meine Unzufriedenheit mit meinem Vor- 
gehen hat sich bereits ermäßigt, seitdem ich den Wert der Aussagen 
im Traume zu würdigen weiß. Ich würde gegen jedermann bestreiten, 
daß ich R. wirklich für einen Schwachkopf halte, und daß ich an 
N.s Darstellung jener Erpressungsaffäre nicht glaube. Ich glaube ja 
auch nicht, daß Irma durch eine Injektion Ottos mit einem Propylen- 
präparat gefährlich krank geworden ist; es ist hier wie dort nur 
mein Wunsch, daß es sich so verhalten möge, den mein Traum 
ausdrückt. Die Behauptung, in welcher sich mein Wunsch realisiert, 
klingt im zweiten Traume minder absurd als im ersten; sie ist hier 
in geschickter Benützung tatsächlicher Anhaltspunkte geformt, etwa 
wie eine gut gemachte Verleumdung, an der „etwas daran ist", denn 
Freund R. hatte seinerzeit das Votum eines Fachprofessors gegen sich, 
und Freund N. hat mir das Material für die Anschwärzung arglos 
selbst geliefert. Dennoch, ich wiederhole es, scheint mir der Traum 
weiterer Aufklärung "bedürftig. 

Ich entsinne mich jetzt, daß der Traum noch ein Stück enthielt, 
auf welches die Deutung bisher keine Rücksicht genommen hat. Nach- 



Deutung des Ohkeltraumes. qq 

dem mir eingefallen, R. ist mein Onkel, empfinde ich im Traume 
warme Zärtlichkeit für ihn. Wohin gehört diese Empfindung!' Für 
meinen Onkel Josef habe ich zärtliche Gefühle natürlich niemals 
gehabt. Freund R. ist mir seit Jahren lieb und teuer; aber käme 
ich zu ihm und drückte ihm meine Zuneigung in Worten aus die 
annähernd dem Grad meiner Zärtlichkeit im Traume entsprechen, so 
wäre er ohne Zweifel erstaunt. Meine Zärtlichkeit gegen ihn etscheint 
mir unwahr und übertrieben, ähnlich wie mein Urteil über seine 
geistigen Qualitäten, das ich durch die Verschmelzung seiner Persön- 
lichkeit mit der des Onkels ausdrücke, aber in entgegengesetztem 
Sinne übertrieben. Nun dämmert mir aber ein neuer Sachverhalt. 
Die Zärtlichkeit des Tra.umes gehört nicht zum latenten Inhalt, zu 
den Gedanken hinter dem Traume ; sie steht im Gegensatze zu diesem 
Inhalt: sie ist geeignet, mir die Kenntnis der Traumdeutung zu ver- 
decken. Wahrscheinlich ist gerade dies ihre Bestimmung. Ich er- 
innere mich, mit welchem Widerstand ich an die Traumdeutung gino-, 
wie lange ich sie aufschieben wollte und den Traum für baren Un- 
sinn erklärte. Von meinen psychoanalytischen Behandlungen her weiß 
ich, wie ein solches Verwerfungsurteil zu deuten ist. Es hat keinen 
Erkenntniswert, sondern bloß den einer Affektäußerung. Wenn ineine 
kleine Tochter einen Apfel nicht mag, den man ihr angeboten hat, 
so behauptet sie, der Apfel schmeckt bitter, ohne ihn auch nur ge- 
kostet zu haben. Wenn meine Patienten sich so benehmen wie die 
Kleine, so weiß ich, daß es sich bei ihnen um eine .Vorstellung han- 
delt, welche sie verdrängen wollen. Dasselbe gilt für meinen Traum. 
Ich mag ihn nicht deuten, weil die Deutung etwas enthält, wo°-c"-en 
ich mich sträube. Naeh vollzogener Traumdeutung erfahre ich? wo- 
gegen ich mich gesträubt hatte; es war die Behauptung, daß R. 
ein Schwachkopf ist. Die Zärtlichkeit, die ich gegen R. empfinde, 
kann ich nicht auf die latenten Traumgedanken, wohl aber auf dies 
mein Sträuben zurückführen. Wenn mein Traum im Vergleiche zu 
seinem latenten Inhalt in diesem Punkte entstellt, und zwar ins Gen-en- 
sätzliehc entstellt ist, so dient die im Traume manifeste Zärtlichkeit 
dieser Entstellung oder, mit anderen Worten, die Entstellung erweist 
sich hier als absichtlich, als ein Mittel der Verstellung. Meine 
Traumgedanken enthalten eine Schmähung für R. ; damit ich dies 
nicht merke, gelangt in den Traum das Gegenteil, ein zärtliches 
Empfinden für ihn. 

Es könnte dies eine allgemein gültige Erkenntnis sein. Wie die 
Beispiele in Abschnitt III gezeigt haben, gibt es ja Träume, welche 
unverhullte Wunscherfüllungen sind. Wo die Wunscherfüllung un- 
kenntlich, verkleidet ist. da müßte eine Tendenz zur Abwehr gegen 
diesen Wunsch vorhanden sein, und infolge dieser Abwehr könnte 
der Wunsch sich nicht anders als entstellt zum Ausdruck bringen. 
Ich will zu diesem Vorkommnis aus dem psychischen Binnenleben 
das Seitenstück aus dem sozialen Leben suchen. Wo findet man im 
sozialen Leben eine ähnliche Entstellung eines psychischen Aktes? 
Nur dort, wo es sich um zwei Personen handelt, von denen die eine 
eine gewisse Macht besitzt, die zweite wegen dieser Macht eine. Rück- 
sicht zu nehmen hat. Diese, zweite Person entstellt dann ihre psyelii- 

7* 



100 



IV. Die Traumentstellung. 



sehen Aide oder, wie wir auch sagen können, sie verstellt sich. 
Die Höflichkeit, die ich alle Tage übe, ist zum guten Teile eine 
solche Verstellung; wenn ich meine Träume für den Leser deute, 
bin ich zu solchen Entstellungen genötigt. Über den Zwang zu sol- 
cher Entstellung klagt auch der Dichter: 

„Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben doch 

nicht sagen." 

In ähnlicher Lage befindet sich der politische Schriftsteller, der 
den Machthabern unangenehme "Wahrheiten zu sagen hat. Wenn er 
sie unverhohlen sagt, wird der Machthaber seine Äußerung unter- 
drücken, nachträglich, wenn es sich um mündliche Äußerung handelt, 
präventiv, wenn sie auf dem Wege des Druckes kundgegeben wer- 
den soll. Der Schriftsteller hat die Zensur zu fürchten, er ermäßigt 
und entstellt darum den Ausdruck seiner Meinung. Je nach der 
Stärke und Empfindlichkeit dieser Zensur sieht er sich genötigt, ent- 
weder bloß gewisse Formen des Angriffes einzuhalten oder in An- 
spielungen anstatt in direkten Bezeichnungen zu reden, oder er muß 
seine anstößige Mitteilung hinter einer harmlos erscheinenden Ver- 
kleidung verbergen, er darf z. B. von Vorfällen zwischen zwei Man- 
darinen im Reiche der Mitte erzählen, während er die Beamten des 
Vaterlandes im Auge hat. Je strenger die Zensur waltet, desto weit- 
gehender wird die Verkleidung, desto witziger oft die Mittel, welche 
den Leser doch auf die Spur der eigentlichen Bedeutung leiten*. 

Die bis ins einzelne durchzuführende Übereinstimmung zwischen 
den Phänomenen der Zensur und denen der Traumentstellung gibt 



* Frau Dr. H. v. II ug- Hellmuth hat im Jahre 1915 (Internat. Zeitschr. 
f. ärztl. Psychoanalyse III) einen Traum mitgeteilt, der vielleicht wie kein 
anderer geeignet ist. meine Namengebung zu rechtfertigen. Die Traumentstel- 
luug arbeitet in diesem Beispiel mit demselben Mittel wie die Briefzensur, 
um die Stellen auszulöschen, die ihr anstößig erscheinen. Die Briefzensur macht 
.solche Stellen durch Überstreichen tmlesbar, die Traumzensur ersetzt sie durch 
ein unverständliches Gemurmel. 

Zum Verständnis des Traumes sei mitgeteilt, daß die Träumerin, eine 
hochangesehene, feingebildcte Dame, fünfzig Jahre zählt, "Witwe eines vor un- 
gefähr zwölf Jahren verstorbenen höheren Offiziers und Mutter erwachsener 
Söhne ist, deren einer zur Zeit des Traumes im Felde steht. 

Und nun der Traum von den „Liebesdiensten". „Sie geht ins Gar- 
nisonsspital Nr. 1 "und sagt dem Posten beim Tor, sie müsse den Oberarzt .... 
(sie nennt einen ihr unbekannten Namen) sprechen, da sie im Spital© Dienst 
tun wolle. Dabei betont sie das Wort ,Dienst' so, daß der Unteroffizier .sipfort 
merkt, es handle sich um .Liebes'dienste. Da sie eine alte Frau ist, läßt er 
sie nach einigem Zögern passieren. Statt aber zum Oberarzt zu kommen, gelangt 
sie in ein großes, düsteres Zimmer, in dem viele Offiziere und Militärärzte &n 
einem langen Tisch stehen und sitzen. Sie wendet sich mit ihrem Antrag 
an einen Stabsarzt, der sie nach wenigen Worten schon versteht. Der Wort- 
laut ihrer Rede im Traum ist: ,Ich -und zahlreiche andere Frauen und junge 
Mädchen Wiens sind bereit, den Soldaten, Mannschaft und Offiziere ohne 
• Unterschied, . . .' Hier folgt im Traum ein Gemurmel. Daß dasselbe aber von 
allen Anwesenden richtig verstanden wird, zeigen ihr die teils verlegenen, teils 
hämischen Mienen der Offiziere. Die Dame fährt fort: „Ich weiß, daß unser 
Entschluß befremdend klingt, aber es ist uns bitterernst. Der Soldat im Feld 
wird auch nicht gefragt, ob er sterben will oder nicht." Ein minutenlanges pein- 
liches Schweigen folgt. Der Stabsarzt legt ihr den Arm um die Mitte und sagt: 
Gnädige Frau, nehmen Sie den Fall, es würde tatsächlich dazu kommen, . ; 
(Gemurmel). Sie entzieht sich seinem Arm mit dem Gedanken: Es ist doch 



(CS 



Die TrattmzenBur. \Q[ 

uns die Berechtigung, ähnliche Bedingungen für beide vorauszusetzen. 
Wir würden also als die Urheber der Traumgestaltung zwei psychische 
Mächte (Strömungen, Systeme) im Einzelmenschen annehmen, von 
denen die eine den durch den Traum zum Ausdruck gebrachten 
"Wunsch bildet, während die andere eine Zensur an diesem Traum- 
wunsche übt und durch diese Zensur eine Entstellung seiner Äußerung 
erzwingt. Es fragt sich nur, worin die Machtbefugnis dieser zweiten 
Instanz besteht, kraft deren sie ihre Zensur ausüben darf. Wenn wir 
uns erinnern, daß die latenten Traumgedanken vor der Analyse nicht 
bewußt sind, der von ihnen ausgehende manifeste Trauminhalt aber 
als bewußt erinnert wird, so liegt die Annalune nicht fern, das Vor- 
recht der zweiten Instanz sei eben die Zulassung zum Bewußtsein. 
Aus dem ersten System könne nichts zum Bewußtsein gelangen, was 
nicht vorher die zweite Instanz passiert habe, und die zweite Instanz 
lasse nichts passieren, ohne ihre Rechte auszuüben und die ihr ge- 
nehmen Abänderungen am Bewußtsei nswerber durchzusetzen. Wir 
verraten dabei eine ganz bestimmte Auffassung vom „Wesen" des 
Bewußtseins; das Bewußtwerden ist für uns ein besonderer psychi- 
scher Akt, verschieden und unabhängig von dem Vorgang des Gedacht- 
oder Vorgestelltwerdens, und das Bewußtsein erscheint uns als ein 
Sinnesorgan, welches einen anderwärts gegebenen Inhalt wahrnimmt. 
Es läßt sich zeigen, daß die Psychopathologie dieser Grundannahmen 
schlechterdings nicht entraten kann. Eine .eingehendere Würdigung 
derselben dürfen wir uns für eine spätere Stelle vorbehalten. 

Wenn ich die Vorstellung der beiden psychischen Instanzen und 
ihrer Beziehungen zum Bewußtsein festhalte, ergibt sich für die auf- 
fällige Zärtlichkeit, die ich im Traume für meinen Freund R. emp- 
finde, der in der Traumdeutung so herabgesetzt wird, eine völlig 
kongruente Analogie aus dem politischen Leben der Menschen. Ich 
versetze mich in ein Staatsleben, in welchem ein auf seine Macht 
eifersüchtiger Herrscher und eine rege öffentliche Meinung mitein- 
ander ringen. Das Volk empöre sich gegen einen ihm mißliebigen 
Beamten und verlange dessen Entlassung; um nicht zu zeigen, daß er 
dem Volkswillcn Rechnung tragen muß, wird der Selbstherrscher dem 
Beamten gerade dann eine hohe Auszeichnung verleihen, zu der sonst 
kein Anlaß vorläge. So zeichnet meine zweite, den Zugang zum 



einer "wie der andere, und erwidert: ,Mein Gott, ich bin eine alte Frau und 
werde vielleicht gar nicht in die Lage kommen. Übrigens eine Bedingung müßte 
eingehalten werden: die Berücksichtigung des Alters; daß nicht eine ältere 
'Frau einem ganz jungen Burschen .... (Gemurmel); das wäre entsetzlich. — 
Der Stabsarzt: „Ich verstehe vollkommen." innige Offiziere, darunter einer, der 
sich in jungen Jahren um sie beworben hatte, lachen hell auf, und die Dame 
wünscht zu dem ihr bekannten Oberarzt geführt zu werden, damit alles ins Reine 
gebracht werde. Dabei fällt ihr zur größten Bestürzung ein, daß sie seinen 
Namen nicht kennt. Der Stabsarzt weist sie trotzdem sehr höflich und respekt- 
voll an, über eine sehr schmale eiserne Wendeltreppe, die direkt von dem Zim- 
mer aus in die oberen Stockwerke führt, in den zweiten Stock zu gehen. 'Im 
Hinaufsteigen hört sie einen Offizier sagen: ,Das ist ein kolossaler Entschluß, 
gleichgültig, ob eine jung oder alt ist; alle Achtung!' 

Mit dem Gefühle, einfach ihre Pflicht zu tun, geht sie eine endlose 
Treppe hinauf. 



102 



IV. Die Traunientstellung. 



•Bewußtsein beherrschende Instanz Freund R. durch einen Erguß von 
übergroßer Zärtlichkeit aus, weil die Wunsehbestrebungen des ersten 
Systems ihn in einem besonderen Interesse, dem sie gerade nachhängen, 
als einen Schwachkopf beschimpfen möchten*. 

Vielleicht werden wir hier von der Ahnung erfaßt, daß die Traum- 
deutung im stände sei, uns Aufschlüsse über den Bau unseres see- 
lischen Apparates zu geben, welche wir von der Philosophie bisher 
vergebens erwartet haben. Wir folgen aber nicht dieser Spur, son- 
dern kehren, nachdem wir die Traumentstellung aufgeklärt haben, 
zu unserem Ausgangsproblem zurück. Es wurde gefragt, wie denn 
die Träume mit peinlichem Inhalt als "Wunscherfüllungen aufgelöst 
werden können, wir sehen nun, dies ist möglich, wenn eine Traum- 
entstellung stattgefunden hat, wenn der peinliche Inhalt nur zur 
Verkleidung eines erwünschten dient. Mit Bücksicht auf unsere An- 
nahmen über die zwei psychischen Instanzen können wir jetzt auch 
sagen: die peinlichen Träume enthalten tatsächlich etwas, was der 
zweiten Instanz peinlich ist, was aber gleichzeitig einen Wunsch der 
ersten Instanz erfüllt. Sic sind insofern Wunschträume, als ja jeder 
Traum von der ersten Instanz ausgeht, die zweite sich nur abwehrend, 
nicht schöpferisch? gegen den Traum verhält. Beschränken wir uns 
auf eine Würdigung dessen, was die zweite Instanz zum Traume bei- 
trägt, so können wir den Traum niemals verstehen. Es bleiben dann 
alle Bätsei bestehen, welche von den Autoren am Traume bemerkt 
worden sind. 

Daß der Traum wirklich einen geheimen Sinn hat, der eine 
Wunscherfüllung ergibt, muß wiederum für jeden Ea.ll durch die 
Analyse erwiesen werden. Ich greife darum einige Träume pein- 
lichen Inhaltes heraus und versuche deren Analyse. Es sind zum Teil 
Träume von Hysterikern, die einen langen Vorbericht und stellen- 
weise ein Eindringen in die psychischen Vorgänge bei der Hysterie 
erfordern. Ich kann dieser Erschwerung der Darstellung aber nicht 
aus dem Wege gehen. 

Wenn ich einen Psychoneurotikcr in analytische Behandlung 
nehme, werden seine Träume regelmäßig, wie bereits erwähnt, zum 
Thema unserer Besprechungen. Ich muß ihm dabei alle die psycho- 

Dieser Traum wiederholt sich innerhalb weniger Wochen noch zweimal 
mit — wie die Dame bemerkt — ganz unbedeutenden und recht sinnlosen Ab- 
änderungen." 

* Solche heuchlerische Träume sind weder bei mir noch bei anderen 
seltene Vorkommnisse. Während ich mit der Bearbeitung eines gewissen wissen- 
schaftlichen Problems beschäftigt bin, sucht mich mehrere Nächte kurz nach- 
einander ein leicht verwirrender Traum heim, der die Versöhnung mit einem 
längst bei Seite geschobenen Freunde zum Inhalt hat. Beim vierten oder fünften 
Malo gelingt es mir endlich, den Sinn dieser Träume zu erfassen. Er liegt in der 
Aufmunterung, doch den letzten Rest von Rücksicht für die betreffende Person 
aufzugeben, sich von ihr völlig frei zu machen, und hatte sich in so heuchleri- 
scher Weise ins Gegenteil verkleidet. Von einer Person habe ich einen „heuch- 
lerischen ödipustraum" mitgeteilt, in dem sich die feindseligen Regungen und 
Todeswünsche der Traumgedanken durch manifeste Zärtlichkeit ersetzen. (»Typi- 
sches Beispiel eines verkappten ödipustraumes.") Eine andere Art von heuchle- 
rischen Träumen wird an anderer Stelle (siehe unten VI „Die Traumarbeit") er- 
wähnt werden. 



'1 räume peinlichen Inhalts. 103 

logischen Aufklärungen geben, mit deren Hilfe ick selbst zum Ver- 
ständnis seiner Symptome gelangt bin, und erfahre dabei eine uner- 
bittliche Kritik, wie ich sie von den Fachgenossen wohl nicht schärfer 
zu erwarten habe. Ganz regelmäßig erhebt sich der Widerspruch mei- 
ner Patienten gegen den Satz, daß die Träume sämtlich Wunsch- 
erfüllungen seien. Hier einige Beispiele von dem Material an Träumen, 
welche mir als Gegenbeweise vorgehalten werden. 

„Sie sagen immer, der Traum ist ein erfüllter Wunsch," beginnt 
eine witzige Patientin- „Nun will ich Ihnen einen Traum erzählen, 
dessen Inhalt ganz im Gegenteil dahin geht, daß mir ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Wie vereinen Sie das mit Ihrer Theorie? Der 
Traum lautet wie folgt: 

Ich will ein Souper geben, habe aber nichts vor- 
rätig als etwas geräucherten Lachs. Ich denke daran, 
einkaufen zu gehen, erinnere mich aber, daß es Sonn- 
tag Nachmittag ist, wo alle Läden gesperrt sind. Ich 
will nun einigen Lieferanten telephoniero. n, aber das 
Telephon ist gestört. So muß ich auf den Wunsch, ein 
Souper zu geben, verzichten." 

Ich antworte natürlich, daß über den Sinn dieses Traumes nur 
die Analyse entscheiden kann, wenngleich ich zugebe, daß er fin- 
den ersten Anblick vernünftig und zusammenhängend erscheint und 
dem Gegenteil einer Wunscherfüllung ähnlich sieht. „Aus welchem 
Material ist aber dieser Traum hervorgegangen? Sie wissen, daß die 
Anregung zu einem Traume jedesmal in den Erlebnissen des letzten 
Tages liegt." 

Analyse: Der Mann der Patientin, ein biederer und tüchtiger 
Großfleischhauer, hat ihr Tags vorher erklärt, er werde zu dick und 
wolle darum eine Entfettungskur beginnen. Er werde früh aufstehen, 
Bewegung machen, strenge Diät halten und vor allem keine Ein- 
ladungen zu Soupers mehr annehmen. — Von dem Manne erzählt 
sie lachend weiter, er habe am Stammtisch die Bekanntschaft eines 
Malers gemacht, der ihn durchaus abkonterfeien wolle, weil er einen 
so ausdrucksvollen Kopf noch nicht gefunden habe. Ihr Mann habe 
aber in seiner derben Manier erwidert, er bedanke sich schön und 
er sei ganz überzeugt, ein Stück vom Hintern eines schönen jungen 
Mädchens sei dem Maler lieber als sein ganzes Gesicht*. Sie sei 
jetzt sehr verliebt in ihren Mann und necke sich mit ihm herum. 
Sie hat ihn auch gebeten, ihr keinen Kaviar zu schenken. — Was 
soll das heißen? 

Sie wünscht es sich nämlich schon lange, jeden Vormittag eine 
Kaviarsemmel essen zu können, gönnt sich aber die Ausgabe nicht. 
Natürlich bekäme sie den Kaviar sofort von ihrem Manne, wenn sie 
ihn darum bitten würde. Aber sie hat ihn im Gegenteil gebeten, ihr 
keinen Kaviar zu schenken, damit sie ihn länger damit necken kann. 

(Diese Begründung scheint mir fadenscheinig. Hinter solchen 
unbefriedigenden Auskünften pflegen sich iinein gestandene Motive zu 



* Pein Maler sitzen. Goethe: Und wenn er keinen Miniem hat, 

Wje kann der Edle sitzen.? 



104 IV. Die Traumentatellung. 

verbergen. Man denke an die Hypnotisierten Bern hei ms, die einen 
posthypnotischen Auftrag ausführen, und nach ihren Motiven be- 
fragt, nicht etwa antworten: Ich weiß nicht, warum ich das getan 
habe, sondern eine offenbar unzureichende Begründung erfinden 
müssen. So ähnlich wird es wohl mit dem Kaviar meiner Patientin 
soin. Ich merke, sie ist genötigt, sich im Leben einen unerfüllten 
"Wunsch zu schaffen. Ihr Traum zeigt ihr auch die Wunschverweigerung 
als eingetroffen. "Wozu braucht sie aber einen unerfüllten Wunsch?) 

Die bisherigen Einfälle haben zur Deutung des Traumes nicht 
ausgereicht. Ich dringe nach weiteren. Nach einer kurzen Pause, wie 
sie eben der Überwindung des Widerstandes entspricht, berichtet sie 
ferner, daß sie gestern einen Besuch bei einer Freundin gemacht, 
auf die sie eigentlich eifersüchtig ist, weil ihr Mann diese Frau 
immer so lobt. Zum Glück ist diese Freundin sehr dürr und mager, 
und ihr Mann ist ein Liebhaber voller Körperformen. Wovon sprach 
nun diese magere Freundin? Natürlich von ihrem Wunsche, etwas 
stärker zu werden. Sie fragte sie auch : „Wann laden Sie uns wie- 
der einmal ein? Man ißt immer so gut bei Ihnen." 

Nun ist der Sinn des Traumes klar. Ich' kann der Patientin sagen : 
„Es ist gerade so, als ob Sie sich bei der Aufforderung gedacht 1 
hätten: Dich werde ich natürlich einladen, damit du dich bei mir 
anessen, dick werden und meinem Manne noch besser gefallen kannst. 
Lieber geb' ich kein Souper mehr. Der Traum sagt Ihnen dann, daß 
Sie kein Souper geben können, erfüllt also Ihren Wunsch, zur Ab- 
rundung der Körperformen Ihrer Freundin nichts beizutragen. Daß 
man von den Dingen, die man in Gesellschaften vorgesetzt bekommt, 
dick wird, lehrt Sie ja der Vorsatz Ihres Mannes, im Interesse 
seiner Entfettung Soupereinladungen nicht mehr anzunehmen." Es 
fehlt jetzt nur noch irgend ein Zusammentreffen, welches die Lö- 
sung bestätigt. Es ist auch der geräucherte Lachs im Trauminhalt 
noch nicht abgeleitet. „"Wie kommen Sie zu dem im Traume erwähn- 
ten Lachs?" „Geräucherter Lachs ist die Lieblingsspeise dieser Freun- 
din," antwortet sie- Zufällig kenne ich die Dame auch und kann be- 
stätigen, daß sie sich den Lachs ebensowenig vergönnt wie meine 
Patientin den Kaviar. 

Derselbe Traum läßt auch noch eine andere und feinere Deutung 
zu, die_ durch einen Nebenumstand selbst notwendig gemacht wird. 
Die beiden Deutungen widersprechen einander nicht, sondern über- 
decken einander und ergeben ein schönes Beispiel für die gewöhn- 
liche Doppelsinnigkeit der Träume wie aller anderen psychopatho- 
logischen Bildungen. Wir haben gehört, daß die Patientin gleichzeitig 
mit ihrem Traume von der "Wunschverweigerung bemüht war, sich 
einen versagten Wunsch im Realen zu verschaffen (die Kaviar- 
semmel). Auch die Freundin hatte einen Wunsch geäußert, nämlich 
dicker zu werden, und es würde uns nicht wundern, wenn unsere 
Dame geträumt hätte, der Freundin gehe ein Wunsch nicht in Er- 
füllung. Es ist nämlich ihr eigener Wunsch, daß der Freundin ein 
Wunsch — nämlich der nach Körperzunahme — nicht in Erfüllung 
gehe. Anstatt dessen träumt sie aber, daß ihr selbst ein Wunsch 
nicht erfüllt wird. Der Traum erhält eine neue Deutung, wenn sie 



Die hysterische Identifizierung. 105 

im Traume nicht sich, sondern die Freundin meint, wenn sie sieh 
an Stelle der Freundin gesetzt oder, wie wir sagen können, sich mit 
ihr identifiziert hat. 

Ich meine, dies hat sie wirklich getan, und als Anzeichen dieser 
Identifizierung hat sie sich den versagten Wunsch im Realen ge- 
schaffen. "Was hat aber die hysterische Identifizierung für Sinn? Das 
aufzuklären bedarf einer eingehenden Darstellung. Die Identifizierung 
ist ein für den Mechanismus der hysterischen Symptome höchst wich- 
tiges Moment; auf diesem Wege bringen es die Kranken zu stände, 
die Erlebnisse einer großen Reihe von Personen, nicht nur die eigenen, 
in ihren Symptomen auszudrücken, gleichsam für einen ganzen 
Menschenhaufen zu leiden und alle Rollen eines Schauspieles allein 
mit ihren persönlichen Mitteln darzustellen. Man wird mir einwenden, 
das sei die bekannte hysterische Imitation, die Fälligkeit Hysterischer, 
alle Symptome, die ihnen bei anderen Eindruck machen, nachzuahmen, 
gleichsam ein zur Reproduktion gesteigertes Mitleiden. Damit ist 
aber nur der Weg bezeichnet, auf dem der psychische Vorgang bei 
der hysterischen Imitation abläuft; etwas anderes ist der Weg und 
der seelische Akt, der diesen Weg geht. Letzterer ist um ein ge- 
ringes komplizierter, als man sich die Imitation der Hysterischen 
vorzustellen liebt; er entspricht einem unbewußten Schlußprozeß, wie 
ein Beispiel klarstellen wird. Der Arzt, welcher eine Kranke mit 
einer bestimmten Art von Zuckungen unter anderen Kranken auf 
demselben Zimmer im Krankenhause hat, zeigt sich nicht erstaunt, 
wenn er eines Morgens erfährt, daß dieser besondere hysterische An- 
fall Nachahmung gefunden hat. Er sagt sich einfach : Die anderen 
haben ihn gesehen und nachgemacht; das ist psychische Infektion. 
Ja, aber die psychische Infektion geht etwa auf folgende Weise zu. 
Die Kranken wissen in der Regel mehr voneinander als der Arzt 
über jede von ihnen, und sie kümmern sich umeinander, wenn die 
ärztliche Visite vorüber ist. Die eine bekomme heute ihren Anfall ; 
es wird alsbald den anderen bekannt, daß ein Brief vom Hause, 
Auffrischung des Liebeskummers und dergleichen davon die Ursache 
ist. Ihr Mitgefühl wird rege, es .vollzieht sich in ihnen folgender, 
nicht zum Bewußtsein gelangender Schluß : Wenn man von solcher 
Ursache solche Anfälle haben kann, so kann ich auch solche Anfälle 
bekommen, denn ich habe dieselben Anlässe. Wäre dies ein 'des Be- 
wußtseins fähiger Schluß, so würde er vielleicht in die Angst aus- 
münden, den gleichen Anfall zu bekommen; er vollzieht sich aber 
auf einem anderen psychischen Terrain, endet daher in der Realisierung 
des gefürchteten Symptoms. Die Identifizierung ist also nicht simple 
Imitation, sondern Aneignung auf Grund des gleichen ätiologischen 
Anspruches; sie drückt ein „gleichwie" aus und bezieht sich auf ein 
im Unbewußten verbleibendes Gemeinsames. 

Die Identifizierung wird in der Hysterie am häufigsten benützt 
zum Ausdruck einer sexuellen Gemeinsamkeit. Die Hysterica identi- 
fiziert sich in ihren Symptomen am ehesten — wenn auch nicht aus- 
schließlich — mit solchen Personen, mit denen sie im sexuellen Ver- 
kehre gestanden hat, oder welche mit den nämlichen Personen wie 



106 IV. Die Traumeutätelluiig. 

sie selbst sexuell verkehren. Die Sprache trägt einer solchen Auf- 
fassung- gleichfalls Keehnung. Zwei Liebende sind „Eines". In der 
hysterischen Phantasie wie im Traume genügt es für die Identifi- 
zierung, daß man an sexuelle Beziehungen denkt, ohne daß sie 
darum als real gelten müssen. Die Patientin folgt also bloß den He- 
geln der hysterischen Denkvorgänge, wenn sie ihrer Eifersucht gegen 
die Freundin (die sie als unberechtigt übrigens selbst erkennt) Aus- 
druck gibt, indem sie sich im Traume an ihre Stelle setzt und durch 
die Schaffung eines Symptoms (des versagten Wunsches) mit ihr 
identifiziert. Man möchte den Vorgang noch sprachlich in folgender 
"Weise erläutern : Sie setzt sich an die Stelle der Freundin imi Traum, 
weil diese sich bei ihrem Manne an ihre Stelle setzt, weil .sie deren 
Platz in der Wertschätzung ihres Mannes einnehmen möchte*. 

In einfacherer Weise und doch auch nach dem Schema, daß 
die Nichterfüllung des einen Wunsches die Erfüllung eines anderen 
bedeutet, löste sich der Widerspruch gegen meine Traumlehrc bei einer 
anileren Patientin, der witzigsten unter all meinen Träumerinnen. 
Ich hatte ihr an einem Tage auseinandergesetzt, daß der Traum 
eine Wunscherfüllung sei; am nächsten Tage brachte sie mir einen 
Traum, daß sie mit ihrer Schwiegermutter nach dem gemeinsamen 
Landaufenthalt fahre. Nun wußte ich, daß sie sich heftig gesträubt 
hatte, den Sommer in der Nähe der Schwiegermutter zu verbringen, 
wußte auch, daß sie der von ihr gefürchteten Gemeinschaft in den 
letzten Tagen durch die Miete eines vom Sitze der Schwiegermutter 
weit entfernten Landaufenthaltes glücklich ausgewichen war. Jetzt 
machte der Traum diese erwünschte Lösung rückgängig; war das 
nicht der schärfste Gegensatz zu meiner Lehre von der Wunsch- 
erfüllung durch den Traum? Gewiß, man brauchte nur die Kon- 
sequenz aus diesem Traum zu ziehen, um seine Deutung zu haben. 
Aach diesem Traume hatte ich Unrecht; es war also ihr Wunsch, 
daß ich Unrecht haben sollte, und diesen zeigte ihr der 
J räum erfüllt. Der Wunsch, daß ich Unrecht haben sollte, der 
SSr.fP dem Thema der Landwohnung erfüllte, bezog sich aber in 
Wirklichkeit auf einen anderen und ernsteren Gegenstand. Ich hatte 
um die nämliche Zeit aus dem Material, welches ihre Analvse ergab, 
geschlossen, daß in einer gewissen Periode ihres Lebens etwas für 
ihre Erkrankung Bedeutsames vorgefallen sein müsse. Sie hatte es in 
Abrede gestellt, weil es sich nicht in ihrer Erinnerung vorfand. Wir 
kamen bald darauf, daß ich Recht hatte. Ihr Wunsch, daß ich Un- 
recht haben möge, verwandelt in den Traum, daß sie mit ihrer 
Schwiegermutter aufs Land fahre, entsprach also dem berechtigten 
Wunsche, daß jene damals erst vermuteten Dinge sich nie ereignet 
haben möchten. 

Ohne Analyse, nur vermittels einer Vermutung, gestattete ich 

' Ich bedauere selbst die Einschaltung solcher Stücke aus der Psycho- 
pathologie der Hysterie, welche, infolge ihrer fragmentarischen Darstelluno- und 
ans allem Zusammenhang gerissen, doch nicht sehr aufklärend wirken können. 
Wenn sie auf die innigen Beziehungen des Themas vom Traume zu den Psyche- 
neurosen hinzuweisen vermögen, so haben sie die Absicht erfüllt, in der ich sie 
aufgenommen habe. 



Einsprüche gegen die Theorie der Wunscherfiilluug. JQ"7 

mir, ein kleines Vorkommnis bei einem Freunde zu deuten, der durch 
die acht Gymnasialklassen mein Kollege gewesen war. Er hörte einmal 
in einem kleinen Kreise einen Vortrag von mir über die Neuigkeit, 
daß ein Traum eine Wunscherfüllung sei, ging nach Hause, träumte, 
daß er alle seine Prozesse verloren habe, — er war Advokat 
— und beklagte sich bei mir darüber. Ich half mir mit der Ausflucht: 
Man kann nicht alle Prozesse gewinnen, dachte aber bei mir: "Wenn 
ich durch acht Jahre als Primus in der ersten Bank gesessen, wäh- 
rend er irgendwo in der Mitte der Klasse den Platz gewechselt, sollte 
ihm aus diesen Knaben jähren der Wunsch fern geblieben sein, daß 
ich mich auch einmal gründlich blamieren möge? 

Ein anderer Traum von mehr düsterem Charakter wurde mir 
gleichfalls von einer Patientin als Einspruch gegen die Theorie des 
Wunschtraumes vorgetragen. Die Patientin, ein junges Mädchen, 
begann: „Sie erinnern sich, daß meine Schwester jetzt nur einen 
Buben hat, den Karl ; den älteren, Otto, hat sie verloren, als ich noch 
in ihrem Hause war. Otto war mein Liebling, ich habe ihn eigent- 
lich erzogen. Den Kleinen habe ich auch gern, aber natürlich lange 
nicht so sehr wie den Verstorbenen. Nun träume ich diese Nacht, 
d aß.ich d en Karl tot vor mir liegen sehe. Er liegt in seinem 
kleinen Sarge, die Hände gefaltet, Kerzen rings herum, 
kurz ganz so wie damals der k leine tto, dessen Tod mich 
so erschüttert hat. Nun sagen Sie mir, was soll da.« heißen? Sie 
kennen mich ja; bin ich eine so schlechte Person, daß ich meiner 
Schwester den Verlust des einzigen Kindes wünschen sollte, das sie 
noch besitzt? Oder heißt der Traum, daß ich lieber den Karl tot 
wünschte als den Otto, den ich um so viel lieber gehabt habe?" 

Ich versicherte ihr, daß diese letzte Deutung ausgeschlossen sei. 
Nach kurzem Besinnen konnte ich ihr die richtige Deutung des 
Traumes sagen, die ich dann von ihr bestätigen ließ. Es gelang mir 
dies, weil mir die ganze Vorgeschichte der Träumerin bekannt war. 

Frühzeitig verwaist, war das Mädchen im Hause ihrer um vieles 
älteren Schwester aufgezogen worden und begegnete unter den Freun- 
den und Besuchern des Hauses auch dem Manne, der einen bleibenden 
Eindruck auf ihr Herz machte. Es schien eine Weile, als ob diese 
kaum ausgesprochenen Beziehungen mit einer Heirat enden sollten, 
aber dieser glückliche Ausgang wurde durch die Schwester vereitelt, 
deren Motive nie eine völlige Aufklärung gefunden haben. Nach dem 
Bruche mied der von unserer Patientin geliebte Mann das Haus; 
sie selbst machte sich einige Zeit nach dem Tode des kleinen Otto, 
an den sie ihre Zärtlichkeit unterdessen gewendet hatte, selbständig. 
Es gelang ihr aber nicht, sich von der Abhängigkeit frei zu machen, 
in welche sie durch ihre Neigung zu dem Freunde ihrer Schwester 
geraten war. Ihr Stolz gebot ihr, ihm auszuweichen; es war ihr aber 
unmöglich, ihre Liebe auf andere Bewerber zu übertragen, die sich 
in der Folge einstellten. Wenn der geliebte Mann, der dem Literaten- 
stand angehörte, irgendwo einen Vortrag angekündigt hatte, war sie 
unfehlbar unter den Zuhörern zu finden, und auch sonst ergriff sie 
jede Gelegenheit, ihn an drittem Orte aus der Ferne zu sehen. Ich 
erinnerte mich, daß sie mir Tags vorher erzählt hatte, der Professor 



jQg IV. Die Traunientstellung. 

ginge in ein bestimmtes Konzert, und sie wolle auch 'dorthin gehen, 
um sich wieder einmal seines Anblickes zu erfreuen. Das war am Tag 
vor dem Traume: an dem Tage, an dem sie mir den Traum erzählte, 
sollte das Konzert stattfinden. Ich konnte mir so die richtige Deu- 
tung leicht konstruieren und fragte sie, ob ihr irgend ein Ereignis 
einfalle, das nach dem Tode des kleinen Otto eingetreten sei. Sie ant- 
wortete sofort: Gewiß, damals ist der Professor nach langem Aus- 
bleiben wiedergekommen, und ich habe ihn an dem Sarge des kleinen 
Otto wieder einmal gesehen. Es war genau so, wie ich es erwartet 
hatte. Ich deutete also den Traum in folgender Art: „Wenn jetzt der 
andere Knabe stürbe, würde sich dasselbe wiederholen. Sie würden 
den Tag bei Ihrer Schwester zubringen, der Professor käme sicher- 
lich hinauf, um zu kondolieren, und unter den nämlichen Verhältnissen 
wie damals würden Sie ihn wiedersehen. Der Traum bedeutet nichts 
als diesen Ihren Wunsch nach Wiedersehen, gegen den Sie innerlich an- 
kämpfen. Ich weiß, daß Sie das Billet für das heutige Konzert in der 
Tasche tragen. Ihr Traum ist ein Ungeduldstraum, er hat das Wie- 
dersehen, das heute stattfinden soll, um einige Stunden verfrüht." 
Zur Verdeckung ihres Wunsches hatte sie offenbar eine Situation 
gewählt, in welcher solche Wünsche unterdrückt zu werden pflegen, 
eine Situation, in der man von Trauer so sehr erfüllt ist, daß man an 
Liebe nicht denkt. Und doch ist es sehr gut möglich, daß auch in 
der realen Situation, welche der Traum getreulich kopierte, am Sarge des 
ersten, von ihr stärker geliebten Knaben sie die zärtliche Empfindung 
für den lange vermißten Besucher nicht hatte unterdrücken können. 

Eine andere Aufklärung fand ein ähnlicher Traum einer anderen 
Patientin, die sich in früheren Jahren durch raschen Witz und heitere 
Laune hervorgetan hatte und diese Eigenschaften jetzt wenigstens noch 
in ihren Einfällen während der Behandlung bewies. Dieser Dame kam 
es im Zusammenhange eines längeren Traumes vor, daß sie ihre ein- 
zige, 15jährige Tochter in einer Schachtel tot daliegen sah. Sie hatte 
nicht übel Lust, aus dieser Traumerscheinung einen Einwand gegen 
die Wunscherfüllungstheorie zu machen, ahnte aber selbst, daß das 
Detail der Schachtel den Weg zu einer anderen Auffassung des 
Traumes anzeigen müsse*. Bei der Analyse fiel ihr ein, daß 'in der 
Gesellschaft abends vorher die Bede auf das englische Wort „box" 
gekommen war und auf die mannigfaltigen Übersetzungen desselben 
im Deutschen, als : Schachtel, Loge, Kasten. Ohrfeige usw. Aus an- 
deren Bestandstücken desselben Traumes ließ sich nun ergänzen, 
daß sie die Verwandtschaft des englischen „box" mit dem deutschen 
„Büchse" erraten habe und dann von der Erinnerung heimgesucht 
worden sei, daß „Büchse" auch als vulgäre Bezeichnung des weib- 
lichen Genitales gebraucht werde. Mit einiger Nachsicht für ihre 
Kenntnisse in der topographischen Anatomie konnte man also an- 
nehmen, daß das Kind in der „Schachtel" eine Frucht im Mutterleibe 
bedeute. Soweit aufgeklärt, leugnete sie nun nicht, daß das Traum- 
bild wirklich einem Wunsche von ihr entspreche. Wie so viele 
junge Frauen war sie keineswegs glücklich, als sie in die Gravidität 

* Ähnlich wie im Traume vom vereitelten Souper der geräucherte Lachs. 



Unkenntliche Wuiischerfüllungen. 109 

geriet, und gestand sich mehr als einmal den "Wunsch ein, daß ihr 
das Kind im Mutterleibe absterben möge; ja in einem Wuta»falle 
nach einer heftigen Szene mit ihrem Manne schlug sie mit den Fäusten 
auf ihren Leib los, um das Kind darin zu treffen. Das tote Kind 
war also wirklich eine Wunscheri'üllung, aber die eines seit 15 Jah- 
ren beseitigten Wunsches, und es ist nicht zu verwundern, wenn man 
die Wunscherfüllung nach so verspätetem Eintreffen nicht mehr er- 
kennt. Unterdessen hat sich eben zu viel geändert. 

Die Gruppe, zu welcher die beiden letzten Träume gehören, die 
den Tod lieber Angehöriger zum Inhalt haben, soll bei den typischen 
Träumen nochmals Berücksichtigung finden. Ich werde dort an neuen 
Beispielen zeigen können, daß trotz des unerwünschten Inhaltes alle 
dies© Träume als Wunscherfüllungen gedeutet werden müssen. Keinem 
Patienten, sondern einem intelligenten Ilechtsgelehrten meiner Be- 
kanntschaft verdanke ich folgenden Traum, der mir wiederum in 
der Absicht erzählt wurde, mich von voreiliger Verallgemeinerung in 
der Lehre vom AVunschtraume zurückzuhalten. „Ich träume," be- 
richtet mein Gewährsmann, „daß ich, eine Dame am Arm, vor 
mein Haus komme. Dort wartet ein geschlossener "Wagen, 
ein Herr tritt auf mich zu, legitimiert sich als Polizei- 
agent und fordert mich auf, ihm zu folgen. Ich bitte nur 
noch um die Zeit, meine Angelegenheiten zu ordnen. — 
Glauben Sie, daß es vielleicht ein Wunsch von mir ist, verhaftet zu 
werden?" — Gewiß nicht, muß ich zugeben. Wissen Sie vielleicht, 
unter welcher Beschuldigung Sie verhaftet wurden? — „Ja, ich glaube 
wegen Kindesmordes." — Kindesmord? Sie wissen doch, daß dieses 
Verbrechen nur eine Mutter an ihrem Neugeborenen begehen kann? 

— „Das ist richtig."* — Und unter welchen Umständen haben Sie 
geträumt; was ist am Abend vorher vorgegangen? — „Das möchte 
ich Ihnen nicht gern erzählen, es ist eine heikle Angelegenheit." 

— Ich brauche es aber, sonst müssen wir auf die Deutung «des Traumes 
verzichten. — „Also hören Sie. Ich habe die Nacht nicht zu Hause, 
sondern bei einer Dame zugebracht, die mir sehr viel bedeutet. Als 
wir am Morgen erwachten, ging neuerdings etwas zwischen uns vor. 
Dann schlief ich wiederum ein und träumte, was Sie wissen." — 
Es ist eine verheiratete Frau? — „Ja." — Und Sic wollen kein 
Kind mit ihr erzeugen? — „Nein, nein, das könnte uns verraten." 

— Sie üben also nicht normalen Koitus? — „Ich gebrauche die Vor- 
sicht, mich vor der Ejakulation zurückzuziehen." — Darf ich an- 
nehmen, Sie hätten das Kunststück in dieser Nacht mehreremal aus- 
geführt, und seien nach der Wiederholung am Morgen ein wenig 
unsicher gewesen, ob es Ihnen gelungen ist? — „Das könnte wohl 
sein." — .Dann ist Ihr Traum eine Wunscherfüllung. Sie erhalten 
durch ihn die Beruhigung, daß Sie kein Kind erzeugt haben, oder was 
nahezu das gleiche ist, Sie hätten ein Kind umgebracht. Die Mittel- 

* Es ereignet sich häufig, daß ein Traum unvollständig erzählt wird, 
und daß erst während der Analyse die Erinnerung an diese ausgelassenen Stücke 
des Traumes auftaucht. Diese "nachträglich eingefügten Stücke ergeben regel- 
mäßig den Schlüssel zur Traumdeutung. Vergleiche weiter unten über das Ver- 
gessen der Träume. 



] 1 IV- Die Tranmentatellunrr. 

glicder kann ich Ihnen leicht nachweisen. Erinnern Sic sich, vor 
einigen Tagen sprachen wir über die Ehenot und über die Inkonse- 
quenz, daß es gestattet ist, den Koitus so zu halten, daß keine Be- 
fruchtung zu stände kommt, während jeder Eingriff, wenn einmal 
Ei und Same sich getroffen und einen Fötus gebildet haben, als 
Verbrechen bestraft wird. Im Anschluß daran gedachten wir auch 
der mittelalterlichen Streitfrage, in welchem Zeitpunkte eigentlich 
die Seele in den Fötus hineinfahre, weil der Begriff des Mordes erst 
von da an zulässig wird. Sie' kennen gewiß auch das schaurige Ge- 
dicht von Lenau, welches Kindermord und Kinderverhütung gleich- 
stellt. — „An Lenau habe ich merkwürdigerweise heute Vormittag 
wie zufällig gedacht." — Auch ein Nachklang Ihres Traumes. Und 
nun will ich Ihnen noch eine kleine Nebenwunscherfüllung in Ihrem 
Traume nachweisen. Sie kommen mit der Dame am Ann vor Ihr 
Haus. Sie führen Sic also heim, anstatt daß Sie in Wirklichkeit 
die Nacht in deren Hause zubringen. Daß die Wunscherfüllung, die 
den Kern des Traumes bildet, sich in so unangenehmer Form ver- 
birgt, hat vielleicht mehr als einen Grund. Aus meinem Aufsatze 
über die Ätiologie der Angstneurose könnten Sie erfahren, daß ich . 
den Coitus interruptus als eines der ursächlichen Momente für die 
Entstehung der neurotischen Angst in Anspruch nehme. Es würde 
dazu stimmen, wenn Ihnen nach mehrmaligem Koitus dieser Art 
eine unbehagliche Stimmung verbliebe, die nun als Element in die 
Zusammensetzung Ihres Traumes eingeht. Dieser Verstimmung be- 
dienen Sie sich auch, um sich die Wunscherfüllung zu verhüllen. 
Übrigens ist auch die Erwähnung des Kindesmordes nicht erklärt. 
Wie kommen Sie zu diesem spezifisch weiblichen Verbrechen? — 
„Ich will Ihnen gestehen, daß ich vor Jahren einmal in eine .solche 
Angelegenheit verflochten war. Ich war schuld daran, daß ein Mäd- 
chen sich durch eine Fruchtabtreibung vor den Folgen eines Ver- 
hältnisses mit mir zu schützen versuchte. Ich hatte mit der Aus- 
führung des Vorsatzes gar nichts zu tun, war aber lange Zeit in be- 
greiflicher Angst, daß die Sache entdeckt würde." — Ich verstehe, diese 
Erinnerung ergab einen zweiten Grund, warum Ihnen die Vermutung, 
Sie hätten Ihr Kunststück schlecht gemacht, peinlich sein mußte. 

Ein junger Arzt, welcher in meinem Kolleg diesen Traum er- 
zählen hörte, muß sich von ihm betroffen gefühlt haben, denn er 
beeilte sich ihn nachzuträumen, dessen Gedankenform auf ein anderes 
Thema anzuwenden. Er hatte Tags vorher sein Einkommenbekenntnis 
übergeben, welches vollkommen aufrichtig gehalten war, da er nur 
wenig zu bekennen hatte- Er träumte nun, ein Bekannter komme 
aus der Sitzung der Steuerkommission zu ihm und teile ihm mit, daß 
alle anderen Steuerhekenntnisse unbeanstandet geblieben seien, das 
seinige aber habe allgemeines Mißtrauen erweckt und werde ihm eine 
empfindliche Steuerstrafe eintragen. Der Traum ist eine lässig verhüllte 
Wunscherfüllung, für einen Arzt von großem Einkommen zu gelten. Er 
erinnert übrigens an die bekannte Geschichte von jenem jungen Mäd- 
chen, welchem abgeraten wird, ihrem Freier zuzusagen, weil er ein 
jähzorniger Mensch sei und sie in der Ehe sicherlich mit Schlägen trak- 
tieren werde. Die Antwort des Mädchens lautet dann: Schlug' er mich 




Gegenwaoschträmae. \ 1 ] 

erst! Ihr Wunsch, verheiratet zu sein, ist so lebhaft, daß sie die in' 
Aussicht gestellte Unannehmlichkeit, die mit dieser Ehe verbunden 
sein soll, mit in den Kauf nimmt und selbst zum Wunsche .erhebt. 

Fasse ich die sehr häufig vorkommenden Träume solcher Art, 
die meiner Lehre direkt zu widersprechen scheinen, indem sie das 
Versagen eines Wunsches oder das Eintreffen von etwas offenbar 
Ungewünschtem zum Inhalt haben, als „Gegen wünsch trau nie" 
zusammen, so sehe ich, daß sie sich allgemein auf zwei Prinzipien 
zurückführen lassen, von denen das eine noch nicht erwähnt worden 
ist, obwohl es im Leben wie im Träumen der Menschen eine große 
Rolle spielt. Die eine Triebkraft dieser Träume ist der Wunsch, daß 
ich Unrecht haben soll. Diese Träume ereignen sich regelmäßig im 
Laufe meiner Behandlungen, wenn sich der Patient im Widerstand 
gegen mich befindet, und ich kann mit großer Sicherheit darauf 
rechnen, einen solchen Traum hervorzurufen, nachdem ich dem Kran- 
ken die Lehre, der Traum sei eine Wunscherfüllung, zuerst vorge- 
tragen habe*. Ja, ich darf ' erwarten, daß es manchem meiner Leser 
ebenso ergehen wird; er wird sich bereitwillig im Traume einen 
Wunsch versagen, um sich nur den Wunsch, daß ich Unrecht haben 
möge, zu erfüllen. Der letzte Kurtraum dieser Art, den ich mit- 
teilen will, zeigt wiederum das nämliche. Ein junges Mädchen, wel- 
ches sich die Fortsetzung meiner Behandlung mühsam erkämpft hat 
gegen den Willen ihrer Angehörigen und der zu Kate gezogenen Auto- 
ritäten, träumt: Zu Hause verbiete man ihr, weiter zu mir 
zu kommen. Sie beruft sich dann bei mir auf ein ihr ge- 
gebenes Versprechen, sie im Notfälle auch umsonst zu be- 
handeln, und ich sage ihr: In Geldsachen kann ich keine 
Rücksicht üben. 

Es ist wirklich nicht leicht, hier die Wunscherfüllung nach- 
zuweisen, aber in all solchen Fällen findet sich außer dem einen 
Rätsel noch ein anderes, dessen Losung auch das erste lösen hilft. 
Woher stammen die Worte, die sie mir in den Mund legt? Ich habe 
ihr natürlich nie etwas Ähnliches gesagt, aber einer ihrer Brüder 
und gerade jener, der den größten Einfluß auf sie. hat, wariso liebens- 
würdig, über mich diesen Ausspruch zu tun. Der Traum will also er- 
reichen, daß der Bruder Recht behalte, und diesem Bruder Recht 
verschaffen will sie nicht nur im Traume; es ist der Inhalt ihres 
I/ebens und das Motiv ihres Krankseins. Ein Traum, welcher der 
Theorie von der Wunscherfüllung auf den ersten Blick besondere 
Schwierigkeiten bereitet, ist von einem Arzt (Aug. Stärcke) ge- 
träumt und gedeutet worden : 

„Ich habe und sehe an meinem linken Zeigefinger einen 
syphilitischen Primäraffekt an der letzten Phalange" 

Man wird sich vielleicht von der Analyse dieses Traumes durch 
die Erwägung abhalten lassen, daß er ja bis auf seinen unerwünschten 
Inhalt klar und kohärent erscheint. Allein, wenn man die Mühe 



* Ähnliche „Gegenwunschträume" wurden mir in den letzten Jahren wieder- 
holt von meinen Hörern berichtet als deren Reaktion auf ihr erstes Zusammen- 
treffen mit der ,,'Wunschtueorie des Traumes", 



119 IV- Die Traumentstellung. 

einer -Analyse nicht scheut, erfährt man, daß „Primäraffekt" gleich- 
zusetzen ist. einer „prima affectio" (erste Liebe)* und daß, das wider- 
liche Geschwür nach den Worten Stärckes „sich als Vertreter von 
mit großem Affekt belegten "Wunscherfüllungen" erweist . 

Das andere Motiv der Gegenwunschträume liegt so nahe, daß 
man leicht in Gefahr kommt, es zu übersehen, wie mir selbst durch 
längere Zeit geschehen ist. In der Sexualkonstitution so vieler Men- 
schen gibt es eine masochistische Komponente, die durch die Ver- 
kehrung ins Gegenteil der aggressiven, sadistischen entstanden ist. 
Man heißt solche Menschen „ideelle" Masochisten, wenn sie die Lust 
nicht in dem ihnen zugefügten körperlichen Schmerz, sondern in der 
Demütigung und seelischen Peinigung suchen. Es leuchtet ohne 
weiteres ein, daß diese Personen Gegen wünsch- und Unlustträume 
haben können, die für sie doch nichts anderes als "Wunscherfüllungen 
sind, Befriedigung ihrer masochistischen Neigungen. Ich setze einen 
solchen Traum hieher: Ein junger Mann, der in früheren Jahren 
seinen älteren Bruder, dem er homosexuell zugetan war, sehr gequält 
hat, träumt nun nach gründlicher Charakterwandlung einen aus drei 
Stücken bestehenden Traum. I. Wie ihn sein älterer Bruder 
„sekiert". IL Wie zwei Erwachsene in homosexueller Ab- 
sicht miteinander schön tun. III. Der Bruder hat das Unter- 
nehmen verkauft, dessen Leitung er sich für seine Zu- 
kunft vorbehalten hat. Aus letzterem Traume erwacht er mit 
den peinlichsten Gefühlen, und doch ist es ein masochistischer Wunsch- 
traum, dessen Übersetzung lauten könnte : es geschähe mir ganz recht, 
wenn der Bruder mir jenen Verkauf antäte zur Strafe für alle Quä- 
lereien, die er von mir ausgestanden hat. 

Ich hoffe, die vorstehenden Erwägungen und Beispiele werden 
genügen, um es — bis auf weiteren Einspruch — glaubwürdig er- 
scheinen zu lassen, daß auch die Träume mit peinlichem Inhalt als 
Wunscherfüllungen aufzulösen sind, werde übrigens auf das Thema 
der Unlustträume noch an späterer Stelle zurückkommen. Es wird 
auch niemand eine Äußerung des Zufalles darin erblicken, daß man 
bei der Deutung dieser Träume jedesmal auf Themata gerät, von denen 
man nicht gern spricht oder an die man nicht gern denkt. Das pein- 
liche Gefühl, welches solche Träume erwecken, ist wohl einfach iden- 
tisch mit dem Widerwillen, der uns von der Behandlung oder Er- 
wägung solcher Themata — meist mit Erfolg — abhalten möchte, 
und welcher von jedem von uns überwunden werden muß, wenn wir 
uns genötigt sehen, es doch in Angriff zu nehmen. Dieses im Traume 
also wiederkehrende Unlustgefühl schließt aber das Bestehen eines 
Wunsches nicht aus; es gibt bei jedem Menschen Wünsche, die er an- 
deren nicht mitteilen möchte, und Wünsche, die er sich selbst nicht 
eingestehen will. Anderseits finden wir uns berechtigt, den Unlust- 
charakter all dieser Träume mit der Tatsache der Traumentstellung in 
Zusammenhang zu bringen und zu schließen, diese Träume seien gerade 
darum so entstellt und die Wunscherfüllung in ihnen bis zur Un- 
kenntlichkeit verkleidet, weil ein Widerwillen, eine Verdrängungs- 

* Zentarälblatt für Psychoanalyse II, 1911/12, 



Die Formel fiir das Wesen des Traumes. 113 

absieht gegen das Thema des Traumes oder gegen den aus ihm 'geschöpf- 
ten "Wunsch bestellt. Die Traumentstellung erweist sich also tatsäch- 
lich als ein Akt der Zensur. Allem, was die Analyse der' Unlustträume 
zu Tage gefördert hat, tragen wir aber Rechnung, wenn wir unsere 
Formel, die das Wesen des Traumes ausdrücken soll, in folgender Art 
verändern: Der Traum ist die (verkleidete) Erfüllung eines 
(unterdrückten, verdrängten) Wunsches*. 

Nun erübrigen noch die Angstträume als besondere Unterart der 
Träume mit peinlichem Inhalt, deren Auffassung als Wunschträume 
bei dem Unaufgeklärten die geringste Bereitwilligkeit begegnen wird. 
Doch kann ich die Angstträume hier ganz kurz abtun; es ist nicht 
eine neue Seite des Traumproblems, die sich uns in ihnen zeigen 
würde, sondern es handelt sich bei ihnen um das Verständnis der 
neurotischen Angst überhaupt. Die Angst, die wir im Traume emp- 
finden, ist nur scheinbar durch den Inhalt des Traumes erklärt. Wenn 
wir den Trauminhalt der Deutung unterziehen, merken wir, daß die 
Traumangst durch den Inhalt des Traumes nicht besser gerechtfertigt 
wird als etwa die Angst einer Phobie durch die Vorstellung, an 
welcher die Phobie hängt. Es ist z. B. zwar richtig, daß man aus 
dem Fenster stürzen kann und darum Ursache hat, sich beim Fenster 
einer gewissen Vorsicht zu befleißen, aber es ist nicht zu verstehen,' 
warum bei der entsprechenden Phobie die Angst so groß ist und den 
Kranken weit über ihre Anlässe hinaus verfolgt. Dieselbe Aufklärung 
erweist sich dann als gültig für die Phobie wie für den Angsttrau in. 
Die Angst ist beidemal an die sie begleitende Vorstellung nur an- 
gelötet und stammt aus anderer Quelle. 

Wegen dieses intimen Zusammenhanges der Traumangst mit der 
Neurosenangst muß ich hier bei der Erörterung der ersteren auf die 
letztere verweisen. In einem kleinen Aufsatze über die „Angst- 
neurose" (Neurolog. Zentralblatt, 3895) habe ich seinerzeit behauptet, 
daß die neurotische Angst aus dem Sexualleben stammt und einer von 
ihrer Bestimmung abgelenkten, nicht zur Verwendung gelangten 
Libido entspricht. Diese Formel hat sich seither immer mehr als 
stichhaltig erwiesen. Aus ihr läßt sich nun der Satz ableiten, daß die 
Angstträume Träume sexuellen Inhaltes sind, deren zugehörige Libido 
eine Verwandlung in Angst erfahren hat. Es wird sich späterhin die 
Gelegenheit ergeben, diese Behauptung durch die Analyse einiger 
Träume bei Neurotikern zu unterstützen. Auch werde ich bei weiteren 
Versuchen, mich einer Theorie des Traumes zu" nähern, nochmals auf 
die Bedingung der Angstträume und deren Verträglichkeit mit der 
AVunscherfüllungstheorie zu sprechen kommen. 

* Ein großer unter den lebenden Dichtern, der, wie mir gesagt wurde, von 
Psychoanalyse und Traumdeutung nichts wissen will, findet doch aus Eigenem eine 
fast identische Formel für das Wesen des Traumes: „Unbefugtes Auftauchen 
unterdrückter Sehnsuchtswünsche unter falschem Antlitz und Namen." C. Spit- 
toler, Meine frühesten Erlebnisse (Süddeutsche Monatshefte, Oktober 1913). 

Vorgreifend führe ich hier die von Otto Rank herrührende Erweiterung 
und Modifikation der obigen Grundformel an: „Der Traum stellt regelmäßig 
auf der Grundlage und mit Hilfe verdrängten infantil-sexuellen Materials ak- 
tuelle, in der Regel auch erotische Wünsche in verhüllter und symbolisch einge- 
kleideter Form als erfüllt dar." („Ein Traum, der sich selbst deutet.") 



Freud, Traumdeutung, 5. Aufl. 8 



V. 
Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Als wir aus der Analyse des Traumes. von Irmas Injektion er- 
sehen hatten, daß der Traum eine Wunscherfüllung ist, nahm uns 
zunächst das Interesse gelangen, ob wir hiemit einen allgemeinen 
Charakter des Traumes aufgedeckt haben, und wir brachten vorläufig 
jede andere wissenschaftliche Neugierde zum Schweigen, die sich in 
uns während jener Deutungsarbeit geregt haben mochte. Nachdem 
wir jetzt auf dem einen Wege zum Ziele gelangt sind, dürfen wir 
zurückkehren und einen neuen Ausgangspunkt für unsere Streif un gen 
durch die Probleme des Traumes wählen, sollten wir darüber auch 
das noch keineswegs voll erledigte Thema der Wunscherfüllung für 
eine Weile aus den Augen verlieren. 

. Seitdem wir durch Anwendung unseres Verfahrens der Traum- 
deutung einen latenten Trauminhalt aufdecken können, der an Be- 
deutsamkeit den manifesten Trauminhalt weit hinter sich läßt, 
muß es uns drängen, die einzelnen Traumprobleme von neuem auf- 
zunehmen', um zu versuchen, ob sich für uns nicht Rätsel und Wider- 
sprüche befriedigend lösen, die. solange man nur den manifesten 
Trauminhalt kannte, unangreifbar erschienen sind. 

Die Angaben der Autoren über den Zusammenhang des Traumes 
mit dem Wachleben sowie über die Herkunft des Traummaterials 
sind im einleitenden Abschnitt ausführlich mitgeteilt worden. Wir 
erinnern uns auch jener drei Eigentümlichkeiten des Traumgedächt- 
nisses, die so vielfach bemerkt, aber nicht erklärt worden sind: 

1. Daß der Traum die Eindrücke der letzten Tage deutlich 
bevorzugt (Robert, Strümpell, Hildebrandt, auch Weed- 
H all am); « 

2. daß er eine Auswahl nach anderen Prinzipien als unser Wach- 
gedächtnis trifft, indem er nicht das Wesentliche und Wichtige, son- 
dern das Nebensächliche und Unbeachtete erinnert; 

3. daß er die Verfügung über unsere frühesten Kindheits- 
eindrücke besitzt und selbst Einzelheiten aus dieser Lebenszeit hervor- 
holt, die uns wiederum als trivial erscheinen und im. Wachen für 
längst vergessen gehalten worden sind*. 

Diese Besonderheiten in der Auswahl des Traummaterials sind 
von den Autoren natürlich am manifesten Trauminhalt beobachtet 
worden. 



* Es ist klar, daß die Auffassung Roberts, der Traum sei dazu be- 
stimmt, unser Gedächtnis von den wertlosen Eindrücken des Tages zu entlasten, 
nicht mehr zu lialten ist, wenn im Traume einigermaßen häufig gleichgültige 
Erinnerungsbilder aus unserer Kindheit auftreten. Man müßte den Schluß 
ziehen, daß der Traum die ihm zufallende Aufgabe sehr ungenügend -zu er- 
füllen pflegt. 




115 

■ a) Das Rezente und das Indifferente im Traume. 

Wenn ich jetzt in Betreff der Herkunft der im Trauminhalt auf- 
tretenden Elemente meine eigene Erfahrung zu Rate ziehe, so muß 
ich zunächst die Behauptung aufstellen, daß in jedem Traume eine 
Anknüpfung an die Erlebnisse des letztabgelaufenen Tages auf- 
zufinden ist. Welchen Traum immer ich vornehme, einen eigenen oder 
fremden, jedesmal bestätigt sich mir diese Erfahrung. In Kenntnis 
dieser .Tatsache kann icli etwa die Traumdeutung damit beginnen, 
daß ich zuerst nach dem Erlebnisse des Tages forsche, welches den 
Traum angeregt hat; für viele Fälle ist dies sogar der nächste Weg. 
An den beiden Träumen, die ich im vorigen Abschnitt einer genauen 
Analyse unterzogen habe (von Irmas Injektion, von meinem Onkel 
mit dem gelben Barte), ist die Beziehung zum Tage so augenfällig, 
daß sie keiner weiteren Beleuchtung bedarf. Um aber zu zeigen, wie 
regelmäßig sich diese Beziehung erweisen läßt, will ich ein Stück 
meiner eigenen Traumchronik daraufhin untersuchen. Ich leile die 
Träume nur soweit mit, als es zur Aufdeckung der gesuchten Traum- 
quelle bedarf. 

1. Ich mache eine i Besuch in einem Hau e, wo ich nur mit 
Schwierigkeiten vorgelassen werde usw., lasse eine Frau unterdessen 
auf mich warten. 

Quelle: Gespräch mit einer Verwandten am Abend, daß eine 
Anschaffung, die sie verlangt, warten müsse, bis usw. 

2. Ich habe eine Monographie über eine gewisse (unklar) 
Pflanzenart geschrieben. 

Quelle: Am Vormittag im Schaufenster einer Buchhandlung 
eine Monographie gesehen über die Gattung Zj'klainen. 

3. Ich sehe zwei Frauen auf der Straße, Mutter und Tochter, 
von denen die letztere meine Patientin war. 

Quelle: Eine in Behandlung stehende Patientin hat mir abends 
mitgeteilt, welche Schwierigkeiten ihre Mutter einer Fortsetzung der 
Behandlung entgegenstellt. 

4. In der Buchhandlung von S. und R. nehme ich ein Abonne- 
ment auf eine periodische Publikation, die jährlich 20 fl. kostet. 

Quelle: Meine Frau hat mich am Tage daran erinnert, daß 
ich ihr 20 fl. vom Wochengelde noch schuldig bin. 

5. Ich erhalte eine Zuschrift vom sozialdemokratischen Ko- 
mitee, in der ich als Mitglied behandelt werde. 

Quelle: Zuschriften erhalten gleichzeitig vom liberalen Wahl- 
komitec und 'vom Präsidium des humanitären Vereines, dessen Mit- 
glied ich wirklich bin. , 

6. Ein Mann auf einem steilen Felsen mitten im Meere 
in Böckl inscher Manier. 

Quelle: Dreyfus auf der Teufelsinsel, gleichzeitig Nach- 
richten von meinen Verwandten in England usw. 

Man könnte die Frage aufwerfen, ob die Traumanknüpfung un- 
fehlbar an die Ereignisse des letzten Tages erfolgt, oder ob sie sich 
auf Eindrücke eines längeren Zeitraumes der jüngsten Vergangenheit 
erstrecken kann. Dieser Gegenstand kann prinzipielle Bedeutsamkeit 

8* 



116 V. Das Traummaterial and die Trauinquellen. 

wahrscheinlich nicht beanspruchen, doch möchte ich mich für das 
ausschließliche Vorrecht des letzten Tages vor dem Traume (de» 
Traumtages) entscheiden. So oft ich zu finden vermeinte, daß ein 
Eindruck vor zwei oder drei Tagen die Quelle des Traumes gewesen 
sei. konnte ich mich doch bei genauerer Nachforschung überzeugen, 
daß jener Eindruck am Vortage wieder erinnert worden war, daß 
also eine nachweisbare Reproduktion am Vortage sich zwischen dem 
Ereignistage und der Traumzeit eingeschoben hatte, und konnte außer- 
dem den rezenten Anlaß nachweisen, von dem die Erinnerung an den 
älteren Eindruck ausgegangen sein konnte. Hingegen konnte ich mich 
nicht davon überzeugen, daß zwischen dem erregenden Tagesejndruck 
und dessen Wiederkehr im Traume ein regelmäßiges Intervall von 
biologischer Bedeutsamkeit (als erstes dieser Art nennt H. Swoboda 
18 Stunden) eingeschoben ist*. Auch H. Ellis, der dieser Frage Auf- 

* H. Swoboda hat, wie im ersten Abschnitt S. G5 mitgeteilt, die von 
W. Fließ gefundenen biologischen Intervalle von 23 und 28 Tagen im weiten 
Ausmaße auf das seelische Geschehen übertragen und insbesondere behauptet, 
daß diese Zeiten für das Auftauchen der Traumelemente in den Träumen ent- 
scheidend sind. Die Traumdeutung würde nicht wesentlich abgeändert, wenn 
sich solches nachweisen ließe, aber für die Herkunft des Traummaterials ergäbe 
sich eine neue Quelle. Ich habe nun neuerdings einige Untersuchungen an 
eigenen Träumen angestellt, um die Anwendbarkeit der „Periodenlehre" auf das 
Traummaterial zu prüfen, und habe hiezu besonders auffällige Elemente des 
Trauminhaltes gewählt, deren Auftreten im Leben sich zeitlich mit Sicherheit 
bestimmen ließ. 

I. Traum vom 1./2. Oktober 1910. 

(Bruchstück) . . . Irgendwo in Italien. Drei Töchter zeigen mir kleine 
Kostbarkeiten, wie in einem Antiquaria den, setzen sich mir dabei auf den Schoß. 
Bei einem der Stücke sage ich: Das haben Sie ja von mir. Ich sehe dabei deut- 
lich eine kleine Profilmaske mit den scharfgeschnittenen Zügen Savon arolas. 

Wann habe ich zuletzt das Bild Savonarolas gesehen? Ich war nach 
dem Ausweis meines Reisotagebuches am i. und B. September in Florenz; dort 
dachte ich daran, meinem Reisebegleiter das .Medaillon mit den Zügen des fana- 
tischen Mönches im Pflaster der Piazza Signoria an der Stelle, wo er den Tod 
durch Verbrennung fand, zu zeigen, und ich meine, am 5. vormittags machte 
ich ihn auf dasselbe aufmerksam. Von diesem Kindruck bis zur Wiederkehr 
im Traume sind allerdings 27 -f- 1 Tage verflossen, eine „weibliche Periode" 
nach Fließ. Zum Unglück für die Beweiskraft dieses Beispieles muß ich aber 
erwähnen, daß an dem Traum tage selbst der tüchtige, aber düster 
blickende Kollege bei mir war (das erstemal seit meiner Rückkunft), für den 
ich vor Jahren schon den Scherznamen „Rabbi Savtmarola" aufgebracht habe. 
Kr stellte mir einen Unfallkranken vor, der in dem Pontebbazug verunglückt war, 
in dem ich selbst acht Tage vorher gereist war, und leitete so meine Gedanken 
zur letzten Italienreise zurück. Das Erscheinen des auffälligen Elementes „Sa. 
vonarola" im Trauminhalt ist durch diesen Besuch des Kollegen am Traum- 
tago aufgeklärt, das 28tägigc Intervall wird seiner Bedeutung für dessen Her» 
leitung verlustig. 

II. Traum vom 10./11. Oktober. 

Ich arbeite wieder einmal Chemie im Universitätslaboratorium. Hofrat 
L. lädt mich ein, an einen anderen Ort zu kommen, und geht auf dem Korridor 
voran, eine Lampe oder sonst ein Instrument wie scharfsinnig (?) (scharf- 
sichtig?) in der erhobenen Hand vor sich hintragend, in eigentümlicher Haltung 
mit vorgestrecktem Kopf. Wir kommen dann über einen freien Platz . . . (Rest 
vergessen). 

Das Auffälligste in diesem Trauminhalt ist die Art, wie Hofrat L. die 
Lampe (oder Lupe) vor sich hinträgt, da-s Auge spähend in die Weite gerichtet. 
L. habe ich viele Jahre lang nicht mehr gesehen, aber ich weiß jetzt schon, er 
ist mir eine Ersatzperson für einen anderen, größeren, für den Ar c hi medes 



Die Behauptung der psychischen Periodizität. 

merksamkeit geschenkt hat, gibt an, daß er eine solche Periodizität 
der Reproduktion in seinen Träumen „trotz des Achtens darauf" nicht 
finden konnte. Er erzählt einen Traum, in welchem er sich in Spanien 
befand und nach einem Ort: Daraus, Varaus v oder Zaraus fahren 
wollte. Erwacht, konnte er sich an einen solchen Ortsnamen nicht 
erinnern lind legte den Traum bei Seite. Einige Monate später fand 
er tatsächlich den Namen Zaraus als den einer Station zwischen 
San Sebastian und ßilboa, welche er 250 Tage vor dem Traume 
mit dem Zuge passiert hatte (p- 227). 

Ich meine also, es gibt für jeden Traum einen Traumerreger aus 
jenen Erlebnissen, über die „man noch keine Nacht geschlafen hat". 

Die Eindrücke der jüngsten Vergangenheit (mit Ausschluß des 
Tages vor der Traumnacht) zeigen also keine andersartige Beziehung 
zum Trauminhalt als andere Eindrücke aus beliebig ferner liegenden 



nahe bei der Arethusaquelle in Syrakus. der genau so wie er im Traume dasteht 
und so den Brennspiegel handhabt, n-ich dem Belagerangsheer der Römer spähend. 
Wann habe ich dieses Denkmal zuerst (und zuletzt) gesehen.' Nach meinen Auf- 
zeichnungen war es am 17. September abends und von diesem Datum bis /.um 
Traume sind tatsächlich 13 -f 10 = 23 Tage verstrichen, eine „männliche Periode'' 

nach Fließ. 

Leider hebt das Eingehen auf die Deutung des Traumes auch hier ein 
Stück von der UnerläLllichkeit dieses Zusammenhanges auf. Der Traumanlaß 
war 'dio am Traumlag erhaltene Nachricht, daß die Klinik, in deren Hörsaal ich 
als Gast meine Vorlesungen abhalte, demnächst anderswohin verlegt werden 
solle! Ich nahm an, daß die neue Lokalität sehr unbaquem gelegen sei, sagte 
mir, es werde dann sein, als ob ich überhaupt keinen Hörsaal zur Verfügung 
habe, und von da an müßten meine Gedanken b'is in den Beginn meiner Dozenten- 




L., der gerade die Würde eines Dekans bekleidete, und den ich für einen Gönner 
hielt, um ihm meine Not zu klagen. Er versprach mir Abhilfe, ließ aber dann 
nichts -weiter von sich hören. Im Traum ist er der Archimedes, der mir gibt, 



tcoö gtö> und mich selbst in die andere Lokalität geleitet. Daß den Traum- 
gedanken weder Rachsucht noch Größenbewußtsein fremd sind, wird der 
Deutungskundige leicht erraten. Ich muß aber urteilen, daß ohne diesen Traum- 
anlaß der Archimedes kaum in den Traum dieser Nacht gelangt wäre; es bleibt 
mir unsicher, ob der starke und noch rezente Eindruck der Statue in Siracusa 
sich nicht auch bei einem anderen Zeitintervall geltend gemacht hätte. 

III. Traum vom 2./3. Oktober 1910. 

(Bruchstück) ... Etwas von Prof. Oser, der selbst das Menü für mich 
gemacht hat, was sehr beruhigend wirkt (anderes vergessen). 

Der Traum ist die Reaktion auf eine Verdauungsstörung dieses Tages, die 
mich erwägen ließ, ob ich micli nicht wegen Bestimmung einer Diät an einen 
Kollegen wenden solle. Daß ich im Traum den im Sommer verstorbenen Oser 
dazu bestimme, knüpft an den sehr kurz vorher (1. Oktober) erfolgten Tod eines 
anderen von mir hochgeschätzten Universitätslehrers an. Wann ist aber Oser 
■ ■•eslorben, und wann habe ich seinen Tod erfahren? Nach dem Ausweis des 
Zeitüngablattes am 22. August; da ich damals in Holland weilte, wohin ich dio 
Wiener' Zeitung regelmäßig nachsenden ließ, muß ich die Todesnachricht am 21. 
oder 25. August gelesen haben. Dieses Intervall entspricht aber keiner Periode 
mehr, es umfaßt 74-304-2 = 39 Tage oder vielleicht 10 Tage. Ich kann mich 
nicht besinnen, in der Zwischenzeit von Oser gesprochen oder an ihn gedacht 

zu haben. 

Solche für die Periodenlehre nicht mehr ohne weitere Bearbeitung brauch- 
bare Intervalle ergeben sich nun aus meinen Träumen ungleich häufiger als die 
regulären'. Konstant finde ich nur die im Text behauptete Beziehung zu einem 
Eindrucke des Traumtages selbst. 



118 



V. Das Traum material und die Traumqui-Ilen. 



Zeiten. Der Traum kann sein Material aus jeder Zeit des Lebens 
wählen, wofern nur von den Erlebnissen des Traumtages (den „re- 
zenten" Eindrücken) zu diesen früheren ein Gedankenfaden reicht. 

Woher aber die Bevorzugung der rezenten Eindrücke? Wir 
werden zu Vermutungen über diesen Punkt gelangen, wenn wir einen 
der erwähnten Träume einer genaueren Analyse unterziehen. Ich 
wähle den Traum von der Monographie. 

Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
gewisse Pflanze geschrieben. Das Buch liegt vor mir, ich 
blättere eben eine eingeschlagene farbige Tafel um. Jedem 
Exemplar ist ein getrocknetes Spezimen der Pflanze bei- 
gebunden, ähnlich wie aus einem Herbarium. 

Analyse: Ich habe am Vormittag im Schaufenster einer Buch- 
handlung eine neues Buch gesehen, welches sich betitelt: Die Gattung 
Zyklamen, offenbar eine Monographie über diese Pflanze. 

Zyklamen ist die Liebl ingsblume meiner Frau. Ich mache 
mir Vorwürfe, daß ich so selten daran denke, ihr Blumen mitzu- 
bringen, wie sie sich's wünscht. — Bei dem Thema: Blumen mit- 
bringen erinnere ich mich einer Geschichte, welche ich unlängst 
im Freundeskreise erzählt und als Beweis für meine Behauptung 
verwendet habe, daß Vergessen sehr häufig die Ausführung einer 
Absicht des Unbewußten sei und immerhin einen Schluß auf die 
gelieimc Gesinnung des Vergessenden gestatte. Eine junge Frau, 
welche daran gewöhnt war, zu ihrem Geburtstage einen Strauß von 
ihrem Manne vorzufinden, vermißt dieses Zeichen der Zärtlichkeit 
an -einem solchen Festtag und bricht darüber in Tränen aus. Der 
Mann kommt hinzu, weiß sich ihr Weinen nicht zu erklären, bis sie 
ihm sagt: Heute ist mein Geburtstag. Da schlägt er sich vor die 
Stirn, ruft aus: Entschuldige, hab' ich doch ganz daran vergessen, 
und will fort, ihr Blumen zu holen. Sie läßt sich .aber nicht trösten, 
denn sie sieht in der Vergeßlichkeit ihres Mannes einen Beweis dafür, 
daß sie in seinen Gedanken nicht mehr dieselbe Rolle spielt wie 
einstens. — Diese Frau L. ist meiner Frau vor zwei 'Tagen begegnet, 
hat ihr mitgeteilt, daß sie sich wohl fühlt, und sich nach mir er- 
kundigt. Sie stand in früheren Jahren in meiner Behandlung. 

Ein neuer Ansatz: Ich habe wirklich einmal etwas Ähnliches 
geschrieben wie eine Monographie über eine Pflanze, nämlich einen 
Aufsatz über die Kokapflanze, welcher die Aufmerksamkeit von 
K. Koller auf die anästhesierende Eigenschaft des Kokains gelenkt 
hat. Ich hatte diese Verwendung des Alkaloids in meiner Publikation 
selbst angedeutet, war aber nicht gründlich genug, die Sache weiter 
zu verfolgen. Dazu fällt mir ein, daß ich am Vormittag des Tages 1 
nach dem Traume (zu dessen Deutung ich erst abends Zeit fand) des 
Kokains in einer Art von Tagesphantasie gedacht habe. Wenn ich 
je Glaukom bekommen sollte, würde ich nach Berlin reisen und 
mich dort bei meinem Berliner Freunde von einem Arzte, den er 
mir empfiehlt, inkognito operieren lassen. Der Operateur, der nicht 
wüßte, an wem er arbeitet, würde wieder einmal rühmen, wie leicht 
sich diese Operationen seit der Einführung des Kokains gestaltet 
haben; ich würde durch keine Miene verraten, daß ich an dieser 



Der Traum von der botanischen Monographie. 119 

Entdeckung selbst einen Anteil habe. An diese Phantasie schlössen 
sich Gedanken an, wie unbequem es doch für den Arzt sei, ärztliche 
Leistungen von Seite der Kollegen für seine Person in Anspruch zu 
nehmen. Den Berliner Augenarzt, der mich nicht kennt, würde ich 
wie ein anderer entlohnen können. Nachdem dieser Tagtraum mir 
in den Sinn gekommen, merke ich erst, daß sich die Erinnerung an 
ein bestimmtes Erlebnis hinter ihm verbirgt. Kurz nach der Ent- 
deckung Kollers war nämlich mein Vater an Glaukom erkrankt; 
er wurde von meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königstein, 
operiert, Dr. Koller besorgte die Kokainanästhesie und machte dann 
die Bemerkung, daß bei diesem Falle sich alle die drei Personen ver- 
einigt fänden, die an der Einführung des Kokains Anteil gehabt haben. 

Meine Gedanken gehen nun weiter, wann ich zuletzt an diese 
Geschichte des Kokains erinnert worden bin. Es war dies vor einigen 
Tagen, als ich die Festschrift in die Hand bekam, mit deren Er- 
scheinen dankbare Schüler das Jubiläum ihres Lehrers und Labo- 
ratoriumsvorstandes gefeiert hatten. Unter den Ruhmestiteln des La- 
boratoriums fand ich auch angeführt, daß dort die Entdeckung der 
anästhesierenden Eigenschaft des Kokains durch K. Koller vorge- 
fallen sei- Ich bemerke nun plötzlich, daß mein Traum mit einem 
Erlebnis des Abends vorher zusammenhängt. Ich hatte gerade Dok- 
tor König stein nach Hause begleitet, mit dem ich in ein Gespräch 
über eine Angelegenheit geraten war, die mich jedesmal, wenn sie 
berührt wird, lebhaft erregt. Als ich mich in dem Hausflure mit 
ihm aufhielt, kam Professor Gärtner mit seiner jungen Frau hinzu. 
Ich konnte mich nicht enthalten, die beiden darüber zu beglück- 
wünschen, wie blühend sie aussehen. Nun ist Professor Gärtner 
einer der Verfasser der Festschrift, von der ich eben sprach, und 
konnte mich wohl an diese erinnern. Auch die Frau L., deren 
Geburtstagsenttäuschung ich unlängst erzählte, war im Gespräche 
mit Dr. Königstein, in anderem Zusammenhange allerdings, er- 
wähnt worden. 

Ich will versuchen, auch die anderen Bestimmungen des Traum- 
inhaltes zu deuten. Ein getrocknetes Spezimen der Pflanze liegt 
der Monographie bei, als ob es ein Herbarium wäre. Ans Her- 
barium knüpft sich eine Gymnasialerinnerung. Unser Gymnasial- 
direktor rief einmal die Schüler der höheren Klassen zusammen, um 
ihnen das Herbarium der Anstalt zur Durchsicht und zur Reinigung 
zu übergeben. Es hatten sich kleine Würmer eingefunden — . 
Bücherwurm. Zu meiner Hilfeleistung scheint er nicht Zutrauen 
gezeigt zu haben, denn er überließ mir nur wenige Blätter. Ich weiß 
noch heute, daß Kruziferen darauf waren. Ich hatte niemals ein .be- 
sonders intimes Verhältnis zur Botanik. Bei meiner botanischen Vor- 
prüfung bekam ich wiederum eine Kruzifere zur Bestimmung und — 
erkanntet sie nicht. Es wäre mir schlecht ergangen, wenn nicht meine 
theoretischen Kenntnisse mir herausgeholfen hätten. — Von den 
Kruziferen gerate ich auf die Kompositen. Eigentlich ist auch die 
Artischocke eine Komposite, und zwar die, welche ich meine Lieb- 
lingsblume heißen könnte. Edler als ich, pflegt meine Frau mir 
diese Lieblingsblume häufig vom Markte heimzubringen. 



120 



V. Das Traummaterial und die Traunicjüellen. 



Ick sehe die Monographie vor mir liegen, die ich geschrieben 
habe. Auch dies ist nicht ohne Bezug. Mein visueller Freund schrieb 
mir gestern aus Berlin: „Mit deinem Traumbuche beschäftige ich 
mich sehr viel. Ich sehe es fertig vor mir liegen und blättere 
darin." Wie habe ich ihn um diese Sehergabe beneidet! "Wenn ich 
es doch auch schon fertig vor mir liegen sehen könnte! 

Die zusammengelegte farbige Tafel: Als ich Student der 
Medizin war, litt ich viel unter dem Impuls, nur aus Monographien 
lernen s zu wollen. Ich hielt mir damals, trotz meiner beschrankten 
Mittel, mehrere medizinische Archive, deren farbige Tafeln mein 
Entzücken waren. Ich war stolz auf diese Neigung zur Gründlichkeit. 
Als ich dann selbst zu publizieren begann, mußte ich auch 'die Tafeln 
für meine Abhandlungen zeichnen und ich weiß, daß eine derselben 
.so kümmerlich ausfiel, daß mich ein wohlwollender Kollege ihret- 
wegen verhöhnte. Dazu kommt noch, ich weiß nicht recht wie, eine 
sehr frühe Jugenderinnerung. Mein Vater machte sich einmal den 
Scherz, mir und meiner ältesten Schwester ein Buch mit farbigen 
Tafeln (Beschreibung einer Reise in Persien) zur Vernichtung zu 
überlassen. Es war erziehlich kaum zu rechtfertigen. Ich war damals 
fünf Jahre, die Schwester unter drei Jahren alt, und das Bild, wie 
wir Kinder überselig dieses Buch zerpflückten (wie eine Arti- 
sc hocke, Blatt für Blatt, muß ich sagen), ist nahezu das einzige, 
was mir aus dieser Lebenszeit in plastischer Erinnerung geblieben ist. 
Als ich dann Student wurde, entwickelte sich bei mir eine aus- 
gesprochene Vorliebe, Bücher zu sammeln und zu besitzen (analog 
der Neigung, aus Monographien zu studieren, eine Liebhaberei, wie 
sie in den Traumgedanken betreffs Zyklamen und Artischocke be- 
reits vorkommt). Ich wurde ein Bücherwurm (vgl. Herbarium). 
Ich habe diese erste Leidenschaft meines Lebens, seitdem ich über 
mich nachdenke, immer auf diesen Kindereindruck zurückgeführt, 
oder vielmehr, ich habe erkannt, daß diese Kinderszene eine „Deck- 
erinnerung" für meine spätere Bibliophilie ist*. Natürlich habe ich 
auch frühzeitig erfahren, daß man durch Leidenschaften leicht in 
Leiden gerät. Als ich 17 Jahre alt war, hatte ich ein ansehnliches 
Konto beim Buchhändler und keine Mittel, es zu begleichen, und ; mein 
Vater ließ es kaum als Entschuldigung gelten, daß sich meine Nei- 
gungen auf nichts Böseres geworfen hatten. Die Erwähnung dieses 
späteren Jugenderlebnisses bringt mich aber sofort zu dem Gespräche 
mit meinem Freunde Dr. Königstein zurück. Denn um dieselben 
Vorwürfe wie damals, daß ich meinen Liebhabereien zuviel nach- 
gebe, handelte es sich auch im Gespräche am Abend des Traumtages. 

Aus Gründen, die nicht hieher gehören, will ich die Deutung 
dieses Traumes nicht verfolgen, sondern bloß den Weg angeben, 
welcher zu ihr führt. Während der Deutungsarbeit bin ich an das 
Gespräch mit Dr. König stein erinnert worden, und zwar- von mehr 
als einer Stelle aus. Wenn ich mir vorhalte, welche Dinge in diesem 
Gespräche berührt .worden sind, so wird der Sinn des Traumes mir 

* Vergleiche meinen Aufsatz „über Deckeiinncrungen"' in der Monat- 
schrift für Psychiatrie und .Neurologie, l&j'J. 



Aniilv.se des Traumes vou der botanischen Monographie 121 

verständlich. Alle angefangenen Gedankengänge, von den Lieb- 
habereien meiner Frau und meinen eigenen, vom Kokain, von den 
Schwierigkeiten ärztlicher Behandlung unter Kollegen, von meiner 
Vorliebe für monographische Studien und meiner Vernachlässigung 
gewisser Fächer wie der Botanik, dies alles erhält 'dann seine Fort- 
setzung und mündet in irgend einen der Fäden der vielverzweigten 
Unterredung ein. Der Traum bekommt wieder den Charakter einer 
Rechtfertigung, eines Plaidoyers für mein Recht, wie der erst ana- 
lysierte Traum von Irmas Injektion; ja er setzt das dort begonnene 
Thema fort und erörtert es an einem neuen Material, welches im 
Intervall zwischen beiden Träumen hinzugekommen ist. Selbst die 
scheinbar indifferente Ausdrucksform des Traumes bekommt einen 
Akzent. Es heißt jetzt: Ich bin doch der Mann, der die wertvolle 
und erfolgreiche Abhandlung (über das Kokain) geschrieben hat, 
ähnlich wie ich damals zu meiner Rechtfertigimg vorbrachte: Ich 
bin doch ein tüchtiger und fleißiger Student; in beiden Fällen also: 
Ich darf mir das erlauben. Ich kann aber auf die Ausführung der 
Traumdeutung liier verzichten, weil mich zur Mitteilung des Traumes 
nur die Absicht bewogen hat, an einem Beispiele die Beziehung des 
Trauminhaltes zu dem erregenden Erlebnis des Vortages zu unter- 
suchen. So lange ich von diesem Traume nur den manifesten Inhalt 
kenne, wird mir nur eine Beziehung des Traumes zu einem Tages- 
eindruck augenfällig; nachdem ich die Analyse gemacht habe, ergibt 
sich eine zweite Quelle des Traumes in einem anderen Erlebnis des- 
selben Tages. Der erste der Eindrücke, auf welche sich der Traum 
bezieht, ist ein gleichgültiger, ein Nebenumstand. Ich sehe im Schau- 
fenster ein Buch, dessen Titel mich flüchtig berührt, dessen Inhalt 
mich kaum interessieren dürfte. Das zweite Erlebnis hatte einen 
hohen psychischen Wert; ich habe mit meinem Freunde, dem Augen- 
arzt, wohl eine Stunde lang eifrig gesprochen, ihm Andeutungen ge- 
macht, die uns beiden nahegehen mußten, und Erinnerungen in mir 
wachgerufen, bei denen die mannigfaltigsten Erregungen meines In- 
nern mir bemerklich wurden. Überdies wurde dieses Gespräch un- 
vollendet abgebrochen, weil Bekannte hinzukamen. Wie stehen nun 
die beiden Eindrücke des Tages zueinander und zu dem in der Nacht 
erfolgenden Traum ? 

Im Trauminhalt finde ich nur eine Anspielung auf den gleich- 
gültigen Eindruck und kann so bestätigen, daß der Traum mit Vor- 
liebe Nebensächliches aus dem Leben in seinen Inhalt aufnimmt. In 
der Traumdeutung hingegen führt alles auf das wichtige, mit Recht 
erregende Erlebnis hin. Wenn ich den Sinn des Traumes, wie es 
einzig richtig ist, nach dem latenten, durch die Analyse zu Tage ge- 
förderten Inhalt beurteile, so bin ich unversehens zu einer neuen und 
wichtigen Erkenntnis gelangt. Ich sehe das Rätsel zerfallen, daß der 
Traum sich nur mit den wertlosen Brocken des Tageslebens be- 
schäftigt; ich muß auch der Behauptung widersprechen, daß das 
Seelenleben des Wachens sich in den Traum nicht fortsetzt, und der 
Traum dafür psychische Tätigkeit an läppisches Material verschwendet. 
Das Gegenteil ist wahr; was uns bei Tage in Anspruch genommen 
hat, beherrscht auch die Traumgedanken, und wir geben uns die 



122 



V. Daa TrauiuiuatwKil und die Trauiuuuclluii. 



Mühe zu träumen mir bei solchen Materien, welche uns hei Tage 
Anlaß zum Denken geboten hätten. 

Die naheliegendste Erklärung dafür, daß ich doch vom gleich- 
gültigen Tageseindruck träume, während der mit Recht aufregende 
mich zum Traume veranlaßt hat, ist wohl die, daß hier wieder ein 
Phänomen der Traumentstellung vorliegt, welche wir oben auf eine 
als Zensur waltende psychische Macht zurückgeführt haben. Die 
Erinnerung an die Monographie über die Gattimg Zyklamen erfährt 
eine Verwendung, als ob sie eine Anspielung auf das Gespräch 
mit dem Freunde wäre, ganz ähnlich wie im Traume von dem ver- 
hinderten Souper die Erwähnung der Freundin durch die Anspielung 
„geräucherter Lachs" vertreten wird- Es fragt sich nur, durch welche 
Mittelglieder kann der Eindruck der Monographie zu dem Gespräche 
mit dem Augenarzt in das Verhältnis der Anspielung treten, da eine 
solche Beziehung zunächst nicht ersichtlich ist. In dem Beispiele. 
vom verhinderten Souper ist die Beziehung von vornherein gegeben ; 
„geräucherter Laclis" als die Lieblingsspeise der Freundin gehört ohne 
weiteres zu dem Vorstellungskreise, den die Person der Freundin bei 
der Träumenden anzuregen vermag. In unserem neuen Beispiel han- 
delt es sich um zwei gesonderte Eindrücke, die zunächst nichts ge- 
meinsam haben, als daß sie am nämlichen Tage erfolgen. Die Mono- 
graphie fällt mir am Vormittage auf, das Gespräch führe ich 'dann am 
Abend. Die Antwort, welche die Analyse an die Hand gibt, lautet: 
Solche erst nicht vorhandene Beziehungen zwischen den beiden Ein- 
drücken werden nachträglich vom Vorstellungsinhalt des einen zum 
Vorstellungsinhalt des anderen angesponnen. Ich habe die betreffen- 
den Mittelglieder bereits bei der Niederschrift der Analyse hervor- 
gehoben. An die Vorstellung der Monographie über Zyklamen würde 
ich ohne Beeinflussung von anderswoher wohl nur die Idee knüpfen, 
daß diese die Lieblingsblume meiner Frau ist, etwa noch die Er- 
innerung an den vermißten Blumenstrauß der Frau L. Ich glaube 
nicht, daß diese Hintergedanken genügt hätten, einen Traum hervor- 
zurufen. 

„Thcre needs no ghost, my lord, come from the grave 
To teil us this" 

heißt es im Hamlet. Aber siehe da, in der Analyse werde ich 
daran erinnert, daß der Mann, der unser Gespräch störte, Gärtner 
hieß, daß ich seine Frau blühend fand; ja ich besinne '.mich eben 
jetzt nachträglich, daß eine meiner Patientinnen, die den schönen 
Namen Flora trägt, eine Weile im Mittelpunkte unseres Gespräches 
stand. Es muß so zugegangen sein, daß ich über diese Mittelglieder 
aus dem botanischen Vorstellungskreis die Verknüpfung der beiden 
Tageserlebnisse, des gleichgültigen und des aufregenden, vollzog. Dann 
stellten sich weitere Beziehungen ein, zunächst die des Kokains, welche 
mit Fug und Recht zwischen der Person des Dr. Königstein und einer 
botanischen Monographie, die ich geschrieben habe, vermitteln kann, 
und befestigten diese Verschmelzung der beiden Vorstellungskreise zu 
einem, so daß nun ein Stück aus dem ersten Erlebnis als Anspielung 
auf das zweite verwendet werden konnte. 



Die Verschiebung. ^23 

Ich bin darauf gefaßt, daß man diese Aufklärung als eine will- 
kürliche oder als eine gekünstelte anfechten wird. Was wäre ge- 
schehen, wenn Professor Gärtner mit seiner blühenden Frau nicht 
hinzugetreten wäre, wenn die besprochene Patientin nicht Flora, 
sondern Anna hieße? Und doch ist die Antwort leicht. "Wenn sich 
nicht diese Gedankenbeziehungen ergeben hätten, so wären wahr- 
scheinlich andere ausgewählt worden. Es ist so leicht, derartige Be- 
ziehungen herzustellen, wie ja die Scherz- und Rätselfragen, mit 
denen wir uns den Tag erheitern, zu beweisen vermögen. Der Macht- 
bereich des Witzes ist ein uneingeschränkter. Um einen Schritt weiter 
zu gehen: wenn sich zwischen den beiden Eindrücken des Tages keine 
genug ausgiebigen Mittelbeziehungen hätten herstellen lassen, so wäre 
der Traum eben anders ausgefallen; ein anderer gleichgültiger Ein- 
druck des Tages, wie sie in Scharen an uns herantreten und von uns 
vergessen werden, hätte für den Traum die Stelle der „Monographie" 
übernommen, wäre in Verbindung mit dem Inhalt des Gespräches ge- 
langt und hätte dieses im Trauminhalt vertreten. Da kein anderer als. 
der von der Monographie dieses Schicksal hatte, so wird er wohl der 
für die Verknüpfung passendste gewesen sein. Man braucht sich nie 
wie Hänschen Schlau bei Lessing darüber zu wundern, „daß nur 
die Reichen in der Welt das meiste Geld besitzen". 

Der psychologische Vorgang, durch welchen nach unserer Dar- 
stellung das gleichgültige Erlebnis zur Stellvertretung für das psy- 
chisch Wertvolle gelangt, muß uns noch bedenklich und befremdend 
erscheinen. In einem späteren Abschnitt werden wir uns vor der 
Aufgabe sehen, die Eigentümlichkeiten dieser scheinbar inkorrekten 
Operation unserem Verständnis näherzubringen. Hier haben wir es 
nur mit dem Erfolge des Vorganges zu tun, zu dessen Annahme wir 
durch ungezählte und regelmäßig wiederkehrende Erfahrungen bei 
der Traumanalyse gedrängt werden. Der Vorgang ist aber so. als ob 
eine Verschiebung — sagen wir: des psychischen Akzentes — 
auf dem Wege jener Mittelglieder zu stände käme, bis anfangs 
schwach mit Intensität geladene Vorstellungen durch Übernahme der 
Ladung von den anfänglich intensiver besetzten zu einer Stärke ge- 
langen, welche sie befähigt, den Zugang zum Bewußtsein zu er- 
zwingen. Solche Verschiebungen wundern uns keineswegs, wo es 
sich um die Anbringung von Affektgrößen oder überhaupt um moto- 
rische Aktionen handelt. Daß die einsam gebliebene Jungfrau ihre 
Zärtlichkeit auf Tiere überträgt, der Junggeselle leidenschaftlicher 
Sammler wird, daß der Soldat einen Streifen farbigen Zeuges, die 
Fahne, mit seinem Herzblute verteidigt, daß im Liebesverhältnis 
ein um Sekunden verlängerter Händedruck Seligkeit erzeugt, oder 
im Othello ein verlorenes Schnupftuch einen Wutausbruch, das 
sind sämtlich Beispiele von psychischen Verschiebungen, die uns 
unanfechtbar erscheinen. Daß aber auf demselben Wege und nach 
denselben Grundsätzen eine Entscheidung darüber gefällt wird, 
was in unser Bewußtsein gelangt und was ihm vorenthalten bleibt, 
also was wir denken, das macht uns den Eindruck des Krankhaften, 
und wir heißen es Denkfehler, wo es im Wachleben vorkommt. Ver- 
raten wir hier als das Ergebnis später anzustellender Betrachtungen, 



124 



V. Das Traunimaterial und die Traumqnelleu. 



daß der psychische Vorgang, den wir in der Traumverschiebung er- 
kannt haben, sich zwar nicht als ein krankhaft gestörter, wohl aber 
als ein vom normalen verschiedener, als ein Vorgang von mehr pri- 
märer Natur herausstellen wird. 

Wir deuten somit die Tatsache, daß der Trauminhalt Reste von 
nebensächlichen Erlebnissen aufnimmt, als eine Äußerung der Traum- 
entstellung (durch Verschiebung) und erinnern daran, daß wir in 
der Traumentstellung eine Folge der zwischen zwei psychischen In- 
stanzen bestehenden Durchgangszensur erkannt haben. "Wir erwarten 
dabei, daß die Traumanalyse uns regelmäßig die wirkliche, psychisch 
bedeutsame Traumquelle aus dem Tagesleben aufdecken wird, deren 
Erinnerung jhren Akzent auf die gleichgültige Erinnerung verschoben 
hat. Durch diese Auffassung haben wir uns in vollen Gegensatz zu 
der Theorie von Robert gebracht, die für uns unverwendbar ge- 
worden ist. Die Tatsache, welche Robert erklären wollte, besteht 
eben nicht; ihre Annahme beruht auf einem Mißverständnis, auf der 
Unterlassung, für den scheinbaren Trauminhalt den wirklichen Sinn 
des Traumes einzusetzen. Man kann noch weiterhin gegen die Lehre 
von Robert einwenden: Wenn der Traum wirklich die Aufgabe hätte, 
unser Gedächtnis durch besondere psychische Arbeit von den 
„Schlacken" der Tageserinnerung zu befreien, so müßte unser Schla- 
fen gequälter sein und auf angestrengtere Arbeit verwendet werden, 
als wir es von unserem wachen Geistesleben behaupten können. Denn 
die Anzahl der indifferenten Eindrücke des Tages, vor denen wir 
unser Gedächtnis zu schützen hätten, ist offenbar unermeßlich groß; 
die Nacht würde nicht hinreichen, die Summe zu bewältigen. Es ist 
sehr viel wahrscheinlicher, daß das Vergessen der gleichgültigen Ein- 
drücke ohne aktives Eingreifen unserer seelischen Mächte vor sich geht. 

Dennoch verspüren wir eine Warnung, von dem Rober t sehen 
Gedanken ohne weitere Berücksichtigung Abschied zu nehmen. Wir 
haben die Tatsache unerklärt gelassen, daß einer der indifferenten 
Eindrücke des Tages — und zwar des letzten Tages — regelmäßig 
einen Beitrag zum Trauminhalt liefert. Die Beziehungen zwi- 
schen diesem Eindruck und der eigentlichen Traumquelle im Unbe- 
wußten bestehen nicht immer von vornherein; wie wir gesehen haben, 
werden sie erst nachträglich, gleichsam zum Dienste der beabsich- 
tigten Verschiebung, während der Traumarbeit hergestellt. Es muß 
also eine Nötigung vorhanden sein, Verbindungen gerade nach der 
Richtung des rezenten, obwohl gleichgültigen Eindruckes anzubahnen ; 
dieser muß eine besondere Eignung durch irgend eine Qualität 
dazu bieten. Sonst wäre es ja ebenso leicht durchführbar, daß die 
Traumgedanken ihren Akzent auf einen unwesentlichen Bestandteil ihres 
iejigenen Vorstellungskreises verschieben. 

Folgende Erfahrungen können uns hier auf den Weg zur Auf- 
klärung leiten. Wenn uns ein Tag zwei oder mehr Erlebnisse ge- • 
bracht hat, welche Träume anzuregen würdig sind, so vereinigt der 
Traum die Erwähnung beider zu einem einzigen Ganzen; er gehorcht 
einem Zwang, eine Einheit aus ihnen zu gestalten; z. B. : Ich 
stieg eines Nachmittags im Sommer in ein Eisenbahncoupe ein, in 
welchem ich zwei Bekannte traf, die einander aber fremd waren. Der - 



„Rapprochement force\ B 125 

eine war ein einflußreicher Kollege, der andere ein Angehöriger einer 
vornehmen Familie, in welcher ich ärztlich beschäftigt war. Ich, 
machte die beiden Herren miteinander bekannt; ihr Verkehr ging 
aber während der langen Fahrt über mich, so daß ich bald mit dem 
einen, bald mit dem anderen einen Gesprächsstoff zu behandeln hatte. 
Den Kollegen bat ich, einem gemeinsamen Bekannten, der eben seine 
ärztliche Praxis begonnen hatte, seine Empfehlung zuzuwenden. Der 
Kollege erwiderte, er sei von der Tüchtigkeit des jungen Mannes über- 
zeugt, aber sein unscheinbares Wesen werde ihm den Eingang in 'vor- 
nehme Häuser nicht leicht werden lassen. Ich erwiderte: Gerade 
darum bedarf er der Empfehlung. Bei dem anderen Mitreisenden er- 
kundigte ich mich bald darauf nach dem Befinden seiner Tante — der 
Mutter einer meiner Patientinnen — , welche damals schwer krank 
danieder lag. In der Nacht nach dieser Heise träumte ich, mein 
junger Freund, für den ich die Protektion erbeten hatte, befinde sich 
in einem eleganten Salon und halte 'vor einer ausgewählten Gesell- 
schaft, in die ich alle mir bekannten vornehmen und reichen Leute 
versetzt hatte, mit weltmännischen Gesten eine Trauerrede auf die. 
(für den Traum bereits verstorbene) alte Dame, welche die Tante 
des zweiten Reisegenossen war. (Ich gestehe offen, daß ich mit dieser 
Dame nicht in guten Beziehungen gestanden hatte.) Mein Traum hatte 
also wiederum Verknüpfungen zwischen beiden Eindrücken des Tages 
aufgefunden und mittels derselben eine einheitliche Situation kom- 
poniert. 

Auf .Grund vieler ähnlicher Erfahrungen muß ich den Satz auf- 
stellen, daß für die Traumarbeit eine Art von Nötigung besteht, alle 
vorhandenen Traumreizquellen zu einer Einheit im Traume zusammen- 
zusetzen*. Wir werden diesen Zwang zur Zusammensetzung in 
einem späteren Abschnitt (über die Traumarbeit) als ein Stück 'der 
Verdichtung, eines anderen psychischen Primärvorganges, kennen 
lernen. 

Ich will jetzt die Frage in Erörterung ziehen, ob die traum- 
erregendo Quelle, auf welche die Analyse hinführt, jedesmal ein re- 
zentes (und bedeutsames) Ereignis sein muß, oder ob ein inneres Er- 
lebnis, also die Erinnerung an ein psychisch wertvolles Ereignis, ein 
Gedankengang, die Bolle des Traumerregers übernehmen kann. Die 
Antwort, die sich aus zahlreichen Analysen auf das bestimmteste er- 
gibt, lautet im letzteren Sinne. Der Traumerreger kann ein innerer 
Vorgang sein, der gleichsam durch die Denkarbeit am Tage rezent 
geworden ist. Es wird jetzt wohl der richtige Moment sein, die 
verschiedenen Bedingungen, welche die Traunnjuellen erkennen lassen, 
in einem Schema zusammenzustellen. 

Die Traumquelle kann sein: 

a) Ein rezentes und psychisch bedeutsames Erlebnis, welches im 
Traume direkt vortreten ist**. 



* Die Neigung der Traumarbeit, gleichzeitig als interessant Vorhandenes 
in einer Behandlung zu verschmelzen, ist bereits von mehreren Autoren bemerkt 
worden, z. B. von Belage (p. 41), Delboeuf: rapprochement forc<; (p. 236); 
andere hübsche Beispiele bei H. E 1 1 i s (p. 35 u. ff.) u. a. 

** Traum von Irmas Injektion; Traum vom Freunde, der mein Onkel ist. 



]26 V. Das Tnmramaterial und die Traumquellen. 

b) Mehrere rezente, "bedeutsame Erlebnisse, die durch den Traum 
. zu einer Einheit vereinigt werden*. 

c) Ein oder mehrere rezente und bedeutsame Erlebnisse, die im 
Trauminhalt durch die Erwähnung eines gleichzeitigen, aber indiffe- 
renten Erlebnisses vertreten werden**. 

d) Ein inneres bedeutsames Erlebnis (Erinnerung, Gedanken- 
gang), welches dann im Traume regelmäßig durch die Erwähnung 
eines rezenten, aber indifferenten Eindruckes vertreten wird***. 

Wie man. sieht, wird für die Traumdeutung durchwegs die Be- 
dingung festgehalten, daß ein Bestandteil des Trauminhaltes einen 
rezenten Eindruck des Vortages wiederholt. Dieser zur Vertretung 
im Traume bestimmte Anteil kann entweder dem Vorstellungskreis 
des eigentlichen Traumerregers selbst angehören, — und zwar entweder 
als wesentlicher oder als unwichtiger Bestandteil desselben — oder 
er rührt aus dem Bereiche eines indifferenten Eindruckes her, der 
durch mehr oder minder reichliche Verknüpfung mit dem Kreise des 
Traumerregers in Beziehung gebracht worden ist. Die scheinbare 
Mehrheit der Bedingungen kommt hier nur durch die Alternative 
zu stände, daß eine Verschiebung unterblieben oder vorge- 
fallen ist, und wir merken hier, daß diese Alternative uns dieselbe 
Leichtigkeit bietet, die Kontraste des Traumes zu erklären, wie der 
medizinischen Theorie des Traumes die Beihe vom partiellen bis zum 
vollen "Wachen der Gehirnzellen (vgl. S. 53 f.). 

Man bemerkt an dieser Reihe ferner, daß das psychisch wert- 
volle, aber nicht rezente Element (der Gedankengang, die Erinnerung) 
für die Zwecke der Traumbildung durch ein rezentes, aber psychisch 
indifferentes Element ersetzt werden kann, wenn dabei nur die beiden 
Bedingungen eingehalten werden, daß 1. der Trauminhalt eine An- 
knüpfung an das rezent Erlebte erhält; 2. der Traumerreger ein 
psychisch wertvoller Vorgang bleibt. In einem einzigen Falle (a) 
werden beide Bedingungen durch denselben Eindruck erfüllt. Zieht 
man noch in Erwägung, daß dieselben indifferenten Eindrücke, welche 
für den Traum verwertet werden, solange sie rezent sind, diese 
Eignung einbüßen, sobald sie einen Tag (oder höchstens mehrere) 
älter geworden sind, so muß man sich zur Annahme entschließen, .daß 
die Frische eines Eindruckes ihm an sich einen gewissen psychischen 
Wert für die Traumbildung verleiht, welcher der Wertigkeit affekt- 
betonter Erinnerungen oder Gedankengänge irgendwie gleichkommt. 
AVir werden erst bei späteren psychologischen Überlegungen erraten 
können, worin dieser Wert rezenter Eindrücke für die Traumbildung 
begründet sein kann f. 

Nebenbei wird hier unsere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, daß 
zur Nachtzeit und von unserem Bewußtsein unbemerkt wichtige Ver- 
änderungen mit unserem Erinnerungs- und Vorstellungsmaterial vor 
sich gehen können. Die Forderung, eine Nacht über eine Angelegen- 

* Traum von der Trauerrede des jungen Arztes. 
** Traum von der botanischen Monographie. 
*** Solcher Art sind die meisten Träume meiner Patienten während der 
Analyse. 

t Vgl. im Abschnitt VII über die „Übertragung". 



Das Rezente und das Indifferente. J27 

heit zu schlafen, ehe man sich endgültig über sie entscheidet, ist offen- 
bar vollberechtigt. "Wir merken aber, daß wir an diesem Punkte aus 
der Psychologie des Träumens in die des Schlafes übergegriffen haben, 
ein Schritt, zu welchem sich der Anlaß noch öfter ergeben wird*. 

Es gibt nun einen Einwand, welcher die letzten Schlußfolgerun- 
gen umzustoßen droht. Wenn indifferente Eindrücke nur solange sie 
rezent sind in den Trauminhalt gelangen können, wie kommt es, daß 
wir im Trauminhalt auch Elemente aus früheren Lebensperioden 
vorfinden, die zur Zeit, da sie rezent waren. — nach Strümpells 
Worten keinen psychischen Wert besaßen, also längst vergessen sein 
sollten, Elemente also, die weder frisch noch psychisch, bedeutsam sind? 

Dieser Einwand ist voll zu erledigen, wenn man sich auf die 
Ergebnisse der Psychoanalyse bei Neurotikern stützt. Die Lösung 
lautet nämlich, daß die Verschiebung, welche das psychisch wichtige 
Material durch indifferentes ersetzt (für das Träumen wie für das 
Denken), hier bereits in jenen frühen Lebensperioden stattgefunden 
hat und seither im Gedächtnis fixiert worden ist. Jene ursprünglich 
indifferenten Elemente sind eben nicht mehr indifferent, seitdem sie 
durch Verschiebung die Wertigkeit vom psychisch bedeutsamen Ma- 
terial übernommen haben. Was wirklich indifferent geblieben ist, kann 
auch nicht mehr im Traume reproduziert werden. 

Aus den vorstehenden Erörterungen wird man mit Hecht schlie- 
ßen, daß ich die Behauptung aufstelle, es gebe keine indifferenten 
Traumerreger, also auch keine harmlosen Träume. Dies ist in aller 
Strenge und Ausschließlichkeit meine Meinung, abgesehen von den 
Träumen der Kinder und etwa den kurzen Traumreaktionen auf nächt- 
liche Sensationen. Was man sonst träumt, ist entweder manifest als 
psychisch bedeutsam zu erkennen, oder es ist entstellt und dann erst 
nach vollzogener Traumdeutung zu beurteilen, worauf es sich wie- 
derum als bedeutsam zu erkennen gibt. Der Traum gibt sich nie mit 
Kleinigkeiten ab; um Geringes lassen wir uns im Schlafe nicht stö- 
ren**. Die scheinbar harmlosen Träume erweisen sich als arg, wenn 

, * Einen -wichtigen Beitrag, der die Rolle des Rezenten für die Traum- 
bildung betrifft, bringt O. Pötzl in einer an Anknüpfungen überreichen Arbeit 
(Experimentell erregte Traumbilder in ihren Beziehungen /.um indirekten Sehen. 
Zeitschr. für die ges. Neurologie und Psychiatrie XXXVII, 1917). Pötzl ließ 
von verschiedenen Versuchspersonen in Zeichnung fixieren, was sie von einem 
(achis'toskopisch exponierten Bild bewußt aufgefaßt hatten. Er kümmerte sich 
dann um den Traum der Versuchsperson in der folgenden Nacht und ließ 
geeignete Anteile dieses Traumes gleichfalls durch eine Zeichnung darstellen. 
Es ergab sich dann unverkennbar, daß die nicht von der Versuchsperson auf- 
gefaßten Einzelheiten des exponierten Bildes Material für dio Traumbildung ge- 
liefert hatten, während die bewußt wahrgenommenen und in der Zeichnung 
nach der Exposition fixierten im manifesten Trauminhalt nicht wieder erschienen 
waren. Das von der Traumarbeit aufgenommene Material wurde von ihr in der 
bekannten „willkürlichen", richtiger: selbstherrlichen Art im Dienste der trau ni- 
hil denden Tendenzen verarbeitet. Die Anregungen der Pötzl sehen Untersuchung 
gehen weit über die Absichten einer Traumdeutung, wie sie in diesem Buche 
versucht wird, hinaus; Es sei noch mit einem Wort darauf hingewiesen, wie 
weit' diese neue Art, die Traumbildung experimentell zu studieren, von der 
früheren groben Technik absteht, die darin bestand, sclilafstürende Reize in den 
Trauminhalt einzuführen. 

** H. Ellis, der liebenswürdigste Kritiker der „Traumdeutung", schreibt 
(p. 169) : „Da ist der Punkt, von dem an viele von un3 nicht mehr im stände 



128 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

man sieh um ihre Deutung bemüht; wenn man mir die Redensart ge- 
stattet, sie haben es „faustdick hinter den Ohren". Da dies wiederum 
ein Punkt ist, bei dem ich Widerspruch erwarten darf, und da ich 
gern die Gelegenheit ergreife, die Traumentstellung bei ihrer Arbeit 
zu zeigen, will ich eine Eeihe von „harmlosen" Träumen aus mei- 
ner Sammlung hier der Analyse unterziehen. 

I. Eine kluge und feine junge Dame, die aber auch im Leben 
zu den Reservierten, zu den ,. stillen Wassern" gehört, erzählt: Ich 
habe geträumt, daß ich auf den Markt zu spät komme und 
beim Fleischhauer sowie bei der Gemüsefrau nichts be- 
komme. Gewiß ein harmloser Traum, aber so sieht ein Traum nicht 
aus; ich lasse ihn mir detailliert erzählen. Dann lautet der Berieht 
folgendermaßen: Sie geht auf den Markt mit ihrer Köchin, 
die den Korb trägt. Der Fleischhauer sagt ihr, nachdem sie 
etwas verlangt hat: Das ist nicht mehr zu haben, und will 
ihr etwas anderes geben mit der Bemerkung: Das ist auch 
gut. Sie lehnt ab und geht zur Gemüsefrau. Die will ihr 
ein eigentümliches Gemüse verkaufen, was in Bündeln zu- 
sammengebunden ist, aber schwarz von Farbe. Sie sagt: 
Das kenne ich nicht, das nehme ich nicht. 

Die Tagesanknüpfung des Traumes ist einfach genug. Sie war 
wirklich zu spät auf den Markt gegangen und hatte nichts mehr be- 
kommen. Die Fleischbank war schon geschlossen, drängt sich 
einem als Beschreibung des Erlebnisses auf. Doch halt, ist das nicht 
eine recht gemeine Redensart, die — oder vielmehr deren Gegtent>eil 
— auf eine Nachlässigkeit in der Kleidung eines Mannes geht? Die 
Träumerin hat diese Worte übrigens nicht gebraucht, ist ihnen viel- 
leicht ausgewichen; suchen wir nach der Deutung der im Traume 
enthaltenen Einzelheiten. 

Wo etwas im Traume den Charakter einer Rede hat, also gesagt 
oder gehört wird, nicht bloß gedacht — was sich meist sicher unter- 
scheiden läßt — , da stammt es von Reden des wachen Lebens her, 
die freilich als Rohmaterial behandelt, zerstückelt, leise verändert, 
vor allem aber aus dem Zusammenhange gerissen worden sind*. 
Man kann bei der Deutungsarbeit von solchen Reden ausgehen. Woher 
stammt also die Rede des Fleischhauers: Das ist nicht mehr zu 
haben? Von mir selbst; ich hatte ihr einige Tage vorher erklärt, 
„daß die ältesten Kindererlebnisse nicht mehr als solche zu haben 
sind, sondern durch , Übertragungen' und Träume in der Analyse 
ersetzt werden". Ich bin also der Fleischhauer, und sie lehnt diese 
(Übertragungen alter Denk- und Empfindungsweisen auf die Gegenwart 
ab- — Woher rührt ihre Traumrede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht? Diese ist für die Analyse zu zerteilen. „Das 
kenne ich nicht" hat sie selbst Tags vorher zu ihrer Köchin ge- 



seilt werden, F. weiter zu folgen." Allein H. Ellis hat keine Analysen von 
Träumen angestellt und will nicht glauben, wie unberechtigt das Urteilen nach 
dem manifesten Trauminhalt ist. 

* Vgl. über die Reden im Traume im Abschnitte über die Traumarbeit. 
Sin einziger der Autoren scheint die Herkunft der Traumreden erkannt zu haben, 
Delboeuf (p. 226), indem er sie mit „clichcs" vergleicht 



1 



Harmlose Träume. ]29 

sagt, mit der sie einen Streit hatte, damals aber hinzugefügt: Be- 
nehmen Sie sich anständig. Hier wird eine Verschiebimg greif- 
bar; von den beiden Säteen, die sie gegen ihre Köchin gebraucht, 
hat sie den bedeutungslosen in den Traum genommen; der unter- 
drückte aber: „Benehmen Sie sich anständig!" stimmt allein zum 
übrigen Trauminhalt. So könnte man jemandem zurufen, der unan- 
ständige Zumutungen wagt und vergißt, „die Fleischbank zuzu- 
schließen". Daß wir der Deutung wirklich auf die Spur gekommen 
sind, beweist dann der Zusammenklang mit den Anspielungen, die 
in der Begebenheit mit der Gemüsefrau niedergelegt sind. Ein Ge- 
müse, das in Bündeln zusammengebunden verkauft wird (länglich 
ist, wie sie nachträglich hinzufügt), und dabei schwarz, was kann 
das anderes sein als die Traumvereinigung von Spargel und schwar- 
zem Rettig? Spargel brauche ich keinem und keiner Wissenden zu 
deuten, aber auch das andere Gemüse — als Zuruf: Schwarzer, 
rett' dich! — scheint mir auf das nämliche sexuelle Thema hinzu- 
weisen, das wir gleich anfangs errieten, als wir für die Traumerzäh- 
lung einsetzen wollten: die Fleischbank war geschlossen. Es kommt 
nicht darauf an, den Sinn dieses Traumes vollständig zu erkennen; 
so viel steht fest, daß er sinnreich ist und keineswegs harmlos*. 

II. Ein anderer harmloser Traum derselben Patientin, in ge- 
wisser Hinsicht ein Gegenstück zum vorigen: Ihr Mann fragt: 
Soll man das Klavier nicht stimmen lassen? Sie: Es lohnt 
nicht, es muß ohnedies neu beledert werden. Wiederum die 
Wiederholung eines realen Ereignisses vom Vortag. Ihr Mann hat so 
gefragt und sie so ähnlich geantwortet. Aber was bedeutet es, daß 
sie es träumt? Sie erzählt zwar vom Klavier, es sei .ein ekelhafter 
Kasten, der einen schlechten Ton gibt, ein Ding, das ihr Mann 
schon vor der Ehe besessen hat** usw., aber den Schlüssel zur Lö- 
sung ergibt doch erst die Rede: Es lohnt nicht. Diese stammt 
von einem gestern gemachten Besuche bei ihrer Freundin. Dort wurde 
sie aufgefordert, ihre Jacke abzulegen, und weigerte sich mit den 
Worten: es lohnt nicht, ich muß gleich gehen. Bei dieser Erzählung 
muß mir einfallen, daß sie gestern während der Analysenarbeit plötz- 
lich an ihre Jacke griff, an der sich ein Knopf geöffnet hatte. Es ist 
also, als wollte sie sagen: Bitte, sehen Sie nicht hin, es lohnt nicht. 
So ergänzt sich der Kasten zum Brustkasten, und die Deutung 
des Traumes führt direkt in die Zeit ihrer körperlichen Entwicklung, 

* Für Wißbegierige bemerke ich, daß hinter dem Traume sich eine Phan- 
tasie verbirgt von unanständigem, sexuell provozierendem Benehmen meinerseits 
und von Abwehr von Seite der Dame. Wem diese Deutung unerhört erscheinen; 
sollte, den mahne ich an die zahlreichen Fälle, wo Ärzte solche Anklagen von 
hysterischen Frauen erfahren haben, bei denen die nämliche , Phantasie nicht 
entstellt und als Traum aufgetreten, sondern unverhüllt bewußt und wahnhaft 
geworden ist. — Mit diesem Traume trat die Patientin in die psychoanalytische 
Behandlung eia. Ich lernte erst später verstehen, daß sie mit ihm das initiale 
Trauma wiederholte, von dem ihre Neurose ausging, und habe seither das gleiche 
Verhalten bei anderen Personen gefunden, die in ihrer Kindheit sexuellen Atten- 
taten ausgesetzt waren und nun gleichsam deren Wiederholung im Traume her- 
beiwünschten. 

** Eine Ersetzung durch das Gegenteil; wie uns nach der Deutung klar 
werden wird. 

Freud, Traumdeutung, 5. Aufl. 9 



ISO ^* Das' Traummatertal und die TraumqaelleD. 

da sie anfing, mit ihren Körperformen 'unzufrieden zu sein. Es führt 
auch wohl in frühere Zeiten, wenn wir auf das , .Ekelhaft" und 
den „schlechten Ton" Rücksicht nehmen und uns daran erinnern, 
wie häufig die kleinen Hemisphären des weiblichen Körpers — als 
Gegensatz und als Ersatz — für die großen eintreten, — in der An- 
spielung und im Traume. 

III. Ich unterbreche diese Reihe, indem ich einen kurzen harm- 
losen Traum eines jungen Mannes einschiebe. Er hat geträumt, daß 
er wieder seinen Winterrock anzieht, was schrecklich ist- 
Anlaß dieses Traumes ist angeblich die plötzlich wieder eingetretene 
Kälte. Ein feineres Urteil wird indes bemerken, daß die beiden 
kurzen Stücke des Traumes nicht gut zueinander passen, denn in der 
Kälte den schweren oder dicken Rock tragen, was könnte daran 
„schrecklich" sein. Zum Schaden für die Harmlosigkeit dieses Trau- 
mes bringt auch der erste Einfall bei der Analyse die Erinnerung, daß 
eine Dame ihm gestern vertraulich gestanden, daß ihr letztes Kind 
einem geplatzten Kondom seine Existenz verdankt. Er rekonstruiert 
nun seine Gedanken bei diesem Anlasse: Ein dünner Kondom ist ge- 
fährlich, ein dicker schlecht. Der Kondom ist der „Überzieher" mit 
Recht, man zieht ihn. ja über; so heißt man auch einen leichten Rock. 
Ein Ereignis wie das von der Dame berichtete wäre für den un- 
verheirateten Mann allerdings „schrecklich". — Nun wieder zurück 
zu unserer harmlosen Träumerin. 

IV. Sie steckt eine Kerze in den Leuchter; die Kerze 
ist aber gebrochen, so daß sie nicht gut steht. Die Mäd- 
chen in der Schule sagen, sie sei ungeschickt; das Fräu- 
lein aber, es sei nicht ihre Schuld. 

Ein realer Anlaß auch hier; sie hat gestern wirklich eine Kerze 
in den Leuchter gesteckt; die war aber nicht gebrochen. Hier ist eine 
durchsichtige Symbolik verwendet worden. Die Kerze ist ein Gegen- 
stand, der die weiblichen Genitalien reizt; wenn sie gebrochen ist, so 
daß sie nicht gut steht, so bedeutet dies die Impotenz des Mannes 
(„es sei nicht ihre Schuld"). Ob nur die sorgfältig erzogene und 
allem Häßlichen fremd gebliebene junge Frau diese Verwendung der 
Kerze kennt? Zufällig kann sie noch angeben, durch welches Er- 
lebnis sie zu dieser Erkenntnis gekommen ist. Bei einer Kahnfahrt 
auf dem Rhein fährt ein Boot an ihnen vorüber, in dem Studenten 
sitzen, welche mit großem Behagen ein Lied singen oder brüllen: 
„Wenn die Königin von Schweden bei geschlossenen Fensterläden mit 
Apollokerzen . . . ." 

Das letzte Wort hört oder versteht sie nicht. Ihr Mann muß 
ihr die verlangte Aufklärung geben. Diese Verse sind dann im ;Traum- 
inhalt ersetzt durch eine harmlose Erinnerung an einen Auftrag, den 
sie einmal im Pensionat ungeschickt ausführte, und zwar vermöge 
des Gemeinsamen: geschlossene Fensterläden. Die Verbindung 
des Themas von der Onanie mit der Impotenz ist klar 'genug. „Apollo" 
im latenten Trauminhalt verknüpft diesen Traum mit einem früheren, 
in dem von der jungfräulichen Pallas die Rede war. Alles wahrlich 
nicht harmlos. 



] liirmloso Trilume. 



131 



V. Damit man sieh die Schlüsse aus den Träumen auf die 
wirklichen Lebensverhältnisse der Träumer nicht zu leicht vorstelle, 
füge ich noch einen Traum an, der gleichfalls harmlos scheint ,und 
von derselben Person herrührt. Ich habe etwas geträumt, erzählt 
sie, was ich bei Tag wirklich getan habe, nämlich einen 
kleinen Koffer so voll mit Büchern gefüllt, daß ich Mühe 
hatte, ihn zu schließen, und ich habe es so geträumt, wie 
es wirklich vorgefallen ist. Hier legt die Erzählerin selbst das 
Hauptgewicht auf die Übereinstimmung von Traum und Wirklichkeit. 
Alle solche Urteile über den Traum, Bemerkungen zum Traume, ge- 
hören nun, obwohl sie sich einen Platz im wachen Denken geschaffen 
haben, doch regelmäßig in den latenten Trauminhalt, wie uns noch 
spätere Beispiele bestätigen werden: Es wird uns also gesagt, das, ( was 
der Traum erzählt, ist am Tage vorher wirklich vorgefallen*. Es wäre 
nun zu weitläufig, mitzuteilen, auf welchem Wege man zum Einfalle 
kommt, bei der Deutung das Englische zur Hilfe zu nehmen. Genug, 
es handelt sich wieder um eine kleine box (vgl. S. 108 den Traum vom 
toten Kind in der Schachtel), die so angefüllt worden ist, daß nichts 
mehr hineinging. Wenigstens nichts Arges diesmal.' 

In all diesen „harmlosen" Träumen schlägt das sexuelle Mo- 
ment als Motiv der Zensur so sehr auffällig vor. Doch ist dies ein 
Thema von prinzipieller Bedeutung, welches wir zur Seite stellen 
müssen. 

b) Das Infantile als Traumquelle. 

Als dritte unter den Eigentümlichkeiten des Trauminhalles haben 
wir mit allen Autoren (bis auf Robert) angeführt, daß im Traume) 
Eindrücke aus den frühesten Lebensaltern erscheinen können, über 
welche das Gedächtnis im Wachen nicht zu verfügen scheint. Wie 
selten oder wie häufig sich dies ereignet, ist begreiflicherweise schwer 
zu beurteilen, weil die betreffenden Elemente des Traumes nach dem 
Erwachen nicht in ihrer Herkunft erkannt werden. Der Nachweis, daß 
es sich hier um Eindrücke der Kindheit handelt, muß also auf objek- 
tivem Wege, erbracht werden, wozu sich die Bedingungen nur in 
seltenen Fällen zusammenfinden können. Als besonders beweiskräftig 
wird von A. Maury die Geschichte eines Mannes erzählt, welcher 
eines Tages sich entschloß, nach zwanzigjähriger Abwesenheit seinen 
Heimatsort aufzusuchen. In der Nacht vor der Abreise träumte er, or 
sei in einer ihm ganz unbekannten Ortschaft und begegne daselbst 
auf der Straße einem unbekannten Herrn, mit dem er sich unterhalte. 
In seine Heimat zurückgekehrt, konnte er sich nun überzeugen, daß 
diese unbekannte Ortschaft in nächster Nähe seiner Heimatstadt wirk- 
lich existiere, und auch der unbekannte Mann des Traumes stellte v sieh 
als ein dort lebender Freund seines verstorbenen Vaters heraus- Wohl 
ein zwingender Beweis dafür, daß er beide, Mann wie Ortschaft,, in 
seiner Kindheit gesehen hatte. Der Traum ist übrigens als Ungedulds- 
traum zu deuten wie der des Mädchens, welches das Billet für den 
Konzertabend in der Tasche trägt (S. 108), des Kindes, welchem der 
Vater den Ausflug nach dem Hameau versprochen hat, u, dgl. Die 

* Vgl. S. 15, Note. 

9* 



tag V. Das Traummaterial und die Tniumquc.il!- . 

Motive, welche dem Träumer gerade diesen Eindruck aus seiner Kind- 
heit reproduzieren, sind natürlich ohne Analyse nicht aufzudecken. 

Einer meiner Kolleghörer, welcher sich rühmte, daß seine 
Träume nur sehr selten der Traumentstellung unterliegen, teilte mir 
mit, daß er vor einiger Zeit im Traume gesehen, sein ehemaliger 
Hofmeister hefinde sich im Bette der Bonne, die bis zu 
seinem elften Jahre im Hause gewesen war. Die Örtlichkeit für diese 
Szene fiel ihm noch im Traume ein. Lebhaft interessiert teilte er den 
Traum seinem älteren Bruder mit, der ihm lachend die Wirklichkeit. 'des 
Geträumten bestätigte. Er erinnere sich sehr gut daran, denn er sei 
damals sechs Jahre alt gewesen. Das Liebespaar pflegte ihn, den 
älteren Knaben, durch Bier betrunken zu machen, wenn die Umstände 
einem nächtlichen Verkehre günstig waren. Das kleinere, damals drei- 
jährige Kind — unser Träumer — , das im Zimmer der 'Bonne schlief, 
wurde nicht als Störung betrachtet. _ 

Noch in einem anderen Falle läßt es sich mit Sicherheit ohne 
Beihilfe der Traumdeutung feststellen, daß der Traum Elemente aus 
der Kindheit enthält, wenn nämlich der Traum ein sogenannter 
perennierender ist, der, in der Kindheit zuerst geträumt, später 
immer wieder von Zeit zu Zeit während des Schlafes des Erwach- 
senen auftritt. Zu den bekannten Beispielen dieser Art kann ich (einige 
aus meiner Erfahrung hinzufügen, wenngleich ich an mir selbst einen 
solchen perennierenden Traum nicht kennen gelernt habe. Ein Arzt 
in den Dreißigern erzählte mir, daß in seinem Traumleben von den 
ersten Zeiten seiner Kindheit an bis zum heutigen Tage häufig ein 
gelber Löwe erscheint, über den er die genaueste Auskunft zu geben 
vermag. Dieser ihm aus Träumen bekannte Löwe fand sich nämlich 
eines Tages in natura als ein lange verschollener Gegenstand aus 
Porzellan vor, und der junge Mann hörte damals von seiner Mutter, 
daß dieses Objekt das begehrteste Spielzeug seiner frühen Kinderzeit 
gewesen war, woran er sich selbst nicht mehr erinnern konnte. 

"Wendet man sich nun von dem manifesten Trauminhalt zu den 
Traumgedanken, welche erat die Analyse aufdeckt, so kann man mit 
Erstaunen die Mitwirkung der Kindheitserlebnisse auch bei solchen 
Träumen konstatieren, deren Inhalt keine derartige Vermutung er- 
weckt hätte. Dem geehrten Kollegen vom „gelben Löwen" verdanke 
ich ein besonders liebenswürdiges und lehrreiches Beispiel eines 
solchen Traumes. Nach der Lektüre von Nansens Reisebericht über 
seine Polarexpedition träumte er, in einer Eiswüste galvanisiere er 
den kühnen Forscher wegen einer Ischias, über welche dieser klage! 
Zur Analyse dieses Traumes fiel ihm eine Geschichte aus seiner 
Kindheit ein, ohne welche der Traum allerdings unverständlich bleibt. 
Als er ein drei- oder vierjähriges Kind war, hörte er eines Tages 
neugierig zu, wie die Erwachsenen von Entdeckungsreisen sprachen, 
und fragte dann den Papa, ob das eine schwere Krankheit sei. Er 
hatte offenbar Reisen mit „Reißen" verwechselt, und der Spott 
seiner Geschwister sorgte dafür, daß ihm das beschämende Erlebnis 
nicht in Vergessenheit geriet. 

Ein ganz ähnlicher Fall ist es, wenn ich m der Analyse 
des Traumes von der Monographie über die Gattung Zyklamen auf 



Dpa infantile Moment im Onkellnuun. 133 

eine erhalten gebliebene Jugendcriimerung stoße, daß der Vater dem 
fünfjährigen Knaben ein mit farbigen Tafeln ausgestattetes Buch 
zur Zerstörung überläßt. Man wird etwa den Zweifel aufwerfen, ob 
dies© Erinnerung wirklich an der Gestaltung des Trauminhaltes An- 
teil genommen hat, ob nicht vielmehr die Arbeit der Analyse eine 
Beziehung erst nachträglich herstellt. Aber die Reichhaltigkeit und 
Verschlungenheit der Assoziationsverknüpfungen bürgt für die erstere 
Auffassung: Zyklamen — Lieblingsblumc — Lieblingsspeise — Ar- 
tischocke; zerpflücken wie eine Artischocke, Blatt für Blatt (eine 
Wendung, die einem anläßlich der .Teilung des chinesischen Reiches 
damals täglich ans Ohr schlug) ; — Herbarium — Bücherwurm, dessen 
Lieblingsspeise- Bücher sind. Außerdem kann ich versichern, daß der 
letzte Sinn des Traumes, den ich hier nicht ausgeführt habe, zum 
Inhalt der Kinderszene in intimster Beziehung steht. 

Bei einer anderen Reihe von Träumen wird man durch die 
Analyse belehrt, daß der Wunsch selbst, der den Traum erregt hat, 
als dessen Erfüllung der Traum sich darstellt, aus dem Kindericben 
stammt, sc daß man zu seiner Überraschung im Traume das,Kind 
mit seinen Impulsen weiterlebend findet. 

Ich setze an dieser Stelle die Deutung des Traumes fort, aus 
dem wir bereits einmal neue Belehrung geschöpft haben, ich meine 
den Traum:* Freund R. ist mein Onkel (S. 96). Wir haben dessen 
Deutung so weit gefördert, daß uns das Wunschmotiv, zum Professor 
ernannt zu werden, greifbar entgegentrat, ; und wir erklärten uns die 
Zärtlichkeit des Traumes für Freund R. als eine Oppositions- und 
Trotzschöpfung gegen die Schmähung der beiden Kollegen, die in den 
Traumgedanken enthalten war. Der Traum war mein eigener; ich 
darf darum dessen Analyse mit der Mitteilung fortsetzen, daß mein 
Gefühl durch die erreichte Lösung noch nicht befriedigt war. Ich 
wußte, daß mein Urteil über die in den Traumgedänken mißhandel- 
ten Kollegen im Wachen ganz anders gelautet hätte; die Macht des 
Wunsches, ihr Schicksal in Betreff ihrer Ernennung nicht zu teilen, 
erschien mir zu gering, um den Gegensatz zwischen wacher und 
Traum-Schätzung voll aufzuklären. Wenn mein Bedürfnis, mit einem 
anderen Titel angeredet zu werden, so stark sein sollte, so beweist 
dies einen krankhaften Ehrgeiz, den ich nicht an mir kenne, den 
ich fern von mir glaube. Ich weiß nicht, wie andere, die mich 
zu kennen glauben, in diesem Punkte über mich urteilen würden; 
vielleicht habe ich auch wirklich Ehrgeiz besessen; aber wenn, so 
hat er sich längst auf andere Objekte als auf Titel und Rang eines 
Professor extraordinarius geworfen. 

Woher dann also der Ehrgeiz, der mir den Traum eingegeben 
hat? Da fällt mir ein, was ich so oft in der Kindheit '•erzählen 
gehört habe, daß bei meiner Geburt eine alte Bäuerin der über den 
Erstgeborenen glücklichen Mutter prophezeit, daß sie der Welt einen 
großen Mann geschenkt habe. Solche Prophezeiungen müssen sehr 
häufig vorfallen; es gibt so viel erwartungsvolle Mütter und so viel 
alte Bäuerinnen oder andere alte Weiber, deren Macht auf Erden 
vergangen ist, und die sich darum der Zukunft zugewendet haben. 
Es wird auch nicht der Schade der Prophetin gewesen sein. Sollte 



J3-4 V. Das Traununaterial und die Trnumquellen. 

meine Größensehnsucht aus dieser Quelle stammen? Aber da besinne 
ich. mich eben eines anderen Eindruckes aus späteren Jugendjahren, 
der sich zur Erklärung noch besser eignen würde: Es war eines 
Abends in einem der Wirtshäuser im. Prater, wohin die Eltern den 
elf- oder zwölfjährigen Knaben mitzunehmen pflegten, daß uns ein 
Mann auffiel, der von Tisch zu Tisch ging und für ein kleines 
Honorar Verse über ein ihm aufgegebenes Thema improvisierte. Ich 
wurde abgeschickt, den Dichter an unseren Tisch zu bestellen, und 
er erwies sich dem Boten dankbar. Ehe er nach seiner Aufgabe 
fragte, ließ er einige Keime über mich fallen und erklärte es in 
seiner Inspiration für wahrscheinlich, daß ich noch einmal „Minister" 
werde. An den Eindruck dieser zweiten Prophezeiung kann ich mich 
noch sehr wohl erinnern. Es war die Zeit des Bürgerministeriunis, 
der Vater hatte kurz vorher die Bilder der bürgerlichen Doktoren 
Herbst, Giskra,. Unger, Berger u. a. nach Hause gebracht, und 
wir hatten diesen Herren zur Ehre illuminiert- Es waren sogar Juden 
unter ihnen; jeder, fleißige Judenknabe trug also das Ministerporte- 
feuille in seiner Schultasche. Es muß mit den Eindrücken jener Zeit 
sogar zusammenhängen, daß ich bis kurz vor der Inskription an 
der Universität willens war, Jura zu studiereu, und erst im letzten 
Moment umsattelte. Dem Mediziner ist ja die Ministerlaufbahn über- 
haupt verschlossen. Und nun mein Traum! Ich merke es erst jetzt, 
daß er mich aus der trüben Gegenwart in die hoffnungsfrohe Zeit 
des Bürgerministeriums zurückversetzt und meinen Wunsch von da- 
mals nach seinen Kräften erfüllt. Indem ich die beiden gelehrten 
und achtenswerten Kollegen, weil sie Juden sind, so schlecht be- 
handle, den einen, als ob er ein Schwachkopf, den anderen, als ob 
er ein Verbrecher' wäre, indem ich so verfahre, benehme ich mich, 
als ob ich der Minister wäre, habe ich mich an die Stelle des Mini- 
sters gesetzt. Welch gründliche Bache an Sr. Exzellenz ! Er ver- 
weigert es, mich zum Professor extraordinarius zu ernennen, und ich 
setze mich dafür im Traume an seine Stelle. 

In einem anderen Falle konnte ich merken, daß der Wunsch, 
welcher den Traum erregt, obzwar ein gegenwärtiger, doch eine 
mächtige Verstärkung aus tiefreichenden Kindererinnerungen bezieht. 
Es handelt sich hier um eine Keihe von Träumen, denen die Sehn- 
sucht, nach 11 om zu kommen, zu Grunde liegt. Ich werde diese 
Sehnsucht wohl noch lange Zeit durch Träume befriedigen müssen, 
denn tun die Zeit des Jahres, welche mir für eine Heise zur Ver- 
fügung steht, ist der Aufenthalt in Born aus Rücksichten der Gesund- 
heit zu meiden*. So träume ich denn einmal, daß ich vom Ooupe- 
fenster aus Tiber und Engelsbrücke sehe; dann setzt sich der Zug 
in Bewegung, und es fällt mir ein, daß ich die Stadt ja gar nicht 
betreten habe. Die Aussicht, die ich im Traume sah, war einem 
bekannten Stiche \ nachgebildet, den ich Tags zuvor im Salon eines 
Patienten flüchtig bemerkt hatte. Ein andermal führt mich jemand 
auf einen Hügel und zeigt mir Born, vom Nebel halb 'verschleiert und 
noch so fern, daß ich mich über die Deutlichkeit der Aussicht 

* Ich habe seither längst erfahren, daß auch zur Erfüllung solcher lano-e 
für unerreichbar gehaltener Wünsche nur etwas Mut erfordert wird. 



SehiiHuchtstriuiiue von Rom. 135 

wundere. Der Inhalt dieses Traumes ist reicher, als ich hier aus- 
führen möchte. Das Motiv, „das Gelobte Land von fern sehen''', ist 
darin leicht zu erkennen. Die Stadt, die ich so zuerst im Nebel ge- 
sehen habe, ist Lübeck; der Hügel findet sein Vorbild in — 
Gleich enbcrg. In einem dritten Traume bin ich endlich in Rom, 
wie mir der Traum sagt. Ich sehe aber zu meiner Enttäuschung 
eine keineswegs städtische Szenerie, einen kleinen Fluß mit dunk- 
lem Wasser, auf der einen Seite desselben schwarze Felsen, 
auf der anderen Wiesen mit großen weißen Blumen. Ich be- 
merke einen Herrn Zucker (den ich oberflächlich kenne) und 
beschließe, ihn um den Weg in die Stadt zu fragen. Es ist 
offenbar, daß ich mich vergebens bemühe, eine Stadt im Traume 
zu sehen, die ich im Wachen nicht gesehen habe- Wenn ich das 
Landschal'tsbild des Traumes in seine Elemente zersetze, so deuten 
die weißen Blumen auf das mir bekannte Ravenna, das wenigstens 
eine Zeitlang als Italiens Hauptstadt Rom den Vorrang abgenommen 
hatte. In den Sümpfen um Ravenna haben wir die schönsten See- 
rosen mitten 'im schwarzen Wasser gefunden; der Traum läßt sie 
auf Wiesen wachsen wie die Narzissen in unserem Aussee, weil es 
damals so mühselig war, sie aus dem Wasser zu holen. Der dunkle 
Fels, so nahe am Wasser, erinnert lebhaft an das Tal der Tepl bei 
Karlsbad. „Karlsbad" setzt mich nun in den Stand, mir deiMsonder- 
baren Zug zu erklären, daß ich Herrn Zucker um den Weg frage. 
Es sind hier in dem Material, aus dem der Traum gesponnen ist, 
zwei jener lustigen jüdischen Anekdoten zu erkennen, die so viel 
tiefsinnige, oft bittere Lebensweisheit verbergen, und die wir in Ge- 
sprächen und Briefen so gern zitieren. Die eine ist die Geschichte von 
der „Konstitution 1 ', des Inhaltes, wie ein armer Jude ohne Fahrbillet 
den Einlaß in den Eilzug nach Karlsbad erschleicht, dann ertappt, 
bei jeder Revision vom Zuge gewiesen und immer härter behandelt, 
wird, und der dann einem Bekannten, welcher ihn auf einer seiner 
Leidensstationen antrifft, auf die Frage, wohin er reise, zur^ Ant- 
wort gibt: „Wenn's meine Konstitution aushält — nach Karls- 
bad." Nahe dabei ruht im Gedächtnis eine andere Geschichte von 
einem des Französischen unkundigen Juden, dem eingeschärft wird, 
in Paris nach dem Wege zur Rue Richelieu zu fragen. Auch Paris 
war lange Jahre hindurch ein Ziel meiner Sehnsucht, und die Selig- 
keit, in welcher ich zuerst den Fuß auf das Pflaster von Paris 
setzte, nahm ich als Gewähr, daß ich auch die Erfüllung anderer 
Wünsche erreichen werde. Das Um-den- Weg-Fragen ist ferner eine 
direkte Anspielung an Rom, denn nach Rom führen bekanntlich 
alle Wege. Übrigens deutet der Name Zucker wiederum auf Karls- 
bad, wohin wir doch alle mit der konstitutionellen Krankheit 
Diabetes Behafteten schicken. Der Anlaß dieses Traumes war der 
Vorschlag meines Berliner Freundes, uns zu Ostern in Prag zu .treffen. 
Aus .den Dingen, die ich mit ihm zu besprechen hatte, würde sich 
eine weitere Beziehung zu Zucker und Diabetes ergeben. 

Ein vierter Traum, kurz nach dem letzterwähnten, bringt mich 
wieder nach Rom- Ich sehe eine Straßenecke vor mir und wundere 
mich darüber, daß dort so viele deutsche Plakate angeschlagen sind. 



136 



V. Das Traummaterial uud die Traumquelleu. 



Tags vorher hatte ich meinem Freunde in prophetischer Voraussicht 
geschrieben, Prag dürfte für deutsche Spaziergänger kein bequemer 
Aufenthaltsort sein. Der Traum drückte also gleichzeitig den AVunsch 
aus, ihn in Rom zu treffen anstatt in einer böhmischen Stadt, und 
das -wahrscheinlich aus der Studienzeit stammende Interesse daran, 
daß in Prag der deutschen Sprache mehr Duldung gewährt sein möge. 
Die tschechische Sprache muß ich übrigens in meinen drei ersten 
Kinderjahren verstanden haben, da ich in einem kleinen Orte Mährens 
mit slawischer Bevölkerung geboren bin. Ein tschechischer Kinder- 
vers, den ich in meinem 17. Jahre gehört, hat sich meinem Gedächt- 
nis mühelos so eingeprägt, daß ich ihn nocn heute hersagen kann, 
obwohl ich keine Ahnung von seiner Bedeutung habe. Es fehlt also 
auch diessn Träumen nicht an mannigfaltigen Beziehungen zu den 
Eindrücken meiner ersten Lebensjahre. 

Auf meiner letzten Italienreise, die mich unter anderem am 
Trasimenersee vorüberführte, fand ich endlich, nachdem ich den 
Tiber gesehen und schmerzlich bewegt 80 Kilometer weit von Rom 
umgekehrt war, die Verstärkung auf, welche meine Sehnsucht nach 
der ewigen Stadt aus Jugendeindrücken bezieht. Ich erwog gerade 
den Plan, nächstes Jahr an Rom vorbei nach Neapel zu reisen, 
als mir ein Satz einfiel, den ich bei einem unserer klassischen Schrift- 
steller gelesen haben muß: Es ist fraglich, wer eifriger in seiner 
Stube auf und ab lief, nachdem er den Plan gefaßt, nach Rom zu 
gehen, der Konrektor Winckelmann oder der Feldherr Hanni- 
bal. Ich war ja auf den Spuren Hannibals gewandelt; es war 
mir so wenig wie ihm beschieden, Rom zu sehen, und auch er war 
nach Kainpanien gezogen, nachdem alle Welt ihn in Rom er- 
wartet hatte. Hannibal, mit dem ich diese Ähnlichkeit erreicht 
hatte, war aber der Lieblingsheld meiner Gymnasialjahre gewesen; 
wie so viele in jenem Alter, hatte ich meine Sympathien während der 
Punischen Kriege nicht den Römern, sondern dem Karthager zuge- 
wendet. Als dann im Obergymnasium das erste Verständnis für die 
Konsequenzen der Abstammung aus landesfremder Rasse erwuchs, 
und die antisemitischen Regungen unter den Kameraden mahnten 
Stellung zu nehmen, da hob sich die Gestalt des semitischen ,Feldherrn 
noch höher in meinen Augen. Hannibal und Rom symbolisierten 
dem Jüngling den Gegensatz zwischen der Zähigkeit des Judentums 
und der Organisation der katholischen Kirche- Die Bedeutung, welche 
die antisemitische Bewegung seither für unser Gemütsleben gewonnen 
hat, verhalf dann den Gedanken und Empfindungen jener frühen 
Zeit zur Fixierung. So ist der Wunsch, nach Rom zu kommen, für 
das Traumleben zum Deckmantel und Symbol für mehrere andere 
heißersehnte Wünsche geworden, an deren Verwirklichung man mit 
der Ausdauer und Ausschließlichkeit des Puniers arbeiten möchte, und 
deren Erfüllung zeitweilig vom Schicksal ebensowenig begünstigt 
scheint wie der Lebenswunsch Hannibals, in Rom einzuziehen. 

Und nun stoße ich erst auf das Jugenderlebnis, das in all diesen 
Empfindungen und Träumen noch heute seine Macht äußert. Ich 
mochte zehn oder zwölf Jahre gewesen sein, als mein Vater begann, 
mich auf seine Spaziergänge mitzunehmen und mir in Gesprächen 



Das infantile Moment v.u. den Komträunien. 



seine Ansichten über die Dinge dieser Welt zu eröffnen. So erzählte 
er mir einmal, um mir zu zeigen, in wie viel bessere Zeiten ich ge- 
kommen sei als er: Als ich ein junger Mensch war, bin ich in deinem 
Geburtsorte am Samstag in der Straße spazieren gegangen, schön ge- 
kleidet, mit einer neuen Pelzmütze auf dem Kopfe. Da kommt ein 
Christ daher, haut mir mit einem Schlage die Mütze in den Kot und 
ruft dabei: Jud, herunter vom Trottoir! „Und was hast du getan?'' 
Ich bin auf den Fahrweg gegangen und habe die Mütze aufgehoben, 
war die gelassene Antwort. Das schien mir nicht heldenhaft von 
dem großen starken Manne, der mich Kleinen an der Hand führte. 
Ich stellte dieser Situation, die mich nicht befriedigte, eine andere 
gegenüber, die meinem Empfinden besser entsprach, die Szene, in 
welcher Hannibals Vater, Hamilkar* Barkas, seinen Knaben 
vor dem Hausaltar schwören läßt, an den Körnern Rache zu nehmen. 
Seitdem hatte Hannibal einen Platz in meinen Phantasien. 

Ich meine, daß ich die Schwärmerei für den karthagischen Ge- 
neral noch ein Stück weiter in meine Kindlieit zurück verfolgen kann, 
so daß es sich auch hier nur um die Übertragung einer bereits ge- 
bildeten Affektrelation auf einen neuen Träger handeln dürfte. Eines 
der ersten Bücher,, das dem lesefähigen Kinde in die Hände fiel, war 
Thiers' Konsulat und Kaiserreich; ich erinnere mich, daß ich meinen 
Holzsoldaten kleine Zettel mit den Namen der kaiserlichen Marschälle 
auf den flachen Bücken geklebt, und daß damals schon Massena (als 
Jude: Menass«) mein erklärter Liebling war. (Diese Bevorzugung 
wird wohl auch dureh den Zufall des gleichen Geburtsdatums, genau 
hundert Jahre später, aufzuklären sein.) Napoleon selbst schließt 
sich durch den Übergang über die Alpen an Hannibal an. Und 
vielleicht ließe sich die Entwicklung dieses Kriegerideals noch weiter 
zurück in die Kindheit verfolgen bis auf Wünsche, die der bald freund- 
schaftliche, bald kriegerische Verkehr während der ersten drei Jahre 
mit einem um ein Jahr älteren Knaben bei dem schwächeren der bei- 
den Gespielen hervorrufen mußte. 

Je tiefer man sich in die Analyse ^der Träume einläßt, desto 
häufiger wird man auf die Spur von Kindheitserlebnissen geführt, 
welche im latenten Trauminhalt eine Rolle als Traumquellen spielen. 

Wir haben gehört (S. 14), daß der Traum sehr selten (Er- 
innerungen so reproduziert, daß sie unverkürzt unjd unverändert den 
alleinigen manifesten Trauminhalt bilden. Immerhin sind einige Bei- 
spiele für dieses Vorkommen sichergestellt, zu denen ich »inige neue 
hinzufügen kann, die sich wiederum auf Infantilszenen beziehen. Bei 
einem meiner Patienten brachte einmal ein Traum eine kaum" entstellte 
Wiedergabe eines sexuellen Vorfalles, die sofort als getreue Er- 
innerung erkannt wurde. Die Erinnerung daran war im Wachen zwar 
nie völlig verloren gewesen, aber doch stark verdunkelt worden, und 
ihre Neubelebung war ein Erfolg der vorausgegangenen analytischen 
Arbeit. Der Träumer hatte mit zwölf Jahren einen bettlägerigen Kol- 
legen besucht, der sich wahrscheinlich nur zufällig bei einer Be- 

* In der ersten Auflage stand hier der Name: Hasdrubal, ein befremdender 
Irrtum, dessen Aufklärung ich in meiner „Psychopathologie des Alltagslebens" 
(1901, 1904, 5. Aufl. 1917) gegeben habe. 



138 V. Das Traummateriul und die Traum quellen. 

wegung im Bette entblößte. Beim Anblick seiner Genitalien von einer 
Art Zwang ergriffen, entblößte er sich selbst und faßte das Glied 
des anderen, der ihn aber unwillig und verwundert ansah, worauf 
er verlegen wurde und abließ. Diese Szene wiederholte ein Traum 
23 Jahre später auch mit allen Einzelheiten der in ihr vorkommen- 
den Empfindungen, veränderte sie aber dahin, daß der Träumer an- 
statt der aktiven die passive Rolle übernahm, während die Person ,des 
Schulkollegen durch eine der Gegenwart angehörige ersetzt wurde. 

In der Regel freilich ist die Infantilszene im manifesten Traum- 
inhalt nur durch eine Anspielung vertreten und muß durch Deutung 
aus dem Traume entwickelt werden. Die Mitteilung solcher Beispiele 
kann nicht sehr beweiskräftig ausfallen, weil ja für diese Kinder- 
erlebnisse meistens jede andere Gewähr fehlt; sie werden, wenn sie in 
ein frühes Alter fallen, von der Erinnerung nicht mehr anerkannt. 
Das Recht, überhaupt aus Träumen auf solche Kindererlebnisse zu 
schließen, ergibt sich bei der psychoanalytischen Arbeit aus einer 
ganzen Reihe von Momenten, die in ihrem Zusammenwirken ver- 
läßlich genug erscheinen. Zum Zwecke der Traumdeutung aus ihrem 
Zusammenhange gerissen, werden solche Zurückführungen von Träu- 
men auf Kindererlebnisse vielleicht wenig Eindruck machen, besonders 
da ich nicht einmal alles Material mitteile, auf welches sich die 
Deutung stützt. Indes will ich mich von der Mitteilung darum nicht 
abhalten lassen. 

I. Bei einer meiner Patientinnen haben alle Träume den Charak- 
ter des „Gehetzten"; sie hetzt sich, um zurecht zu kommen, den 
Eisenbahnzug nicht zu versäumen u. dgL In einem Traume soll sie 
ihre Freundin besuchen ; die Mutter hat ihr gesagt, sie soll fahren, nicht 
gehen; sie läuft aber und fällt dabei in einem fort. — Das 
bei der Analyse auftauchende Material gestattet, die Erinnerung an 
Kinder hetzereien zu erkennen (man weiß, was der Wiener „eine 
Hetz" nennt), und gibt speziell für den einen Traum die Zurück- 
führung auf den bei Kindern beliebten Scherz, den Satz: „Die'Kuh 
rannte bis sie fiel" so rasch auszusprechen, als ob er ein einziges 
"Wort wäre, was wiederum ein „Hetzen" ist. Alle diese harmlosen 
Hetzereien unter kleinen Freundinnen werden erinnert, weil sie andere, 
minder harmlose, ersetzen. 

IL Von einer anderen folgender Traum: Sie ist in einem 
großen Zimmer, in dem allerlei Maschinen stehen, etwa so, 
wie sie sich eine orthopädische Anstalt vorstellt. Sie hört, 
daß ich keine Zeit habe, und daß sie die Behandlung, Gleich- 
zeitig mit fünf anderen machen muß. Sie sträubt sich aber 
und will sich in das für sie bestimmte Bett — oder was es 
ist — nicht legen. Sie steht in einem "Winkel und wartet, 
daß ich sage, es ist nicht wahr. Die anderen lachen sie unter- 
des aus, es sei Faxerei von ihr. — "Daneben, als ob sie viele 
kleine Quadrate machen würde- 

Der erste Teil dieses Trauminhaltes ist eine Anknüpfung an die 
Kur und Übertragung auf mich. Der zweite enthält die Anspielung 
an die Kinderszene; mit der Erwähnung des Bettes sind die beiden 
Stücke aneinander gelötet. Die orthopädische Anstalt geht auf eine 



Aufdeckuug von KiudheitserlebniHseu bei der Traumdeutung. 139 

meiner Reden zurück, in der ich die Behandlung ihrer Dauer wie 
ihrem Wesen nach mit einer orthopädischen verglichen hatte. 
Ich mußte ihr zu Anfang der Behandlung mitteilen, daß ich vor- 
läufig wenig Zeit für sie hätte, ihr aber später eine ganze 
Stunde täglich widmen würde. Dies machte die alte Empfindlichkeit 
in ihr rege, die ein Hauptcharakterzug der zur Hysterie bestimmten 
Kinder ist. Sie sind unersättlich für Liebe. Meine Patientin war 
die jüngste von sechs Geschwistern (daher: mit fünf anderen) und 
als solche der Liebling des Vaters, scheint aber gefunden zu haben, 
daß der geliebte Vater ihr noch zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit 
widme. — Daß sie wartet, bis ich sage, es ist nicht wahr, hat fol- 
gende Ableitung: Ein kleiner Schneiderjunge hatte ihr ein Kleid ge- 
bracht, und sie ihm dafür das Geld mitgegeben. Dann fragte sie ihren 
Mann, ob sie das Geld noclunals bezahlen müsse, wenn er es verliere. 
Der Mann, um sie zu necken, versicherte: ja (die Neckerei im 
Trauminhalt), und sie fragte immer wieder von neuem und wartete 
darauf,- daß er endlich sage, es ist nicht wahr. Nun läßt 
sich für den latenten Trauminhalt der Gedanke konstruieren, ob sie 
mir wohl das Doppelte bezahlen müsse, wenn ich ihr die doppelte 
Zeit widme, ein Gedanke, der geizig oder schmutzig ist. (Die l'n- 
reinlichkeit der Kinderzeit wird sehr häufig vom Traume durch 
Geldgeiz ersetzt; das Wort „schmutzig" bildet dabei die Brücke.) 
Wenn all das vom Warten, bis ich sage usw., das Wort „schmutzig" 
im Traume umschreiben soll, so stimmt das Im,-Winkel- Stehen und 
das Sich-nicht-ins-Bett-Legen dazu als Bestandteil einer Kinder- 
szene, in der sie das Bett schmutzig gemacht hätte, zur Strafe in den 
Winkel gestellt wird unter der Androhung, daß sie der Papamicht 
inehr liebhaben werde, die Geschwister sie auslachen usw. Die kleinen 
Quadrate zielen auf ihre kleine Nichte, die ihr die Rechenkunst ge- 
zeigt, wie man in neun Quadrate, glaube ich, Zahlen so einschreibt, 
daß sie, nach allen Richtungen addiert, 15 ergeben. 

III Der Traum eines Mannes: Er sieht zwei Knaben, die 
sich balgen, und zwar Faßbin der kn ab en, wie er aus den her- 
umliegenden Gerätsehaften seh ließt; einer der Knaben hat 
den anderen niedergeworfen, der liegende Knabe hat Ohr- 
ringe mit blauen Steinen. Er eilt dem Missetäter mit er- 
hobenem Stocke nach, um ihn zu züchtigen. Dieser flüch- 
tet zu einer Frau, die bei einem Bretterzaun steht, als ob 
sie seine Mutter wäre. Es i st eine Taglöhnersf rau, die dem 
Träumer den Rücken zuwendet. Endlieh kehrt sie sich um 
und schaut ihn mit einem gräßlichen Blicke an, sodaßerer- 
schreckt davonläuft. An ihren Augen sieht man vom un- 
teren Lid das rote Fleisch vorstehen. 

Der Traum hat triviale Begebenheiten des Vortages reichlich 
verwertet. Er hat gestern wirklich zwei Knaben auf der Straße ge- 
sehen, von denen einer den anderen hinwarf. Als er hinzueilte, um 
zu schlichten, ergriffen sie beide die Flucht. — Faßbinderknaben: 
wird erst durch einen nachfolgenden Traum erklärt, in dessen Ana- 
lyse er die Redensart gebraucht: Dem Faß den Boden ausschla- 
gen. — Ohrringe mit blauen Steinen tragen nach seiner Beobachtung 



14() V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

meist die Prostituierten. So fügt sich, ein "bekannter Klapphorn- 
vers von zwei Knaben an: Der andere Knabe, der hieß Marie 
(d. h.: war ein Mädchen). — Die stehende Frau: Nach der ;Szcne 
mit den beiden Knaben ging er am Donauufer spazieren und benützte 
die Einsamkeit dort, um gegen einen Bretterzaun zu urinieren 
Auf dem weiteren "Wege lächelte ihn eine anständig gekleidete, ältere 
Dame sehr freundlich an und wollte ihm ihre Adreßkarte überreichen. 

Da die Frau im Traume so steht wie er beim Urinieren, po 
handelt es sich um ein urinierendes Weib, und dazu gehört dann der 
gräßliche „Anblick", das Vorstehen des roten Fleisches, was sich 
nur auf die beim Kauern klaffenden Genitalien beziehen kann, die, 
in der Kinderzeit gesehen, in der späteren Erinnerung als „wildes 
Fleisch", als „Wunde" wieder auftreten. Der Traum vereinigt zwei 
Anlässe, bei denen der kleine Knabe die Genitalien kleiner Mädchen 
sehen konnte, beim Hinwerfen und bei deren Urinieren, und 
wie aus dem anderen Zusammenhang hervorgeht, bewahrt er die Er- 
innerung an eine Züchtigung oder Drohung des Vaters wegen der 
von dem Buben bei diesen Anlässen bewiesenen sexuellen Neugierde. 

IV. Eine ganze Summe von Kindererinncrungen, zu einer Phan- 
tasie notdürftig vereinigt, findet sich hinter folgendem Traume einer 
jüngeren Dame. 

Sie geht in Hetze aus, Kommissionen zu machen. Auf 
dem Graben sinkt sie dann, wie zusammengebrochen, in 
die Kniee- Viele Leute sammeln sich um sie, besonders die 
Fiakerkutscher; aber niemand hilft ihr auf. Sie macht 
viele ver gebliche Versuche; endlich muß es gelungen sein, 
denn man setzt sie in einen Fiaker, der sie nach Hause 
bringen soll; durchs Fenster wirft man ihr einen großen 
schwer gefüllten Korb nach (ähnlich einem Einkaufs- 
korb e). 

Es ist dieselbe, die in iliren Träumen immer gehetzt wird, wie 
sie als Kind gehetzt hat. Die erste Situation des Traumes ist offenbar 
von dem Anblicke eines gestürzten Pferdes hergenommen, wie auch 
das „Zusammenbrechen" auf Wettrennen deutet. Sie war in jungen 
Jahren Reiterin, in noch jüngeren wahrscheinlich auch Pferd. 
Zu dem Hinstürzen gehört die erste Kindheitserinnerung an den 
17jährigen Sohn des Portiers, der, auf der Straße von epileptischen 
Krämpfen befallen, im Wagen nach Hause gebracht wurde. Davon 
hat sie natürlich nur gehört, aber die Vorstellung von epileptischen 
Krämpfen, vom „Hinfallenden" hat große Macht über ihre Phan- 
tasie gewonnen und später ihre eigenen hysterischen Anfälle in 
ihrer Form beeinflußt. — Wenn eine Frauensperson vom Fallen 
träumt, so hat das wohl regelmäßig einen sexuellen Sinn, sie wird 
eine „Gefallene"; für unseren Traum wird diese Deutung am 
wenigsten zweifelhaft sein, denn sie fällt auf dem Graben, jenem 
Platze von Wien, der als Korso der Prostitution bekannt ist. Der 
Einkaufskorb gibt mehr als eine Deutung; als Korb erinnert er 
an die vielen Körbe, die sie zuerst ihren Freiern ausgeteilt, und 
später, wie sie meint, sich auch selbst geholt hat. Dazu gehört dann 
auch, daß ihr niemand aufhelfen will, was sie selbst als Ver- 



Kindereiiidriicke im latenten Tniuminhalt. 141 

schinähtwcrdcn auslegt. Ferner erinnert der Einkaufskorb an Phan- 
tasien, die der Analyse bereits bekannt geworden sind, in denen sie 
tief unter ihrem Stande geheiratet hat und nun selbst zu 'Markte ein- 
kaufen geht. Endlich aber könnte der Einkaufskorb als Zeichen einer 
dienenden Person gedeutet werden. Dazu kommen nun weitere 
Kindheitserinnerungen, an eine Köchin, die weggeschickt wurde, 
weil sie stahl; die ist auch so in die Kniee gesunken und hat ge- 
fleht. Sie war damals zwölf Jahre alt. Dann an ein Stubenmädchen, 
das weggeschickt wurde, weil es sich mit dem Kutscher des Hauses 
abgab, der sie übrigens später heiratete. Diese Erinnerung ergi'ot 
uns also eine Quelle für die Kutscher im Traume (die sich im 
Gegensatz zur Wirklichkeit der Gefallenen nicht annehmen). Es 
bleibt aber noch das Nachwerfen des Korbes, und zwar durchs 
Fenster, zu erklären. Das mahnt sie an das Expedieren des Ge- 
päcks auf der Eisenbahn, an das „Fenster In" auf dem "Lande, 
an kleine Eindrücke von dem Landaufenthalte, wie ein Herr einer 
Dame blaue Pflaumen durchs Fenster in ihr Zimmer wirft) wie 
ihre kleine Schwester sich gefürchtet, weil ein vorübergehender Trottel 
durchs Fenster ins Zimmer sali. Und nun taucht dahinter eine dunkle 
Erinnerung aus dem zehnten Lebensjahre auf von einer Bonne, die 
auf dem Lande Liebesszenen mit einem Diener des Hauses aufführte, 
von denen das Kind doch etwas gemerkt haben konnte, und die mit- 
samt ihrem Liebhaber „expediert", „hinausgeworfen" wurde 
(im Traume der Gegensatz: „hineingeworfen"), eine Geschichte, 
der wir uns auch von mehreren anderen Wegen her genähert hatten. 
Das Gepäck, der Koffer einer dienenden Person, wird aber in Wien 
geringschätzig als die „sieben Zwetschken" bezeichnet. „Pack' 
deine sieben Zwetschken zusammen, und geh'." 

An solchen Träumen von Patienten, deren Analyse zu dunkel 
oder gar nicht mehr erinnerten Kindereindrücken, oft aus den ersten 
drei Lebensjahren, führt, hat meine Sammlung natürlich überreichen 
Vorrat. Es ist aber mißlich, Schlüsse aus ihnen zu ziehen, die für 
den Traum im allgemeinen gelten sollen; es handelt sich ja 'regelmäßig 
um neurotische, speziell hysterische Personen, und die Rolle, welche 
den Kinderszenen in diesen Träumen zufällt, könnte durch die Natur 
der Neurose und nicht durch das Wesen des Traumes bedingt sein. 
Indes begegnet es mir bei der Deutung meiner eigenen Träume, dte 
ich doch nicht wegen grober Leidenssymptome unternehme, ebenso 
oft, daß ich im latenten Trauminhalt unvermutet auf eine Infantil- 
szene stoße, und daß mir eine ganze Serie von Träumen mit einem- 
mal in die von einem Kindererlebnis ausgehenden Bahnen einmündet. 
Beispiele hiefür habe ich schon erbracht und werde ich nocli bei 
verschiedenen Anlässen weiter erbringen. Vielleicht kann ich den 
ganze» Abschnitt nicht besser beschließen als durch Mitteilung einiger 
eigenen Träume, in denen rezente Anlässe und langvergessene Kinder- 
erlebnisse mitsammen als Traumquellen auftreten. 

NachdenY ich gereist bin, müde und hungrig das Bett aufgesucht 
habe, melden sich im Schlafe die großen Bedürfnisse des Lebens und 
ich träume: Ich gehe in eine Küche, um mir Mehlspeise 
geben zu lassen. Dort stehen drei Frauen, von denen eine 



142 V. Das Tnaunraiaterial und die Traamq'aeUcn. 

die Wirtin ist und etwas in der Hand dreht, als ob sie 
Knödel machen würde. Sie antwortet, daß ich warten soll, 
bis sie fertig* ist (nicht deutlich als Rede). Ich werde un- 
geduldig .und gehe beleidigt weg. Ich ziehe einen Über- 
rock an; der erste, den ich versuche, ist mir aber zu lang. 
Ich ziehe ihn wieder aus, etwas überrascht, daß er Pelz- 
besatz hat. Ein zweiter, den ich anziehe, hat einen langen 
Streifen mit türkischer Zeichnung eingesetzt. Ein Frem- 
der mit langem Gesichte und kurzem Spitzbarte kommt 
hinzu und hindert mich am Anziehen, indem er ihn für den 
seinen erklärt. Ich zeige ihm nun, daß er über und über 
türkisch gestickt ist. Er fragt: Was gehen Sie die türki- 
schen (Zeichnungen, Streifen . . . .) an? Wir sind aber dann 
ganz freundlich miteinander. 

In der Analyse dieses Traumes fällt mir ganz unerwartet der 
erste Romaj«. ein, den ich, vielleicht 13jährig, gelesen d. h. mit dem 
Ende des ersten Bandes begonnen hatte. Den Namen des Bomans 
und seines Autors habe ich nie gewußt, aber der Schluß ist mir nun 
in lebhafter Erinnerung. Der Held verfällt in Wahnsinn und ruft 
beständig die drei Frauennamen, die ihm im Leben das grüßte Glück 
und das Unheil bedeutet haben. Pelagie ist einer dieser Namen. 
Noch weiß ich nicht, was ich mit diesem Einfall in der Analyse 
beginnen werde. Da tauchen zu den drei Frauen die drei Parzen 
auf, die das Geschick des Menschen spinnen, und ich weiß, daß eine 
der drei Frauen, die Wirtin im Traume, die Mutter ist, die das 
Leben gibt, mitunter auch, wie bei mir, dem Lebenden die erste 
Nahrung. An der Frauenbrust treffen sich Liebe und Hunger. Ein 
junger Mann, erzählt die Anekdote, der ein großer Verehrer der 
Frauenschönheit wurde, äußerte einmal, als die ßede auf die schöne 
Amme kam, die ihn als Säugling genährt: es tue ihm leid, die gute 
Gelegenheit damals nicht besser ausgenützt zu haben. Ich pflege 
mich der Anekdote zur Erläuterung für das Moment der Nach- 
träglichkeit im Mechanismus der Psychoneurosen zu bedienen. 
— Die eine der Parzen also reibt die Handflächen aneinander, als ob 
sie Knödel machen würde. Eine sonderbare Beschäftigung für eine 
Parze, welche dringend der Aufklärung bedarf! Diese kommt nun 
aus einer anderen und früheren Kindererinnerung. Als ich sechs 
Jahre alt war und den ersten Unterricht bei meiner Mutter genoß, 
sollte ich glauben, daß wir aus Erde gemacht sind und darum zur 
Erde zurückkehren müssen. Es behagte mir aber nicht und ich 
zweifelte die Lehre an. Da rieb die Mutter die Handflächen anein- 
ander — • ganz ähnlich wie beim Knödelmachen, nur daß sich kein 
Teig zwischen ihnen befindet — und zeigte mir die schwärzlichen 
Epidermis schuppen, die sich dabei abreiben, als eine Probe der 
Erde, aus der wir gemacht sind, vor. Mein Erstaunen über diese 
Demonstration ad oculos war grenzenlos, und ich ergab mich in das, 
was ich später in den Worten ausgedrückt hören sollte: Du bist der 
Natur einen Tod schuldig*. So sind es also wirklich Parzen, zu 

* Beide zu diesen Kinderszenen gehörigen Affekt«, das Erstaunen und die 
Ergebung ins Unvermeidliche, fanden sich in einem Traume kurz vorher, d?.r 
mir zuerst die Erinnerung an dieses Kindererlebnis wiederbrachte. 




Kiiiillieitseriniicrungen in einem Hutigcrtnium. J4.H 

denen ich in die Küche gehe, wie so oft in den Kindcrjahren, wenn 
ich hungrig Avar, und die Mutter beim Herd mich mahnte zu warten, 
bis das Mittagessen fertig sei. Und nun die Knödel! Wenigstens 
einer meiner Universitätslehrer, aber gerade der, dem ich meine histo- 
logischen Kenntnisse (Epidermis) verdanke, könnte sich bei dem 
Namen Knödel an eine Person erinnern, die er belangen mußte, weil 
sie ein Plagiat an seinen Schriften begangen hatte. Ein Plagiat 
begehen, sich aneignen, was man bekommen kann, auch wenn es- 
einem anderen gehört, leitet offenbar zum zweiten Teil des Traumes, 
in dem ich wie der Überrock dich behandelt werde, der eine Zeit- 
lang in den Hörsälen sein Wesen trieb. Ich habe den Ausdruck' 
Plagiat niedergeschrieben, absichtslos, weil er sich mir darbot, und 
nun merke ich, daß er dem latenten Trauminhalt angehören muß, 
weil er als Brücke zwischen den verschiedenen Stücken des manifesten 
Trauminhaltes dienen kann. Die Assoziationskette — Pelagie — 
Plagiat — Plagiostomen* (Haifische) — Fischblase ver- 
bindet den alten Roman mit der Affäre Knödl und mit den Über- 
ziehern, die ja offenbar ein Gerät der sexuellen Technik bedeuten. 
(Vgl. Maurys Traum vom Kilo — Lotto, p. 141.) Eine höchst 
gezwungene und unsinnige Verbindung zwar, aber doch keine, die ich 
im Wachen herstellen könnte, wenn sie nicht schon durch die Traum- 
arbeit hergestellt wäre. Ja, als ob dem Drange, Verbindungen zu er- 
zwingen, gar nichts heilig wäre, dient nun der teure Name Brücke 
(Wortbrücke s. o.) dazu, mich an dasselbe Institut zu erinnern, in 
dem ich meine glücklichsten Stunden als Schüler verbracht, sonst 
ganz bedürfnislos („So wird's Euch an der Weisheit Brüsten mit 
jedem Tage mehr gelüsten"), im vollsten Gegensatz zu den Be- 
gierden, die mich, während ich träume, plagen. Und endlich taucht 
die Erinnerung an einen anderen teuren Lehrer auf, dessen Name 
wiederum an etwas Eßbares anklingt (Fl eise hl, wie Knödl) und 
an eine traurige Szene, in der Epidermisschuppen eine Holle 
spielen (die Mutter — Wirtin) und Geistesstörung (der lloman) und 
ein Mittel aus der lateinischen Küche, das den Hunger benimmt, 
das Kokain. 

So könnte ich den verschlungenen Gedankenwegen weiterfolgen 
und das in der Analyse fehlende Stück des Traumes voll aufklären, 
aber ich. muß es unterlassen, weil die persönlichen Opfer, die es 
erfordern würde, zu groß sind. Ich greife nur einen der Fäden auf, 
der direkt zu einem der dem Gewirre zu Grunde liegenden Traum- 
gedanken führen kann. Der Fremde mit langem Gesichte und Spitz- 
barte, der mich am Anziehen hindern , will, trägt die Züge eines 
Kaufmannes in Spalato, bei dem meine Frau reichlich türkische 
Stoffe eingekauft hat. Er hieß Popovic, ein verdächtiger Name, der 
auch dem Humoristen Stettenheim zu einer andeutungs vollen Be- 
merkung Anlaß gegeben hat. („Er nannte mir seinen Namen und 
drückte mir errötend die Hand.") Übrigens derselbe Mißbrauch mit 
Namen wie oben mit Pelagie, Knödl, Brücke, Fleischl. Daß 
solche Namenspielerei Kinderunart ist, darf man ohne Widerspruch 

* Die Plagiostomen ergänze ich nicht willkürlich ; sie mahnen mich 
an eine ärgerliche Gelegenheit von Blamage vor demselben Lehrer. 



144 V. Das Trauimnaterial und die Traumquellen. 

behaupten; wenn ich mich in ihr ergehe, ist es aber ein Akt der 
Vergeltung, denn mein eigener Name ist unzähligemale solchen 
schwachsinnigen Witzeleien zum Opfer gefallen. Goethe bemerkte 
einmal, wie empfindlich man für seinen Namen ist, mit dem man 
sich verwachsen fühlt wie mit seiner Haut, als Herder auf seinen 
Namen dichtete: 

„Her du von Göttern abstammst, von Goten oder vom Kote" >— 

„So seid ihr Götterbilder auch zu Staub." 

Ich merke, daß die Abschweifung über den Mißbrauch von 
Namen nur diese Klage vorbereiten sollte. Aber brechen wir hier 
ab. — Der Einkauf in Spalato mahnt mich an einen anderen Ein- 
kauf in Cattaro, bei dem ich allzu zurückhaltend war und die Ge- 
legenheit zu schönen Erwerbungen versäumte. (Die Gelegenheit bei 
der Amme versäumt, s. o.) Einer der Traumgedanken, die dem 
Träumer der Hunger eingibt, lautet nämlich: Man soll sich nichts 
entgehen lassen, nehmen, was man haben kann, auch wenn 
ein kleines Unrecht dabei mitläuft; man soll keine Ge- 
legenheit versäumen, das Lehen ist so kurz, der Tod un- 
vermeidlich. Weil es auch sexuell gemeint ist und weil die Be- 
gierde vor dem Unrecht nicht haltmachen will, hat dieses „carpe 
diem" die Zensur zu fürchten und muß sich hinter einem Traume 
verbergen. Dazu kommen nun alle Gegengedanken zu AVort, die Er- 
innerung an die Zeit, da die geistige Nahrung dem Träumer 
allein genügte, alle Abhaltungen und selbst die Drohungen mit den 
ekelhaften sexuellen Strafen. 

II. Ein zweiter Traum erfordert einen längeren Vorbericht: 
Ich bin auf den Westbahnhof gefahren, um meine Ferienreise 
nach Aussee anzutreten, gehe aber schon zum früher abgehenden 
ischler Zuge auf den Perron. Dort sehe ich nun den Grafen Thun 
dastehen, der wiederum zum Kaiser nach Ischl fährt. Er war trotz 
des Regens im offenen Wagen angekommen, direkt durch die Ein- 
gangstür für Lokalzüge hinausgetreten und hatte den Türhüter, der 
ihn nicht kannte und ihm das Billet abnehmen wollte, mit einer 
kurzen Handbewegung ohne Erklärung von sich gewiesen. Ich soll 
dann, nachdem er im Ischler Zuge abgefahren ist, den Perron wieder 
verlassen und in den heißen Wartesaal zurückgehen, setze es aber 
mühselig durch, daß ich bleiben darf. Ich vertreibe mir die Zeit damit, 
aufzupassen, wer da kommen wird, um sich auf dem Protektionswege 
ein Coupe anweisen zu lassen ; nehme mir vor, dann Lärm zu sehlagen, 
d. h. gleiches Hecht zu verhingen. Unterdessen singe ich mir etwas 
vor, was ich dann als die Arie aus Figaros Hochzeit erkenne: 

„Will der Herr Graf ein Tänzelein wagen, 

Tänzelein wagen, 
Soll er's nur sagen, 
Ich spiel' ihm eins auf." 

(Ein anderer hätte den Gesang vielleicht nicht erkannt.) 

loh war den ganzen Abend in übermütiger, streitlustiger Stim- 
mung gewesen, hatte Kellner und Kutscher gefrozzelt, hoffentlich 



Ein revolutionärer Traum. 145 

ohne ihnen wehe zu tun; nun gehen mir allerlei freche und revolu- 
tionäre Gedanken durch den Kopf, wie sie zu den Worten Figaros 
passen und zur Erinnerung an die Komödie von Beaumarchais, 
die ich in der Comedie frangaise aufführen gesehen. Das "Wort von 
den großen Herren, die sich die Mühe gegeben haben, geboren zu 
werden ; das Herrenrecht, das der Graf Almaviva bei Susanne zur 
Geltung bringen will; die Scherze, die unsere bösen oppositionellen 
Tagschreiber mit dem Namen des Grafen Tliun anstellen, indem sie 
ihn Graf Nichtsthun nennen. Ich beneide ihn wirklich nicht; er hat 
jetzt einen schweren Gang zum "Kaiser, und ich bin der eigentliche. 
Graf Nichts th Uli; ich gehe auf Ferien. Allerlei lustige Fericn-- 
vorsätze dazu. Es kommt nun ein Herr, der mir als .Regierungs- 
vertreter bei den medizinischen Prüfungen bekannt ist, und der sich 
durch seine Leistungen in dieser Rolle den schmeichelhaften Bei- 
namen des „Begierungsbeischläfers" zugezogen hat. Er verlangt unter 
Berufung auf seine amtliche Eigenschaft ein Halbcoupe erster Klasse, 
und ich höre den Beamten zu einem anderen sagen: "Wo geben wir 
den Herrn mit der halben Ersten hin? Eine nette Bevorzugung; ich 
zahle meine erste Klasse ganz. Ich bekomme dann auch ein Coupe 
für mich, aber nicht in einem durchgehenden "Wagen, so daß mir die 
Nacht über kein Abort zur Verfügung steht. Meine Klage beim 
Beamten hat keinen Erfolg ; ich räche mich, indem ich ihm den Vor- 
schlag mache, in diesem Coupe wenigstens ein Loch im Boden an- 
bringen zu lassen für etwaige Bedürfnisse der Beisenden. Ich er- 
wache auch wirklich um 3 / 4 3 Uhr morgens mit Harndrang aus nach- 
stehendem Traume. 

Menschenmenge, Studentenversammlung. — Ein Graf 
(Thun oderTaaffe) redet. Aufgefordert, etwas über die Deut- 
schen zu sagen, erklärt er mit höhnischer Gebärde für ihre 
Lieblingsblume den Huflattich und steckt dann etwas 
wieeinzerfetztesBlatt, ei gentlich ein zu sa mm engeknü 11- 
tes Blattgerippe ins Knopfloch. Ich fahre auf, fahre also 
auf*, wundere mich aber doch über diese meine Gesinnung- 
Dann undeutlicher: Als ob es die Aula wäre, die Zugänge be- 
setzt, und man müßte fliehen. Ich bahne mir den Weg durch 
eine Reihe von schön eingerichteten Zimmern, offenbar 
Begierungszimmern mit Möheln in einer Farbe zwischen 
braun und violett, und komme endlich in einen Gang, 
in dem eine Haushälterin, ein älteres dickes Frauenzim- 
mer, sitzt. Ich vermeide es, mit ihr zu sprechen; sie hält 
mich aber offenbar für berechtigt, hier zu passieren, denn 

sie fragt, ob sie mit der Lampe mitgehen soll. Ich deute 
oder sage ihr, sie soll auf der Treppe stehen bleiben, und 
komme mir dabei sehr schlau vor, daß ich die Kontrollo 
am Ende vermeide. So bin ich drunten und finde einen 
schmalen, steil aufsteigenden Weg, den ich gehe. 

* Diese Wiederholung hat sich, scheinbar aus Zerstreutheit, in den Text 
des Traumes eingeschlichen und wird von mir belassen, da die Analyse zeigt, 
daß sie ihre Bedeutung hat. 

Freud, Traumdputnng, S. Aufl. "' 



140 V. Das Trstmunaterial und die TrMunqnellen. 

Wieder undeutlich .-. . . Als ob jetzt die zweite Aufgabe 
käme, aus der Stadt wegzukommen, wie früher aus dem 
Hause. Ich fahre in einem Einspänner und gebe ihm Auf- 
trag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf .der Bahnstrecke 
selbst kann ich nicht mit Ihnen fahren," sage ich, 'nachdem 
er einen Einwand gemacht hat, als ob ich ihn übermüdet 
hätte. Dabei ist es, als wäre ich schon eine Strecke mit ihm 
gefahren, die man sonst mit der Bahn fährt. Die'Bahnhöfe 
sind besetzt; ich überlege, ob ich nach Krems oder Znaim 
soll, denke aber, dort wird der Hof. sein, und entscheide 
.mich für Graz oder so etwas. Nun sitze ich im "Waggon, der 
ähnlich einem Stadtbahnwagen ist, und habe im Knopf- 
loch ein eigentümlich geflochtenes, langes Ding, daran 
violettbraune Veilchen aus starrem Stoffe, was den Leu- 
ten sehr auffällt. Hier bricht die Szene ab'. 

Ich bin wieder vor dem Bahnhofe, aber zu zweit mit 
einem älteren Herrn, erfinde einen Plan, um unerkannt zu 
bleiben, sehe diesen Plan aber auch schon ausgeführt. Den- 
ken und Erleben ist hier gleichsam eins. Er stellt sich 
blind, wenigstens auf einem Auge, und ich halte ihm ein 
männliches Uringlas vor (das wir in der Stadt kaufen 
mußten oder gekauft haben). Ich bin also sein Kranken- 
pfleger und muß ihm das Glas geben, weil er blind ist. 
Wenn der Kondukteur uns so sieht, muß er uns als unauf- 
fällig entkommen lassen. Dabei ist die Stellung des Be- 
treffenden und sein urinierendes Glied plastisch gesehen. 
Darauf das Erwachen mit Harndrang. 

Der ganze Traum macht etwa den Eindruck einer Phantasie, 
die den Träumer in das Revolutionsjahr 184S versetzt, dessen An- 
denken ja durch das Jubiläum des Jahres 1898 erneuert war, /wie 
überdies durch einen kleinen Ausflug in die AVachau, bei dem ich 
Emmersdorf kennen gelernt hatte, welchen Ort ich fälschlich für den 
Ruhesitz des Studenteni'ührers Fischhof hielt, auf den einige Züge 
des manifesten Trauminhaltes weisen mögen. Die Gedankenverbindung 
führt mich dann nach England, in das Haus meines Bruders, der 
seiner Frau scherzhaft vorzuhalten pflegte „Fifty years ago" nach 
dem Titel eines Gedichtes von Lord Tennyson, worauf die Kinder 
zu rektifizieren gewöhnt waren: Fifteen years ago. Diese Phantasie, 
die sich an die Gedanken anschließt, welche der Anblick des Grafen 
Thun hervorgerufen hatte, ist aber nur wie die Fassade italienischer 
Kirchen ohne organischen Zusammenhang dem Gebäude dahinter vor* 
gesetzt ; anders als diese Fassaden ist sie übrigens lückenhaft! ver- 
worren, und Bestandteile aus dem Innern drängen sich an 'vielen Stel- 
len durch. Die erste Situation des Traumes ist aus mehreren Szenen 
zusammengebraut, in die ich sie zerlegen kann. Die hochmütige Stellung 
des Grafen im Traume ist kopiert nach einer Gymnasialszene aus 
meinem 15. Jahre. Wir hatten gegen einen mißliebigen und Ignoran- 
ten Lehrer eine Verschwörung angezettelt, deren Seele ein Kollege, war, 
der sich seitdem Heinrich VIII. von England zum Vorbilde ge- 
nommen zu haben scheint. Die Führung des Hauptschlages fiel mir 




Analyse des revolutionären Traumes. J47 

zu, und eine Diskussion aber die Bedeutung der Donau für Österreich 
CW ach.au!) war der Anlaß, bei dem es zur offenen Empörung kam. 
Ein Mitverschworener war der einzige aristokratische Kollege, den 
wir hatten, wegen seiner auffälligen Längenentwicklung die „Giraffe" 
genannt, und der stand, vom Schultyrannen, dem JProfessor der deut- 
schen Sprache, zur Rede gestellt, so da wie der 'Graf im Traume. Das 
Erklären der Lieblingsblume und Ins-Knopfloch-Stecken von etwas, 
was wieder eine Bhune sein muß (was an die Orchideen erinnert, die 
ich einer Freundin am selben Tage gebracht hatte, und außerdem an 
eine Rose von Jericho), mahnt auffällig an die Szene -aus den Königs- 
dramen Shakespeares, die den Bürgerkrieg der roten und der 
weißen Rose eröffnet; die Erwähnung Heinrichs VIII. hat den , Weg 
zu dieser Reminiszenz gebahnt. Dann ist es nicht weit von den Rosen 
zu den roten und weißen Nelken. (Dazwischen schieben sich in der 
Analyse zwei Verslein ein, eins deutsch, das andere spanisch: 
Rosen, Tulpen, Nelken, alle Blumen welken. — Isabelita, no llorcs 
que se marchitan las flores. Das Spanische vom Eigaro her.) Die 
weißen Nelken sind bei uns in Wien das Abzeichen der Antisemiten, 
die roten das der Sozialdemokraten geworden. Dahinter eine Er- 
innerung an eine antisemitische Herausforderung während einer Eisen- 
bahnfahrt im schönen Sachsenland (Angelsachsen). Die dritte 
Szene, welche Bestandteile für die Bildung der ersten Traumsituation 
abgegeben hat, fällt in meine erste Studentenzeit. In einem deut- 
schen Studentenvereine gab es eine Diskussion über das Verhältnis 
der Philosophie zu den Naturwissenschaften. Ich grüner Junge, der 
materialistischen Lehre voll, drängte mich vor, um einen höchst ein- 
seitigen Standpunkt zu vertreten. Da erhob sich ein überlegener älterer 
Kollege, der seitdem seine Fähigkeit erwiesen hat, Menschen zu len- 
ken und Massen zu organisieren, der übrigens auch einen Namen aus 
dem Tierreiche trägt, und machte uns tüchtig herunter; auch er habe 
in seiner Jugend die Schweine gehütet und sei dann reuig ins Vater- 
haus zurückgekehrt. Ich fuhr auf (wie im Traume), wurde sau- 
grob und antwortete, seitdem ich wüßte, daß er die Schweine ge- 
hütet, wunderte ich mich nicht mehr über den Ton seiner Re- 
den. (Im Traume wundere ich mich über meine deutschnationale Ge- 
sinnung.) Großer Aufruhr; ich wurde von vielen Seiten aufgefordert, 
meine Worte zurückzunehmen, blieb aber standhaft. Der Beleidigte 
war zu verständig, um das Ansinnen einer Herausforderung, das 
man an ihn richtete, anzunehmen, und ließ die Sache ! auf sich beruhen. 
Die übrigen Elemente der Traumszene stammen aus tieferen 
Schichten. Was soll es bedeuten, daß der Graf den „Huflattich" 
proklamiert? Hier muß ich meine Assoziationsreihe befragen. Huf- 
lattich — lattic© — Salat — Salathund (der Hund, der anderen 
nicht gönnt, was er doch selber nicht frißt). Hier sieht man durch 
auf einen Vorrat an Schimpfwörtern: Gir-affe, Schwein, Sau, 
Hund; ich wüßte auch auf dem Umwege über einen Namen zu einem 
Esel zu gelangen und damit wieder zu einem Hohn auf einen aka- 
demischen Lehrer. Außerdem übersetze ich mir — ich weiß nicht, 
ob mit Recht — Huflattich mit „pisse- en : lit"; die Kenntnis 
kommt mir aus dem Germinal Zolas, in dem die Kinder auf- 

10* 



148 V. Das Traummaterial und die Traum quellen. 

gefordert werden, solchen Salat mitzubringen. Der Hund — einen — 
enthält in seinem Namen einen Anklang an die größere Funktion 
(chier, wie pisser für die kleinere). Nun werden wir bald das 
Unanständige in allen drei Aggregatzuständen beisammen haben; denn 
im selben Germina 1, der mit der künftigen Revolution genug zu tun 
hat, ist ein ganz eigentümlicher "Wettkampf beschrieben, der sich auf 
die Produktion gasförmiger Exkretionen. Flatus genannt, bezieht*. 
Und nun muß ich bemerken, wie der Weg zu diesen Flatus seit langem 
angelegt ist, von den Blumen aus über das spanische Verslein, 
die Isabelita, zu Isabella und Ferdinand, über Heinrich VIII., 
die englische Geschichte zum Kampfe der Armada gegen England, 
nach dessen siegreicher Beendigung die Engländer eine Medaille präg- 
ten mit der Inschrift: Afflavit et dissipati sunt, da 'der Sturmwind 
die spanische Flotte zerstreut hatte- Diesen Spruch gedachte ich aber 
zur halb scherzhaft gemeinten Überschrift des Kapitels „Therapie" 
zu nehmen, wenn ich je dazu gelangen sollte, ausführliche Kunde 
von meiner Auffassung und Behandlung der Hysterie zu geben. 

Von der zweiten Szene des Traumes kann ich eine so ausführ- 
liche Auflösung nicht geben, und zwar aus Rücksichten der ,Zensnr. 
Ich setze mich hier nämlich an die Stelle eines hohen Herrn jener 
Revolutionszeit, der auch ein Abenteuer mit einem Adler gehabt, 
an Incontinentia alvi gelitten haben soll u. dgl., und ich glaube, ich 
wäre nicht berechtigt, hier die Zensur zu passieren, obwohl 
ein Hof rat (Aula, consiliarius aulieus) mir den größeren Teil 
jener Geschichten erzählt hat. Die Reihe von Zimmern im Traume, 
verdankt ihre Anregung dem Salomvagen Sr. Exzellenz, in den ich 
einen Moment hineinblicken konnte; sie bedeutet aber, wie so häufig 
im Traume, Frauenzimmer (ärarische Frauenzimmer). Mit der 
Person der Haushälterin statte ich einer geistreichen älteren Dame 
schlechten Dank für die Bewirtung und die vielen guten Geschichten 
ab, die mir in ihrem Hause geboten worden sind. ; — Der Zug mit 
der Lampe geht auf Grillparze r zurück, der ein reizendes Erlebnis 
ähnlichen Inhaltes notiert, und dann in Hero und Leander (des 
Meeres und der Liebe "Wellen — die Armada und der Sturm) 
verwendet hat**. 

Auch die detaillierte Analyse der beiden übrigen Traumstüeke 
muß ich zurückhalten; ich werde nur jene Elemente herausgreifen, 
die zu den beiden Kinderszenen führen, um deren Willen ich den 
Traum überhaupt aufgenommen habe. Man wird mit Recht vermuten, 
daß es sexuelles Material ist, welches mich zu dieser Unterdrückung 
nötigt; man braucht sich aber mit dieser Aufklärung nicht zufrieden 

* Nicht im Germina], sondern in La Terre. Ein Irrtum, der mir erst 
nach der Analyse bemerklich wird. — Ich mache übrigens auf die identischen 
Buchstaben in Huflattich und Flatus aufmerksam. 

** An diesem Teil des Traumes hat H. Silber er in einer inhaltsreichen 
Arbeit (Phantasie und Mythos, 1910) zu zeigen versucht, daß die Traumarbeit, 
nicht nur die latenten Traumgedanken, sondern auch die psychischen Vorgänge 
bei der Traumbildung wiederzugeben vermöge. („Das funktionale Phänomen".) 
Ich meine aber, er übersieht dabei, daß die ..psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bild ung" für mich ein Gedanken material sind wie alles andere. In diesem über- 
mütigen Traum bin ich offenbar stolz darauf, diese Vorgänge entdeckt zu haben. 



Infantiles Material asuni revolutionären Traum. X4<j 

zu geben. Man macht doch sich selbst aus vielem kein Geheimnis, 
was man vor anderen als Geheimnis behandeln muß, und hier handelt 
es sich nicht um die Gründe, die mich nötigen, die Lösung zu ver- 
bergen, sondern um die Motive der inneren Zensur, welche den eigent- 
lichen Inhalt des Traumes vor mir selbst verstecken. Ich muß also 
darum sagen, daß die Analyse diese drei Traumstücke als 'impertinente 
Prahlereien, als Ausfluß eines lächerlichen, in meinem wachen Leben 
längst unterdrückten Größenwahnes erkennen läßt, der sich mit ein- 
zelnen Ausläufern bis in den manifesten Trauminhalt wagt (ich 
komme mir schlau vor), allerdings die übermütige Stimmung des 
Abends vor dem Träumen trefflich verstehen läßt- Prahlerei zwar auf 
allen Gebieten; so geht die Erwähnung von Graz auf |die Redensart: 
Was kostet Graz? in der man sich gefällt, wenn man sich über- 
reich mit Geld versehen glaubt. Wer an Meister Itabeiais' unüber- 
troffene Schilderung von dem Leben und Taten des Gargantua ,und 
seines Sohnes Pantagruel denken will, wird auch den angedeuteten 
Inhalt des ersten Traumstückes unter die Prahlereien einreihen können. 
Zu den zwei versprochenen Kinderszenen gehört aber folgendes: Ich 
hatte für diese Reise einen neuen Koffer gekauft, dessen .Farbe, ein 
Braunviolett, im Traum? mehrmals auftritt (violettbraune Veil- 
chen aus starrem Stoffe neben einem Dinge, das man „Mädchenfänger' 
heißt — die Möbel in den Regierungszimmern). Daß man mit etwas 
Neuem den Leuten auffällt, ist ein bekannter Kinderglaube. Nun 
ist mir folgende Szene aus meinem Kinderleben erzählt worden, deren 
Erinnerung ersetzt ist durch die Erinnerung an die Erzählung. Ich 
soll — im Alter von zwei Jahren — noch gelegentlich das Bett 
naß gemacht haben* und als ich dafür Vorwürfe zu hören bekam, 
den Vater durch das Versprechen getröstet haben, daß ich ihm in 
N. (der nächsten größeren Stadt) ein neues schönes, rotes Bett 
kaufen, werde. (Daher im Traume die Einschaltung, daß wir (das Glas 
in der Stadt gekauft haben oder kaufen mußten; Avas man 
versprochen hat, muß man halten) (Man beachte übrigens die Zu- 
sammenstellung des männlichen Glases und des weiblichen Koffers, 
box.) Der ganze Größenwahn des Kindes ist in diesem Versprechen 
enthalten. Die Bedeutung der Harnschwierigkeiten des Kindes für den 
Traum, ist uns bereits bei einer früheren Traumdeutung (vgl., den 
Traum S. 139) aufgefallen. Aus den Psychoanalysen an Neurotischen 
haben wir auch den intimen Zusammenhang des Bettnässens mit dem 
Charakterzug des Ehrgeizes erkannt. 

Dann gab es aber einmal einen anderen häuslichen Anstand, als 
ich sieben oder acht Jahre alt war, an den. ich mich sehr wohl erinnere. 
Ich setzte mich abends vor dem Schlafengehen über das Gebot der 
Diskretion hinweg, Bedürfnisse nicht im Schlafzimmer der Htern in 
deren Anwesenheit zu verrichten, und der Vater ließ in seiner Straf- 
rede darüber die Bemerkung fallen: aus dem Buben wird nichts wer- 
den. Es muß eine furchtbare Kränkung für meinen Ehrgeiz gewesen 
sein, denn Anspielungen an diese Szene kehren immer in meinen 
Träumen wieder und sind regelmäßig mit Aufzählung meiner Leistun- 
gen und Erfolge verknüpft, als wollte ich sagen: Siehst du, ich bin 
doch etwas geworden. Diese Kinderszene gibt nun den Stoff für das 



150 V. L> 118 Trauuimatciiul und die Tr;iuiiii|uellen. 

letzte Bild des Traumes, in dem natürlich zur Rache die Hollen ver- 
tauscht sind. Der ältere Mann, offenbar der Vater, da die Blindheit 
auf einem Auge sein einseitiges Glaukom bedeutet*, uriniert jetzt 
vor mir, wie ich damals vor ihm. Mit dem Glaukom mahne ich ihn 
an das Kokain, daß ihm bei der Operation zu gute kam, als hätte ich 
damit mein Versprechen erfüllt. Außerdem mache ich mich über ihn 
lustig; weil er blind ist, muß ich ihm das Glas vorhalten und 
schwelge in Anspielungen auf meine Erkenntnisse in der Lehre von 
der Hysterie, auf die ich stolz bin**. 

Wenn die beiden Urinierszenen aus der Kindheit bei mir ohne- 
dies mit dem Thema der Größensucht eng verbunden sind, so kam 
ihrer Erweckung auf der Reise nach Aussee noch der zufällige Um- 
stand zu gute, daß mein Coupe kein Kloset besaß, und ich vorbereitet 
sein mußte, während der Fahrt in Verlegenheit zu kommen, was dann 
am Morgen auch eintraf. Ich erwachte dann mit den .Empfindungen 
des körperliehen Bedürfnisses. Ich meine, man könnte geneigt sein, 
diesen Empfindungen die Bolle des eigentlichen Traumerregers zuzu- 

* Andere Deutung: Er ist einäugig wie Odhin, der Göttervater. — 
Odhins Trost. — Der Trost aus der Kinderszene, daß ich ihm ein neues 
Bett kaufen werde. 

** Dazu einiges Deutungsmaterial: Das Vorhalten des Glases erinnert an 
die Geschichte vom Bauern, der beim Optiker Glas nach Glas versucht, aber nicht 
lesen kann. — (Bauernfänger — Mädchenfänger im vorigen Traumstück.) 
— Die Behandlung des schwachsinnig gewordenen Vaters bei den Bauern in 
Zolas La Terre. — Die traurige Genugtuung, daß der Vater in seinen letzten 
Lebenstagen wie ein Kind das Bett beschmutzt hat; daher bin ich im Traume 
sein Krankenpfleger. — „Denken und Erleben sind hier gleichsam eins - ' er- 
innert an ein stark revolutionäres Buchdrama von Oskar Panizza, in dem 
Gottvater als paralytischer Greis schmählich genug behandelt wird; dort heißt 
es: Wille und Tat sind bei ihm eins, und er muß von seinem Erzengel, einet: 
Art Ganymed, abgehalten werden zu schimpfen und zu fluchen, weil diese Ver- 
wünschungen sich sofort erfüllen würden. — Das Pläne machen ist. ein aus 
späterer Zeit der Kritik stammender Vorwurf gegen den Vater, wie überhaupt 
der ganze rebellische, majestätsbeleidigende und die hohe Obrigkeit verhöhnende 
Inhalt des Traumes auf Auflehnung gegen den Vater zurückgeht. Der Fürst 
heißt Landesvaler, und der Vater ist die älteste, erste, für das Kind einzige 
Autorität, aus dessen Machtvollkommenheit im Laufe der menschlichen Kultirr- 
geschichte die anderen sozialen Obrigkeiten hervorgegangen sind (insofern nic!,t 
das „Mutterrechf zur Einschränkung dieses Satzes nötigt.) — Die Passung im 
Traume „Denken und Erleben sind Eins", zielt auf die Erklärung der hysterischen 
Symptome, zu der auch das männliche Glas eine Beziehung hat. Einem 
Wiener brauchte ich das Prinzip des „Gschnas" nicht auseinanderzusetzen; 
es besteht darin, Gegenstände von seltenem und wertvollem Ansehen aus trivi- 
alem, am liebsten komischem und wertlosem Material herzustellen, z. B. Rüstun- 
gen aus Kochtöpfen, Strohwischen und Salzstangeln, wie es unsere Künstler an 
ihren lustigen Abenden lieben. Ich hatte nun gemerkt, daß die Hysterischen 
es ebenso machen; neben dem, was ihnen wirklich zugestoßen ist, gestalten sie 
sich unbewußt gräßliche oder ausschweifende Phantasiebegebenheiten, die sie 
aus dem harmlosesten und banalsten Material des Erlebens aufbauen. An diesen 
Phantasien hängen erst die Symptome, nicht an den Erinnerungen der wirk- 
lichen Begebenheiten, seien diese nun ernsthaft oder gleichfalls harmlos. Diese 
Aufklärung hatte mir über viele Schwierigkeiten hinweggeholfen und machte 
mir viel Freude. Ich konnte sie mit dem Traumelement des „männlichen 
Glases" andeuten, weil mir von dem letzten „Gschnasabend" erzählt worden 
war, es sei dort ein Giftbecher der Lukrezia Borgia ausgestellt gewesen, dessen 
Kern und Hauptbestandteil ein Uringlas für Männer, wie es in den Spitälern 
gebräuchlich ist, gebildet hätte. 






Die wiihrsclioinliclic Bolle dea Infantilen für die 'frauinbildiing. 151 

weisen, würde alier einer anderen Auffassung den Vorzug" geben, 
nämlich, daß die Traumgedanken erst den Harndrang hervorgerufen 
haben. Es ist bei mir ganz ungewöhnlich, daß ich durch irgend pin 
Bedürfnis im Schlafe gestört werde, am wenigsten um die Zeit dieses 
Erwachens, 3 / 4 3 Uhr morgens. Einem weiteren Einwand begegne ich 
durch die Bemerkung, daß ich auf anderen Reisen unter bequemeren 
Verhältnissen fast niemals den Harndrang nach frühzeitigem Erwachen 
verspürt habe. Übrigens kann ich diesen Punkt auch ohne Schaden 
unentschieden lassen. 

Seitdem ich ferner durch Erfahrungen bei der Traumanalyse auf- 
merksam gemacht worden bin, daß auch von Träumen, deren Deu- 
tung zunächst vollständig erscheint, weil Traumquellen und AVunsch- 
erreger leicht nachweisbar sind, — daß auch von solchen Träumen 
wichtige Gedankenfäden ausgehen, die bis in die früheste Kindheit 
hineinreichen, habe ich mich fragen müssen, ob nicht auch in diesem 
Zuge eine wesentliche Bedingung des Träumens gegeben ist. "Wenn 
ich diesen Gedanken verallgemeinern dürfte, so käme jedem Traum 
in seinem manifesten Inhalt eine Anknüpfung an das rezent Erlebte 
zu, in seinem latenten Inhalt aber eine Anknüpfung an das älteste 
Erlebte, von dem ich bei der Analyse der Hysterie wirklich zeigen 
kann, daß es in gutem Sinne bis auf die Gegenwart rezent geblieben 
ist. Diese Vermutung erscheint aber noch recht schwer erweislich; 
ich werde auf die wahrscheinliche Rolle frühester Kindheitserlebnisse 
für die Traumbildung noch in anderem Zusammenhang (Ab- 
schnitt VII) zurückkommen müssen. 

Von den drei eingangs betrachteten Besonderheiten des Traum- 
gedäehtnisses hat sich uns die eine — die Bevorzugung des Neben- 
sächlichen im Trauminhalt — durch ihre Zurückführung auf die 
Traumentstellung befriedigend gelöst. Die beiden anderen, die 
Allszeichnung des Rezenten wie des Infantilen haben wir bestätigen, 
aber nicht aus den Motiven des Träumens ableiten können. AVir wollen 
diese beiden Charaktere, deren Erklärung oder Verwertung uns er- 
übrigt, im Gedächtnis behalten; sie werden anderswo ihre Einreihung 
finden müssen, entweder in der Psychologie des Schlafzustandes oder 
bei jenen Erwägungen über den Aufbau des seelischen Apparates, die 
wir später anstellen werden, wenn wir gemerkt haben, daß man durch 
die Traumdeutung wie durch eine Fensterlücke in das Innere des- 
selben einen Blick werfen kann. 

Ein anderes Ergebnis der letzten Traumanalysen will ich aber 
gleich hier hervorheben. Der Traum erscheint häufig mehrdeutig; 
es können nicht nur, wie Beispiele zeigen, mehrere Wunscherfüllungen 
nebeneinander in ihm vereinigt sein; es kann auch ein Sinn, eine 
AVunscherfüllung die andere decken, bis man zu unterst auf die 
Erfüllung eines "Wunsches aus der ersten Kindheit stößt; und auch 
hier wieder die Erwägung, ob in diesem Satze das „häufig" nicht 
richtiger durch „regelmäßig" zu ersetzen ist*. 

* Die Übereinandcrschichtung der Bedeutungen des Traumes ist eines der 
heikelsten, aber auch inhaltsreichsten Probleme der Traumdeutung. Wer an diese 
Möglichkeit vergißt, wird leicht irregehen und zur Aufstellung unhaltbarer Be- 
hauptungen über das Wesen des Traumes verleitet werden. Doch sind über dieses 



152 V. Das Traumuuiterial und die Traumquellen. 

c) Die somatischen Traumquellen. 

Wenn man den Versuch macht, einen gebildeten Laien für die 
Probleme des Träumens zu interessieren, und in dieser Absicht die 
Frage an ihn richtet, aus welchen Quellen wohl nach seiner Meinung 
die Träume herrühren, so merkt man zumeist, daß der Gefragte im 
gesicherten Besitze eines Teiles der Lösung zu sein vermeint. Er ge- 
denkt sofort des Einflusses, den gestörte oder beschwerte Verdauung 
(„Träume kommen aus dem Magen"), zufällige Körperlage und kleine 
Erlebnisse während des Schlafens auf die Traumbildung äußern, und 
scheint nicht zu ahnen, daß nach Berücksichtigung all dieser Momente 
etwas der Erklärung Bedürftiges noch erübrigt. 

Welche Rolle für die Traumbildung die wissenschaftliche Lite- 
ratur den somatischen Beizquellen zugesteht, haben wir im einleiten- 
den Abschnitt (S. 15 u. ff.) ausführlich auseinandergesetzt, so daß wir 
uns liier nur an die Ergebnisse dieser Untersuchung zu erinnern 
brauchen. Wir haben gehört, daß dreierlei somatische Beizquellen 
unterschieden werden, die von äußeren Objekten ausgehenden objek- 
tiven Sinnesreize, die nur subjektiv begründeten inneren Erregungs- 
zustände der Sinnesorgane und die aus dem Körperinnern stammenden 
Leibreize, und wir haben die Neigung der Autoren bemerkt, neben 
diesen somatischen Reizquellen etwaige psychische Quellen des Trau- 
mes in den Hintergrund zu drängen oder ganz auszuschalten (S. 29). 
Bei der Prüfung der Ansprüche, welche zu Gunsten dieser Klassen 
von somatischen Reizquellen erhoben werden, haben wir erfahren, 
daß die Bedeutung der objektiven Sinnesorganerregungen — teils 
zufällige Reize während des Schlafes, teils solche, die sich auch vom 
schlafenden Seelenleben nicht fern halten lassen — durch zahlreiche 
Beobachtungen sichergestellt wird und durch das Experiment eine 
Bestätigung erfährt (S. 17), daß die Rolle der subjektiven Sinnes- 
erregungen durch die Wiederkehr der hypnagogischen Sinnesbilder in 
den Träumen (S. 22) dargetan erscheint, und daß die im weitesten 
Umfang angenommene Zurückführung unserer Traumbilder und 
Traumvorstellungen auf inneren Leibreiz zwar nicht in ihrer ganzen 
Breite beweisbar ist, aber sich an die allbekannte Beeinflussung an- 
lehnen kann, welche der Erregungszustand der Digestions-, Harn- 
und Sexualorgane auf den Inhalt unserer Träume ausübt. 

„Nervenreiz" und „Leibreiz" wären also die somatischen 
Quellen des Traumes, d. h. nach mehreren Autoren die i einzigen Quel- 
len des Traumes überhaupt. l 

Wir haben aber auch bereits einer Reihe von Zweifeln Gehör 
geschenkt, welche nicht sowohl die Richtigkeit als vielmehr die Zu- 
länglichkeit der somatischen Reiztheorie anzugreifen schienen. 

So sicher sich alle Vertreter dieser Lehre bezüglich deren tat- 
sächlichen Grundlagen fühlen mußten — zumal soweit die akziden- 
tellen und äußeren Nervenreize in Betracht kommen, die im Traum- 
inhalt wie derzufinden keinerlei Mühe erfordert — , so blieb doch 

Thema noch viel zu wenige Untersuchungen angestellt worden. Bisher hat nur 
die ziemlich regelmäßige Symbolschichtung im Harnreiztraume eine gründliche 
Würdigung durch 0. Bank erfahren (s. u.). 



Die somatischen Traamquellen nach den Autoren. 153 

keiner der Einsicht fern, daß der reiche Vorstellungsinhalt der Träume 
eine Ableitung aus den äußeren Nervenreizen allein wohl nicht zu- 
lasse. Miß Mary WM ton Calkins hat ihre eigenen Träume und 
die einer zweiten Person durch sechs Wochen hindurch von diesem 
Gesichtspunkte aus geprüft und nur 13 - 2<y respektive 67 % ge- 
funden, in denen das Element äußerer Sinneswahrnehmung nach- 
weisbar war ; nur zwei Fällo der Sammlung ließen sich tauf organische 
Empfindungen zurückfüliren. Die Statistik bestätigt uns hier, was 
uns bereits eine flüchtige Überschau unserer eigenen Erfahrungen 
hatte vermuten lassen. 

Man beschied sich vielfach, den „Nervenreiztraum" als eine gut 
erforschte Unterart des Traumes vor anderen Traumformen hervorzu- 
heben. Spitta trennte die Träume in Nervenreiz- und Assozia- 
tionstraum. Es war aber klar, daß die Lösung unbefriedigend 
blieb, solange es nicht gelang, das Band zwischen den somatischen 
Traumquellen und dem Vorstellungsinhalt des Traumes nachzuweisen. 

Neben den ersten Einwand, der Unzulänglichkeit in der 
Häufigkeit der äußeren Reizquellen, stellt sich so als zweiter die 
Unzulänglichkeit in der Aufklärung des Traumes, die durch die 
Einführung dieser Art von Traumquellen zu erreichen ist. Die Ver- 
treter der Lehre sind uns zwei solcher Aufklärungen schuldig, .erstens 
warum der äußere Reiz im Traume nicht in seiner wirklichen Natur 
erkannt, sondern regelmäßig verkannt wird (vgl. die Weckerträume, 
S. 19), und zweitens warum das Resultat der Reaktion der wahr- 
nehmenden Seele auf diesen verkannten Reiz so unbestimmbar wechsel- 
voll ausfallen kann. Als Antwort auf diese Frage haben wir von 
Strümpell gehört, daß die Seele infolge ihrer Abwendung von der 
Außenwelt während des Schlafes nicht im Stande ist, die richtige 
Deutung des objektiven Sinnesreizes zu geben, sondern genötigt wird, 
auf Grund der nach vielen Richtungen unbestimmten Anregung Illu- 
sionen zu bilden, in seinen Worten ausgedrückt (p. 108) : 

„Sobald durch einen äußeren oder inneren Nervenreiz während 
des Schlafes in der Seele eine Empfindung oder ein Empfindungs- 
komplex, ein Gefühl, überhaupt ein psychischer Vorgang entsteht und 
von der Seele perzipiert wird, so ruft dieser Vorgang aus dem der 
Seele vom Wachen her verbliebenen Erfahrungskreise Empfindungs- 
bilder, also frühere Wahrnehmungen, entweder nackt oder mit zu- 
gehörigen psychischen Werten hervor. Er sammelt gleichsam um sich 
eine größere oder kleinere Anzahl solcher Bilder, durch welche der 
vom Nervenreiz herrührende Eindruck seinen psychischen Wert be- 
kommt. Man sagt gewöhnlich auch hier, wie es der Sprachgebrauch 
für das wache Verhalten tut, daß die Seele im .Schlafe die Nervenreiz- 
eindrücke deute. Das Resultat dieser Deutung ist der sogenannte 
Nervenreiztraum, d .h. ein Traum, dessen Bestandteile dadurch 
bedingt sind, daß ein Nervenreiz nach den Gesetzen der Reproduktion 
seine psychische Wirkung im Seelenleben vollzieht." 

In allem Wesentlichen mit dieser Lehre identisch ist die Äußerung 
von Wundt, die Vorstellungen des Traumes gehen jedenfalls zum 
größten Teil von Sinnesreizen aus, namentlich auch von solchen des 
allgemeinen Sinnes, und sind daher zumeist phantastische Illusionen, 



]54 V. Das Tniuiiimateriiil uud diu Trauiuquellen. 

wahrscheinlich nur zum kleineren Teil reine, zu Halluzinationen ge- 
steigerte Erinnerungsvorstellungen. Für das Verhältnis des Traum- 
inhaltes zu den Traumreizen, welches sich nach dieser Theorie ergibt, 
findet Strümpell das treffliche Gleichnis (p. 84), es sei, wie „wenn 
die zehn Finger eines der Musik ganz unkundigen Menschen über die 
Tasten des Instruments hinlaufen". Der Traum erschiene so nicht als 
ein seelisches Phänomen, aus psychischen Motiven entsprungen, son- 
dern als der Erfolg eines physiologischen Reizes, der sich in psychi- 
scher Symptomatologie äußert, weil der vom Reize betroffene Apparat 
keiner anderen Äußerung fähig ist. Auf eine ähnliche Voraussetzung 
ist z. B. die Erklärung der Zwangsvorstellungen aufgebaut, die Mey- 
nert durch das berühmte Gleichnis vom Zifferblatt, auf dem ein- 
zelne Zahlen stärker gewölbt vorspringen, zu geben versuchte. 

So beliebt diese Lehre von den somatischen Traumreizen ge- 
worden ist und so bestechend sie erscheinen mag, so ist es doch leicht, 
den schwachen Punkt in ihr aufzuweisen. Jeder somatische Traum- 
reiz, welcher im .Schlafe d en seelischen Apparat zur Deutung durch 
Illusionsbildung auffordert, kann ungezählt viele solcher Deutungs- 
versuche anregen, also in ungemein verschiedenen Vorstellungen seine 
Vertretung im Trauminhalt erreichen*. Die Lehre von Strümpell 
und "Wundt ist aber unfähig, irgend ein Motiv anzugeben, welches 
die Beziehung zwischen dem äußeren Reiz und der zu seiner Deutung 
gewählten Traumvorstellung regelt, also die „sonderbare Auswahl" zu 
erklären, welche die Reize „oft genug bei ihrer reproduktiven jWirk- 
samkeit treffen". (Lipps, Grundtatsachen des Seelenlebens, p. 170.) 
Andere Einwendungen richten sich gegen die Grundvoraussetzung der 
ganzen Illusionslehre, daß die Seele im Schlafe nicht in 'der Lage sei, 
die wirkliche Natur der objektiven Sinnesreize zu erkennen. Der alte 
Physiologe Burdach beweist uns, daß die Seele auch im Schlafe 
sehr wohl fähig ist, die an sie gelangenden Sinneseindrücke richtig 
zu deuten und der richtigen Deutung gemäß zu reagieren, indem 
er ausführt, daß man gewisse, dem Individuum wichtig erscheinende 
Sinneseindrücke von der Vernachlässigung während des Schlafes 
ausnehmen kann (Amme und Kind), und daß man durch den eigenen 
Namen weit sicherer geweckt wird als durch einen gleichgültigen 
Gehörseindruck, was ja "voraussetzt, daß die Seele auch im Schlafe 
zwischen den Sensationen unterscheidet (Abschnitt I, S. 37). Bur- 
dach folgert aus diesen Beobachtungen, daß während des Schlaf - 
zustandes nicht eine Unfähigkeit, die Sinnesreize zu deuten, sondern 
ein Mangel an Interesse für sie anzunehmen ist. Die nämlichen 
Argumente, die Burdach 1830 verwendet, kehren dann zur Be- 
kämpfung der somatischen Reiztheorie unverändert bei Lipps im 
Jahre 1883 wieder. Die Seele erscheint uns demnach wie der Schläfer 
in der Anekdote, der auf die Frage „Schläfst du" antwortet „Nein", 



* Ich möchte jedermann raten, die in zwei Bänden gesammelten, ausführ- 
lichen nnd genauen Protokolle experimentell erzeugter Träume von Mourly 
Vold durchzulesen, um sich zu überzeugen, wie wenig Aufklärung der Inhalt 
des einzelnen Traumes in den angegebenen Versuchsbedingungen findet, und wie 
gering überhaupt der Nutzen solcher Experimente für das Verständnis der Traum- 
probleme ist. 



Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Triuiinreizen. 155 

nach der zweiten Anrede, „dann leih' mir zehn Gulden" aber sich 
hinter der Ausrede verschanzt: „Ich schlafe". 

Die Unzulänglichkeit der Lehre von den somatischen Traum- 
reizen läßt sieh auch auf andere Weise dartun. Die Beobachtung; 
zeigt, daß ich durch äußere Reize nicht zum Träumen genötigt 
werde, wenngleich diese Reize im Trauminhalt erscheinen, sobald 
und für den Fall, daß ich träume. Gegen einen Haut- oder Druck- 
reiz etwa, der mich im Schlafe befällt, stehen mir verschiedene 
Reaktionen zu Gebote. Ich kann ihn überhören und dann beim Er- 
wachen finden, daß z. B. ein Bein unbedeckt oder ein Arm gedrückt 
war; die Pathologie zeigt mir ja die zahlreichsten Beispiele, daß 
verschiedenartige und kräftig erregende Empfindungs- und Bewegungs- 
reize während des Schlafes wirkungslos bleiben. Ich kann die Sen- 
sation während des Schlafes verspüren, gleichsam durch den Schlaf 
hindurch, wie es in der Regel mit schmerzhaften Reizen geschieht, 
aber ohne den Schmerz in einen Traum zu verweben; und ich kann 
drittens auf den Reiz erwachen, um ihn zu beseitigen*. Erst eine vierte 
mögliche Reaktion ist, daß ich durch den Nervenreiz zum Traum 
veranlaßt werde; die anderen Möglichkeiten werden aber mindestens 
ebenso häufig vollzogen wie die der Traumbildung. Dies könnte nicht 
geschehen, wenn nicht das Motiv des Träumens außerhalb der 
somatischen Reizquellen läge. 

In gerechter "Würdigung jener oben aufgedeckten Lücke in der 
Erklärung des Traumes durch somatische Reize haben nun andere 
Autoren — Scherner, dem der Philosoph Volkelt sich anschloß — 
die Seelentätigkeiten, welche aus den somatischen Reizen die bunten 
Traumbilder entstehen lassen, näher zu bestimmen gesucht, also doch 
wieder das Wesen des Träumens ins Seelische und in eine psychische 
Aktivität verlegt. Scherner gab nicht nur eine poetisch nach- 
empfundene, glühend belebte Schilderung der psychischen Eigentüm- 
lichkeiten, die sich bei der Traumbildung entfalten; er glaubte auch 
das Prinzip erraten zu haben, nach dem die Seele 'mit den ihr dar- 
gebotenen Reizen verfährt. In freier Betätigung der ihrer Tages- 
fesseln entledigten Phantasie strebt nach Scherner die Traumarbeit 
dahin, die Natur des Organs, von dem der Reiz ausgeht, und die 
Art dieses Reizes symbolisch darzustellen. Es ergibt sich so eine 
Art von Traumbuch als Anleitung zur Deutung der Träume, mittels 
dessen aus Traumbildern auf Körpergefühle, Organzustände und Reiz- 
zustände geschlossen werden darf. „So drückt das Bild der Katze 
die ärgerliche Mißstimmung des Gemütes aus, das Bild des hellen 
und glatten Gebäcks die Leibesnacktheit. Der menschliche Leib als 
Ganzes wird von der Traumphantasie als Haus vorgestellt, das ein- 
zelne Körperorgan durch einen Teil des Hauses. In den .Zahnreiz- 
träumen' entspricht dem Mundorgan ein hochgewölbter Hausflur 
und dem Hinabfall des Schlundes zur Speiseröhre eine Treppe, im 
.Kopfschmerztraum' wird zur Bezeichnung der Höhenstellung des 

* Vgl. hiezu K. Landauer, Handlungen des Schlafenden (Zeitsehr. f. d. 
gcs. Neurologie und Psychiatrie, XXXIX, 1918). Es gibt für jeden Beobachter 
sichtbare, sinnvolle Handlungen des Schlafenden. Der Schläfer ist nicht ab- 
solut verblödet, im Gegenteil: er vermag logisch und willensstark zu handeln. 



]jß V. Das Tranmmaterial und die Traomqaelleiu 

Kopfes die Decke eines Zimmers gewählt, welche mit ekelhaften, 
krötenartigen Spinnen bedeckt ist" (p. 39). „Diese Symbole werden 
vom Traume in mehrfacher Auswahl für das nämliche Organ ver- 
wendet; so findet die atmende Lunge in dem flammenerfüllten Ofen 
mit seinem Brausen ihr Symbol, das Herz in hohlen Kisten und 
Körben, die Harnblase in runden, beutclförmigen oder überhaupt 
nur ausgehöhlten Gegenständen. Besonders wichtig ist es, daß am 
Schlüsse des Traumes öfter das erregende Organ oder dessen Funktion 
unverhüllt hingestellt wird, und zwar zumeist an dem eigenen Leibe 
des Träumers. So endet der ,Zahnreiztraum' gewöhnlich damit, daß 
der Träumer sich einen Zahn aus dem Munde zieht" (p. 35). Man kann 
nicht sagen, daß diese Theorie der Traumdeutung viel Gunst bei den 
Autoren gefunden hat. Sie erschien vor allem extravagant; man hat 
selbst gezögert, das Stück Berechtigung herauszufinden, das sie nach 
meinem Urteil beanspruchen darf. Sie führt, wie man sieht, zur 
"Wiederbelebung der Traumdeutung mittels Symbolik, deren sich 
die Alten bedienten, nur daß das Gebiet, aus welchem die Deutung 
geholt werden soll, auf den Umfang der menschlichen Leiblichkeit 
beschränkt wird. Der Mangel einer wissenschaftlich faßbaren Technik 
bei der Deutung muß die Anwendbarkeit der S eherner sehen Lehre 
schwer beeinträchtigen. Willkür in der Traumdeutung scheint keines- 
wegs ausgesclüossen, zumal da auch hier ein Heiz sich in mehr- 
fachen Vertretungen im Trauminhalt äußern kann ; so hat bereits 
Scherners Anhänger Volkelt die Darstellung des Körpers als Haus 
nicht bestätigen können. Es muß auch Anstoß erregen, daß hier 
wiederum der Seele die Traumarbeit als nutz- und ziellose .Betätigung 
auferlegt ist, da sich doch nach der in Bede stehenden Lehre die 
Seele damit begnügt, über den sie beschäftigenden Beiz zu phantasie- 
ren, ohne daß etwas wie eine Erledigung des Beizes in der Ferne 
winkte. 

Von einem Einwand aber wird die Sehern ersehe Lehre der 
Symbolisier ung von Leibreizen durch den Traum schwer getroffen. 
Diese Leibreize sind jederzeit vorhanden, die Seele ist für sie nach 
allgemeiner Annahme während des Schlafens zugänglicher als im 
Wachen. Man versteht dann nicht, warum die Seele nicht kontinuier- 
lich die Nacht hindurch träumt, und zwar jede Nacht von allen 
Organen. Will man sich diesem Einwand durch die Bedingung ent- 
ziehen, es müßten vom Auge, Ohre, von den Zähnen, Därmen usw. be- 
sondere Erregungen ausgehen, um die Traumtätigkeit zu wecken, 
so steht man vor der Schwierigkeit, diese Beizsteigerungen als ob- 
jektiv zu erweisen, was nur in einer geringen Zahl von Fällen möglich 
ist. Wenn der Traum vom Fliegen eine Symbolisierung des Auf- 
und Niedersteigens der Lungenflügel bei der Atmung bedeutet, so 
müßte etweder dieser Traum, wie schon Strümpell bemerkt, weit 
häufiger geträumt werden oder eine gesteigerte Atmungstätigkeit wäh- 
rend dieses Traumes nachweisbar sein. Es ist noch ein dritter Fall 
möglich, der wahrscheinlichste von allen, daß nämlich zeitweise be- 
sondere Motive wirksam sind, um den gleichmäßig vorhandenen visze- 
ralen Sensationen Aufmerksamkeit zuzuwenden, aber dieser Fall führt 
bereits über die Sehern er sehe Theorie hinaus. 






Die Sehern ersehe Leibreiztheorie. JJ>7 

Der Wert der Erörterungen von Scherner und Volkelt liegt 
darin, daß sie auf eine Reihe von Charakteren des Trauminhaltes auf- 
merksam machen, welche der Erklärung bedürftig sind und neue Er- 
kenntnisse zu verdecken scheinen. Es ist ganz richtig, daß in den 
Träumen Symbolisierungen von Körperorganen und Funktionen ent- 
halten sind, daß "Wasser im Traume häufig auf Harnreiz deutet, daß 
das männliche Genitale durch einen aufrecht stehenden Stab oder eine 
Säule dargestellt werden kann usw. In Träumen, welche ein sehr 
bewegtes Gesichtsfeld und leuchtende Farben zeigen, im Gegensatz 
zu der Mattigkeit anderer Träume, kann man die Deutung als „Ge- 
sichtsreiztraum" kaum abweisen, ebensowenig den Beitrag der Illu- 
sionsbildung in Träumen bestreiten, welche Lärm und Stimmengewirr 
enthalten. Ein Traum, wie der von Scherner, daß zwei Weihen 
schöner blonder Knaben auf einer Brücke einander gegenüberstehen, 
sich gegenseitig angreifen, dann wieder ihre alte Stellung einnehmen, 
bis endlich der Träumer sich auf eine Brücke setzt und einen langen 
Zahn aus seinem Kiefer zieht; oder ein ähnlicher von Volkelt, in 
dem zwei Reihen von Schubladen eine Rolle spielen, und der wiederum 
mit dem Ausziehen eines Zahnes endigt: dergleichen bei beiden 
Autoren in großer Fülle mitgeteilte Traumbildungen lassen es nicht 
zu, daß man die Schernersche Theorie als müßige Erfindung bei 
Seite wirft, ohne nach ihrem guten Kerne zu forschen. Es stellt sich 
dann die Aufgabe, für die vermeintliche Symbolisicrung des angeb- 
lichen Zahnreizes eine andersartige Aufklärung zu erbringen. 

Ich habe es die ganze Zeit über, welche uns die Lehre von den 
somatischen Traumquellen beschäftigte, unterlassen, jenes Argument 
geltend zu machen, welches sich aus unseren Traumanatysen ableitet. 
Wenn wir durch ein Verfahren, das andere Autoren auf ihr Material 
iui Träumen nicht angewendet haben, erweisen konnten, daß der 
Traum einen ihm eigenen "Wert als psychische Aktion besitzt, daß 
ein Wunsch das Motiv seiner Bildung wird, und daß die Erlebnisse 
des Vortages das nächste Material für seinen Inhalt abgeben, so ist 
jede andere Traumlehre, welche ein so wichtiges Untersuchungs- 
verfahren vernachlässigt und dementsprechend den Traum als eine 
nutzlose und rätselhafte psychische Reaktion auf somatische Rci/.e 
erscheinen läßt, auch ohne besondere Kritik gerichtet. Es müßte 
denn, was sehr unwahrscheinlich ist. zwei ganz verschiedene Arten 
von Träumen geben, von denen die eine nur uns, die andere nur den 
früheren Beurteilern des Traumes untergekommen ist. Es erübrigt 
nur noch, den Tatsachen, auf welche sich die gebräuchliche Lehre 
von den somatischen Traumreizen stützt, eine Unterbringung inner- 
halb unserer Traumlehre zu verschaffen. 

Den ersten Schritt hiezu haben wir bereits getan, als wir den 
Satz aufstellten, daß die Traumarbeit unter dem Zwange stehe, alle 
gleichzeitig vorhandenen Traumanregungen zu einer Einheit zu ver- 
arbeiten (S. 125). Wir sahen, daß, wenn zwei oder mehr eindrucks- 
fähige Erlebnisse vom Vortage übrig geblieben sind, die aus ihnen 
sich ergebenden Wünsche in einem Traume vereinigt werden, des- 
gleichen, daß zum Traummaterial der psychisch wertvolle Eindruck 
und die indifferenten Erlebnisse des Vortages zusammentreten, voraus- 



158 V. Das Traiimmaterial und die TraniW|nelIen. 

gesetzt, daß sich kommunizierende Vorstellungen zwischen beiden her- 
stellen lassen. Der Traum erscheint somit als Itcaktion auf alles, was 
in der schlafenden Psyche gleichzeitig als aktuell vorhanden ist. So- 
weit wir also das Traummatcrial bisher analysiert haben, erkannten 
wir es als eine Sammlung von psychischen Besten, Erinnerungsspuren, 
denen wir (wegen der Bevorzugung des rezenten und des infantilen 
Materials) einen psychologisch derzeit unbestimmbaren Charakter von 
Aktualität zusprechen mußten. Es schafft uns nun nicht viel Ver- 
legenheit vorherzusagen, was geschehen wird, wenn zu diesen Er- 
innerungsaktualitäten neues Material an Sensationen während des 
Schlafzustandes hinzutritt. Diese Erregungen erlangen wiederum eine 
Wichtigkeit für den Traum dadurch, daß sie aktuell sind; ,sie werden 
mit den anderen psychischen Aktualitäten vereinigt, um das Material 
für die Traum bildung abzugeben. Die Beize während des "Schlafes 
werden, um es andere zu sagen, in eine Wunscherfüllung verarbeitet, 
deren andere Bestandteile die uns bekannten psychischen Tagesreste 
sind. Diese Vereinigung muß nicht vollzogen werden; wir haben ja 
gehört, daß gegen körperliche Beize während des Schlafes mehr als 
eine Art des Verhaltens möglich ist. Wo sie vollzogen wird, da ist 
es eben gelungen, ein Vorstellungsmaterial für den Trauminhalt zu 
finden, welches für beiderlei Traumquellen, die somatischen wie die 
psychischen, eine Vertretung darstellt. 

Das AVesen des Traumes wird nicht verändert, wenn zu den 
psychischen Traumquellen somatisches Material hinzutritt; er bleibt 
eine Wunscherfüllung, gleichgültig wie deren Ausdruck durch das 
aktuelle Material bestimmt wird. 

Ich will hier gern© Baum lassen für eine Beihe von Eigentüm- 
lichkeiten, welche die Bedeutung äußerer Beize für den Traum ver- 
änderlich gestalten können. Ich stelle mir vor, daß ein Zusammen- 
wirken individueller, physiologischer und zufälliger, in den jeweiligen 
Umständen gegebener Momente darüber entscheidet, wie man sich in 
den einzelnen Fällen von intensiverer objektiver Beizung während des 
Schlafes benehmen wird; die habituelle und akzidentelle Schlaftiefe 
im Zusammenhalt mit der Intensität des Beizes wird es' das eine Mal 
ermöglichen, den Beiz so zu unterdrücken, daß er im Schlafe nicht 
stört, ein anderes Mal dazu nötigen, aufzuwachen, oder den Versuch 
unterstützen, den Beiz durch Verwebung in einen Traum zu über- 
winden. Der Mannigfaltigkeit dieser Konstellationen entsprechend 
werden äußere objektive Beize bei dem einen häufiger oder seltener 
im. Traume zum Ausdruck kommen als bei dem anderen. Bei mir, 
der ich ein ausgezeichneter Schläfer bin und hartnäckig daran fest- 
halte, .mich durch keinen Anlaß im Schlafe stören zu lassen, ist die 
Einmengung äußerer Erregungsursachen in die Träume sehr selten, 
während psychische Motive mich docli offenbar sehr leicht zum 
Träumen bringen. Ich habe eigentlich nur einen einzigen Traum auf- 
gezeichnet, in dem eine objektive, schmerzhafte Beizquelle zu erkennen 
ist, und gerade in diesem Traume wird es sehr lehrreich werden, nach- 
zusehen, welchen Traumerfolg der äußere Beiz gehabt hat. 

Ich reite auf einem grauen Pferde, zuerst zaghaft und 
ungeschickt, als ob ich nur angelehnt wäre- Da begegne ich 






Dm- Traum vom Reiten. 159 

einem Kollegen 1'., der im Loclennnzug hoch zu Roß sitzt 
und mich an etwas mahnt (wahrscheinlich, daß ich schlecht 
sitze). Nun finde ich mich auf dem höchst intelligenten 
Roß immer mehr zurecht, sitze bequem und merke, daß ich 
oben ganz heimisch bin. Als Sattel habe ich eine Art 
Polster, das den Raum zwischen Hals und Croup des'Pfer- 
des vollkommen ausfüllt. Ich reite so knapp zwischen zwei 
Lastwagen hindurch. Nachdem ich die Straße eine Strecke 
weit geritten bin, kehre ich um und will absteigen, zu- 
nächst vor einer kleinen offenen Kapelle, die in der 
Straßenfront liegt. Dann steige ich wirklich vor einer 
ihr nahestehenden ab; das Hotel ist in derselben Straße; 
ich könnte das Pferd allein hingehen lassen, ziehe aber 
vor, es bis dahin zu führen. Es ist, als -ob ich mich schämen 
würde, dort als Eeitcr anzukommen. Vor dem Hotel steht 
ein Hotelbursche, der mir einen Zettel zeigt, der von mir 
gefunden wurde, und mich darum verspottet. Auf dem Zet- 
tel steht, zweimal unterstrichen: Nichts essen und dann 
ein zweiter Vorsatz (undeutlich) wie: nichts arbeiten; dazu 
eine dumpfe Idee, daß ich in einer fremden Stadt bin, in 
der ich nichts arbeite. 

Dem Traume wird man zunächst nicht anmerken, daß er unter 
dem Einflüsse, unter dem Zwange vielmehr, eines Schmerzreizes ent- 
standen ist. Ich hatte aber Tags vorher an Furunkeln gelitten, die 
mir jede Bewegung zur Qual machten, und zuletzt war ein Furunkel 
an der Wurzel des Skrotum zur Apfelgröße herangewachsen, hatte 
mir bei jedem Schritte die unerträglichsten Schmerzen bereitet, und 
fieberhafte Müdigkeit, Eßunlust, die trotzdem festgehaltene schwere 
Arbeit, des Tages hatten sich mit den Schmerzen vereint, um meine 
Stimmung zu stören. Ich war nicht recht fällig, meinen ärztlichen 
Aufgaben nachzukommen, aber bei der Art und bei dem Sitze des 
Übels ließ sich an eine andere Verrichtung. denken, für die ich sicher- 
lich so untauglich gewesen wäre wie für keine andere, und diese ist 
das Reiten. Gerade in diese Tätigkeit versetzt mich nun der Traum: 
es ist die energischeste Negation des Leidens, die der Vorstellung zu- 
gänglich ist. Ich kann überhaupt nicht reiten, träume auch sonst 
nicht davon, bin überhaupt nur einmal auf einem Pferde gesessen 
und damals ohne Sattel, und es behagte mir nicht. Aber in diesem 
Traume reite ich, als ob ich keinen Furunkel am Damm hätte, nein, 
gerade weil ich keinen haben will. Mein Sattel ist der Be- 
schreibung gemäß der Breiumschlag, der mir das Einschlafen er- 
möglicht hat. Wahrscheinlich habe ich durch die ersten Stunden des 
Schlafes — so verwahrt — nichts von meinem Leiden verspürt. Dann 
meldeten sich die schmerzhaften Empfindungen und wollten mich 
aufwecken, da kam der Traum und sagte beschwichtigend: „Schlaf 
doch weiter, du wirst doch nicht aufwachen! Du hast ja gar keinen 
Furunkel, denn du reitest ja auf einem Pferde, und mit einem Furunkel 
an der Stelle kann man doch nicht reiten!" Und es gelang ihm so; 
der Schmerz wurde übertäubt und ich schlief weiter. 



1 60 V. Das Traummaterial und die Tranmquellen. 

Der Traitrn hat sich aber nicht damit begnügt, mir durch die 
hartnäckige Festhaltung einer mit dem Leiden unverträglichen Vor- 
stellung, den Furunkel „abzusuggerieren", wobei er sich benommen 
wie der halluzinatorische "Wahnsinn der Mutter, die ihr Kind ver- 
loren hat*, oder des Kaufmannes, den Verluste um sein Vermögen 
gebracht haben; sondern die Einzelheiten der abgeleugneten Sensation 
und des zu ihrer Verdrängung gebrauchten Bildes dienen ihm auch 
als Material, um das, was sonst in der Seele aktuell vorhanden ist, an 
die Situation des Traumes anzuknüpfen und zur Darstellung zu bringen 
Ich reite ein graues Pferd, die Farbe des Pferdes entspricht genau 
dem pfeffer- und salzfarbigen Dreß, in dem ich dem Kollern 
1. zuletzt auf dem Lande begegnet bin. Scharf gewürzte JSTahruno- 
ist mir als die Ursache der Furunkulose vorgehalten worden, immer- 
hin als Ätiologie dem Zucker vorzuziehen, an den man bei Furun- 
cu lose denken kann. .Freund P. liebt es, sich mir gegenüber aufs 
hohe Koß zu setzen, seitdem er mich bei einer Patientin abgelöst, 
mit der ich große Kunststücke ausgeführt hatte (ich sitze im 
J räume auf dem Pferde zuerst wie ein Kunstreiter tangential), 
die mich aber wirklich, wie das Koß in der Anekdote den Sonnta^s- 
reiter geführt hat, wohin sie wollte. So kommt das Roß zur sym- 
bolischen Bedeutung einer Patientin (es ist im Traume höchst in- 
telligent). „Ich fühle mich ganz heimisch oben" geht auf die 
Stellung, die ich in dem Hause innehatte, ehe ich durch P. er- 
setzt wurde. „Ich habe gemeint, Sie sitzen oben fest im 
öattel , hat mir mit Beziehung auf dasselbe Haus einer meiner 
wenigen Gönner unter den großen Ärzten dieser Stadt vor kurzem 
gesagt Eswar auch ein Kunststück, mit solchen Schmerzen acht 
bis zehn Stunden taglich Psychotherapie zu treiben, aber ich weiß, 
daß ich ohne volles körperliches Wohlbefinden meine besonders 
schwierige Arbeit nicht lange fortsetzen kann, und der Traum ist voll 

iT. r 7H i nSP in i gen r auf xT die Situation ' die sich dann ergeben muß 
(dci Zettel, wie ihn die Neurastheniker haben und dem Arzte vor- 

££ r? L~ i a « ar J bei r r ; en Und nicht essen - Bei weiterer Deu- 
tung sehe ich, daß es der Traumarbeit gelungen ist, von der Wunsch- 
situation des Seitens den Weg zu finden zu sehr frühen Kinder- 
streitszenen, die sich zwischen mir und einem jetzt in England leben- 

A^R.vL nge r/ m i, e i m Ja ? r ältere ?' Neffen abgespielt haben mußten. 
*Ä!£ * at % Eleme ? te aus meinen Reisen in Italien aufgenommen ; 
die Straße im Traume ist aus Eindrücken von Verona und von Siena 
zusammengesetzt. Noch tiefer gehende Deutung führt zu sexuellen 
lraumgedanken, und ich erinnere mich, was bei einer Patientin, die 
nie in Italien war, die Traumanspielungen an das schöne Land be- 
deuten sollten (gen Italien — Genitalien), nicht ohne Anknüpfung 
gleichzeitig an das Haus, in dem ich vor Freund P. Arzt war, und 
an die btelle, an welcher mein Furunkel sitzt. 

In einem anderen Traume gelang es mir auf ähnliche Weise, 
eine diesm al von einer Sinnesreizung drohende Schlafstörung ab- 

a t t ^fi d ^- Ste » U u bei , Gr * e Singer und die Bemerkung in meinem zweiten 
^«.25 * e Abwehr-PsychonPurosen, Neurologisches ZentralSat? 
18%. (.Sammlung Kl. Schriften, I. Folge.) 



Verarbeitung' von Reizen im Schlafe. -Jßl 

zuwchrcn, aber es war nur ein Zufall, der mich in Jen Stand setzte, 
den Zusammenhang des Traumes mit dein zufälligen Traumreiz zu 
entdecken, und solcher Art den Traum zu verstehen. Eines Morgens 
erwachte ich, es war im Hochsommer, in einem tirolischen Höhenort, 
mit dem "Wissen, geträumt zu haben: Der Papst ist gestorben. 
Dio Deutung dieses kurzen, nicht visuellen Traumes gelang mir nicht 
Ich erinnerte mich nur der einen Anlehnung für den Traum, daß in 
der Zeitung kurze Zeit vorher ein leichtes Unwohlsein Sr. Heiligkeit 
gemeldet worden war. Aber im Laufe des Vormittags fragt meine 
Frau: „Hast du heute morgens das fürchterliche G lockenläuten ge- 
hört?" Ich wußte nichts davon, daß ich es gehört hatte, aber ich 
verstand jetzt meinen Traum. Er war die Reaktion meines Schlaf- 
bedürfnisses auf den Lärm gewesen, durch den die frommen Tiroler 
mich wecken wollten. Ich rächte mich an ihnen durch die Folgerung, 
die den Inhalt des Traumes bildet, und schlief nun ganz ohne Inter- 
esse für das Geläute weiter. 

Unter den in den vorstehenden Abschnitten erwähnten Träumen 
fänden sich bereits mehrere, die als Beispiele für die Verarbeitung- 
sogenannter Nervenreize dienen können. Der Traum vom Trinken in 
vollen Zügen ist ein solcher; in ihm ist der somatische Reiz anschei- 
nend die einzige Traumquelle, der aus der Sensation entspringende 
Wunsch — der Durst — das einzige Traummotiv. Ähnlich ist es in 
änderen einfachen Träumen, wenn der somatische Reiz für sich allein 
einen "Wunsch zu bilden vermag. Der Traum der Kranken, die Nachts 
den Kühlapparat von der "Wange abwirft, zeigt eine ungewöhnliche 
Art, auf Schmerzcnsreize mit einer Wunscherfüllung zu reagieren ; 
es scheint, daß es der Kranken vorübergehend gelungen war, sich 
analgisch zu machen, wobei sie ihre Schmerzen einem Fremden ^zuschob. 

Mein Traum von den drei Parzen ist ein offenbarer Hunger- 
traum, aber er weiß das Nahrungsbedürfnis bis auf die Sehnsucht 
des Kindes naeh der Mutterbrust zurückzuschieben, und die harmlose 
Begierde zur Decke für eine ernstere, die sich nicht so unverhüllt 
äußern darf, zu benützen. Im Traume vom Grafen Thun konnten 
wir sehen, auf welchen "Wegen ein akzidentell gegebenes körperliches 
Bedürfnis mit den stärksten, aber auch stärkst unterdrückten Regungen 
des Seelenlebens in Verbindung gebracht wird. Und wenn, wie in 
dem von Garnier berichteten Falle, der erste Konsul das Geräusch 
der explodierenden Höllenmaschine in einen Schlachtentraum verwebt, 
ehe er davon erwacht, so offenbart sich darin ganz besonders klar 
das Bestreben, in dessen Dienst die Seelentätigkeit sich überhaupt um 
die Sensationen während des Schlafens kümmert. Ein junger Advokat, 
der voll von seinem ersten großen Konkurs des Nachmittags ein- 
schläft, benimmt sich ganz ähnlich wie der große Napoleon. Er 
träumt von einem gewissen G. Reich in Hussiatyn, den er aus 
dem Konkurs kennt, aber Hussiatyn drängt sich weiter gebieterisch 
auf; er muß erwachen und hört seine Frau, die an einem Bronchial- 
katarrh leidet, heftig — husten. 

Halten wir diesen Traum des ersten Napoleon, der übrigens ein 
ausgezeichneter Schläfer war, und jenen anderen des langschläfrigen 
Studenten zusammen, der von seiner Zimmerfrau geweckt, er müsse 

Freud, Traumdeutung, 6. And, II 



1G2 V". Dm Traummateria! and die Traumquellen. 

ins Spital, sieh in ein Spitalsbett träumt und dann, mit der Motivierung 
wciterschläft: Wenn ich schon im Spital hin, brauche ich ja nicht 
aufzustehen, um hinzugehen. Der letztere ist ein offenbarer Bequem- 
lichkeitstraum, der Schläfer gesteht sich das Motiv seines Träumens 
unverhohlen ein, deckt aber damit eines der Geheimnisse des Träumens 
überhaupt auf. In gewissem Sinne sind alle Träume — Bequem- 
lichkeitsträume; sie dienen der Absicht, den Schlaf fortzusetzen, 
anstatt zu erwachen. Der Traum ist der Wächter des. Schlaf es, 
nicht sein Störer. Gegen die psychisch erweckenden Momente wer- 
den wir diese Auffassung an anderer Stelle rechtfertigen; ihre An- 
wendbarkeit auf die Rolle der objektiven äußeren Heize können wir 
hier bereits begründen. Die Seele kümmert sich entweder überhaupt 
nicht um die Anlässe zu Sensationen während des Schlafes, ,wenn sie 
dies gegen die Intensität und die von ihr wohlverstandene Bedeutung 
dieser Reize vermag; oder sie verwendet den Traum dazu, diese Reize 
in Abrede zu stellen oder zu entwerten, oder drittens, wenn «La die- 
selben anerkennen muß. so sucht sie jene Deutung derselben auf. 
welche die aktuelle Sensal ion als einen teilbestand einer gewünschten 
und mit dem Schlafen verträglichen Situation hinstellt. Die aktuelle 
Sensation wird m einen Traum verflochten, um ihr die Realität zu 
rauben. Napoleon darf weiter schlafen; es ist ja nur .eine Traum- 
erinnerung an den Kanonendonner von Arcole, was ihn .stören will*. 

-Der Wunsch zu schlafen, auf den sich das bewußte 
Ich eingestellt hat und der nebst der Traumzensur** des- 
sen Beitrag zum Träumen darstellt, muß so als Motiv der 
% lraunibildung jedesmal eingerechnet werden, und jeder 

gelungene Traum ist eine Erfüllung desselben. Wie dieser all- 
gemeine, regelmäßig vorhandene und sich gleichbleibende Schlaf- 
wunsch sich zu den anderen Wünschen stellt, von denen bald der, 
bald jener durch den Trauminhalt erfüllt werden, dies wird Gegen- 
stand einer anderen Auseinandersetzung sein. In dem Schlafwunsch 
üaben wir aber jenes Moment aufgedeckt, welches die Lücke in der 
M. rumpell- Wund tschen Theorie auszufüllen, die Schiefheit und 
Launenhaftigkeit in der Deutung des äußeren Reizes aufzuklären ver- 
mag. Die richtige Deutung, deren die schlafende Seele sehr wohl 
iahig ist, nähme ein tätiges Interesse in Anspruch, stellte die Anfor- 
derung, dem Schlafe ein Ende zu machen; es werden darum von den 
überhaupt möglichen Deutungen nur solche zugelassen, die mit der 
absolutistisch geübten Zensur des Schlafwunsches vereinbar sind 
•Etwa: Die Nacht igall ist's und nicht die Lerche. Denn wenn's die 
Lerche ist, so hat die. Liebesnacht ihr Ende gefunden. Unter den nun 
zulässigen Deutungen des Reizes wird dann jene ausgewählt. Avelchc 
die beste -Verknüpf ung mit den in der Seele lauernden' Wunschanregun- 
gen erwerben kann. So ist alles eindeutig bestimmt und nichts der 
Willkür überlassen. Die Mißdeutung ist nicht Illusion, sondern — 
wenn man so will — Ausrede. Hier ist aber wiederum, wie bei dem 

* Her Inhalt dieses Traumes wird in den zwei Quellen, aus denen ich ihn 
kenne, nicht übereinstimmend erzählt. 



** 



(und der spürer zu erwähnenden „sekundären Bearbeitung"). 



Der Traum der Wüchter <1es Schlafes. i,-.^ 

Ersatz durch Verschiebung zu Diensten der Traumzensur, ein Akt der 
Beugung des normalen psychischen Vorganges zuzugeben. 

"Wenn die äußeren Nerven- und inneren Leibreize intensiv eenutr 
sind, um sich psychische Beachtung zu erzwingen, so stellen sie - 
fal fe überhaupt Träumen und nicht Erwachen ihr Erfolg ist - einen 
festen Punkt für die Traumbildung dar, einen Kern im Traummaterial, 
zu dem eine entsprechende Wunscherfüllung in ähnlicher Weise ge- 
sucht wird, wie (siehe oben) die vermittelnden Vorstellungen zwischen 
zwei psychischen Iraumreizen. Es ist insofern für eine Anzahl 
Von Iraumcn richtig daß in ihnen das somatische Element den 
lraummJialt kommandiert. In diesem extremen Falle wird selbst 
behuls der Iraumbildung ein gerade nicht aktueller Wunsch geweckt. 
Der Praum kann aber nicht anders, als einen Wunsch in einer 
Situation als erfüllt darstellen; er ist gleichsam vor die Aufgabe ee- 

1 /-m S T "' 7n! cher ?W S ^ durch die nun aktuelle Sensation 
als erfüllt dargestellt, werden kann. Ist dies aktuelle Material von 
schmerzlichem oder peinlichem Charakter, so ist es doch darum zur 
iraumbildung nicht unbrauchbar. Das Seelenleben verfügt auch über 
Wunsche, deren Erfüllung Unlust hervorruft, was ein ^Widerspruch 
scheint aber durch die Berufung auf das Vorhandensein zweier 
psychischer Instanzen und die zwischen ihnen bestehende Zensur er- 
klärlich wird. 

Es gibt, wie wir gehört haben, im Seelenleben verdrängte 
V unsche, die dem ersten System angehören, gegen deren Erfüllung 
das zweite System sich sträubt. Es gibt, ist nicht etwa historisch 
gemeint, daß es solche Wünsche gegeben hat und diese dann vernichtet 
worden sind; sondern die Lehre von der Verdrängung, deren man 
in der Psychoneurotik bedarf, behauptet, daß solche verdrängte 
Wunsche noch existieren, gleichzeitig aber eine Hemmung, die auf 
ihnen lastet. Die Sprache trifft das Richtige, wenn sie von Unter- 
drücken' 4 solcher Impulse redet. Die psychische Veranstaltuno-, da- 
mit solche unterdrückte Wünsche zur Realisierung durchMngen 
bleibt erhalten und gebrauclis fähig. Ereignet es sich aber, dasein 
solcher unterdrückter Wunsch doch vollzogen wird, so äußert sich 
die überwundene Hemmung des zweiten (bewußtseinsfähigen) Systems 
als Unlust, Um nun diese Erörterung zu schließen : wenn Sensationen 
mit Unlustcharakter im Schlafe aus somatischen Quellen vorhanden 
sind, so wird diese Konstellation von der Traumarbeit benützt, um 
die Erfüllung eines sonst unterdrückten Wunsches — mit mehr oder 
weniger Beibehalt der Zensur - darzustellen. 

Dieser Sachverhalt ermöglicht eine Reihe von Angstträumen. 
während eine andere Reihe dieser der Wunschtheorie ungünstigen 
Traumbildungen einen anderen Mechanismus erkennen läßt. Die 
Angst in den Träumen kann nämlich eine psychoneurotische sein, 
aus psychosexuellen Erregungen stammen, wobei' die Angst verdräng- 
ter Libido entspricht. Dann hat diese Angst wie der ganze Angst- 
traum die Bedeutung eines neurotischen Symptoms, und wir stehen ,an 
der Grenze, wo die wunscherfüllendo Tendenz des Traumes scheitert. 
Tn anderen Angstträumen aber ist die Angstempfindung somatiscl 



:i 

1!* 



104 



V. Das Traummaterial nnd die Tnuimciuelleii. 



gegeben (etwa wie bei Lungen- und Herzkranken bei zufälliger Atem- 
behinderung), und dann wird sie. dazu benutzt, solchen energisch 
unterdrückten Wünschen zur Erfüllung als Traum zu verhelfen, 
deren Träumen aus psychischen Motiven die gleiche Angstentbindung 
zur Folge gehabt hätte. Es ist nicht schwer, die beiden scheinbar 
gesonderten . Fälle zu vereinigen. Von zwei psychischen Bildungen, 
einer Affektneigung und einem Vorstellungsinhalt, die innig zu- 
sammengehören, hebt die eine, die aktuell gegeben ist, auch im 
Traume die andere; bald die somatisch gegebene Angst den unter- 
drückten Vorstellungsinhalt, bald der aus der Verdrängung befreite, 
mit sexueller Erregung einhergehende Vorstellungsinhalt die Angst- 
entbindung. Von dem einen Falle kann man sagen, daß ein somatisch 
gegebener Affekt psychisch gedeutet wird ; im anderen Falle ist alles 
psj'chisch gegeben, aber der unterdrückt, gewesene Inhalt ersetzt sich 
Leicht durch eine zur Angst passende somatische Deutung. Die 
Schwierigkeiten, die sich hier für das .Verständnis ergeben, haben 
mit dem. Traume nur wenig zu tun; sie rühren daher, daß wir mit 
diesen Erörterungen die Problome der Angstentwicklung und der 
Verdrängung streifen. 

Zu den kommandierenden Traumreizen aus der inneren Leib- 
lichkeit gehört unzweifelhaft die körperliche Gesamtstimmung. Nicht 
daß sie den Trauminhalt liefern könnte, aber sie nötigt den Traum- 
gedanken eine Auswahl aus dem Material auf, welches zur Dar- 
stellung im Trauminhalt dienen soll, indem sie den einen Teil dieses 
Materials, als zu ihrem Wesen passend, nahe legt, den anderen fern 
hält, überdies ist ja wohl diese Allgemeinstimmung vom Tage her 
mit den für den Traum bedeutsamen psychischen Resten verknüpft. 
Dabei kann diese Stimmung selbst im Traume erhalten bleiben oder 
überwunden werden, so daß sie, wenn unlustvoll, ins Gegenteil um- 
schlägt. 

Wenn die somatischen Beizquellen während des Schlafes — die 
Schlaf Sensationen also — nicht von ungewöhnlicher Intensität sind, 
so spielen sie nach meiner Schätzung für die Traumbildung eine 
ähnliche Bolle wie die als rezent verbliebenen, aber indifferenten Ein- 
drücke des Tages. Ich meine nämlich, sie werden zur Traumbildung 
herangezogen, wenn sie sich zur Vereinigung mit dem Vorstellungs- 
inhalt der ps3'chischen Traumquelle eignen, im anderen Falle aber 
nicht. Sie werden wie ein wohlfeiles, allezeit bereitliegendes Material 
behandelt, welches zur Verwendung kommt, so oft man dessen be- 
darf, anstatt daß ein kostbares Material die Art seiner Verwendung 
selbst mit vorschreibt. Der Fall ist etwa ähnlich, wie wenn der 
Kunstgönner dem Künstler einen seltenen Stein, einen Onyx, bringt, 
aus ihm ein Kunstwerk zu gestalten. Die Größe des Steines, seine 
Farbe und Fleckung helfen mit entscheiden, welcher Kopf oder 
welche Szene in ihm dargestellt werden soll, während bei gleich- 
mäßigem und reichlichem Material von Marmor oder Sandstein der 
Künstler allein der Idee nachfolgt, die sich in seinem Sinne gestaltet. 
Auf diese Weise allein scheint mir die - Tatsache verständlich, daß 
jener Trauminhalt, der von den nicht ins Ungewohnte gesteigerten 



Kili Traum von motorischer lleinmmig. lQo 

Reizen aus unserer Leiblichkeit geliefert wird, doch nicht in allen 
Träumen und nicht in jeder Nacht im Traume erscheint*. 

Vielleicht wird ein Beispiel, das uns wieder zur Traumdeutung 
zurückführt, meine Meinung am besten erläutern. Eines Tages mühte 
ich mich ab zu verstehen, was die Empfindung von Gehemmtsein, 
nicht von der Stelle können, nicht fertig werden u. dgl., die so häufig 
geträumt wird und die der Angst so nahe verwandt ist, wohl be- 
deuten mag. In der Nacht darauf hatte ich folgenden Traum: Ich 
gehe in sehr unvollständiger Toilette aus einer Wohnung 
im Parterre über die Treppe in ein höheres Stockwerk. 
Dabei überspringe ich jedesmal drei Stufen, freue mich, 
daß ich so flink Troppen steigen kann. Plötzlich sehe ich, 
daß ein Dienstmädchen die Treppen herab und also mir 
entgegenkommt. Ich schäme mich, will mich eilen, und 
nun tritt jenes Gehemmtsein auf, ich klebe an den Stufen 
und komme nicht von der Stelle. 

Analyse: Die Situation des Traumes ist der täglichen Wirk- 
lichkeit entnommen. Ich habe in einem Hause in Wien :;wei Woh- 
nungen, die nur durch die Treppe außen verbunden sind. Im Hoch- 
parterre befindet sich meine ärztliche Wohnung und mein Arbeits- 
zimmer, einen Stock höher die Wohnräume. Wenn ich in später 
Stunde unten meine Arbeit vollendet habe, gehe ich über die Treppe 
ins Schlafzimmer. An dem Abend vor dem Traume hatte ich diesen 
kurzen Weg wirklich in etwas derangierter Toilette gemacht, d. h 
ich hatte Kragen, Kravate und Manschetten abgelegt; im Traume 
war daraus ein höherer, aber, Avie gewöhnlich, unbestimmter Grad 
von Kleiderlosigkeit geworden. Das "überspringen von Stufen ist 
meine gewöhnliche Art, die Treppe zu gehen, übrigens eine bereits 
im Traume anerkannte Wunschcrfüllung, denn mit der Leichtigkeit 
dieser Leistung hatte ich mich ob des Zustandes meiner Herzarbeil, 
getröstet- Ferner ist diese Art, die Treppe zu gehen, ein wirksamer 
Gegensatz zu der Hemmung in der zweiten Hälfte des Traumes- Sie 
zeigt mir — was des Beweises nicht bedurfte — , daß der Traum keine 
Schwierigkeit hat, sich motorische Aktionen in aller Vollkommen- 
heit ausgeführt vorzustellen; man denke an das Fliegen im Traume! 

Die Treppe, über die ich gehe, ist aber nicht 'die meines Hauses ; 
ich erkenne sie zunächst nicht, erst die mir entgegenkommende Person 
klärt mich über die gemeinte örtlichkeit auf. Diese Person ist das 
Dienstmädchen der alten Dame, die ich täglich zweimal^ besuche, um 
ihr Injektionen zu machen; die Treppe ist auch ganz ähnlich jener, 
die ich zweimal im Tage dort zu ersteigen habe. 

Wie gelangt nun diese Treppe und diese Frauensperson in 
meinen Traum? Das Schämen, weil man nicht voll angekleidet ist, 
hat unzweifelhaft sexuellen Charakter; das Dienstmädchen, von dem 
ich träume, ist älter als ich, mürrisch und keineswegs anreizend. 

* Bank hat in einer Keihe von Arbeiten gezeigt, daß gewisse, durch 
Organreiz hervorgerufene Weckträunie (die Harnreiz- und Polluiionsuüuuu.') be- 
sonders geeignet sind, den Kampf zwischen dem Schlafbedürfnis und den An- 
forderungen des organischen Bedürfnisses sowie den Einfluß des lauteren auf 
den Trauminhiilt zu demonstrier n. 



166 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

Zu diesen Fragen fällt mir nun nichts anderes ein als das folgende: 
Wenn ich in diesem Hause den Morgenbesuch mache, werde ich ge- 
wöhnlich auf der Treppe von Räuspern befallen; das Produkt der 
Expektoration gerät auf die Stiege. In diesen beiden Stockwerken 
befindet sich nämlich kein Spucknapf, und ich vertrete den Stand- 
punkt, daß die Reinhaltung der Treppe nicht auf meine Kosten er- 
folgen darf, sondern durch die Anbringung eines Spucknapfes er- 
möglicht werden soll. Die Hausmeisterin, eine gleichfalls ältliche und 
mürrische Person, aber von reinlichen Instinkten, wie ich ihr zu- 
zugestehen bereit bin, nimmt in dieser Angelegenheit einen anderen 
Standpunkt ein. Sie lauert mir auf, ob ich mir wieder die besagte 
Freiheit erlauben werde, und wenn sie das konstatiert hat, höre Ich 
sie vernehmlich brummen. Auch versagt sie mir dann für Tage die ge- 
woluite Hochachtung, wenn wir uns begegnen. Am Vortag des Trau- 
mes bekam nun die Partei der Hausmeisterin eine Verstärkung durch 
das Dienstmädchen. Ich hatte eilig wie immer meinen Besuch bei 
der Kranken abgemacht, als die Dienerin mich im Vorzimmer stellte 
und die Bemerkung von sich gab: „Herr Doktor hätten sich heute 
schon die Stiefel abputzen können, ehe Sie ins Zimmer kommen. Der 
rote Teppich ist wiederum ganz schmutzig von Ihren Füßen." Di;>s 
ist der ganze Anspruch, den Treppe und Dienstmädchen geltend machen 
können, um in meinem Traume zu erscheinen. 

Zwischen meinem Über-die-Treppe-Fliegen und dem Auf-der- 
Treppe-Spucken besieht ein inniger Zusammenhang. Rachenkatarrh 
wie Herzbeschwerden sollen beide die Strafen für das Laster des 
Rauchens darstellen, wegen dessen ich natürlich auch bei meiner 
Hausfrau nicht den Ruf der größten Nettigkeit genieße, in dem einen 
Hause, so wenig wie m dem anderen, die der Traum zu einem Ge- 
bilde verschmilzt. 

Die weitere Deutung des Traumes muß ich verschieben, bis 
ich berichten kann, woher der typische Traum von der unvoll- 
ständigen Bekleidung rührt. Ich bemerke nur als vorläufiges Ergeb- 
nis des mitgeteilten Traumes, daß die Traumsensation der gehemm- 
ten Bewegung überall dort hervorgerufen wird, wo ein gewisser Zu- 
sammenhang ihrer bedarf. Ein besonderer Zustand meiner Motilität 
im Schlafe kann nicht die Ursache dieses Trauminhaltes sein, denn 
einen Moment vorher sah ich mich ja wie zur Sicherung dieser Er- 
kenntnis leichtfüßig über die Stufen eilen. 

d) Typische Träume. 

Wir sind im allgemeinen nicht im Stande, den Traum eines 
anderen zu deuten, wenn derselbe uns nicht die hinter dem Traum- 
mhalt stehenden unbewußten Gedanken ausliefern will, und dadurch 
wird die praktische Verwertbarkeit unserer Methode der Traum- 
deutung schwer beeinträchtigt. Nun gibt es aber, so recht im Gegen- 
satz zu der sonstigen Freiheit des einzelnen, sich seine Traumwelt in 
individueller Besonderheit auszustatten und dadurch dem Verständnis 
der anderen unzugänglich zu machen, eine gewisse Anzahl von 
Träumen, die fast jedermann in derselben Weise geträumt hat, .von 



Typische Trilunie. jß7 

denen wir anzunehmen gewohnt sind, daß sie auch bei jedermann 
dieselbe Bedeutung haben. Ein besonderes Interesse wendet sich die- 
sen typischen Träumen auch darum zu, weil sie vermutlich bei allen 
Menschen aus den gleichen Quellen stammen, also besonders gut ge- 
eignet scheinen, uns über die Quellen der Träume Aufschluß zu geben. 

Wir werden also mit ganz besonderen Erwartungen darangehen, 
unsere Technik der Traumdeutung an diesen typischen Träumen zu 
versuchen und uns nur sehr ungern eingestehen, daß unsere Kunst 
sich gerade an diesem Material nicht recht bewährt. Hei der Deutung 
der typischen Träume versagen in der Kegel die Einfälle des Träumers, 
die uns sunst zum Verständnis des Traumes geleitet haben, oder sie 
werden unklar und unzureichend, so daß wir unsere Aufgabe mit ihrer 
llilt'o nicht lösen können. 

Woher dies rührt, und wie wir diesem Mangel unserer Technik 
abhelfen, wird sich an einer späteren Stelle unserer Arbeit ergeben. 
Dann wird dem Leser auch verständlich werden, warum ich hier nur 
einige aus der Gruppe der typischen Träume "behandeln kann and die Er- 
örterung der anderen auf jenen späteren Zusammenhang verschiebe. 

a)' Der Verlegenheitstraum der Kacktheit. 

Der Traum, daß man nackt oder schlecht bekleidet in Gegen- 
wart Fremder sei, kommt auch mit der Zutat vor, man habe pich 
dessen gar nicht geschämt u. dgl. Unser Interesse gebührt aber dem 
Xacktheitstraumc nur dann, wenn man in ihm Scham und Verlegenheit 
emp findet, entfliehen oder sich verbergen will und dabei der eigen- 
tümlichen Hemmung unterliegt, daß man nicht von der Stelle kann 
und sieh unvermögend fühlt, die peinliche Situation zu .'erändern. 
Nur in dieser Verbindung ist der Traum typisch; der Kern seines 
Inhaltes mag sonst in allerlei andere Verknüpfungen einbezogen 
werden oder mit individuellen Zutaten versetzt sein. Es handelt sich 
im wesentlichen um die peinliche Empfindung von der Natur der 
Scham, daß man seine Nacktheit, meist durch Lokomotion, verbergen 
möchte und es nicht zu Stande bringt. Ich glaube, die allermeisten 
meiner Leser werden sich in dieser Situation im Traume bereits be- 
funden haben. 

Für gewöhnlich ist die Art und Weise der Entkleidung .wenig 
deutlich. Man hört etwa erzählen, ich war im Hemde, aber dies ist 
seilen ein klares Bild; meist ist die Unbckleidung so unbestimmt, 
daß sie durch eine Alternative in der Erzählung wiedergegeben wird: 
..Ich war im Hemde oder im Unterrocke." In der Hegel ist der 
Defekt der Toilette nicht so arg, daß die dazugehörige Scham gerecht- 
fertigt schiene. Für den, der den Rock des Kaisers getragen hat, er- 
setzt sich die -Nacktheit häufig durch eine vorschriftswidrige Ad- 
justierung. Ich bin ohne Säbel auf der Straße und sehe Offiziere näher 
kommen, oder ohne Halsbinde, oder trage eine karrierte Zivilhoso 
u. dgl. 

Die Leute, vor denen man sich schämt, sind fast immer Freindr 
mit unbestimmt gelassenen Gesichtern. Niemals ereignet es sich im 
typischen Traume, daß man wegen der Kleidung, die einem selbst 
solche Verlegenheit bereitet, beanstandet oder auch nur bemerkt, wird. 



\Qft V. Das Tr«umiiiateriul uud die Traumquollen. 

Die Leute machen ganz im Gegenteil gleichgültige, oder wie ich es 
in einem besonders klaren Traume wahrnehmen konnte, feierlich steife 
Mienen. Das gibt zu denken. 

Die Schamverlegenheit des Träumers und die Gleichgültigkeit 
der Leute ergeben mitsammen einen "Widerspruch, wie er im Traume 
häufig vorkommt. Zu der Empfindung des Träumenden würde doch 
nur passen, daß die Fremden ihn erstaunt ansehen und verlachen, 
oder sich über ihn entrüsten. Ich meine aber, dieser anstößige Zug 
ist durch die Wunscherfüllung beseitigt worden, während der andere, 
durch, irgend welche Macht gehalten, stehen blieb, und so stimmen 
die beiden Stücke dann schlecht zueinander. Wir besitzen ein inter- 
essantes Zeugnis dafür, daß der Traum in seiner durch Wunseh- 
eriüllung partiell entstellten Form das richtige Verständnis nicht ge- 
funden hat. Er ist nämlich die Grundlage eines Märchens geworden, 
welche« uns allen in der Ander senschen Fassung* bekannt ist, 
und in der jüngsten Zeit durch L. Fulda im „Talisman" poetischer 
Verwertung zugeführt worden ist. Im And er senschen Märchen wird 
von. zwei Betrügern erzählt, die für den Kaiser ein kostbares Gewand 
weben, das aber nur den Guten und Treuen sichtbar sein soll. Der 
Kaiser geht mit diesem unsichtbaren Gewand bekleidet aus, und (durch 
die prüfsteinartige Kraft des Gewebes erschreckt, tun alle Leute, als 
ob sio die Nacktheit des Kaisers nicht merken. 

Letzteres ist aber die Situation unseres Traumes. Es gehört 
wohl nicht viel Kühnheit dazu, anzunehmen, daß der unverständ- 
liche Trauminhalt eine Anregung gegeben hat, um eine Einkleidung 
zu erfinden, in welcher die vor der Erinnerung stehende Situation 
sinnreich wird. Dieselbe ist dabei ihrer ursprünglichen Bedeutung 
beraubt und fremden Zwecken dienstbar gemacht worden. Aber wir 
werden hören, daß solches Miß Verständnis des Trauminhaltes durch die 
bewußte Denktätigkeit eines zweiten psychischen Systems häufig 
vorkommt und als ein Faktor für die endgültige Traumgestaltung .an- 
zuerkenner. ist, ferner, daß bei der Bildung von Zwangsvorstellungen 
und Phobien ähnliche Mißverständnisse. — gleichfalls innerhalb der 
nämlichen psychischen Persönlichkeit — eine Hauptrolle spielen. Es 
Uißt sich auch für unseren Traum angeben, woher das Material 
für die Umdeutung genommen wird. Der Betrüger ist der Traum, 
der Kaiser der Träumer selbst, und die moralisierende Tendenz ver- 
rät eine dunkle Kenntnis davon, daß es sich im latenten Traum- 
inhalte um unerlaubte, der Verdrängung geopferte Wünsche handelt. 
Der Zusammenhang, in welchem solche Träume während meiner Ana- 
lysen bei Neurotikern auftreten, läßt nämlich keinen Zweifel darüber, 
daß dem Traume eine Erinnerung aus der frühesten Kindheit zu 
Grunde liegt. Nur in unserer Kindheit gab es die Zeit, daß wir in 
mangelhafter Bekleidung von unseren Angehörigen wie von fremden 
Pflegepersonen, Dienstmädchen, Besuchern gesehen wurden, und wir 
haben uns damals unserer Nacktheit nicht geschämt**. An vielen 
Kindern kann man noch in späteren Jahren beobachten, daß ihre Ent- 

* „Des Kaisers neue Kleider." 
** Das Kind tritt auch im Märchen auf, denn dort ruft plötzlich ein kleines 
Kind: „Aber er bat ja gar nichts an." 




Die kiuJJiche Exhibitionslust. 169 

kloidung wie berauschend auf sie wirkt, anstatt sie zur Scham zu 
leiten. Sie lachen, springen herum, schlagen sich auf den Leib, die 
Mutter oder wer dabei ist, verweist es ihnen, sagt: Pfui, das ist eine 
Schande, das darf man nicht. Die Kinder zeigen häufig Exhibitions- 
gelüste; man kann kaum durch ein Dorf in unseren Gegenden gehen, 
ohne daß man einem zwei- bis dreijährigen Kleinen begegnete, welches 
vor dem Wanderer, vielleicht ihm zu Ehren, sein Hemdchen hochhebt. 
Einer meiner Patienten hat in seiner bewußten Erinnerung f-ine/ Szene 
aus seinem achten Lebensjahre bewahrt, wie er nach der Entkleidung 
vor dem Schlafengehen im Hemde zu seiner kleinen Schwester im 
nächsten Zimmer hinaustanzen will, und wie die dienende Person 
es ihm verwehrt. In der Jugendgeschichte von Neurotikern spielt die 
Entblößung vor Kindern des anderen Geschlechtes eine große Rolle; 
in der Paranoia ist der "Wahn, beim An- und Auskleiden beobachtet 
zu werden, auf diese Erlebnisse zurückzufüliren; unter den pervers 
Gebliebenen ist eine Klasse, bei denen der infantile Impuls zum 
Zwang erhoben worden ist, die der Exhibitionisten. 

Diese der Scham entbehrende Kindheit erscheint unserer Rück- 
schau später als ein Paradies, und das Paradies selbst ist nichtö 
anderes als die Massenphantasie von der Kindheit des einzelnen. 
Darum sind auch im Paradies die Menschen nackt und schämen sieh 
nicht vor einander, bis ein Moment kommt, in dem die Scham und 
die Angst erwachen, die Vertreibung erfolgt, das Geschlechtsleben 
und die Kulturarbeit beginnt. In dieses Paradies kann uns nun der 
Traum allnächtlich zurückführen; wir haben bereits der Vermutung 
Ausdruck gegeben, daß die Eindrücke aus der ersten Kindheit (der 
prähistorischen Periode bis etwa zum vollendeten vierten Jahre) an 
und für sich, vielleicht ohne daß es auf ihren Inhalt weiter ankäme, 
nach Reproduktion verlangen, daß deren Wiederholung eine Wunsch- 
crfüllung ist. Die Nacktheitsträume sind also Exhibitions träume*. 

Den Kern des Exhibitionstraumes bildet die eigene Gestalt, die 
nicht als die eines Kindes, sondern wie in der Gegenwart gesehen 
wird, und die mangelhafte Bekleidung, welche durch die Überlagerung 
so vieler späterer Negligeerinnerungen oder der Zensur zu Liebe un- 
deutlich ausfällt; dazu kommen nun die Personen, vor denen man 
sich schämt. Ich kenne kein Beispiel, daß die tatsächlichen Zu- 
schauer bei jenen infantilen Exhibitionen im Traume wieder auftreten. 
Der Traum ist eben fast niemals eine einfache Erinnerung. Merk- 
würdigerweise werden jene Personen, denen unser sexuelles Interesse 
in der Kindheit galt, in allen Reproduktionen des Traumes, der 
Hysterie und der Zwangsneurose ausgelassen; erst die Paranoia setzt 
die Zuschauer wieder ein und schließt, obwohl sie unsichtbar ge- 
blieben sind, mit fanatischer Überzeugung auf ihre Gegenwart. Was 
der Traum für sie einsetzt, „viele fremde Leute", die sich nicht um 
das gebotene Schauspiel kümmern, ist geradezu der Wunsch ge gen- 
satz zu jener einzelnen, wohl vertrauten Person, der man die Ent- 

* Eine Anzahl interessanter Nacktheitsträuwc bei Frauen, die sich ohne 
Schwierigkeiten auf die infantile Exhibitionslust zurückführen lieben, aber in 
manchen Zügen von dem oben behandelten „typischen" Naektheitstraum ab- 
weichen, hat Eorenczi mitgeteilt. 



170 V. Das Traumiuuteriul uiid die Traum quellet!. 

blößung bot. „Viele fremde Leute" finden sich in Träumen übrigens 
auch häufig- in beliebigem anderen Zusammenhang; sie bedeuten 
immer als Wunschgegensatz „Geheimnis"*. Man merkt, wie auch 
die Restitution des alten Sachverhaltes, die in der Paranoia vor sich 
geht, diesem Gegensatze Eechnung trägt- Man ist nicht mehr allein, 
man wird ganz gewiß beobachtet, aber die Beobachter sind .„viele, 
fremde, merkwürdig unbestimmt gelassene Leute - '. 

Außerdem kommt im Exhibitionstraume die Verdrängung zur 
Sprache. Die peinliche Empfindung des Traumes ist ja die .Reaktion 
des zweiten psychischen Systems dagegen, daß der von ihr ver- 
worfene Inhalt der Exhibitionsszene dennoch zur Vorstellung gelangt 
ist. Um sie zu ersparen, hätte die Szene nicht wieder belebt werden 
dürfen. 

Vor. der Empfindung des Gehemmtseins werden wir später 
nochmals handeln. Sie dient im Traume vortrefflich dazu, den 
AVillenskonf likt, das Nein, darzustellen. Nach der unbewußten 
Absicht soll die Exhibition fortgesetzt, nach der Forderung der Zensur 
unterbrochen werden. 

Die Beziehungen unserer typischen Träume zu den Märchen 
und anderen Dichtungsstoffen sind gewiß weder vereinzelte noch zu- 
fällige. Gelegentlieh hat ein scharfes Dichterauge den Umwandlungs- 
prozeß, dessen Werkzeug sonst der Dichter ist, analytisch erkannt und 
ihn in umgekehrter Richtung verfolgt, also die Dichtung auf den 
Traum zurückgeführt. Ein Freund macht mich auf folgende Stelle 
aus G. Kellers „Grünem Heinrich" aufmerksam: „Ich wünsche 
Ihnen nicht, lieber Lee, daß Sie jemals die ausgesuchte pikante 
Wahrheit in der Lage des Odysseus, wo er nackt und mit Schlamm 
bedeckt vor Kausikaa und ihren Gespielen erscheint, so recht ans 
Erfahrung empfinden lernen! "Wollen Sie wissen, wie das zugeht:-' 
Halten wir das Beispiel einmal fest. Wenn Sie einst getrennt" 5 von 
Ihrer Heimat und allem, was Ihnen lieb ist, in der Fremde umher- 
schweifen und Sie haben viel gesehen und viel erfahren, haben 
Kummer und Sorge, sind wohl gar elend und verlassen, so wird es 
Ihnen des Nachts unfehlbar träumen, daß Sie sich Ihrer Heimat 
nähern; Sie sehen sie glänzen und leuchten in den schönsten Farben, 
holde, feine und liebe Gestalten treten Ebnen entgegen; da entdecken 
Sie plötzlich, daß Sie zerfetzt, nackt und staubbedeckt umhergehen. 
Eine namenlose Scham und Angst faßt Sie, Sie suchen sich zu be- 
decken, zu verbergen und erwachen im Schweiße gebadet. Dies ist, 
solange es Menschen gibt, der Traum des kummervollen, umher- 
geworfenen Mannes, und so hat Homer jene Lage aus dem tiefsten 
und ewigen Wesen der Menschheit herausgenommen." 

Das tiefste und ewige Wesen der Menschen, auf dessen Er- 
weckung der Dichter in der Regel bei seinen Hörern baut, das sind 
jene Regungen des Seelenlebens, die in der später prähistorisch ge- 
wordenen Kinderzeit wurzeln. Hinter den bewußtseinsfähigen und 
einwandfreien Wünschen des Heimatlosen brechen im Traume die 
unterdrück len und unerlaubt gewordenen Kinder wünsche hervor, und 

* Dasselbe bedeutet, aus begreiflichen Gründen, im Traume die Anwesen- 
heit der „ganzen Familie". 



Der Nucktbeiutraum. 17] 

darum schlägt der Traum, den die Sage von der Nausikaa objektiviert, 
regelmäßig in einen Angst i räum um. 

Mein eigener, auf S. 165 erwähnter Traum von dem Eilen über 
die Treppe, das sich bald nachher in ein An-den-Stut'cn-Kleben ver- 
wandelt, ist gleichfalls ein Exhibitionstraum, da er die wesentlichen 
Bestandstücke eines solchen aufweist. Er müßte sich also auf Kinder- 
ei- lebnissc zurückführen lassen, und die Kenntnis derselben müßte 
einen Aufschluß darüber geben, inwiefern das Benehmen des Dienst- 
mädchens gegen mich, ihr Vorwurf» daß ich den Teppich .schmutzig 
gemacht habe, ihr zur Stellung verhilft, die sie im Traume einnimmt. 
Ich kann die gewünschten Aufklärungen nun wirklich beibringen. 
In einer Psychoanalyse lernt man die zeitliche Annäherung auf sach- 
lichen Zusammenhang umdeuten; zwei Gedanken, die, anseheinend 
zusammenhanglos, unmittelbar aufeinanderfolgen, gehören zu einer 
Einheit, die zu erraten ist, ebenso wie ei 1 a, .und ein b, die ich neben- 
einander hinschreibe, als eine Silbe: ab ausgesprochen werden sollen. 
Ähnlich mit der Aufeinanderbeziehung der Träume. Der erwähnte 
Traum von der Treppe ist aus einer Traumreihe herausgegriffen, 
deren andere Glieder mir der Deutung nach bekannt sind. Der von 
ihnen eingeschlossene Traum muß in denselben Zusammenhang ge- 
hören. Nun liegt jenen anderen einschließenden Träumen die Er- 
innerung an eine Kinderfrau zu Grunde, die mich von irgend einem 
Termin der Säuglingszeit bis zum Alter von 2 1 /« Jahren betreut hat, 
von der mir auch eine dunkle Erinnerung im Bewußtsein geblieben 
ist. Nach den Auskünften, die ich unlängst von meiner Mutter ein- 
geholt habe, war sie alt und häßlich, aber sehr klug und tüchtig, 
nach den Schlüssen, die ich aus meinen Träumen ziehen darf, hat 
sie mir nicht immer die liebevollste Behandlung angedeihen und mich 
harte Worte hören lassen, wenn ich der Erziehung zur Reinlichkeit 
kein genügendes Verständnis entgegenbrachte. Indem also das Dienst- 
mädchen dieses Erziehungswerk fortzusetzen sich bemüht, erwirbt sie 
den Anspruch, von mir als Inkarnation der prähistorischen Uten im 
Traume behandelt zu werden. Es ist wohl anzunehmen, daß das 
Kind dieser Erzieherin, trotz ihrer schlechten Behandlung, seine Liebe 
geschenkt hat*. 

ß) Die Träume vom Tod teurer Personen. 

Eine andere Reihe von Träumen, die typisch genannt werden 
dürfen, sind die mit dem Inhalte, daß ein teurer Verwandter, Eltern 
oder Geschwister, Kinder usw. gestorben ist. Alan muß sofort von 
diesen Träumen zwei Klassen unterscheiden, die einen, bei welchen 
man im Traume von Trauer unberührt bleibl, so daß man sieh nach 
dem Erwachen über seine Gefühllosigkeit wundert, die anderen, bei 
denen man tiefen Schmerz über den Todesfall empfindet, ja ihn selbst 
in heißen Tränen während des Schlafes äußert. 



* Eine Überdeutung dieses Traumes: Auf der Treppe spucken, das führt?, 
da „Spuken" eine Tätigkeit der Geister ist, bei loser Übersetzung aum „osprit 
d'escalier". Treppenwitz, heißt soviel als Mangel an Schlagfertigkeit. Den habe 
ich mir wirklich vorzuwerfen. Üb aber die Kinderfrau es an „Schlagfertig- 
keit" liat fohlen lassen'/ 



1 72 v - Das Traummaterial und die Traumquelleu. 

Die Träume der ersten Gruppe dürfen wir bei Seite lassen; 
sie haben keinen Anspruch, als typisch zu gelten. "Wenn man sie 
analysiert, findet man, daß sie etwas anderes bedeuten, als sie ent- 
halten, daß sie dazu bestimmt sind, irgend einen anderen Wunsch 
zu verdecken. So der Traum der Tante, die den einzigen Sohn ihrer 
Schwester aufgebahrt vor sich sieht (S. 107). Das bedeutet nicht, daß 
sie dem kleinen Neffen den Tod wünscht, sondern verbirgt nur, wie 
wir erfahren haben, den "Wunsch, eine gewisse geliebte Person nach 
langer Entbehrung wieder zu sehen, dieselbe, die sie früher einmal 
nach ähnlich langer Pause bei der Leiche eines anderen Neffen wieder- 
gesehen hat. Dieser Wunsch, welcher der eigentliche Inhalt des 
Traumes ist, gibt keinen Anlaß zur Trauer, und darum wird auch 
im Traume keine Trauer verspürt. Man merkt es hier, daß die im 
Traume enthaltene Empfindung nicht zum manifesten Trauminhalt 
gehört, sondern zum latenten, daß der Affektinhalt des Traumes von 
der Entstellung frei geblieben ist, welche den Yorstellungsinhalt be- 
troffen hat. 

Anders die Träume, in denen der Tod einer geliebten verwandten 
Person vorgestellt und dabei schmerzlicher Affekt verspürt wird. 
Diese bedeuten, was ihr Inhalt besagt, den "Wunsch, daß die betreffende 
Person sterben möge, und da ich hier erwarten darf, daß sich die 
Gefühle aller Leser und aller Personen, die Ähnliches geträumt haben, 
gegen meine Auslegung sträuben werden, muß ich den Beweis auf der 
breitesten Basis anstreben. 

Wir haben bereits einen Traum erläutert, aus dem wir lernen 
konnten, daß die Wünsche, welche sich in Träumen als erfüllt dar- 
stellen, nicht immer aktuelle Wünsche sind. Es können auch ver- 
flossene, abgetane, überlagerte und verdrängte Wünsche sein, denen 
wir nur wegen ihres Wiederauftauchens im Traume doch eine Art 
von Portexistenz zusprechen müssen. Sie sind nicht tot wie die 
Verstorbenen nach unserem Begriffe, sondern wie die Schatten der 
Odyssee, die, sobald sie Blut getrunken haben, zu einem gewissen 
Leben erwachen. In jenem Traume vom toten Kinde in der Schachtel 
(S. 108) handelte es sich um einen Wunsch, der vor 15 Jahren 
aktuell war und von damals her unumwunden eingestanden wurde. 
Es ist vielleicht für die Theorie des Traumes nicht gleichgültig, wenn 
ich hinzufüge, daß selbst diesem Wunsche eine Erinnerung aus der 
frühesten Kindheit zu Grunde liegt. Die Träumerin hat als kleines 
Kind — wann, ist nicht sicher festzustellen — gehört, daß ihre Mutter 
in der Schwangerschaft, deren Frucht sie wurde, in einelschwere Ver- 
stimmung verfallen war und dem Kinde in ihrem Leibe sehnlichst den 
Tod gewünscht hatte. Selbst erwachsen und gravid geworden, folgte 
sie nur dem Beispiele der Mutter. 

Wenn jemand unter Schmerzensäußerungen davon träumt, sein 
Vater oder seine Mutter, Bruder oder Schwester seien gestorben, so 
werde ich diesen Traum niemals als Beweis dafür verwenden, daß 
er ihnen jetzt den Tod wünscht. Die Theorie des Traumes fordert 
nicht so viel; sie begnügt sich zu schließen; daß er ihnen — irgend 
einmal in der Kindheit - - den Tod gewünscht habe- Ich fürchte 
aber, diese Einschränkung; wird noch wenig zur Beruhigung der 



I 



Der Egoisniaa de» Kindes. ^73 

Bescliwerdcfühuer beitragen; diese dürften ebenso energisch die Mög- 
lichkeit bestreiten, daß sie je so gedacht haben, wie .sie .sich sicher 
fühlen, nicht in der Gegenwart solche Wunsche zu hegen. Ich muß 
darum ein Stück vom untergegangenen Kinderscclenleben nach den 
Zeugnissen, die noch die Gegenwart aufweist, wieder herstellen*. 

Fassen wir zunächst das Verhältnis der Kinder zu ihren Ge- 
schwistern ins Auge. Ich weiß nicht, warum wir voraussetzen, es 
müsse ein liebevolles sein, da doch die Beispiele von Geschwister- 
feindschaft unter Erwachsenen in der Erfahrung eines jeden sich 
drängen, und wir so oft feststellen können, diese Entzweiung rühre 
noch aus der Kindheit her, oder habe von jeher bestanden. Aber auch 
sehr viele Erwachsene, die heute an ihren Geschwistern zärtlich hängen 
und ihnen beistehen, haben in ihrer Kindheit in kaum unterbrochener 
Feindschaft mit ihnen gelebt. Das ältere Kind hat das jüngere miß- 
handelt, angeschwärzt, es seiner Spielsachen beraubt; das jüngere hat 
sich in ohnmächtiger Wut gegen das ältere verzehrt, es beneidet und 
gefürchtet, oder seine ersten Regungen von Freiheitsdrang und Rechts- 
bewußtsein haben sich gegen den Unterdrücker gewendet. Die Eltern 
sagen, die Kinder vertragen sich nicht, und wissen den Grund hiefür 
nicht zu finden. Es ist nicht schwor zu sehen, daß der Charakter auch 
des braven Kindes ein anderer ist, als wir ihn bei einem Erwachsenen 
zu finden wünschen. Das Kind ist absolut egoistisch, es empfindet 
seine Bedürfnisse intensiv und strebt rücksichtslos nach ihrer Befriedi- 
gung, insbesondere gegen seine Mitbewerber, andere Kinder, und in 
erster Linie gegen seine Geschwister. "Wir heißen das Kind aber 
darum nicht „schlecht", wir heißen es „schlimm" ; es ist unverant- 
wortlich für seine bösen Taten vor unserem Urteil wie vor dem 
Strafgesetz. Und das mit Recht; denn wir dürfen erwarten, daß noch 
innerhalb von Lebenszeiten, die wir der Kindheit zurechnen, in 
dem kleinen Egoisten die altruistischen Regungen und die Moral er- 
wachen werden, daß, mit Mcynert zu reden, ein sekundäres Ich 
das primäre überlagern und hemmen wird. "Wohl entsteht die Mora- 
lität nicht gleichzeitig auf der ganzen Linie, auch ist die Dauer der 
morallosen Kindheitsperiode bei den einzelnen Individuen verschieden 
lang. Psychoanalytische Untersuchungen haben mir gezeigt, daß ein 
sehr frühzeitiges Einsetzen der moralischen Reaktionsbildung (vor 
dem dritten Jahr), also ein sehr rasches „Bravwerden" des Kindes, zu 
den für die spätere Ausbildung einer Neurose disponierenden Momen- 
ten gerechnet werden muß. Wo die Entwicklung dieser Moralität aus- 
bleibt, sprechen wir gern von „Degeneration" ; es handelt sich offen- 
bar um eine Entwicklungshemmung. Wo der primäre Charakter durch 
die spätere Entwicklung bereits überlagert ist, kann er durch' die Er- 
krankung an Hysterie wenigstens partiell wieder freigelegt werden. 
Die Übereinstimmung des sogenannten hysterischen Charakters mit 
dem eines schlimmen Kindes ist geradezu auffällig. Die Zwangs- 
neurose hingegen entspricht dem Durchbruch einer Ubermoralität, die 

* Vgl. hiezu: Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben im Jahrbuch 
für psychoanalytische und psyebopathologische Forschungen, Ed. i, 1909, und 
„Ober infantile Sexualtheorien" in Sammlung kleiner Schriften zur Neurosen- 
lehre, zweite Folge. 



174 V. Das Traummatrriu! und die Traum quellen. 

als verstärkende Belastung dein sich immer wieder regenden primären 
Charakter auferlegt war. 

Viele Personen also, die heute ihre Geschwister lieben und sich 
durch ihr Hinsterben beraubt fühlen würden, tragen von früher her 
böse Wünsche gegen dieselben in ihrem Unbewußten, welche sich in 
Träumen zu realisieren vermögen. Es ist aber ganz besonders inter- 
essant, kleine Kinder bis zu drei Jahren oder wenig darüber in 
ihrem Verhalten gegen jüngere Geschwister zu beobachten. Das Kind 
war bisher das einzige, nun wird ihm angekündigt, daß der Storch 
ein neues Kind gebracht hat. Das Kind mustert den »Ankömmling und 
äußert dann entschieden : ..Der Storch soll es wieder mitnehmen*." 

Ich bekenne mich in allem Ernst zur Meinung, daß das Kind 
abzuschätzen weiß, welche Benachteiligung es von dem Fremdling zu 
erwarten hat. Von einer mir nahestehenden Dame, die sich heute 
mit ihrer um vier Jahre jüngeren Schwester sehr gut verträgt, weiß 
ich, daß sie die Nachricht von deren Ankunft mit dem Vorbehalit 
beantwortet hat: „Aber meine rote Kappe werde ich ihr doch nicht 
geben. 1 Sollte das Kind erst später zu dieser Erkenntnis kommen, 
so wird seine Feindseligkeit in diesem Zeitpunkte erwachen. Ich 
kenne einen Fall, daß ein nicht dreijähriges Mädchen den Säugling 
in der Wiege zu erwürgen versuchte, von dessen weiterer Anwesen- 
heit ihr nichts Gutes ahnte. Der Eifersucht sind Kinder um diese 
Lebenszeit in aller Stärke und Deutlichkeit fähig. Oder das kleine 
Ueschwisterchen ist wirklich bald wieder verschwunden, das Kind hat 
wieder alle Zärtlichkeit im Hause auf sich vereinigt, nun kommt ein 
neues vom Storche geschickt ; ist es da nicht korrekt, daß unsei« 
Liebling den Wunsch m sich erschaffen sollte, der neue Konkurrent 
möge dasselbe Schicksal haben wie der frühere, damit es ihm wieder 
so gut gehe wie vorhin und in der Zwischenzeit**? Natürlich' ist 
dieses Verhalten des Kindes gegen die Nachgeborenen in normalen 
Verhaltnissen eine einfache Funktion des Altersunterschiedes. Bei 
einem gewissen Intervall werden sich in dem älteren Mädchen bereits 
die mütterlichen Instinkte gegen das hilflose Neugeborene regen, 
i™ lSSF u ngen u V ° n Feindseligkeit gegen die Geschwister müssen 
im Kindesalter noch weit häufiger sein, als sie der stumpfen Beob- 
achtung E rwachsener auffallen***. 

M« * ! "? r 4 31 /2Jährige Hans, dessen Phobie Gegenstand der Analyse in der vor 
hin erwähnten Veröffentlichung ist, ruft im Fieber kurz, nach d G l e ne 
Schwester: Ich will aber kein Schwesterchen haben. In seiner WosaU Tahre 

1 ,f 2 * .• lasse, 1 1 . mu '° e > d;imifc es sterb0 > unumwunden ein. Dabei ist Hans 
« 1 ffÄ ****** Kind, welches bald auch diese Schwester lfeSÄ* 
und sie besonders gern protegiert. " m "' 

** Solche in der Kindheit erlebte Sterbefälle mögen in der Familie bald 
vergessen worden sein, die psychoanalytische Erforschung zeigt dod daß ™ 
f,I ^e spatere N euro se sehr bedeutungsvoll geworden sind. 

- . Beobachtungen, die sich auf das ursprünglich feindselige Verhalten von 
hindern gegen Geschwister und einen Elternteil beziehen, sind Seither in o- ro ßer 
Anzahl gemacht und m der psychoanalytischen Literatur niedergelegt worden 
Besonders echt und naiv hat der Dichter Spittelcr diese typische kindliche 
Einstellung aus seiner frühesten Kindheit geschildert: „Übrigens war noch ein 
zwei er Adoll da. Ein kleines Geschöpf, von dem man behauptete, er wäre mein 
Bruder, von dem ich aber nicht begriff, wozu er nützlich sei; noch weniger 






Die Feindseligkeit des Kindes gegen Geschwister. i7r 

Bei 'meinen eigenen Kindern, die einander rasch folgten, habe 
ich die Gelegenheit zu .solchen Beobachtungen versäumt; ich hole sie 
jetzt bei meinem Ideinen Neffen nach, dessen Alleinherrschaft nach 
15 Monaten durch das Auftreten einer Mitbewerberin gestört wurde. 
Ich höre zwar, daß der junge Mann sich sehr ritterlich gegen das 
Schwesterchen benimmt, ihr die Hand küßt und sie streichelt; ich 
überzeuge mich aber, daß er schon vor seinem vollendeten zweiten 
Jahre seine Sprauhfähigkeit dazu benutzt, um Kritik an der ihm doch 
nur überflüssig erscheinenden Person zu üben. So oft die llede auf 
sie kommt, mengt er sich ins Gespräch und ruft .unwillig: Zu k(l)ein. 
zu k(l)ein. In den letzten Monaten, seitdem das Kind sich durch 
vortreffliche Entwicklung dieser Geringschätzung entzogen hat, weiß 
er seine Mahnung, daß sie soviel Aufmerksamkeit nicht verdient, an- 
ders zu begründen. Er erinnert bei allen geeigneten Anlässen daran : 
Sie hat keine Zähne*. Von dem ältesten Madchen einer anderen 
Schwester, haben wir alle die Erinnerung bewahrt, wie das damals 
sechsjährige Kind sich eine halbe Stunde lang von allen Tanten be- 
stätigen ließ: „Nicht wahr, das kann die "Lucio noch nicht ver- 
stehen?" Lucie war die um 8 Vi Jahre jüngere Konkurrentin. 

Den gesteigerter -Feindseligkeit entsprechenden Traum vom Tode 
der Geschwister habe ich z. B. bei keiner meiner Patientinnen ver- 
mißt. Ich fand nur eine Ausnahme, die sich leicht in eine. Bestäti- 
gung der Kegel umdeuten ließ. Als ich einst einer Dame während 
einer Sitzung diesen Sachverhalt erklärte, der mir bei dem Symptom 
an der Tagesordnung in Betracht zu kommen schien, antwortete sie 
mir zu meinem Erstaunen, sie habe solche Träume nie gehabt. Ein 
anderer Traum fiel ihr aber ein, der angeblich damit nichts zu 
schaffen hatte, ein Traum, den sie mit vier Jahren, zuerst als damals ' 
Jüngste, und dann wiederholt geträumt hat te. ,,Eine Menge Kinder, 
alle ihre Brüder, Schwestern, Cousins und Cousinen tum- 
melten sich auf einer Wiese. Plötzlich bekamen sie Flü- 
gel, flogen auf und waren weg." Von der Bedeutung' des Traumes 
hatten sie keine Ahnung; es wird uns nicht schwer fallen, einen Traum 
vom Tode aller Geschwister in seiner ursprünglichen, durch die 
Zensur wenig beeinflußten Form darin zu erkennen. Ich getraue mich 
folgende. Analyse unterzuschieben. Bei dem Tode eines aus der 
Kinderschar — die Kinder zweier Brüder wurden in diesem Falle 
in geschwisterlicher Gemeinschaft aufgezogen — wird unsere noch 
nicht vierjährige Träumerin eine weise, erwachsene Person gefragt 
haben: Was wird denn aus den Kindern, wenn sie tot sind? Die 
Antwort wird gelautet haben: Dann bekommen sie Flügel und wer- 
den Engerl. Im Traume nach dieser Aufklärung haben nun die Ge- 

weswegen man solch ein Wesen ans ihm mache wie. von mir selber. loh genügte 
für mein Bedürfnis, was braur-hte ich einen Bruder? Und nicht bloß "unnütz 
war er. sondern .mitunter sogar hinderfloh. Wenn ich die Großmutter belästigte, 
wollte er sie ebenfalls belästigen, wenn ich im Kinderwagen gefahren wurde. 
saß er gegenüber und nahm mir die Hälfte Platz weg, so daß wir uns mit den 
Füßen stoßen., mußten."' 

* In die .nämlichen Worte kleidet der 3 l / s jährige Hans die . vernichtende 
Kritik seiner Schwester (1. c). Er nimmt an, daß sie wegen des Mangels der 
Zähne nicht sprechen kann. 



\ 76 V. Das Traummaterial und die Traumquellen. 

sfchwister alle Flügel wie die Engel und — was die Hauptsache i&t — 
sie fliegen weg. Unsere kleine Engelmacherin bleibt allein, man denke, 
das einzige nach einer solchen Schar! Daß sich die Kinder auf einer 
Wiese tummeln, von der sie wegfliegen, deutet kaum mißverständlich 
auf Schmetterlinge hin, als ob dieselbe Gedankenverbindung das Kind 
geleitet hätte, welche die Alten bewog, die Psyche mit Schmetterlings- 
flügeln zu bilden. 

Vielleicht wirft nun jemand ein, die feindseligen Impulse der 
Kinder gegen ihre Geschwister seien wohl zuzugeben, aber wie käme, 
das Kindergemüt zu der Höhe von Schlechtigkeit, dem Mitbewerber 
oder stärkeren Spielgenossen gleich den Tod ju wünschen, als ob alle 
Vergehen nur durch die Todesstrafe zu sühnen seien? Wer so spricht, 
erwägt nicht, daß die Vorstellung des Kindes vom „Totsein" mit der 
unserigen das Wort und dann nur noch wenig anderes gemein hat. 
Das Kind weiß nichts von den Greueln der Verwesung, ,vom Frieren 
im kalten Grabe, vom Schrecken des endlosen Nichts, das der Er- 
wachsene, wie alle Mythen vom Jenseits zeugen, in seiner -, Vorstellung 
so schlecht verträgt. Die Furcht vor dem Tode ist ihm fremd, darum 
spielt es mit dem gräßlichen Worte und droht einem anderen Kinde: 
„Wenn du das noch einmal tust, wirst du sterben, wie der Franz 
gestorben ist," wobei es die arme Mutter schaudernd überläuft, ,die 
vielleicht nicht daran vergessen kann, daß die größere Hälfte, der 
erdgeborenen Menschen ihr Leben nicht über die Jahre der Kindheit 
bringt. Noch mit acht Jahren kann das Kind, von einem Gangti 
durch das Naturhistorische Museum heimgekehrt, seiner Mutter sagen: 
„Mama, ich habe dich so lieb; wenn du einmal stirbst, lasse ich dich 
ausstopfen und stelle dich hier im Zimmer auf, damit ich dich immer, 
immer sehen kann!" So wenig gleicht die kindliche Vorstellung .vom 
Gestorbensein der unserigen*. 

Gestorben sein heißt für das Kind, welchem ja überdies «die 
Szenen des Leidens vor dem Tode zu sehen erspart wird, so viel als 
„fort sein", die Überlebenden nicht mehr stören. Es unterscheidet 
nicht, auf welche Art diese Abwesenheit zu Stande kommt, ob durch 
Verreisen, Entfremdung oder Tod**. Wenn in den prähistorischen 
Jaliren eines Kindes seine Kinderfrau weggeschickt worden und einige 

* Von einem hochbegabten zehnjährigen Knaben hörte ich nach dem plötz- 
lichen Tode seines Vaters zu meinem Erstaunen folgende Äußerung: Daß der 
Vater gestorben ist, verstehe ich, aber warum er nicht zum Nachtmahl nach 
Hause kommt, kann ich mir nicht erklären. — Weiteres Material zu diesem 
Thema findet sich in der von Frau Dr. v. Hug-Hellmuth redigierten Kubrik 
„Kinderseele" von „Imago". Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf 
die Geisteswissenschaften, Bd. I— V, 1912—1918. 

** Die Beobachtung eines psychoanalytisch geschulten Vaters erhascht auch 
den Moment, in dem sein geistig hochentwickeltes vierjähriges Tüchterchen den 
Unterschied zwischen „fortsein" und „totsein" anerkennt. Das Kind machte 
Schwierigkeiten beim Essen und fühlte sich von einer der Aufwärterinnen in 
der Pension unfreundlich beobachtet. „Die Josefine soll tot sein", äußerte sie 
darum gegen den Vater. Warum gerade tot sein?, fragte der Vater beschwich- 
tigend. Ist es nicht genug, wenn sie weggeht? „Nein," antwortete das Kiud, 
„dann kommt sie wieder." — Für die uneingeschränkte Eigenliebe ("den Nar- 
zißmus) des Kindes ist jede Störung ein crimen laesae majestatis, und wie die 
drakonische Gesetzgebung setzt das Gefühl des Kindes auf alle solche Vergehen 
nur die eine nicht dösierbare Strafe. 



Toclcswüusche gegen Geschwister and Eltern. 1-77 

Zeil, darauf soino Mutter gestorben ist, so liegen für seine Fainncrun»- 
wie man sie m der Analyse aufdeckt, beide Ereignisse in einer Reibe 
übereinander. Daß das Kind die Abwesender, nicht sehr intensiv ver- 
mißt, hat manche Mutter zu ihrem Schmerze erfahren, wenn sie nach 
mehrwöchiger Sommerreise in ihr Haus zurückkehrte und auf ihre 
Erkiuidigung hören mußte: Die Kinder haben nicht ein einziges 
Mal nach der Mama gefragt, Wenn sie aber wirklich in jenes „un- 
entdeckte Land;' verreist ist. „von des Bezirk kein "Wanderer wieder- 
kehrt , so scheinen die Kinder sie zunächst vergessen zu haben und 
erst nachträglich beginnen sie, sich an die Tote zu erinnern. 

Wenn das Kind also Motive hat, die Abwesenheit eines anderen 
Kindes zu wünschen, so mangelt ihm jede Abhaltung, diesen Wunsch 
i.n die Jborm zu kleiden, es möge tot sein, und die psychische Reak- 
tion aui den Todcswunschtraum beweist, daß. trotz aller Verschieden- 
heit im Inhalt der Wunsch beim Kinde doch irgendwie das nämliche 
ist wie der gleichlautende Wunsch des Erwachsenen. 

Wenn nun der Todeswunsch des Kindes gegen seine Geschwister er- 
klärt wird durch den Egoismus des Kindes, der sie die Geschwister 
als Mitbewerber auffassen läßt, wie soll sicli der Todeswunsch o-e^n 
die Eltern erklären, die für das Kind die Spender von Liebe" und 
Erfüller seiner Bedürfnisse sind, deren Erhaltung es gerade aus ego- 
istischen Motiven wünschen sollte? 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit leitet uns die Erfahrung, daß 
die Träume vom Tode der Eltern überwiegend häufig den Teil des 
Elternpaares betreffen, der das Geschlecht des Träumers teilt, daß 
also der Mann zumeist vom Tode des Vaters, das ^Weib vom Tode der 
Mutter träumt. Ich kann das nicht als regelmäßig hinstellen, aber 
das Überwiegen in dem angedeuteten Sinne ist so deutlich, daß es 
eine Erklärung durch ein Moment von allgemeiner Bedeutung fordert 
Es verhält sich — grob ausgesprochen — so, als ob eine sexuelle 
Vorliebe, sich frühzeitig geltend machen würde, als ob der Knabe im 
Vater, das Mädchen in der Mutter den Mitbewerber in der Liebe 
erblickte, durch dessen Beseitigung ihm nur Vorteil erwachsen kann. 
Elie man diese Vorstellung als ungeheuerlich verwirft, möge 
man auch hier die realen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern 
ins Auge fassen. Man hat zu sondern, was die Kuli urf orderung der 
Pietät von diesem Verhältnis verlangt, und was die tägliche Beob- 
achtung als tatsächlich ergibt. In der Beziehung zwischen Eltern 
und Kindern liegen mehr als nur ein Anlaß zur Feindseligkeit ver- 
borgen: die Bedingungen für das Zustandekommen von Wünschen, 
welche vor der Zensur nicht bestehen, sind im reichsten Ausmaße 
gegeben. Verweilen wir zunächst bei der Relation zwischen Vater 
und Sohn. Ich meine, die Heiligkeit, die wir den Vorschriften des 
Dekalogs zuerkannt haben, stumpft unseren Sinn für die Wahr- 
nehmung der Wirklichkeit ab. Wir getrauen uns vielleicht kaum zu 
merken, daß der größere Teil der Menschheit sich über die Befolgung 
des vierten Gebotes hinaussetzt. In den tiefsten wie in den höchsten 
Schichten. der menschliehen Gesellschaft pflegt die Pietät gegen die 
Eltern vor anderen Interessen zurückzutreten. Die dunklen' Nach- 
richten, die in Mythologie und Sage aus der Urzeit der menschlichen 

Freud, Vraumdoiitiinjr &• Aufl. 12 



1 78 V. Das Traummaterial und die Tran m quellen. 

Gesellschaft auf uns gekommen sind, geben von der Machtfülle des 
Vaters und von der Rücksichtslosigkeit, mit der sie gebraucht wurde, 
eine unerfreuliche Vorstellung. Kronos verschlingt seine Kinder, 
etwa wie der Eber den Wurf des Mutterschweines, und Zeus ent- 
mannt den Vater* und setzt sich als Herrscher an seine Stelle. Je 
unumschränkter der Vater in der alten Familie herrschte, desto mehr 
muß der Sohn als berufener Nachfolger in die Lage des Feindes ge- 
rückt, desto größer muß seine Ungeduld geworden sein, durch den 
Tod des Vaters selbst zur Herrschaft zu gelangen. Noch in unserer 
bürgerlichen Familie pflegt der Vater durch die Verweigerung der 
Selbstbestimmung und der dazu nötigen Mittel an den Sohn dem 
natürlichen Keime der Feindschaft, der in dem Verhältnisse liegt, zur 
Entwicklung zu verhelfen. Der Arzt kommt oft genug in idie Lage zu 
bemerken, daß der Schmerz über den Verlust des Vaters beim Sohne 
die Befriedigung über die endlich erlangte Freiheit nicht unter- 
drücken kann. Den Eest der in unserer heutigen Gesellschaft arg 
antiquierten potestas patris familias pflegt jeder Vater krampfhaft 
festzuhalten, und jeder Dichter ist der Wirkung sicher, der den uralten 
Kampf zwischen Vater und Sohn in den Vordergrund seiner .Fabeln 
rückt. Die Anlässe zu Konflikten zwischen Tochter und Mutter er- 
geben sich, wenn die Tochter heranwächst und in der Mutter die 
Wächterin findet, während sie nach sexueller Freiheit begehrt, die 
Mutter aber durch das Aufblühen der Tochter gemahnt wird, daß 
für sie die Zeit gekommen ist, sexuellen Ansprüchen zu entsagen. 

Alle diese Verhältnisse liegen offenkundig da vor jedermanns 
Augen. Sie fördern uns aber nicht bei der Absicht, die Träume vom 
Tode der Eltern zu erklären, welche sich bei Personen 'finden, denen 
die Pietät gegen die Eltern längst etwas Unantastbares geworden ist. 
Auch sind wir durch die vorhergehenden Erörterungen darauf vor- 
bereitet, daß sich der Todeswunsch gegen die Eltern aus Üer frühesten 
Kindheit ableiten wird. 

Mit einer alle Zweifel ausschließenden Sicherheit bestätigt sich 
diese Vermutung für die Psychoneurotiker bei den mit ihnen vor- 
genommenen Analysen. Man lernt hiebei, daß sehr frühzeitig die 
sexuellen Wünsche des Kindes erwachen — soweit sie im keimenden 
Zustand diesen Namen verdienen — , und daß die erste Neigung des 
Mädchens dem Vater, die ersten infantilen Begierden des Knaben der 
Mutter gelten. Der Vater wird somit für den Knaben, die Mutter 
für das Mädchen zur störenden Mitbewerber, und wie wenig für das 
Kind dazu gehört, damit diese Empfindung zum Todeswunsch führe, 
haben wir bereits für den Fall der Geschwister ausgeführt. Die 
sexuelle Auswahl macht sicli in der Kegel bereits bei den Eltern 
geltend; ein natürlicher Zug sorgt dafür, daß der Mann die kleinen 
Töchter verzärtelt, die Frau den Söhnen die Stange hält, während 
beide, wo der Zauber des Geschlechtes ihr Urteil nicht verstört, mit 

* Wenigstens in einigen mythologischen Darstellungen. Nach anderen wird 
die Entmannung nur von Kronos an seinem Vater üranos vollzogen. 

über die mythologische Bedeutung dieses Motivs vgl. Otto Rank: Der 
Mythus von der Geburt des Helden, ~>. Heft der „Schriften zur angew. Seelen- 
kunde, 1909' und „Das Inzestmotiv in Dichtung und Sage", 1912, Kap. IX, 2. 



Die Quellen des Todeswunsches gegen die Eltern. -j 70 

Strenge für die Erziehung der Kleinen wirken. Das Kind bemerkt 
die Bevorzugung sehr wohl und lehnt sieh gegen den Teil des Eltern- 

1SSZ S^T?" S1C1 + lhr *£*&£ Liebe bei dem Erwachsenen zu 
imden, ist ihm nicht nur die Befriedigung eines besonderen Bedürf- 
nisses, sondern bedeutet auch, daß in allen anderen Stücken seinem 
W illen nachgegeben wird. So folgt es dem eigenen sexuellen Triebe 
nnd erneuert gleichzeitig die von den Eltern ausgehende Anregung, 
di™ trifft' 1116 machen den Eltern im gleichen Sinne wie 

Von den Zeichen dieser infantilen Neigungen seitens der Kinder 
fi* t f ia V e i mC1 u teU f U üb f rsch « n ; einige kann man auch nach 
t£L£ I 1 ^^«^.^rken. Ein achtjähriges Mädchen meiner 
Bekanntschaft benutzt die Gelegenheit, wenn die Mutter vom Tische 
abbei-ufen wird, um sich als ihre Nachfolgerin zu proklamieren. „Jetzt 

S?iSS A° l^ ama Se r- : I ? rl ' f llst du noch Gcmüse? *K*» doch, 
^1/ iT* Em 1 beso " ders „begabtes und lebhaftes Mädchen 
von nicht v,er Jahren an dem dies Stück Kinderpsychologie besonders 
durchsichtig ist äußert dn-ekt: „Jetzt kann das Muatterl einmal fort? 
gehen, dann muß das Vaterl mich heiraten, und ich will seine Frau 
Ta A Wjb&ddM* schließt dieser Wunsch durchaus nicht aus, 
daß das Kmd auch seine Mutter zärtlich liebe. Wenn der kleine 
Knabe neben der Mutter schlafen darf, sobald der Vater verreist ist, 
und nach dessen Rückkehr ins Kinderzimmer zurück muß zu einer 
1 erson, die ihm weit weniger gefällt, so mag sich leicht der Wunsch 
bei ihm gestalten, daß der Vater immer abwesend sein möge, damit 
er seinen Platz bei der liehen, schönen Mama behalten kann! und ein 
Mittel zur Erreichung dieses Wunsches ist es offenbar, wenn der 
Vater tot ist, denn das eine hat ihn seine Erfahrung gelehrt: „Tote" 
Leute, wie der Großpapa z. B., sind immer abwesend, kommen nie 
wieder. 

Wenn sich solche Beobachtungen an kleinen Kindern der vor- 
geschlagenen Deutung zwanglos fügen, so ergeben sie allerdings nicht 
die volle Überzeugung, welche die Psychoanalysen erwachsener Neuro- 
tiker dem Arzte aufdrängen. Die Mitteilung der betreffenden Träume 
erfolgt hier mit solchen Einleitungen, daß ihre Deutung als "Wunsch- 
träume unausweichlich wird. Ich finde eines Tages eine Dame betrübt 
und verweint. Sie sagt: „Ich will meine Verwandten nicht mehr sehen, 
es muß ihnen Ja vor mir grausen." Dann erzählt sie fast ohne Über- 
gang, daß sie sich an einen Traum erinnert, dessen Bedeutung sie 
natürlich nicht kennt. Sie hat ihn mit vier Jahren. geträumt, er lautet 
folgendermaßen: Ein Luchs oder Fuchs geht auf dem Dache 
spazieren, dann fällt etwas herunter oder sie fällt her- 
unter, und dann trägt man die Mutter tot aus dem Hause, 
wobei sie schmerzlich weint. Ich habe ihr kaum mitgeteilt, daß dieser 
Traum den Wunsch aus ihrer Kindheit bedeuten muß, die Mutter tot 
zu sehen, und daß sie dieses Traumes wegen meinen muß, die Ver- 
wandten grausen sich vor ihr, so liefert sie bereits etwas Material, 
den Traum aufzuklären. „Luchsaug" ist ein Schimpfwort, mit dem sie 
einmal als ganz kleines Kind von einem Gassenjungen belegt wurde; 

12* 



V. Das Tranmmaterial und Sie Traum quellen. 

ihrer Mutter ist, als das Kind 'drei Jahre alt war, ein Ziegelstein vom 
Dache, auf den Kopf gefallen, so daß sie heftig geblutet hat. 

Ich hatte einmal Gelegenheit, ein junges Mädchen, das ver- 
schiedene psychische Zustände durchmachte, eingehend zu studieren. 
In einer tobsüchtigen Verworrenheit, mit der die Krankheit begann, 
zeigte die Kranke eine ganz besondere Abneigung gegen ihre Mutter, 
schlug und "beschimpfte sie, sobald sie sich dem Bett näherte, während 
sie gegen eine um vieles ältere Schwester zu derselben Zeit liebevoll 
und gefügig blieb. Dann folgte ein klarer, aber etwas apathischer 
Zustand mit sehr gestörtem Schlafe; in dieser Phase begann ich die 
Behandlung und analysierte ihre Träume. Eine Unzahl derselben 
handelte mehr oder minder verhüllt vom Tode der Mutter ; bald 
wohnte sie dem Leichenbegängnis einer alten Frau bei, bald sah sie 
sich und ihre Schwester in Trauerkleidern bei Tische sitzen; es blieb 
über den Sinn dieser Träume kein Zweifel. Bei noch weiter fort- 
schreitender Besserung traten l^sterische Phobien auf; die quälendste 
darunter war, daß der Mutter etwas geschehen sei. Von wo sie immer 
sich befand, mußte sie dann nach Hause eilen, um sich zu überzeug-en. 
daß die Mutter noch lebe. Der Pall war nun. zusammengehalten mit 
meinen sonstigen Erfahrungen, sehr lehrreich; er zeigte in gleichsam 
mehrsprachiger Übersetzung verschiedene Eeaktionsweisen des psychi- 
schen Apparates auf dieselbe erregende Vorstellung. In der Verworren- 
heit, die ich als Überwältigung der zweiten psychischen Instanz 
durch die sonst unterdrückte erste auffasse, wurde die unbewußte 
Feindseligkeit gegen die Mutter motorisch mächtig ; als dann die 
erste Beruhigung eintrat, der Aufruhr unterdrückt, die Herrschaft der 
Zensur wieder hergestellt war, blieb dieser Feindseligkeit nur mehr 
das Gebiet des Träumens offen, um den "Wunsch nach ihrem Tode zu 
verwirklichen; als das Normale sich noch weiter gestärkt hatte, schuf 
es als hysterische Gegensatzreaktion und Abwehrerscheinung die über- 
mäßige Sorge um die Mutter. In diesem Zusammenhange ist es nicht 
mehr unerklärlich, warum die hysterischen Mädchen so oft überzärt- 
lich an ihren Müttern hängen. 

Ein andermal hatte ich Gelegenheit, tiefe Einblicke in das' un- 
bewußte Seelenleben eines jungen Mannes zu tun, der durch Zwangs- 
neurose fast existenzunfähig, nicht auf die Straße gehen konnte, weil 
ihn die Sorge quälte, er bringe alle Leute, die an ihm vorbeigingfen, 
um. Er verbrachte seine Tage damit, die Beweisstücke für sein Alibi 
in Ordnung zu halten, falls die Anklage wegen eines der in der Stadt 
vorgefallenen Morde gegen ihn erhoben werden sollte. Überflüssig zu 
bemerken, daß er ein ebenso moralischer wie fein gebildeter Mensch 
war. Die — übrigens zur Heilung führende — Analyse deckte aIs 
die Begründung dieser peinlichen Zwangsvorstellung Mordimpulse 
gegen seinen etwas überstrengen Vater auf, die sich, als er sieben Jahre 
alt war, zu seinem Erstaunen bewußt geäußert hatten, aber natürlich 
aus weit früheren Kindesjahren stammten. Nach der qualvollen Krank- 
heit und dem Tode des Vaters trat im 31. Lebensjahre der Zwangs- 
vorwurf auf, der sich in Form jener Phobie auf Fremde übertrug. 
Wer im Stande war, seinen eigenen Vater von einem Berggipfel in 
den Abgrund stoßen zu wollen, dem ist allerdings zuzutrauen, daß 






Die Sage vom König Üdipus. JgJ 

i 

er auch das Leben. Fernerstehender nicht schone ; der tut darum recht 
daran, sich in seine Zimmer einzuschließen. 

Nach meinen bereits zahlreichen Erfahrungen spielen die Eltern 
im Kinderseelenleben aller späteren Psychoneurotiker die Hauptrolle, 
und Verliebtheit gegen den einen, Haß gegen den anderen Teil des 
Elternpaares gehören zum eisernen Bestand des in jener Zeit gebildeten 
und für die Symptomatik der späteren Neurose so bedeutsamen Ma- 
terials an psychischen Regungen. Ich glaube aber nicht, daß die 
Psychoneurotiker sich hierin von anderen, normal verbleibenden Men- 
schenkindern scharf sondern, indem sie absolut Neues und ihnen 
Eigentümliches zu schaffen vermögen. Es ist bei weitem wahrschein- 
licher und wird durch gelegentliche Beobachtungen an normalen 
Kindern unterstützt, daß sie auch mit diesen verliebten und feind- 
seligen Wünschen gegen ihre Eltern uns nur durch die Vergrößerung 
kenntlich machen, was minder deutlich und weniger intensiv in der 
Seele der meisten Kinder vorgeht. Das Altertum hat uns zur Unter- 
stützung dieser Erkenntnis einen Sagenstoi'f überliefert, dessen durch- 
greifende und allgemeingültige Wirksamkeit nur durch eine ähnliche 
Allgemeingültigkeit der besprochenen Voraussetzung aus der Kinder- 
psychologic verständlich wird. 

Ich meine die Sage vom König ödipus und das gleichnamige 
Drama des Sophokles, ödipus, der Sohn des Laios, Königs 
von Theben, und der Jo käste, wird als Säugling ausgesetzt, weil ein 
Orakel dem Vater verkündet hatte, der noch ungeborene Sohn werde 
sein Mörder sein. Er wird gerettet und wächst als Königssohn an 
einem fremden Hofe auf, bis er, seiner Herkunft unsicher, selbst das 
Orakel befragt und von ihm den Hat erhält, die Heimat .zu meiden, 
weil er der Mörder seines Vaters und der Ehegemahl seiner Mutter 
werden müßte. Auf dem Wege von seiner vermeintlichen Heimat weg 
trifft er mit König Laios zusammen und erschlägt ihn in rasch ent- 
branntem Streite. Dann kommt er vor Theben, wo er die Rätsel 
der den Weg sperrenden Sphinx löst und zum Dank dafür von den 
Thebanern zum König gewählt und mit Jokastes Hand beschenkt 
wird. Er regiert lauge Zeit in Frieden und Würde und zeugt mit der 
ihm unbekannten Mutter zwei Söhne und zwei Töchter, bis eine Pest 
ausbricht, welche eine neuerliche Befragung des Orakels von Seite 
der Thebaner veranlaßt. Hier setzt die Tragödie des Sophokles 
ein. Die Boten bringen den Bescheid, daß die Pest aufhören werde, 
wenn der Mörder des Laios aus dem Lande getrieben sei. Wo aber 
weilt der? 

„Wo findet sich 
die schwererkennbar dunkle Spur der alten Schuld?" 

(Cber»etz.uug von Donner, v. 109.) 

Die Handlung des Stückes besteht nun in nichts anderem als in 
der schrittweise gesteigerten und kunstvoll verzögerten Enthüllung — 
der Arbeit einer Psychoanalyse vergleichbar — , daß ödipus selbst 
der Mörder des Laios, aber auch der Sohn des Ermordeten und der 
Jo käste ist. Durch seine unwissentlich verübten Greuel erschüttert, 






J52 V. Das Trauiumaterial und die Traumqucllen. 

blendet sich ödipus und verläßt di© Heimat. Der Orakelspruch ist 
erfüllt. 

König ö d i p u s ist eine sogenannte Schicksalstragödie ; ihre 
tragische. Wirkung soll auf dem Gegensatz zwischen dem über- 
mächtigen Willen der Götter und dem vergeblichen Sträuben der vom 
Unheil bedrohten Menschen beruhen; Ergebung in den Willen der 
Gottheit, Einsicht in die eigene Ohnmacht soll der tief ergriffene 
Zuschauer aus dem Trauerspiele lernen. Folgerichtig haben moderne 
Dichter es versucht, eine ähnliche tragische Wirkung zu erzielen, in- 
dem sie den nämlichen Gegensatz mit einer selbsterfundenen Fabel 
verwoben. Allein die Zuschauer haben ungerührt zugesehen, wie trotz 
alles Sträubcns schuldloser Menschen ein Fluch oder Orakelspruch 
sich an ihnen vollzog; die späteren Schicksalstragödien sind ohne 
Wirkung geblieben. 

Wenn der König ödipus den modernen Menschen nicht minder 
zu erschüttern weiß als den zeitgenössischen Griechen, so kann die 
Lösung wohl nur darin liegen, daß die AVirkung der griechischen 
Tragödie nicht auf dem Gegensatz zwischen Schicksal und Menschen- 
willen ruht, sondern in der Besonderheit des Stoffes zu suchen ist, 
an welchem dieser Gegensatz erwiesen wird. Es muß eine Stimme in 
unserem Innern geben, welche die zwingende Gewalt des Schicksals 
im ödipus anzuerkennen bereit ist, während wir Verfügungen wie 
in der „Ahnfrau" oder in anderen Schicksalstragödien als willkürliche 
zurückzuweisen vermögen. Und ein solches Moment ist in der Tat 
in der Geschichte des Königs ödipus enthalten. Sein Schicksal er- 
greift uns nur darum, weil es auch das unserige hätte werden können, 
weil das Orakel vor unserer Geburt denselben Fluch über uns ver- 
hängt hat wie über ihn. Uns allen vielleicht war es beschieden, die 
erste sexuelle Regung auf die Mutter, den ersten Haß und gewalt- 
tätigen Wunsch gegen den Vater zu richten; unsere Träume über- 
zeugen uns davon. König Ödipus," der seinen Vater L a 1 o s er- 
schlagen und seine Mutter Jokaste geheiratet hat, ist nur die Wunsch- 
er i'ül hing unserer Kindheit. Aber glücklicher als er, ist es uns seitdem, 
insofern wir nicht Psychoneurotiker geworden sind, gelungen, unsere 
sexuellen Regungen von unseren Müttern abzulösen, unsere Eifersucht 
gegen unsere Väter zu vergessen. Vor der Person, an welcher sich 
jener urzeitliche Kindheitswunsch erfüllt hat, schaudern wir zurück 
mit dem ganzen Betrag der Verdrängung, welche diese Wünsche in 
unserem Innern seither erlitten haben- Während der Dichter in jener 
Untersuchung die Schuld des Ödipus ans Licht bringt, nötigt er uns 
zur Erkenntnis unseres eigenen Innern, in dem jene Impulse, wenn 
auch unterdrückt, noch immer vorhanden sind- Die Gegenüberstellung, 
mit der uns der Chor verläßt, 

,, . . . sehet, das ist ödipus, 

der entwirrt die hohen Rätsel und der erste war an Macht, 
dessen Glück die Bürger alle priesen und beneideten ; 
Seht, in welches Mißgeschickes grause Wogen er versank!" 

diese Mahnung trifft uns selbst und unseren Stolz, die wir seit den 
Kindesjahren so weise und so mächtig geworden sind in unserer 



Der Ödipuskomplex. iy$ 

Schätzung. Wie ödipua leben wir in Unwissenheit der die Moral 
beleidigenden Wünsche, welche die Natur uns aufgenötigt hat, und 
nach deren Enthüllung möchten wir wohl alle den Blick abwenden 
von den Szenen unserer Kindheit*. 

Daß die Sage von ödipus einem uralten Traumstoffe entsprossen 
ist, welcher jene peinliche Störung des Verhältnisses zu den Eltern 
durch die ersten Regungen der Sexualität zum Inhalt hat, dafür findet 
sich im Texte der Sop hohle i sehen Tragödie selbst ein nicht miß- 
zuverstehender Hinweis. Jo käste tröstet den noch nicht aufgeklärten, 
aber durch die Erinnerung der Orakelsprüche besorgt gemachten 
ödipus durch die Erwähnung eines Traumes, den ja so viele Men- 
schen träumen, ohne daß er, meint sie, etwas bedeute: 

„Denn viele Menschen sahen auch in Träumen schon 
955. Sich zugesellt der Mutter: Doch wer alles dies 
Für nichtig achtet, trägt die Last des Lebens leicht." 

Der Traum, mit der Mutter sexuell zu verkehren, wird ebenso 
wie damals auch heute vielen Menschen zu teil, die ihn empört und 
verwundert erzählen. Er ist. wie begreiflich, der Schlüssel der Tra- 
gödie und das Ergänzungsstüek zum Traume vom Tode des Vaters. 
Die ödipusfabel ist die Ileaktion der Phantasie auf diese beiden 
typischen Träume, und wie die Träume vom Erwachsenen mit Ah- 
lehnungsgefühlen erlebt werden, so muß die Sage Schreck und Selbst- 
bestrafung in ihren Inhalt mit aufnehmen. Ihre weitere Gestaltung 
rührt wiederum von einer mißverständlichen sekundären Bearbeitung 
des Stoffes her, welche ihn einer theologisierenden Absicht dienstbar 
zu machen sucht- (Vgl. den Trauinstoff von der Exhibition S. 167 f.) 
Der Versuch, die göttliche Allmacht mit der menschlichen Verant- 
wortlichkeit zu vereinigen, muß natürlich an diesem Material wie an 
jedem anderen mißlingen. 

Auf demselben Boden wie „König ödipus" wurzelt eine andere 
der großen tragischen Dichterschöpfungen, der Hamlet Shake- 
speares. Aber in der veränderten Behandlung des nämlichen Stoffes 
offenbart sich der ganze Unterschied im Seelenleben der beiden weit 
auseinandcrliegenden Kulturperioden, das säkulare Fortschreiten der 
Verdrängung im Gemütsleben der Menschheit. Im ödipus wird die 
zu Grund© liegende Wunschphantasie des Kindes wie im Traume ans 
Licht gezogen und realisiert; im Hamlet bleibt sie verdrängt, und wir 
erfahren von ihrer Existenz — dem Sachverhalt bei einer Neurose 
ähnlich — nur durch die von ihr ausgehenden Hemmungswirkungen. 

* Keino der Ermittlungen der psychoanalytischen Forschung hat so er- 
bitterten, Widerspruch, ein so grimmiges Sträuben und — so ergötzliche Ver- 
renkungen der Kritik hervorgerufen wie dieser Hinweis auf die kindlichen, im 
Unbewußten erhalten gebliebenen Inzestneigungen. Die letzte Zeit hat selbst 
einen Versuch gebracht, den Inzest, allen Erfahrungen trotzend, nur als „sym- 
bolisch" gelten zu lassen. Eine geistreiche Oberdeutung des Odip usmythus 
gibt, auf einer Briefstelle Schopenhauers fußend, Ferenczi in der Imagol, 
1912. — Der hier zuerst in der ,, Traumdeutung'' berührte „Ödipuskomplex" hat 
durch weitere Studien eine ungeahnt große Bedeutung i'ür das Verständnis der 
Menschheitsgeschichte und der Entwicklung von Religion und Sittlichkeit ge- 
wonnen. S. Totem und Tabu, 11)13. 



184 



V. Das Traummaterial und die Traumuuelltm. 



Mit der überwältigenden Wirkung- des moderneren Dramas hat es sich 
eigentümlicherweise als vereinbar gezeigt, daß man über den Charakter 
des Helden in voller Unklarheit verbleiben könne. Das Stück ist auf 
die Züger ung Hamlets gebaut, die ihm zugeteilte Aufgabe der Hache 
zu erfüllen; welches die Gründe oder Motive dieser Zögerung sind, 
gesteht der Text nicht ein; die vielfältigsten Deutungsversuche haben 
es nicht anzugeben vermocht. Nach der heute noch herrschenden, 
durch Goethe begründeten Auffassung stellt Hamlet den Typus des 
Menschen dar, dessen frische Tatkraft durch die überwuchernde Ent- 
wicklung der Gedankentätigkeit gelähmt wird (,,Von des Gedankens 
Blässe angekränkelt"). Nach anderen hat der Dichter einen krank- 
haften, unentschlossenen, in das Bereich der Neurasthenie fallenden 
Charakter zu schildern versucht. Allein die Fabel des Stückes lehrt, 
daß Hamlet uns keineswegs als eine Person erscheinen soll, die des 
Handelns überhaupt unfällig ist. Wir sehen ihn zweimal handelnd auf- 
treten, das einem al in rasch auffahrender Leidenschaft, wie er den 
Lauscher hinter der Tapete niederstößt, ein anderesmal planmäßig, 
ja selbst arglistig, indem er mit der vollen Unbedenklichkeit des 
Itenaissance-Prinzen die zwei Höflinge in den ihm selbst zugedachten 
Tod schickt. Was hemmt ihn also bei der Erfüllung der Aufgabe, die 
der Geist seines Vaters ihm gestellt hat? Hier bietet sieh wieder die 
Auskunft, daß es die besondere Natur dieser Aufgabe ist Hamlet 
kann alles, nur nicht die Rache an dem Manne vollziehen, der seinen 
Vater beseitigt und bei seiner Mutter dessen Stelle eingenommen hat. 
an dem Manne, der ihm die Realisierung seiner verdrängten Kinder- 
wünsche zeigt. Der Abscheu, der ihn zur Rache drängen sollte, ersetzt 
sich so bei ihm durch Selbstvorwürfe, durch Gewissensskrupel, die 
ihm vorhalten, daß er, wörtlich verstanden, selbst nicht besser sei 
als der von ihm zu strafende Sünder. Ich habe dabei ins Bewußte 
übersetzt, was in der Seele des Helden unbewußt bleiben muß; wenn 
jemand Hamlet einen Hysteriker nennen will, kann ich es nur als 
Folgerung aus meiner Deutung anerkennen. Die Sexualabneigung 
stimmt sehr wohl dazu, die Hamlet dann im Gespräch mit Ophelia 
äußert, die nämliche Sexualabneigung, die von der Seele des Dichters 
in den nächsten Jahren immer mehr Besitz nehmen sollte, bis zu ihren 
Gipfeläußerungen im Timon von Athen. Es kann natürlich nur das 
eigene Seelenleben des Dichters gewesen sein, das uns im Hamlet 
entgegentritt ; ich entnehme dem Werke von Georg Brandes über 
Shakespeare (1896) die Notiz, daß das Drama unmittelbar nach dem 
Tode von Shakespeares Vater (1601), also in der frischen Trauer um 
ihn, in der Wiederbelebung, dürfen wir annehmen, der auf den Vater 
bezüglichen Kindheitsempfindungen gedichtet worden ist. Bekannt 
ist auch, daß Shakespeares früh verstorbener Sohn den Namen 
Hamnet (identisch mit Hamlet) trug. Wie Hamlet das Verhältnis 
des Sohnes zu. den Eltern behandelt, so ruht der in der Zeit nahe- 
stehende Macbeth auf dem Thema der Kinderlosigkeit- Wie übrigens 
jedes neurotische Symptom, wie selbst der Traum, der Überdeutung 
fähig ist, ja dieselbe zu seinem vollen Verständnis fordert, so wird 
auch jede echte dichterische Schöpfung aus mehr als aus einem Motiv 
und einer Anregung in der Seele des Dichters hervorgegangen sein 



Shakespeares Hamlet. iqf, 

und mehr als eine Deutung zulassen. Ich hahe hier nur die Deutung 
der tiefsten Schicht von Regungen in der Seele des schaffenden Dich- 
tere versucht*. 

Ich kann die typischen Träume vom Tode teurer Verwandten 
mcht verlassen, ohne daß ich deren Bedeutung für die Theorie des 
Traumes überhaupt noch mit einigen Worten beleuchte. Diese Träume 
zeigen uns den recht ungewöhnlichen Fall verwirklicht, daß der durch 
den verdrängten Wunsch gebildete Traumgedanke jeder Zensur ent- 
geht und unverändert in den Traum übertritt. Es müssen besondere 
Verhältnisse sein, die solches Schicksal ermöglichen. Ich finde die 
Begünstigung für diese Träume in folgenden zwei Momenten : Erstens 
gibt es keinen Wunsch, von dem wir uns ferner glauben ; wir meinen, 
das zu wünschen könnte „uns auch im Traume nicht einfallen", und 
darum ist die Traumzensur gegen dieses Ungeheuerliche nicht ge- 
rüstet, ähnlich etwa wie die Gesetzgebung So Ions keine Strafe für 
den Vatermord aufzustellen wußte. Zweitens aber kommt dem ver- 
drängten und nicht geahnten Wunsche gerade hier besondere häufig 
ein Tagesrest, entgegen in Gestalt einer Sorge um das Leben der 
teuren Pereon. Diese Sorge kann sich nicht anders in den Traum ein- 
tragen, als indem sie sich des gleichlautenden Wunsches bedient; der 
Wunsch aber kann sich mit der am Tage rege gewordenen Sorge 
maskieren. Wenn man meint, daß dies alles einfacher zugeht, daß 
man eben bei Nacht und im Traume nur fortsetzt, was man bei Tag 
angesponnen hat, so läßt man die Träume vom Tode teurer Personen 
außer allem Zusammenhang mit der Traumerklärung und hält ein 
sehr wohl reduzierbares Bätsei überflüssigerweise fest. 

Lehrreich ist es auch, die Beziehung dieser Träume zu den 
Angstträumen zu verfolgen. In den Träumen vom Tode teurer Per- 
sonen hat der verdrängte Wunsch einen Weg gefunden, auf dem er 
sich der Zensur — und der durch sie bedingten Entstellung — ent- 
ziehen kann. Die nie fehlende Begleiterscheinung ist dann, daß 
schmerzliche Empfindungen im Traume verspürt werden. Ebenso 
kommt der Angsttraum nur zu stände, wenn die Zensur ganz oder 
teilweise überwältigt wird, und anderseits erleichtert es die Über- 
wältigung der .Zensur, wenn Angst als aktuelle Sensation aus somati- 
schen Quellen bereits gegeben ist. Es wird so handgreiflich, in welcher 
Tendenz die Zensur ihres Amtes waltet, die Traumentstellung ausübt; 
es geschieht, um die Entwicklung von Angst oder anderen 
Formen peinlichen Affektes zu verhüten. 

Ich habe im vorstehenden von dem Egoismus der Kinderseele 
gesprochen und knüpfe nun daran mit der Absicht, hier einen Zu- 
sammenhang ahnen zu lassen, daß die Träume auch diesen Charakter 
bewahrt haben. Sie sind sämtlich absolut egoistisch, in allen tritt 

* Die obenstehenden Andeutungen zum analytischen Verständnis des Ham- 
let hat dann E. Jones vervollständigt und gegen andere in der Literatur nie- 
dergelegte Auffassungen verteidigt. (Das Problem des Hamlet und der Ödipus- 
komplex 1911.) — Weitere Bemühungen um die Analyse des Macbeth in mei- 
nem Aufsatze „Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit", Imago 
IV, 1916, und bei L. Je k eis, Shakespeares Macbeth, Imago V, 1918. 



186 



V. D:is Truiinmiaterial und die Trauiuuueüeu. 



da« liebe Ich auf, wenn auch verkleidet. Die "Wünsche, die in ihnen 
erfüllt werden, sind regelmäßig- Wünsche dieses Ichs ; es ist nur ein 
täuschender Anschein, wenn je das Interesse für einen anderen einen 
Traum hervorgerufen haben sollte. Ich will einige Beispiele, welche 
dieser Behauptung widersprechen, der Analyse . unterziehen. 

I. Ein noch nicht vierjähriger Knabe erzählt: Er hat eine 
große garnierte Schüssel gesehen, wo raufein großes Stück 
Fleisch gebraten war, und das Stück war auf einmal ganz 
— nicht zerschnitten — aufgegessen. Die Person, die es 
gegessen hat, hat er nicht gesehe n*. 

Wer mag der fremde Mensch sein, von dessen üppiger Eleisch- 
mahlzeit unser Kleiner träumt? Die Erlebnisse des Traum tages müssen 
uns darüber aufklären. Der Knabe bekommt seit einigen Tagen nach 
ärztlicher Vorschrift Milchdiät; am Abend des Traumtages war er aber 
unartig, und da wurde ihm zur Strafe die Abendmahlzeit entzogen. 
Er hatte schon früher einmal eine solche Hungerkur durchgemacht und 
sich sehr tapfer dabei benommen. Er wußte, daß er nichts bekommen 
werde, getraute sich aber auch nicht, mit einem Worte anzudeuten, 
daß er Hunger habe. Die Erziehung fängt an, bei ihm zu wirken j sie 
äußert sich bereits im Traume, der einen Anfang von Traumentstcl- 
lung zeigt. Es ist kein Zweifel, daß er selbst die Person ist, deren 
AVunsche auf eine so reiche Mahlzeit, und zwar eine Bratenmahlzeit, 
zielen. Da er aber weiß, daß diese ihm verboten ist, wagt er es nicht, 
wie die hungrigen Kinder es im Traume tun (vgl. den Erdbeertraum 
meiner kleinen Anna, S. 91), sich selbst zur Mahlzeit hinzusetzen. 
Die Person bleibt anonym. 

IL Ich träume einmal, daß ich in der Auslage einer Buchhand- 
lung ein neues Heft jener Sammlung im Liebhabereinband sehe, die 
ich sonst, zu kaufen pflege (Künstlermonographien, Monographien zur 
Weltgeschichte, berühmte Kunststätten usw.). Die neue Sammlung 
nennt sich: Berühmte Bedner (oder Reden) und das Heft I 
derselben trägt den Namen Dr. Lecher. 

In der Analyse wird es mir unwahrscheinlich, daß mich der 
Ruhm Dr. Lechers, des Dauerredners der deutschen Obstruktion 
im Parlament, während meiner Träume beschäftigte. Der Sachverhalt 
ist der, daß ich vor einigen Tagen neue Patienten zur psychischen 
Kur aufgenommen habe, und nun zehn bis elf Stunden täglich jzu 
sprechen genötigt bin. Ich bin also selbst solch ein Dauerredner. 

III. Ich träume ein andermal, daß ein mir bekannter Lehrer an 
unserer Universität sagt : Mein Sohn, der Myop. Dann folgt ein 
Dialog, aus kurzen Reden und Gegenreden bestehend. Es folgt aber 
dann ein drittes Traumstück, in dem ich und meine Söhne vorkom- 
men, und für den latenten Trauminhalt sind Vater und Sohn, Pro- 

* Auch das Große, Überreiche, übermäßige und Übertriebene der Träumo 
könnte ein Kindheitscharakter sein. Das Kind kennt keinen sehnlicheren Wunsch, 
als groß zu werden, von allem so viel zu bekommen wie die Großen ; es isti 
schwer zu befriedigen, kennt kein Genug, verlangt unersättlich nach Wieder- 
holung dessen, was ihm gefallen oder geschmeckt hat. Maß halten, sich be- 
scheiden,- resignieren lernt es erst durch die Kultur der Erziehung. Bekanntlich 
Beißt auch der Neurotiker zur Maßlosigkeit und ünmäßigkeit. 



Dur Egoismus der Triiuma. |g"j 

fessor M.. nur Strohmänner, die mich und meinen Ältesten decken. 
Ich werde diesen Traum wegen einer anderen Eigentümlichkeit noch 
weiter unten behandeln. 

IV. Ein Beispiel von wirklich niedrigen egoistischen Gefühlen, 
die sich hinter zärtlicher Sorge verbergen, gibt folgender Traum: 

Mein Freund Otto schaut schlecht aus, ist braun im 
Gesichte und hat vortretende Augen. 

Otto ist mein Hausarzt, in dessen Schuld ich hoffnungslos ver- 
bleibe, weil er seit Jahren die Gesundheit meiner Kinder überwacht, 
sie erfolgreich "behandelt, wenn sie erkranken, und sie überdies zu 
allen Gelegenheiten, die einen Vorwand abgeben können, beschenkt. 
Er wa.r am Traumtage zu Besuch, und da bemerkte meine Frau, daß 
er müde und abgespannt aussehe. Nachts kommt mein Traum und 
leiht ihm einige der Zeichen der Basedowschen Krankheit. AVer 
sich in der Traumdeutung von meinen Kegeln freimacht, der wird 
diesen Traum so verstehen, daß ich um die Gesundheit meines Freun- 
des besorgt bin, und daß diese Besorgnis sich im Traume realisiert. 
Es wäre ein "Widerspruch nicht nur gegen die Behauptung, daß der 
Traum eine Wunscherfüllung ist, sondern auch gegen die andere, daß 
er nur egoistischen Regungen zugänglich ist. Aber wer so deutet, 
möge mir erklären, warum ich bei Otto die Basedowsche Krank- 
heit befürchte, zu welcher Diagnose sein Aussehen auch nicht den 
leisesten Anlaß gibt? Meine Analyse liefert hingegen folgendes Ma- 
terial aus einer Begebenheit, die sich vor sechs Jahren zugetragen hat. 
Wir fuhren eine kleine Gesellschaft, in der sich auch Professor E. 
befand, in tiefer Dunkelheit durch den Wald von N., einige Stunden 
weit von unserem Sommeraufenthalt entfernt. Der nicht ganz nüch- 
terne Kutscher warf uns mit dem Wagen einen Abhang hinunter, und 
es war noch glücklich, daß wir alle heil davon kamen. Wir waren 
aber genötigt, im nächsten Wirtshause zu übernachten, wo die Kunde 
von unserem Unfall große Sympathie für uns erweckte. Ein Herr, 
der die unverkennbaren Zeichen des Morbus Basedowii an sich trug, 
— übrigens nur Bräunung der Gesichtshaut und vortretende Augen, 
ganz wie im Traume, kein Struma — stellte sich ganz zu unserer Ver- 
fügung und fragte, was er für uns tun könne. Professor R. in seiner 
bestimmten Art antwortete: Nichts anderes, als daß Sie mir ein 
Nachthemd leihen. Darauf der Edle: Das tut mir leid, das kann ich 
nicht, und ging von dannen. 

Zur Fortsetzung der Analyse fällt mir ein, daß Basedow nicht 
nur der Name eines Arztes ist, sondern auch der eines berühmten 
Pädagogen. (Im Wachen fühle ich mich jetzt dieses Wissens nicht 
recht sicher.) 'Freund Otto ist aber diejenige Person, die ich gebeten 
habe, für den Fall, daß mir etwas zustößt, die körperliche Erziehung 
meiner Kinder, speziell in der Pubertätszeit (daher das Nachthemd), 
zu überwachen. Indem ich nun Freund Otto im Traume mit den 
Krankheitssymptomen jenes edlen Helfers sehe, will ich offenbar 
sagen: Wenn mir etwas zustößt, wird von ihm ebensowenig etwas für 
die Kinder zu haben sein, wie damals von Herrn Baron L. trotz seiner 



jgg V. Dag Traummaterial uud die Traumquelleu. 

liebenswürdigen Anerbietungen. Der egoistische Einschlag dieses Trau- 
mes dürfte nun wohl aufgedeckt sein*. 

Wo steckt aber hier die Wunscherf üllung ? Nicht in der Rache 
an Freund Otto, dessen Schicksal es nun einmal ist, in meinen 
Träumen schlecht behandelt zu werden, sondern in folgender Bezie- 
hung. Indem ich Otto als Baron L. im Traume darstelle, habe ich 
gleichzeitig meine eigene Person mit einer anderen identifiziert, näm- 
lich mit der des Professors R., denn ich fordere ja etwas von Otto, 
wie in jener Begebenheit R. vom Baron L. gefordert hat. Und daran 
liegt es. Professor R. hat ähnlich wie ich seinen Weg außerhalb der 
Schule selbständig verfolgt und ist erst in späten Jahren zu dem 
längst verdienten Titel gelangt. Ich will also wieder einmal Professor 
werden! Ja selbst das „in späten Jahren" ist eine Wunscherfüllung, 
denn es besagt, daß ich lange genug lebe, um meine Knaben selbst 
durch die Pubertät zu geleiten. 

Y) Dar Prüfungstraum. 

Jeder, der mit der Maturitätsprüfung seine Gymnasialstiulien 
abgeschlossen hat, klagt über die Hartnäckigkeit, mit welcher der 
Angsttraum, daß er durchfallen werde, die Klasser wiederholen müsse 
u. dgl. ihn verfolgt. Für den Besitzer eines akademischen Grades er- 
setzt sich dieser typische Traum durch einen anderen, der ihm vor- 
hält, daß er die rigorosen Prüfungen abzulegen habe, und gegen 
den er vergeblich noch im Schlafe einwendet, daß er ja schon seit 
Jahren praktiziere, Privatdozent sei oder Kanzlcileiter. Es sind die 
unauslöschlichen Erinnerungen an die Strafen, die wir in der Kind- 
heit für verübte Untaten erlitten haben, die sich so an den beiden 
Knotenpunkten unserer Studien, an dem „dies irae, dies illa" der 
strengen Prüfungen in unserem Inneren wieder geregt haben. Auch 
die „Prüfungsangst" der Neurotiker findet in dieser Kinderangst ihre 
Verstärkung. Nachdem wir aufgehört haben Schüler zu sein, sind 
es nicht mehr wie zuerst die Eltern und Erzieher oder später die 
Lehrer, die unsere Bestrafung besorgen; die unerbittliche Kausal- 
verkettung des Lebens hat unsere weitere Erziehung übernommen, 
und nun träumen wir von der Matura oder von dem Rigorosum, — 
und wer hat damals nicht selbst als Gerechter gezagt? — so oft wir 
erwarten, daß der Erfolg uns bestrafen werde, weil wir etwas nicht 
recht gemacht, nicht ordentlich zu Stande gebracht haben, so oft wir 
den Druck einer Verantwortung fühlen. 

Eine weitere Aufklärung der Prüfungsträumc danke ich einer 
Bemerkung von Seite eines kundigen Kollegen, der einmal in einer 
wissenschaftlichen Unterhaltung hervorhob, daß seines Wissens der 
Maturatraum nur bei Personen vorkomme, die diese Prüfung be- 
standen haben, niemals bei solchen, die an ihr gescheitert sind. Der 

* Als Eriiest Jones in einem wissenschaftlichen Vortrag vor einer amerika- 
nischen Gesellschaft vom Egoismus der Träume sprach, erhob eine gelehrte Damo 
gegen diese unwissenschaftliche Verallgemeinerunjr den Einwand, der Autor könne 
doch nur über die Träume von Österreichern urteilen und dürfe über die Träume 
von Amerikanern nichts aussagen. Sie sei für ihre PersQn sicher, daß alle ihre 
Träume streng altruistisch seien. 



Der Priifiiiitfsfraum. 1 89 

ängstlich*) Prüfungstraum, der, wie sich immer mehr bestätigt, dann 
auftritt, wenn man vom nächsten Tage eine verantwortliche Leistimg 
und die Möglichkeit einer Blamage erwartet, würde also eine Gelegen- 
heit aus der Vergangenheit herausgesucht haben, bei welcher sich die 
große Angst als unberechtigt erwies und durch den Ausgang wieder- 
legt wurde. Es wäre dies ein sehr auffälliges Beispiel von Mißver- 
ständnis des Trauminhaltcs durch die wache Instanz. Die als Em- 
pörung gegen den Traum aufgefaßte Einrede: Aber ich bin ja schon 
Doktor u. dgl., wäre in Wirklichkeit der Trost, den der Traum spen- 
det, und der also lauten würde: Fürchte dich doch nicht vor morgen; 
denke daran, welche Angst du vor der Maturitätsprüfung gehabt 
hast, und es ist dir doch nichts geschehen. Heute bist du ja schon 
Doktor usw. Die Angst aber, die wir dem Traume anrechnen, stammte 
aus den Tagesresten. 

Die Proben auf diese Erklärung, die ich bei mir und anderen 
anstellen konnte, wenngleich sie nicht zahlreich genug waren, haben 
gut gestimmt. Ich bin z. B. als liigorosant in gerichtlicher Medizin 
durchgefallen; niemals hat dieser Gegenstand mir im Traume zu 
schaffen gemacht, während ich häufig genug in Botanik, Zoologie 
oder Chemie geprüft wurde, in welchen Fächern ich mit gut be- 
gründeter Angst zur Prüfung gegangen, der Strafe aber durch Gunst 
des Schicksals oder des Prüfers entgangen bin. Im Gymnasialprüfungs- 
traumo werde ich regelmäßig aus Geschichte geprüft, wo ich damals 
glänzend bestanden habe, aber allerdings nur, weil mein liebens- 
würdiger Professor — der einäugige Helfer eines anderen Traumes, 
vgl. S. 12 — nicht übersehen ha.tte, daß auf dem Prüfungszettel, den 
ich ihm zurückgab, die mittlere von drei Fragen mit dem Fingernagel 
durchgestrichen war, zur Mahnung, daß er auf dieser Frage nicht 
bestehen solle. Einer meiner Patienten, der von der Matura zurück- 
getreten war und sie später nachgetragen hatte, dann aber bei der 
Offiziersprüfung durchgefallen und nicht Offizier geworden ist, be- 
richlet mir, daß er oft genug von der ersteren, aber nie von der 
letzteren Prüfung träumt. 

Die Prüfungsträume setzen der Deutung bereits jene Schwierig- 
keit entgegen, die ich vorhin als charakteristisch für die meisten der 
typischen Träume angegeben habe, Das Material an Assoziationen, 
welches uns der Träumer zur Verfügung stellt, reicht für die Deutung 
nur selten aus. Man muß sich das bessere Verständnis solcher Träume 
aus einer größeren Reihe von Beispielen zusammentragen. Vor kurzem 
gewann ich den sicheren Eindruck, daß die Einrede: Du bist ja schon 
Doktor u. dgl. nicht, nur den Trost verdeckt, sondern auch einen Vor- 
wurf andeutet. Derselbe hätte gelautet: Du bist jetzt schon so alt, 
schon so weit im Leben, und machst noch immer solche Dummheiten, 
Kindereien- Dies Gemenge von Selbstkritik und Trost würde dem 
latenten Inhalt der Prüfungsträume entsprechen. Es ist dann nicht 
weiter auffällig, wenn die Vorwürfe wegen der „Dummheiten" und 
„Kindereien" sich in den zuletzt analysierten Beispielen auf die 
Wiederholung beanständeter sexueller Akte bezogen. 






VI. 

Die Traumarbeit. 



.. 



Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er- 
ledigen, knüpften direkt an den in der Erinnerung gegebenen mani- 
festen Traum inh alt an und bemühten sich, aus diesem die Traum- 
deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten, 
ihr Urteil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt 
zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt 
gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die 
Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein: 
der durch unser Verf ahren gewonnene latente Trauminhalt oder 
die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten 
Trauminhalt, entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt 
darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge- 
geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Trauminhaltes 
zu. den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nachzuspüren, 
durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere geworden ist. 

Traum gedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar- 
stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder 
besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Übertragung 
der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen 
und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und 
"Übersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns ohne 
weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der Traum- 
inhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen 
einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind. Man 
würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen mach 
ihrem Bilderwerte anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen wollte. 
Ich habe etwa ein Bilderrätsel (Rebus) vor mir: ein Haus, auf dessen 
Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe, dann 
eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophiert ist u. dgl. Ich 
könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und 
deren Bestandteile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht 
auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht 
laufen; auch ist die Person größer als das Haus, und wenn das 
Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen 
Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die 
richtige Beurteilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn 
ich gegen das Ganze und -die Einzelheiten desselben keine solchen 
Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine 
Silbe oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend w-clcher Be- 
ziehung durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zu- 
sammenfinden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten 



Die Verdichtung. 191 

und sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderrätsel ist 
nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum- 
deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische 
Komposition, zu beurteilen. Als solche erschien! er ihnen unsinnig 
und wertlos. 

a) Die Verdichtungsarbeit. 

Das erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von 
Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, daß hier eine groß- 
artige Verdichtungsarbeit geleistet, wurde. Der Traum ist knapp, 
armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur .Reich- 
haltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt niedergeschrieben eine 
halbe tiefte; die Analyse, in der die Traumgedanken enthalten sind, 
bedarf das Sechs-, Acht-, Zwölf fache an Schriftraum. Die Jlelation 
ist für verschiedene Träume wechselnd'; sie ändert, soweit ich es 
kontrollieren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel unterschätzt 
man das Maß der statthabenden Kompression, indem man die ans 
Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material hält, 
wahrend weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traume versteckte' 
Gedanken enthüllen kann. "Wir haben bereits anführen müssen, daß 
man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum vollständig gedeutet 
zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend und lückenlos 
erscheint, bleibt es doch immer möglich, daß sich noch ein anderer 
Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Verdichtungsquote ist 
also — streng genommen — unbestimmbar. Man könnte gegen die 
Behauptung, daß aus dem Mißverhältnis zwischen Trauminhalt und 
Traunigedankcn der Schluß zu ziehen sei, es finde eine ausgiebige 
Verdichtung des psychischen Materials bei der Traumbildung statt; 
einen Einwand geltend machen, der für den ersten Eindruck recht 
bestechend scheint. "Wir haben ja so oft die Empfindung, daß wir 
sehr vieles, die ganze Nacht hindurch, geträumt und dann das meiste 
wieder vergessen haben. Der Traum, den wir beim Erwachen erinnern, 
wäre dann bloß ein Rest der gesamten Traumarbeit, welche \yohl den 
Traumgedanken an Umfang gleichkäme, wenn wir sie eben voll- 
ständig erinnern könnten. Daran ist ein Stück sicherlich richtig; man 
kann sich nicht mit der Beobachtung täuschen, daß ein Traum am 
getreuesten reproduziert wird, wenn man ihn bald nach dem Er- 
wachen zu erinnern versucht, und daß seine Erinnerung gegen den 
Abend hin immer mehr und mehr lückenhaft wird. Zum anderen Teil 
aber läßt sich erkennen, daß die Empfindung, man habe sehr viel 
mehr geträumt, als man reproduzieren kann, sehr häufig auf einer 
Illusion beruht, deren Entstehung späterhin erläutert werden soll. 
Die Annahme einer Verdichtung in der Traumarbeit wird überdies 
von der Möglichkeit des Trauinvergessens nicht berührt, denn sie 
wird durch die Vorstellungsmassen erwiesen, die zu den einzelnen 
erhalten gebliebenen Stücken des Traumes gehören. Ist tatsächlich 
ein großes Stück des Traumes für die Erinnerung verloren gegangen, 
so bleibt uns hiedurch etwa der Zugang zu einer neuen Reihe von 
Traumgedanken versperrt. Es ist eine durch nichts zu rechtfertigende 
Erwartung, daß die untergegangenen Traumstücke sich gleichfalls 



1Q2 VI. T>'u: Traumarbeit. 

nur auf jene Gedanken bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse 
der erhalten gebliebenen kennen*. - 

Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die 
Analyse zu jedem einzelnen Element des Irauminhaltes beibringt, 
wird sich bei jedem Leser der prinzipielle Zweifel regen ob man 
denn all das, was einem bei der Analyse nachtraglich einfällt, *u 
den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese be- 
danken seien schon während des Schlafzustandes tätig gewesen und 
hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr wahrend 
des Analysierens neue Gedankenverbindungen entstehen, die an der 
Traumbildung unbeteiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur bedingt 
beitreten. Daß einzelne Gedankenverbindungen erst während der Ana- 
lyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich jedesmal 
überzeugen, daß solche neue Verbindungen sich nur zwischen Gedan- 
ken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer Weise 
verbunden sind: die neuen Verbindungen sind gleichsam NebenBCliüe- 
üungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand anderer und tiefer 
liegender Verbindungswege. Für die Überzahl der bei der Analyse 
aufgedeckten Gedankenmassen muß man zugestehen, daß sie schon 
bei der Traumbildung tätig gewesen sind, denn wenn man sich durch 
eine Kette solcher Gedanken, die außer Zusammenhang mit der iraum- 
bildung scheinen, durchgearbeitet hat, stößt man dann plötzlich aui 
einen Gedanken, der, im Trauminhalt vertreten, für die Traumdeutung 
unentbehrlich ist und doch nicht anders als durch jene Wanken- 
kette zugänglich war. Man vergleiche hiezu etwa den träum von 
der botanischen Monographie, der als das Ergebnis einer erstaunlichen 
Verdichtungsleistung erscheint, wenngleich ich seine Analyse nicht 
vollständig mitgeteilt habe. 

Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während 
des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle 
die Traumgedanken nebeneinander, oder werden sie nacheinander 
durchlaufen oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengange von 
verschiedenen Zentren aus gebildet, die dann zusammentreffen.'' Ich 
meine, es liegt noch keine Nötigung vor, sich von dem psychischen 
Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schatten- 
Vergessen wir nur nicht, daß es sich um unbewußtes Denken handelt, 
und daß der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der, welchen 
wir beim absichtlichen, von Bewußtsein begleiteten Nachdenken in 
uns wahrnehmen. 

Die Tatsache aber, daß die Traumbildung auf einer Verdichtung 
beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdichtung nun 
zu Stande? 

Wenn man erwägt, daß von den aufgefundenen Traumgedanken 
nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traume 
vertreten sind, so sollte man schließen, die Verdichtung geschehe aut 
dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine getreu- 

* Hinweise auf die Verdichtung im Traume finden sich bei ^e^n 
Autoren. Du Prel äußert an einer Stelle (p. 80), es sei absolut sicher, daß 
ein Verdichtungsprozeß der Vorstellungsreihe stattgefunden Habe. 



Die Verdichtung im.'fraum von der botanischen Monographie, |Qu 

Liehe Übersetzung oder eine Projekfion Punkt tiir Punkt der Trauiu- 
gedauken, sondern eine höchst unvollständige und lü. kenliafte Wieder- 
gabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden worden, 
eine sehr mangelhafte. Doch fußen wir zunächst auf ihr und fragen 
uns weiter: Wenn nur .wenige Elemente aus den Traumgeda.nken°in 
den Irauminhalf gelangen, welche Bedingungen bestimmen die Aus- 
wahl derselben? 

Um hierüber Aufschluß zu bekommen, wendet man nun seine 
Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhalles zu, welche die 
gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu 
dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetra o-en, wird 
für diese Untersuchung das günstigste Material sein, ich wähle den 
aui S. 118 mitgeteilten Traum von der botanischen Monographie. 

Irauminhalt: Ich habe eine Monographie über eine 
(unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben. Das 
Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine eingeschla- 
gene farbige I af el um. Dem Exemplar ist ein getrock- 
netes Spezi men der Pflanze beigebunden. 

Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische 
Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages: 
in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich tatsächlich eine 
Monographie über die Gattung „Zyklamen" gesehen. Die 
Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die 
Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. 
Die „botanische Monographie" erweist sofort ihre Beziehung zu der 
Arbeit über Kokain, die ich einmal gesehrieben habe; vom Ko- 
kain aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur .Festschrift und 
zu gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, anderseits 
zu meinem Freunde, dem Augenarzte Dr. Königs tein. der an der 
Verwertung des Kokains seinen Anteil gehabt hat. An die Person 
des Dr. K. knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene 
Gespräch, das ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen 
Gedanken über die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Kollegin. 
Dieses Gespräch ist nun der eigentliche aktuelle Traumerreger; clie 
Monographie über Zyklamen ist gleichfalls eine Aktualität, aber in- 
differenter Natur; wie ich sehe, erweist sich die „botanische Mono- 
graphie" des Traumes als ein mittleres Gemeinsames zwischen 
beiden Erlebnissen des Tages, von dem indifferenten Eindruck un- 
verändert übernommen, mit dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch 
ausgiebigste Assoziationsverbindungen verknüpft. 

Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische 
Monographie", sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch" 
und „Monographie" gesondert geht durch mehrfache Verbindungen 
tiefer und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „bo- 
tanisch" gehören die Erinnerungen an die Person des Professors 
Gärtner, an seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora 
heißt, und an die Dame, von der ich die Geschichte mit den ver- 
gessenen Blumen erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das 
Laboratorium und auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe 
Gespräch gehört die Erwähnung der beiden Patientinnen, Von der 

Freud, Tranmdentung, 5. Aufl. <o 



194 



VI. Die Trimmarbeit. 



Frau mit den Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblings- 
hiumen meiner Krau ab, dessen anderer Ausgang im .Titel der bei 
Tag flüchtig gesehenen Monographie liegt- Außerdem erinnert „bo- 
tanisch/- an eine Gymnasialepisode und an ein Examen der Uni- 
versitätszeit, und ein neues in jenem Gespräche angeschlagenes Thema, 
das meiner Liebhabereien, knüpft sich durch Vermittlung meiner scherz- 
haft sogenannten Lieblingsblume, der Artischocke, an die von 
den vergessenen Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Arti- 
schocke'- 3 steckt die Erinnerung an Italien einerseits und an eine 
Kinderszene anderseits, in der ich meine seither intim gewordenen 
Beziehungen zu Büchern eröffnet habe. „Botanisch" ist also ein 
wahrer Knotenpunkt, in welchem für den Traum zahlreiche Gedan- 
kengänge zusammentreffen, die, wie ich versichern kann, in jenem 
Gespräche mit Fug und Hecht in Zusammenhang gebracht worden 
sind. Man befindet sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der 
wie im Weber-Meisterstück 

„Ein Tritt tausend Fäden regt, 

Die Schifflein herüber, hinüber schießen, 

Die Fäden ungesehen fließen, 

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt." 

„Monographie" im Traume rührt wiederum an zwei Themata, 
an die Einseitigkeit meiner Studien und an ,die Kostspieligkeit meiner 
Liebhabereien. 

Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck, 
daß die Elemente „botanisch" und „Monographie" darum in den Traum- 
inhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten Traum- 
gedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können, also Kno- 
tenpunkte darstellen, in denen sehr .viele der Traumgedanken zu- 
sammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung vieldeutig 
sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde liegende Tatsache 
auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes der Elemente des 
Trauminhaltes erweist sich als üb er de terminiert, als mehrfach 
in den Traumgedanken vertreten. 

"Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandteile des 
Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die far- 
big* Tafel, die ich aufschlage, geht (vgl. die Analyse S. 120) auf 
ein" neues Thema, die Kritik der Kollegen' -'an meinen Arbeiten, und 
auf ein bereits im Traume vertretenes, meine Liebhabereien, außer- 
dem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen 
Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an 
das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung 
besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen 
Trauminhalt, und Traumgedanken ist : Nicht nur die Elemente des 
Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert, 
sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traume durch 
mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes fuhrt 
der \ssoziationsweg zu mehreren Traumgedanken ; von einem fraum- 
o-edanken zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt 
also nicht so, daß clor einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe von 



Überdeternunierung dar Tranmelemente. i () - 

solchen eine Abkürzung für den Traunjinhalt liefert, und dann der 
nächste Iraumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretuno-, etwa 
wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden, Sondern 
die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer gewissen Be- 
arbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten Elemente 
sich für den Eintritt m den Trauminhalt herausheben, etwa der Wahl 
durch Listenskrutinium analog. Welchen Traum immer icli einer ähn- 
lichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets die nämlichen Grund- 
satze bestätigt, daß die Traumelemente aus der ganzen Masse der 
rraumgedanken gebildet werden, und daß jedes vSi ihnen in Bezug 
auf die Tra.umgedanken mehrfach determiniert erscheint. 

Es ist gewiß nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt 
und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches 
sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen Be- 
ziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her, 
den ich. wegen Uaustrophobie (Angst in geschlossenen Räumen) be- 
handelte. Es wird sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlaßt 
linde, diese ausnehmend geistreiche Traumleistuno- in folgender Weise 
zu überschreiben: ö 

II. „Ein schöner Traum." 
Er fährt mit großer Gesellschaft in die X-Straße, in 
der sich ein bescheidenes Einkehrwirtshaus befindet (was 
nicht richtig ist). In den Räumen desselben wird Theater ge- 
spielt; er ist bald Publikum, bald Schauspieler. Am Ende 
heißt es, man müsse sich umziehen, um wieder in die Stadt 
zu kommen. Ein Teil des Personals wird in die Parterre- 
raume verwiesen, ein anderer in die des ersten Stockes. 
Dann entsteht ein Streit. Die oben ärgern sich, daß die 
unten noch nicht fertig sind, so daß sie nicht herunter kön- 
nen. Sem Bruder ist oben, er unten und er ärgert sich über 
den Bruder, daß man so gedrängt wird. (Diese Partie unklar.) 
Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt und ein- 
geteilt, wer oben und wer unten sein soll. Dann <r C ht er 
allein über die Anhöhe, welche die X-Straße gegen die 
Stadt hin macht, und geht so schwer, so mühselig, daß 
er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer Herr ge- 
sellt sich zu ihm und schimpft über den König v°on 

Italien. AmEndederAnhöh egehterdannviell eichte r. 

Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, .laß er nach 
dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich- 
keit war. 

Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum loben 
können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stücke be°-innen, 
welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde. ' 

Die geträumte und wahrscheinlich im Traume verspürte Be- 
schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Sym- 
ptome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde 
damals im Vereine mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrschein- 
lich hysterisch vorgetäuschte) Tuberkulose bezogen. Wir kennen be- 



13* 



196 



VI. Die Traumarbpir. 



reits diese dein Traume eigentümliche Senention der Gehhemmung ans 
den Exhibitionsträumcn und finden liier wieder, daß sie als ein alle- 
zeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend welcher anderen 
Darstellung verwendet wird. Das Stück des Traummhaltes, welches 
beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am Ende der 
Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des Traumes 
an die bekannte meisterhafte Introduktion der „Sappho" von A. Dau- 
det. Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen hinauf, an- 
fänglich wie federleicht ; aber je weiter er steigt, desto schwerer lastet 
sie auf seinen Armen, und diese Szene ist vorbildlich für den Verlauf 
des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet die Jugend 
mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen von niedriger 
Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu verschwenden*. Ob- 
wohl ich wußte, daß mein Patient vor kurzem ein Liebesverhältnis 
mit einer Dame vom Theater unterhalten und gelöst hatte, erwartete 
ich doch nicht, meinen Deutungsein fall berechtigt zu finden. Auch 
war es ja in der „Sappho" umgekehrt wie im Traume; in letzterem 
war das Steigen anfänglich schwer und späterhin leicht; im Itoman 
diente es der Symbolik nur, wenn das, was zuerst leicht genommen 
wurde, sich am Ende als eine schwere Last erwies. Zu meinem Er- 
staunen bemerkte der Patient, die Deutung stimme sehr wohl zum 
Inhalt des Stückes, das er am Abend vorher im Theater gesehen. Das 
Stück hieß: „Kund um "Wien" und behandelte den Lebenslauf eines 
Mädchens, das zuerst anständig, dann zur Demimonde übergeht, Ver- 
hältnisse mit hochstehenden Personen anknüpft, dadurch „in die 
Höhe kommt", endlich aber immer mehr „herunter kommt". 
Das Stück hatte ihn auch an ein anderes, vor Jahren gespieltes, er- 
innert, welches den Titel trug: „Von Stufe zu Stufe", und auf 
dessen Ankündigung eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege 
zu sehen war. 

Nun die weitere Deutung. In der X- Straße hatte die Schau- 
spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver- 
hältnis unterhalten. Ein Wirtshaus gibt es in dieser Straße nicht, 
Allein, als er der Dame zuliebe einen Teil des Sommers in Wien ver- 
brachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen. 
Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: „Ich bin froh, 
daß ich Avenigstens kein Ungeziefer bekommen habe" (übrigens auch 
eine seiner Phobien). Der Kutscher darauf: „Wie kann man aber 
da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein Einkehr- 
wirtshaus." 

An das Einkehrwirtshaus knüpft sich ihm sofort die Erinnerung 

eines Zitats : -"" 

„Bei einem Wirte wundermild, 

Da war ich jüngst zu Gaste." 
Der Wirt im U hl and sehen Gedichte ist aber ein Apfelbaum. 
Nun setzt ein zweites Zitat die Gedankenkette fort: 

* Ma, n denke zur Würdigung dieser Darstellung des Dichters an die im 
Abschniit über Symbolik mitgeteilte Bedeutung der Stiegentra.ume. 



Ein „schöner 1 Traum. ig 7 

■ 

F uust (mit der .1 ungen tanzend) : 
Einst hatt' ich einen schönen Traum; 
Da sali ich einen Apfelbaum, 
Zwei schöne Apfel glänzten dran, 
Sie reizten mich, ich stieg hinan. 

Die Schöne. 

Der Äpfelchen begehrt ihr sehr, 
Und schon vom Paradiese her. 
Von Freuden fühl' ich mich bewegt, 
Daß auch mein Garten solche trägt. 

Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem Apfel- 
baume und dem Äpfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen stand 
auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin meinen 
Träumer gefesselt hatte. 

Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund 
anzunehmen, daß der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit 
zurückgehe. Wenn dies richtig war, so mußte er sich auf die Amme 
des jetzt bald dreißigjährigen Mannes bezichen. Für das Kind ist 
der Busen der Amme tatsächlich das Einkehrwirtshaus. Die Amme 
sowohl als die „Sappho" Daudets erscheinen als Anspielung auf 
die vor kurzem verlassene Geliebte. 

Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten, 
und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine 
Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat, 
wie mir bekannt ist, seine soziale Position verloren, mein Patient 
sie erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduktion des Traum- 
inhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre" gewesen. 
Es wäre eine zu deutliche Äußerung geworden, denn man sagt bei 
uns von einer Person, sie ist „parterre", wenn sie Vermögen und 
Stellung eingebüßt hat, also in ähnlicher Übertragung, wie man 
„heruntergekommen" gebraucht. Es muß nun einen Sinn haben, 
daß an dieser Stelle im Traume etwas umgekehrt dargestellt ist. Die 
Umkehrung muß auch für eine andere Beziehung zwischen Traum- 
gedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der Hinweis darauf vor, 
wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offenbar am Ende des Trau- 
mes, wo es sich mit dem Steigen wiederum umgekehrt verhält wie 
in der „Sappho". Dann ergibt sich leicht, welche Umkehrung ge- 
meint ist: In der „Sappho" trägt der Mann das zu ihm in .sexuellen 
Beziehungen stehende Weib; in den Traumgedanken handelt es sich 
also umgekehrt um ein Weib, das den Mann trägt, und da dieser 
Fall sich nur in der Kindheit ereignen kann, bezieht er sich wieder 
auf die Amme, die schwer an dem Säugling trägt. Der Schluß des 
Traumes trifft es also, die „Sappho" und die Amme in der näm- 
lichen Andeutung darzustellen. 

Wie der Name „Sappho" vom Dichter nicht ohne Beziehung 
auf eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des 
Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind, auf 
Phantasien sexuellen Inhaltes, die den Träumer beschäftigen und als 



298 VI. Di« Trauninrbeit. 

unterdrückte Gelüste nicht außer Zusammenhang mit seiner .Neurose 
stehen. Daß es Phantasien und nicht Erinnerungen der tatsächlichen 
Vorgänge sind, die so im Traume dargestellt werden, zeigt die Traum- 
deutung seihst nicht an; dieselbe liefert uns nur einen Gedanken- 
inhalt und überläßt es uns, dessen Realitätswert festzustellen. Wirk- 
liche und phantasierte Begebenheiten erscheinen hier — und nicht 
nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer psychischer Gebilde 
als der Träume — zunächst als gleichwertig. Große Gesellschaft be- 
deutet, wie wir "bereits wissen, Geheimnis. Der Bruder ist nichts 
anderes als der in die Kindheitsszene durch „Zurückphantasieren" 
eingetragene Vertreter aller späteren Nebenbuhler beim Weibe. Die 
Episode von dem Herrn, der auf den König von Italien schimpft, be- 
zieht sich durch Vermittlung eines rezenten und an sich gleichgültigen 
Erlebnisses wiederum auf das Eindrängen von Personen niederen 
Standes in höhere Gesellschaft. Es ist, als ob der Warnung, welche 
Daudet dem Jüngling erteilt, eine ähnliche, für das säugende Kind 
gültige, an die Seite gestellt werden sollte*. 

Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei der 
Traumbildung bereit zu haben, teile ich die partielle Analyse eines 
anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psychoanalytischer 
Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren Angstzuständen 
entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten ihre Träume^ über- 
reichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnisnahme sie an- 
fangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich die Traum- 
deutung nicht bis ans Ende führen kann, scheint das Traummaterial 
in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang zu zerfallen. 

III. Trauminhalt: Sie besinnt sich, daß sie zwei Mai- 
käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit gehen 
muß, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die Schachtel, die 
Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten Fenster 
hinaus, der andere aber wird vom Fensterflügel zer- 
quetscht, während sie das Fenster schließt, wie irgend 
jemand von ihr verlangt (Äußerungen des Ekels). 

Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter 
schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf- 
merksam, daß eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist ; sie ver- 
säumt es aber, sie herauszuholen, und bedauert das arme Tierchen am 
Morgen. In ihrer Abendlektüre war erzählt, wie Buben eine Katze 
in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Tieres ge- 
schildert. Das sind die beiden an sich gleichgültigen Traumanlässe. 
Das Thema von der Grausamkeit gegen Tiere beschäftigt sie 
weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Ge- 
gend zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Getier. Sie legte 
sich eine Schmetterlingsammlung an und verlangte von ihr Arsenik 



* Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen 
Situation wird durch den objektiv erhobenen Umstand erwiesen, daß die Amme 
in diesem Falle die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf S. 142 er- 
wähnte Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner 
Amme nicht besser ausgenutzt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Trau- 
mes ist. 



Der Kftfertratun. 



199 



zur Tötung der Schmetterlinge Einmal kam es vor, daß ein. .Nacht- 
falter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herum- 
flog; ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung 
aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch zar- 
terem Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureißen; 
heute würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurücksehrecken, 
sie ist sehr gutmütig geworden. 

Dieser Widerspruch beschäftigt' sie. Er erinnert an einen an- 
deren "Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie er 
in Adam Bede von der Eliot dargestellt ist. Ein schönes, aber 
eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein häßliches, aber edles. 
Der Aristokrat, der das Gänschen verführt; der Arbeiter, der 
adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten 
nicht ansehen. Wer würde ihr ansehen, daß sie von sinnlichen 
Wünschen geplagt wird? 

In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingsammlung 
anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäf erplage. Die Kinder 
wüteten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat 
damals einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriß 
und die Leiber dann verspeiste. Sic selbst ist im Mai geboren, hat 
auch im Mai geheiratet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie 
den Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war 
es aber keineswegs. 

Am Abend vor dem Traume hatte sie in alten Briefen gekramt 
und verschiedene ernste und komische Briefe den ihrigen vorgelesen, 
so einen höchst lächerlichen Brief ei7ies Klavierlehrers, der ihr als 
Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen 
Verehrers*. 

Sie macht sich Vorwürfe, daß eine ihrer Töchter ein schlechtes 
Buch von Maupassant in die Hand bekommen**. Der Arsenik, 
den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillcn, die 
dem Duc de Mora im Nah ab die Jugendkraft wiedergeben. 

Zu „Freiheit geben" fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein: 

„Zur Liebe kann ich dich nicht zwingen, 
Doch geb' ich dir die Freiheit nicht." 

Zu den „Maikäfern" noch die Rede des . Käthe he ns***: 

„Verliebt ja bist du wie ein Käfer mir." 
Dazwischen Tannhäuscr: „Weil du von böser Lust beseelt — " 
Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die 
Furcht, daß ihm auf der Heise etwas zustoße, äußert sich in zahl- 
reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren un- 
bewußten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine 
„Greisenhaftigkeit" gefunden. Der Wunsch gedanke, welchen dieser 

* .Dies- ist der eigentliche Traumerreger. 
** Zu ergänzen: .Solche Lektüre sei" Gift für ein junges Mädchen. Sie 
selbst hatte in ihrer' Jugend viel aus verbotenen Büchern' geschöpft. 

**'* Ein .weiterer Gedankengang führt zur P cii t licsil eia desselben Dich- 
ters: Grausamkeit gegen den Geliebten. ' . . 






200 



VI. Die Traumarbeit, 



Traum verhüllt, läßt- sich vielleicht am besten erraten, wenn ich er- 
zähle, daß sie mehrere Tage vor dem Traume plötzlich mitten in 
ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten Im- 
perativ erschreckt wurde: Häng' dich auf. Es ergab sich, daß sie 
einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen stelle 
sich eine kräftige Erektion ein. Es war der Wunsch nach dieser 
Erektion, der in dieser schreckenerregenden Verkleidung aus der 
Verdrängung wiederkehrte. „Häng' dich auf,'" besagte soviel als 
„Verschaff dir eine Erektion um jeden Preis." Die Arsenikpillen 
des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es war der Patientin 
aber auch bekannt, daß man das stärkste Aphrodisiakum, Kantha- 
riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sogenannte 
spanische Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandteil des 
Trauminhaltes. , 

Das Fenster öffnen und -schließen ist eine der ständigen Dif- 
ferenzen mit ihrem Manne- Sie selbst schläft aerophil, ihr Mann 
aerophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie 
in diesen Tagen zu klagen gehabt hat. 

In allen drei hier mitgeteilten Träumen habe ich durch die 
Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum- 
gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren 
augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die Ana- 
lyse bis ans Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl, auf einen Traum 
mit ausführlicher mitgeteilter Analyse einzugehen, um die Uber- 
determinierung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich wähle 
hiefür den Traum von Irmas Injektion. Wir werden an diesem Bei- 
spiel mühelos erkennen, daß die Verdichtungsarbeit bei der Traum- 
bildung sich mehr als nur eines Mittels bedient. 

Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die 
mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also 
zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie 
beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere 
Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin 
vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insofern Irma 
einen diphtherischen Belag erkennen läßt, bei dem die Sorge um 
meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung die- 
ses meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit 
diesem verknüpft, sich die Person einer durch Intoxikation verlorenen 
Patientin verbirgt. Im weiteren Verlaufe des Traumes wandelt sich 
die Bedeutung von Irmas Persönlichkeit (ohne daß ihr im Traume 
gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die 
wir in der öffentlichen Ordination des Kinderkrankeninstitutes unter- 
suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen An- 
lagen erweisen. Der Übergang wurde offenbar durch die Vorstellung 
meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben beim Mund- 
öffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere, einmal von 
mir untersuchte Dame, forner in demselben Zusammenhang auf meine 
eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen, die ich in ihrem 
Halse entdeckte, habe ich überdies Anspielungen auf eine ganze Reihe 
von noch anderen Personen zusammengetragen. 



Sauimelpersoneu und Mischpersonen. 201 

All. diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von ..Irma - ' 
gerate, treten im Traume nicht leibhaftig- auf; sie verbergen sich 
hinter der Traumperson „Irma", welche so zu einem Sammelbild mit 
allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird zur 
Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hingeopferten 
Personen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was mich Zug 
für Zug an diese Personen erinnert. 

Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere "Weise 
für die Traumverdichtung herstellen, indem ich aktuelle Züge zweier 
oder mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art 
ist der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt, den Namen des 
Dr- M., spricht und handelt wie er; seine leibliche Charakteristik 
und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten 
Bruders ; ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt deter- 
miniert, indem er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist. 
Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines Onkeltraumes. Hier 
aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Ich habe 
nicht Züge, die dem einen eigen sind, mit Zügen des anderen vereinigt 
und dafür das Erinnerungsbild eines jeden um gewisse Züge ver- 
kürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach welchem 
Galton seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide Bilder aufein- 
ander projiziert, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt hervortreten, 
die nicht zusammenstimmenden einander auslöschen und im Bilde 
undeutlich werden. Im Onkeltraume hebt sich so als verstärkter Zug 
aus der zwei Personen gehörigen und darum verschwommenen Phy- 
siognomie der blonde Bart hervor, der überdies eine Anspielung 
auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt durch die Be- 
ziehung zum Ergrauen. 

Die Herstellung von Sammcl- und Mischpersonen ist eines der 
Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der 
Anlaß ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln. 

Der Einfall „Dysenterie" im Injektionstraume ist gleichfalls 
mehrlach determiniert, einerseits durch den paraphasischen Gleich- 
klang mit Diphtherie, anderseits durch die Beziehung auf den von mir 
in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird. 

Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch die 
Erwähnung von „Propylen" im Traume. In den Traumgedanken 
war nicht ..Propylen", sondern „Amylen" enthalten. Man könnte 
meinen, daß hier bei der Traumbildung eine einfache Verschiebung 
Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient 
den Zwecken der Verdichtung, wie folgender Nachtrag zur Traum- 
analyse zeigt. "Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte „Pro- 
pylen" noch einen Moment haltmacht, so fällt mir der Gleichklang 
mit dem Worte „Propyläen" ein. Die Propyläen befinden sich 
aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser Stadt 
habe ich ein Jahr vor dem Traume meinen damals schwerkranken 
Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf Propy- 
len folgende Trimethylamin des Traumes unverkennbar wird. 

Ich gehe über den auffülligen Umstand hinweg, daß hier und 
anderswo bei der Traumanalyse Assoziationen von der verschieden- 



202 



VI. Die Traumarbeit. 



1 



sten: Wertigkeit wie gleichwertig zur Gedankenverbindung benutzt 
werden, und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der 
Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen 
in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen. 

Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto, 
der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen 
duftenden Likör schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die meines 
Freundes Wilhelm, der mich versteht, mir Eecht geben würde, und 
dem ich so viel wertvolle Mitteilungen, auch über die Chemie der 
Sexualvorgänge, verdanke. 

Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders er- 
regen soll, ist durch die rezenten, den Traum erregenden Anlässe 
bestimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den 

Vorstellungs- 
Otto be- 
die bereits 
Traume rekurriere ich 



Trauminhalt prädestinierten Elementen. Die reiche 
gruppe „Wilhelm" wird geradezu durch den Gegensatz zu 
lebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an 



erregten in 



Otto anklingen. In diesem 



ganzen 



ja von einer Person, die mein Mißfallen erregt, auf eine andere, die 
ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für Zug 
den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das Amylen bei 
Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus dein Kreise der 
Chemie ; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her unterstützt, 
gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen" könnte un verwandelt 
in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der Einwirkung der 
Gruppe „Wilhelm", indem aus dem ganzen Erinnerungsumfang, den 
dieser Name deckt, ein Element hervorgesucht wird, welches eine 
doppelte Determinierung für Amylen ergeben kann. In der Nahe von 
Amylen liegt für die Assoziation „Propylen"; aus dem Kreise 
„Wilhelm" kommt ihm München mit den Propyläen entgegen. In 
Propylen-Propyläen treffen beide Vorstellungskreise zusammen. 
Wie durch einen Kompromiß gelangt dieses mittlere Element dann 
in den Trauminhalt. Es ist hier ein mittleres Gemeinsames 
geschaffen worden, welches mehrfache Determinierung zuläßt. Wir 
greifen so mit Händen, daß die mehrfache Determinierung das Durch- 
dringen in den Trauminhalt erleichtern muß. Zum Zwecke dieser 
Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung der Aufmerksamkeit 
von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der Assoziation nahe 
Liegenden vorgenommen worden. 

Das Studium des Injektionstraumes gestattet uns bereits, einige 
Übersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung zu 
gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den Traum- 
gedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Einheiten 
(Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von mittleren 
Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit erkennen. Wozu 
die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert wird, werden wir 
uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vorgänge bei der Traum- 
bildung im Zusammenhange erfassen wollen. Begnügen wir uns jetzt 
mit der Feststellung der Traum Verdichtung als einer bemerkens- 
werten Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt. 



Wort- und Nanienverdiclituupeu. 9AQ 

Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes, wenn 
sie Worte und Namen zu ihren Objekten gewählt hat. Worte werden 
vom Traume überhaupt häufig wie Dinge behandelt und erfahren 
dann dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Ersetzungen und 
also auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungcn. Komische und 
seltsame Wortschöpfungen' sind das Ergebnis solcher Träume- Als 
inir einmal ein Kollege einen von ihm verfaßten Aufsatz überschickte, 
m welchem eine physiologische Entdeckung der Neuzeit nach meinem 
Urteil überschätzt und vor allem in überschwenglichen Ausdrücken 
abgehandelt war, da träumte ich die nächste Nacht einen Satz, der 
sich offenbar auf diese Abhandlung bezog: „Das ist ein wahrhaft 
norekdaler Stil." Die Auflösung des Wortgebildes bereitete mir 
ani anglich Schwierigkeiten ; es war nicht zweifelhaft, daß es den 
Superlativen „kolossal, pyramidal" parodistisch nachgeschaffen war; 
aber woher es stammte, war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel 
mir das Ungetüm in die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei 
bekannten Schauspielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen 
letztes Opus ich im Traume also kritisierte, hatte ich vorher einen 
Zoitungsaufsatz über Ibsen gelesen. 

IL Eine meiner Patientinnen teilt mir einen kurzen Traum mit, 
der in eine unsinnige Wortkombination ausläuft. Sie befindet sich 
mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das 
wird in einen allgemeinen „Maistollinütz" ausgehen. Dabei im 
Traume der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine 
Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais — toll — manns- 
toll — Ol mutz, welche Stücke sieh sämtlich als Reste einer Kon- 
versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter 
Mais verbargen sich außer der Anspielung auf die eben eröffnete 
Jubiläumsausstellung die Worte: Meißen (eine Meißner Porzellan- 
figur, die einen Vogel darstellt), Miß (die Engländerin ihrer Ver- 
wandten war nach Olmütz gereist), mies = ekel, übel im scherz- 
haft gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Ge- 
danken Und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wort- 
klumpens ab. 

III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät abends an- 
geläutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf- 
folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät abends, um 
den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er weg- 
gegangen ist, läutet es noch immer nicht kontinuier- 
lich, sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener 
holt den Mann wieder, und er sagt: Es ist doeli merk- 
würdig, daß auch Leute, die sonst tutclrein sind, solche 
Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen. 

Der indifferente Traumanlaß deckt, wie man sieht, nur eines 
der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur ge- 
kommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers an- 
gereiht hat, das, an sich auch gleichgültig, von seiner Phantasie mit 
stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der mit 
seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein Glas Wasser 
auf den Boden, so daß das Kabel des Zimmerlelegraph.cn durchtränkt 



OQ4 VI. Die Traumarbeit. 

wurde und das konti u u ier liehe Laut cn den Vater im Schlafe 
.störte. Da das kontinuierliche Läuten dem Naßwerden entspricht, so 
werden dann „einzelne Schläge"' zur Darstellung des Tropfen- 
fallens verwendet. Das Wort „tutelrein" zerlegt sich aher nach 
drei Richtungen und zielt damit auf drei der in den Traumgedanken 
vertretenen Materien : „T u t e 1" = K u r a t e 1, hedeutet Vormundschaft ; 
Tutel (vielleicht „Tuttel") ist eine vulgäre Bezeichnung der weih- 
lichen Brust, und der Bestandteil „rein" übernimmt die ersten Silben 
des Zimmertelegraphen, um „Zimmerrein" zu bilden, was mit dem 
Naßmachen des Fußbodens viel zu tun hat und überdies an einen der 
in der Familie des Träumers vertretenen Namen anklingt*. 

IV. In einem längeren wüsten Traume von mir, der eine Schiffs- 
reise zum scheinbaren Mittelpunkte hat, kommt es vor, daß die nächste 
Station Hearsing heißt, die nächst weitere aber F 1 i e ß. Letzteres 
ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel meiner .Reise 
gewesen ist. Hearsing aber ist kombiniert aus den Ortsnamen im - 
serer "Wiener Lokalstrecke, die so häufig auf ing ausgehen: Hiet- 
zing: Liesing, Mödling (Medelitz, „mcae deliciac" der alte Name, 
also „meine Freud'") und dem englischen Hearsay — Hören- 
sagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem in- 
differenten Traumerreger des Tages herstellt, einem Gedichte in den 
„Fliegenden Blättern" von einem verleumderischen Zwerge: „Sagter 
Hatergesagt". Durch Beziehung der Endsilbe „ing" zum Namen 
Fließ gewinnt man „VI is singen", wirklich die Station der See- 
reise, die mein Bruder berührt, wenn er von England zu uns auf 
Besuch kommt. Der englische Name von Vlissingen lautet aber 
Fl us hing, was in englischer Sprache Erröten bedeutet und an die 
Patienten mit „Errötensangst" mahnt, die ich behandle, auch ?,n eine 
rezente Publikation Bechterews über diese Neurose, die mir An- 
laß zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat. 

V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei ge- 
sonderten Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort 
„Autodidasker", das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen 

* Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben — eine wahre 
Silbencheraie — dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzcu. „Wie gewinnt 
man auf die billigste Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silber- 
pappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das , Pappeln' (Schwätzen) auf, 
und das Silber wird frei." Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mil- 
den Einwand gemacht den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, ...laß 
der Träumer oft zu witzig erscheine". Das ist richtig, solange es nur auf den 
Träumer bezogen wird, involviert einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den 
Traumdeuter übergreifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig An- 
spruch auf das Prädikat „witzig" erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, 
so lie"-t es nicht au meiner Person, sondern an den eigentümlichen psycholo- 
gischen Bedingungen, unter denen der Traum gearbeitet wird, und hängt mit 
der Theorie des Witzigen und Komischen intim zusammen. Der Traum wird witzig, 
weil ihm der gerade und nächste Weg zum Ausdruck seiner Gedanken • gesperrt 
ist: er wird es notgedrungen. Die Leser können sich überzeugen, daß die Träume 
meiner Patienten den Eindruck des Witzigen (Witzelnden) im selben und im 
höheren Grade machen als die meinen. Immerhin gab mir dieser Vorwurf Anlaß, 
die Technik des Witzes mit der Traumarbeit zu vergleichen, was in dem 190") 
veröffentlichten Buche ..Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten" ge- 
schehen ist (2. Aufl. 1912). 



' WortneubiMungon. 20f) 

produzierten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhaltes, daß ich 
dem Professor N-, wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muß: ..Der 
Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt konsultiert habe, leidet 
wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermutet haben." »Das 
neugebildete „A utodidask.er" hat nun nicht nur der Anforderung 
zu genügen, daß es komprimierten Sinn enthält oder vertritt, es soll 
auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem 
Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug- 
tuung zu geben. 

Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in A u t o r. A u t o- 
didakt und Lasker, an den sich der Name Lassalle schließt. 
Die ersten dieser Worte führen zu der — dieses Mal bedeutsamen 
— Veranlassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände 
eines bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet 
ist, und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie 
ich (J.J.David). Eines Abends sprach sie mit mir über den tiefen 
Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines verkom- 
menen Talentes in einer der Davidschen Novellen gemacht hatte, 
und unsere Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von Be- 
gabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen. Unter 
der Herrschaft des eben Gelesenen äußerte sie eine Besorgnis, die 
sich auf die. Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemerkung, 
daß gerade solche Olefahren durch die Erziehung abgewendet werden 
können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter, nahm die 
Besorgnisse meiner Frau auf und verwob allerlei anderes mit. Eine 
Äußerung, die der Dichter gegen meinen Bruder in Bezug auf das 
Heiraten getan hatte, zeigte meinen Gedanken einen Nebenweg, der 
zur Darstellung im Traume führen konnte. Dieser Weg leitete nach 
Breslau, wohin eine uns sehr befreundete Dame geheiratet hatte. Für 
die Besorgnis, am Weibs zu Grunde zu gehen, die den Kern meiner 
Traumgedanken bildete, fand ich in Breslau die Exempel Lasker 
und La ss alle auf, die mir gleichzeitig die beiden Arten dieser 
Beeinflussung zum Unheil darzustellen gestatteten*. Das „Cherchez 
la femme", in dem sich diese Gedanken zusammenfassen lassen, bringt 
mich in anderem Sinne auf meinen noch unverheirateten Bruder, der 
A lex and er heißt. Nun merke ich, daß Alex, wie wir den Namen 
abkürzen, fast wie eine Umstellung von Lasker klingt, und daß 
dieses Moment mitgewirkt haben muß, meinen Gedanken die Umweg- 
richtung über Breslau mitzuteilen. 

Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, ent- 
hält aber noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines 
glücklichen Familienlebens für meinen Bruder, und zwar auf fol- 
gendem Wege. In dem Künstlerroman L'oeuvre, der meinen Traum- 
gedanken inhaltlich nahe liegen mußte, hat der Dichter bekanntlich 
sich selbst und sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert 
und tritt darin unter dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat 
er bei der Namensverwandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola 

* Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgon "der beim 
Weibe erworbenen Infektion (Lues); Lassalle, wie bekannt, im Duell wegen 
einer Dame. 



206 VI. Die Traumarbeit 

gibt umgekehrt (wie die Kinder so gern zu tun pflegen) Aloz. Das 
war ihm wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die 
Silbe AI, die auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte 
Silbe desselben Namens sand, und so kam Sandoz zu Stande. So 
ähnlich entstand also auch mein Autodidasker. 

Meine Phantasie, daß icli Professor N. erzähle, der von uns 
beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende 
Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluß meines Arbeits- 
jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik 
im Stiche ließ. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht eine 
Rückenmarksveränderung, anzunehmen, aber nicht zu beweisen. Eine 
Neurose zu diagnostizieren wäre verlockend gewesen und .hätte allen 
Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle Anamnese, 
ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken so ener- 
gisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegenheit rief 
ich den Arzt zu Hilfe, den ich menschlich am meisten verehre (wie 
andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am ehesten beuge. 
Er hörte meine Zweifel an, hieß sie berechtigt und meinte dann : 
„Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine Neurose sein." Da 
ich weiß,- daß er meine Ansichten über die Ätiologie der Neurosen 
nicht teilt, hielt ich meinen Widerspruch zurück, verbarg aber nicht 
meinen Unglauben. Einige Tage später machte ich dem Kranken die 
Mitteilung, daß ich mit ihm nichts anzufangen wisse, und riet ihm, 
sich an einen anderen zu wenden. Da begann er zu meiner höchsten 
Überraschung, mich um Verzeihung zu bitten, daß er mich belogen 
habe; er habe sich so sehr geschämt, und nun enthüllte er mir ge- 
rade das Stück sexueller Ätiologie, das ich erwartet hatte, und dessen 
ich zur Annahme einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleich- 
terung, aber auch gleichzeitig eine Beschämung; ich mußte mir zu- 
gestehen, daß mein Konsiliarius, durch die Berücksichtigung der Ana- 
mnese unbeirrt, richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm 
zu sagen, wenn ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, daß er Recht ge- 
habt habe und ich Unrecht. 

Gerade dies tue ich nun im Traume. Aber was für Wunsch- 
crfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, daß ich Unrecht habe? 
Gerade das ist mein Wunsch; ich möchte Unrecht haben mit meinen 
Befürchtungen, respektive ich möchte, daß meine Frau, deren Be- 
fürchtungen ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe, Un- 
recht behält. Das Thema, auf welches sich das Recht- oder Unrecht- 
behalten im Traume bezieht, ist von dem für die Traumgedanken 
wirklich Interessanten nicht weitab gelegen. Dieselbe Alternative 
der organischen oder der funktionellen Schädigung durch das Weib, 
eigentlich durch das Sexualleben: Tabesparalyse oder Neurose, an welch 
letztere sich die Art des Unterganges von Lassalle lockerer anreiht. 

Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger 
Deutung ganz durchsichtigen) Traume nicht nur wegen dieser Ana- 
logie und wegen meines Wunsches, Unrecht zu behalten, eine Rolle 
— i auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu 
Breslau und zur Familie unserer dorthin verheirateten Freundin — , 
sondern auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an un- 



WortiieubilJunjren. 



207 



scrc Konsultation anschloß. Nachdem er mit jener Vermutung die 
ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sieh sein Interesse per- 
sönlichen Dingen zu. „Wieviel Kinder haben Sie. jetzt?" — „Sechs." 

— Eine Gebärde von Respekt und Bedenklichkeit. — „Mädel, Buben?" 

— „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reichtum." — .„Nun, 
geben Sie acht, mit den Mädeln geht es ja gut, aber die Buben machen 
einem später Schwierigkeiten in der Erziehung." — Ich wendete ein, 
daß sie bis jetzt recht zahm geblieben wären; offenbar behagte mir 
diese zweite. Diagnose über die Zukunft meiner Buben ebensowenig 
wie die früher gefällte, daß mein Patient nur eine Neurose habe. 
Diese beiden Eindrücke sind also durch Kontiguität, durch das Er- 
leben in einem Zuge verbunden, und wenn ich die Geschichte von der 
Neurose in den Traum nehme, ersetze ich durch sie die Hede über 
die Erziehung, die noch mehr Zusammenhang mit den Traumgedanken 
aufweist, da sie so nahe an die später geäußerten Besorgnisse meiner 
Frau rührt. So findet selbst meine Angst, daß N. mit den Bemer- 
kungen über die Erziehungsschwierigkeiten bei den Buben Hecht be- 
halten möge, Eingang in den Trauminhalt, indem sie sich hinter der 
Darstellung meines Wunsches, daß ich mit solchen Befürchtungen 
Unrecht haben möge, verbirgt. Diese Phantasie dient unverändert 
der Darstellung beider gegensätzlichen Glieder der Alternative. 

VI. Marcinowski: ..Meute früh erlebte ich zwischen Traum 
und Wachen eine sehr hübsehe "Wortverdichtung. Im Ablauf einer 
Fülle von kaum erinnerbaren Traumbruchstücken stutzte ich ge- 
wissermaßen über ein Wort, das ich halb wie geschrieben, halb wie 
gedruckt vor mir sehe. Es lautet: ,erzefilisch' und gehört zu einem 
Satz, der außerhalb jedes Zusammenhanges völlig isoliert in mein be- 
wußtes Erinnern hinüberglitt; er lautete: ,Das wirkt erzefilisch 
aufdieGeschlechtsempfindung.' Ich wußte sofort, daß ics eigent- 
lich erzieherisch' heißen solle, schwankte auch einige Male hin und 
her, ob es nicht richtiger ,erzifi lisch' hieße. Dabei fiel mir das Wort 
Syphilis ein, und ich zerbrach mir, noch im Halbschlaf zu analysieren 
beginnend, den Kopf, wie das wohl in meinen Traum hineinkäme, 
da ich weder persönlich noch von Berufs wegen irgend welche Be- 
rührungspunkte mit dieser Krankheit habe. Dann fiel mir ein ,er- 
zehlerisch', das e erklärend, und zu gleicher Zeit erklärend, daß 
ich gestern abend von unserer ,Erzieherin' veranlaßt wurde, über 
das Problem der Prostitution zu sprechen, und ich hatte ihr dabei 
tatsächlich, um erzieherisch' auf ihr nicht ganz normal entwickeltes 
Empfindungsleben einzuwirken, das Buch von Hesse ,Uber die Pro- 
stitution' gegeben, nachdem ich ihr mancherlei über das Problem 
erzählt hatte. Und nun wurde mir auf einmal klar, daß das Wort 
,S3 r philis' nicht im wörtlichen Sinne zu nehmen sei, sondern für 
Gift stand, in Beziehung natürlich zum Geschlechtsleben. Der Satz 
lautet also in der Übersetzung ganz logisch: .Durch meine Erzäh- 
lung habe ich auf meine Erzieherin erzieherisch auf deren 
Empf indungslcben^ einwirken wollen, aber habe die Befürchtung, daß 
es zu gleicher Zeit vergiftend wirken könne.' Erzefilisch = 
erzäh — (erzieh — ) (erzi f i lisch)." 



■ 



208 



VI. l>i<- Trimmarbeit. 



Die Wort Vorbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der Pari* 
lioia bekannten, die aber aueb bei Hysterie und Zwangsvorstellungen 
nicht vermißt werden. Die Sprachkünste der Kinder, die zu gewissen 
Zeiten die Worte tatsächlich wie Objekte behandeln, auch neue Spra- 
chen und artefizielle Wortfügungen erfinden, sind für den Traum 
wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle. 

Die Analyse unsinniger Wortbildungen im Träume ist besonders 
dazu geeignet, die Verdichtungsleistung der Traumarbeit aufzuzeigen. 
Man möge aus der hier verwendeten geringen Auswahl von Beispielen 
nicht den Schluß ziehen, daß solches Material selten oder gar nur 
ausnahmsweise zur Beobachtung kommt. Es ist vielmehr sehr häufig, 
allein die Abhängigkeit der Traumdeutung von der psychoanalyti- 
schen Behandlung hat die Folge, daß die wenigsten Beispiele ange- 
merkt und mitgeteilt werden, und daß die mitgeteilten Analysen meist 
nur für den Kenner der Neurosenpathologie verständlich sind. So 
ein Traum von Dr. v. Karpinska (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 
1914), der die sinnlose Wortbildung ,.Svingnum elvi" enthält. 
Erwähnenswert ist noch der Fall, daß im Traum ein an sich nicht 
bedeutungsloses Wort erscheint, das aber, seiner eigentlichen Bedeu- 
tung entfremdet; verschiedene andere Bedeutungen zusammenfaßt, zu 
denen es sich wie ein „sinnloses" Wort verhält. Dies ist in dem 
Traum von der „Kategorie" eines zehnjährigen Knaben der Fall, den 
V. Tausk (Zur Psychologie der Kinderscxualität, Internat. Zeitschr. 
für Psych. I, 1913) mitteilt. „Kategorie" bedeutet hier das weib- 
liche Genitale und „kategor ieren" soviel wie urinieren. 

Wo in einem Traume Reden vorkommen, die ausdrücklich als 
solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als ausnahmslose 
Regel, daß Traumrede von erinnerter Rede im Traummaterial ab- 
stammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt erhalten oder 
leise im Ausdruck verschoben ; häufig ist die Traumrede aus ver- 
schiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der Wortlaut dabei 
das sich gleich Gebliebene, der Sinn womöglich mehr- oder ander s- 
deutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als bloße An- 
spielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel*. 

b) Die Verschiebungsarbeit. 

Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame Relation 
mußte uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die Traum- 
verdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, daß die Elemente, 
welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestandteile hervor- 
drängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche Rolle spielen. 
Als Korrelat dazu kann man auch die Umkehrung dieses Satzes aus- 
sprechen. Was in den Traumgedanken offenbar der wesentliche Inhalt 
ist, braucht im Traume gar nicht vertreten zu sein. Der Traum ist 

* Bei einem an Zwangsvorstellungen leidenden jungen Manne, mit übrigens 
intakten und hochentwickelten intellektuellen Funktionen, fand ich unlängst die 
einzige Ausnähme von dieser Kegel. Die Reden, die in seinen Träumen vorkamen, 
stammen nicht von gehörten oder selbst gehaltenen Keden ab, sondern ent- 
sprachen dem nnentstellten "Wortlaute seiner Zwangsgedanken, die ihm im Wachen 
mir abgeändert zum Bewußtsein kamen. 



Die Tatsache der Verschiebung im Traume. 



209 



gleichsam anders zentriert, sein Inhalt um andere Elemente als 
.Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken. So z. B. ist im Traume 
von der botanischen Monographie Mittelpunkt des Trauminhaltes offen- 
bar das Element „botanisch"; in den Traumgedanken handelt es sieh 
um die Komplikationen und Konflikte, die sich aus verpflichtenden 
Leistungen zwischen Kollegen ergeben, in weiterer Folge um den 
Vorwurf, daß ich meinen Liebhabereien allzu große Opfer zu bringen 
pflege, und das Element ...botanisch' 1 ' findet" in diesem Kerne der 
Traumgedanken überhaupt keine Stelle, wenn es nicht durch eine 
Gegensätzlichkeit locker damit verbunden ist. denn Botanik hatte 
niemals einen Platz unter meinen Lieblingsstudien. In dem Sappho- 
traume meines Patienten, ist das Auf- und Niedersteigen, Oben- 
und Unten sein zum Mittelpunkte gemacht; der Traum handelt aber 
von den Gefahren sexueller Beziehungen zu niedrig stehenden Per- 
sonen, so daß nur eines der Elemente der Traumgedanken, dies aber 
in ungebührlicher Verbreiterung, in den Trauminhalt eingegangen 
seheint. Ähnlich ist im Traume von den Maikäfern, welcher die Be- 
ziehungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema hat, zwar 
das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder erschienen, aber 
in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnung des Sexuellen, 
also aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch zu etwas Treni- 
dem umgestaltet. In dem Onkeltraume wiederum scheint der blonde 
Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, außer aller Sinnbeziehung zu den 
Größenwünschen, die wir als den Kern der Traumgedanken erkannt 
haben. Solche Träume machen dann mit gutem Rechte einen „ver- 
schobenen" Eindruck. Im vollen Gegensatz zu diesen Beispielen 
zeigt dann der Traum von Irmas Injektion, daß bei der Traumbildung 
die einzelnen Elemente auch wohl den Platz behaupten können, den 
sie in den Traumgedanken einnehmen. Die Kenntnisnahme dieser neuen, 
in ihrem Sinne durchaus inkonstanten Relation zwischen Traumgedan- 
ken und Trauminhalt ist zunächst geeignet, unsere Verwunderung zu 
erregen. Wenn wir bei einem psychischen Vorgang des Normallebens 
finden, daß eine Vorstellung aus mehreren anderem herausgegriffen 
wurde und für das Bewußtsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, 
so pflegen wir diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, daß der 
siegenden Vorstellung eine besonders hohe psychische "Wertigkeit (ein 
gewisser Grad von Interesse) zukommt- Wir machen nun die Erfah- 
rung, daß diese Wertigkeit der einzelnen Elemente in den Traum- 
gedanken für die Traumbildung nicht erhallen bleibt oder nicht in 
Betracht kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchst- 
wertigen Elemente der Traumgedanken sind; unser Urteil sagt es uns 
unmittelbar. Bei der Traumbildung können diese wesentlichen, mit 
intensivem Interesse betenton Elemente nun so behandelt werden, als 
ob sie minderwertige wären, und an ihre Stelle treten im Traume 
andere Elemente, die in den Traumgedanken sicherlich minderwertig 
waren. Es macht zunächst den Eindruck, als käme die psychische In- 
tensität* der einzelnen Vorstellungen für die Traumauswahl überhaupt 

* Psychische Intensität, Wertigkeit, Interessebctomm<r .einer Vorstellung 
ist natürlich von sinnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert 
zu halten. 

Freud, Traumdeutung, 5, Aufl, 14 



«in VI. Die Trimmarbeit. 

nicht in Betracht, sondern bloß die mehr oder minder vielseitige 
Doterminierung derselben. Nicht, was in den Tranmgedanken wichtig 
ist, kommt in "den Traum, sondern was in ihnen mehrfach enthalten, 
könnte man meinen; das Verständnis der Traumbildung wird aber 
durch diese Annahme nicht sehr gefördert, denn von vornherein wird 
man nicht glauben können, daß die beiden Momente der mehrfachen 
Determinierung und der eigenen Wertigkeit bei der Traumauswahl 
anders als gleichsinnig wirken können. Jene Vorstellungen, welche 
in den Traumgedanken die wichtigsten sind, werden wohl auch die 
am häufigsten in ihnen wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von 
Mittelpunkten die. einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch 
kann der Traum diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten 
Elemente ablehnen und andere Elemente, denen nur die letztere Ligen- 
schaft zukommt, in seinen Inhalt aufnehmen; 

Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen Ein- 
druck verwenden, den man bei der Untersuchung der Überdeter- 
minierung des Traum inh altes empfangen hat. Vielleicht hat schon 
mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurteilt, die Lbcr- 
determinicrung der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund, weil 
sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse von den 
Traumelementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich an die- 
selben knüpfen ; kein Wunder dann, daß in dem so gewonnenen üe- 
dankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder- 
finden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber 
selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen : Unter den 
Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele, die 
dem Kern des Traumes fernerstehen, und die sich wie künstliche 
Einschaltungen zu einem gewissen Zweck ausnehmen. Der Zweck 
derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Verbindung, oft 
eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen Trauminhalt 
und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente aus der Analyse 
ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandteile des Trauminhaltes 
oftmals nicht nur die Uberdcterminierung, sondern überhaupt eine 
genügende Determinierung durch die Traumgedanken. Wir werden so 
zum Schlüsse geleitet, daß die mehrfache Determinierung, .die für 
die Traumauswahl entscheidet, wohl nicht immer ein primäres Moment 
der Traumbildung, sondern oft ein sekundäres Ergebnis einer uns noch 
unbekannten psychischen Macht ist. Sie muß aber bei alledem für 
das Eintreten der einzelnen Elemente in den Traum von Bedeutung 
sein, denn wir können "beobachten, daß sie mit einem gewissen Auf- 
wand hergestellt wird, wo sie sich aus dem Traummaterial nicht ohne 

Nachhilfe ergibt. , . , m , .,- ■ 

Es liegt nun der Einfall nahe, daß bei der Traumarocit eine 
psychische °Macht sich äußert, die einerseits die. psychisch hochwer- 
tigen Elemente ihrer Intensität entkleidet und anderseits auf dem 
Wege der Uberdcterminierung aus minderwertigen neue Wertig- 
keiten schafft, die dann in den Trauminhalt gelangen. Wenn das so 
zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Übertragung und Ver- 
schiebung der psychischen Intensitäten der einzelnen Ele- 
mente stattgefunden, als deren Folge die Textverschiedenheit von 






Verhältnis von Verschiebung; und (*l>erdeterminierurig\ Oll 

Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der Vorgang-, den wir so 
supponieren, ist geradezu das wesentliche -Stück der Traumarbeit;: er 
vordient den Namen der Traumvnrschiebung. Traumverschi e- 
bung und Traum Verdichtung sind die beiden Werkmeister, deren 
Tätigkeit wir die Gestaltung des Traumes hauptsächlich zuschreiben 
dürfen. , 

Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht, die 
sich in den Tatsachen der Traumverschiebung äußert, zu erkennen. 
Der Erfolg dieser Verschiebung ist, daß der Trauminhalt dem Kerne 
der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, daß der Traum nur eine 
Entstellung des Traumwunsches im Unbewußten wiedergibt. Die 
Traumentstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben sie auf 
dio Zensur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz im Ge- 
dankenleben gegen eine andere ausübt. Die Traum Verschiebung ist 
eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit, 
cui profuit. Wir dürfen annehmen, daß die Traumverschiebung durch 
den Einfluß jener Zensur, der endopsychisehen Abwehr, zu Stande 
kommt*. 

In welcher Weise die .Momente der Verschiebung, Verdichtung 
und Überdetcrminierung bei der Traumbildung ineinander spielen, 
welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Faktor 
wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig 
können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum ge- 
langenden Elemente genügen müssen, angeben, daß sie der Zen- 

* Da ich dio Zurückführung der Traumentstellung auf die Zensur als den 
Kern meiner Traumauffassung bezeichnen darf, sehalte ich hier das letzte Stück 
jener Erzählung „Träumen wie AVachen" aus den „Phantasien eines Rea- 
listen" von Lynkeus (Wien, 2. Aufl., 1900) ein, in dem ich diesen Ilaupt- 
charakter meiner Lehre wiederfinde: 

„Von einem Manne, der die merkwürdige Eigenschaft hat, niemals Unsinn 
zu träumen." 

„Deine herrliche Eigenschaft, zu träumen wie zu wachen, beruht auf deinen 
Tugenden.^ auf deiner Güte, deiner Gerechtigkeit, deiner Wahrheitsliebe; es ist 
dio moralische Klarheit deiner Natur, die mir alles an dir verständlich macht." 

„Wenn ich es aber recht bedenke," erwiderte der andere, „so glaube ich 
beinahe, alle Menschen seien so wie ich beschaffen, und gar niemand träumo 
jemals Unsinn! Eiu Traum, an den man sich so deutlich erinnert, daß man ihu 
nacherzählen kann, der also kein Fiobcrtraum ist, hat immer Sinn und es kann 
auch gar nicht anders sein! Denn was miteinander in Widerspruch steht, könnte 
sich ja nicht zu einem Ganzen gruppieren. Daß Zeit und Raum oft durch- 
einander gerüttelt werden, benimmt dem wahren Inhalt des Traumes gar nichts, 
denn sie sind beide gewiß ohne Bedeutung für seinen wesentlichen Inhalt gewesen. 
Wir machen es ja oft im Wachen auch so; denke an das Märchen, an so viel© 
kühne und sinnvolle Phantasiegebilde, zu denen nur ein Unverständiger sa°-en 
würde: ,Das ist widersinnig 1 Denn das ist nicht möglich'!" 

„Wenn man nur die Träume immer richtig zu deuten wüßte, so wie du das 
oben mit dem meinen getan hast!" sagte der Freund. 

„Das ist gewiß keine leichte Aufgabe, aber es müßte bei einiger Aufmerk- 
samkeit dem Träumenden selbst wohl immer gelingen. — Warum es meistens 
nicht gelingt? Es scheint bei Euch etwas Verstecktes in den Träumen zu liegen, 
etwas Unkeusches eigener und höherer Art, eine gewiss© Heimlichkeit in Eurem 
Wesen, die schwer auszudenken ist; und darum scheint Euer Traumen so oft 
ohne Sinn, sogar ein Widersina zu sein. Es ist aber im tiefsten Grunde durch- 
aus nicht so; ja, es kann gar nicht so sein, denn es ist immer derselbe Mensch, 
ob er wacht oder träumt," 

14* 



212 



VI Di.- Traumarbeit. 



sur des W i .1 e »1 andes entzogen seien- Die Traumverschiebimg 
aber Collen wir von nun an als unzweifelhafte Tatsache bei der 
Traumdeutung in Rechnung ziehen. 

c) Die Dar.stellungsmittel des Traumes. 

Außer den beiden Momenten der Traum Verdichtung und 
Traum vor Schiebung, die wir bei der Verwandlung diih^Un 
Geilankcnmatcrials in den manifesten Traummhalt als ™ksam «* 
gefunden haben, worden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung 
noch zwei weiteren Bedingungen begegnen die ^ 2WC . l J el f ha " e a n ..^ ' 
fluß auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materials üben- 
Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, daß wir auf unserem 
Won-c halt zu machen scheinen, einen ersten Blick aut die Vorgange 
hei der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich verhehle mir 
nicht, daß es am ehesten gelingen würde, dieselben klarzustellen und 
ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern, wenn ich einen 
einzelnen Traum zum Muster nähme, seine Deutung entwickle, wie 
ich es im Abschnitt II bei dem Traume von Irmas Injektion gezeigt 
habe, dann aber die Traumgedanken, die ich aufgedeckt habe, zu- 
sammenstelle, und nun die Bildung des Traumes aus ihnen rekon- 
struiere, also die Analyse der Träume durch eine Synthese derselben 
erganze: Diese Arbeit habe ich an mehreren Beispielen zu meiner 
eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie aber hier nicht aulnehmen, 
weil mannigfache und von jedem billig Denkenden gutzuheißende 
Rücksichten auf das psychische Material zu dieser Demonstration mich 
daran verhindern. Bei der Analyse der Träume störten diese Rück- 
sichten weniger, denn die Analyse durfte unvollständig sein und be- 
hielt ihren AVort, wenn sie auch nur ein Stück weit in das Gewebe 
des Traumes hineinführte. Von der Synthese wüßte ich es nicht an- 
ders, als daß sie, um zu überzeugen, vollständig sein muß. Line voll- 
ständige Synthese könnte ich nur von Träumen solcher Personen geben, 
die dem lesenden Publikum unbekannt sind. Da aber nur Patienten, 
Neurotikcr, mir dazu die Mittel bieten, so muß dies Stück Darstel- 
lung des Traumes einen Aufschub erfahren, bis ich — an anderer 
Stelle — die psychologische Aufklärung der Neurosen so weit führen, 
kann, daß der Anschluß an unser Thema herzustellen ist*. 

" Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken synthe- 
tisch herzustellen, weiß ich, daß das bei der Deutung sich ergehende 
Material von verschiedenartigem Werte ist. Den einen Teil desselben 
bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum voll er- 
setzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn es fin- 
den Traum keine Zensur gäbe. Dem anderen Teil ist man gewohnt. 
geringe Bedeutung zuzuschreiben. Man legt auch keinen W ert auf 
die Behauptung, daß alle diese Gedanken an der Traumbildung be- 
teiligt gewesen seien, vielmehr können sich Einfälle unter ihnen finden, 

-Ich habo die vollständige Analyse und Synthese zweier Träume seither 
in dem „Bruchstück oiner Hysteri.analyse", 1905, gegeben Als die volstandigste 
Deutung eines längeren Traumes muß die Analyse von O. Rank „Ein Traum, der 
sich selbst deutet" anerkannt werden. 



Die Darstellung der logischen Relationen, 213 

welche an Erlebnisse nach dem Traume, zwischen den Zeitpunkten 
des Träumens und des Deutens, anknüpfen. Dieser Anteil umfaßt 
alle die Verbindungswege, die vom manifesten Trauminhalt bis zu 
den latenten Traumgedanken geführt haben, aber ebenso die vermit- 
telnden und annähernden Assoziationen, durch welche man während 
der Deutungsarbeit zur Kenntnis dieser Verbindungswege gekommen ist. 

Uns interessieren an dieser Slelle ausschließlich die wesentlichen 
Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Komplex von 
Gedanken und Erinnerungen vom allcrverwickeltsten Aufbau mit 
allen Eigenschaften der uns aus dem Wachen bekannten Gedanken- 
gänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem 
Zentrum ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren; fast 
regelmäßig steht neben einem Gedankengang sein kontradiktorisches 
Widerspiel. durch Kontrastassoziation mit ihm verbunden. 

Dio einzelnen Stücke dieses komplizierten Gebildes stehen natür- 
lich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zueinander. Sie 
bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläuterungen, 
Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann die ganze 
Masse dieser Traumgedanken der Pressung der Traumarbeit unter- 
liegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zusammengeschoben 
werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht die Erage, was aus den 
logischen Banden wird, welche bishin das Gefüge gebildet hatten. 
Welche Darstellung erfahren im Traume das ,,Wenn, weil, gleichwie, 
obgleich, entweder — oder" und alle anderen Konjunktionen, ohne 
die wir Satz und Rede nicht verstehen können? 

Man muß zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese 
logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Dar- 
stellung zur Verfügung. Zumeist läßt er all diese Konjunktionen un- 
berücksichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traum- 
gedanken zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, 
den Zusammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit ver- 
nichtet hat. 

Es muß am psychischen Material liegen, in dem der Traum ge- 
arbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucks lähigkeit abgeht. In einer 
ähnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste, 
Malerei und Plastik, im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede be- 
dienen kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in dem 
Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas zum 
Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis der für 
sie gültigen Gesetze des Ausdruckes gekommen war, bemühte sie "sich 
noch, diesen Nachteil auszugleichen. Aus dem Munde der gemalten 
Personen ließ man auf alten Bildern Zettelchen heraushängen, welche 
als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzustellen der Maler 
verzweifelte- 

Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den 
Traum den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. 
Es gibt ja Träume, in welchen die kompliziertesten Geistesoperationen 
vor sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen 
wird wie im wachen Donken. Allein auch hier trügt der Schein; 
wenn man auf die Deutung solche]- Träume eingeht, erfährt man, 



214 V1 - EP« Traumarbeit. 

daß dies alles Traummaterial ist, nicht Darstellung- in- 
tellektueller Arbeit im Traume. Der Inhalt der Traum- 
gedanken ist durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, 
nicht die Beziehungen der Traumgedanken zueinander, 
in deren Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele 
orbringen. Am leichtesten ist es aber zu konstatieren, daß alle Heden, 
die in Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet 
werden, unveränderte oder nur wenig modifizierte Nachbildungen von 
Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummaterials 
vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den 
Traumgedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ist ein 
ganz anderer. 

Allerdings werde ich nicht bestreiten, daß auch kritische Denk- 
arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgebilden wiederholt, 
ihren Anteil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluß dieses Fak- 
tors werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen. Es 
wird sich dann ergeben, daß diese Denkarbeit nicht durch die Traum- 
gedanken, sondern durch den in gewissem Sinne bereits fertigen Traum 
hervorgerufen wird. 

Es bleibt also vorläufig dabei, daß die logischen Relationen 
zwischen den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung 
nicht finden. Wo sich z. B. "Widerspruch im Traume findet, da ist es 
entweder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem 
Inhalt eines der Traum gedanken ; einem Widerspruch zwischen den 
Traumgedanken entspricht der Widerspruch im Traume nur in höchst 
indirekt vermittelter Weise. 

Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die 
Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung, Ver- 
warnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch den 
flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglichkeit 
ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen Traum- 
gedanken durch eine zugehörige Modifikation der eigentümlichen 
Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Erfahrung 
machen, daß die verschiedenen Träume in dieser Berücksichtigung 
verschieden weit gehen ; während sich der eine Traum über das 
logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht ein anderer 
dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum entfernt sich 
hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Bearbeitung vor- 
liegenden Text. Ahnlich wechselnd benimmt sich der Traum übrigens 
auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken, wenn ein solches 
im Unbewußten hergestellt ist (wie z. B. im Traume von 'Irmas Injektion). 

Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer 
darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde 
versuchen, sie einzeln aufzuzählen. 

Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu- 
sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch im 
ganzen gerecht, daß er dieses Material in einer Zusammenfassung als 
Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zusammen- 
hang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin ähnlieh 
wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bilde einer 






Zusammenhang, KauaaLbeziehuiig. 215 

►Schule von Athen oder des Parnaß zusammenstellt, die niemals 
in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen sind, 
wohl aber für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft bilden. 

Diese Darstellungs weise setzt der Traum ins einzelne fort. So 
oft er zwei Elemente nahe beieinander zeigt, bürgt er für einen be- 
sonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in 
den Traumgedanken. Es ist wie in unserem Schriftsystem : ab be- 
deutet, daß die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen wer- 
den sollen, a und b nach einer freien Lücke läßt a als den letzten 
Buchstaben des einen "Wortes und b als den ersten eines anderen 
Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumkombinationen nicht 
aus beliebigen, völlig disparaten Bestandteilen des Traummaterials, 
sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken in innigerem 
Zusammenhang stehen. 

Die Kausalbezi chungon darzustellen, hat der Traum zwei 
Verfahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die .häufigere 
Darstellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies 
so und so war, mußte dies und jenes geschehen, besteht darin, den 
Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als 
Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die Zeit- 
folge auch die umgekehrte sein. Stets entspricht dem Hauptsatz der 
breiter ausgeführte Teil des Traumes. 

Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Kausalität hat 
mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin voll- 
ständig mitteilen werde (s. u. Symbolik). Er bestand aus einem kurzen 
Vorspiel und einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade, 
zentriert war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume. 
Der Vortraum lautete so : Sie geht in die Küche zu den beiden 
Mägden und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit 
dem Bissei Essen". Dabei sieht sie sehr viel grobes 
Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt in der Küche 
stehen, und zwar in Haufen aufeinander gestellt. Die 
beiden Mägde gehen Wasser holen und müssen dabei 
wie in einen Fluß steigen, der bis ans Haus oder in 
den Hof reicht. 

Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt 
von hoch herab, über eigentümlich gebi ldete Geländer, 
und freut sich, daß i h r K 1 e i d dabei n i r g ends h ä n g e n 
bleibt usw. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche Haus 
der Dame Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von ihrer 
Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus der 
einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand. Der 
zweite Teil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater, der 
sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei einer 
"Überschwemmung — das Haus stand nahe am Ufer des Flusses — 
sich eine tödliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der sich hinter 
diesem Vortraume verbirgt, heißt also: Weil ich aus diesem Hause, 
aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme. Der 
Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt ihn 
in durch Wünscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von hoher 






giß VI. Die Trimmarbeit. 

Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft bin, 
war mein Lebenslauf so und so. _ . 

Soviel ich sehe, bedeutet eine Teilung des Iraumes in zwei un- 
gleiche Stücke nicht jedesmal eine kausale Beziehung zwischen den 
Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden 
Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus 
dargestellt würde; sicherlich gilt dies für die in eine Pollution aus- 
laufende Traumreihe einer Nacht, in welcher das somatische Bedürfnis 
sich einen fortschreitend deutlicheren Ausdruck erzwingt. Oder die 
beiden Träume sind aus gesonderten Zentren im Traummaterial Hervor- 
gegangen und überschneiden einander im Inhalt, so daß in dem einen 
Traum Zentrum ist, was im anderen als Andeutung mitwirkt und 
umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von Träumen bedeutet aber die 
Spaltung in kürzeren Vor- und längeren Nachtraum tatsächlich kau- 
sale Beziehung zwischen beiden Stücken. Die andere Darstellungs- 
weise des Kausalverhältnisses findet Anwendung bei minder umfang- 
reichem Material und besteht darin, daß ein Bild im Traume, sei es 
einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes verwandelt. Nur wo 
wir diese Verwandlung im Traume vor sich gehen sehen, wird der 
kausale Zusammenhang ernstlich behauptet; nicht wo wir bloß mer- 
ken, es sei an Stelle des einen jetzt das andere gekommen. Ich sagte, 
die beiden Verfahren. Kausalbeziehung darzustellen, liefen auf das- 
selbe hinaus; in beiden Fällen wird die Verursachung dargestellt 
durch ein Nacheinander, einmal durch das Aufeinanderfolgen der 
Träume, das andere Mal durch die unmittelbare Verwandlung eines 
Bildes in ein anderes. In den allermeisten Fällen freilich wird die 
Kausalrelation überhaupt nicht dargestellt, sondern fällt unter das 
auch im Traumvorgang unvermeidliche Nacheinander der Elemente. 
Die Alternative „Entweder-Oder" kann der Traum überhaupt 
nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt 
in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein klassisches Beispiel hiefür 
enthält der Traum von Irinas Injektion. In dessen latenten Gedanken 
heißt es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irmas 
Schmerzen: die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen 
die Annahme der Lösung oder daran, daß sie unter ungünstigen 
sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre 
Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer 
Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast ausschlie- 
ßenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoß, aus dem Traum- 
wunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Entweder — 
Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den Zusammenhang 
der Traumgedanken eingesetzt. 

AVo aber der Erzähler bei der Reproduktion des Traumes ein 
Entweder t- Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein Garten 
oder ein Wohnzimmer usw.. da kommt in den Traumgedanken nicht 
etwa eine Alternative, sondern ein „und", eine einfache Anreihung, 
vor. Mit Entweder — Oder beschreiben wir zumeist einen noch auf- 
lösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem Traumelement. 
Di" Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die einzelnen Glieder der 
.scheinbaren Alternative sind einander gleich zu setzen und durch 



Verurdachuiig, Alternative. 217 

„und" zu verbinden. Ich träume z. B-, nachdem ich längere Zeit ver- 
geblich auf die Adresse meines in Italien weilenden Freundes gewartet 
habe, daß ich ein Telegramm erhalte, welches mir diese Adresse mit- 
teilt. Ich sehe sie in blauem Druck auf den Papierstreifen des Tele- 
grammes; das erste "Wort ist verschwommen, 

etwa via, \ 

oder Villa, das zweite deutlich : S e z er n o. 
oder sogar (Gas a). 

Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt und mich 
an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch meinen 
Arger aus, daß er seinen Aufenthalt so lange vor mir geheim 
gehalten; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages zum ersten 
Worte läßt sieh bei der Analyse als selbständiger und gleichberech- 
tigter Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen. 

In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich von 
einer bedruckten Tafel, einem Plakat oder Anschlagzettel — etwa 
wie die das Rauchverbot verkündenden Zettel in den "Wartesälen der 
Eisenbahnen - — , aui' dem zu lesen ist, entweder: 

Man bittet, die Augen zuzudrücken. 

oder 
Man bittet, ein Auge zuzudrücken, 

was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin: 

fll A 

Man b i 1 1 e t, -r- A u g e (n) zuzudrücke n. 
ein 

Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und führt 
in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das Zeremoniell 
mögliehst einfach gewählt, weil ich wußte, wie der Verstorbene über 
solche Veranstaltungen gedacht hatte- Andere Familienmitglieder waren 
aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht einverstanden; sie mein- 
ten, man werde sich vor den Trauergästen schämen müssen. Daher 
bittet der eine Wortlaut des Traumes, „ein Auge zuzudrücken", d- h. 
Nachsicht zu üben. Die Bedeutung der Verschwommenheit, die wir 
mit einem Entweder — Oder beschrieben, ist hier besonders leicht 
zu erfassen. Es ist der Traumarbeit nicht gelungen, einen einheitlichen, 
aber dann zweideutigen Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. 
So sondern sich die beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt 
voneinander. 

Li einigen Fällen drückt die Zweiteilung des Traumes in zwei 
gleich große Stücke die schwer darstellbare Alternative aus. 

Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kate- 
gorie von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg 
vernachlässigt, das „Nein" scheint für den Traum nicht zu existieren. 
Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusam- 
mengezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch 
die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegeusatz 
darzustellen, so daß man zunächst, von keinem eines Gegenteils fähigen 
Elemente weiß, ob es in den Traunjgndanken positiv oder negativ ent- 



218 



VI. Die Traumarbeit. 



halten ist*. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen Vorder- 
satz wir bereits gedeutet haben („weil ich von solcher Abkunft bin"), 
steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen 
blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, 
wie der Engel einen Lilicnstengel auf den Bildern von Maria Ver- 
kündigung (sie heißt .selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die 
weißgekleideten Mädchen bei der Fronleichnamsprozession gehen, wäh- 
rend die Straßen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der 
blühende Zweig im Traume ganz gewiß eine Anspielung auf sexuelle 
Unschuld. Der Zweig ist aber dicht mit roten Blüten besetzt, Von 
denen jede einzelne einer Kamelie gleicht. Am Ende ihres "Weges, 
heißt es im Traume weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen ; 
dann folgen unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist 
der nämliche Zweig, der getragen wird, wie eine Lilie und wie von 
einem unschuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die 
Kameliendame, die, wie bekannt, stets eine weiße Kamelie trug, zur 
Zeit der Periode aber eine rote. Der nämliche Blütenzweig („des 
Mädchens Blüten" in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) 
stellt die sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegenteil. Der näm- 
liche Traum auch, welcher die Freude ausdrückt, daß es ihr gelungen, 
unbefleckt durchs Leben zu gehen, läßt an einigen Stellen (wie an 
der vom Abfallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang 
durchschimmern, daß sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle 
Reinheit habe zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). 
Wir können bei der Analyse des Traumes deutlieh die beiden Ge- 
dankengänge unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, 
der vorwurfsvolle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks 
zuwiderlaufen, und deren gleiche aber gegenteilige Elemente durch 
die nämlichen Traumelemente Darstellung gefunden haben. 

Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der Me- 
chanismus der Traunibildung im höchsten Ausmaße zu o-iite. Es ist 
dies die Relation der Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Berührun«-, das 
„Gleichwie", die im Traume wie keine andere mit mannigfachen 
Mitteln dargestellt werden kann**. Die im Traummaterial vorhandenen 
Deckungen oder Fälle von „Gleichwie" sind ja die ersten Stützpunkte 
der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum- 
arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die 
vorhandenen der Widerstandszensur wegen nicht in den Traum ge- 
langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt der 
Darstellung der Ähnlichkeitsrelation zu Hilfe. 

* Aus einer Arbeit von K. Abel, Der Gegensinn der Urworte, 1881 (siehe 
mein Keferat im Jahrbuch f. Ps.-A. II, 1910) erfuhr ich die überraschende, auch 
von anderen Sprachforschern bestätigte Tatsache, daß die ältesten Sprachen sicli 
in diesem Punkte ganz ähnlich benehmen wie der Traum. Sie haben anfänglich . 
nur ein Wort für die beiden Gegensätze an den Enden einer Qualitäten- oder 
Tätigkeitsreihe (starkschwach, altjung:, i'ernnah, binden-trennen) und bilden ge- 
sonderte Bezeichnungen für die beiden Gegensätze erst sekundär durch leichte 
Modifikationen des gemeinsamen Urwortes. Abel weist diese Verhältnisse im 
großen Ausmaße im AI tä#ypti sehen nach, zeigt aber deutliche Beste derselben 
Entwicklung auch in den semitischen und indogermanischen Sprachen auf. 

** Vgl. die Bemerkung des Aristoteles über die Eignung zum Traum- 
deuter (S. 68, Anmkg**). 



Gegensatz uud Gleichstellung. 219 

Ähnlichkeit, Übereinstimmung, Gemeinsamkeit wird 
vom Traume ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung zu 
einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vorgefun- 
den oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als Identi- 
fizierung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die Identi- 
fizierung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt; 
die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch 
werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt, örtlichkeiten 
werden oft wie Personen behandelt. 

Die Identifizierung besteht darin, daß nur eine der durch ein 
Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung 
gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum 
unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im 
Traume in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von 
ihr oder von den gedockten Personen ableiten. Bei der Mischbildung, 
die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die 
den Personen eigentümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden, 
so daß durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine 
Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver- 
schiedenen Wegen zu Stande gebracht werden. Entweder die Traum- 
person hat von der einen ihrer Beziehungspersonen den Namen — 
wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz analog 
ist, daß diese oder jene Person gemeint ist — -, während die visuellen 
Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild selbst ist 
aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf beide verteilen, 
zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der Anteil der 
zweiten Perspn auch vertreten werden durch die Gebärden, die man 
ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen läßt, oder die Situation, 
in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der Kennzeichnung 
beginnt der scharte Unterschied zwischen Identifizierung und Misch- 
pcrsonbildung sich zu verflüchtigen. Es kann aber auch vorkommen, 
daß die Bildung einer solchen Mischperson mißlingt. Dann wird die 
Szene des Traumes der einen Person zugeschrieben und die andere 
— in der Regel wichtigere — tritt als sonst unbeteiligte Anwesende 
daneben hin. Der Träumer erzählt etwa: Meine Mutter war auch 
dabei (Stekel). Ein solches Element des Trauminhaltes ist dann einem 
Determmativum in der Hieroglyphenschrift zu vergleichen, welches 
nicht zur Aussprache, sondern zur Erläuterung eines anderen Zeichens 
bestimmt ist. 

Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen 
rechtfertigt, d. h. veranlaßt, kann im Traume dargestellt sein oder 
fehlen. In der Eegel dient die Identifizierung oder Mischpersonbildung 
eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt 
zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich 
im Traume eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor 
in einer andersartigen Aktion, welche sonst B charakterisiert. Die so 
gewonnene Traumperson tritt mir im Traume in irgend welcher neuen 
Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstand, daß sie sowohl A als 
auch B bedeutet, schöpfe ich dnnn die Berechtigung, in die betreffende 
Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den beiden gemeinsam ist, 



92Q VI. Die Traumarbeit. 

nämlich das feindselige Verhältnis zu mir. Auf solche Weise erziele 
icli oft eine ganz außerordentliche Verdichtung für den Trauminhalt ; 
ich kann mir die direkte Darstellung sehr komplizierter Verhältnisse, 
die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn ich zu dieser 
Person eine andere gefunden habe, die auf einen Teil dieser Bezie- 
hungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu verstehen, in- 
wiefern diese Darstellung durch Identifizierung auch dazu dienen kann, 
die Widerstandszensur zu umgehen, welche die Traumarbeit unter so 
harte Bedingungen setzt. Der Anstoß für die Zensur mag gerade in 
jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit der einen Person 
verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person, welche gleichfalls 
Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat, aber nUB zu einem 
Teile desselben. Die Berührung in jenem nicht zensurfreien P unkte 
gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu bilden, die nach beiden 
Seiten hin durch indifferente Züge charakterisiert ist. Diese Misch- 
und Identifizierungsperson ist nun als zensurfrei zur Aufnahme in 
den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch Anwendung der Traum- 
verclichtung den Anforderungen der Traumzensur genügt. 

Wo im Traume auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar- 
gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen 
verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die 
Zensur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermaßen zu Gun- 
sten der Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemeinsamen 
stattgefunden. Daraus, daß mir die Mischperson mit einem indifferenten 
Gemeinsamen im Traume gezeigt wird, soll ich ein anderes keineswegs 
indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken erschließen. 

Die Identifizierung oder Mischpersonbildung dient demnach im 
Traume verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden 
Personen Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen 
Gemeinsamkeit, drittens aber noch, um eine bloß gewünschte Gemein- 
samkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen einer Ge- 
meinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Vertauschen 
derselben zusammenfällt,, so ist auch diese Relation im Traume durch 
Identifizierung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume von Irmas In- 
jektion diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen, wünsche 
a lso, daß die andere meine Patientin sein möge, wie es die eine ist; 
der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er mir eine Person 
zeigt, die Irma heißt, die aber in einer Position untersucht wird, wie 
ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegenheit hatte. Im Onkel- 
traiune ist diese Vertauschung zum Mittelpunkte des Traumes gemacht; 
ich identifiziere mich mit dem Minister, indem ich meine Kollegen 
licht besser als er behandle und beurteile. 

Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden 
habe, daß jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind 
a hsolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur 
eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, daß mein 
Ich durch Identifizierung hinter jener Person versteckt ist. Ich darf 
]*ein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traume erscheint, 
lehrt mich die Situation, in der es sieh befindet, daß hinter dem Ich 
ein <J andere Person sich durch Identifizierung verbirgt. Der Traum 



Verwertung der MiBchbildungen. 221 

soll mich dann maliin;]i. in der Traumdeutung etwas, was dieser Person 
anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu übertragen. Es gibt 
auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen Personen vorkommt, 
die sich durch Lösung der Identifizierung wiederum als mein Ich ent- 
hüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittels dieser Identifizierun- 
gen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren Aufnahme sich die 
Zensur erhohen hat. Ich kann also mein Ich in einem Traume mehr- 
fach darstellen, das einemal direkt, das anderemal vermittels der 
Identifizierung mit fremden Personen. Mit mehreren solchen Identi- 
fizierungen läßt sich ein ungemein reiches Gedankenmaterial ver- 
dichten*. 

Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sieh die Auf- 
lösung der Identifizierungen bei mit Eigennamen bezeichneten Örtlich- 
keiten, da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich 
entfällt. In einem meiner Romträume (S. 135) heißt der Ort, an 
dem ich mich befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von 
deutschen Plakaten an einer Straßenecke. Letzteres ist eine Wunsch- 
erfüllung, zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag 
aus einer heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugend- 
zeit stammen. Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zusam- 
mentreffen mit einem Freunde in Aussicht genommen; die Identifizie- 
rung von Rom und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Ge- 
meinsamkeit; ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als 
in Prag, für diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen. 

Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter 
den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge 
verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt 
werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten. 
Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar 
der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Zentauren oder Drachen 
uns vorstellen und nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin, daß 
bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte Ein- 
druck des Neugebildes selbst da« Maßgebende ist, während die Misch- 
bildung des Traumes durch ein Moment, welches außerhalb ihrer 
Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traum gedanken, determiniert 
wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannigfaltiger 
Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung werden 
nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese Dar- 
stellung ist von einem Wissen begleitet, daß sie auch für ein anderes 
Objekt gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des einen 
wie des anderen Objektes zu einem neuen Pilde und bedient sich 
dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Ähnlichkeiten 
zwischen beiden Objekten. Das Xeugebildete kann gänzlich absurd 
ausfaller. oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nach- 
dem Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. 

" Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden. 
Personen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: 
Die Person, die im Traume einem Affekt unterliegt, den ich als" Schlafender 
verspüre, die verbirgt mein Ich. 



222 VI - Dfe Trimmarbeit. 

Sind die Objekte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen. 
gar zu disparat, so begnügt sich die Traum arbeit oft damit, ein Misch- 
gebilde mit einem deutlicheren Kerne zu schaffen, an den sieh undeut- 
lichere Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde ist 
liier gleichsam nicht gelungen; die beiden Darstellungen überdecken 
einander und erzeugen etwas wie einen "Wettstreit der visuellen Bilder. 
Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen "Wahr- 
nchmungsbildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen Darstel- 
lungen in einer Zeichnung gelangen. 

Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen .Mischgebil- 
den; einige Beispiele habe ich in den bisher analysierten Träumen 
bereits mitgeteilt ; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traume 
auf S. 215, welcher den Lebenslauf der Patientin „durch die Blume" 
oder „verblümt" beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden 
Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig Un- 
schuld und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch 
die Art, wie die Blüten stehen, außerdem an Kirschblüten; die 
Blüten selbst, einzeln genommen, sind Kamelien, wobei dazu das 
Ganze noch den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das 
Gemeinsame an den Elementen dieses Mischgebildes ergibt sich aus 
den Traumgedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an 
Geschenke zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder 
werden sollte, sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die 
Kirschen, in späteren Jahren ein Kamelienstock; das Exotische ist 
eine Anspielung auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit 
einer Blumenzeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere 
Patientin schafft sich im Traume ein Mittelding aus Badekabinen 
im Seebade, ländlichen Aborthäuschen und den Bodenkammern 
unserer städtischen "Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist 
die Beziehung auf menschliche Nacktheit und Entblößung gemeinsam ; 
es läßt sich aus der Zusammensetzung mit dem dritten Element 
schließen, daß (in ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schau- 
platz von Entblößung war. Ein Träumer schafft sich eine Misch- 
lokalität aus zwei örtlichkeiten, in denen „Kur" gemacht wird, aus 
meinem Ordinationszimmer und dem öffentlichen Lokal, in dem er 
zuerst seine Frau kennen gelernt hat. Ein Mädchen träumt, nach- 
dem der ältere Bruder versprochen hat, sie mit Kaviar zu regalieren, 
von diesem Bruder, daß dessen Beine von den schwarzen Kaviar- 
perlen übersät sind. Die Elemente „Ansteckung" im moralischen 
Sinne und die Erinnerung an einen Ausschlag der Kindheit, der 
die Beine, mit roten anstatt mit schwarzen Pünktchen übersät er- 
scheinen ließ, haben sich hier mit den K a v i a r p e r 1 e n zu einem 
neuen Begriff vereinigt, dessen „was sie von ihrem Bruder 
bekommen hat". Teile des menschlichen Körpers werden in diesem 
Traume behandelt wie Objekte, wie auch in sonstigen Träumen. In 
einem von Ferenczi mitgeteilten Traume kam ein Mischgebilde vor, 
das aus der Person eines Arztes und aus einem Pferde zusammen- 
gesetzt war und überdies ein Nachthemd anhatte. Das Gemein- 
same dieser drei Bestandteile ergab sich aus der Analyse, nachdem 
das Nachthemd als Anspielung auf den Vater der Träumerin in einer 



Umgekehrt, im Gegenteile. 903 

Kindlieiisszono erkannt war. Es handelte sich in allen drei Fällen 
um Objekte ihrer geschlechtlichen: Neugierde. Sie war als Kind von 
ihrer Kinds t'rau öfters in das militärische Gestüt mitgenommen wor- 
den, wo sie Gelegenheit hatte, ihre — damals noch ungehemmte — 
Neugierde ausgiebig zu befriedigen. 

Ich habe vorhin behauptet, daß der Traum kein Mittel hat, die 
Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein" auszudrücken. 
Teh gehe .daran, dieser ^Behauptung zum erstenmal zu widersprechen. 
Ein Teil der Fälle, die sich als „Gegensatz" zusammenfassen lassen, 
findet seine Darstellung einfach durch Identifizierung, wie wir ge- 
sehen hoben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, 
an die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wieder- 
holt Beispiele erwähnt. Ein anderer Teil der Gegensätze in den Traum- 
gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen- 
teil" fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traume auf folgende 
merkwürdige, beinahe witzig zu nennende "Weise. Das „Umgekehrt" 
gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äußert seine An- 
wesenheit im Material dadurch, daß ein aus sonstigen Gründen nahe 
liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes — gleichsam 
nachträglich — umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter zu 
illustrieren, als zu beschreiben. Im schönen Traume von „Auf und 
Nieder" (S. 195) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt 
wie das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introduktions- 
szene der „Sappho" Daudets; es geht im Traume, anfangs schwer, 
später leicht, während in der Szene das Steigen anfangs leicht, später 
immer schwerer wird. Auch das „Oben" und „Unten" in "Bezug auf 
den Bruder ist im Traume verkehrt dargestellt. Dies deutet auf eine 
Relation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken 
des Materials in den Traumgedanken besteht, und die wir darin ge- 
funden haben, daß in der Kindheitsphantasie des Träumers er von 
seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held die 
Geliebte trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen 
Herrn M. (s. unten) enthält ein solches „Umgekehrt", das erst redressiert 
werden muß, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. 
Im Traume hat Goethe einen jungen Mann, Herrn M., angegriffen; 
in der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein be- 
deutender Mann, mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor 
angegriffen worden. Im Traume rechne ich vom Sterbedatum Goe- 
thes an; in der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahre 
des Paralytikers aus. Der Gedanke, der in dem Traummaterial maß- 
gebend ist, ergibt sich als der Widerspruch dagegen, daß Goethe 
behandelt werden soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt 
der Traum, wenn du das Buch nicht verstehst, bist du der Schwach- 
sinnige, nicht der Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung 
scheint mir überdies eine Beziehung auf die verächtliche Wendung 
(„einem die Kehrseite zeigen") enthalten zu sein (die Umkehrung 
in Bezug auf den Bruder im ,,Sappho"-Traum). Es ist ferner be- 
merkenswert, wie häufig die Umkehrung gerade in Träumen be- 
nötigt wird, die von verdrängten homosexuellen Regungen eingegeben 
werden. 






224 VI. Die Trimmarbeit. 



Die Umkehrung, Verwandlung ins Gegenteil, ist übrigens eines 
der beliebtesten, der vielseitigsten Verwendung fähigen Darstellungs- 
mittel der Traumarbeit. Sie dient zunächst dazu, der Wunscherfüllung 
gegen ein bestimmtes Element der Traumgedanken Geltung zu ver- 
schaffen. Wäre es doch umgekehrt gewesen! ist oftmals der beste 
Ausdruck für die Reaktion des Ichs gegen ein peinliches Stück Er- 
innerung. Ganz l>esonders wertvoll wird die Umkehrung aber im 
Dienste der Zensur, indem sie ein Maß von Entstellung des Dar- 
zustellenden zu Stande bringt, welches das Verständnis des Traumes 
zunächst geradezu lähmt. Man darf darum, wenn ein Traum seinen 
Sinn hartnäckig verweigert, jedesmal den Versuch der Umkehrung 
mit bestimmten Stücken seines manifesten Inhaltes wagen, worauf 
nicht selten alles sofort klar wird. 

Neben der inhaltlichen UmkehruBg ist die zeitliche nicht zu 
übersehen. Eine häufige Technik der Traumentstellung besteht darin, 
den Ausgang der Begebenheit oder den Schluß des Gedankenganges 
zu Eingang des Traumes darzustellen und am Ende desselben die 
Voraussetzungen des Schlusses oder die Ursachen des Geschehens nach- 
zutragen. Wer nicht an dieses technische Mittel der Traumentstellung 
gedacht hat, steht dann der Aufgabe der Traumdeutung ratlos gegen- 
über*. 

Ja in manchen Fällen erhält man den Sinn des Traumes erst, 
wenn man an dem Trauminhalt eine mehrfache Umkehrung, nach 
verschiedenen Relationen, vorgenommen hat. So z. B. verbirgt sich 
im Traume eines jungen Zwangsneurotikers die Erinnerung an den 
infantilen Todeswunsch gegen den gefürchteten Vater hinter folgendem 
Wortlaut: Sein Vater schimpft mit ihm, weil er so spät 
nach Hause kom m i ■ Allein der Zusammenhang der psychoana- 
lytischen Kur und die Einfälle des Träumers beweisen, daß es zu- 
nächst lauten muß: Er ist böse auf den Vater und sodann, daß 
ihm der Vater auf alle Fälle zu früh (d. h. zu bald) nach Hause 
kam. Er hätte es vorgezogen, daß der Vater überhaupt nicht nach 
Hause gekommen wäre, was mit dem Todeswunsch gegen den Vater 
identisch ist (v. S. 176). Der Träumer hatte sich nämlich als kleiner 
Knabe während einer längeren Abwesenheit des Vaters eine sexuelle 
Aggression gegen eine andere Person zu Schulden kommen lassen und 
war mit der Drohung gestraft worden: Na wart', bis der Vater zu- 
rückkommt ! 

* Dorsolben Technik der zeitlichen Umkehrung bedient sich manchmal der 
hysterische Anfall, um seinen Sinn dem Zuschauer zu verbergen. Ein hysterisches 
Mädchen hat z. B. in einem Anfalle einen kleinen Roman darzustellen, den sie sich 
im Anschluß an eine Begegnung in der Stadtbahn im Unbewußten phantasiert hat. 
Wie der Betreffende, durch die Schönheit ihres Fußes angezogen, sie,_ während 
sie liest, anspricht, wie sie dann mit ihm geht und eine stürmische Liebesszene 
erlebt. Ihr Anfall setzt mit der Darstellung dieser Liebesszene durch die Körper- 
zuckungen ein (dabei Lippenbewegungen fürs Küssen, Verschränkung der Arme 
für die" Umarmung), darauf eilt sie ins andere Zimmer, setzt sich auf einen Stuhl, 
hebt das Kleid, um den Fuß zu zeigen, tut, als ob sie in einem Buche lesen würde, 
und spricht mich an (gibt mir Antwort). Vgl. hiezu die Bemerkung des Artemi- 
dorus: „Bei der Auslegung von Traumgeschieh ten muß man sie einmal vom An- 
fang gegen das Ende, das andere Mal vom Ende gegen den Anfang hin ins 
Auge fassen. . . ." 



Die Qualitäten der Lebhaftigkeit und der Deutlichkeit 22 r "> 

Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traura- 
gedahken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum 
selbst zum Ausgangspunkte und stellt sich die Frage, was gewisse 
forma'«! Charaktere der Traumdarstellung in Bezug auf die Traum- 
gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im 
Traume auffallen müssen, gehören vor allem die Unterschiede in der 
sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgcbilde und in der Deutlich- 
keit einzelner Traumpartien oder ganzer Träume untereinander ver- 
glichen. Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traum- 
gebilde umfassen eine ganze Skala von einer Schärfe der Ausprägung, 
die man — wiewohl ohne Gewähr — geneigt ist, über die der Realität 
zu stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, 'die man als 
charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem 
der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objekten 
der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich 
bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut- 
lichen Traumobjekt empfangen, als „flüchtig", während wir von den 
deutlicheren Traumhildern meinen, daß sie auch durch längere Zeit 
der Wahrnehmung standgehalten haben. Es fragt sich nun, durch 
welche Bedingungen im Traummaterial diese Unterschiede in der 
Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen 
werden. 

Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten, 
die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des Traumes 
auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören können, 
wird man wahrscheinlich voraussetzen, daß diese oder die A'on ihnen 
abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere Intensität 
hervorstechen, oder umgekehrt, daß, was im Traume ganz besonders 
lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurückführbar sein 
wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt. Es ist' nicht 
richtig, daß die Elemente des Traumes, welche Abkömmlinge von 
realen Eindrücken während des Schlafes (Nervenreizen) sind, sich vor 
den anderen, die aus Erinnerungen stammen, durch Lebhaftigkeit aus- 
zeichnen. Das Moment der Realität geht für die Intensitätsbestimmung 
der Traumbilder verloren. 

Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, daß die sinn- 
liche Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Be- 
ziehung habe zur .psychischen Intensität der ihnen entsprechenden 
Elemente in den Traumgedanken. In den letzteren fällt 'Intensität 
mit psychischer Wertigkeit zusammen ; die intensivsten Elemente sind 
keine anderen als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traum- 
gedanken bilden. Nun wissen wir zwar, daß gerade diese Elemente der 
Zensur wegen meist keine Aufnahme, in den Trauminhalt finden. Aber 
es könnte doch sein, daß ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge 
im Traume einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne daß sie 
darum das Zentrum der Traumdarstellung bilden müßten. Auch diese 
Erwartung wird indes durch die vergleichende Betrachtung von Traum 
und Traummaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hat 
mit der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet 
zwischen Traummaterial und Traum tatsächlich eine völlige „Um- 

Vrcud, Traumdeutung, 5. Aufl. 15 



22fi 



VI. Die Traum arbeit. 



o 



Wertung- aller psychischen "Werte" statt. G crade in einem 
flüchtig hingehauchten., durch kräftigere Bilder verdeckten Element 
des Traumes kann man oft einzig und allein einen direkten Abkömm- 
ling dessen entdecken, was in den Traumg-edanken übermäßig dominierte. 

Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders deter- 
miniert, und zwar durch zwei voneinander unabhängige Momente. 
Zunächst ist es leicht zu sehen, daß jene Elemente besonders intensiv 
dargestellt sind, durch welche die Wunseherfüllung sich ausdrückt. 
Dann aber lehrt die Analyse, daß von den lebhaftesten Elementen 
des Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen, daß die leb- 
haftesten gleichzeitig die bestdeterminierten sind. Es ist keine Än- 
derung des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch gewonnenen Satz 
in nachstehender Form aussprechen: Die größte Intensität zeigen jene 
Elemente des Traumes, für deren Eildung die ausgiebigste Verdich- 
tungs arbeit in Anspruch genommen wurde. "Wir dürfen dann er- 
warten, daß diese Bedingung und die andere der Wunseherfüllung 
auch in einer einzigen Eormel ausgedrückt werden können. 

Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der 
rößeren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen 
Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen Pro- 
blem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit ganzer 
Träume oder Traumabschnitlc bezieht. Dort ist der Gegensatz von 
Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es ist aller- 
dings unverkennbar, daß in beiden Skalen die steigenden und fallenden 
Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie des Trau- 
mes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive Elemente; ein 
unklarer Traum ist im Gegenteil aus wenig intensiven Elementen 
zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches die Skala vom an- 
scheinend Klaren bis zum Undeutlich -Verworrenen bietet, weit kom- 
plizierter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der Traumelemente ; 
ja erstcras entzieht sich aus später anzuführenden Gründen hier noch 
der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt mau nicht ohne "Über- 
raschung, daß der Eindruck von Klarheit oder Undeutlichkeit, den 
man von einem Traume empfängt, überhaupt nichts für das Traum- 
gefüge bedeutet, sondern aus dem Traummatcrial als ein Bestandteil 
desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen Traum, der mir 
nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lückenlos und klar er- 
schien, daß ich noch in der Schlaftrunkenheit mir vorsetzte, eine 
neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht dem Mechanismus 
der Verdichtung und Verschiebung unterlegen waren, sondern als 
„Phantasien während des Schlafens" bezeichnet werden durften. Nähere 
Prüfung ergab, daß dieser rare Traum dieselben Risse und Sprüno-e 
in seinem Gefüge zeigte wie jeder andere; ich ließ darum die Kate- 
gorie der Traumphantasien auch wieder fallen. Der reduzierte Inhalt 
des Traumes war aber, daß ich meinem Freunde eine, schwierige xuid 
lange gesuchte Theorie der Bisexualität vortrug, und die wunscher- 
füllende Kraft des Traumes hatte es zu verantworten, daß uns diese 
Theorie (die übrigens im Traume nicht mitgeteilt wurde) klar und 
lückenlos erschien. "Was ich also für ein Urteil über den fertigen Traum 
gehalten hatte, war ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des 



Darstellung von Tratuninhalt dhreli tl i*«= Form des Traumes. 227 

Trauminhaltee. Die lYauinarbeit griff hier gleichsam in da* erste 
wache .Denken über und übermittelte mir als Urteil über den Traum 
jenes Stück des Traummaterials, dessen genaue Darstellung im Traume 
ihr nicht gelungen war. Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte 
ich einmal bei einer Patientin, die einen in die Analyse gehörigen 
Traum zuerst überhaupt nicht erzählen wollte, „weil er" so undeutlich 
und verworren sei", und endlich unter wiederholten Protesten gegen 
die Sicherheit ihrer Darstellung angab, es seien im Traume mehrere 
Personen vorgekommen, sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie 
nicht^ gewußt hätte, ob ihr Mann ihr Vater sei. oder wer eigentlich 
ihr Vater sei, oder so ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes 
mit ihren Einfällen in < ler Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß 
es sich um die ziemlich alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens 
handle, welches bekennen mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun 
Zweifel zu hören bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) 
sei"*. Die Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier ein 
Stück aus dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses Inhaltes 
war in der Form des Traumes dargestellt worden. Die Form des 
Traumes oder des Tr äumens wird in ganz überraschen- 
der Häufigkeit zur Darstellung des verdeckten In- 
haltes verwendet. 

Glossen über den Traum, anscheinend harmlose Bemerkungen zu 
demselben dienen oft dazu, ein Stück des Geträumten in der raffi- 
niertesten Weise zu verhüllen, während sie es doch eigentlich verraten. 
So z. B. wenn ein Träumer äußert: Hier ist der Traum verwischt, 
und die Analyse eine infantile Reminiszenz an das Belauschen einer 
Person ergibt, die sich nach der Defäkation reinigt. Oder in einem 
anderen Falle, der ausführliche Mitteilung verdient. Ein junger Mann 
hat einen sehr deutlichen Traum, der ihn an bewußt gebliebene Phan- 
tasien seiner Knabenjahre mahnt: Er befindet sich abends in einem 
Sommerhotel, irrt sich in der Zimmernummer und kommt in einen 
Raum, in dem sich eine ältere Dame und ihre zwei Töchter entkleiden, 
um zu Bette zu gehen. Er setzt fort: Dann sind einige Lücken 
im Traum, da fehlt etwas, und am Ende war ein Mann im 
Zimmer, der mich hinauswerfen wollte, mit dem ich ringen mußte. 
Er bemüht sich vergebens, den Inhalt und die Absicht jener knaben- 
haften Phantasie zu erinnern, auf die der Traum offenbar anspielt. 
Aber man wird endlich aufmerksam, daß der gesuchte Inhalt durch 
die Äußerung über die undeutliche Stelle des Traumes bereits gegeben 
ist. Die »Lücken" sind die Genitalöffnungen der zu Bette gehenden 
Frauen; „da fehlt etwas" beschreibt den Hauptcharakter des weib- 
lichen Genitales. Er brannte in jenen jungen Jahren vor Wißbegierde, 
cm weibliches Genitale zu sehen, und war noch geneigt, an der Infan- 
tilen Sexual theorie, die dem Weibe ein männliches Glied zuschreibt, 
festzuhalten. 

In ganz ähnliche Form kleidete sich eine analoge Reminiszenz 
eines anderen Träumers ein. Er träumt: Ich gehe mit Frl. K. in 

* Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große Ver- 
stimmung, das Hauptleiden dieser Kranken. 

15* 



228 VI. Die Traumarbeit. 

das Volksgartenrostaurant . . . dann kommt eine dunkle Stelle, 
eine Unterbrechung . . . dann befinde ich mich in einem Bor- 
dellsalon, in dem ich zwei oder drei Frauen sehe, eine 
in Hemd und Höschen. 

Analyse: Frl. K. ist die Tochter seines früheren Chefs, wie 
er selbst zugibt, ein Schwesterersatz. Er hatte nur selten Gelegenheit, 
mit ihr zu sprechen, aber einmal fiel eine Unterhaltung zwischen 
ihnen vor, in der „man sich gleichsam in seiner Geschlechtlichkeit 
erkannte, als ob man sagen würde: Ich bin ein Mann und du .ein 
Weib". Im angegebenen Restaurant war er nur einmal in Begleitung 
der Schwester seines Schwagers, eines Mädchens, das ihm vollkommen 
gleichgültig war. Ein andermal begleitete er eine Gesellschaft von 
drei Damen bis zum Eingange in dieses Restaurant. Die Damen waren 
seine Schwester, seine Schwägerin und die bereits erwähnte Schwester 
seines Schwagers, alle drei ihm höchst gleichgültig, aber alle drei 
der Schwesterreihe angehörig. Ein Bordell hat er nur selten besucht. 
vielleicht zwei- oder dreimal in seinem Leben. 

Die Deutung stützte sich auf die „dunkle Stelle", „Unter- 
brechung im Iraume und behauptete, daß er in knabenhafter Wiß- 
begierde emigemale, allerdings nur selten, das Genitale seiner um 
einige Jahre jüngeren Schwester inspiziert habe. Einige Tage später 
stellte sich die bewußte Erinnerung an die vom Traume angedeutete 
Untat ein. ° 

Alle Träume derselben Nacht gehören ilirem Inhalt nach zu dem 
nämlichen Ganzen; ihre Sonderung in mehrere Stücke, deren Grup- 
pierung und Anzahl, all das ist sinnreich und darf als ein Stück 
Mitteilung aus den latenten Traumgedanken aufgefaßt werden. Bei 
der Deutung von Träumen, die aus mehreren Hauptstücken bestehen, 
oder überhaupt solchen, die derselben Nacht angehören, darf man 
auch an. die Möglichkeit nicht vergessen, daß diese verschiedenen und 
aufeinanderfolgenden Träume dasselbe bedeuten, die nämlichen Re- 
gungen in verschiedenem Material zum Ausdruck bringen. Der zeitlich 
vorangehende dieser homologen Träume ist dann häufig der ent- 
stelltere, schüchterne, der nachfolgende ist dreister und deutlicher. 

Schon der biblische Traum des Pharao von den Ähren und von 
den Kühen, den Josef deutete, war von dieser Art. Er findet sich 
bei Joscphus (Jüdische Altertümer, Buch II, Kap. 5 und 6) ausführ- 
licher als in der Bibel berichtet. Nachdem der König den ersten Traum 
erzählt hat, sagt er: „Nach diesem ersten Traumgesieht wachte ich 
beunruhigt auf und dachte nach, was dasselbe wohl bedeuten mö°-e 
schlief jedoch hierüber allmählich wieder ein und hatte nun einen' 
noch viel seltsameren Traum, der mich noch mehr in Furcht und Ver- 
wirrung gesetzt hat." Nach Anhören der Traumerzählung sagt Josef: 
„Dein Traum, o König, ist dem Anschein nach wohl ein zweifacher 
allein beide Gesichte haben nur eine Bedeutung." 

Jung, der in seinem „Beitrag zur Psychologie des Gerüchtes" 
erzählt, wie der versleckt erotische Traum eines Schulmädchens von 
ihren Freundinnen ohne Deutung verstanden und in Abänderungen 
weitergeführt wurde, bemerkt zu einer dieser Traumerzählungen, „daß 
der Schlußgedanke einer langen Reihe von Traumbildern genau das 









Fortschreitende Deutlichkeit aufeinanderfolgender Träume. 229 

enthält, was schon im ersten Bild der Serie darzustellen versucht 
worden war. Die Zensur schiebt den Komplex so lange wie möglich 
weg durch immer wieder erneute symbolische Verdeckungen, Ver- 
schiebungen, Wendungen ins Harmlose usw." (1. c p. 87). Scherner 
hat diese Eigentümlichkeit der Traumdarstellung gut gekannt und 
beschreibt sie im Anschluß an seine Lehre von den Organreizen als 
ein besonderes Gesetz (p. 166). „Endlich aber beobachtet die Phan-' 
tasie in allen von bestimmten Nervenreizen ausgehenden symbolischen 
Traumbildungen das gemeingültige Gesetz, daß sie bei Beginn des 
Traumes nur in den fernsten und freiesten Andeutungen des Reiz- 
objektes malt, am Schlüsse aber, wo der malerische Erguß sich er- 
schöpft hatte, den Heiz selbst, respektive sein betreffendes Organ 
oder dessen Funktion in Nacktheit hinstellt, womit der Traum seinen 
organischen Anlaß selbst bezeichnend, das Ende erreicht — — — •" 

Eine schöne Bestätigung dieses Scherner sehen Gesetzes hat 
Otto Rank in seiner Arbeit: ,,Ein Traum, der sich selbst deutet" 
geliefert. Der von ihm dort mitgeteilte Traum eines Mädchens setzte 
sich aus zwei auch zeitlich gesonderten Träumen einer Nacht zu- 
sammen, von denen der zweite mit einer Pollution abschloß. Dieser 
Pollutionstraum gestattete eine bis ins einzelne durchgeführte Deutung 
unter weitgehendem Verzicht auf die Beiträge der Träumerin, und die 
Pulle der Beziehungen zwischen den beiden Trauminhaltcn ermöglichte 
es zu erkennen, daß der erste Traum in schüchterner Darstelluug das- 
selbe zum Ausdruck bringe wie der zweite, so daß dieser, der Pol- 
lutionstraum, zur .vollen Aufklärung des erstereil verhelfen hatte. 
Rank erörtert von diesem Beispiele aus .mit gutem Recht die Be- 
deutung der Pollutionsträume für die Theorie des Träumens überhaupt. 

In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf 
Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können, 
kommt man aber nach meiner Erfahrung nicht in allen Fällen. Ich 
werde späterhin den bisher nicht erwähnten Paktor bei der Traum- 
bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten- 
skala des Traumes wesentlich abhängt. 

In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation 
und Szenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit fol- 
genden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre es 
gleichzeitig ein anderer Ort, und dort ereignete sich dies und jenes." 
Was in solcher "Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht, 
die nach einer "Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich 
im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke 
heraus. Die Kondition in den Traumgedanken wird im Traume durch 
Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn — wann). 

"Was bedeutet die so häufig im Traume erscheinende Sensation 
der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will 
gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas verrichten und 
stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in 
Bewegung setzen und man kann ihn nicht erreichen; man liebt die 
Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt usw. "Wir 
sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen 
begegnet., haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht. 






2'AQ VL Die Traumarbeit. 

Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlafe bestehe 
motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerkbar 
macht. Wir dürfen fragen: "Warum träumt man dann nicht beständig 
von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen erwarten, daß 
diese im Schlafe jederzeit hervorzurufende Sensation irgend welchen 
Zwecken der Daxstellung diene und nur durch das im Traummaterial 
gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung erweckt werde. 

Das Nichtzustandebringen tritt im Traume nicht immer als 
Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf. 
Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die 
Bedeutung dieses Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt 
einen Traum mitteilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt er- 
scheine. Die Ortlichkeit ist ein Gemenge aus einer Privat- 
hcilanstalt und mehreren anderen Lokalen. Ein Die- 
ner erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu rufen. 
Im Traume weiß ich, daß etwas vermißt wird, und daß 
die Untersuchung wegen des Verdachtes erfolgt, daß 
ich mir das Verlorene angeeignet. Die Analyse zeigt, 
daß Untersuchung zweideutig zu nehmen ist und ärzt- 
liche Untersuchung mit einschließt. Im Bewußtsein 
meiner Unschuld und meiner Konsiliarfunktion in 
diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer 
Tür empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf 
mich deutend: Den haben Sie mir mitgebracht, der ist 
ja ein anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener 
in einen großen Saal, in dem Maschinen stehen, der 
mich an ein Inferno mit seinen höllischen Strafauf- 
gaben erinnert. An einem Apparat sehe ich einen Kol- 
legen eingespannt, der allen Grund hätte, sich um mich 
zu bekümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heißt 
dann, daß ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen 
Hut nicht und kann doch nicht gehen. 

Es ist offenbar die "Wunscherfüllung des Traumes, daß ich als 
ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum- 
gedanken muß also allerlei Material vorhanden sein, welches den 
Widerspruch dagegen enthält. Daß ich gehen darf, ist das Zeichen 
meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis 
bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu 
schließen, daß durch diesen Zug das unterdrückte Material des Wider- 
spruches sich zur Geltung bringt. Daß ich den Hut nicht finde, 
bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nichtzu- 
standebringen des Traumes ist ein Ausdruck des Widerspruches, 
ein „Nein", wonach also die frühere Behauptung zu korrigieren ist, 
daß der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag*. 



* Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergibt sich in der vollstän- 
digen Analyse durch folgende Vermittlung: — Der Mohr hat seine Schuldigkeit 
getan, der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, 
wenn er seine Schuldigkeit getan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll 
so viel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, daß mich die junge 
Mutter für einen kleinen Mohren erklärte.) — Daß ich den Hut nicht fwde, ist 









Die Traniiihoninnuif!-. Der Traum im Traume. 231 

In anderen Träumen, welche das Niehtzustandekommen der Be- 
wegung nicht bloß als Situation, sondern als Sensation enthalten, ist 
derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung 
kräftiger ausgedrückt als ein Wille, dem ein Gegenwille sich wider- 
setzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen Wil- 
lenskonflikt dar. Wir werden später hören, daß gerade die mo- 
torische Lähmung im Schlafe zu den fundamentalen Bedingungen 
des psychischen Vorganges während des Träumens gehört. Der auf 
die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes 
als der Wille, und daß wir sicher sind, im Schlafe diesen Impuls als 
gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus ge- 
eignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein", das sich ihm 
entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich 
auch leicht, daß die Sensation der Willenshemmung der Angst so nahe 
steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst ist 
ein libidinöser Impuls, der vom Unbewußten ausgeht und vom Vor- 
bewußten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der 
Hemmung mit Angst verbunden ist. da muß es sich um ein Wollen 
handeln, das einmal fähig war, Libido zu entwickeln, um eine sexuelle 
Regung. 

Was die häufig während eines Traumes auftauchende Urteils- 
äußerung: „Daß ist ja nur ein Traum" bedeute, und welcher psy- 
chischen Macht sie zuzuschreiben sei, werde ich an anderer Stelle 
(s. u.) erörtern. Ich nehme hier vorweg, daß sie zur Entwer- 
tung des Geträumten dienen soll. Das in der Nähe liegende, 
interessante Problem, was dadurch ausgedrückt wird, wenn ein ge- 
wisser Inhalt im Traum selbst als „geträumt" bezeichnet wird, das 
Bätsei des „Traumes im Traume" hat W. Stekel durch die Analyse 
einiger überzeugender Beispiele in ähnlichem Sinne gelöst. Das „Ge- 
träumte" des Traumes soll wiederum entwertet, seiner Realität be- 
raubt werden ; was nach dem Erwachen aus dem „Traum im Traume" 
weiter geträumt wird, das will der Traum wünsch an die Stelle der 
ausgelöschten Eealität setzen. Man darf also annehmen, daß das „Ge- 
träumte" die Darstellung der Realität, die wirkliche Erinnerung, 
der fortsetzend* Traum im Gegenteil die Darstellung des bloß vom 
Träumer Gewünschten enthält. Der Einschluß eines gewissen Inhaltes 
in einen „Traum im Traume" ist also gleichzusetzen dem Wunsche, 
daß das so als Traum Bezeichnete nicht hätte geschehen sollen. Mit 
anderen Worten: wenn eine bestimmte, Begebenheit von der Traum- 
arbeit selbst, in einen Traum gesetzt wird, so bedeutet dies die ent- 
schiedenste Bestätigung der Realität dieser Begebenheit, die stärkste 
Bejahung derselben. Die Traumarbeit verwendet das Träumen selbst 
als eine Form der Ablehnung und bezeugt damit die Einsieht, daß 
der Traum eine Wunschcrfüllung ist. 

ein mchrsinnig verwertetes Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stuben- 
mädchen ' hatte ihn versteckt. — Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken 
verbirgt sich hinter diesem Träumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange 
nicht getan; ich darf noch nicht gehen. — Geburt und Tod wie in dem kurz 
vorher erfolgten Traume von Goethe uad dem Paralytiker (s. u.). 



232 VI. Die Traumarbeit. 

* 

d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit. 

.Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu tun gehabt, wie 
der Traum die Relation zwischen den Traumgedanken darstellt, 
griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche 
Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der Traum- 
bildung erfährt. Wir wissen nun, daß das Traummaterial, seiner Rela- 
tionen zum guten Teile entblößt, einer Kompression unterliegt, während 
gleichzeitig Intensitäts Verschiebungen zwischen, seinen Elementen eine 
psychische Umwertung dieses Materials erzwingen. Die Verschiebun- 
gen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Ersetzungen ei neu- 
bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der Assoziation irgend- 
wie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung dienstbar gemacht, 
indem auf solche "Weise anstatt zweier Elemente ein mittleres Ge- 
meinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den Traum gelangte. Von 
einer anderen Art der Verschiebung haben wir noch keine Erwähnung 
getan. Aus den Analysen erfährt man aber, daß eine solche "besteht, 
und daß sie sich in einer Vertauschung des sprachlichen 
Ausdruckes für den betreffenden Gedanken kundgibt. Es handelt 
sich bcidemale um Verschiebung längs einer Assoziationskette, aber 
der gleiche Vorgang findet in verschiedenen Sphären statt, und das 
Ergebnis dieser Verschiebung ist das einemal, daß ein Element durch 
ein anderes substituiert wird, während im anderen Ealle ein Element 
seine Wortfassung gegen eine andere vertauscht. 

Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden 
Verschiebungen hat nicht nur großes theoretisches Interesse, sondern 
ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab- 
surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver- 
schiebimg erfolgt in der Regel nach der Richtung, daß ein farbloser 
und abstrakter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen 
und konkreten eingetauscht wird. Der Vorteil und somit die Absicht, 
dieses Ersatzes liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für den Traum 
darstellungsfähig, läßt sich in eine Situation einfügen, wo der 
abstrakte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierigkeiten 
bereiten würde wie etwa ein politischer Leitartikel einer Zeitung der 
Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch die Interessen 
der Verdichtung und der Zensur können bei diesem Tausche gewinnen. 
Ist erst der abstrakt ausgedrückte, unbrauchbare Traumgedanke in 
eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich zwischen diesem 
neuen Ausdruck und dem übrigen Traummaterial leichter als vorher 
die Berührungen und Identitäten, welcher die Trauniarbeit bedarf, 
und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind, denn die konkreten 
Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung zufolge anknüpf un^s- 
reicher als die begrifflichen. Man kann sich vorstellen, daß ein gutes 
Stück der Zwischenarbeit bei der Traumbildung. welche die geson- 
derten Traumgedanken auf möglichst knappen und einheitlichen Aus- 
druck im Traume zu reduzieren sucht, auf solche Weise, durch 
passende sprachliche Umformung der einzelnen Gedanken vor sich 
geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck etwa aus anderen Gründen 
feststeht, wird dabei verteilend und auswählend auf die Ausdrucks- 



Die Bticksicllt auf Darstollburkoit. 2'3'5 

möglichk'eiten des anderen einwirken und dies vielleicht von vorn- 
herein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters. Wenn ein Gedicht 
in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reimzeile an zwei Be- 
dingungen gebunden; sie muß den ihr zukommenden Sinn ausdrücken 
und ihr Ausdruck muß den Gleichklang mit der Reimzeile finden. Die 
besten Gedichte sind wohl die, wo man die Absicht, den Reim zu 
finden, nicht merkt, sondern wo beide Gedanken von vornherein durch 
gegenseitige Induzierung den sprachlichen Ausdruck gewählt haben, 
der mit leichter Nachbearbeitung den Gleich klang entstehen läßt. 

In einigen Fällen dient die Ausdrucks vertauschung der Traum- 
verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung 
finden läßt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken 
Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der 
Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle, welche 
dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern. Das Wort, 
als der Knotenpunkt mehrfacher Vorstellungen, ist sozusagen eine prä- 
destinierte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangsvorstellungen, Pho- 
bien) benutzen die vorteile, die das Wort so zur Verdichtung und 
Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie der Traum*. Daß 
die Traumverstellung bei der Verschiebung des Ausdruckes mitprofi- 
tiert, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend, wenn ein zweideu- 
tiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird ; und der Ersatz 
der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine bildliche hält 
unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals aussagt, ob 
die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im übertragenen Sinne 
zu deuten sind, direkt oder durch Vermittlung eingeschobener Redens- 
arten auf das Traummaterial bezogen werden sollen. Es ist im all- 
gemeinen bei der Deutung eines jeden Traumelementes zweifelhaft, 
ob es: 

a) im positiven oder negativen Sinne genommen werden soll (Gegen- 
satzrelation) ; 

b) historisch zu deuten ist (als Reminiszenz); 

c) symbolisch oder ob 

d) seine Verwertung vom Wortlaute ausgehen soll. 

Trotz dieser Vieldeutigkeit darf man sagen, daß die Darstellung 
der Traumarbeit, die- j a nicht beabsichtigt, verstanden zu 
werden, dem Übersetzer keine größeren Schwierigkeiten zumutet als 
etwa die alten Hieroglyphenschreiber ihren Lesern. 

Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zwei- 
deutigkeit des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich be- 
reits mehrere angeführt („Der Mund geht gut auf" im Injektions- 
traume; „Ich kann noch nicht gehen" im letzten Traume, S. 230 
usw.). Ich werde nun einen Traum mitteilen, in dessen Analyse die 
Verbildlicliung des abstrakten Gedankens eine größere Rolle spielt. 
Der Unterschied solcher Traumdeutung von der Deutung mittels Sym- 
bolik wie im Altertum läßt sich noch, immer scharf bestimmen ; bei 
der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel der Symbolisierung 

1 * Vgl. Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten, 1905 (2. Aufl. 1912), 
— und die „Wortbrücken" in den Lösungen neurotischer Symptome 



234 VI - Die Trauuiarbeit. 

vom Traumdeuter gewählt; in unseren Füllen von sprachlicher Ver- 
kleidung sind diese Schlüssel allgemein bekannt und durch i'est- 
siehende Sprachübung gegeben. Verfügt man über den richtigen Ein- 
fall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume dieser Art auch 
unabhängig von den Angaben des Träumers ganz oder stückweise 
auflösen. i 

Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in 
der Oper. Es ist eine Wagnervorstellung, die bis 3 / 4 ö Uhr 
morgens gedauert hat. Im Parkett und Parterre stehen 
Tische, an .denen gespeist und getrunken wird. Ihr eben 
von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter sitzt an 
einem solchen Tische mit seiner jungen Frau; neben 
ihnen ein Aristokrat. Von diesem heißt es, die junge 
Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mitgebracht, 
ganz offen, etwa wie man einen Hut von der Hochzeits- 
reise mitbringt. Inmitten des Parketts befindet sich 
ein hoher Tu r m, der oben eine Plattform trägt, die 
mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch oben 
ist der Dirigent mit den Zügen Hans llichters; er läuft 
beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt furcht- 
bar und leitet von diesem Posten aus das unten um die 
Basis des Turmes angeordnete Orchester. Sie selbst 
sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer Loge. 
Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parkett ein 
großes Stück Kohle hinaufreichen mit der Motivie- 
rung, sie habe doch nicht gewußt, daß es so lange dauern 
werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren. (Etwa 
als ob die Logen während der langen Vorstellung ge- 
heizt werden müßten.) 

Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine 
Situation gebracht. Der Turm mitten im Parkett, von dem aus der 
Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die 
Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine 
Analyse verlangt ; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be- 
ziehungen der Träumerin gelang es mir, Stücke von ihm selbständig 
zu deuten. Ich wußte, daß sie viel Sympathie für einen Musiker 
gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter- 
brochen worden war. Ich entschloß mich also, den Turm im Parkett 
wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, daß 'der Mann, den sie 
an Hans Richters Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen 
Mitglieder des Orchesters turmhoch überragt. Dieser Turm ist als 
ein Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem 
Unterbau stellt er die Größe des Mannes dar, mit dem Gitter oben, 
hinter dem er .wie ein Gefangener oder wie ein Tier im Käfig (An- 
spielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere 
.Schicksal desselben. „Narrenturm" wäre etwa das "Wort, in dem die 
beiden Gedanken hätten zusammentreffen können. 

Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war, 
konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den 



Diu Verschiebung des sprachlichen Ausdrucks 235 

Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben 
Schlüssel aufzulösen. ,, Kuhle" mußte »heimliche Liehe" bedeuten, 

„Kein Feuer, keine Kohle 
Kann brennen so heiß. 
Als wie heimliche Liebe, ' 
Voii der niemand was weiß." 

Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die 
jüngere Seh wester, die noch Aussicht hat zu heiraten, reicht ihr die 
Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewußt habe, daß es so lange 
dauern wird". "Was so lange dauern wird, ist im Traume nicht 
gesagt ; in einer Erzählung würden wir ergänzen : die Vorstellung ; 
im Traume dürfen wir den Satz für sich ins Auge fassen, ihn für 
zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heiratet". Die Deutung 
..heimliche Liebe" wird dann unterstützt durch die Erwähnung des 
Vetters, der mit seiner Frau im Parkett sitzt, und durch die dieser 
letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegensätze zwischen 
heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer und der Kälte 
der jungen Frau beherrschen den Traum. Hier wie dort übrigens ein 
„Hochstehender'' als Mittelwort zwischen dem Aristokraten und 
dem zu großen Hoffnungen berechtigenden Musiker. 

Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes 
Moment aufgedeckt, dessen Anteil bei der Verwandlung der Traum- 
gedanken in den Traiiminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die 
Rücksicht auf die D ars teilbar keit in: dem eigentümlichen 
psychi seilen Material, des sen sich der Traum bedient, also 
zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen Nebenanknüp- 
fungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige bevorzugt 
werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die Traum- 
arbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst in 
eine andere sprachliche Form umzugießen, sei diese auch die un- 
gewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der 
psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende 
macht. Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine .andere Form 
kann sich aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen 
und Beziehungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht 
vorhanden wären. Dieser andere Gedanke mag etwa seihst zum Zwecke 
des Entgegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck ver- 
ändert haben. , j 

Herbert Silberer hat einen guten Weg gezeigt, wie man die 
bei der Traumbildung vor sich gehende Umsetzung der Gedanken in 
Bilder direkt beobachten und somit dies eine Moment der Traumarbeit 
isoliert studieren kann. AVonn er sich im Zustande der Ermüdung 
und Schlaftrunkenheit eine Denkanstrengung auferlegte, so ereignete 
es sich ihm häufig, daß ihm der Gedanke entschlüpfte und dafür 
ein Bild auftrat, in dem er nun den Ersatz des Gedankens erkennen 
konnte. Silberer nennt diesen Ersatz nicht ganz zweckmäßig einen 
,antosymbolischen". Ich gebe hier einige Beispiele aus der Arbeit 
von Silber er wieder, auf welche ich wegen gewisser Eigenschaften 



2,% VI. Die Traumarbeit. 

der "beobachteten Phänomene noch an anderer Stelle zurückkommen 
werde. 

„Beispiel Nr. 1. Ich denke daran, daß ich vorhabe, in einem 
Aufsatze eine holprige Stelle auszubessern. 

Symbol: Ich sehe mich, ein Stück Holz glatt hobeln. 

Beispiel Nr. 5. Ich suche mir den Zweck gewisser metaphysischer 
Studien, die ich eben zu betreiben vorhabe, zu vergegenwärtigen. 
Dieser Zweck besteht darin, so denke ich mir, daß man sich auf 
der Suche nach den Daseinsgründen zu immer höheren Bewußtseins- 
formen oder Daseinsschichten durcharbeitet 

Symbol; Ich fahre mit einem langen Messer unter eine Torte, 
wie um ein Stück davon zu nehmen. 

Deutung: Meine Bewegung mit dem Messer ."bedeutet das ,Durch- 
arbeiten', von dem die Rede ist. ... Die Erklärung des Symbol- 
grundes ist die folgende: Es fällt mir bei Tisch hie und da „das 
Zerschneiden und Vorlegen einer Torte zu, ein Geschäft, welches ich 
mit einem langen biegsamen Messer verrichte, was einige Sorgfalt er- 
heischt. Insbesondere ist das reinliche Herausheben der geschnittenen 
Tortenteile mit gewissen Schwierigkeiten verbunden; das Messer muß 
behutsam unter die betreffenden Stücke geschoben werden (das 
langsame .^Durcharbeiten', um zu den Gründen zu gelangen). Es 
liegt aber noch mehr Symbolik in dem Bild. Die Torte des Sym- 
bols war nämlich eine Dobos-Torte, also eine Torte, bei welcher das 
schneidende Messer durch verschiedene Schichten zu dringen hat 
(die Schichten des .Bewußtseins und Denkens). 

Beispiel Nr. 9. Ich verliere in einem Gedankengang den Faden. 
Ich gebe niir Mühe, ihn wieder zu finden, muß aber erkennen, daß 
mir der Anknüpfungspunkt vollends entfallen ist. 

Symbol: Ein Stück Schriftsatz, dessen letzte Zeilen herausge- 
fallen sind." 

Angesichts der Rolle, welche "Witzworte, Zitate, Lieder und 
Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll- 
kommen der' Erwartung gemäß, wenn Verkleidungen solcher Art 
überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet wer- 
den sollten. "Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder 
mit anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der "Wunschgegensatz von 
„Kraut und Hüben", also „Durchein ander" und bedeutet demnach 
„Unordnung". Ich habe mich gewundert, daß mir dieser Traum nur 
ein einziges Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat 
9i ch eine allgemein gültige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund 
allgemein bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Den größten 
Teil dieser Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, 
den Sagen und Volksgebräuchen gemeinsam. 

Ja, wenn man genauer zusieht, muß man erkennen, daß die 
Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts Originelles 
leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Ealle der zensur- 
freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im 
unbewußten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um- 






. 



Die TrnunifiYnibolilc. 237 

Wandlungen dos verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung 
auch bewußt worden dürfen, und von denen alle Phantasien der 
Neiu'otiker erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Ver- 
ständnis für die Traumdeutungen Scherners, deren richtigen Kern 
ich an anderer Stelle verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung 
mit dem eigenen Körper ist keineswegs dem Traume allein eigen- 
tümlich oder für ihn charakteristisch. Meine Analysen haben mir 
gezeigt, daß sie im unbewußten Denken der Neurotiker ein regel- 
mäßiges Vorkommnis ist und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, 
deren Gegenstand die Genitalien des anderen, aber doch auch die des 
eigenen Geschlechtes, für den heranwachsenden Jüngling oder für die 
Jungfrau werden. Wie aber Scherner und Volkelt ganz zutref- 
fend hei- vorheben, ist das Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, 
der zur Symbolisiernng der Leibliehkeit verwendet wird — im Traume 
so wenig wie im unbewußten Phantasieren der Neurose. Ich kenne 
Patienten, die allerdings die architektonische Symbolik des Körpers 
und der Genitalien (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das 
Gebiet der äußeren Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfei- 
ler und Säulen Beine bedeuten (wie ini Hohen Lied), die jedes Tor 
an eine der Körpcrüffnungcn („Loch"), die jede Wasserleitung an 
den Harnapparat denken läßt usw. Aber ebenso gern wird der Vor- 
stellungskreis des Pllanzcnlebens oder der Küche zum Versteck sexu- 
eller Bilder gewählt*; im ersteren Falle hat der Sprachgebrauch, der 
Niederschlag von Phantasievergleichimgen ältester Zeiten, reichlich 
vorgearbeitet (der „Weinberg" des Herrn, der „Samen", der „Garten" 
des Mädchens im Hohen Lied). In scheinbar harmlosen Anspielungen 
an die Verrichtungen der Küche lassen sieh die häßlichsten wie die 
intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken und träumen, und die 
Symptomatik der Hysterie wird geradezu undeutbar, wenn man ver- 
gißt, daß sich sexuelle Symbolik hinter dem Alltäglichen und Un- 
auffälligen als seinem besten Versteck verbergen kann. Es hat seinen 
guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder kein Blut und kein 
rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln erbrechen, wenn 
die dem Menschen natürliche Furcht vor der Sehlange beim Neurotiker 
eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall wo die Neurose 
sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die Wege, die einst in 
alten Kulturperioden die ganze Menschheit begangen hat, und von 
deren Existenz unter leichter Verschüttung heute noch Sprachge- 
brauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen. 

Ich füge hier den angekündigt en Blumen träum meiner Patientin 
ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der 
schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht 
mehr gefallen. , 

«) Vortraum : Siege htindie Küchezu den beiden Mäd- 
chen und tadelt sie, daß sie nicht fertig werden „mit 
dem Bissei Essen", und sieht dabei so viel umgestürztes 
Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in 

* Reichliches Belegmaterial Iiiezu in den drei Ergänzungsbänden von Ed. 
Fuchs' „Illustr. Sittengeschichte" (Prival drucke bei A. Langen, München). 



238 VI. Dio Trnumarbeit. 

Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden 

Mädchen gehen Wasser holen und müssen dabei wie 
in einen Fluß steigen, der bis ins Haus oder in den 
Hof reicht*. 

b) Haupttraum** : Sie steigt von hoch hera b*** über 
eigentümliche Geländer oder Zäune, die zu großen Karos 
voreinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua- 
draten bestehent- Es ist eigentlich nicht zum Steigen 
•eingerichtet; sie hat immer Sorge, daß sie Platz für 
den Fuß findet, und freut sich, daß ihr Kleid dabei nir- 
gends hängen bleibt, daß sie im Gehen so anständig 
bleibttt- Dabei trägt sie einen großen Ast in der Handttt- 
eigentlich wie einen Baum, der dick mit roten Blüten 
besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet^ Dabei ist 
die Idee Kirschblüten, sie sehen aber auch aus wie ge- 
füllte Kamelien, die freilich nicht auf Bäumen wach- 
sen. AYährend des Herabgehens hat sie zuerst einen, 
dann plötzlich zwei, später wieder einen§§. Wie sie un- 
ten anlangt, sind die unteren Blüten schon ziemlich 
abgefallen. Sie sieht dann, unten angelangt, einen Haus- 
knecht- der einen eben solchen B au m, sie möchte sagen 
— kämmt, d- h. mit einem Holze dicke Haarbüschel, die 
wie Moos von ihm herabhängen, rauft. Andere Arbeiter 
haben solche Äste ans einem Garten abgehauen und auf 
die Straße geworfen, wo sie herumliegen, so daß viele Leute 
sich davon nehmen. Sie fragt aber, ob das recht ist, ob 
man sich auch einen nehmen kann§S§. Im Garten steht 
ein junger Mann (von ihr bekannter Persönlichkeit, ein Frem- 
der), auf den sie zugeht, um ihn zu fragen, wie man 
solche Äste in ihren eigenen Garten umsetzen könne*f. 
Er umfängt sie, worauf sie sich sträubt und ihn fragt, 
was ihm einfällt, ob man sie denn so umfangen darf. 
Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist erlaubt**^ Er er- 
klärt sich dann bereit, mit ihr in den anderen Garten 
zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen, und sagt 
ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es fehlen mir 

* Zur Deutung dieses als „kausal'' zu nehmenden Vortraumes siehe S. 215. 
** Ihr Lebenslauf. 
*** Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume. 

t Mischgebilde, das zwei Lokalitäten vereinigt, den sogenannten Boden des 
Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstand ihrer späteren 
Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte. 

■ff Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, daß 
sie sich im Schlafe zu entblößen pflegte. 

fff Wie der Engel in der Verkündigung Maria einen Lilienstcngel. 

§ Die Erklärung dieses Mischgebildcs siehe S. 218: Unschuld, Periode, Ka- 
moliendame. 

§§ Auf die Mehrheit der ihrer Phantasie dienenden Personen. 
§S§ Ob man sich auch einen herunterreißen darf, i. e. masturbieren. 
*t Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen, 
enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung auf den Familiennamen. 
**f Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten. 



Ein T?c-inpi(-l von Symbolik des Sexuellen. göQ 

ohnedies drei Meter — (später sagt sie: Quadratmeter) oder 

drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für so ine. Bereit- 
willigkeit etwas von ihr verlangen würde, als ob er 
die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu entschädigen, 
oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen, einen 
Vorteil davon haben, ohne daß sie einen Schaden hat. 
Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiß sie nicht*. 
Ich habe natürlich gerade an solchem Material Überfluß, aber 
dessen Mitteilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver- 
hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluß, daß man keine 
besondere symbolisierende Tätigkeit der Seele bei der Traumari ^il 
anzunehmen braucht, sondern daß der Traum sich solcher Symboli- 
sierungen, welche im unbewußten Denken bereits fertig enthalten 
sind, bedient, weil sie. wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch 
wegen ihrer Zensurfreiheit, den Anforderungen der Iraumhildnng 
besser genügen. 

e) Die Darstellung durch Symbole im Traume. 
Weitere t y p i s c h e Träume- 

Wenn man sich mit der ausgiebigen Verwendung der Symbolik 
für die Darstellung sexuellen Materials im Traume vertraut gemacht 
hat, muß man sich die Frage vorlegen, ob nicht viele dieser Symbole 
wie die „Sigel" der Stenographie mit ein für allemal festgelegter 
Bedeutung auftreten, und sieht sieh vor der Versuchung, ein neues 
Traumbuch nach der Ohiffriermethode zu entwerfen. Dazu ist zu 
bemerken: Diese Symbolik gehört nicht dem Traume zu eigen an, 
sondern dem unbewußten Vorstellen, speziell des Volkes, und ist im 
Folklore, in den Mythen, Sagen, Redensarten, in der Spruchweisheit 
und in den umlaufenden Witzen eines Volkes vollständiger als im 
Traume aufzufinden. Wir müßten also die Aufgabe der Traumdeutung 
weit überschreiten, wenn wir der Bedeutung des Symbols gerecht 
werden und die zahlreichen, großenteils noch ungelösten Probleme 
erörtern wollten, welche sich an den Begriff des Symbols knüpfen**. 
Wir wollen uns hier darauf beschränken zu sagen, daß die Dar- 
stellung durch ein Symbol zu den indirekten Darstellungen gehört, 
daß wir aber durch allerlei Anzeichen gewarnt werden, die Symbol- 
darstellung unterschiedslos mit den anderen Arten indirekter Dar- 
stellung zusammenzuwerfen, ohne noch diese unterscheidenden Merk- 
male in begrifflicher Klarheit erfassen zu können. In einer Reihe 
von Fällen ist das Gemeinsame zwischen dem Symbol und dem Eigent- 

* Ein analoger „biographischer" Traum ist der unter den Beispielen zur 
Traumsymbolik als dritter mitgeteilte; ferner der von Rank ausführlich mit- 
geteilte „Traum, der sich selbst deutet"; einen anderen, der „verkehrt" gelesen 
werden muß, siehe bei Stekel p. 48G. 

** Vgl. die Arbeiten von Bleuler und seinen Züricher Schülern Mae der, 
Abraham u. a. über Symbolik, und die nicht ärztlichen Autoren, auf welche sie 
sich bezichen (Kleinpaul u. a.). Das Zu treffendste, was über diesen Gegen- 
stand geäußert worden ist, findet sich in der Schrift von O. Rank und 11. Sachs 
Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Geisteswissenschaften, 1913, Kap. L 



2 jQ VI. Die Trimmarbeit 

Jiclicn, für welches es eintritt, offenkundig; in anderen ist es ver- 
steckt ; die Wahl des Symbols erscheint dann rätselhaft. Gerade diese 
Fälle müssen auf den letzten Sinn der Symbolbeziehung Licht werfen 
können; sie weisen darauf hin, daß dieselbe genetischer Natur ist. 
Was heute symbolisch verbunden ist, war wahrscheinlich in Urzeiten 
durch begriffliche und sprachliche Identität vereint. Die Symbol- 
beziehung scheint ein Best und Merkzeichen einstiger Identität. Dabei 
kann man beobachten, daß die Symbolgemeinschaft in einer Anzahl 
von Fällen über die Sprachgemeinschaft hinausreicht, wie bereits Schu- 
bert (1814) behauptet hat*. Eine Anzahl von Symbolen ist so alt 
wie die Sprachbildung überhaupt, andere werden aber in der Gegen- 
wart fortlaufend neugebildet (z. B. das Luftschiff, der Zeppelin). 

Der Traum bedient nun sich dieser Symbolik zur verkleideten 
Darstellung seiner latenten Gedanken. Unter den so verwendeten 
Symbolen sind nun allerdings viele, die regelmäßig oder fast regel- 
mäßig das nämliche bedeuten wollen. Nur möge man der eigentüm- 
lichen Plastizität des psychischen Materials eingedenk bleiben. Ein 
Symbol kann oft genug im Trauminhalt nicht symbolisch, sondern 
in seinem eigentlichen Sinne zu deuten sein ; andere Male kann ein 
Träumer sich aus speziellem Erinnerungsmaterial das Recht schaffen, 
alles mögliche als Sexualsymbol zu verwenden, was nicht allgemein 
so verwendet wird. Wo ihm zur Darstellung eines Inhaltes mehrere 
Symbole zur Auswahl bereit stehen, wird er sich für jenes Symbol 
entscheiden, das überdies noch Sachbeziehungen zu seinem sonstigen 
Gedankenmaterial aufweist, also eine individuelle Motivierung neben 
der typisch gültigen gestattet. 

Wenn die neueren Forschungen über den Traum seit Scherner 
die Anerkennung der Traumsymbolik unabweisbar gemacht haben 
— selbst H. E 1 1 i s bekennt sich dazu, es sei ein Zweifel nicht 
möglich, daß unsere Träume von Symbolik erfüllt seien — , so ist 
doch zuzugeben, daß die Aufgabe einer Traumdeutung durch die 
Existenz der Symbole im Traume nicht nur erleichtert, sondern auch 
erschwert wird. Die Technik der Deutung nach den freien Ein- 
fällen des Träumers läßt uns für die symbolischen Elemente des 
Trauminhaltes meist im Stich ; eine Rückkehr zur Willkür des Traum- 
deuters, wie sie im Altertum geübt wurde und in den verwilderten 
Deutungen von St ekel wieder aufzuleben scheint, ist aus Motiven 
wissenschaftlicher Kritik ausgeschlossen. Somit nötigen uns die im 
Trauminhalt vorhandenen symbolisch aufzufassenden Elemente zu einer 
kombinierten Technik, welche sich einerseits auf die Assoziationen 
des Träumers stützt, anderseits das Fehlende aus dem Symbolverständ- 
nis des Deuters einsetzt. Kritische Vorsicht in der Auflösung der 
Symbole und sorgfältiges Studium derselben an besonders durchsich- 
tigen Traumbeispielen müssen zusammentreffen, um den Vorwurf der 

♦ So tritt z. E. das auf dem Wasser fahrende Schiff in den Harnlräumen 
ungarischer Träumer auf, obwohl dieser Sprache die Bezeichnung ., schiffen" für 
„urinieren" fremd ist (Ferenczi; vgl. auch S. 251). In den Träumen von Fran- 
zosen und anderen Romanen dient das Zimmer zur symbolischen Darstellung der 
Frau, obwohl diese Völker nichts dem deutschen „Frauenzimmer" Analoges kennen. 



Beispiele typischer Symbole. 241 

Willkürlichkeit in der Traumdeutung zu entkräften. Die Unsicher- 
heiten, die unserer Tätigkeit als Deuter des Traumes noch anhaften, 
rühren zum Teil von unserer unvollkommenen Erkenntnis her, die 
durch weitere Vertiefung fortschreitend gehoben werden kann, zum 
anderen Teil hängen sie gerade von gewissen Eigenschaften der Traum- 
symbolo ab. Dieselben sind oft viel- und mehrdeutig, so daß, wie 
in der chinesischen Schrift, erst der Zusammenhang die jedesmal rich- 
tige Auffassung ermöglicht. Mit dieser Vieldeutigkeit der Symbole 
verbindet sich dann die Eignung des Traumes, Überdeutungen zuzu- 
lassen, in einem Inhalt verschiedene, oft ihrer Natur nach sehr ab- 
weichende Gedankenbildungcn und "Wunsehregungen darzustellen. 

Nach diesen Einschränkungen und Verwahrungen führe ich an: 
Der Kaiser und die Kaiserin (König und Königin) stellen wirklich 
zumeist die Erlern des Träumers dar, Prinz oder Prinzessin ist er 
selbst. Dieselbe hohe Autorität wie dem Kaiser wird aber auch gro- 
ßen Männern zugestanden, darum erscheint in manchen Träumen z. B. 
Goethe als Vatcrsymbol. (Hitschmann.) — Alle in die Länge 
reichenden Objekte, Stöcke, Baumstämme. Schirme (des der Erektion 
vergleichbaren Aufspannens wegen!), alle länglichen und scharfen "Waf- 
fen: Messer, Dolche, Piken, wollen das männliche Glied vertreten. 
Ein häufiges, nicht recht verständliches Symbol desselben ist die 
Nagclfcilo (des Reibens und Schabens wegen?). — Dosen, Schachteln, 
Kästen, Schränke, Öfen entsprechen dem Frauenleib, aber auch Höh- 
len, Schiffe und alle Arten von Gefäßen. — Zimmer im Traume 
sind zumeist Frauenzimmer, die Schilderung ihrer verschiedenen Ein- 
gänge und Ausgänge, macht an dieser Auslegung gerade nicht irre*. 
Das Interesse, ob das Zimmer „offen" oder „verschlossen" ist, wird 
in diesem Zusammenhange leicht verständlich. (Vgl. den Traum Doras 
im „Bruchstück einer Hysterieanalyse".) Welcher Schlüssel das Zim- 
mer aufsperrt, braucht dann nicht ausdrücklich gesagt zu werden ; 
die Symbolik von Schloß und Schlüssel hat Uhland im Lied vom 
„Grafen Eberstein" zur anmutigsten Zote gedient. — Der Träum, 
durch eine Flucht von Zimmern zu gehen, ist ein Bordell- oder Harems- 
traum. Er wird aber, wie H. Sachs an schönen Beispielen gezeigt 
hat, zur Darstellung der Ehe (Gegensatz) verwendet. — Eine inter- 
essante Beziehung zur infantilen Sexualforschung ergibt sich, wenn 
der Träumer von zwei Zimmern träumt, die früher eines waren, oder 
ein ihm bekanntes Zimmer einer "Wohnung im Traume in zwei geteilt 
sieht, oder das Umgekehrte. In der Kindheit hat man das weibliche 

* „Ein in einer Pension wohnender Patient träumt, er begegne jemand yom 
Dienstpersonal und frage sie, welche Nummer sie habe; sie antwortet zu seiner 
Überraschung: 14. Tatsächlich hat er Beziehungen zu dem in Rede stehenden 
Mädchen angeknüpft und auch mehrmals Zusammenkünfte mit ihr in seinem 
Schlafzimmer gehabt. Sie befürchtete begreiflicherweise, daß die Wirtin sie im 
Verdacht habe, und machte ihm am Tage vor dem Traum den Vorschlag, sich 
mit ihr in einem der unbewohnten Zimmer zu treffen. In Wirklichkeit liatte 
dieses Zimmer die Nummer 14, während im Traum das Weib diese Nummer trägt. 
Ein deutlicherer Beleg für die Identifizierung von Frau und Zimmer läßt sich 
kaum denken." (Ernest Jone's, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse II, 1914.) (Vgl. 
Artemidorus, „Symbolik der Träume" [übersetzt von F. S. Krauß, Wien 
1881, p. 110] : „So z. B. bedeutet die Schlafstube die Gattin, falls eine solche 
im Hause ist.") 

Frcnd, Traumdeutung, 6. Aufl. l" 



24 c > VI. Die Trimmarbeit. 

Genitale (den Bopo) für einen einzigen Raum gehalten (die infantile 
Kloakentheorie) und erst später erfahren, daß diese Körperregion zwei 
gesonderte Höhlungen und Öffnungen umfaßt — Stiegen, Leitern, 
Treppen, respektive das Steigen auf ihnen, und zwar sowohl aufwärts 
als abwärts, sind symbolische Darstellungen des Geschlechtsaktes*. — 
Glatte Wände, über die man klettert, Fassaden von Häusern, an denen 
man sich — häufig unter starker Angst — herabläßt, entsprechen 
aufrechten menschlichen Körpern, wiederholen im Traum wahrschein- 
lich die Erinnerung an das Emporklettern des kleinen Kindes an 
Eltern und Pflegepersonen. Die „glatten" Mauern sind Männer; an 
den „Vorsprüngen" der Häuser hält man sich nicht selten in der 
Traumangst fest. -— Tische, gedeckte Tische und Bretter sind gleich- 
falls Frauen, wohl des Gegensatzes wegen, der hier die Körperwölbun- 
gen aufhebt. „Holz" scheint überhaupt nach seinen sprachlichen Be- 
ziehungen ein Vertreter des weiblichen Stoffes (Materie) zu sein. Der 
Namo der Insel Madeira bedeutet im Portugiesischen: Holz. Da 
„Tisch und Bett" die Ehe ausmachen, wird im Traume häufig der 
erstere für das letztere gesetzt, und soweit es angeht, der sexuelle 
Vorstellungskomplex auf den Eßkomplex transponiert. — Von Klei- 
dungsstücken ist der Hut einer Frau sehr häufig mit Sicherheit als 
Genitale, und zwar des Mannes, zu deuten. Ebenso der Mantel, wobei 
es dahingestellt bleib!., welcher Anteil an dieser Symbolverwendung 
dem Wortanklang zukommt. In Träumen der Männer findet man 
häufig die Kravate als Symbol des Penis, wohl nicht nur darum, 
weil sie lange herabhängt und für den Mann charakteristisch ist, 
sondern auch, weil man sie nach seinem Wohlgefallen auswählen kann, 
eine Freiheit, die beim Eigentlichen dieses Symbols von der Natur 
verwehrt ist**. Personen, die dies Symbol im Traume verwenden, treiben 
im Leben oft großen Luxus mit Kravaten und besitzen förmliche 

* Ich wiederhole hierüber, was ich an anderer Stelle (Die zukünftigen 
Chancen der psychoanalytischen Therapie, Zentral bl. f. Psychoanalyse I, Nr. 1/2. 
1910) geäußert habe: „Vor einiger Zeit wurde es mir bekannt, daß ein uns ferner 
stehender Psychologe sich an einen von uns mit der Bemerkung gewendet, wii 
überschätzten doch gewiß die geheime sexuelle Bedeutung der Träume. Sein häu- 
figster Traum sei, eine Stiege hinaufzusteigen, und da sei doch gewiß nichts 
Sexuelles dahinter. Durch diesen Einwand aufmerksam gemacht, haben wir dem 
Vorkommen von Stiegen, Treppen, Leitern im Traum Aufmerksamkeit geschenkt 
und konnten bald feststellen, daß die Stiege (und was ihr analog ist) ein sicheres 
Koitussymbol darstellt. Die Grundlage der Vergleichung ist nicht schwer auf- 
zufinden; in rhythmischen Absätzen, unter zunehmender Atemnot kommt man 
auf eine Höhe und kann dann in ein paar raschen Sprüngen wieder unten sein. 
So findet sich der Rhythmus des Koitus im Stiegensteigen wieder. Vergessen 
wir nicht, den Sprachgebrauch heranzuziehen. Er zeigt uns, daß das „Steigen" 
ohne weiteres als Ersatzbezeichnung der sexuellen Aktion gebraucht wird. Man 
pflegt zu sagen, der Mann ist ein „Steiger", „nachsteigen". Im Französischen 
heißt, die Stufe der Treppe la marche; „un vieux marcheur" deckt sich ganz mit 
unserem „ein alter Steiger". 

** Vgl. im Zbl. für Ps.-A. II, 675 die Zeichnung einer 19jährigen Manischen: 
ein Mann mit einer Schlange als Kravate, die sich einem Mädchen entgegeu- 
wendet. Dazu die Geschichte „Der Schamhaftige" (Anthrop. VI, 331): In eine 
Badestube trat eine, Dame ein, und dort befand sich ein Herr, der kaum das 
Hemd anzulegen vermochte; er war sehr beschämt, deckte sich aber sofort den 
Hals mit dein Vorderteil des Hemdes zu und sagte: „Bitte um Verz.ihung, bin 
ohne Kravate." 



Typische sexuelle Symbole. 040 

Sammlungen von ihnen. - Alle komplizierten Maschinerien und Ap- 
parate der Träume sind mit großer Wahrscheinlichkeit Genitalien — 
in der Kegel männliche — , in deren Beschreibung sich die Traumsym- 
bolik so unermüdlich wie. die Witzarbeit erweist. Ganz unverkennbar 
ist es auch, daß alle Waffen und Werkzeuge zu Symbolen des männ- 
lichen Gliedes verwendet werden: Pflug, Hammer, Flinte, Revolver, 
Dolch, Säbel usw. — Ebenso sind viele Landschaften der Träume, 
besonders solche mit Brücken oder mit bewaldeten Bergen, unschwer 
als Genitalbeschrcibungcn zu erkennen. Marcinowski hat eine 
Reihe von Beispielen gesammelt, in denen die Träumer ihre Träume 
durch Zeichnungen erläuterten, welche die darin vorkommenden Land- 
schaften und Räumlichkeiten darstellen sollten- Diese Zeichnungen ma- 
chen den Unterschied von manifester und latenter Bedeutung im Traume 
sehr anschaulich. Während sie arglos betrachtet Pläne, Landkarten 
u. dgl. zu bringen scheinen, enthüllen sie sich einer eindringlicheren 
Untersuchung als Darstellungen des menschlichen Körpers, der Geni- 
talien usw. und ermöglichen erst nach dieser Auffassung das Verständ- 
nis des Traumes. (Vgl. hiozu P fisters Arbeiten über Kryptographie 
und Vexierbilder.) Auch darf man bei unverständlichen Wortneubildun- 
gen an Zusammensetzung aus Bestandteilen mit sexueller Bedeutung 
denken. — Auch Kinder bedeuten im Traume oft nichts arideres als 
Genitalien, wie ja Männer und Frauen gewohnt sind, ihr Genitale 
liebkosend als ihr „Kleines" zu bezeichnen. Mit einem kleinen Kinde, 
spielen, den Kleinen schlagen usw. sind häufig Traumdarstellungen 
der Onanie. — Zur symbolischen Darstellung der Kastration dient 
der Traumarbeit : die Kahlheit, das Haarschneiden, der Zahnausfall 
und das Köpfen- Als Verwahrung gegen die Kastration ist es auf- 
zufassen, wenn eines der gebräuchlichen Penissymbole im Traume 
in Doppcl- oder Mehrzahl vorkommt. Auch das Auftreten der 
Eidechse im Traume — eines Tieres, dem der abgerissene Schwanz 
nachwächst — hat dieselbe Bedeutung. (Vgl. den Eidechsentraum 
S. 7.) — Von den Tieren, die in Mythologie und Folklore als Genital- 
symbole verwendet werden, spielen mehrere auch im Traum diese 
Bolle: der Fisch, die Schnecke, die Katze, die Maus (der Genital- 
behaarung wegen), vor allem aber das bedeutsamste Symbol des männ- 
lichen Gliedes, die Schlange. Kleine Tiere, Ungeziefer, sind die Ver- 
treter von kleinen Kindern, z. B. der unerwünschten Geschwister; 
mit Ungeziefer behaftet sein, ist oft gleichzusetzen der Gravidität. 
-— Als ein ganz rezentes Traumsymbol des männlichen Genitales 
ist das Luftschiff zu erwähnen, . welches sowohl durch seine Be- 
ziehung zum Fliegen wie gelegentlich durch seine Form solche Ver- 
Avendung rechtfertigt. — Eine Reihe anderer, zum Teil noch nicht 
genügend verifizierter Symbole hat Stekel angegeben und durch Bei- 
spiele belegt. Die Schriften von Stekel, besonders sein Buch: „Die 
Sprache des Traumes", enthalten die reichste Sammlung von Symbol - 
auflösungen. die zum Teil scharfsinnig erraten sind und sich bei der 
Nachprüfung als richtig erwiesen haben, z. B. in dem Abschnitt über 
die Symbolik des Todes. Die mangelhafte Kritik des Verfassers und 
seine Neigung zu Verallgemeinerungen um jeden Preis machen aber 
andere seiner Deutungen zweifelhaft oder unverwendbar, so daß bei 

16* 



944 ^' ® ie Traumarbeit. 

dem Gebrauch dieser Arbeiten Vorsieht dringend anzuraten ist. loh 
beschränke mich darum auf die Hervorhebung weniger Beispiele. 

Rechts und Links sollen nach SUkel im Traum "ethisch auf- 
zufassen sein. „Der rechte Weg bedeutet immer den Weg des Rech- 
tes, der linke den des Verbrechens. So kann der linke Homosexuali- 
tät, Inzest, Perversion, der rechte die Ehe, Verkehr mit einer Dirne 
usw. darstellen. Immer gewertet von dem individuell moralischen 
Standpunkt des Träumers" (1. c p. 466). Die Verwandten überhaupt 
spielen im Traume meistens die Rolle von Genitalien (p. 473). Hier 
kann ich in dieser Bedeutung nur den Sohn, die Tochter, die jüngere 
Schwester bestätigen, soweit also das Anwendungsgebiet des „Kleinen" 
reicht. Dagegen erkennt man an gesicherten Beispielen die Schwe- 
stern als Symbole der Brüste, die Brüder als solche der großen 
Hemisphären. Das Nichte in ho len eines Wagens löst Stckel als 
das Bedauern über eine nicht einzuholende Altersdifferenz (p. 179). Das 
Gepäc k, mit dem man reist, sei die Sündenlast, von der man gedrückt 
wird (ibid.). Gerade das Reisegepäck erweist sich aber häufig als un- 
verkennbares Symbol der eigenen Genitalien. Auch den häufig in 
Träumen vorkommenden Zahlen hat Stckel fixierte SymDolbedeutun- 
gen zugewiesen, doch erscheinen diese Auflösungen weder genügend 
sichergestellt, noch allgemein gültig, wenngleich die Deutung im ein- 
zelnen Falle meist als wahrscheinlich anerkannt werden darf. Die Drei- 
zahl ist übrigens ein mehrseitig sichergestelltes Symbol des männlichen 
Genitales. Eine der Verallgemeinerungen, welche Stekel aufstellt, 
bezieht sich auf die doppelsinnige Bedeutung der Genitalsymbole. 
„Wo gäbe es ein Symbol, das — wenn es die Phantasie nur einiger- 
maßen erlaubt — nicht männlich und weiblich zugleich gebraucht 
werden könnte!" Der eingeschobene Satz nimmt allerdings viel von 
der Sicherheit dieser Behauptung zurück, denn die Phantasie er- 
laubt es eben nicht immer. Ich halte es aber doch für nicht über- 
flüssig, auszusprechen, daß nach meinen Erfahrungen der allgemeine 
Satz S t c k e 1 s vor der Anerkennung einer größeren Mannigfaltigkeit 
zurückzutreten hat. Außer Symbolen, die ebenso häufig für das männ- 
liche wie für das weibliche Genitale stehen, gibt es solche, die vor- 
wiegend oder fast ausschließlich eines der Geschlechter bezeichnen, 
und noch andere, von denen nur die männliche oder nur die weibliche 
Bedeutung bekannt ist. Lange, feste Gegenstände und "Waffen als 
Symbole des weiblichen Genitales zu gebrauchen oder hohle (Kasten, 
Schachteln, Dosen usw.) als Symbole des männlichen, gestattet eben 
die Phantasie nicht. 

Es ist richtig, daß die Neigung des Traumes und der unbewußten 
Phantasien, die Sexualsymbole bisexuell zu verwenden, einen archai- 
schen Zug verrät, da in der Kindheit die Verschiedenheit der Genitalien 
unbekannt ist und beiden Geschlechtern das nämliche Genitale zu- 
gesprochen wird. 

Die Genitalien können auch im Traum durch andere Körperteile 
vertreten werden, das männliche Glied durch die Hand oder den Fuß, 
die weibliche Genitalöffnung durch den Mund, das Ohr. selbst das 
Auge. Die Sekrete des menschlichen Körpers — Schleim, Tränen, 
Harn, Sperma Usw. — können im Traum für einander gesetzt werden. 






Beispiele sexueller Symbolik. — Der Hut. 245 

Diese im Ganzen richtige Aufstellung von W. Stekel hat eine be- 
rechtigte kritische Einschränkung durch Bemerkungen von R. Reit- 
ler erfahren. (Int. Zeitschr. für Psych. I, 1913.) Es handelt sich 
im wesentlichen um Ersetzung der bedeutungsvollen Sekrete wie des 
Samens durch ein indifferentes. 

Diese in hohem Grade unvollständigen Andeutungen mögen ge- 
nügen, um andere zu sorgfältigerer Sammelarbeit anzuregen*. Eine 
weit ausführlichere Darstellung der Traumsymbolik habe ich in meinen 
„Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse, 1916/17" versucht. 

Ich weide nun einige Beispiele von der Verwendung solcher 
Symbole in Träumen anfügen, welche zeigen sollen, wie unmöglich 
es wird, zur Deutung des Traumes zu gelangen, wenn man sich der 
Traumsymbolik verschließt, wie unabweisbar sich aber eine solche 
auch in vielen Fällen aufdrängt. An derselben Stelle möchte ich 
aber nachdrücklich davor warnen, die Bedeutung der Symbole für 
die Traumdeutung zu überschätzen, etwa die Arbeit der Traumüber- 
setzung auf Symbolübersetzung einzuschränken, .und die Technik der 
Verwertung von Einfällen des Träumers aufzugeben. Die beiden Tech- 
niken der Traumdeutung müssen einander ergänzen; praktisch wie 
theoretisch verbleibt aber der Vorrang dem zuerst beschriebenen Ver- 
fahren, das den Äußerungen des Träumers die entscheidende Bedeutung 
beilegt, während die von uns vorgenommene Symbolübersetzung als 
Hilfsmittel hinzutritt. 

1. Der Hut als Symbol des Mannes (des männlichen 

Genitales)**. 

(Tcilstück aus dem Traum einer jungen, infolge von Versuchungs- 
angst agoraphobischen Frau.) 

„Ich gehe im Sommer auf der Straße spazieren, trage einen 
Strohhut von eigentümlicher Form, dessen Mittelstück nach oben 
aufgebogen ist, dessen Seitenteile nach abwärts hängen (Beschreibung 
hier stockend), und zwar so, daß der eine tiefer steht als der andere 
Ich bin heiter und in sicherer Stimmung, und wie ich an einem 
Trupp junger Offiziere vorbeigehe, denke ich mir: Ihr könnt mir 
alle nichts anhaben." 

Da sie zu dem Hut im Traume keinen Einfall produzieren kann, 
sage ich ihr: Der Hut ist wohl ein männliches Genitale mit seinem 
emporgerichteten Mittelstück und den beiden herabhängenden Seiten- 
teilen. Daß der Hut ein Mann sein soll, ist vielleicht sonderbar, aber 
man sagt ja auch: „Unter die Haube kommen!" Absichtlich enthalte 
ich mich der Deutung jenes Details über das ungleiche Herabhängen 
der beiden Seitenteile, obwohl gerade solche Einzelheiten in ihrer 

* Bei aller Verschiedenheit der S eherner scheu Auffassung von der Traum- 
symbolik und der hier entwickelten, muli ich doch hervorheben, daß S ehern er 
als der eigentliche Entdecker der Symbolik im Traume anerkannt werden sollte, 
und daß die Erfahrungen der Psychoanalyse sein für phantastisch gehaltenes, 
vor rund 50 Jahren veröffentlichtes Buch nachträglich zu Ehren gebracht haben. 
** Aus ,, Nachträge zur Traumdeutung". Zentraiblatt für Psychoanalyse- I, 
Nr. 5/C, 1911. •• ..... 



24G VI. Uie Traumarbeit. 

Determinierung der Deutung den Weg weisen müssen. Ich setze fort : 
"Wenn sie also einen Mann mit so prächtigem Genitale hat, braucht 
sie sich vor den Offizieren nicht zu fürchten, d. h. nichts von ihnen 
zu wünschen, da sie sonst wesentlich durch ihre Versuchungsphantasien 
vom Gehen ohne Schutz und Begleitung abgehalten wird. Diese letz- 
tere Aufklärung ihrer Angst hatte ich ihr schon zu wiederholten 
Malen, auf anderes Material gestützt, geben können. 

Es ist nun sehr beachtenswert, wie sich die Träumerin nach 
dieser Deutung benimmt. Sie zieht die Beschreibung des Hutes zurück 
und will nicht gesagt haben, daß die beiden Seitenteile nach abwärts 
hingen. Ich bin des Gehörten zu sicher, um mich beirren zu lassen, 
und beharre dabei. Sic schweigt eine Weile und findet dann den 
Mut zu fragen, was es bedeute, daß bei ihrem Manne ein Hode 
tiefer stehe als der andere, und ob es bei allen Männern so sei. 
Damit war dies sonderbare Detail des Hutes aufgeklärt und die ganze 
Deutung von ihr akzeptiert. 

Das Hutsymbol war* mir längst bekannt, als mir die Patientin 
diesen Traum mitteilte. Aus anderen, aber minder durchsichtigen 
Fällen glaubte ich zu entnehmen, daß der Hut auch für ein weib- 
liches Genitale stehen kann*. 

2. Das Kleine ist das Genitale — das Uberf ahrenwerden 
ist ein Symbol des Geschlechts Verkehres. 

(Ein anderer Traum derselben agoraphobischen Patientin.) 

„Ihre Mutter schickt ihre kleine Tochter weg, damit sie allein 
gehen muß. Sie fährt dann mit der Mutter in der Eisenbahn und 
sieht ihre Kleine direkt auf den Schienenweg zugehen, so daß sie 
überfahren werden muß. Man hört die Knochen krachen (dabei ein 
unbehagliches Gefühl, aber kein eigentliches Entsetzen). Dann sieht 
sie sich aus dem Waggonfenster um, ob man -nicht hinten die Teile 
sieht. Dann macht sie ihrer Mutter Vorwürfe, daß sie die Kleine 
allein hat gehen lassen." Analyse. Die vollständige Deutung des 
1 räum es ist hier nicht leicht zu geben. Er stammt aus einem Zyklus 
von Träumen und kann nur im Zusammenhange mit diesen anderen 
voll verstanden werden. Es ist eben nicht leicht, das für den Erweis 
der Symbolik benötigte Material genügend isoliert zu bekommen. — 
Dio Kranke findet zuerst, daß die Eisenbahnfahrt historisch zu deuten 
ist, als Anspielung auf eine Fahrt von einer Nervenheilanstalt weg, 
in deren Leiter sie natürlich verliebt war. Die Mutter holte sie von 
dort ab, der Arzt erschien auf dem Bahnhof und überreichte ihr 
einen Strauß Blumen zum Abschied; es war ihr unangenehm, daß 
die Mutter Zeugin dieser Huldigung sein mußte. Hier erscheint also 
die Mutter als Störerin ihrer Liebesbestrebungen, welche Rolle der 
strengen Frau während ihrer Mädchenjahre wirklich zugefallen war. 
— Der nächste Einfall bezieht sich auf den Satz: sie sieht sich um. 

* Vgl. ein solches Beispiel in der Mitteilung von Kirchgraber (Zentralbl 
f. Ps.-A. IIT. 1!)12, p. 95). Von Stekel (Jahrbuch. Bd. I, p. 475) wird ein Traum 
mitgeteilt, in welchem der Hut mit schiefstehender Feder in der Mitte den (impo- 
tenten) Mann symbolisiert. 






Daa „Kleine" als GfeniteUymbol. 947 

ob man nicht die Teile von hinten sieht. In der Traumfassade müßte 
man natürlich an die Teile des überfahrenen und zermalmten Töchter- 
ehens denken. Der Einfall weist aber nach ganz anderer Pachtung. 
Sie erinnert, daß sie einmal den Vater im Badezimmer nackt von 
rückwärts gesellen, kommt auf die Geschlechtsunterschiede zu sprechen 
und hebt hervor, daß man beim Manne die Genitalien noch von rück- 
wärts sehen könne, beim Weibe aber nicht. In diesem Zusammenhange 
deutet sie nun selbst, daß das Kleine das Genitale sei, ihre Kleine 
(sie hat eine vierjährige Tochter) ihr eigenes Geadtale. Sie macht 
der Mutter den Vorwurf, daß sie verlangt hatte, sie solle so leben, 
als ob sie kein Genitale hätte, und findet diesen Vorwurf in dem 
einleitenden Satz des Traumes wieder : Die Mutter schickte ihre Kleine 
weg, damit sie allein gehen mußte. In ihrer Phantasie bedeutet das 
Alleingelien auf der Straße keinen Mann, keine sexuelle Beziehung 
haben (coire = zusammengehen), und das mag sie nicht. Nach allen 
ihren Angaben hat sie wirklich als Mädchen unter der Eifersucht 
der Mutter infolge ihrer Bevorzugung durch den Vater gelitten. 

Die tiefere Deutung dieses Traumes ergibt sich aus einem an- 
deren Traum derselben Nacht, in dem sie sich mit ihrem Brüder 
identifiziert. Sie war wirklich ein bubenhaftes Mädel, mußte oft hören, 
daß an ihr ein Bub verloren gegangen sei. Zu dieser Identifizierung 
mit dem Bruder wird es dann besonders klar, daß das „Kleine" das 
Genitale bedeutet. Die Mutter droht ihm (ihr) mit der Kastration, 
die nichts anderes als Bestrafung für das Spielen mit dem Gliede 
sein kann, und somit zeigt die Identifizierung, daß sie selbst als Kind 
onaniert hat, was ihre Erinnerung bisher nur vom Brüder bewahrt 
hatte. Eine Kenntnis des männlichen Genitales, die ihr später ver- 
loren ging, muß sie nach den Angaben dieses zweiten Traumes damals 
früh erworben haben. Ferner deutet der zweite Traum auf die in- 
fantile Sexualtheorie hin, daß die Mädel durch Kastration aus Buben 
hervorgehen. Nachdem ich ihr diese Kindermeinung vorgetragen, fin- 
det sie sofort eine Bestätigung hiefür in der Kenntnis der Anekdote, 
daß der Bub das Mädel fragt: Abgeschnitten? worauf das Mädel 
antwortet: Nein, immer so g'west. 

Da« Wegschicken der Kleinen, des Genitales im ersten Traum. 
bezieht sich also auch auf die Kastrationsdrohung. Schließlich grollt 
sie der Mutter, daß sie sie nicht als Knaben geboren hat. 

Daß das „Überfahrenwerden" sexuellen Verkehr symbolisiert, 
würde aus diesem Traume nicht evident, wenn man es nicht aus zahl- 
reichen anderen Quellen sicher wüßte. 

3. Darstellung des Genitales durch Gebäude, Stiegen, 

Schachte. 

(Traum eines durch seinen Vater komplex gehemmten jungen Mannes.) 

„Er geht mit seinem Vater an einem Ort spazieren, der gewiß 
der Prater ist, denn man sieht die R otunde, vor dieser einen klei- 
neren Vorbau, an dem ein Fesselballon angebracht ist, der 
aber ziemlich schlaff scheint. Sein Vater fragt ihn, wozu das 






94S VI. Die Traumarbeit. 

alles ist: er wundert sich darüber, erklärt es ihm aber. Dann kommen 
sie. in einen Hof, in dem eine große Platte von Blech ausgebreitet 
liegt. Sein Vater will sich ein großes Stück davon abreißen, sieht 
sich aber vorher um, ob es nicht jemand bemerken kann. Er sagt 
ihm, er braucht es doch nur dem Aufseher zu sagen, dann kann er 
sich ohne weiteres davon nehmen. Aus diesem Hof führt eine Treppe 
in einen Schacht hinunter, dessen Wände weich ausgepolstert sind, 
etwa wie ein Lederfauteuil. Am Ende dieses Schachtes ist eine län- 
gere Plattform und dann beginnt ein neuer Schacht.. '' 

Analyse. Dieser Träumer gehörte einem therapeutisch nicht 
günstigen Typus von Kranken an, die bis zu einem gewissen Punkt 
der Analyse überJiaupt keine Widerstände machen und sich von da 
an fast unzugänglich erweisen. Diesen Traum deutete er fast selb- 
ständig. Die Rotunde, sagte er. ist mein Genitale, der Fesselballon 
davor mein Penis, über dessen Schlaffheit ich zu klagen habe. Man 
darf also eingehender übersetzen, die Rotunde sei das — vom^ Kind 
regelmäßig- zum Genitale gerechnete — Gesäß, der kleinere Vorbau 
der Hodensack. Im Traum fragt ihn der Vater, was das alles ist, 
d. h. nach Zweck und Verrichtung der Genitalien. Es liegt nahe, 
diesen Sachverhalt umzukehren, so daß er der fragende Teil wird. 
Da eine solche Befragung desVatei-s in "Wirklichkeit nie stattgefunden 
hat, muß man den Traumgedanken als Wunsch auffassen oder ihn 
etwa konditionell nehmen: „Wenn ich den Vater um sexuelle Auf- 
klärung gebeten hätte." Die Fortsetzung dieses Gedankens werden 
wir bald an anderer Stelle finden. 

Der Hof, in dem das Blech ausgebreitet liegt, ist nicht in erster 
Linie symbolisch zu fassen, sondern stammt aus dem Geschäftslokal 
des Vaters. Aus Gründen der Diskretion habe ich das „Blech" für 
das andere Material, mit dem der Vater handelt, eingesetzt, ohne sonst 
etwas am Wortlaut des Traumes zu ändern. Der Träumer ist in das 
Geschäft des Vaters eingetreten und hat an den eher unkorrekten 
Praktiken, auf denen der Gewinn zum guten Teil beruht, gewaltigen 
Anstoß genommen. Daher dürfte die Portsetzung des obigen Traum- 
gedankens lauten: („Wenn ich ihn gefragt hätte), würde er mich be- 
trogen haben, wie er seine Kunden betrügt." Pur das Abreißen, 
welches der Darstellung der geschäftlichen Unredlichkeit dient, gibt 
der Träumer selbst die zweite Erklärung, es bedeute die Onanie. Dies 
ist uns nicht nur längst bekannt (siehe oben S. 238). sondern stimmt 
auch sehr gut dazu, daß das Geheimnis der Onanie durch das Gegen- 
teil ausgedrückt ist (man darf es ja offen tun). Es entspricht dann 
allen Erwartungen, daß die onanistische Tätigkeit wieder dem Vater 
zugeschoben wird, wie die Befragung in der ersten Traumszene. Den 
Schacht deutet er sofort unter Berufung auf die weiche Polsterung 
der Wände als Vagina. Daß das Herabsteigen wie sonst das Auf- 
steigen den Koitusverkehr in der Vagina beschreiben will, setze ich 
aus anderer Kenntnis ein (vgl. meine Bemerkung im Zentralblatt für 
Psychoanalyse, I, 1, 1910; siehe oben S. 242 Note). 

Die Einzelheiten, daß auf den ersten Schacht eine längere Platt- 
form folgt und dann ein neuer Schacht, erklärt er selbst biographisch. 



Symbolische Örtlichkeiten. Kastrationsträume. 249 

Er hat eine Zeitlang koitiert, dann den Verkehr infolge von Hem- 
mungen aufgegeben und hofft ihn jetzt mit Hilfe der Kur wieder 
aufnehmen zu können. Der Traum wird aber gegen Ende undeutlicher, 
und dem Kundigen muß es plausibel erscheinen, daß sich schon in 
der zweiten Traumszene der Einfluß eines anderen Themas geltend 
mache, auf welches das Geschäft des Vaters, sein betrügerisches Vor- 
gehen, die erste als Schacht dargestellte Vagina deuten, so daß man 
eine Beziehung auf die Mutter annehmen kann. 

4. Das männliche Genitale durch Personen, das weih» 
liehe durch eine Landschaft symbolisiert. 

(Traum einer Erau aus dem Volke, deren Mann "Wachmann ist, mit- 
geteilt von B. Dattner.) 

. . . Dann sei jemand in die Wohnung eingebrochen und sie 
habe angstvoll nach einem Wachmanne gerufen. Dieser aber sei mit 
zwei ..Pülchern" einträchtig in eine Kirche* gegangen, zu der meh- 
rere Stufen** emporführten; hinter der Kirche sei ein Berg*** ge- 
wesen und oben ein dichter Wald f. Der Wachmann sei mit einem 
Helm, llingkragen und Mantel ff versehen gewesen. Er habe einen 
braunen Vollbart gehabt. Die beiden Vaganten, die friedlich mit dem 
Wachmann gegangen seien, hätten sackartig aufgebundene Schürzen 

um die Lenden gehabtftt- Vor der Kirche lialje zum Ber S ein "Weg 
geführt. Dieser sei beiderseits mit Gras und Gestrüpp verwachsen 
gewesen, das immer dichter wurde und auf der Höhe des Berges 
ein ordentlicher Wald geworden sei. 

5. Kastrations träume bei Kindern. 

a) Ein Knabe von drei Jahren und fünf Monaten, dem die 
Wiederkehr des Vaters aus dem Felde sichtlich unbequem ist, er- 
wacht eines Morgens verstört und aufgeregt und wiederholt immer- 
fort die. Frage: Warum hat Papi seinen Kopf auf einem Teller ge- 
tragen? Heute nacht hat Papi seinen Kopf auf einem Teller getragen. 
° b) Ein heute an schwerer Zwangsneurose leidender Student er- 
innert, daß er im sechsten Lebensjahr wiederholt folgenden Traum 
gehabt hat. Er geht zum Friseur, um sich die Haare schneiden zu 
fassen. Da kommt eine große Frau mit strengen Zügen auf ihn zu 
und schlägt ihm den Kopf ab. Die Frau erkennt er als die Mutter. 

6. Zur Harnsymbolik. 

Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe 
von Bildern, die Ferenczi in einem ungarischen Witzblatt („Fidi- 

* Oder Kapelle = Vagina. 
** Symbol des Koitus. 
*** Mons veneris. 
f Crines pubis. 
tf Dämonen in Mänteln und Kapuzen sind nach der Aufklärung eines Fach- 
mannes phalliscber Natur. 

ftt Die beiden Hälften des Hodensackes. 



250 VI. Die Traumarbeit. 

busz") aufgefunden und in ihrer Brauchbarkeit zur Illustration der 
Traumtheorie erkannt hat. 0. Rank hat das nebenstehende als 
„Traum der französischen Bonne" überschriebene Blatt bereits 
in seiner Arbeit über die Symbolschichtung im Wecktraum usw. 
(p. 99) verwertet. 

Erst das letzte Bild, welches das Erwachen der Bonne infolge 
des Geschreis des Kindes enthält, zeigt uns, daß die früheren sieben 
die Phasen eines Traumes darstellen. Das erste Bild anerkennt den 
Reiz, der zum Erwachen führen sollte. Der Knabe hat ein Bedürfnis 
geäußerl und verlangt die entsprechende Hilfeleistung. Der Traum 
vertauscht aber die Situation im Schlafzimmer mit der eines Spazier- 
ganges. Im zweiten Bild hat sie den Knaben bereits an eine Straßen- 
ecke gestellt, er uriniert und — sie darf weiterschlafen. Der Weck- 
reiz hält aber an, ja er verstärkt sich; der Knabe, der sich nicht be- 
achtet findet, brüllt immer kräftiger. Je dringender er das Erwachen 
und die Hilfeleistung seiner Bonne fordert, desto mehr steigert deren 
Traum seine Versicherung, daß alles in Ordnung sei und daß sie 
nicht zu erwachen brauche. Er übersetzt dabei den Weckreiz in die 
Dimensionen des Symbols. Der Wasserstrom, welchen der urinierende 
Knabe liefert, wird immer mächtiger. Im vierten Bilde trägt er be- 
reits einen Kahn, dann eine Gondel, ein Segelschiff, endlich ein großes 
Dampfschiff! Der Kampf zwischen dem eigensinnigen Schlafbedürfnis 
und dem unermüdlichen Weckreiz ist hier in geistreichster Weise von 
einem mutwilligen Künstler verbildlicht. 

7. Ein Stiegentraum. 
(Mitgeteilt und gedeutet von Otto Rank.) 

Demselben Kollegen, von dem der (unten S. 281 f., Anmk<>\) an- 
geführte Zahnreiztraum herrührt, verdanke ich den folgenden ähn- 
lich durchsichtigen Pollutionstraum : 

„Ich jage im Stiegenhaus die Treppe hinunter einem kleinen 
Mädchen, das mir irgend etwas getan hat, nach, um es zu bestrafen. 
l ; nten am Ende der Stiege hält mir jemand (eine erwachsene weib- 
liche Person?) das Kind auf; ich fasse es, weiß aber nicht, ob ich 
es geschlagen habe, denn plötzlich befand ich mich mitten auf der 
Stiege, wo ich das Kind (gleichsam wie in der Luft) koitierte. 
Eigentlich war es kein Koitus, sondern ich rieb nur mein Genitale 
an ihrem äußeren Genitale, wobei ich dieses sowie ihren seitwärts 
zurückgelegten Kopf überaus deutlich sah. Während des Sexualaktes 
sah ich links ober mir (auch wie in der Luft) zwei kleine vGemälde 
hängen, Landschaften, die ein Haus im Grünen darstellten. Auf dem 
einen kleineren stand unten an Stelle der Namenssignatur des Malers 
mein eigener Vorname, als wäre es für mich zum Geburtstagsgeschenk- 
bestimmt. Dann hing noch ein Zettel vor beiden Bildern, worauf 
stand, daß billigere Bilder auch zur Verfügung stehen; (ich sehe 
mich dann höchst undeutlich so wie oben auf dem Treppenabsatz 
im Bette liegen und) erwache durch die Empfindung der .Nässe, welche 
von der erfolgten Pollution herrührt." 



251 




252 VI - Die Traomarbeit. 

Deutung: Der Träumer war am Abend des Traumtages im 
Laden eines Buchhändlers gewesen, wo er während der "Wartezeit 
einige der ausgestellten Bilder besichtigt hatte, die ähnliche Motive 
wie die Traumbilder darstellten. Bei einem kleinen Bildchen, das ihm 
besonders gefallen hatte, trat er näher und sah nach dem Namen des 
Malers, der ihm jedoch völlig unbekannt war. 

Am selben Abend hatte er später in Gesellschaft von einem 
böhmischen Dienstmädchen erzählen gehört, das sich gerühmt hatte, 
ihr außereheliches Kind sei „auf der Stiege gemacht worden". Der 
Träumer hatte sich nach dem Detail dieses nicht alltäglichen Vor- 
kommnisses erkundigt und erfahren, daß das Dienstmädchen mit ihrem 
Verehrer nach Hause in die Wohnung ihrer Eltern gegangen war, wo 
zu geschlechtlichem Verkehr keine Gelegenheit gewesen wäre, und daß 
der erregte Mann den Koitus auf der Stiege vollzogen hatte. Der 
Träumer hatte dazu in scherzhafter Anspielung auf den boshaften 
Ausdruck für Weinfälseherei geäußert: das Kind sei wirklich „auf 
der Kellerstiege gewachsen". 

Dies die Tagesanknüpfungen, die ziemlich aufdringlich im Traum- 
inhalt vertreten sind und vom Träumer ohne weiteres reproduziert 
werden. Ebenso leicht produziert er aber ein altes Stück infantiler 
Erinnerung, das ebenfalls im Traume Verwendung gefunden hat. Das 
Stiegenhaus ist das jenes Hauses, in welchem er den größten Teil 
seiner Kinderjahre verbracht und wo er insbesondere die erste be- 
wußte Bekanntschaft mit den Sexualproblemen gemacht hatte. In 
diesem Stiegenhaus hatte er häufig gespielt und war dabei unter 
anderem auch rittlings längs des Geländers hinuntergerutscht, wobei 
er sexuelle Erregung verspürt hatte. Im Traume eilt er nun eben- 
falls ungemein rasch über die Stiege hinunter, so rasch,. daß er nach 
eigener deutlicher Angabe die einzelnen Stufen gar nicht berührt, 
sondern, wie man zu sagen pflegt, „hinunter f 1 i c g t" oder rutscht. 
Mit Bezug' auf das infantile Erlebnis scheint dieser Beginn des Traumes 
den Moment der sexuellen Erregung darzustellen- — In diesem Stiegen- 
haus und der dazugehörigen Wohnung hatte der Träumer aber auch 
mit den Nachbarskindern häufig sexuelle Rauf spiele getrieben, wobei 
er sich in ähnlicher Weise befriedigt hatte, wie es im Traume geschieht. 

Weiß man aus Freuds scxualsymbolischen Forschungen (siehe 
Zentralblatt f. Ps.-A., Heft 1, p. 2 f.), daß die Stiege und das Stiegen- 
steigen im Traume fast regelmäßig den Koitus symbolisieren, so wird 
der Traum völlig durchsichtig. Seine Triebkraft ist, wie ja auch sein 
Effekt, die Pollution, zeigt, rein libidinöser Natur. Im Schlafzustand 
erwacht die sexuelle Erregung (im Traume dargestellt durch das 
Hinuntereilen — rutschen — über die Stiege), deren sadistischer 
Einschlag auf Grund der Raufspielo in der Verfolgung und Über- 
wältigung des Kindes angedeutet ist. Die libidinöse Erregung stei- 
gert sich und drängt zur sexuellen Aktion (dargestellt im Traume 
durch das Fassen des Kindes und seine Beförderung in die Mitte der 
Stiege). Bis daher wäre der Traum rein sexualsymbolisch und für den 
wenig geübten Traumdeuter völlig undurchsichtig. Aber der über- 
starken libidinösen Erregung genügt diese symbolische Befriedigung 
nicht, welche die Ruhe des Schlafes gewährleistet hätte. Die Erregung 



Stiegp.ntniume. — ßiis Wirklichkeitsgefiihl. 253 

führt zum Orgasmus und damit wird die, ganze Siiegensymbolik als 
Vertretung dos Koitus entlarvt. — Wenn Freud als einen der Gründe 
für die sexuelle Verwertung des Stiegensymbols den rhythmischen 
Charakter beider Aktionen hervorhebt, so scheint dieser Traum beson- 
ders deutlich dafür zu sprechen, da nach ausdrücklicher Angabe des 
Träumers die Rhythmik seines Sexualaktes, das Auf- und Nieder- 
reiben, das im ganzen Traum am deutlichsten ausgeprägte Element 

gewesen war. 

Noch eine Bemerkung über die beiden Bilder, die, abgesehen 
von ihrer realen Bedeutung auch in symbolischem Sinne als „Weibs- 
bilder" gelten, was schon daraus hervorgeht, daß es sich um ein 
großes und ein kleines Bild handelt, ebenso wie im Trauminhalt ein 
großes (erwachsenes) und ein kleines Mädchen vorkommen. Daß auch 
billigere Bilder zur Verfügung stehen, führt zum Prostituierten- 
komplex, wie anderseits der Vorname des Träumers auf dem kleinen 
Bilde und der Gedanke, es sei ihm zum Geburtstag bestimmt, auf den 
Elternkomplex hinweisen (auf der Stiege geboren = im Koitus er- 
zeugt). 

Die undeutliche Schlußszene, wo der Träumer sich selbst oben 
auf dem Treppenabsatze im Bette liegen sieht und Nässe verspürt., 
scheint über die infantile Onanie hinaus noch weiter in die Kindheit 
zurückzuweisen, und vermutlich ähnlich lustvolle Szenen von Bett- 
nässen zum Vorbild zu haben." 

8. Ein modifizierter Stiegentraum. 

leb mache einem meiner Patienten, einem schwerkranken Absti- 
nenten, dessen Phantasie an seine Mutter fixiert ist, und der wieder- 
holt vom Treppensteigen in Begleitung der Mutter geträumt hat, die 
Bemerkung, daß mäßige Masturbation ihm wahrscheinlich weniger 
schädlich wäre als seine erzwungene Enthaltsamkeit. Diese Beein- 
flussung provoziert folgenden Traum: 

..Sein Klavierlehrer mache ihm Vorwürfe, daß er sein Klavier- 
spiel vernachlässige, die Etüden von Moscheies sowie den Gradus 
ad Parnass'um von Clementi nicht übt." 

Er bemerkt hiozu, der Gradus sei ja auch eine Stiege und die 
Klaviatur selbst sei eine Stiege, weil sie eine Skala enthalte. 

Man darf sagen, es gibt keinen Vorstellungskreis, der sich der 
Darstellung sexeuller Tatsachen und Wünsche verweigern würde. 

9. Wirklichkeitsgefühl und Darstellung der 

AViederholung. 

Ein jetzt 35jähriger Mann erzählt einen gut erinnerten Traum, 
den er mit vier Jahren gehabt haben will: Der Notar, bei dem 
das Testament des Vaters hinterlegt war, — er hatte 
den Vater im Alter von drei Jahren verloren — , brachte zwei 
große Kaiserbirnen, von denen er eine zum Essen be- 
kam. Die andere lag auf dem Fensterbrett des Wohn- 
zimmers. Er erwachte mit der Überzeugung von der Realität des 



254 VI. Die Traumnrbeir. 

Geträumten und verlangte hartnäckig von der Mntter die zweite 
Birne; sie liege doch auf dein Fensterbrett. Die Mutter lächle, darüber. 
Analyse. Der Notar war ein jovialer alter Herr, der, wie er 
sich zu erinnern glaubt, wirklich einmal Birnen mitbrachte. Das Fen- 
sterbrett war- so, wie er es im Traume sah. Anderes will ihm dazu 
nicht einfallen ; etwa noch, daß die Mutter kürzlich ihm einen Traum 
erzählt. Sie hat zwei Vögel auf ihrem Kopfe sitzen, fragt pich, 
wann sie fortfliegen werden, aber sie fliegen nicht fort, sondern der 
eine fliegt zu ihrem Mund und saugt aus ihm. 

Das Versagen der Einfälle des Träumers gibt uns das Becht, 
die Deutung durch Symbolersetzung zu versuchen. Die beiden Birnen 
pommes ou poires — sind die Brüste der Mutter, die ihn genährt 
hat ; das Fensterbrett der Vorsprung des Busens, analog den Bai- 
konen im Häusertraum (vgl. g. 242). Sein "Wirklichkeitsgefiihl nach 
dem Erwachen hat Recht, denn die Mutter hat ihn wirklich gesäugt, 
sogar weit über die gebräuchliche Zeit hinaus, und die Mutterbrust 
wäre noch immer zu haben. Der Traum ist zu übersetzen: Mutter, 
gib (zeig') mir die Brust wieder, an der ich früher einmal getrunken 
habe. Das „früher" wird durch das Essen der einen Birne dargestellt, 
das „wieder" durch das Verlangen nach der anderen. Die. zeitliche 
W le der holung eines Aktes wird im Traum regelmäßig zur zah- 
lenmäßigen Vermehrung eines Objektes. 

Es ist natürlich sehr auffällig, daß die Symbolik bereits im 
Traume eines Vierjährigen eine Bolle spielt, aber dies ist nicht Aus- 
nahme, sondern Hegel. Man darf sagen, der Träumer verfüH über 
die Symbolik von allem Anfang an. 

"Wie frühzeitig sich der Mensch, auch außerhalb des Traum- 
lebens, der symbolischen Darstellung bedient, mag folgende unbeein- 
i hißte Erinnerung einer jetzt 27jährigen Dame lehren: Sie ist zwi- 
schen drei und vier Jahre alt. Das Kindsmädchen treibt sie, ihren 
um elf Monate jüngeren Bruder und eine im Alter zwischen beiden 
siehende Cousine auf den Abort, damit sie dort vor dem Spazier- 
gang ihre kleinen Geschäfte verrichten. Sie setzt sich als die älteste 
auf den Sitz, die beiden anderen auf Töpfe. Sie fragt die Cousine: 
Hast du auch ein Portemonnaie? Der Walter hat ein AVür st- 
ehen, ich hab ? ein Portemonnaie. Antwort der Cousine: Ja, ich 
hab* auch ein Portemonnaie. Das Kindsmädchen hat lachend zugehört 
und erzählt die Unterhaltung der Mama, die mit einer scharfen Zu- 
rechtweisung reagiert. 

Es sei hier ein Traum eingeschaltet, dessen hübsche Symbolik 
eine Deutung mit geringer Nachhilfe der Träumerin gestattete: 

10. „Zur Frage der Symbolik in den Träumen Gesunder"*. 

„Ein von den Gegnern der Psychoanalyse häufig — zuletzt auch 
von Havelock Ellis** — vorgebrachter Einwand lautet, daß die 
rraumsymbolik vielleicht ein Produkt der neurotischen Psyche sei, 
aber keineswegs für die normale Gültigkeit habe. "Während nun die 



* 



Alfred Eobitsek im Zentralblatt f. Ps.-A. II, 1911, p. 340 
„Tho World of Dreams", London 1911, p. 1C8. 



Symbolik in Traumen Gesunder. 255 

psychoanalytische Forschung zwischen normalem und neurotischem 

Seelenleben überhaupt keine prinzipiellen, sondern nur quantitative 
Unterschiede kennt, zeigt die Analyse der Träume, in denen ja bei 
Gesunden und Kranken in gleicher Weise die verdrängten Komplexe 
wirksam sind, die volle Identität der Mechanismen, wie der Symbolik. 
Ja, die unbefangenen Träume Gesunder enthalten oft eine viel ein- 
fachere, durchsichtigere und mehr charakteristische Symbolik als die 
neurotischer Personen, in denen sie infolge der stärker wirkenden 
Zensur und der hieraus resultierenden weitergehenden Traumentstel- 
lung häufig gequält, dunkel und schwer zu deuten ist. Der in fol- 
gendem mitgeteilte Traum diene zur lllustrierung dieser Talsache. 
Er stammt von einem nicht neurotischen Mädchen von eher prüdem 
und zurückhaltendem Wesen ; im Laufe des Gespräches erfahre ich, 
daß sie verlobt ist, daß sich aber der Heirat Hindernisse entgegen- 
stellen, die sie zu verzögern geeignet sind. Sie erzählt mir spontan 
folgenden Traum : 

„I arrange the centre of a table with flowers for a 
birthday." (Ich richte die Mitte eines Tisches mit Blumen für 
einen Geburtstag her.) Auf Prägen gibt sie an, sie sei im Traume 
wie in ihrem Heim gewesen (das sie zurzeit nicht besitzt) und habe 
ein Glücksgefühl empfunden. 

..Hie .populäre' Symbolik ermöglicht mir, den Traum für mich 
zu übersetzen. Er ist der Ausdruck ihrer bräutlichen Wünsche.! der 
Tisch mit dem Blumenmittelstück ist symbolisch für sie selbst und 
das Genitale; sie stellt ihre Zukunftswünsche erfüllt dar, indem sie 
sich bereits mit dem Gedanken an die Geburt eines Kindes beschäftigt; 
die Hochzeit liegt also längst hinter ihr. 

„Ich mache sie darauf aufmerksam, daß ,the centre of a table' 
ein Ungewöhnlicher Ausdruck sei, was sie zugibt, kann hier aber na- 
türlich nicht direkt weiter fragen. Ich vermied es sorgfältig, ihr die 
Bedeutung der Symbole zu suggerieren und fragte, sie nur, was ihr zu 
den einzelnen Teilen des Traumes in den Sinn komme. Ihre Zurück- 
haltung wich im Verlaufe der Analyse einem deutlichen Interesse an 
der Deutung und einer Offenheit, die der Ernst des Gespräches er- 
möglichte. — Auf meine Frage, was für Blumen es gewesen seien, 
antwortete sie zunächst: ,expensivo flowers; one has to pay 
for them' (teuere Blumen, für die man zahlen muß), dann, es seien 
.lilies of the valley, violets and pinks or carnations' 
gewesen (Maiglöckchen, wörtlich Lilien vom Tale, Veilchen und Nel- 
ken). Ich nahm an, daß das Wort Lilie in diesem Traume in seiner 
populären Bedeutung als Keuschheitssymbol erscheine ; _ sie bestätigte 
diese Annahme, indem ihr zu .Lilie' ,purity' (Reinheit) einfiel. 
,Valley' das Tal, ist ein häufiges weibliches Traumsymbol; so wird 
das zufällige Zusammentreffen der beiden Symbole in dem englischen 
Namen für Maiglöckchen zur Traumsymbolik, zur Betonung ihrer 
kostbaren Jungfräulichkeit — expensive flowers, one has to pay for 
them — verwendet und zum Ausdruck der Erwartung, daß der Mann 
ihren Wert zu würdigen wissen werde. Die Bemerkung .expensive 
flowers etc.' hat, wie sich zeigen wird, bei jedem der drei Blumen- 
symbole eine andere Bedeutung. 



256 VI. Die Traumarbeit. 

„Den geheimen Sinn der scheinbar recht asexnelloii ,violets' 
Buchte ich mir — recht kühn, wie ich meinte — mit einer unbe- 
wußten Beziehung zum französischen ,v i o 1' zu erklären. Zu meiner 
Überraschung assoziierte die Träumerin ,violate', das englische 
Wort für vergewaltigen. Die zufällige große Wortähnlichkeit von 
violet und violate — in der englischen Aussprache unterschei- 
den sie sich nur durch eine Akzentverschiedenheit der letzten Silbe 
■ — wird vom Traume benutzt, um ,durch die Blume' den Gedanken 
an die Gewaltsamkeit der Defloration (auch dieses Wort benutzt die 
Bhunensymbolik), vielleicht auch einen masochistischen Zug des Mäd- 
chens zum Ausdruck zu bringen. Ein schönes Beispiel für die Wort- 
brücken, über welche die Wege zum Unbewußten führen. Das ,one 
has to pay for them' bedeutet hier das Leben, mit dem sie das Weib- 
und Mutterwerden bezahlen muß. 

• „Bei ,pinks', die sie dann ,carnations c nennt, fällt mir die 
Beziehung dieses Wortes zum .Fleischlichen' auf. Ihr Einfall dazu 
lautete aber jcolour' (Farbe). Sie fügte hinzu, daß carnations die 
Blumen seien, welche ihr von ihrem Verlobten häufig und in 
großen Mengen geschenkt werden. Zu Ende des Gespräches gesteht 
sie plötzlich spontan, sie habe mir nicht die Wahrheit gesagt, es sei 
ihr nicht ,colour', sondern ,inkarnation' (Fleisch werdung) ein- 
gefallen, welches Wort ich erwartet hatte ; übrigens ist auch ,colour' 
als Einfall nicht entlegen, sondern durch die Bedeutung von car- 
nation — Fleischfarbe, also durch den Komplex determiniert. 
Diese Unaufrichtigkeit zeigt, daß der Widerstand an dieser Stelle am 
größten war, entsprechend dem Umstand, daß die Symbolik hier am 
durchsichtigsten ist, der Kampf zwischen Libido und Verdrängung bei 
diesem phallischen Thema am stärksten war. Die Bemerkung, daß diese 
Blumen häufige Geschenke des Verlobten seien, ist neben der Doppel- 
bedeutung von carnation ein weiterer Hinweis auf ihren phallischen 
Sinn im Traume. Der Tagesanlaß des Blumengeschenkes wird benutzt, 
Tim den Gedanken von sexuellem Geschenk und Gegengeschenk aus- 
zudrücken: sie schenkt ihre Jungfräulichkeit und erwartet dafür ein 
reiches Liebesleben. Auch hier dürfte das »expensive flowers, one 
has to pay for them' eine — wohl wirklich finanzielle — Bedeutung 
haben. — Die Blumensymbolik des Traumes enthält also das jung- 
fräulich-weibliche, das männliche Symbol und die Beziehung auf die 
gewaltsame Defloration. Es sei darauf hingewiesen, daß die sexuelle 
Blumensymholik, die ja auch sonst sehr verbreitet ist, die menschlichen 
Soxualorganc durch die Blüten, die Sexualorgane der Pflanzen sym- 
bolisiert; das Blumenschenken unter Liebenden hat vielleicht über- 
haupt diese unbewußte Bedeutung. 

„Der Geburtstag, den sie im Traume vorbereitet, bedeutet wohl 
die Geburt eines Kindes. Sie identifiziert sich mit dem Bräutigam, 
stellt ihn dar, wie er sie für eine Geburt herrichtet, also koitiert. ,Der 
latente Gedanke könnte lauten: Wenn ich er wäre, würde ich nicht 
warten, sondern die Braut deflorieren, ohne sie zu fragen, Gewalt 
brauchen; darauf deutet ja auch das violate. So kommt auch die 
sadistische Libidokomponcnte zum Ausdruck. — 



Triiuine von Ahnungslosen. 9rj-7 

„In einer tieferen Schickte des Traumes dürfte das ,1 arrange etc.' 
eine autoerotische, also infantile Bedeutung haben. 

„Sie hat auch eine nur im Traume mögliche Erkenntnis ihrer 
körperlichen Dürftigkeit: sie sieht sich flach wie einen Tisch; um 
so mehr wird die_ Kostbarkeit des ,centre' (sie nennt es ein ander- 
mal ,a centro piece of flowers'), ihre Jungfräulichkeit, hervor- 
gehoben. Auch das Horizontale des Tisches dürfte ein Element zum 
Symbol beitragen. — Beachtenswert ist die Konzentration des Trau- 
mes; nichts ist überflüssig, jedes Wort ist ein Symbol. 

„Sie bringt später einen Nachtrag zum Traume: ,1 decorate 
the flowers with green crinkled paper.' (Ich verziere die 
Blumen mit grünem, gekräuseltem Papier.) Sie fügt hinzu, es sei 
.fancy paper' (Phantasiepapier), mit dem man die gewöhnlichen 
Blumentöpfe verkleide. Sie sagt weiter: ,to hide untidy thingß, 
whatcyer was to be seen, which was not pretty to the eye; 
there is a gap, a little space in the flowers.' Also: ,um un- 
saubere Dinge zu verbergen, die nicht hübsch anzusehen sind; ein 
Spalt, ein kleiner Zwischenraum in den Blumen.' ,The paper looks 
likc velvet or moss' (.das Papier sieht wie Samt oder Moos aus'). 
Zu ,decoratc' assoziiert sie ,decorum', wie ich es erwartet hatte. 
Die grüne Farbe sei vorherrschend; sie assoziiert dazu ,hope' ('Hoff- 
nung), wieder eine Beziehung zur Gravidität. — In diesem Teile des 
Traumes herrscht nicht die Identifizierung mit dem Manne, sondern 
es kommen Gedanken von Scham und Offenheit zur Geltung. Sie macht 
sich schön für ihn, gesteht sich körper liehe Fehler ein. deren sie sich 
schämt und die sie zu korrigieren sucht. Die Einfälle Samt, 
Moos sind ein deutlicher Hinweis, daß es sich um die crines pubis 
handelt. 

„Der Traum ist ein Ausdruck von Gedanken, die das wache Den- 
ken des Mädchens kaum kennt; Gedanken, die sieh mit der Sinnen- 
liebe und ihren Organen beschäftigen; sie wird ,für einen Geburts- 
tag zugerichtet', d. h. koitiert; die Furcht vor der Defloration, viel- 
leicht auch das lustbetonte Leiden kommen zum Ausdruck; sie ge- 
steht sich ihre körperlichen Mängel ein, überkompensiert diese durch 
Überschätzung des Wertes ihrer Jungfräulichkeit. Ihre Scham ent- 
schuldigt die sich zeigende Sinnlichkeit damit, daß diese ja das Kind 
zum Ziel hat. Auch materielle Erwägungen, die der Liebenden fremd 
sind, finden ihren Ausdruck. Der Affekt des einfachen Traumes — 
das Glücksgefühl — zeigt an, daß hier starke Gefühlskomplexe ihre 
Befriedigung gefunden haben." 

Ferenczi hat mit Recht darauf aufmerksam gemacht, wie leicht 
gerade- „Träume von Ahnungslosen" den Sinn der Symbole und die. 
Bedeutung der Träume erraten lassen. (Int. Zeitschr. f. Psych. IV, 
1916/17.) 

Die nachstehende Analyse des Traumes einer historischen Per- 
sönlichkeit unserer Tage schalte ich hier ein, weil in ihm ein Gegen- 
stand, der sich auch sonst zur Vertretung des männlichen Gliedes 
eignen würde, durch eine hinzugefügte Bestimmung aufs deutlichste 

Kreml, Trnurodeuhinjj, S. Aufl. 17 



258 VI. Die Traumarbeit. 

als phänisches Symbol gekennzeichnet wird. Die „unendliche Ver- 
längerung" einer Reitgerte kann nicht leicht anderes als die Erektion 
bedeuten, überdies gibt dieser Traum ein schönes Beispiel dafür, wie 
ernsthafte und dem Sexuellen fernabliegende Gedanken durch infan- 
til-sexuelles Material zur Darstellung gebracht werden. 

11. Ein Traum Bismarcks. 

(Von Dr. Hanns S a c h s.) 

„In seinen „Gedanken und Erinnerungen" teilt Bismarck (Bd. II 
der Volksausgabe, p. 222) einen Brief mit, den er am 18. Dezember 
1881 an Kaiser Wilhelm schrieb. Dieser Brief enthält folgende Stelle: 
„Eurer Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Trau- 
mes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, 
aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir 
träumte und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und an- 
deren Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfad ritt, rechts 
Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd 
sich weigerte und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz un- 
möglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen 
dm glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich 
lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen brei- 
ten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland wie in Böhmen, 
preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traum der Ge- 
danke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könnte. Dieser 
Traum erfüllte sich und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm." 

„Die Handlung des Traumes zerfällt in zwei Abschnitte : im ersten 
Teil gerät der Träumer in Bedrängnis, aus der er dann im zweiten 
auf wunderbare "Weise erlöst wird. Die schwierige Lage, in der sieh 
Roß und Reiter befinden, ist eine leicht kenntliche Traumdarstellung 
der kritischen Situation des Staatsmannes, die er am Abend vor dem 
Traume, über die Probleme seiner Politik nachdenkend, besonders bitter 
empfunden haben mochte. Mit der zur Darstellung gelangten gleich- 
nisweisen "Wendung schildert Bismarck selbst in der oben wieder- 
gegebenen Briefstelle die Trostlosigkeit seiner damaligen Position; sie 
war ihm also durchaus geläufig und naheliegend. Nebstdem haben 
wir wohl auch ein schönes Beispiel von Silberers „funktionalem 
Phänomen" vor uns. Die Vorgänge im Geiste des Träumers, der bei 
jeder von seinen Gedanken versuchten Lösung auf unübersteigliche 
Hindernisse stößt, seinen Geist aber trotzdem nicht von der Beschäf- 
tigung mit den Problemen losreißen kann und darf, sind sehr tref- 
fend durch den Reiter gegeben, der weder vorwärts noch rückwärts 
kann. Der Stolz, der ihm verbietet, an ein Nachgeben oder Zurück- 
treten zu denken, kommt im Traume durch die "Worte „Umkehren 
oder absitzen .... unmöglich" zum Ausdruck. In seiner Eigenschaft 
als stets angestrengt Tätiger, der sich für fremdes Wohl plagt, lag 
es für Bismarck nahe, sich mit einem Pferde zu. vergleichen, und 
er hat dies auch bei verschiedenen Gelegenheiten getan, z. B. in seinem 
bekannten Ausspruch: „Ein wackeres Pferd stirbt in seinen Sielen." 



Ein Traum Bismarcks. 259 

So ausgelegt bedeuten die 'Worte, daß „das Pferd sieh weigerte", 
nichts anderes, als daß der Übermüdete das Bedürfnis empfinde, sich 
von den Sorgen der Gegenwart abzuwenden, oder anders ausgedrückt, 
daß er im Bogriffe stehe, sich von den Fesseln des ltealitätsprinzips 
durch Schlaf und Traum zu befreien. Der Wunscherfüllung, die dann 
im zweiten Teil so stark zu "Wort kommt, wird dann auch hier schon 
präludiert durch das Wort „Alpenpfad". Bismarc k wußte damals 
wohl schon, daß er seinen nächsten Urlaub in den Alpen — nämlich 
in Gastein — zubringen werde; der Traum, der ihn dahin versetzte, 
befreite ihn also mit einem Schlage von allen lästigen Staats- 
geschäften. 

„Im zweiten Teil werden die Wünsche des Träumers auf dop- 
pelte Weise — unverhüllt und greifbar, daneben noch symbolisch — 
als erfüllt dargestellt. Symbolisch durch das Verschwinden fies hem- 
menden Felsens, an dessen Stelle ein breiter Weg — also der gesuchte 
Ausweg in bequemster Form — erscheint, unverhüllt durch den An- 
blick der vorrückenden preußischen Truppen. Man braucht zur Er- 
klärung dieser prophetischen Vision durchaus nicht mystische Zusam- 
menhänge zu konstruieren; die Freud sehe Wunscherfüllungsthcorie 
genügt vollständig. Bismarck ersehnte schon damals als den besten 
Ausgang aus den inneren Konflikten Preußens einen siegreichen Krieg 
mit Österreich. Wenn er die preußischen Truppen in Böhmen, also 
in Feindesland, mit ihren Fahnen sieht, so stellt ihm der Traum da- 
durch diesen Wunsch als erfüllt dar, wie es Freud postuliert. Indi- 
viduell bedeutsam ist es nur, daß der Träumer, mit dem wir uns,, hier 
beschäftigen, sich mit der Traumerfüllung nicht begnügte, sondern 
auch die reale zu erzwingen wußte. Ein Zug, der jedem Kenner der 
psychoanalytischen Deutungstechnik auffallen muß, ist die Reitgerte, 
die „unendlich lang" wird. Gerte, Stock, Lanze und Ähnliches sind 
uns als phallische Symbole geläufig; wenn aber diese Gerte noch 
die auffallendste Eigenschaft des Phallus, die Ausdehnungsfähigkeit 
besitzt, so kann kaum ein Zweifel bestehen. Die Übertreibung des 
Phänomens durch die Verlängerung ins „Unendliche" scheint auf die 
infantile Übersetzung zu deuten. Das in-dic-Hand-Nchmen der Gerte 
ist eine deutliche Anspielung auf die Masturbation, wobei natürlich 
nicht an die aktuellen Verhältnisse des Träumers, sondern an weit 
zurückliegende Kinderlust zu denken ist. Sehr wertvoll ist hier die 
von Dr. St ekel gefundene Deutung, nach der links im Traume 
das Unrecht, das Verbotene, die Sünde bedeutet, was auf die gegen 
ein Verbot betriebene Kinderonanie sehr gut anwendbar wäre. Zwi- 
schen dieser tiefsten, infantilen Schicht und der obersten, die sich 
mit den Tagesplänen des Staatsmannes beschäftigt, läßt sich noch 
eine Mittelschicht nachweisen, die mit beiden anderen in Beziehung 
steht. Der ganze Vorgang der wunderbaren Befreiung aus einer Not 
durch das Schlagen auf den Fels mit der Heranziehung Gottes als 
Helfer erinnert auffällig an eine biblische Szene, nämlich wie Moses 
für die dürstenden Kinder Israels aus dem Felsen Wasser schlägt. 
Die genaue Bekanntschaft mit dieser Stelle dürfen wir bei dem aus 
einem bibelgläubigen, protestantischen Hause hervorgegangenen Bis- 
marck ohne weiteres annehmen. Mit dem Anführer Moses, dem das 

17* 



2ß0 VI. Die Traumarbeit. 

Volk, das er befreien: will, mit Auflehnung, Haß und Undank lohnt, 
konnte sich Bisinarck in der Konfliktszeit unschwer vergleichen. 
Dadurch wäre also die Anlehnung an. dio aktuellen "Wünsche gegeben. 
Anderseits enthält die Bibelstellc manche Einzelheiten, die für die 
Masturbationsphantasio sehr gut verwertbar sind. Gegen das Gebot 
Gottes greift Moses zum Stock und für diese Übertretung straft ihn 
der Herr, indem er ihm verkündet, daß er sterben müsse, ohne das 
gelobte Land zu betreten. Das verbotene Ergreifen des — im Traume 
unzweideutig phänischen — Stockes, das Erzeugen von Flüssigkeit 
durch das Schlagen damit und die Todesdrohung — damit haben wir 
alle Hauptmomente der infantilen Masturbation beisammen. Inter- 
essant ist die Bearbeitung, die jene beiden heterogenen Bilder, von 
denen eines aus der Psyche des genialen Staatsmannes, das andere 
aus den Regungen der primitiven Kinderseele stammt, durch Ver- 
mittlung der Bibelstelle zusammengeschweißt hat, wobei es ihr ge- 
lungen ist, alle peinlichen Momente wegzuwischen. Daß das Ergreifen 
des Stockes eine verbotene, aufrührerische Handlung ist, wird nur 
mehr durch die linke Hand, mit der es geschieht, symbolisch angedeutet. 
Im manifesten Trauminhalt wird aber dabei Gott angerufen, wie um 
recht ostentativ jeden Gedanken an ein Verbot oder eine Heimlichkeit 
abzuweisen. Von den beiden Verheißungen Gottes an Moses, daß er 
das verheißene Land sehen, nicht betreten werde, wird die eine sehr 
deutlich als erfüllt dargestellt (Blick auf Hügel und Waldland), die 
andere, höchst peinliche, gar nicht erwähnt. Das Wasser ist wahr- 
scheinlich der sekundären Bearbeitung, welche die Vereinheitlichung 
dieser Szene mit der vorigen erfolgreich anstrebte, zum Opfer gefallen, 
statt dessen stürzt der Fels selber. 

„Den Schluß einer infantilen Masturbationsphantasio, in der das 
Verbotsmotiv vertreten ist, müßten wir so, erwarten, daß das Kind 
wünscht, die Autoritätspersonen seiner Umgebung möchten nichts von 
dem Geschehenen erfahren. Im Traume ist dieser Wunsch durch das 
Gegenteil, den Wunsch, das Vorgefallene dem König sogleich zu mel- 
den, ersetzt. Diese Umkehrung schließt sich aber ausgezeichnet und 
ganz unauffällig der in der obersten Schicht der Traumgedanken und 
in einem Teile des manifesten Trauminhaltes enthaltenen Siegesphan- 
tasie an. Ein solcher Sieges- und Eroberungstraum ist oft der Deck- 
mantel eines erotischen Eroberungswunsches; einzelne Züge des Trau- 
mes, wie z. B., daß dem Eindringenden ein Widerstand entgegengesetzt 
wird, nach Anwendung der sich verlängernden Gerte aber ein breiter 
Weg erscheint, dürften daliin deuten, doch reichten sie nicht hin, 
um daraus eine bestimmte, den Traum durchziehende Gedanken- und 
Wunschrichtung zu ergründen. Wir sehen hier ein Musterbeispiel 
einer durchaus gelungenen Traumentstellung. Das Anstößige wurde 
überarbeitet, daß es nirgends über das Gewebe hinausragt, das als 
schützende Decke darübergebreitet ist. Die Folge davon ist, daß jede 
Entbindung von Angst hintertrieben werden konnte. Es ist ein Ideal- 
fall von gelungener Wunscherfüllung ohne Zensurverletzung, so daß 
wir begreifen können, daß der Träumer aus solchem Traume froh 
und gestärkt erwachte." 



^ 



Traum eines Chemikers. 261 

Ich schließ« mit dem 

12. Traum eines Chemikers, 

eines jungen Mannes, der sich bemühte, seine onanistischen Gewohn- 
heiten gegen den Verkehr mit dem Weibe aufzugeben. 

Vor b er i cht. Am Tage vor dem Traume hat er einem Stu- 
denten Aufschluß über die Grignardsche Reaktion gegeben, bei 
welcher Magnesium unter kaialy tischer Jodeinwirkung in absolut 
reinem Äther aufzulösen ist. Zwei Tage vorher gab es bei der näm- 
lichen Reaktion eine Explosion, bei der sich ein Arbeiter die Hand 
verbrannte. i 

Traum: I. Er soll Phcnylmagnesiumbromid machen, sieht die 
Apparatur besonders deutlich, hat aber sich selbst fürs Magnesium 
substituiert. Er ist nun in eigentümlich schwankender Verfassung, 
sagt sich immer: Es ist das Richtige, es geht, meine Füße lösen sich 
schon auf. meine Kniee werden weich. Dann greift er hin, fühlt an 
seine Füße, nimmt inzwischen (er weiß nicht wie) seine Beine aus 
dem Kolben heraus, sagt sich wieder: Das kann nicht sein. — Ja 
doch, es ist richtig gemacht. Dabei erwacht er partiell, wiederholt sich 
den Traum, weil er ihn mir erzählen will. Er fürchtet sich direkt vor 
der Auflösung des Traumes, ist während dieses Halbschlafes sehr erregt 
und wiederholt sich beständig: Phenyl, Phc7iyl. 

II. Er ist mit seiner ganzen Familie in ***ing, soll um 1 / 2 12 Uhr 
beim Rendezvous am Schottentor mit jener gewissen Dame sein, 
wacht aber erst um 1 I%V2 I Uhr auf. Er sagt sich: Es ist jetzt zu spät; 
bis du hinkommst, ist es 1 / 2 1 Uhr. Im nächsten Moment sieht er die 
ganze Familie um den Tisch versammelt, besonders deutlich die Mutter 
und das Stubenmädchen mit dem Suppentopf. Er sagt sich dann: 
Nun, wenn wir schon essen, kann ich ja nicht mehr fort. 

An a 1 y s e : Er ist sicher, daß schon der erste Traum eine 
Beziehung zur Dame seines Rendezvous hat (der Traum ist in der 
Nacht vor der erwarteten Zusammenkunft geträumt). Der Student, 
dem er die Auskunft gab, ist ein besonders ekelhafter Kerl; er sagte 
ihm: Das ist nicht das Richtige, weil das Magnesium noch ganz un- 
berührt war, und jener antwortete, als ob ihm gar nichts daran läge: 
Das ist halt nicht das Richtige. Dieser Student muß er selbst sein; 
— er ist sc gleichgültig gegen seine Analyse, wie jener für seine 
Synthese — ; das Er im Traume, das die Operation vollzieht, aber 
ich. Wie ekelhaft muß er mir mit seiner Gleichgültigkeit gegen den 
Erfolg erscheinen ! 

Anderseits ist er dasjenige, womit die Analyse (Synthese) ge- 
macht wird. Es handelt sich um das Gelingen der Kur. Die Beine 
im Traume erinnern an einen Eindruck von gestern abends. Er traf 
in der Tanzstunde mit einer Dame zusammen, die er erobern will; 
er drückte sie so fest an sich, daß sie einmal aufschrie. Als er mit 
dem Druck gegen ihre Beine aufhörte, fühlte er ihren kräftigen 



2Q2 VI. Die Traumarbeit. 



Gegendruck auf seinen Untersehenk'cln bis oberhalb der Knie, an Jen 
im Traume erwähnten Stellen. In dieser Situation ist also das Weib 
das Magnesium in der Betorte, mit dem es endlich geht. Er ist 
feminin gegen mich, wie er viril ge^<m das Weib ist. Geht es mit 
der Dame, so geht es auch mit der Kur. Das Sichbefühlen und die 
[Wahrnehmungen an seinen Knien deuten auf die Onanie und ent- 
sprechen, seiner Müdigkeit vom Tage vorher. — Das .Rendezvous war 
wirklich für x /ol2 Uhr verabredet. Sein Wunsch, es zu verschlafen 
und bei den häuslichen Sexualobjekten (d. h. bei der Onanie) zu 
bleiben, entspricht seinem Widerstände. 

Zur Wiederholung des Namens Phenyl berichtet er: Alle diese 
Kadikaie auf yl haben ihm immer sehr gefallen, sie sind sehr bequem 
zu gebrauchen: Benzyl, Azetyl usw. Das erklärt nun nichts, aber 
als ich ihm das Radikal: Schlemihl vorschlage, lacht er sehr und 
erzählt, daß er während des Sommers ein Buch von Prevost ge- 
lesen, und in diesem war im Kapitel: Les exclus de l'amour aller- 
dings von den „Schlemilies" die Rede, bei deren Schilderung er sich 
sagte: Das ist mein Fall. — Schiern ihlerei wäre es auch gewesen 
wenn er das Kcndezvous versäumt hätte. 

Es scheint, daß die sexuelle Traumsymbolik bereits eine direkte 
experimentelle Bestätigung gefunden hat. Phil. Dr. K. Schrötter 
hat 1912 über Anregung von H. Swoboda bei tief hypnotisierten 
Personen Träume durch einen suggestiven Auftrag erzeugt, der einen 
großen Teil des Trauminhaltes festlegte. Wenn die Suggestion den 
Auftrag brachte, vom normalen oder abnormen Sexualverkehr zu 
träumen, so führte der Traum diese Aufträge aus, indem er an Stelle 
des sexuellen Materials die aus der psychoanalytischen Traumdeutung 
bekannten Symbole einsetzte. So z. B. erschien nach der Suggestion, 
vom homosexuellen Verkehr mit einer Freundin zu träumen, im Traume 
diese Freundin mit einer schäbigen Reisetasche in der Hand, worauf 
ein Zettel klebte, bedruckt mit den Worten: „Kur für Damen." Der 
Träumerin war angeblich von Symbolik im Traume und Traumdeutung 
niemals etwas bekanntgegeben worden. Leider wird die Einschätzung 
dieser bedeutsamen Untersuchung durch die unglückliche Tatsache ge- 
stört, daß Di-. Schrötter bald nachher durch Selbstmord endete. 
Von seinen Traumexperimenten berichtet bloß eine vorläufige Mit- 
teilung im , Zentralblatt für Psychoanalyse". 



Erst nachdem wir die Symbolik im Traume gewürdigt haben, 
können wir in der S. 189 abgebrochenen Behandlung der typischen 
Träume fortfahren. Ich halte es für gerechtfertigt, diese Träume im 
Groben in zwei Klassen einzuteilen, in solche, die wirklich jedesmal 
den gleichen Sinn haben, und zweitens in solche, die trotz des gleichen 
oder ähnlichen Inhaltes doch die verschiedenartigsten Deutungen er- 
fahren müssen. Von den typischen Träumen der ersten Art habe ich 
den Prüfungstraum bereits eingehender behandelt. 

Wegen des ähnlichen Affekteindruckes verdienen die Träume 
vom Nichterreichen eines Eisenbahnzuges den Prüfungsträumen ange- 
reiht zu werden. Ihre Aufklärung rechtfertigt dann diese Annäherung. 



Zahnrciztrilume. 2Q'6 

Es sind Trost! räume gegen eine andere im Schlaf empfundene Angst- 
regung, die Angst zu sterben. „Abreisen" ist eines der häufigsten 
und am besten zu begründenden Todessymbole. Der Traum sagt dann 
tröstend : Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen), wie der Prüfungs- 
traum beschwichtigte: Fürchte nichts; es wird dir auch diesmal nichts 
geschoben. Die Schwierigkeit im Verständnis beider Arten von Träiunen 
rührt daher, daß die Angstempfindung- gerade an den Ausdruck des 
Tröste« geknüpft ist. 

Der Sinn der „Z ahnreiz träume", die ich bei meinen Pa- 
tienten oft genug zu analysieren hatte, ist mir lange Zeit entgangen, 
weil sich zu meiner Überraschung der Deutung derselben regelmäßig 
allzu große Widerstände entgegenstellten. 

Endlich ließ die übergroße Evidenz keinen Zweifel daran, daß 
bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertätszeit 
die Triebkraft dieser Träume abgebe. Ich will zwei solcher Träume 
analysieren, von denen einer gleichzeitig* ein „Flugtraum" ist. Beide 
rühren von derselben Person her, einem jungen Manne mit starker, 
aber im Leben gehemmter Homosexualität : 

Er befindet sich bei einer ,Fidclio"-Vors teil ung im 
Parkett der Oper, neben L., einer ihm sympathischen Per- 
sönlichkeit, deren Freundschaft er gern erwerben möchte. 
Plötzlich fliegt er schräg h i n w e g über das Parkett 
bis ans Ende, greift sich dann in den Mund und zieht 
sich zwei Zähne aus. 

Den Flug besehreibt er selbst, als ob er in die Luft ,. geworfen - ' 
würde- Da es sich um eine Vorstellung des „Fidelio" handelt, liegt 
das Dichterwort nahe: 

„AVer ein holdes Weib errungen — " 

Aber das Erringen auch "des holdesten Weibes gebort nicht zu 
den Wünschen de- Träumers. Zu diesen stimmen zwei andere Verse 
besser: 

„"Wem der große "Wurf gelungen, 

Eines Freundes Freund zu sein. . ." 

Der Traum enthält nun diesen „großen Wurf", der aber nicht 
allein Wunscherfüllung ist. Es verbirgt sich hinter ihm auch die pein- 
liche Überlegung, daß er mit seinen "Werbungen um Freundschaft 
aehön so oft Unglück gehabt hat, „hinausgeworfen" wurde, und die 
Furcht, dieses Schicksal könnte sieh bei dem jungen Manne, neben dem 
er die fidelio"- Vorstellung genießt, wiederholen. Und nun sehließt 
sieh daran das für den feinsinnigen Träumer beschämende Geständnis 
an. daß er einst nach einer Abweisung von Seite eines Freundes aus 
Sehnsucht zweimal hintereinander in sinnlicher Erregung onaniert hat. 

Der andere Traum: Zwei ihm bekannte Universitäts- 
professoren behandeln ihn an meiner Statt. D e r e i n e tut 
irgend etwas an seinem Gliede; er hat Angst vor einer 
Operation. Der andere stößt mit einer eisernen Stange 
gegen seinen Mund, so daß er ein oder zwei Zähne ver- 
liert. Er ist mit vier seidenen Tüchern gebunden. 






2(34 VX Die Trauüiarbeit. 

Der sexuelle Sinn dieses Traumes ist wohl nicht zweifelhaft. 
Die seidenen Tücher entsprechen einer Identifizierung mit einem ihm 
bekannten Homosexuellen. Der Träumer, der niemals einen Koitus aus- 
geführt, auch nie in der Wirklichkeit geschlechtlichen Verkehr mit 
Männern gesucht hat, stellt sich den sexuellen Verkehr nach dem 
Vorbilde der ihm einst vertrauten Pubertätsonanie vor. 

Ich meine, daß auch die häufigen Modifikationen des typischen 
Zahnreiztraumes, z. B. daß ein anderer dem Träumer den Zahn aus- 
zieht xvnd ähnliches, durch die gleiche Aufklärung verständlich wer- 
den*. Rätselhaft mag es aber scheinen, wieso der „Zahnreiz" zu dieser 
Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige Ver- 
legung von unten nach oben aufmerksam, die im Dienste der Sexual- 
verdrängung steht, und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sen- 
sationen und Intentionen, die sich an den Genitalien abspielen sollten, 
wenigstens an anderen einwandfreien Körperteilen realisiert werden 
können. Ein Fall von solcher Verlegung ist es auch, wenn in der 
Symbolik des unbewußten Denkens die Genitalien durch das Ange- 
sicht ersetzt werden. Der Sprachgebrauch tut dabei mit, indem er 
„Hinterbacken" als Homologe der Wangen anerkennt, „Schamlippen 1 ' 
neben den Lippen nennt, welche die Mundspalte einrahmen. Die Nase 
wird in zahlreichen Anspielungen dem Penis gleichgestellt, die Be- 
haarung hier und dort vervollständigt die Ähnlichkeit. Kur ein Ge- 
bilde steht außer jeder Möglichkeit von Vergleichung, die Zähne, und 
gerade dies Zusammentreffen von Übereinstimmung und Abweichung 
macht die Zähne für die Zwecke der Darstellung unter dem Drucke 
der Sexualverdrängung geeignet. 

Ich will nicht behaupten, daß nun die Deutung des Zahnreiz- 
traumes als Onanietraum, an deren Berechtigung ich nicht zweifeln 
kann, voll durchsichtig geworden ist**. Ich gebe so viel, als ich zur 
Erklärung weiß, und muß einen Pest unaufgelöst lassen. Aber ich 
muß auch auf einen anderen im sprachlichen Ausdruck enthaltenen 
Zusammenhang hinweisen. In unseren Landen existiert eine unfeine 
Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: sich einen ausreißen 
oder sich einen herunterreißen***. Ich weiß nicht zu sagen, woher 
diese ltedeweisen stammen, welche Verbildlichung ihnen zu Grunde 
liegt, aber zur ersteren von den beiden würde sich der „Zahn" sehr 
gut fügen f . 

* Das Ausreißen eines Zahnes durch einen anderen ist zumeist als Kastration 
zu deuten (ähnlich wie das Haareschneiden durch den Friseur; St ekel). Es ist 
zu unterscheiden zwischen Zahnreizträumen und Zahnarztträumen überhaupt, wie 
solche z. B. Coriat (Zentralbl. f. Ps.-A. 111. -110) mitgeteilt hat. 

** Nach einer Mitteilung von CG. Jung haben die Zahnreizträumc bei 
Frauen die Bedeutung von Geburtsträumen. E. Jones hat eine gute Bestätigung 
hiefür erbracht. Das Gemeinsame dieser Deutung mit der oben vertretenen liegt 
darin, daß es sich in beiden Fällen (Kastration — Geburt) um die Ablösung eines 
Teiles vom Körperganzen handelt. 

*** Vgl. hiezn den „biographischen" Traum auf S. 238. 

t Da die Träume vom Zahnziehen oder Zahnausfall im Volksglauben auf 
den Tod eines Angehörigen gedeutet werden, die Psychoanalyse ihnen aber solche 
Bedeutung höchstens im oben angedeuteten parodistischen Sinn zugestehen kann, 
schalte ich hier einen, von Otto Rank zur Verfügung gestellten „Zahnreiz- 
traum" ein: 



Zulinreig und Outmie. 2i>5 

Zur zweiten Gruppe von typischen Träumen gehören die, in 
denen man fliegt oder schwebt, fällt, schwimmt u. dgl. Was bedeuten 
diese Träume? Das ist allgemein nicht zu sagen. Sie bedeuten, wie 
wir hören werden, in jedem Falle etwas anderes, nur das Material 
an Sensationen, das sie enthalten, stammt allemal aus derselben Quelle. 

Aus den Auskünften, die man durch die Psychoanalysen erhält, 
muß man schließen, daß auch diese Träume. Eindrücke der Kinder- 
zeit wiederholen, nämlich sich auf die Bewegungsspiele beziehen, die 

,,Zum Thema der Znhnreizt räume ist mir von einem Kollegen, der sich seit 
einiger Zeit für die Probleme der Traumdeutung lebhafter zu interessieren be- 
ginnt, der folgende Bericht zugekommen: 

' .Mir träumte kürzlich, ich sei beim Zahnarzt, der mir einen 
rückwärtigen Zahn des Unterkiefers ausbohrt. Er arbeitet so 
lange herum, bis der Zahn unbrauchbar geworden ist. Dann faßt 
er ihn mit der Zange und zieht ihn mit einer spielenden Leich- 
tigkeit heraus, die mich in Verwunderung setzt. Er sagt, Ich 
sollo mir nichts daraus machen, denn das sei gar n ich t der eig ent- 
lieh behandelte Zahn und logt ihn auf den Tisch, wo der Zahn 
(wie mir nun scheint^ ein oberer Schneidezahn) in mehrere Schich- 
ten zerfällt. Ich erhebe mich vom Ope rati onss tu h 1. trete neu- 
gierig näher und stelle interessiert eine medizinische Frage. 
l)er Arzt erklärt mir, während er die einzelnen Teils tu cke des 
auffallend «reißen Zahnes sondert und mit einem Instrument 
zermalmt (pulverisiert), daß das mit der Pubertät zusammen- 
hängt, und daß die Zähne nur vor der Pubertät so leicht heraus- 
gehen; bei Frauen sei das hiefür entscli eidende Moment die Ge- 
burt eines Kind-es. — Ich merke dann (wie ich glaube im Halb- 
schlaf), daß dieser Traum von einer Pollution begleitet war, 
die ich- aber nicht mit Sicherheit an eine bestimmte Stelle des 
Traumes einzureihen weiß; am ehesten scheint sie mir noch beim 
Herausziehen des Zahnes eingetreten zu sein. 

Ich träume dann weiter einen mir nicht mehr erinnerlichen 
Vorgang, der damit abschloß, daß ich Hut und Rock in der Hoff- 
nung, man werde mir die Kleidungsstücke nachbringen, irgend- 
wo (möglicherweise in der Garderobe des Zahnarztes) zurück- 
lassend und bloß mi t dem Überrock bekleidet mich beei 1 te, einen 
aligeh enden Zug noch zu erreichen. Es gelang mir auch im letzten 
Moment, auf den rückwärtigen Waggon aufzuspringen, wo be- 
reits jemand stand. Ich konnte jedoch nicht mehr in das Innere 
des Wagens gelangen, sondern mußte in einer unbequemen Stel- 
lung, aus der ich mich mit schließlichem Erfolg zu befreien 
vorsuchte, die Reise mitmachen. Wir fahren durch ein großes 
Tunnel, wobei in der Gegenri ch tun g zwei Züge wie durch un- 
seren Zug hindurchfahren, als ob dieser das Tunnel wäre. Ich 
schaue wie von außen durch ein Waggonfenster hinein.' 

Als Material zu einer Deutung dieses Traumes ergeben sich folgende Er- 
lebnisse und Gedanken dos Vortages: 

I. Ich stolie tatsächlich seit kurzem in zahnärztlicher Behandlung und habe 
zur Zeit des Traumes kontinuierlich Schmerzen in dem Zahn des Unterkiefers, 
der im Traume allgebohrt wird, und an dem der Arzt auch in Wirklichkeit 
schon länger heruraarbeitet, als mir lieb ist. Am Vormittag des Traumtages war 
ich neuerlich wegen der Schmerzen beim Arzt gewesen, der mir nahegelegt hatte," 
einen anderen als den behandelten Zahn im selben Kiefer ziehen zu lassen, von 
dem wahrscheinlich der Schmerz herrühren dürfte. Es handelte sich um einen 
eben durchbrechenden , Weisheitszahn'. Ich hatte bei der Gelegenheit auch eine 
darauf bezügliche Frage an sein ärztliches Gewissen gestellt. 

II. Am Nachmittag desselben Tages war ich genötigt, einer Dame gegen- 
über meine üble Laune mit den Zahnschmerzen entschuldigen zu müssen, worauf 






2ßQ VI. Di« Traumarbwt. 

für das Kind ein© so außerordentliche Anziehung haben. Welcher 
Onkel hat nicht schon ein Kind fliegen lassen, indem er die Arme 
ausstreckend durchs Zimmer mit ihm eilte, oder Fallen mit ihm ge- 
spielt, indem er es auf den Knien schaukelte und das Bein plötzlich 
streckte, oder es hoch hob und plötzlich tat, als ob er ihm die Un- 
terstützung entziehen wollte. Die Kinder jauchzen dann und verlan- 
gen unermüdlich nach Wiederholung, besonders wenn etwas Schreck 
und Schwindel mit dabei ist; dünn schaffen sie sich nach Jahren die 

sie mir erzählte, sie habe Furcht, sich eine "Wurzel ziehen zu lassen, deren Krone 
fast gänzlich abgebröckelt sei. Sie meinte, das Ziehen wäre bei den Augenzähnen 
besonders schmerzhaft und gefährlich, obwohl ihr anderseits eine Bekannte gesagt 
]i;ibe. daß es bei den Zähnen des Oberkiefers (um einen solchen handelte es sich 
bei ihr) leichter gehe. Diese Bekannte habe ihr auch erzählt, ihr sei einmal in 
der Narkose ein falscher Zahn gezogen worden, eine Mitteilung, welche ihre Scheu 
vor der notwendigen Operation nur vermehrt habe. Sie fragte mich dann, ob 
Unter Augenzähnen Backen- oder Eckzähne zu verstehen seien, und was über diese 
bekannt sei. Ich machte sie einerseits auf den abergläubischen Einschlag in all 
diesen Meinungen aufmerksam, ohne jedoch die Betonung des richtigen Kernes 
mancher volkstümlicher Anschauungen zu versäumen. Sie weiß darauf von einem 
ihrer Erfahrung nach sehr alten und allgemein bekannten Volksglauben zu be- 
richten, der behauptet: "Wenn eine Schwangere Zahnschmerzen hat, 
.so bekommt sie einen Buben. 

III. Dieses Sprichwort interessierte mich mit Rücksicht auf die von Freud 
in seiner Traumdeutung (2. Aufl., p. 193 f.) mitgeteilte typische Bedeutung der 
Zahnreizträume als Onanieersatz, da ja auch in dem Volksspruch der Zahn und 
das männliche Genitale (Bub) in eine gewisse Beziehung gebracht werden. Ich 
las also am Abend desselben Tages die betraffende Stelle in der Traumdeutung 
nach und fand dort unter anderem die im folgenden wiedergegebenen Ausführun- 
gen, deren Einfluß auf meinen Traum ebenso leicht zu erkennen ist wie - die Ein- 
wirkung der beiden vorgenannten Erlebnisse. Freud schreibt von den Zahnreiz- 
I räumen, ,daß bei Männern nichts anderes als das Onaniegelüste der Pubertäts- 
zeit die Triebkraft dieser Träume abgebe', (p. 193). Ferner: ,Ich meine, daß 
auch die häufigen Modifikationen des typischen Zahnreiztraumes, z. B. daß ein 
anderer dem Träumer den Zahn auszieht und ähnliches, durch die gleiche Auf- 
klärung verständlich werden. Bätseihaft mag es aber scheinen, wieso der Zahn- 
reiz zu dieser Bedeutung gelangen kann. Ich mache hier auf die so häufige 
Vorlegung von unten nach oben (im vorliegenden Traume auch vom Unter; 
kicTer in den Oberkiefer) aufmerksam, die im Dienste der Sexualverdrängung steht 
und vermöge welcher in der Hysterie allerlei Sensationen und Intentionen, die 
sich an den Genitalien abspielen sollten, wenigstens an anderen eiawandfre-ien 
Körperstellen realisiert werden können' (p. 191). .Aber ich muß auch auf einen 
anderen im sprachlichen Au -druck enthaltenen Zusammenhang hinweisen. In un- 
seren Landen existiert eine unfeine Bezeichnung für den masturbatorischen Akt: 
sich einen ausreißen oder sich einen herunterreißen' (p. 195). Dieser Ausdruck 
war mir schon in früher Jugend als Bezeichnung für die Onanie geläufig und 
von hier aus wird der geübte Traumdeuter unschwer den Zugang zum Kindheits- 
material, das diesem Traume zu Grunde liegen mag, finden. Ich erwähne nur noch, 
daß die Leichtigkeit, mit der im Traume clor Zahn, der sich nach dem Ziehen in 
einen oberen Schneidezahn verwandelt, herausgeht, mich an einen Vorfall meiner 
Kinderzeit erinnert, wo ich mir einen wackligen oberen Vorderzahn leicht 
und schmerzlos selbst ausriß. Dieses Ereignis, das mir heute noch in allen 
seinen Einzelheiten deutlich erinnerlich ist, fällt in dieselbe frühe Zeit, in die 
bei mir die ersten bewußten Onaaieversuchc zurückgehen (Deckerinnerung). 

Der Hinweis Freuds auf eine Mitt ilung von C. G. Jung, wonach die 
Zahnreiz träume bei Frauen die Bedeutung von Geburts träumen ha" en 
(Traumdeutung S. 194 Anmkg.), sowie der Volksglaube von der Bedeutung des 
Zahnschmerzes bei Schwangeren haben di- Gegenüberstellung der weiblichen Be- 
deutung gegenüber der männlichen (Pubertät) im Traume veranlaßt. Dazu er- 



Fliegen und Schweben. 267 

Wiederholung im Traume, lassen afoer im Traume die Hände weg, 
die sie gehalten haben, so daß sie nun frei schweben und fallen. Die 
Vorliebe aller kleinen Kinder für solche Spiele wie für Schaukeln 
und Wippen ist bekannt ; wenn sie dann gymnastische Kunststücke im 
Zirkus sehen, wird die Erinnerung von neuem aufgefrischt. Bei man- 
chen Knaben besteht dann der hysterische Anfall nur aus .Reproduk- 
tionen solcher Kunststücke, die sie mit großer Geschicklichkeit aus- 
führen. Nicht selten sind bei diesen an sich harmlosen Bewegungs- 
innere ich mich eines früheren Traumes, wo mir, bald nachdem ich aus der Be- 
handlung eines Zahnarztes entlassen worden war, träumte, daß mir die eben einge- 
setzten Goldkronen' herausfielen, worüber ich mich wegen des bedeutenden Kosten- 
aufwandes, den ich damals noch nicht ganz verschmerzt hatte, im Traume sehr 
ärgerte. Dieser Traum wird mir jetzt im Hinblick auf ciu gewisses Erlebnis als 
Anpreisung der materiellen Vorzüge der Masturbation gegenüber der in jeder 
Form ökonomisch nachteiligeren Objektliebe verständlich (Goldkronen) und ich 
glaube, daß die Mitteilung jener Dame über die Bedeutung des Zahnschmerzes 
bei Schwangeren, diese Gedankengänge in mir wieder wachrief.'' 

So weit die ohne weiteres einleuchtende und, wie ich glaube, auch einwand- 
freie Deutung des Kollegen, der ich nichts hinzuzufügen habe als etwa den Hin- 
weis auf den wahrscheinlichen Sinn des zweiten Traumteiles, der über die Wort- 
briieken: Zahn-(ziehen-Zug; reißeu-reisen) den allem Anschein nach unter Schwie- 
rigkeiten vollzogenen Übergang des Träumers von der Masturbation zum Ge- 
schlechtsverkehr (Tunnel, durch den die Züge in verschiedenen Richtungen hinein- 
\md herausfahren) sowie die Gelähren desselben (Schwangerschaft; Überzieher) 
darstellt. 

Dagegen scheint mir der Fall theoretisch nach zwei Richtungen interessant. 
Erstens ist es beweisend für den von Freud aufgedeckten Zusammenhang, dali 
die Ejakulation im Traume beim Akt des Zahnziehens erfolgt. Sind wir doch 
genötigt, die Pollution, in welcher Form immer sie auftreten mag, als eine mastur- 
batorische Befriedigimg anzusehen, welche ohne Zuhilfenahme mechanischer Rei- 
zungen zu Stande kommt. Dazu kommt, daß in diesem Falle die pollutionis tische 
Befriedigung nicht wio sonst an einem, wenn auch nur imaginierten Objekte er- 
folgt, sondern objektlos, wenn man so sagen darf, rein autoerotisch ist uud höch- 
stens einen leisen homosexuellen Einschlag (Zahnarzt) erkennen läßt. 

Der zweite Funkt, der mir der Hervorhebung wert erscheint, ist folgender: 
,,Es liegt der Einwand nahe, daß die Freud sehe Auffassung hier ganz übcrflüssigcr- 
weiso geltend gemacht zu werden suche, da doch die Erlebnisse des Vortages 
allein vollkommen hinreichen, uns den Inhalt des Traumes verständlich zu machen. 
Der Besuch beim Zahnarzt, das Gespräch mit der Dame und die Lektüre der 
Traumdeutung erklärten hinreichend, daß der auch nachts durch Zahnschmerzen 
beunruhigto Schläfer diesen Traum produziere; wenn man durchaus wolle, sogar 
zur Beseitigung des schlafstörenden Schmerzes (mittels der Vorstellung von der 
Entfernung des schmerzenden Zahnes bei gleichzeitiger Übertönung der gefüroh- 
teten Schmerzempfindung durch Libido). Nun wird man aber selbst bei den 
weitestgehenden Zugeständnissen in dieser Richtung die Behauptung nicht ernst- 
haft vertreten wollen, daß die Lektüre der Frcudschcn Aufklärungen den Zu- 
sammenhang von Zahnziehen und Masturbatiousakt in dem Träumer hergestellt 
oder auch nur wirksam gemacht haben könnte, wenn er nicht, wie der Träumer 
selbst eingestanden hat (.sich einen ausreißen") längst vorgebildet gewesen wäre. 
Was vielmehr diesen Zusammenhang neben dem Gespräch mit der Dame belebt 
haben mag, ergibt die spätere Mitteilung des Träumers, daß er bei der Lektüre 
der Traumdeutung aus begreiflichen Gründen an diese typische Bedeutung der 
Zahnreizlräuinc nicht recht glauben mochte uud den "Wunsch hegte, zu wissen, 
ob dies für allo derartigen Träume zutreffe. Der Traum bestätigt ihm nun das 
wenigstens für seine eigene Person und zeigt ihm so, warum er daran zweifeln 
mußte. Der Traum ist also auch in dieser Hinsicht die Erfüllung eines Wunsches: 
nämlich sich von der Tragweite uud der Haltbarkeit dieser Freudschen Auf- 
fassung zu überzeugen." 



b. 



263 ^ "'• Die Trauniarbeit. 

spielen auch sexuelle Empfindungen wachgerufen worden*. Um es 
mit einem bei uns gebräuchlichen, all diese Veranstaltungen decken- 
den "Worte zu sagen: es ist das „Hetzen" in der Kindheit, welches 
die Träume vom Fliegen, Fallen, Schwindeln u. dgl. wiederholen, dessen 
Lustgefühle jetzt in Angst verkehrt sind. Wie absr jede Mutter weiß, 
ist auch das Hetzen der Kinder in der "Wirklichkeit häufig genug 
in Zwist und "Weinen ausgegangen. 

Ich habe also guten Grund, die Erklärung abzulehnen, daß der 
Zustand unserer Hautgef ühle während des Schlafes, die Sensationen 
von der Bewegung unserer Lungen u. dgl. die Träume vom Fliegen 
und Fallen hervorrufen. Ich sehe, daß diese Sensationen selbst aus 
der Erinnerung reproduziert sind, auf welche der Traum sich be- 
zieht, daß sie also Trauminhalt sind und nicht Traumqucllen. 

Dieses gleichartige und aus der nämlichen Quelle stammende 
Material von Bewegungsempfindungen wird nun zur Darstellung der 
allermannigfaltigsten Traumgedanken verwendet. Die meist lustbeton- 
ten Träume vom Fliegen oder Schweben erfordern die verschiedensten 
Deutungen, ganz spezielle bei einigen Personen, Deutungen von selbst 
typischer Natur bei anderen. Eine meiner Patientinnen pflegte sehr 
häufig zu träumen, daß sie über die Straße in einer gewissen Höhe 
schwebe, ohne den Boden zu berühren. Sie war sehr klein gewachsen 
und scheute jede Beschmutzung, die der Verkehr mit Menschen mit 
sich bringt. Ihr Schwebetraum erfüllte ihr beide Wünsche, indem er 
ihre Füße vom Erdboden abhob und ihr Haupt in höhere Regionen 
ragen ließ. Bei anderen Träumerinnen hatte der Fliegetraum die Be- 
deutung der Sehnsucht: Wenn ich ein Vöglein war'; andere wurden 
so nächtlicherweisc zu Engeln in der Entbehrung, bei Tage so ge- 
nannt zu werden. Die nahe Verbindung des Fliegens mit der Vor- 
stellung des Vogels macht es verständlich, daß der Fliegertraum bei 
Männern meist eine grobsinnliche Bedeutung: hat. Wir werden uns 
auch nicht verwundern, zu hören, daß dieser oder jener Träumer 
jedesmal sehr stolz auf sein Fliegenkönnen ist. 

Dr. Paul Federn (Wien) hat die bestechende Vermutung aus- 
gesprochen, daß ein guter Teil der Fliegeträume Erektionsträume sind, 
da das merkwürdige und die menschliche Phantasie unausgesetzt be- 
schäftigende Phänomen der Erektion als Aufhebung der Schwerkraft 
imponieren muß. (Vgl. hiezu die geflügelten Phallen der Antike.) 

Es ist bemerkenswert, daß der nüchterne und eigentlich jeder 
Deutung abgeneigte Traumexperimentator Mourly Vold gleichfalls 
die erotische Deutung der Fliege- (Schwebe-) Träume vertritt (Bd. II, 
p. 791). Er nennt die Erotik das „wichtigste Motiv zum Schwebe- 

* Ein junger, von Nervosität freier Kollege teilt mir hiezu mit: „Ich weiß 
aus eigener Erfahrung, daß ich früher beim Schaukeln, und zwar in dem Moment, 
wo die Abwärtsbewegung die größte Wucht hat, ein eigentümliches Gefühl in den 
Genitalien bekam, das ich, obwohl es mir eigentlich nicht angenehm war, doch 
•ils Lustgefühl bezeichnen muß." — Von Patienten habe ich oftmals gehört, daß 
die ersten Erektionen mit Lustgefühl, die sie erinnern, in der Knabenzeit beim 
Klettern aufgetreten sind. — Aus den Psychoanalysen ergibt sich mit aller Sicher- 
heit, daß häufig die ersten sexuellen liegungen in den Rauf- und Ilmgspielen der 
Kinderjahre wurzeln. . • 



Fallen, Schwimmen. Feuerträume. 2G9 

träum", b&ruft sich auf das starke Vibra-tiensgefühl im Körper, wel- 
ches diese Träume begleitet, und auf die häufige Verbindung solcher 
Träume mit Erektionen oder Pollutionen. 

Die Träume vom fallen tragen häufiger den Angslcharaktcr. 
Ihre Deutung unterliegt bei Frauen keiner Schwierigkeit, da sie fast 
regelmäßig die symbolische Verwendung des Fallen* akzeptieren, wel- 
ches die Nachgiebigkeit gegen eine erotische Versuchung umschreibt. 
Die infantilen Quellen des Falllraumes haben wir noch nicht erschöpft; 
fast alle Kinder sind gelegentlich gefallen und wurden dann auf- 
gehoben und geliebkost; wenn sie nachts aus dem Bcttchen gefallen 
waren, von ihrer Pflegeperson in ihr Bett genommen. 

Personen, die häufig vom Schwimmen träumen, mit großem 
Behagen die AVellen teilen usw., sind gewöhnlich Bettnässer gewesen 
und wiederholen nun im Traume eine Lust, auf die sie seit langer 
Zeit zu verzichten gelernt haben. Zu welcher Darstellung sich die 
Träume vom Schwimmen leicht bielen, werden wir bald an dem einen 
oder dem anderen Beispiele erfahren. 

Die Deutung der Träume vom Feuer gibt einem Verbot der 
Kinderstube Recht, welches die Kinder nicht „zündeln" heißt, damit 
sie nicht nächtlicherweile das Bett nässen sollen. Es liegt nämlich 
auch ihnen die Reminiszenz an die Enuresis nocturna der Kinder- 
jahre zu Grunde. In dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse" 1905 
habe ich die vollständige Analyse und Synthese eines solchen Feuer- 
traumes im Zusammenhange mit der Krankengeschichte der Träumerin 
gegeben und gezeigt, zur Darstellung welcher Regungen reiferer Jahre 
sich dieses infantile Material verwenden läßt. 

Man könnte noch eine ganze Anzahl von „typischen" Träumen 
anführen, wenn man darunter die Tatsache der häufigen Wiederkehr 
des gleichen manifesten Trauminhaltes bei verschiedenen Träumern 
versteht, so z. B. : Die Träume vom Gehen durch enge Gassen, vom 
Gehen durch eine, ganze Flucht von Zimmern, die Träume vom nächt- 
lichen Räuber, dem auch die. Vorsichtsmaßregeln der Nervösen vor 
dem Schlafengehen gelten, die von Verfolgung durch wilde Tiere 
(Stiere, Pferde) oder von Bedrohung mit Messern, Dolchen, Lanzen, 
die beide letztere für den manifesten Trauminhalt von Angstleidendcn 
charakteristisch sind u. dgl. Eine Untersuchung, die sich speziell mit 
diesem Material beschäftigen würde, wäre sehv dankenswert. Ich habe 
an ihrer Statt zwei Bemerkungen zu bieten, die sich aber nicht aus- 
schließlich auf typische Träume beziehen. 

I. Je mehr man sich mit der Lösung von Träumen beschäftigt, 
desto bereitwilliger muß man anerkennen, daß die Mehrzahl der Träume 
Erwachsener sexuelles Material behandelt und erotische "Wunsche zum 
Ausdruck bringt. Nur wer wirklich Träume analysiert, d„ h. vom 
manifesten Inhalt derselben zu den latenten Traumgedanken vordringt, 
kann sich ein Urteil hierüber bilden, nie wer sich damit begnügt, 
den manifesten Inhalt zu registrieren (wie z. B. Näcke in seinen 
Arbeiten über sexuelle Träume). Stellen wir gleich fest, daß diese 
Tatsache uns nichts Überraschendes bringt, sondern in voller Uber- 



Sammlung kl. Schriften Z: Neuroscnlchre. Zweite Folge, 1909. 



270 VI - Die Traumarbeit. 

einstiminung mit unseren Grundsätzen der Traunierklärung steht Kein 
anderer Trieb hat seit der Kindheit so viel Unterdrückung erfahren 
müssen wie. der Sexualtrieb in seinen zahlreichen Komponenten*, von 
keinem anderen erübrigen so viele und so starke unbewußte Wünsche, 
die nun im Schlafzustande traumerzeugend wirken. Man darf bei 
der Traumdeutung diese Bedeutung sexueller Komplexe niemals ver- 
gessen, darf sie natürlich auch nicht zur Ausschließlichkeit übertreiben. 

An vielen Träumen wird man bei sorgfältiger Deutung feststellen 
können, daß sie selbst bisexuell zu verstehen sind, indem sie eine 
unabweisbare Überdeutung ergeben, in welcher sie homosexuelle, d. h. 
der normalen Geschlechtsbetätigung der träumenden Person entgegen- 
gesetzte Kegungen realisieren. Daß aber alle Träume bisexuell zu 
deuten seien, wie W. St ekel** und Alf. Adler*** behaupten, 
scheint mir eine ebenso unbeweisbare wie unwahrscheinliche Verall- 
gemeinerung, welche ich nicht vertreten möchte. Ich wüßte vor allem 
den Augenschein nicht wegzuschaffen, daß es zahlreiche Träume gibt, 
welche andere als — im weitesten Sinne — erotische Bedürfnisse 
befriedigen, die Hunger- und Durstträume, Bequemlichkeitsträume usw. 
Auch die ähnlichen Aufstellungen, „daß hinter jedem Traum die 
Todesklausel zu finden sei" (St ekel), daß jeder Traum ein ^Fort- 
schreiten von der weiblichen zur männlichen Linie" erkennen lasse 
(Adler), scheinen mir das Maß des in der Traumdeutung Zulässigen 
weit zu überschreiten. — Die Behauptung, daß alle Träume 
eine sexuelle Deutung erfordern, gegen welche in der Li- 
teratur unermüdlich polemisiert wird, ist meiner „Traumdeutung" 
fremd., Sie ist in fünf Auflagen dieses Buches nicht zu finden und 
steht in greifbarem Widerspruch zu anderem Inhalt desselben. 

Daß die auffällig harmlosen Träume durchwegs grobe ero- 
tische Wünsche verkörpern, haben wir bereits an anderer Stelle be- 
hauptet und könnten wir durch zahlreiche neue Beispiele erhärten. 
Aber auch viele indifferent scheinende Träume, denen man nach keiner 
Richtung etwas Besonderes anmerken würde, führen sich nach der 
Analyse auf unzweifelhaft sexuelle Wunsehregungen oft unerwarteter 
Art zurück. Wer würde z. B. bei nachfolgendem Traume einen se- 
xuellen Wunsch vor der Deutungsarbeit vermuten? Der Träumer er- 
zählt: Zwischen zwei stattlichen Palästen steht etwas 
zurücktretend ein kleines Häuschen, dessen Tore ge- 
schlossen sind. Meine Frau führt mich das Stück der 
Straße bis zu dem Häuschen hin, drückt die Tür ein, 
und dann schlüpfe ich rasch und leicht in das Innere 
eines schräg aufsteigenden Hofes. 

AVer einige Übung im Übersetzen von Träumen hat, wird aller- 
dings sofort daran gemahnt werden, daß das Eindringen in enge Räume, 
das öffnen verschlossener Türen zur gebräuchlichsten sexuellen Sym- 
bolik gehört, und wird mit Leichtigkeit in diesem Traume eine Dar- 

* Vgl. des Verf. „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie", 1905, 3. Aufl. 191"). 
"** Die Sprache des Traumes, 1911. 

*** Der psychische Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose, Fort- 
schritte der Medizin 1910. Nr. 16, und spätere Arbeiten ira Zentralblatt für Psycho- 
analyse I, 1910/11. '•' 



Vorwiegen sexueller Wünsche in den latenten Traumgedanken. ^IX. 

Stellung eines Koitusversuches von rückwärts (zwischen den beiden 
stattlichen Hinterbacken des weiblichen Körpers) finden. Der enge, 
M'hr;'iv; aufsteigende Uang ist. natürlich die Scheide; die der Frau des 
Träumers zugeschobene Hilfeleistung nötigt zur Deutung, daß in Wirk- 
lichkeit nur die Rücksicht auf die Ehefrau die Abhaltung von einem 
solchen Versuche besorgt, und eine. Erkundigung ergibt, daß am 
Traumtag ein junges Mädchen in den Haushalt des Träumers ein- 
getreten ist, welches sein Wohlgefallen erregt und ihm den Eindruck 
gemacht hat, als würde es sich gegen eine derartige Annäherung 
nicht zu sehr sträuben. Das kleine Haus zwischen den zwei Palästen 
ist von einer Reminiszenz an den Hradschin in Prag hergenommen und 
weis!, somil auf das nämliche aus dieser Stadt stammende Mädchen hin. 

Wenn ich gegen Patienten die Häufigkeit des Odipuslraumcs, 
mit der eigenen Mutter geschlechtlich zu verkehren, betone, so be- 
komme ich zur Antwort: Ich kann mich an einen solchen Traum 
nicht erinnern. Gleich darauf steigt aber die Erinnerung an einen 
anderen, unkenntlichen und indifferenten. Traum auf, der sich bei dem 
Pet reffenden häufig wiederholt hat, und die Analyse zeigt, daß dies 
ein Traum des gleichen Inhaltes, nämlich wiederum ein ödipustraum 
ist. Ich kann versichern, daß die verkappten Träume vom Sexual- 
verkehre, mit der Mutter um ein Vielfaches häufiger sind als die 
au 1 richtigen*. 

Es gibt Träume von Landschaften oder örtlichkeiten, bei denen 
im Traume noch die Sicherheit betont wird: Da war ich schon ein- 
mal. Dieses „Deja yu" hat aber im Traum eine besondere Bedeutung. 
Diese örtlichkeit ist dann immer das Genitale der .Mutter; in der 
Tat kann man von keiner anderen mit. solcher Sicherheit behaupten, 
daß man „dort schon einmal war". Ein einziges Mal brachte mich 
ein Zwangsneurotiker durch die Mitteilung eines Traumes in Ver- 





kappte ödipus 
"c (Internal, 
igenträumc" 

sage wie anderwärts als Stellvertretung ÄTäitaÄrnT Bellten WttMfnu 
auch che symbolische Deutung der unverhüllten Odipusträume nicht fremd. <W 
O Rank, Jahrb. II, p 68«: : „So ist von J„li lls Cäsar ein Traum vom geschlecht- 
lichen \ erkehr mit der Mutter überliefert, den die Traumdeuter als jruMti«n»s 
Vorzeichen für die Besitzergreifung der Erde (Mutter-Erde) auslebten. Ebenso 
bekannt ist das den larqiiinicrn gegebene Orakel, demjenigen von ihnen werde 
die Herrschaft Borns zufallen, der zuerst die Mutter küsse (osculura matri 
l.iilerit), was Brutus als Hinweis auf die Mutter-Erde auffaßte (terram osculo 
contipit, sei licet quod ea communia mater omnium mortalium esset. Livius I, 
LXI). Vgl. hiezu den Traum des Hippias bei Herodot VI, 107: „Die Barbaren 
aber führte Hippias nach Marathon, nachdem er in der vergangenen Nacht fol- 
gendes Traumgesicht gehabt: Es deuchte dem Hippias, er schliefe bei seiner 
eigenen Mutter. Aus diesem Traume schloß er nun, er würde heimkommen nach 
Athen und seine Herrschaft wieder erhalten und im Vaterlande sterben in seinen 
alten Tagen. - ' Diese Mythen und Deutungen weisen auf eine richtige psycho- 
logische- Erkenntnis hin. Ich habe gefunden, daß die Personen, die sich von der 
Mutter bevorzugt oder ausgezeichnet wissen, im Leben jene besondere Zuversicht 
zu sich selbst, jenen unerschütterlichen Optimismus bekunden, die nicht selten 
als heldenhaft erscheinen und den wirklichen Erfolg erzwingen. 



o^2 VI. Die Traumarbeit. 

legenheit, in dem es hieß, er besuche eine Wohnung, in der er schon 
zweimal gewesen sei. Gerade dieser Patient hatte mir aber längere 
Zeit vorher als Begebenheit aus seinem sechsten Lebensjahre erzählt, 
er habe damals einmal das Bett der Mutter geteilt und die Gelegenheit 
dazu mißbraucht, den Finger ins Genitale der Schlafenden einzuführen. 

Einer großen Anzahl von Träumen, die häufig angsterfüllt sind, 
oft das Passieren von engen Räumen oder den Aufenthalt im Wasser 
zum Inhalt haben, liegen Phantasien über das Intrauterin leben, das 
Verweilen im Mutterleibe und den Geburtsakt zu Grunde. Jni fol- 
genden gebe ich den Traum eines jungen Mannes wieder, der in der 
Phantasie schon die intrauterine Gelegenheit zur Belauschung eines 
Koitus zwischen den Eltern benutzt. 

Er befindet sich in einem tiefen Schacht, in dem 
ein Fenster ist wie im Semmeringtunnel- Durch dieses 
sieht er zuerst leere Landschaft und dann komponiert 
er ein Bild hinein, welches dann auch sofort da ist und 
die Leere ausfüllt. Das Bild stellt einen Acker dar, 
der vom Instrument tief aufgewühlt wird, und die 
schöne Luft, die Idee der gründlichen Arbeit, die da- 
bei ist, die blauschwarzen Schollen machen einen schönen 
Eindruck. Dann kommt er weiter, sieht eine Pädagogik 
aufgeschlagen ... und wundert sich, daß den sexuel- 
len Gefühlen (des Kindes) darin soviel Aufmerksam- 
keit geschenkt wird, wobei er an mich denken muß." 

Ein schöner Wassertraum einer Patientin, der zu einer beson- 
deren Verwendung in der Kur gelangte, ist folgender : 

In ihrem Sommeraufenthalt am **See stürzt sie sich 
ins dunkle Wasser, dort, wo sich der blasse Mond im 
"Wasser spiegelt. 

Träume dieser Art sind Geburtsträume; zu ihrer Deutung ge- 
langt man, wenn man die im manifesten Traume mitgeteilte Tatsache 
umkehrt, also anstatt : sich ins Wasser stürzen, — aus dem Walser 
herauskommen, d. Ji. : geboren werden*. Die Lokalität, aus der man 
geboren wird, erkennt man, wenn man an den mutwilligen Sinn von 
,,la lune' ; im Französischen denkt. Der blasse Mond ist dann der weiße 
Popo, aus dem das Kind hergekommen zu sein bald errät. Was soll 
es nun heißen, daß die Patientin sich wünscht, in ihrem Sommer- 
aufenthalt , .geboren zu werden"? Ich befrage die Träumerin, die ohne 
zu zögern antwortet: Bin ich nicht durch die Kur wie neugeboren? 
So wird dieser Traum zur Einladung, die Behandlung an jenem 
Sommerorte fortzusetzen, d. h. sie dort zu besuchen; er enthält viel- 
leicht auch eine ganz schüchterne Andeutung des Wunsches, selbst 
Mutter zu werden**. 



* Über die mythologische Bedeutung der Wassergeburt siehe Bank: Der 
Mythus von der Geburt des Helden, 1909. 

** Die Bedeutung der Phantasien und unbewußten Gedanken über das Leben 
im Mutterleibe habe ich erst spät würdigen gelernt. Sie enthalten sowohl die 
Aufklärung für die sonderbare Angst so vieler Menschen, lebendig begraben zu 
werden, als auch die tiefste unbewußte Begründung des Glaubens an ein Port- 



Goburtgtränme. 273 

Einen anderen. Gcburtslraum entnehme ich samt seiner Deutung 
einer Arbeit von E.Jones: „Sie stand am Meeresufer und 
beaufsichtigte einen kleinen Knaben, welcher der ihrige 
zu sein schien, während er ins "Wasser watete. Dies tat 
er so weit, bis das Wasser ihn bedeckte, so daß sie 
nur noch seinen Kopf sehen konnte, wie er sich an der 
Oberfläche auf und nieder bewegte. Die Szene ver- 
wandelte sich dann in die gefüllte Halle eines Ho- 
tels. Ihr Gatte verließ sie, und sie ,trat in ein Ge- 
spräch mit' einem Fremden." 

„Die zweite Hälfte des Traumes enthüllte sich ohne weiteres bei 
der Analyse als Darstellung einer Flucht von ihrem Gatten und An- 
knüpfung intimer Beziehungen zu einer driften Person. Der erste 
Teil dos Traumes war eine offenkundige Geburtsphantasie. In den 
Träumen wie in der Mythologie wird die Entbindung eines Kindes 
ans dem Fruchtwasser gewöhnlieh mittele Umkehrung als Eintritt 
des Kindes ins Wasser dargestellt; neben vielen anderen bieten die 
Geburt des Adonis, Osiris, Moses und Bacchus gut bekannte Beispiele 
hiei'ür. Das Auf- und Niedertauchen des Kopfes im Wasser erinnert 
die Patientin sogleich an die Empfindung der •Kindesbewegungen, 
welche sie während ibrer einzigen Schwangerschaft kennen gelernt 
hatte. Der Gedanke an den ins Wasser steigenden Knaben erweckt 
eine Träumerei, in welcher sie sich selbst sah, wie sie ihn aus dem 
Wasser herauszog, ihn in die Kinderstube führte, ihn wusch und 
kleidete und schließlich in ihr Haus führte- 

„Die zweite Hälfte des Traumes stellt also Gedanken dar, welche 
das Fortlaufen bei reffen, das zu der ersten Hälfte der verborgenen 
Traumgedanken in Beziehung steht; die erste Hälfte des Traumes ent- 
spricht dem latenten Inhalt der zweiten Hälfte, der Geburtsphantasic. 
Außer der früher erwähnten Umkehrung greifen weitere Umkehrungen 
in jeder Hälfte des Traumes Platz. In der ersten Hälfte geht das, Kind 
in das Wasser und dann baiimelt sein Kopf; in den zu Grunde 
liegenden Traumgedanken tauchen erst die Kindesbewegungen auf 
und dann verläßt das Kind das Wasser (eine doppelte Umkehrung). 
In der zweiten Hälfte verläßt ihr Gatte sie; in den Traumgedanken 
verläßt sie ihren Gatten." (Übersetzt von 0. Rank.) 

Einen weiteren Geburtstraum erzählt Abraham von einer jun- 
gen, ihrer ersten Entbindung entgegensehenden Frau. Von einer Stelle 
des Fußbodens im Zimmer führt ein unterirdischer Kanal direkt ins 
Wasser (Geburtsweg — Fruchtwasser). Sie hebt eine Klappe im Fuß- 
linden auf und sogleich erscheint ein in einen bräunlichen Pelz ge- 
kleidetes Geschöpf, das beinahe einem Seehund gleicht. Dieses Wesen 
entpuppt sich als der jüngere Bruder der Träumerin, zu dem sie 
von jeher in einem mütterlichen Verhältnis gestanden hatte. 

Rank hat an einer Reihe von Träumen gezeigt, daß die Geburts- 
träume sich derselben Symbolik bedienen wie die Harnreizträume. 

leben nach dem Tode, welches nur die Projektion in die Zukunft dieses unheim- 
lichen Lebens vor der Geburt darstellt. Der Geburtsakt ist übrigens das 
erste Angstorlebnis und somit Quelle und Vorbild des Angst- 
affektes. 

Freud, Traumdeutung, 5. Aufl. 18 



274 VI - Die Traumarbeit. 

Der erotische Reiz wird in ihnen als Harnreiz dargestellt; die Schich- 
tung der Bedeutung in diesen Träumen entspricht einem Bedeutungs- 
wandel des Symbols seit der Kindheit. 

Wir dürfen hier auf das Thema zurückgreifen, das wir S. 166 
abgebrochen hatten, auf die Rolle organischer, schlafstörender Reize 
für die Traumbildung. Träume, die unter diesen Einflüssen zu Stande 
gekommen sind, zeigen uns nicht nur die Wunscherfüllungstendenz 
und den Bequemlichkeitscharakter ganz offen, sondern sehr häufig 
auch eine völlig durchsichtige Symbolik, da nicht selten ein Reiz 
zum Erwachen führt, dessen Befriedigung in symbolischer 
Einkleidung im Traume bereits vergeblich versucht 
worden war. Dies gilt für die Pollutionsträume wie für die durch 
Harn und Stuhldrang ausgelöst en. Der eigentümliche Charakter der 
Pollutionsträume gestattet uns nicht nur gewisse, bereits als typisch 
erkannte, aber doch heftig bestrittene Sexualsymbole direkt zu ent- 
larven, sondern vermag uns auch zu überzeugen, daß manche schein- 
bar b armlose Traumsituation auch nur das symbolische Vorspiel einer 
grob sexuellen Szene ist, die jedoch meist nur in den relativ seltenen 
Pollutionsträumen zu direkter Darstellung gelangt, während sie oft 
genug in einen Angstiraum umschlägt, der gleichfalls zum Erwachen 
führt. 

Die Symbolik der Harnreizträume ist besonders durchsichtig 
und seit jeher erraten worden. Schon Hippokrates vertrat die 
Auffassung, daß es eine Störung der Blase bedeutet, wenn man von 
Fontänen und Brunnen träumt (H. Ellis). Scherner hat die Man- 
nigfaltigkeit der Harnreizsymbolik studiert und auch bereits behaup- 
te!, daß „der stärkere Harnreiz stets in die Reizung der Geschlechts- 

sphäre und deren symbolische Gebilde umschlägt Der Ha.rn- 

reiztrauni ist oft der Repräsentant des Geschlechtstraumes zugleich". 

0. Rank, dessen Ausführungen in semer Arbeit über die „Sym- 
bolschichtung im Wecktraum" ich hier gefolgt bin, hat es sehr wahr- 
scheinlich gemacht, daß eine große Anzahl von „Harnreizträumen" 
eigentlich durch sexuellen Reiz verursacht werden, der sich zunächst 
auf dem Wege der Regression in der infantilen Form der ürethral- 
erotik zu befriedigen sucht. Besonders lehrreich sind dann jene Fälle, 
in denen der so hergestellte Harnreiz zum Erwachen und zur Blasen- 
entleerung führt, worauf aber trotzdem der Traum fortgesetzt wird 
und sein Bedürfnis nun in unverhüllten erotischen Bildern äußert*. 

In ganz analoger Weise decken die Darm reizträume die 
dazugehörige Symbolik auf und bestätigen dabei den auch völker- 
psychologisch reichlich belegten Zusammenhang von Gold und Kot**. 



* „Die gleichen Symboldarstellungen, die im infantilen Sinne dem vesikalen 
Traume zu Grunde liegen, erscheinen im „rezenten" Sinne in exquisit sexueller 
Bedeutung: "Wasser = Urin == Sperma = Geburtswasser; Schiff = „schiffen" (uri- 
nieren) = Fruchtbehälter (Kasten) ; naß werden = Enuresis = Koitus = Gravi- 
dität; schwimmen = Urinfülle = Aufenthalt des Ungeborenen; Regen = Uri- 
nieren = Befruchtungssymbol; Reisen (fahren = Aussteigen) = Aufstehen aus 
dem Bett = Geschlechtlich verkehren („fahren", Hochzeitsreise); Urinieren == 
sexuelle Entleerung (Pollution)". (Rank 1. c.) 

** Freud, Charakter und Analerotik; Rank, Die Symbolschichtung etc.; 
Dattnor, Tntern. Zeitschr. f. Psych. I, 1913; Reik, Intern. Zritschr. III, 1915. 






. 






Harn- und Darmreiz. — Rettung;»- und Rilubertrüume. 21& 

„So träumt z. B. cino Frau zur Züit, da sie wegen' einer Darra- 
stör ung in ärztlicher Behandlung steht, von einem Schatzgräber, 
der in der Nähe einer kleinen Holzhütte, die wie ein ländlicher Abort 
aussieht, einen Schatz vergräbt. Ein zweiter Teil des Traumes hat 
zum Inhalt, wie sie ihrem Kind, einem kleinen Mädcrl, das pich 
beschmutzt hat, den Hintern abwischt." 

Den Geburts träumen schließen sich die Träume von „Ret- 
tung e n" an. Betten, besonders aus dem Wasser retten, ist gleich- 
bedeutend mit gebären, wenn es von einer Frau geträumt wird, modi- 
fiziert aber diesan Sinn, wenn der Träumer ein Mann ist. (Siehe einen 
solchen Traum bei Ff ist er: Ein Fall von psychoanalytischer Seel- 
sorge und Scelenheilung. Evangelische Freiheit, 1009.) — Über das 
Symbol des ,Rottens" vgl. meinen Vortrag: Die zukünftigen Chancen 
der psychoanalytischen Therapie. Zentralblatt f. Psychoanalyse, Nr. 1, 
1910, sowie: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens, I. Über einen 
besonderen Typus der Objektwald beim Manne, Jahrbuch f. Ps.-A., 
Bd. TT, 1910*. 

. Die Räuber, nächtlichen Einbrecher und Gespenster, vor denen 
man sich vor dem Zubettgehen fürchtet, und die auch gelegentlich 
den Schlafenden heimsuchen, entstammen einer und derselben infan- 
tilen Reminiszenz. Es sind die. nächtlichen Besucher, die das Kind 
aus dem Schlafe geweckt haben, um es auf den Topf zu setzen, damit 
es das Bett nicht nässe, oder die die Decke gehoben haben, um sorg- 
sam nachzuschauen, wie ©s während des Schlafens die Hände hält. 
Aus den Analysen einiger dieser Angstträume habe ich noch die 
Person des nächtlichen Besuchers zur Agnoszicrung bringen können. 
Der Käuber war jedesmal der Vater, die Gespenster werdm wohl eher 
weiblichen Personen im weißen Na'chtgewande entsprechen. 

/) Beispiele von Darstellungen. - Rechnen und Reden 

i m Trau me. 

Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden 
Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner 
rraumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche teils das Zu- 
sammenwirken der drei uns liekannten Momente erläutern, teils Be- 
weise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unabweisbare 
Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja in der vor- 
stellenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer geworden, meine 
Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele für die einzelnen 
Sälz3 sind nur im Zusammenhange einer Traumdeutung beweiskräftig; 
aus dem Zusammenhange gerissen, büßen sie ihre Schönheit ein, und 
eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung wird bald so umfang- 
reich, daß sie den Faden der Erörterung, zu deren Tllustrierung sie 
dienen soll, verlieren läßt- Dieses technische Motiv mag entschuldigen, 
wenn ich nun allerlei aneinanderreihe, was nur durch die Beziehung 
auf den T ext des vorstehenden Abschnittes zusammengehalten wird. 

* Ferner Rank, Belege zur Rettungsphantasie (Zentralblatt f. Ps.-A. T, 1910, 
P- 331); Reik, Zur Rettungssymbolik (ebenda, p, '109); Rank, Die „Geburts- 
rettungsphantasie" in Traum und Dichtung (Intern. Zeitsohr. f. Psych. II, 1914). 

18* 



276 VI - Die Traumarbeit. 

Zunächst einige Beispiele von "besonders eigentümlichen oder von 
ungewöhnlichen Daxstellungsweisen im Traume Im Traume einer Dame 
heißt es: Ein S tu beim äd chen steht auf der Leiter w'ic 
zum Fensterputzen und hat einen Schimpansen und 
eine Gorillakatze (später korrigiert: Angorakatze) bei sich.- 
Sie wirft die Tiere auf, die Träumerin; der Schimpanse 
schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel- 
haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches 
Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und 
naeli ihrem "Wortlaute darstellte. „Affe" wie Tiernamen überhaupt 
sind Schimpfwörter, und die Traumsituation besagt nichts anderes 
als „mit Schimpfworten u<m sich werfe n". Diese selbe Samm- 
lung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses ein- 
fachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen. 

Ganz ähnlich vorfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit 
einem Kinde, das einen auffällig mißbildeten Schädel 
hat; von diese m Kinde hat sie gehört, daß es durch 
die Lage im Mutterleibe so geworden. Man könnte den 
Schädel, sagt der Arzt, durch Kompression in eine 
bessere Form bringen, allein das würde dem Gehirn 
schaden. Sie denkt, da es ein Bub ist, schadet es ihm 
weniger. — Dieser Traum enthält die plastische Darstellung des 
abstrakten Begriffes : „K inder eindrücke", den die Träumerin in 
den Erklärungen zur Kur gehört hat. 

Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden 
Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug 
zum Ililmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter 
draußen: ein armseliges Hotel, von den Wänden tropft das 
Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des Inhaltes 
ist minder direkt im Traume, als ich es bringe.) Der Traum bedeutet 
„überflüssig". Das Abstraktum, das sich in den Traumgedanken 
fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht worden, etwa 
durch „überfließend" ersetzt oder durch „flüssig und überflüssig", 
und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke zur Dar- 
stellung gebracht. Wasser draußen, Wasser innen an den Wänden, 
Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und „über- 
flüssig. — Daß zu Zwecken der Darstellung im Traume die Ortho- 
graphie weit hinter dem Wortklang zurücktritt, wird uns nicht gerade 
wundernehmen, wenn sich z. B. der Beim ähnliche Freiheiten ge- 
statten darf. In einem weitläufigen von Rank mitgeteilten und sehr 
eingehend analysierten Traum eines jungen Mädchens wird erzählt, 
daß sie zwischen Feldern spazieren geht, wo sie schöne Gerste- und 
Kornähren abschneidet. Ein Jugendfreund kommt ihr entgegen, und 
sie will es vermeiden, ihn anzutreffen. Die Analyse zeigt, daß es 
sich um einen Kuß in Ehren handelt (Jahrb. II, p. 491). Die 
Ähren, die nicht abgerissen, sondern abgeschnitten werden sollen, 
dienen in. diesem Traum als solche und in ihrer Verdichtung mit 
Ehre, Ehrungen zur Darstellung einer ganzen Reihe von an- 
deren Gedanken. ....'•> 



JJuispiele von Darstellungen im Tniuiua. 277 

Dafür hat die Sprach© in. anderen Fällen dem Traume die Dar- 
stellung seiner Gedanken sehr leicht gemacht, da sie über eine ganze 
Keiho von Worten verfügt, die ursprünglich bildlich und konkret ge- 
meint waren und gegenwärtig im abgeblaßten, abstrakten Sinne ge- 
braucht werden. Der Traum braucht diesen Worten nur ihre frühere 
volle Bedeutung wiederzugeben oder in den Bedeutungswandel dos 
Wortes ein Stück weit herabzusteigen. Z. B. es träumt jemand, daß 
sein Bruder in einem K asten steckt; bei der Deutungsarbeit ersetzt 
sich der Kasten durch einen „Schrank" und der Traumgedanke 
lautet nun, daß dieser Bruder sich „einschränken" solle, an seiner 
Statt nämlich. Ein anderer Träumer steigt auf einen Berg, von dem 
aus er eine ganz außerordentlich weite Aussicht hat. Er identifiziert 
sich dabei mit einem Bruder, der eine „Rundschau" herausgibt, 
welche sich mit den Beziehungen zum fernsten Osten beschäftigt. 

In einem Traum des „Grünen Heinrich" wälzt sich ein über- 
mütigem Pferd im schönsten Hafer, von dem jedes Korn aber „ein 
süßer Mandelkern, eine Rosine und ein neuer Pfennig" ist, „zu- 
sammen in rote Seide gewickelt und mit einem Endehen Schweins- 
borste eingebunden". Der Dichter (oder der Träumer) gibt uns sofort 
die Deutung dieser Traumdarstellung, denn das Pferd fühlt sich an- 
genehm gekitzelt, so daß es ruft: Der Hafer sticht an ich. 

Besonders ausgiebigen Gebrauch vom Redensart- und Wortwitz- 
traum macht (nach Henzcn) die altnordische Sagalitcraiur, in der 
sieh kaum ein Traumbeispiel ohne Doppelsinn oder Wortspiel findet. 

Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen zu 
sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Prinzipien zu 
ordnen. Manche dieser Darstellungen sind fast witzig zu nennen. 
Man hat den Eindruck, daß man sie niemals selbst erraten hätte, wenn 
der Träumer sie nicht mitzuteilen wüßte: 

1. Ein Mann träumt, man frage ihn nach einem Namen, an 
den er sich aber nicht besinnen könne. Er erklärt selbst, das wolle 
heißen: Es fällt mir nicht im Traume ein. 

2. Eine Patientin erzählt einen Traum, in welchem alle han- 
delnden Personen besonders groß waren. Das will heißen, setzt sie 
hinzu, daß es sich um eine Begebenheit aus meiner frühen Kindheit 
handeln muß, denn damals sind mir natürlich alle Erwachsenen so 
ungeheuer groß erschienen. Ihre eigene Person trat in diesem Traum- 
inhalt nicht auf. 

Die Verlegung in die Kindheit wird in anderen Träumen auch 
anders ausgedruckt, indem Zeit in Raum übersetzt wird. Man sieht 
die betreffenden Personen und Szenen wie weit entfernt am Ende 
einrs langen Weges oder so, als ob man sie mit einem verkehrt g-e- 
riehteten Opernglas betrachten würde. 

3. Ein im Wachleben zu abstrakter und unbestimmter Ausdrucks- 
weise geneigter Mann, sonst mit gutem Witz begabt, träumt in «-c- 
wissc-m Zusammenhange, daß er auf einen Bahnhof gehe, wie eben 
ein Zug ankomme. Dann werde aber der Perron an den stehen- 
den Zug angenähert, also eine absurde Umkehrung des wirk- 
lichen Vorganges. Dieses Detail ist auch nichts anderes als ein In- 
dex, der daran mahnt, daß etwas anderes im Trauminhalt umge- 



*o* 



278 VI. Die Traumarbeit.' 

kehrt werden seile. Die Analyse demselben Traumes führt zu Erin- 
nerungen an Bilderbücher, in denen Männer dargestellt waren, die 
auf dem Kopfe standen und auf den Händen gingen. 

4. Derselbe Träumer berichtet ein anderes Mal von einem kurzen 
Traum, der fast an die Technik eines Rebus erinnert- Sein Onkel 
gibt ihm im Automobil einen Kuli. Er fügt unmittelbar die Deutung 
hinzu, die ich nie gefunden hätte, das heiße: Autocrotism us. Ein 
Scherz im Wachen hätte ebenso lauten können. 

[). Der Träumer zieht eine Frau hinter dem Bett hervor. Das 
heißt: Er gibt ihr den Vorzug. 

0. Der Träumer sitzt als Offizier an einer Tafel dem Kaiser 
gegenüber : Er bringt sich in Gegensatz zum Vater. 

7. Der Träumer behandelt eine andere Person wegen eines 
Knochenbruches. Die Analyse erweist diesen Bruch als Darstel- 
lung eines Ehebruches u- dgl. 

8. Die Tageszeiten vertreten im Trauminhalt sehr häufig Lebens- 
zeiten der Kindheit. So bedeutet z- B. um 1 / 1 6 Uhr früh bei einem 
Träumer das Alter von 5 Jahren 3 Monaten, den bedeutungsvollen 
Zeitpunkt der Geburt eines jüngeren Bruders. 

9. Eihe andere Darstellung von Lebenszeiten im Traume: 
Eine Frau geht mit zwei kleinen Mädchen, die l 1 /* Jahre auseinander 
sind. — Die Träumerin findet keine Familie ihrer Bekanntschaft, 
für die das zuträfe. Sie deutet selbst, daß beide Kinder ihre eigene 
Person darstellen, und daß der Traum sie mahnt, die beiden traumati- 
schen Ereignisse ihrer Kindheit seien um soviel voneinander entfernt. 
(3V 2 und 43/ 4 J.) 

10. Es ist nicht zu verwundern, daß Personen, die in psycho' 1 
analytischer Behandlung stehen, häufig von dieser träumen und alle 
die Gedanken und Erwartungen, die sie erregt, im Traume ausdrücken 
müssen. Das für die Kur gewählte Bild ist in der Regel das einer 
Fahrt, meist im Automobil, als einem neuartigen und kompli- 
zierten Vehikel; im Hinweis auf die Schnelligkeit des Automobils 
kommt dann der Spott des Behandelten auf seine Rechnung. Soll das 
„Unbewußte" als Element der "Wachgedanken im Traume Dar- 
stellung finden, so ersetzt es sich ganz zweckmäßigerweise durch 
„unterirdische" Lokalitäten, die andere Male, ganz ohne Be- 
ziehung zur analytischen Kur, den Fraucnleib oder den Mutterleib 
bedeutet hatten. „Unten" im Traume bezieht sich sehr häufig auf 
die Genitalien, das gegensätzliche „oben" auf Gesicht, Mund 
oder Brust. Mit wilden Tieren symbolisiert die Traumarbeit in 
der Regel leidenschaftliche Triebe, sowohl die des Träumers als auch 
die anderer Personen, vor denen der Träumer sich fürchtet, also mit 
einer ganz geringfügigen Verschiebung die Personen selbst, welche 
die Träger dieser Leidenschaften sind. Von hier ist es nicht weit 
zu der an den Totemismus anklingenden Darstellung des gefürch- 
teten Vaters durch böse Tiere, Hunde, wilde Pferde. Man könnte 
sagen, die wilden Tiere dienen zur Darstellung der vom Ich ge- 
fürchteten, durch Verdrängung bekämpften Libido. Auch die Neu- 
rose selbst, die „kranke Person 1 ', wird oft vom Träumer abgespalten 
und als selbständige Person im Traume veranschaulicht. 






Beispiele von Darstellungen im Traume. 279 

11. (H. Sachs.) „Aus der .Traumdeutung' wissen wir, daß die 
Traumarbeit verschiedene Wege kennt, um ein Wort oder eine Rede- 
wendung sinnlich-anschaulich, darzustellen. Sie kann sich z. B. den 
Umstand, daß der darzustellende Ausdruck zweideutig ist, zunutze 
machen und, den Doppelsinn als »Weiche* benutzend, statt der ersten, 
in den Traumgedankeu vorkommenden Bedeutung, die zweite in den 
manifesten Trauminhalt aufnehmen. 

„Dies ist bei dem kleinen, im folgenden mitgeteilten Traume ge- 
schehen, und zwar unter geschickter Benutzung der dazu tauglichen 
rezenten Tageseindrücke als Darstellungsmaterial. 

Ich hafte am Traumtage an einer Erkältung gelitten und des- 
halb am Abend beschlossen, das Bett, wenn irgend möglich, während 
der Nacht nicht zu verlassen. Der Traum ließ mich scheinbar nur 
meine Tagesarbeit fortsetzen ; ich hatte mich damit beschäftigt, Zei- 
tungsausschnitte in ein Buch zu kleben, wobei ich bestrebt war, jedem 
Ausschnitt den passenden Platz anzuweisen- Der Traum lautete: 

,1c Ji bemühe mich, einen Ausschnitt in das Buch zu 
kleben; er geht aber nicht auf die Seite, was mir großen 
Schmerz verursach t.' 

Ich erwachte und mußte konstatieren, daß der Schmerz des 
Traumes als realer Leibschmerz andauere, der mich denn auch zwang, 
meinem Vorsatz untreu zu werden. Der Traum hatte mir als ,Hüter 
des Schlafes' die Erfüllung meines Wunsches, im Bette zu bleiben, 
durch die Darstellung der Worte ,er geht aber nicht auf die Seite' 
vorgetäuscht." 

.Man darf geradezu sagen, die Traumarbeit bediene sich zur visu- 
ellen Darstellung der Traumgedanken aller ihr zugänglichen Mittel, 
ob sie der Wachkritik erlaubt oder unerlaubt erscheinen mögen, und 
setzt sich dadurch dem Zweifel wie dem Gespött aller jener aus, 
die von Traumdeutung nur gehört und sie nicht selbst geübt haben. 
An solchen Beispielen ist besonders das Buch von S t c k e 1, „Die 
Sprache des Traumes" reich, doch vermeide ich es, von dort die Be- 
lege zu entnehmen, weil die Kritiklosigkeit und technische Willkür 
des Autors auch den nicht in Vorurteilen Befangenen unsicher macht. 

12. Aus einer Arbeit von V. Tausk, Kleider und Farben im 
Dienste der Traumdarstellung (Int. Zeitschr. f. Ps.-Ä., II, 1 914) ! 

a) A. träumt, er sehe seine frühere Gouvernante im schwarzen 
Lü sterkleid, das über dem Gesäß straff anliegt. — Das heißt, 
er erklärt diese Frau für lüstern. 

b) C. sieht im Traum auf der X-er Landstraße ein Mädchen, von 
weißem Licht umflossen und mit- einer weißen Bluse bekleidet. 

* Der Träumer hat auf jener Landstraße mit einem Fräulein 
AV c i ß die ersten Intimitäten ausgetauscht. 
<■) Frau D. träumt, sie sehe den alten Blasel (einen 80jährigen 
Wiener Schauspieler) in voller Hüstung auf dem Divan 
liegen. Dann springt er über Tische und Stühle, zieht seinen 
Degen, sieht sich dabei im Spiegel und fuchtelt mit dem Degen 
in der Luft herum, als kämpfe er gegen einen eingebildeten 
Feind. 



280 VI. Dia Traumurbcit. 

Deutung. Die Träumerin hat ein altes Blasenleiden. 
Sie liegt bei der Analyse auf dem Divan und wenn sie sich im 
Spiegel sieht, dann kommt sie sich insgeheim trotz ihrer Jahre und 
ihrer Krankheit noch sehr rüstig vor. 

13. Die „große Leistung" im Traume. 

.Der männliche Träumer sieht sich als gravides Weih im Bette 
liegend. Der Zustand wird ihm sehr beschwerlich. Er ruft aus: Da 
will ich doch lieber . . . (in der Analyse ergänzt er, nach einer Er- 
innerung an eine Pf legeperson : Steine klopfen). Hinter seinem Bett 
hängt eine Landkarte, deren unterer Rand durch eine Holzleiste 
gespannt erhalten wird. Er reißt diese Leiste herunter, indem er 
sie an beiden Enden packt, wobei sie aber nicht quer bricht, sondern 
in zwei Längshälften zersplittert. Damit hat er sich erleichtert und 
auch die Geburt befördert. 

Er deutet ohne Hilfe das Herunterreißen der Leiste als eine 
große „Leistung", durch welche er sich aus seiner unbehaglichen 
Situation (in der Kur) befreit, indem er sich aus seiner weiblichen 
Einstellung herausreißt. . . . Das absurde Detail, daß die Holzleiste 
nicht nur bricht, sondern der Länge nach splittert, findet seine Er- 
klärung, indem der Träumer erinnert, daß die Verdoppelung im Ver- 
ein mit der Zerstörung eine Anspielung auf die Kastration enthält. 
Der Traum stellt sehr häufig die Kastration im trotzigen Wunsch- 
gegensatz durch das Vorhandensein von zwei Penissymbolen dar. Die 
..Leiste" ist ja auch eine den Genitalien naheliegende Körperregion. 
Er fügt dann die Deutung zusammen, er überwinde die Kastrations- 
drohung, welche ihn in die weibliche Einstellung gebracht hat*. 

14. In einer von mir französisch- durchgeführten Anatyse ist ein 
Traum zu deuten, in dem ich als Elefant erscheine. Ich muß natür- 
lich fragen, wie ich zu dieser Darstellung komme. „Vous me trom- 
pez", antwortet der Träumer, (trompe = Rüssel.) 

Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr 
sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene 
Verwertung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume 
hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich 
fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was 
wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume 
noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfall dazu ergibt: 
„Staniol", und nun weiß ich, daß ich den Autornamen Stannius 
meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete 
Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste wis- - 
senschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich wirk- 
lich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes. Letzterer 
Name war im Bilderrätsel offenbar gar nicht zu gebrauchen. 

Ich will mir nicht versagen, hier noch einen Traum mit sonder- 
barem Inhalt einzuschalten, der auch noch als Kindertraum bemerkens- 
wert ist und sich durch die Analyse sehr leicht aufklärt. Eine Dame 
erzählt : Ich kann mich erinnern, daß ich als Kind wiederholt ge- 
träumt habe, der liebe Gott habe einen zugespitzten Pa- 



Intern. Zeifcsehr. f. Psych. II, 1914. 






Zahlen und UecliiiungPii im Tiaumt. 281 

pierhut auf dem Kopfe. Einen solchen Hut pflegte man mir 
nämlich sehr oft bei Tische aufzusetzen, damit ich nicht auf die 
Teller der anderen Kinder hinschauen könne, wieviel sie von dem 
betreffenden Gericht bekommen haben. Da ich gehört habe, Gott sei 
allwissend, so bedeutet der Traum, ich wisse alles auch trotz des 
aufgesetzten Hutes. 

"Worin die Traumarbeit besteht, und wie sie mit ihrem Material, 
den Traumgedanken, umspringt, läßt sieh in lehrreicher Weise an 
den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vor- 
kommen. Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als be- 
sonders verheißungsvoll. Jch werde also einige Beispiele solcher Art 
aus meiner Sammlung heraussuchen. 

I. Aus dem Traume einer Haine, kurz vor Beendigung ihrer Kur: 
Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt 

ihr 3 fl. 05 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was tust 
du? Es kos tot ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum war mir 
durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Aufklärung ihrer- 
seits verständlich. Hie Dame war eine Fremde, die ihre Tochter 
in einem "Wiener Erziehungsinstitut untergebracht hatte und meine, 
Behandlung fortsetzen konnte, solange ihre Tochter in Wien blieb. 
In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und damit endete auch 
die Kur. Am Tage vor dem Traume hatte ihr die Institutsvorsteherin 
nahegelegt, ob sie sich nicht entschließen könnte, das Kind noch ein 
weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann offenbar bei sich diese 
Anregung dahin fortgesetzt, daß sie in diesem Falle auch die Be- 
handlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf bezieht sich nun 
der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen, die drei Wochen 
bis zum Abschluß des Schuljahres und der Kur lassen sich ersetzen 
durch 21 Tage (wenngleich nicht ebenso viele Behandlungsstunden). 
Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei Zeiten standen, werden 
im Traume Geldwerten beigesetzt, nicht ohne daß damit ein tieferer 
Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is money", Zeit hat Gehl- 
wert. 365 Kreuzer sind dann allerdings 3 Gulden 65 Kreuzer. Die 
Kleinheit der im Traume erscheinenden Summen ist offenkundige 
Wunscherfüllung; der Wunsch hat die Kosten der Behandlung wie 
des Lehrjahres im Institut verkleinert. 

II. Zu komplizierteren Beziehungen führen die Zahlen in einem 
anderen Traume. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren 
verheiratete Dame erfährt, daß eine ihr fast gleichalterige Bekannte. 
Elise L-, sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt 
mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parketts 
ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und 
ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber 
nur schlechte Sitze bekommen, 3 für 1 fl. 50 kr., und die 
konnten sie ja nicht nehmen. Sic meint, es wäre auch 
kein Unglück gewesen. 

Woher rühren die 1 fl. 50 kr.? Aus einem eigentlich indiffe- 
renten Anlaß des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne 
150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden, 
indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken, 



282 



VI. Die Traumarbeit. 



daß 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. ist. Woher die 3, die bei den 
Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur diu eine Anknüpfung, 
daß die Braut um ebensoviel Monate — drei — jünger ist als sie. 
Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der 
Zug im Traume, daß eine Saite des Parketts leer bleibt, bedeuten 
kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine 
Begebenheit, die ihrem Mann guten Grund zur Neckerei gegeben hat. 
Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten Theater- 
vorstellungen der Woche zu gehen, und war so vorsorglich, mehrere 
Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr zu zahlen 
hatte. Als sie dann ins Theater kamen, fanden sie, daß die eine 
Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nötig gehabt, sich 
so sehr zu beeilen. 

Ich werde jetzt den Traum durch die Trauingedanken ersetzen: 
„Ein Unsinn war es doch, so früh zu heiraten, ich hätte es nicht 
nötig gehabt, mich so zu beeilen; an dem Beispiele der Elise L. 
sehe ich, daß ich noch immer einen Mann bekommen hätte. Und 
zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz); wenn ich nur ge- 
wartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin). Drei 
solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen können!" 
Wir werden darauf aufmerksam, daß in diesem Traume die Zahlen 
in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang verändert 
haben als im vorher behandelten. Die Umwandlung«- und Entstel- 
lungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir so 
deuten, daß diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein be- 
sonders hohes Maß von innerpsychischem Widerstand zu überwinden 
hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, daß in diesem Traume ein 
absurdes Element enthalten ist, nämlich daß zwei Personen drei 
Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung der Absurdität im 
Traume über, wenn wir anführen, daß dieses absurde Detail des 
Trauminb altes den meistbetonten der Traumgedanken darstellen soll: 
Ein Unsinn war es, so früh zu heiraten. Die in einer ganz neben- 
sächlichen Beziehung der beiden verglichenen Personen enthaltene 
3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann geschickt zur Produktion 
des für den Traum erforderlichen Unsinns verwendet worden. Die 
Verkleinerung der realen 150 f 1. auf 1 f 1. 50 kr. entspricht der G e- 
ring Schätzung des Mannes (oder Schatzes) in den unterdrückten 
Gedanken der Träumerin. 

TJX Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes 
vor, die ihm soviel Mißachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt: 
Kr sitzt bei B... (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft) 
und sagt: Es war ein Unsinn, daß Sie mir die Mali 
nicht gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: 
Wie alt sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. 
— Ah, dann sind Sie 28 Jahre alt. 

Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar 
»chlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der 
des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa 
nicht anders aufklären läßt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen, 
leren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen 



Zahlen und Rechnungen im Traum«. 9g^j 

können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige 
Monate hindurch regelmäßig; eine junge Dame, der er begegnete, 
naeli der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich 
sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte. 
Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren .Rechnung. 
1882 war aber das Jahr, in dem er geheiratet hatte- Er hatte, es nicht 
unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen Personen, 
die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden keineswegs 
jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Türe zu öffnen 
pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand, sich die 
Erklärung' gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren „ge- 
setzten" Herrn. 

IV. Einen .anderen Zalilentraum, der durch durchsichtige. De- 
terminierung oder vielmehr Uherdeterminierung ausgezeichnet ist, ver- 
danke ich mitsamt seiner Deutung Herrn B. Dattner: 

„Mein Hausherr, Sicherheitswachmann in Magistratsdiensten, 
träumt, er stünde auf der Straß.! Posten, was eine Wunscherfüllun«- 
ist. Da kommt ein Inspektor auf ihn zu, der auf dem Ringkragen 
die Nummer 22 und 62 oder 20 trägt. Jedenfalls aber seien mehre ro 
Zweier dräufgewesen. Schon die Zerteilung der Zahl 2262 bei der 
Wiedergabe des Traumes läßt darauf schließen, daß die Bestandteile 
eine gesonderte Bedeutung haben. Sic hätten gestern im Amt über 
die Dauer ihrer Dienstzeit gesprochen, fällt ihm ein. Ursache gilt 
ein Inspektor, der mit 62 Jahren in Pension gegangen sei. Der 
Träumer hat erst 22 Dicnstjalire und braucht noch 2 Jahre 2 Monate, 
um eine ßO°/oige Pension zu erreichen. Der Traum spiegelt ihm nun 
zuerst die Erfüllung eines langgehegten Wunsches, den Inspektors- 
rang, vor. Der Vorgesetzte mit der 2262 auf dem Kragen ist er 
selbst, er versieht seinen Dienst auf der Straß?., auch ein Licblings- 
wunsch. hat seine 2 Jahre und 2 Monate abgedient und kann nun 
wie der 62jährige Inspektor mit voller Pension aus dem Amte 
scheiden*". 

Wenn wir diese und ähnliche (später folgende) Beispiele zu- 
sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt 
nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in denTnium- 
gedanke.n vorkommen Und als Anspielungen auf ein nicht larsteilbares 
Material dienen können,, in der Form einer Rechnung zusammen. Sie 
behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen Weise als Material 
zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen Vorstellungen, wie 
auch die Namen und die als Wortvorstellungen kenntlichen Beden. 

Denn die Traumarbeit kann auch keine Bede neu schaffen. 
Soviel von Hede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag. 
die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt 
uns jedesmal, daß. der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich 



ti. a. 



* Analysen von anderen Zahlen! räumen siehe bei Jung, Marcinowski 
. Dieselben setzen oft sehr komp'merte Zahlenopcration^n voraus, die aber 
vom Träumer mit verblüffender Sicherheit vollzogen werden. Vgl. auch Jones 
„Ober" unbewußte Zahlenbchandlung" (Zentralbl. f. Ps.-A. II, 191°2, p. 241 f.). 



284 VI. Di« Traumarbeit. 

geführten oder gehörten Beden den Traumgedanken entnommen hat 
und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht nur 
ans ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück 
aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen- 
gefügt, so daß die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der 
Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neuverwendung 
hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traumgedanken hatten, 
bei Seite gelassen, und dem Wortlaute einen völlig neuen Sinn ab- 
gewonnen*. Bei näherem Zusehen unterscheidet man an der Traum- 
rede deutlichere, kompakte Bestandteile von anderen, die als Binde- 
mittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind, wie wir aus- 
gelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen. Die Traum- 
rede hat so den Aufbau eines Brecciengesteins, in dem größere Brocken 
verschiedenen Materials durch eine erhärtete Zwisehenmasse zusam- 
men gehalten werden. 

In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur 
für jene Beden im Traume, die etwas vom sinnlichen Charakter der 
Rede haben und als „Beden" beschrieben werden. Die anderen, die 
nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine 
akustische oder motorische Mitbetonung im Traume haben), sind 
einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denktätigkeit vor- 
kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das in- 
different gehaltene Bedematerial des Traumes scheint auch die Lektüre 
eine reich fließende und schwer zu verfolgende Quelle- abzugeben. 
Alles aber, was im Traume als Bede irgendwie auffällig hervortritt, 
unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst gehaltene oder 
gehörte; Bede. 

Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir 
bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zn anderen 
Zwecken mitgeteilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt* 
traum" auf S. 128, in dem die Bede: Das ist nicht mehr zu 

* In der gleichen Weise wie der Traum verfährt auch die Neurose. Ich 
kenno eine Patientin, dia daran leidet, daß sie Liader oder Stücke von solchen 
unwillkürlich und widerwillig hört (halluziniert), ohne deren Bedeutung für ihr 
Seelenleben verstehen zu können. Sie ist übrigens gewiß nicht paranoisch. Die 
Analyse zeigt dann, da'} sie den Text dieser Lieder mittels gewisser Lizenzen miß- 
bräuchlich verwendet hat. „Leise, leise, fromme Weise'. Das badeutet für ihr 
Unbewußtes: Fromme Waise, und diese ist sie selbst. „0 du selige, o du fröh- 
liche" ist der Anfang eines Weilmachtsliedes ; indem sie es nicht bis zu „Weih- 
nachtszeit" fortsetzt, macht sie daraus ein Brautlied u. dg]. — Derselbe Ent- 
stellungsmeclianismus kann sich übrigens auch ohne Halluzination im bloßen Ein- 
fall durchsetzen. Warum wird einer meiner Patienten von der Erinnerung an ein 
Gedicht heimgesucht, das er in jungen Jahren lernen mußte: 

„Nächtlich am Busento lispeln . . ."' 
Weil sich seine Phantasie mit einem Stück dieses Zitats: 

„Nächtlich am Busen' begnügt. 
Es ist bekannt, daß der parodistische Witz auf dieses Stückchen Technik 
nicht verzichtet hat. Die „Fliegenden Blätter' brachten einst unter ihren Illustra- 
tionen zu deutschen „Klassikern' auch ein Bild zum Schi Her sehen „Siegesfest', 
zu dem das Zitat vorzeitig abgeschlossen war. 

„Und des frisch erkämpften Weibes 

Freut sich der Atrid und strickt". 
(Fortsetzung: Um den Reiz des schönen Leibes 

Seine Anne hochbeglückt). 



Reden im Traum. 285 

ha Von, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identifizieren, 

während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das 
nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harm- 
los zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgend 
welche, Zumutung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: 
Das kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun 
von dieser Rede das indifferent klingende erste Stück in den Traum 
genommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in 
die Phantasie, welche dem Traume, zu Grunde lag, sehr wohl gepaßt, 
aber dieselbe auch verraten hätte. 

Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche 
ergeben : 

Ein großer Hof, in dem Leichen verbrannt werden. 
Er sagt: Da geh' ich weg, das kann ich nicht sehen. (Keine 
deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauerbuben und 
fragt: ja, hat's geschmeckt?" Der eine antwortet: Na, 
not gut war's. Als ob es Menschenfleisch gewesen wäre 

Der harmlose Anlaß dieses Traumes ist folgender: Er macht 
nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen "Besuch bei den braven, 
aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreundliche 
alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und nötigt 
ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein zusammen- 
gesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er lehnt ab, 
er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen's weg, das werden Sie 
noch vertragen" oder so ähnlich. Er muß also kosten und rühmt 
dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut." Mit seiner Frau 
wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit 
der Nachbarin als auch über die Qualität der gekosteten Speise. 
„Das kann ich nicht sehen," das auch im Traume nicht als eigent- 
liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen 
Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, daß 
er diese zu schauen nicht begehrt. 

Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes ge- 
stalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel- 
punkt bildet, schon an dieser Stelle mitteile, aber erst bei der W iir- 
digung der Affekte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr 
klar: Ich hin nachts ins Brückesche Laboratorium ge- 
gangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Tür 
dem (verstorbenen) Professor Fleischl, der mit mehreren 
Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an 
seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein Freund 
Fl. ist im Juli unauffällig nach Wien gekommen; ich 
begegne ihm auf der Straße im Gespräche mit meinem 
(verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen irgendwohin, 
wo sie einander wie an einem kleinen Tische gegenüber- 
sitzen, ich an der schmalen Seite des Tischchens vorn. 
FL erzählt von seiner Schwester und sagt: In drei- 
viertel Stunden war sie tot, und dann etwas wie: Das' 
ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet sich 
Fl. an mich und fragt mich, wieviel von seinen Dingen 



2g6 VI. Die Tranmarbeit. 

ich P. denn mitgeteilt habe. Darauf ich, von merkwür- 
digen Affekten ergriffen, PL mitteilen will, daß P. 
(ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am Leben 
ist. Ich sage aber, den Irrtum selbst bemerkend: Non 
vixit. Ieh sehe dann P. durchdringend an, unter mei- 
nem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine Augen 
werden krankhaft blau — und endlich löst er sich auf. 
Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe jetzt, daß 
auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung, ein Revenant 
war, und finde es ganz wohl möglich, daß eine solche 
Person nur so lange besteht, als man es mag, und daß 
sie durch den Wunsch des anderen beseitigt werden kann. 

Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt 
rätselhaften Charaktere, — die Kritik während dos Traumes selbst, 
daß ich meinen Trrtum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst 
bemerke ; den unbefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum 
selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlußfolgerung und 
die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, — daß ich „für mein 
Leben gern" die volle Lösung dieser Piätsel mitteilen möchte. Ich 
bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu tun — was ich nämlich im 
Traume tue — die Rücksicht auf so teure Personen meinem Ehrgeiz 
aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der mir wohlbekannte 
Sinn des Traumes zu Schanden geworden. So begnüge ich mich denn, 
zuerst hier, und dann an späterer Stelle einige Elemente des Traumes 
zur Deutung herauszugreifen. 

Das Zentrum des Traumes bildet eine Szene, in der ich P. 
durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk- 
würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese Szene 
ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten. Ich war 
Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst in den 
Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, daß ich einigemal zu spät 
ins Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er einmal pünkt- 
lich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir sagte, war karg 
und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte an. Das .Über- 
wältigende waren die fürchterlichen blauen Augen, mit denen er 
mich ansah, und vor denen ich verging — wie P. im Traume, der 
zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat. Wer eich an 
die bis ins hohe Greisenalter wunderschönen Augen des großen 
Meisters erinnern kann und ihn je im Zorne gesehen hat, wird sich 
in die Affekte des jugendlichen Sünders von damals leicht versetzen 
können. 

Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das ..Non vixit" ab- 
zuleiten, mit dem ich im Traume jene Justiz übe. bis ich mich be- 
sann, daß diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern 
als gesehene so hohe Deutlichkeit im Traume besessen hatten. Dann 
wußte ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser 
Joscf-Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu 
■lesen: . 

Saluti patriae vixit 
non diu sed totus. 



Der Traum „Non visit". 287 

Aus dieser- Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen feind- 
seligen Gedankenreihe in meinen Traumgedanken paßte, und was 
heißen sollte: Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt ja 
gar nicht. Und nun mußte ich mich erinnern, daß der Traum wenige 
Tage nach der Enthüllung des Fleischl- Denkmals in den Arkaden 
der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denkmal 
Brück es wiedergesehen hatte und (im Unbewußten) mit Bedauern 
erwogen haben muß, wie mein hochbegabter und ganz der "Wissen- 
schaft ergebener Freund P. durch einen allzu frühen Tod seinen be- 
gründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Bäumen verloren. 
So setzte ich ihm dies Denkmal im Traume; mein Freund P. hieß 
mit dem Vornamen Josef*. 

Nach den Begeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer 
nicht berechtigt, das non vivit, das ich brauche, durch non vixit, 
das mir die Erinnerung an das Josefs-Monument zur Verfügung stellt, 
zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muß dies durch 
seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heißt mich nun etwas darauf 
achten, daß in der Traumszene eine feindselige und eine zärtliche 
Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die 
erster« oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen 
Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um 
die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denk- 
mal ; aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat 
(der am Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichtete ich 
ihn. Ich habe da einen Satz von ganz besonderem Klange gebildet, 
hei dorn mich ein Vorbild beeinflußt haben muß. Wo findet sich nur 
eine ähnliche Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier ent- 
gegengesetzter Reaktionen gegen dieselbe Person, die beide den An- 
spruch erheben, voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht 
stören wollen? An einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser 
tief einprägt; in der Rechtfertigungsrede des Brutus in Shake- 
speares Julius Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein' ich um 
ihn; weil er glücklich war, freue ich mich: weil er tapfer war, „ehr 
ich ihn, aber weil er herrschsüchtig war, erschlug - ich ihn." Ist das 
nicht der nämliche Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem 
Traumgedanken, den ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus 
im Traume. Wenn ich nur von dieser überraschenden Kollateral- 
verbindung noch eine andere bestätigende Spur im Trauminhalt auf- 
finden könnte ! Ich denke, dies könnte folgendes sein : Mein Freund 
Fl. kommt im Juli nach Wien. Diese Einzelheit findet gar keine 
Stütze in der Wirklichkeit. Mein Freund ist im Monat Juli meines 
Wissens niemals in Wien gewesen. Aber der Monat Juli ist nach 
Julius Cäsar benannt und könnte darum sehr wohl die von mir 
gesuchte Anspielung auf den Zwischengedanken, daß ich den Brulus 
spiele, vertreten**. 



* Als Beitrag zur Überdetorminierung: Meine Entschuldigung für mein Zu- 
spätkommen lag darin, daß ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten 
Weg von der Kaiser Josef -Straße in die . Währingerstraßc zu machen hatte. 
** Dazu noch C ä s a r - K a i s e r. 



288 



VI. Die Traumarbeit 



Merkwürdigerweise habe ick mm wirklich einmal den Brutus 
gespielt. Ich habe die Szene Brutus und Cäsar aus Schillers Ge- 
dichten vor einein Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar 
als 14 jähriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr älteren 
Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, — auch so 
ein Revenant — denn es war der Gespiele meiner ersten Kinder- 
jahre, der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten 
dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander ge- 
liebt und miteinander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie 
ich schon einmal angedeutet, überall meine späteren Gefühle im 
Verkehre mit Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seit- 
her sehr viele Inkarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite 
seines iri meiner unbewußten Erinnerung unauslöschlich fixierten 
Wesens wiederbelebten. Er muß mich zeitweilig, sehr schlecht be- 
handelt haben, xmd ich muß Mut bewiesen haben gegen meinen Ty- 
rannen, denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Eecht- 
fertigungsrede wiedererzählt worden, mit der ich mich verteidigte, 
als mich der Vater — sein Großvater — zur Rede stellte: "Warum 
schlägst du den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht 
Zweijährigen: Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge- 
(sch)lagt hat. Diese Kinderszene muß es sein, die non yivit zum 
non vixit ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinder jähre heißt 
ja das Schlagen — Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es 
nicht, sich solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität 
so wenig begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P-, der mir 
vielfach überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinder- 
gcspielen abgeben könnte, geht sicherlich auf die komplizierte in- 
fantile Beziehung zu John zurück. 

Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen. 

g) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im 

Traume. 

Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das 
Element der Absurdität im Trauminhalt gestoßen, daß wir 'die 
Untersuchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, 
und was es etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, daß die Absurdität 
der Träume den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, 
um im Traume nichts anderes als ein sinnloses Produkt einer redu- 
zierten und zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen. 

Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des 
Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in 
den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume, 
die — wie man zuerst meint, zufällig — vom toten Vater handeln. 

I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren 
verloren: 

Dem Vater ist ein großes Unglück widerfahren. Er 
ist mit dem Nachtzuge gefahren, da ist eine Entgleisung 
erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm ist 
der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht ihn 



Absurde Träume. - 289 

dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über dem 
Augenbrauenrand links, die vertikal verläuft. Er wun- 
dert sich darüber, daß der Vater verunglückt i s t (d a 
er doch schon tot ist, wie er bei der Erzählung ergänzt). Die 
Augen sind so klar. 

Nach der herrschenden Beurteilung der Träume hätte man sicli 
diesen Trauminhalt so aufzuklaren: Der Träumer hat zuerst, während 
er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, daß dieser schon 
seit Jahren im Grabe ruht ; im weiteren Verlaufe des Träumens wacht 
diese Erinnerung auf und bewirkt, daß er sich über den eigenen 
Traum noch selbst träumend verwundert. Die Analyse lehrt aber, 
daß es vor allem überflüssig ist, nach solchen Erklärungen zu greifen. 
Der Träumer hatte bei einem Künstler eine Büste des Vaters be- 
stellt, die er zwei Tage vor dem Traume in Augenschein genommen 
hat. Diese ist es, die ihm verunglückt vorkommt. Der Bild- 
hauer hat den Valer hie gesehen, er arbeitet nach ihm vorgelegten 
Photographien. Am Tage vor dem Traume selbst hat der pietätvoll e 
Sohn einen alten Diener der Familie ins Atelier geschickt, ob auch 
der dasselbe Urteil über den marmornen Kopf fällen wird, nämlich 
daß er zu schmal in der Querrichtung von Schläfe zu Schläfe 
ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungsmaterial, das zum Auf- 
bau dieses Traumes beigetragen hat. Der Vater hatte die Gewohn- 
heit, wenn geschäftliche Sorgen oder Schwierigkeiten in der .Familie, 
ihn quälten, sich beide Hände gegen die Schläfen zu drücken, als ob 
er seinen Kopf, der ihm zu weit würde, zusammenpressen wollte. — 
Als Kind von vier Jahren war unser Träumer zugegen, wie Üas 
Losgehen einer zufällig geladenen Pistole dem Vater die Augen 
schwärzte (die Augen sind so klar)- — An der Stelle, wo der 
Traum die Verletzung des Vaters zeigt, trug der Lebende, wenn er 
nachdenklich oder traurig war, eine, tiefe Längsfurche zur Behau. 
Daß diese Furche im Traume durch eine "Wunde ersetzt ist, deutet 
auf die zweite Veranlassung des Traumes hin. Der Träumer hatte 
sein kleines Töchterchen photographiert ; die Platte war ihm aus der 
Hand gefallen und zeigte, als er sie aufhob, einen Sprung, der wie 
eine senkrechte Furche über die Stirn der Kleinen lief und bis zum 
Augenbrauenbogen reichte. Da konnte er sich abergläubischer Ahnun- 
gen nicht erwehren, denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war 
ihm die photographischc Platte mit deren Abbild gesprungen. 

Die Absurdität dieses Traumes ist also bloß der Erfolg einer 
Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die 
Photographie von der Person nicht unterscheiden will. "Wir sind alle 
gewohnt so zu reden: Findest du den Vater nicht getroffen? Freilich 
wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver- 
meiden gewesen. "Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung 
urteilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität 
ist ein zugelassener oder gewollter. 

IL Ein zweites, ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen 
Träumen, (ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren) :_ 

Der Vater hat nach seinem Tode eine politische 
Holle bei den Magyaren gespielt, sie p o 1 i ti seh ge- 

Freud, Traumdeutung, S. Aufl. I« 



290 - VI Die Traumarbeit;. 

einigt, wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Men- 
schenmenge wie im Reichstage; eine Person, die auf 
einem oder auf zwei Stühlen steht : andere um ihn her- 
um. Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
Garibaldi so ähnlich gesehen hat, und freue mich, daß 
diese Verheißung doch wahr geworden ist. 

Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die 
Ungarn durch parlamentarische Obstruktion in den gesetzlosen 
Zustand gerieten und jene Krise durchmachten, aus der Koloman 
Szell sie befreite- Der geringfügige Umstand, daß die im Traume 
gesehene Szene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be- 
deutung für die Aufklärung dieses Elements. Die gewöhnliche visuelle 
Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den 
Eindruck der Lebensgröße machen; mein Traumbild ist aber die 
Reproduktion eines in den Text einer illustrierten Geschichte Öster- 
reichs eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem 
Reichstage von Preßburg darstellt, die berühmte Szene des „Moriamur 
pro rege nostro"*. Wie dort Maria Theresia, so steht im Traume der 
Vater von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei 
Stühlen, also als Stuhl rieht er. (Er hat sie geeinigt; — hier ver- 
mittelt die Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Daß 
er auf dem Totenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Um- 
stehenden wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatur- 
steigerung, seine Wangen glühten rot und räter . . . unwillkürlich 
setzen wir fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns 
alle bändigt, das Gemeine. 

Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, daß 
wir gerade mit dem „Gemeinen" zu tun bekommen sollen. Das „post- 
mortale" der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach 
seinem Tode" im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war 
die völlige Darmlähmung (Obstruktion) der letzten Wochen ge- 
wesen. An diese knüpfen sich allerlei unehrerbietige Gedanken an. Einer 
meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor, 
bei welchem Anlaß ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft 
antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerze einer Ver- 
Avandten, deren Vater auf der Straße gestorben und nach Hause ge- 
bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche 
fand, daß im Moment des Todes oder postmortal "eine Stuhl- 
cntlecrung stattgefunden hatte- Die Tochter war so tief unglücklich 
darüber, daß ihr dieses "häßliche Detail die Erinnerung an den Vater 
stören mußte. Hier sind wir nun zu dem Wunsche vorgedrungen,, 
der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein 
und groß vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das 
nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes geraten? 

* Ich weiß nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge- 
funden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als 
dessen Quelle sich einer der Stiche Jacques Callots herausstellte, die der 
Träumer bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl 
sehr kleiner Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Greuel des Dreißig- 
jährigen Krieges. 



Absurde Träume vom toten Vater. OQI 

Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen,' daß eine völli" 1 
zulässige Redensart, bei welcher wir gewohnt sind, über die Absur- 
dität hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein 
mag, im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir 
den Eindruck nicht abweisen, daß der Anschein der Absurdität ein 
gewollter, absichtlich hervorgerufener ist*. 

HI. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traum- 
arbeit dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material 
gar kein Anlaß ist, absichtlich fabriziert. Es stammt aus dem Traume, 
den mir die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferial- 
reise eingegeben hat, Ich fahre in einem Einspänner und 
gebe Auftrag, zu einem Bahnhofe zu fahren. „Auf der 
Bahnstrecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen 
fahren", sage ich, nachdem er einen E in wand gemacht, 
als ob ich ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als 
wäre ich schon eine Strecke mit ihm gefahren, die man 

* Die Häufigkeit, mifc welcher im Traume tote Personen wie lebend auf- 
treten, handeln und mit uns verkehren, hat eine ungebührlieho Verwunderung 
hervorgerufen und sonderbare Erklärungen erzeugt, aus denen unser Unverständnis 
für den Traum sehr auffällig erhellt. Und doch ist die Aufklärung dieser Träume 
eine sehr naheliegende. Wie oft kommen wir in die Lage uns zu denken: Wenn 
der Vater noch leben würde, was würde er dazu sagen? Dieses Wenn kann der 
Traum nicht anders darstellen als durch die Gegenwart in einer bestimmten 
Situation. So träumt z. B. ein junger Mann, dem sein Großvater ein großes Erbe 
hinterlassen hat, bei einer Gelegenheit von Vorwurf wegen einer bedeutenden Geld- 
ausgabe, der Großvater sei wieder am Loben und fordere Rechenschaft you ihm. 
Was wir für die Auflehnung gegen den Traum halten, der Einspruch aus unserem 
besseren Wissen, daß der Mann doch schon gestorben sei, ist in Wirklichkeit der 
Trostgedanke, daß der Verstorbene das nicht zu erleben brauchte, oder die Be- 
friedigung darüber, daß er nichts mehr dreinzureden hat. 
_ ', Eine andere Art von Absurdität, die sich in Träumen von toten Angehörigen 
findet, drückt nicht Spott und Hohn aus, sondern dient der äußersten Ablehnung, 
der Darstellung eines verdrängten Gedankens, den man gerne als das Allerundenk- 
barste hinstellen möchte. Träume dieser Art erscheinen nur auflösbar, wenn man 
sich erinnert, daß der Traum zwischen Gewünschtom und Realem keinen Unter- 
schied macht. So träumt z. B. ein Mann, der seinen Vater in dessen Krankheit 
gepflegt und unter dessen Tod schwer gelitten hatte, eine Zeit nachher folgenden 
unsinnigen Traum: Dor Vater war wieder am Leben und sprach mit 
ihm wie sonst, aber (das Merkwürdige war), er war doch gestorben 
und wußte es nur nicht. Man versteht diesen Traum, wenn man nach ,er 
war doch gestorben" einsetzt: infolge des Wunsches des Träumers und 
zu „er wußte es nicht" ergänzt: daß der Träumer diesen Wunsch hatte. 
Der Sohn hatte während der Krankenpflege, wiederholt, den Vater tot gewünscht, 
d. h. den eigentlich erbarmungsvollen Gedanken gehabt, der Tod möge doch 
endlich dieser Qual ein Ende machen. In der Trauer nach dem Tode wurde 
selbst dieser Wunsch des Mitleidens zum unbewußten Vorwurf, als ob er durch 
ihn wirklich beigetragen hätte, das Leben des Kranken zu verkürzen. Durch Er- 
weckung der friiliinfantilsten Regungen gegen den Vater wurde es möglich, diesen 
Vorwurf als Traum auszudrücken, aber gerade wegen der weltenweiten Gegensätz- 
lichkeit zwischen dem Traumerreger und dem Tagesgedanken mußte dieser Traum 
so absurd ausfallen. (Vgl. hiezu: Formulierungen über die zwei Prinzipien des 
seelischen Geschehens. Jahrbuch f. Ps.-A. III, 1911.) 

Die Träume von geliebten Toten stellen der Traumdeutung überhaupt schwie- 
rige Aufgaben, deren Lösung nicht immer befriedigend gelingt. Den Grund hiefür 
mag man in der besonders stark ausgeprägten Gefühlsambivalenz suchen, welche 
das Verhältnis des Träumers zum Toten beherrscht. Es ist sehr gewöhnlich, daß 
in solchen Träumen der Verstorbene zunächst als lebend behandelt wird, daß es 

10* 



292 VI- Die Traumarbeit. 

sonst mit der Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und un- 
sinnigen Geschichte gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich 
hatte am Tage einen Einspänner genommen, der mich nach Dorn- 
bach in eine entlegene Straße führen sollte. Er kannte aber den 
Weg nicht und fuhr nach Art dieser guten Leute immer ivveiter, 
bis ich es merkte und ihm den Weg zeigte, wobei ich ihm einige 
spöttische Bemerkungen nicht ersparte. Von diesem Kutscher spinnt 
sich eine Gedankenverbindung zu den Aristokraten an, mit der ich 
später noch zusammentreffen werde. Vorläufig nur die Andeutung, 
daß uns bürgerlichem Plebs die Aristokratie dadurch auffällig wird, 
daß sie sich mit Vorliebe an die Stelle des Kutschers setzt. Graf 
Thun lenkt ja auch den Staatswagen von Österreich. Der nächste 
Satz im Traxime bezieht sich aber auf meinen Bruder, den ich also 
mit dem Einspännerkutscher identifiziere- Ich hatte ihm heuer die 
gemeinsame Italienfahrt abgesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann 
ich mit Ihnen nicht fahren")- und diese Absage war eine Art Be- 
strafung für seine sonstige Klage, daß ich ihn auf diesen Reisen 
zu übermüden pflege (was unverändert in den Traum gelangt), 
indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung, zu viel des Schönen an 
einem Tage, zumute. Mein Bruder hatte mich an diesem Abend zum 
Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher bei der Stadtbahnstation 
Westbai] nhof ausgesprungen, um mit der Stadtbahn nach Purkersdorf 
zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er könne noch eine Weile länger 
bei mir bleiben, indem er nicht mit der Stadtbahn, sondern mit der 
Westbahn nach Purkersdorf fahre. Davon ist in den Traum gekom- 
men, daß ich mit dem Wagen eine Strecke gefahren bin, die man 
sonst mit der Bahn fährt. In Wirklichkeit war es umgekehrt 
(und „Umgekehrt ist auch gef ahren"); ich hatte meinem 
Bruder gesagt : Die Stracke, die du mit der Stadtbahn fährst, kannst 
du auch in meiner Gesellschaft in der Westbahn fahren. Die ganze 
Traumverwirrung richte ich dadurch an, daß ich anstatt „Stadtbahn" 
— „Wagen" in den Traum einsetze, was allerdings zur Zusammcn- 
ziehung des Kutschers mit dem Bruder gute Dienste leistet. Dann 
bekomme ich etwas Unsinniges heraus, was bei der Erklärung kaum 
entwirrbar scheint, und beinahe einen Widerspruch mit einer früheren 
Rede von mir („Auf die Bahnstracke selbst kann ich mit Ihnen nicht 
fahren") herstellt. Da ich aber Stadtbahn und Einspännerwagen über- 

dann plötzlich heißt, er sei tot, und daß er in der Fortsetzung des Traumes doch 
wieder lebt. Das wirkt verwirrend. Ich habe endlich erraten, daß dieser Wechsel 
von Tod und Leben die Gleichgültigkeit des Träumers darstellen soll („Es 
ist mir dasselbe, ob er lebt oder gestorben ist"). Natürlich ist diese Gleich- 
gültigkeit keine reale, sondern eine gewünschte, sis soll die sehr intensiven, 
oft gegensätzlichen Gefühlseinstellungen des Träumers verleugnen helfen, und 
wird so zur Traumdarstellung seiner Ambivalenz. Für andere Träume, in 
denen man mit Toten verkehrt, hat oft folgende Regel orientierend gewirkt: 
Wenn im Traume nicht daran gemahnt wird, daß der Tote — tot ist, so stellt 
sich der Träumer dem Toten gleich, er träumt von seinem eigenen Tod. Die 
plötzlich im Traume auftretende Besinnung oder Verwunderung: Aber der ist 
ja längst gestorben, ist eine Verwahrung gegen diese Gemeinschaft und lehnt 
die Todesbedeutung für den Träumer ab. Aber ich gestehe den Eindruck zu, 
daß die Traumdeutung Träumen dieses Inhaltes noch lange nicht alle ihre Ge- 
heimnisse entlockt liat. 



Die Absicht der Absurdität. 293 

• 
haupt nicht zu verwechseln brauche, muß ich diese ganze rätselhafte 
Geschichte im Traume absichtlich so gestaltet haben. 

In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die 
Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zuge- 
lassen oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vor- 
liegenden Falle ist folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität 
und etwas Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren", weil 
ich in den Traumgedanken ein gewisses Urteil habe, das nach Dar- 
stellung verlangt. An einem Abend bei jener gastfreundlichen und 
geistreichen Dame, die in einer anderen Szene des nämlichen Traumes 
als „Haushälterin" auftritt, hatte ich zwei Rätsel gehört, die ich 
nicht auflösen konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, 
machte ich mit meinen erfolglosen Bemühungen, die Lösung zu 
finden, eine etwas lächerliche Figur. Es waren zwei Äquivoke mit 
„Nachkommen" und „Vorfahren". Sie lauteten, glaube ich, so: 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Ein jeder hat's, 
Im Grabe ruht's. 

(Vorfahren.) ■ 

Verwirrend wirkte es, daß das zweite Bätsei zur einen Hälfte 
identisch mit dem ersten war : 

Der Herr befiehlt's, 
Der Kutscher tut's. 
Nicht jeder hat's, 
In der Wiege ruht's. 

(Nachkommen.) 

Als ich nun den Grafen Thun so großmächtig vorfahren 
sah, in die „Figaro"-Stimmung geriet, die das Verdienst der hohen 
Herren darin findet, daß sie sich die Mühe gegeben haben, geboren 
zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden Rätsel zu 
Zwischengedankon für die Traumarbeit. Da man Aristokraten leicht 
mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher früher 
einmal in unseren Landen „Herr Schwager" zu sagen pflegte, konnte 
die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung ein- 
beziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet: 
Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein. 
Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen 
dieses Urteils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traume. Jetzt 
löst sich wohl auch das letzte Rätsel dieser dunklen Traumstelle, daß 
ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon 
vor gefahren. 

Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum- 
gedanken als eines der Elemente des Inhaltes das Urteil vorkommt: 
Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der 
unbewußten Gedankcnzüge des Träumers motivieren. Das Absurde 
wird somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den 
Widerspruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung 



294 VI. Die Traumarboit. 

zwischen Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwertung der 
motorischen Hemmungsenipfindung. Das Absurde des Traumes ist 
aber nicht mit einem einfachen „Nein" zu übersetzen, sondern soll 
die Disposition der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit 
dem Widerspruch zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht 
liefert die Traumarbeit etwas Lächerliches. Sic verwandelt hier wie- 
derum ein Stück des latenten Inhaltes in eine manifeste 
Form*, 

Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher 
Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne Ana- 
lyse gedeutete Traum von der "Wagner Vorstellung, die bis morgens 
2/48 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Turme aus dirigiert 
wird usw. (siehe S. 234), will offenbar besagen : Das ist eine ver- 
drehte AVeit und eine verrückte Gesellschaft. Wer's verdient, 
den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat's, 
womit sie ihr Schicksal im Vergleiche zu dem ihrer Cousine meint. 
— Daß sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zu- 
nächst solche vom toten Vater dargeboten haben, ist auch keines- 
wegs ein Zufall. Hier finden sich die Bedingungen für die Schöp- 
fung absurder Träume in typischer Weise zusammen. Die Autorität, 
die dem Vater eigen ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervor- 
gerufen; die strengen Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind 
veranlaßt, zu seiner Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters 
scharf zu achten; aber die Pietät, mit der die Person des Vaters 
besonders nach seinem Tode für unser Denken umgeben ist, verschärft 
die Zensur, welche die Äußerungen dieser Kritik vom Bewußtwerden 
abdrängt. . 

IV. Ein neuer absurder Traum vom toten Vater: 
Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderat meiner 
Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten für eine Un- 
terbringung im Spital im Jahre 1851, die wegen'eines An- 
falles bei mir notwendig war. Ich mache mich darüber 
lustig, denn erstens war ich 1851 noch nicht am Leben, 
zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen kann, 
schon tot. Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer, wo er auf 
dem Bette liegt, und erzähle es ihm. Zu meiner Über- 
raschung erinnert er sich, daß er damals 1851 einmal 
betrunken war und eingesperrt oder verwahrt werden 
mußte. Es war, als er für das Haus T. . . . gearbeitet. 
Du hast also auch getrunken, frage ich. Bald darauf 
hast du geheiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren 
bin, was mir als unmittelbar folgend vorkommt. 

* Die Traumarbeit parodiert also den ihr als lächerlich bezeichneten Ge- 
danken, indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähn- 
lich verfährt Heine, wenn er die schlechten Verse des Bayerkönigs verspotten 
will. Er tut es in noch schlechteren: 

Herr Ludwig ist ein großer Poet, 

Und singt er, so stürzt Apollo 

Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht, 

„Halt ein, ich werde sonst toll oh!" 



Absurdität drückt Spott und Holm aus. 295 

Dio Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absur- 
ditäten zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen 
uns als Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen 
Polemik in den Traumgedanken übersetzen. Mit um so größerer Ver- 
wunderung konstatieren wir aber, daß in diesem Traume die Po- 
lemik offen betrieben und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, 
die zum Ziele des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint 
unseren Voraussetzungen über die Zensur bei der Traumarbeit zu 
widersprechen. Zur Aufklärung dient aber, daß hier der Vater nur 
eine vorgeschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen 
geführt wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vor- 
schein kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen an- 
dere Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es 
hier umgekehrt ; der Vater wix-d ein Strohmann zur Deckung anderer, 
und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge- 
heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mit- 
spielt, daß nicht er in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen 
Sachverhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich, 
nachdem ich gehört hatte, ein älterer Kollege, dessen Urteil für un- 
antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, daß einer 
meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon 
ins fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes 
deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, daß dieser Kollege 
eine Zeitlang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr 
erfüllen konnte (Z ahlungskoslen, Unterbringung im Spital); 
und als unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, 
geriet ich in denselben Empfindungskonflikt, der im Falle einer Miß-' 
helHgkeit zwischen Vater und Sohn durch die Holle und die früheren 
Leistungen dos Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren 
sich nun erbittert gegen den Vorwurf, daß ich nicht schneller 
vorwärts komme, der von der Behandlung dieses Patienten her 
sich dann auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der 
das schneller machen kann? Weiß er nicht, daß Zustände dieser Art 
sonst überhaupt unheilbar sind und lebenslang dauern? Was sind 
vier bis fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, 
wenn dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr 
erleichtert worden ist? 

Das Gepräge der Absurdität wird. in diesem Traume zum guten 
Teil dadurch erzeugt, daß Sätze aus verschiedenen Gebieten der 
Traumgedanken ohne vermittelnden' Übergang aneinander gereiht wer- 
den. So verläßt der Satz: Ich gehe zu ihm ins Nebenzimmer usw. 
das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproduziert 
getreulieh die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen- 
mächtige Verlobung mitgeteilt habe. Er will mich also an die vor- 
nehme Uneigennütz-gkoit mahnen, die der alte Mann damals bewies, 
und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines anderen, einer neuen 
Person bringen. Ich merke hier, daß der Traum darum den Vater 
verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung 
anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Zensur, 
daß man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen 



296 VI. Die Traumarbeit. 

• 

darf als die "Wahrheit. Der nächste Satz, daß er sich erinnert, ein- 
mal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein, ent- 
hält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht. 
Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der 
große — Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge- 
folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode 
der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum 
erinnert mich an seine eigene Mitteilung, er habe in jungen Jahren 
einmal der Gewohnheit gefrönt, sich mit Chloroform zu be- 
rauschen, und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und 
an ein zweites Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte 
einen erbitterten literarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der 
männlichen Hysterie, die er leugnete, und als ich ihn als Todkranken 
besuchte und nach seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Be- 
schreibung seiner Zustände und. schloß mit den Worten: „Sie wissen, 
ich war immer einer der schönsten Fälle von männlicher Hysterie." 
So hatte er zu meiner Genugtuung und zu meinem Erstaunen 
zugegeben, wogegen er sich so lange hartnäckig gesträubt. Daß ich 
aber in dieser Szene des Traumes Meynert durch meinen Vater 
verdecken kann, hat seinen Grund nicht in einer zwischen beiden 
Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist die knappe, aber völlig 
zureichende Darstellung eines Konditionalsatzes in den Traumgedanken, 
der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite Generation, der Sohn eines 
Professors oder Hofrates, wäre, dann wäre ich freilich rascher 
vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun meinen Vater 
zum Hofrat und Professor. Die gröbste und störendste Absurdität 
des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851, die mir 
von 1850 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die Diffe- 
renz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade dies soll 
aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden. Vier 
bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich die 
Unterstützung des eingangs erwähnten Kollegen genoß, aber auch die 
Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirat warten ließ, 
und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenutztes 
Zusammentreffen auch die Zeit, während, welcher ich jetzt meinen 
vertrautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was 
sind füttf. Jahre?" fragen die Traumgedanken. „Das ist für mich 
keine Zeit, das kommt nicht in "Betracht. Ich habe Zeit ge- 
nug vor mir, und y/ie jenes endlich geworden ist, was Ihr auch 
nicht glauben wolltet, . so werde ich auch dies zu Stande bringen." 
Außerdem aber ist die Zahl 51. vom Jahrhundert abgelöst, noch 
anders, und zwar im gegensätzlichen Sinne determiniert; sie kommt 
darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der 
Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Kollegen plötzlich 
habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige 
Tage vorher zum Professor ernannt worden war. 

.V." Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt. 

Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem Ge- 
ringeren als von Goethe in einem Aufsatze angegriffen 









Ein absurdes Goethetraum. 297 

i 

worden, wie wir alle meinen, mit ungerechtfertigt großer 
Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen Angriff natürlich 
vernichtet. Er beklagt sich darüber bitter bei einer Tisch- 
gesellschaft; seine Verehrung für Goethe hat aber unter 
dieser persönlichen Erfahrung nicht gelitten. Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse, die mir unwahrschein- 
lich vorkommen, ein wenig aufzuklären. Goethe ist 
1832 gestorben; da sein Angriff auf M. natürlich früher 
erfolgt sein muß, so waj.* Herr M. damals ein ganz jun- 
ger M ann. Es kommt mir plausibel vor, daß er 18 Jahre 
alt war. Ich weiß aber nicht sicher, welches Jahr wir 
gegenwärtig schreiben, und so versinkt die ganze Be- 
rechnung im Dunkel. Der Angriff ist übrigens in dem 
bekannten Aufsatze von Goethe „Natur" enthalten. 

Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn 
dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch- 
gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert, _ seinen 
Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer 
Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig; 
es ereignete sich bei diesem Besuche das Peinliche, daß der Kranke 
ohne jeden Anlaß im Gespräche den Bruder durch Anspielung auf 
dessen Jugendstreiche bloßstellte. Den Kranken hatte ich nach 
seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be- 
rechnungen veranlaßt, um seine Gcdächtnisschwäehung klarzulegen; 
Brolien, die er übrigens noch recht gut bestand- Ich merke schon, 
daß ich mich, im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material 
des Traumes stammt aus einer anderen rezenten Quelle^ Ein nur 
befreundeter Redakteur einer medizinischen Zeitschrift hatte eine 
höchst ungnädige, eine „vernichtende" Kritik über das letzte 
Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die 
ein recht jugendlicher und wenig urteilsfähiger Referent verfaßt 
hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte 
den Redakteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be- 
dauerte, aber eine Rcmedur nicht versprechen wollte. Daraufhin 
brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem 
Absagebriefe die Erwartung hervor, daß unsere persönlichen 
Beziehungen unter diesem Vorfalle nicht leiden würden. 
Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung 
einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der 
mit dem Ausrufe „Natur, Natur" in Tobsucht verfallen war. Die 
Ärzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lektüre jenes 
schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Überarbeitung 
des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es 
vor. an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder- 
gebildeten bei uns von der „Natur" reden, und daß der Unglück- 
liche sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenig- 
stens nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kran- 
ken, als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte- 



29g VI. Die Traumarbeit. 






Wenn ich noch hinzufüge, daß das so hart kritisierte Buch 
meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist 
man es seihst", hatte ein anderer Kritiker geäußert) sich mit den 
zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt | und auch 
Goethes Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be- 
deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, daß icli 
mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche 
mir die zeitlichen Verhältnisse .... ein wenig aufzti- 
klären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der 
Traum schwelgt in Absurdität. Das heißt also, die Traumgedanken 
sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und 
Uir seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber 
doch umgekehrt?" Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im 
Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen 
hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch 
heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich 
vom Sterbejahre Goethes an rechne, während ich den Para- 
lytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen ließ. 

Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, daß kein Traum 
von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muß 
ich' es rechtfertigen, daß ich in diesem Traume die Sache meines 
Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze. 
Meine kritische Überzeugung im "Wachen reicht hiefür nicht aus. 
Nun spielt aber die Geschichte des 18jährigen Kranken und die ver- 
schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur" auf den Gegensatz 
an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Ätiologie 
für die Psychoneurosen zu den meisten Ärzten gebracht habe- Ich 
kann mir sagen: So wie deinem Freunde, so wird es auch dir mit 
der Kritik ergehen, ist dir zum Teil auch bereits so ergangen, und 
nun darf ich das „Er" in den Traumgedankon durch ein .»"Wir" er- 
setzen. „Ja, Ihr habt Recht, wir zwei sind die Narren." Daß „mea 
res agitur", daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, 
unvergleichlich schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag 
dieses Aufsatzes in einer populären Vorlesung war es, der mich 
schwankenden Abiturienten zum Studium der Naturwissenschaft 
drängte. 

VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen 
Traume, in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, daß er ego- 
istisch ist. Ich erwähnte auf S. 18G einen kurzen Traum, daß Pro- 
fessor M. sagt: „Mein Sohn, der Myop. . ." und gab an, das 
sei nur ein Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. 
Hier ist der fehlende Haupttraum. der uns eine absurde und un- 
verständliche Wortbildung zur Aufklärung bietet: 

"Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom ist 
es notwendig, die Kinder zu flüchten, was auch geschieht. 
Die Szene ist dann vor einem Tore. Doppeltor nach an- 
tiker Art (die Porta romana in Sie na, wie ich noch 
im Traume weiß). Ich sitze auf dem Rande eines Brun- 
nens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weibliche 
Person — Wärterin, Nonne — bringt die zwei Knaben 



„Geseres und Ungeseres." 299 

heraus und übergibt sie dem Vater, der nicht ich bin. 
Der ältere der beiden ist deutlich mein Ältester, das 
Gesicht des anderen sehe ich nicht; die Frau, die den 
Knaben bringt, verlangt zum Abschied einen Kuß von 
ihm. Sic zeichnet sich durch eine rote Nase aus. Der 
Knabe verweigert ihr den Kuß, sagt aber, ihr zum Ab- 
schied die Hand reichend: Auf Geseres und zu uns bei- 
den (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich. habe 
die Idee, daß letzteres einen Vorzug bedeutet 

Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf, 
die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto" 
angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der 
Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie 
so zu erziehen, daß sie freizügig werden können, sind in den zu- 
gehörigen Traumgedanken leicht zu erkennen.^ 

„An den Wässern Babels saßen wir und weinten." — 
Siena ist wie Eom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Korn 
muß ich im Traume (vgl. S. 135) mir irgend einen Ersatz aus be- 
kannten örtlichkeiten suchen. Nahe der Porta romana von Siena 
sahen wir ein großes, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, daß es 
das Manicomio, die Irrenanstalt, sei. Kurz vor dem Traume hatte ich 
gehört, daß ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene Anstellung 
an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen. 

Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man 
nach der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müßte: Auf 
Wiedersehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres. 

Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei _ Schrift- 
gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von 
einem Verbum „goiser" und läßt sich am besten durch „anbefohlene 
Leiden, Verhängnis", wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes 
im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern". 
Ungeseres ist meine eigenste Wortbildimg und zieht meine Auf- 
merksamkeit zuerst auf sich, macht mich aber zunächst ratlos. Die 
kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, daß Ungeseres einen Vorzug 
gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Verständ- 
nis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Kaviar statt; 
der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene. Kaviar 
fürs Volk, „noble Passionen": darin liegt eine scherzhafte Anspielung 
an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von der ich hoffe, 
daß sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder in acht nehmen 
wird. Dazu stimmt es dann, daß eine andere Person meines Haus- 
haltes, unsere brave Kinderfrau, in der Wärterin (oder Nonne) vom 
Traume Avohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem Paar gesalzen- 
ungesalzen und Geseres-Ungesercs fehlt es aber noch an einem 
vermittelnden Übergang. Dieser findet sich in „gesäuert und un- 
gesäuert"; bei ihrem fluchtartigen Auszug aus Ägypten hatten 
die Kinder Israels nicht die Zeit, ihren Brotteig gären zu lassen, 
und essen zur Erinnerung daran noch heute ungesäuertes Brot zur 
Osterzeit. Hier kann ich auch den plötzlichen Einfall unterbringen, 
der mir während dieses Stückes der Analyse gekommen ist. Ich er- 






300 "VI. Die Traumarbeit 

innertc mich, wie wir in den letzten Oster tagen in den Straßen der 
uns fremden Stadt Breslau herumspazierten, mein Freund aus Berlin 
und ich. Ein kleines Mädchen fragte mich um den "Weg in eine ge- 
wisse Straße; ich mußte mich entschuldigen, daß ich ihn nicht wisse, 
und äußerte dann zu meinem Ereunde: Hoffentlich beweist die Kleine 
später im Lehen mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, 
von denen sie sich leiten läßt. Kurz darauf fiel mir ein Schild ,in 
die Augen: Dr. Her ödes, Sprechstunde. - • Ich meinte: Hoffent- 
lich ist der Kollege nicht gerade Kinderarzt. Mein Ereund hatte mir 
unterdessen seine Ansichten über die biologische Bedeutung der b i- 
lateralen Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung 
begonnen: „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirn trügen wie 
der Kyklop ■ . •" Das führt nun zur Bede des Professors im Vor- 
traume: Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Haupt- 
quelle für das Geseres geführt worden- Vor vielen Jahren, als 
dieser Sohn des Professors M., der heute ein selbständiger Denker ist, 
noch auf der Schulbank saß., erkrankte er an einer Augenaffektion, 
die der Arzt für besorgniserregend erklärte. Er meinte, solange sie 
einseitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch 
auf das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden 
heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich aber 
die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die ent- 
setzte Mutter ließ sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land- 
aufenthaltes kommen. Der schlug sich aber jetzt auf die andere 
Seite. „Was machen Sie für Geseres?" herrschte er die Mutter 
an. ,.Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es. auch 
auf der anderen gut werden." Und so ward es auch. 

Und nun die Beziehungen zu mir und den meinigen. Die Schul- 
bank, auf der der Sohn des Professors M. seine erste Weisheit er- 
lernt, ist durch Schenkung der Mutter in das Eigentum meines 
Ältesten übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den 
Mund lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Übertragung 
knüpfen lassen, ist nun leicht zu erraten. Diese Schulbank soll aber 
auch durch ihre Konstruktion das Kind davor schützen, kurzsich- - 
tig und einseitig zu werden. Daher im Traume Myop (dahinter 
Kyklop) und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um 
die Einseitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körper- 
lichen Einseitigkeit die der intellektuellen Entwicklung gemeint sein. 
Ja, scheint es nicht, daß die Traumszenc in ihrer Tollheit gerade 
dieser Sorge widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen 
Seite hin sein Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der an- 
deren hin das Gegenteil davon, wie um das Gleichgewicht her- 
zustellen. Es handelt gleichsam in Beachtung der bi- 
lateralen Symmetrie! 

So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er- 
scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten 
und es nicht gefahrlos sagen könnten, gern die Narrenkappe aufzu- 
setzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war, duldete 
sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urteil schmeicheln 
konnte, daß das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei. Ganz so 



Keine Urteilsleistung der Traumarbeit. 301 

wie in "Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der Prinz, 
der sicli zum Narren verstellen muß, und darum kann man auch vom 
Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen Bedingun- 
gen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet: „Ich 
bin nur toll bei Nord-Nord- West ; weht der Wind aus Süden, Iso 
kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden*." 

Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin 
aufgelöst, daß die Traumgedanken niemals absurd sind — wenigstens 
nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen — , und daß die 
Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden 
Elementen produziert, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik, Spott 
und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegen. Es liegt 
mir nun daran zu zeigen, daß die Traumarbeit überhaupt durch das 
Zusammenwirken der drei erwähnten Momente — und eines vierton 
noch zu erwähnenden — erschöpft ist, daß sie sonst nichts leislet als 
eine "Übersetzung der Traumgedanken unter Beachtung der vier ihr 
vorgeschriebenen Bedingungen, und daß die Frage, ob die Seele im 
Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten arbeitet oder nur mit 
einem Teile derselben, schief gestellt ist und an den tatsächlichen 
Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich Träume gibt, in deren 
Inhalt geurteilt, kritisiert und anerkannt wird, in denen Verwunderung 
über ein einzelnes Element des Traumes auftritt, Erklärungsversuche 
gemacht und Argumentationen angestellt werden, muß ich die Ein- 
wendungen, die sich aus solchen Vorkommnissen ableiten, an aus- 
gewählten Beispielen erledigen. 

Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare 
Betätigung der Urteilsfunktion in den Träumen vor- 
findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Trau m- 
arbeit aufzufassen, sondern gehört dem Material der 
Traumgedanken an und ist von dorther als fertiges 
Gebilde in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich 
kann meinen Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urteilen, 
die man nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, 
den Empfindungen, die die Reproduktion dieses Traumes in uns her- 
vorruft, gehört ein guter Teil dem latenten Trauminhalt an und ist 
in die. Deutung des Traumes einzufügen. 

I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. 
Eine Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar 
ist. Sic hat eine Person im Traume gesehen und weiß nicht, ob es 
der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum- 
stück, in dem ein „Misttrügcrl" vorkommt, an das folgende Erinne- 
rung sich anschließt. Als junge Hausfrau äußerte sie einmal scherz- 
hnft vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, daß ihre 



* Dieser Traum gibb auch ein gutes Beispiel für den allgemein gültigen 
Satz, daß die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung gesondert, 
auf dem Boden des nämlichen Gedankenmaterials erwachsen sind. Die Traum- 
situation, daß ich meine Kinder aus der Stadt Rom, flüchte, ist übrigens durch 
die Rückbeziehung auf einen analogen, in meine Kindheit fallenden Vorgang ent- 
stellt. Der Sinn ist. daß ich Verwandte benoide, denen sich bereits vor vielen 
Jahren ein Anlaß geboten hat, ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen. 



302 VI. Die Traumarbeit. 



nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Misttrügerls sein müsse. 
Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aher mit 
Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung 
der .Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen". Wenn 
man die Analyse vervollständigt, erfährt man, daß es sich in den 
Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten 
Geschichte handelt, daß ein Mädchen ein Kind bekommen, von dem 
es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum- 
darstellung greift also hier ins "Wachdenken über und läßt eines der 
Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urteil 
über den ganzen Traum vertreten sein. 

II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum, 
der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach 
dem Erwachen: D as muß ich dem Doktor erzählen. Der Traum 
wird analysiert und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf ein 
Verhältnis, das er während der Behandlung begonnen, und von dem 
er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen*. 

III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung: 

Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser 
und Garton vorkommen, ins Spital. Dabei die Idee, 
daß ich diese Gegend schon mehrmals im Traume ge- 
sehen habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er 
zeigt mir einen Weg, der durch eine Ecke in eine Re- 
stauration führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich 
nach Iran Doni und höre, sie wohnt im Hintergründe 
in einer kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe 
hin und treffe schon vorher eine undeutliche Person 
mit meinen zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit 
mir nehme, nachdem ich eine Weile mit ihnen gestan- 
den bin. Eine Art Vorwurf gegen meine Frau, daß sie 
sie dort gelassen hat. 

Beim Erwachen fühle ich dann große Befriedigung, die ich 
damit motiviere daß ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was 
es bedeute: Ich habe schon davon geträumt** Die Analvse 
lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, daß die Befriedi- 
gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urteile Über den 
Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, daß ich in 
meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine Person, mit 
der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg gegangen bin, 
die mich dann sozial und materiell weit überholt hat. die aber in ihrer 
Jlne Junderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe des Traumes können 
den J3eweis durch eine vollständige Analyse ersetzen. Tags zuvor las 
ich m der Zeitung die Todesanzeige einer Frau Dona A..y (woraus 
ich Dom mache), die im Kindbett gestorben; ich hörte von meiner 

* Die noch im Traume enthaltene Mahnung oder der Vorsatz: Das muß ich 
dem Doktor erzählen, bei Träumen während der psychoanalytischen Behandlung 
entspricht regelmäßig einem großen Widerstand gegen die Beichte des Traumes 
und wird nicht selten vom Vergessen des Traumes gefolgt. 

** Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Diskussion in den letzten 
Jahrgängen der Revue philosophiere angesponnen hat (Paramnesic im Traume). 




Urteils- und Gefühlsäußerungen nach dem Erwachen. ZOS 

Frau, daß die Verstorbene von derselben Hebamme gepflegt worden 
sei wie sie selbst bei unseren beiden Jüngsten. Der Name Dona war 
mir aufgefallen, denn ich hatte ihn kurz vorher in einem englischen 
Roman zum erstenmal gefunden. Der andere Anlaß des Traumes 
ergibt sich aus dem Datum desselben; es war die Nacht vor dem 
Geburtstage meines ältesten, wie es scheint, dichterisch begabten 
Knaben. 

IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus 
dem absurden Traume, daß der Vater nach seinem Tode eine politische 
Rolle bei den Magyaren gespielt, und motiviert sich durch die Fort- 
dauer der Empfindung, die, den letzten Satz des Traumes begleitete: 
„Ich erinnere mich daran, daß er auf dem Totenbette 
Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, daß 
es doch wahr geworden ist. . . . (Dazu eine vergessene 
Fortsetzung.) Aus der Analyse kann ich nun einsetzen, was in 
diese Traumlücke gehört. Es ist die Erwähnung meines zweiten Kna- 
ben, dem ich den Vornamen einer großen historischen Persönlichkeit 
gegeben habe, die mich in den Knabenjahren, besonders seit meinem 
Aufenthalt in England, mächtig angezogen. Ich hatte das Jahr der 
Erwartung über den Vorsatz, gerade diesen Namen zu verwenden, 
wenn es ein Sohn würde, und begrüßte mit ihm hoch befriedigt 
schon den eben Geborenen. Es ist leicht zu merken, wie die unter- 
drückte Größensucht des Vaters.sich in seinen Gedanken auf die Kin- 
der überträgt; ja man wird gern glauben, daß dies einer der Wege 
ist, auf denen die im Leben notwendig gewordene Unterdrückung 
derselben vor sich geht. Sein Anrecht, in den Zusammenhang dieses 
Traume", aufgenommen zu werden, erwarb der Kleine dadurch, daß 
ihm damals der nämliche — beim Kinde und beim Sterbenden leicht 
verzeihliche — Unfall widerfahren war, die Wäsche zu beschmutzen. 
Vergleiche hiezu die Anspielung „Stuhlrichter" und den Wunsch 
des Traumes : Vor seinen Kindern groß und rein dazustehen. 

V. Wenn ich nun Urteilsäußerungen, die im Traume selbst ver- 
bleiben, sich nicht ins Wachen fortsetzen oder sich dahin verlegen, 
heraussuchen soll, so werde ich's als große Erleichterung empfinden, 
daß ich mich hiefür solcher Träume bedienen darf, die bereits (in 
anderer Absicht mitgeteilt worden sind. Der Traum von Goethe, 
der Herrn M- angegriffen hat, scheint eine ganze Anzahl von Urteils- 
akten zu enthalten. Ich suche mir die zeitlichen Verhält- 
nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig 
aufzuklären. Steht das nicht einer kritischen Regung gegen den 
Unsinn gleich, daß Goethe einen jungen Mann meiner Bekanntschaft 
literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plausibel 
vor, daß er 18 Jahre alt war." Das klingt doch ganz wie das Er- 
gebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „Ich weiß 
nicht sicher, welches Jahr wir schreiben" wäre ein Bei- 
spiel von Unsicherheit oder Zweifel im Traume. 

Nun weiß ich aber aus der Analyse dieses Traumes, daß diese 
scheinbar erst im Traume vollzogenen Urteilsakte in ihrem Wortlaute 
eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum- 



3Q£ VI. Die Traumarbeit. 

deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver- 
mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen 
Verhältnisse ein wenig aufzuklären", setze ich mich an die 
Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des 
Lebens aufzuklären sucht. Der Salz verliert hiemit die Bedeutung 
eines Urteils, welches sich gegvn den Unsinn der vorhergehenden 
Sätze sträubt. Die Einschaltung, „die mir unwahrscheinlich 
vorkommt", gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt mir 
plausibel vor". Ungefähr mit den gleichen "Worten habe "ich der 
Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte, er- 
widert: Es kommt mir unwahrscheinlich vor, daß. der Aus- 
ruf „Natur, Xatur", etwas mit Goethe zu tun hatte; es ist mir 
viel plausibler, daß er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeutung 
gehabt hat. Es ist hier allerdings ein Urteil gefällt worden, aber 
nicht im Traume, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung, die 
von den Traumgedanken erinnert und verwertet wird. Der Trauminhalt 
eignet sich dieses Urteil an wie irgend ein anderes Bruchstück der 
T r a um ged anken. 

Die Zahl 18, mit der das Urleil im Traume unsinnigerweise 
in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen- 
hanges, aus dem das reale Urteil gerissen wurde. Endlich daß. „ich 
nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben", soll nichts 
anderes als meine Identifizierung mit dem Paralytiker durchsetzen, 
in dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben 
hatte. 

Bei der Auflösung der scheinbaren Urteilsakte des Traumes 
kann man sich an die eingangs gegebene Regel für die Ausführung 
der Deutungs arbeit mahnen lassen, daß man den im Traume herge- 
stellten Zusammenhang der Traumbestandteile als einen unwesent- 
lichen Schein beiseite lassen und jedes Traumelement für sich der 
Zurückführung unterziehen möge. Der Traum ist ein Konglomerat, 
das für die Zwecke der Untersuchung wieder zerbröckelt werden soll. 
Man wird aber anderseits aufmerksam gemacht, daß sich in den Träu- 
men eine psychische Kraft äußert, welche diesen scheinbaren Zu- 
sammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene 
Material einer sekundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben 
hier Äußerungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der bei 
der -Traumbildung beteiligten Momente später würdigen werden. 

VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urteilsarbeit in den 
bereits mitgeteilten Träumen. In dem absurden Traume von der 
Zuschrift des Gemeinderates frage ich: Bald darauf hast du ge- 
heiratet? Ich rechne, daß ich ja 1856 geboren bin, was 
mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich ganz in 
die Form einer Schlußfolge. Der Vater hat bald nach dem An- 
fall im Jahre 1851 geheiratet; ich bin ja der Älteste, 1856 geboren; 
also das stimmt. Wir wissen, daß dieser Schluß durch die Wunsch- 
crfüllung verfälscht ist, daß der in den Traumgedanken herrschende 
Satz lautet: vier oder fünf Jahre, das ist kein Zeitraum, 
das ist nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlußfolge ist 
nach Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken anders zu deter- 



Schlösse im Traum. 305 

minieren: Es ist der Patient, über dessen Geduld der Kollege sich 
beschwert, der unmittelbar nach Beendigung der Kur zu heiraten 
gedenkt. Die Art, wie ich mit dem Vater im Traume verkehre, er- 
innert an ein Verhör oder ein Examen, und damit an einen Uni- 
versitätslehrer, der in der Inskriptionsstunde ein vollständiges Na- 
tionale aufzunehmen pflegte. Geboren, wann? 1856. — Patrc? Dar- 
auf sagte man den Vornamen des Vaters mit lateinischer Endung, 
und wir Studenten nahmen an, der Hofrat ziehe aus dem Vornamen 
des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inskribierten nicht 
jedesmal gestattet hätte. Somit Wäre das Schlußziehen des Traumes 
nur die "Wiederholung des Schluß ziehen s, das als ein Stück Material 
in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus . etwas Neues. 
Wenn im Trauminhalt ein Schluß vorkommt, so kommt er ja sicher- 
lich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein 
als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches 
Band eine Reihe von Traumgedanken miteinander verknüpfen. In 
jedem Falle stellt der Schluß im Traume einen Schluß aus den 
Traumgedanken dar*. 

Die Analyse dieses Traumes wäre hier fortzusetzen. An das 
Verhör des Professors reiht sich die Erinnerung an den (zu meiner 
Zeit lateinisch abgefaßten) Index der Universitätsstudenten. Ferner 
an meinen Studiengang. Db fünf Jahre, die für das medizinische 
Studium vorgesehen sind, waren wiederum zu wenig für mich. Ich 
arbeitete unbekümmert in weitere Jahre hinein, und im Kreise meiner 
Bekannten hielt man mich für verbummelt, zweifelte man, daß ich 
„fertig" werden würde. Da entschloß ich mich schnell, meine 
Prüfungen zu machen, und wurde doch fertig, trotz des Auf- 
schubs. Eine neue Verstärkung der Traumgedanken, die ich meinen 
Kritikern trotzig entgegenhalte. „Und wenn ihr es auch nicht glauben 
wollt, weil ich mir Zeit lasse; ich werde doch fertig, ich komme doch 
zum Schluß. Es ist schon oft so gegangen. " 

Derselbe Traum enthält in seinem Anfangsstück' einige Sätze, 
denen man den Charakter einer Argumentation nicht gut absprechen 
kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte 
ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im 
Traume über die Zuschrift des Gemeinderates lustig, denn 
erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt, zweitens ist 
mein Vater, auf den sie sich beziehen kann, schon tot. Beides 
ist nicht nur an sich richtig, sondern deckt sich auch völlig mit den 
wirklichen Argumenten, die ich im Falle einer derartigen Zuschrift 
in Anwendung bringen würde. Wir wissen aus der früheren Analyse 
(S. 295 f.), daß dieser Traum auf dem Boden von tief erbitterten und 
hohngetränkten Traumgedanken erwachsen ist; wenn wir außerdem 
noch die Motive zur Zensur als recht starke annehmen dürfen, so 
werden wir verstehen, daß die Traumarbsit eine tadellose Wider- 
legung einer unsinnigen Zumutung nach dem in den Traum- 

.* Diese Ergebnisse korrigieren in einigen Punkten meine früheren Angaben 
über die Darstellung der logischen Relationen (S. 213). Letztere beschreiben das 
allgemeine Verhalten der Traumaxbeit, berücksichtigen aber nicht die feinsten 
und sorgfältigsten Leistungen derselben. 

Freud, Traumdeutung. 6. Ami. 20 



30ß VI. Die Traumarleit. 

gedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen allen Anlaß hat. Die Ana- 
lyse zeigt uns aber, daß der Trauniarbeit hier doch keine freie 
Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern daß Material aus den 
Traumgedanken dazu verwendet werden mußte. Es ist, als kämen 
in einer algebraischen Gleichung außer den Zahlen ein -j- und —. 
ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor. imd jemand, der diese Glei- 
chung abschreibt, ohne sie zu verstellen, nähme die Operations- 
zeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe aber dann 
beiderlei durcheinander. Die beiden Argumente lassen sich auf fol- 
gendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich zu denken, daß 
manche der Voraussetzungen, die ich meiner psychologischen Auf- 
lösung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst bekannt 
geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden. So 
muß ich behaupten, daß bereits Eindrücke aus dem zweiten Lebens- 
jahre, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur im 
Gemütsleben der später Kranken zurücklassen und — obwohl von 
der Erinnerung vielfach verzerrt Und übertrieben — die erste und 
unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können. 
Patienten, denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pfle- 
gen die neugewonnene Aufklärung zu parodieren, indem sie sich be- 
reit erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie 
noch nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte 
naeh meiner Erwartung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, 
welche bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen 
Regungen spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung S- 177 f.) Und doch ist 
nach meiner gut begründeten Überzeugung beides wahr. Ich denke 
zur Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters 
in ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklär- 
baro Vorfälle bewiesen, daß das Kind doch Erinnerungen an die ihm 
so früh entschwundene Person unbewußt bewahrt hatte. Ich weiß, 
daß meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Gül- 
tigkeit man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunsch- 
erfüllung, wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Be- 
anständung ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung ein- 
wandfreier Schlüsse verwendet wird. 

VII. In einem Traume, den ich bisher nur gestreift habe, wird 
eingangs die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich 
ausgesprochen. 

Der alte Brücke muß mir irgend eine Aufgabe ge- 
stellt haben: sonderhar genug bezieht sie sich auf 
Präparation meines eigenen Untergestells, Becken 
und Beine, das ich vor mir sehe wie im Seziersaal, 
doch ohne den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne 
Spur von Grauen. Louise N. steht dabei und mach t die 
Arbeit bei mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht 
bald die obere, bald die untere Ansicht desselben, was 
sich vermengt. Dicke, fleischrote Knollen (bei denen 
ich noch im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu 
sehen. Auch mußte etwas sorgfältig ausgeklaubt wer- 
den, was darüber lag und zerknülltem Silberpapier 



Verwunderung im Traume. ony 

glich*. Dann war ich wieder im Besitze meiner Beine 
und machte einen Weg durch die Stadt, nahm aber (aus 
Müdigkeit) einen Wagen. Der Wagen fuhr zu meinem 
Erstaunen in ein Haustor hinein, das sich öffnete und 
ihn durch einen Gang passieren ließ, der am Ende ab- 
geknickt, schließlich weiter ins Freie führte**. Schließ- 
lich wanderte ich mit einem alpinen Führer, der meine 
Sachen trug, durch wechselnde Landschaften. Auf einer 
Strecke trug er mich mit Rücksicht auf meine müden 
Beine. Der Boden war sumpfig; wir gingen am Rande 
hin; Leute saßen am Boden, ein Mädchen unter ihnen, 
wie Indianer oder Zigeuner. Vorher hatte ich auf dem 
schlüpfrigen Boden mich selbst weiter bewegt unter 
steter Verwunderung, daß ich es nach der Präpara- 
tion so gut kann. Endlich kamen wir zu einem kleinen 
Holzhaus, das in ein offenes Fenster ausging. Dort 
setzte mich der Führer ab und legte zwei bereitste- 
hende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so den 
Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu über- 
schreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für meine 
Beine. Anstatt des erwarteten Überganges sah ich aber 
zwei erwachsene Männer auf Holzbänken liegen, die an 
den Wanden der Hütte waren, und wie zwei Kinder 
schlafend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, son- 
dern die Kinder den Übergang ermöglichen sollten. 
Ich erwache mit Gedankenschreck. 

"Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck' von der Aus- 
giebigkeit der Traum Verdichtung geholt hat, der wird sicli leicht vor- 
stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse 
dieses Traumes einnehmen muß. Zum Glück für den Zusammenhang 
entlehne ich dem Traume aber hloß das eine Beispiel für die Ver- 
wunderung im Traume, die sich in der Einschaltung „sonderbar 
genug" kundgibt. Ich gehe auf den Anlaß des Traumes ein. Es ist 
ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traume der Arbeit 
assistiert. „Leih' mir etwas zum Lesen." Ich biete ihr „She" von 
Ridcr Haggard an. Ein .sonderbares Buch, aber voll von ver- 
stecktem Sinne", will ich ihr auseinandersetzen; „das ewig Weib- 
liche, die Unsterblichkeit unserer Affekte — — ". Da unterbricht sie 
mich: Das kenne ich schon. Hast du nichts Eigenes? — „Nein, meine 
eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben." — Also 
wann erscheinen denn deine sogenannten letzten Aufklärungen, die, 
wie du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas 
anzüglich. Ich merke jetzt, daß mich ein anderer durch ihren Mund 
mahnen läßt, und verstumme. Ich denke an die Überwindung, die es 
mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich RO viel 
vom eigenen intimen Wesen preisgeben muß, in die Öffentlichkeit zu 
schicken. „Das Beste, was du wissen kannst, darfst du den Buben 

* Staniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. S. 280. 
** Die örtlichkeit im Flure meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der 
Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt. 

20* 



308 VI - Die TraumaAeit. 

docli nicht sagen." Die Präparation am eigenen Leih, die mir im 
Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mitteilung der Träume 
verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit Recht 
hiezu ; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher Arbeit traf es 
sich, daß ich einen Fund liegen ließ, bis sein energischer Auftrag mich 
zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren Gedanken aber, die sich an 
die Unterredung mit Louise N. anspinnen, greifen zu tief, um bewußt 
zu werden; sie erfahren eine Ablenkung über das Material, das in 
mir nebstbei durch die Erwähnung der „She" von rüder Haggar d 
geweckt worden ist. Auf dieses Buch und auf ein zweites desselben 
Autors, „Heart of the World", geht das Urteil „sonderbar genug", 
und zahlreiche Elemente des Traumes sind den beiden phantastischen 
Romanen entnommen. Der sumpfige Boden, über den man getragen 
wird, der Abgrund, der mittels der mitgebrachten Bretter zu über- 
schreiten ist, stammen aus der „She" ; die Indianer, das Mädchen, das 
Holzhaus aus „Heart of the world". In beiden Romanen ist eine Frau 
die Eührerih, in beiden handelt es sich um gefährliche Wanderungen, 
in „She" um einen abenteuerlichen Weg ins Unentdeckte, kaum je 
Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz, die ich bei dem 
Traume finde, reale Sensation jener Tage gewesen. Wahrscheinlich 
entsprach ihnen eine müde Stimmung und die zweifelnde Frage : Wie 
weit werden mich meine Beine noch tragen? In der „She" endet das 
Abenteuer damit, daß die Führerin, anstatt sich und den anderen die 
Unsterblichkeit zu holen, im geheimnisvollen Zentralfeuer den Tod 
findet. Eine solche Angst hat sich unverkennbar in "den Traum- 
gedanken geregt. Das „Holzhaus" ist sicherlich auch der Sarg, 
also das Grab. Auch in der Darstellung dieses unerwünschtesten 
aller Gedanken durch eine Wunscherfüllung hat die Traumarbeit ihr 
Meisterstück geleistet. Ich war nämlich schon einmal in einem Grabe, 
aber es war ein ausgeräumtes Etruskergrab bei Orvieto, eine schmale 
Kammer mit zwei Steinbänken an den Wänden, auf denen die Skelette 
von zwei Erwachsenen gelagert waren. Genau so sieht das Innere 
des Holzhauses im Traume aus, nur ist Stein durch Holz ersetzt. 
Der Traum scheint zu sagen: „Wenn du schon im Grabe weilen 
sollst, so ,sei es das Etruskergrab", und mit dieser Unterschiebung 
verwandelt er die traurigste Erwartung in eine recht erwünschte. 
Leider kann er, wie wir hören werden, nur die den Affekt beglei- 
tende Vorstellung in ihr Gegenteil verkehren, nicht immer auch 
den Affekt selbst. So wache ich denn mit „Gedankenschreck" auf, 
nachdem sich noch die Idee Darstellung erzwungen, daß vielleicht 
die Kinder erreichen werden, was dem Vater versagt geblieben, eine 
neuerliche Anspielung an den sonderbaren Roman, in dem die Iden- 
tität einer Person durch eine Generationsreihe von 2000 Jahren fest- 
gehalten wird. 

VIII. In dem Zusammenhang eines anderen Traumes findet sich 
gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume Er- 
lebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten und 
beinahe geistreichen Erklärungsversuche, daß ich bloß seinetwegen 
den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müßte, auch wenn der 
Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für unser Interesse 



Ein Erklärungsversuch im Traum. JJQQ 

besäße. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den 19. Juli auf der 
Südbahnstreck«: und höre im Schlafe: „Hollthurn, 10 Minuten" 
ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien — ein natur- 
historisches Museum — , daß hier ein Ort ist, wo sich 
tapfere Männer erfolglos gegen die Übermacht ihres 
Laadeshcrrn gewehrt haben. — Ja, die Gegenreforma- 
tion in Österreich! — Als ob es ein Ort in Steiermark 
oder Tirol wäre Nun sehe ich undeutlich ein kleines 
Musetim. in dem die Reste oder Erwerbungen dieser 
Männer aufbewahrt werden. Ich möchte aussteigen, 
verzögere es aber. Es stehen "Weiber mit Obst auf dem 
Perron, sie kauern auf dem Boden und halten die Körbe 
so einladend hin. — Ich habe gezögert aus Zweifel, 
ob wir noch Zeit haben, und jetzt stehen wir noch i in- 
nre r. — Ich bin plötzlich in einem anderen Coupe, in 
dem Leder und Sitze so schmal sind, daß man mit dem 
Rücken direkt an die Lehne stößt*. Ich wundere mich 
darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustand umgestiegen 
sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches Geschwister- 
paar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem Gestell an 
der Wand. Ich sehe ,.\Vealth of nations", „Matter and 
Motion" (von Maxwell), dick und in braune Leinwand 
gebunden. Der Mann fragt die Schwester nach einem 
Buche von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es sind 
die Bücher bald wie die meinen, bald die der beiden. 
Ich möchte mich da bestätigend oder unterstützend 

ins Gespräch mengen — . Ich wache, am ganzen Körper 

schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind. Der Zug hält 
in M arb urg. 

Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das 
die Erinnerung übergehen wollte Ich sage dem Geschwister- 
paare auf ein gewisses "Werk: It is from . . ., korrigiere 
mich aber: It is by. . . Der Mann bemerkt zur Schwester: 
Er hat es ja richtig gesagt. 

Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich' wohl 
unvollkommen geweckt haben muß. Ich ersetze diesen Namen, der 
Marburg lautete, durch Hollthurn. Daß ich Marburg beim ersten 
oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe, beweist die 
Erwähnung Schillers im Traume, der ja in Marburg, wenngleich 
nicht im steirischen, geboren ist**. Nun reiste ich diesmal, obwohl 
erster Klasse, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der Zug war 
überfüllt, in dem Coupe hatte ich einen Herrn und eine Dame an- 
getroffen, die .sehr vornehm schienen und nicht die Lebensart be- 

* Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge 
dem Grundsätze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder- 
schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung. 

** Schiller ist nicht in einem Marburg, sondern in Marbaoh geboren, 
wie jeder deutsche Gymnasiast weiß, und wie auch ich wußte. Es ist dies wieder 
einer jener Irrtümer (vgl. S. 137), die sich als Ersatz für eine absichtliche Ver- 
fälschung an anderer Stelle einschleichen, und deren Aufklärung ich in der „Psycho- 
pathologie des Alltagslebens" versucht habe. 



310 TL Die Tiaumarbeit. 

> 

saßen oder es nicht der Mühe wert hielten, ihr Mißvergnügen über 
den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher Gruß wurde 
nicht erwidert; obwohl Mann und Frau nebeneinander saßen (gegen 
die Fahrtrichtung), beeilte sich die Frau doch, den Platz ihr gegen- 
über am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirme zu belegen; 
die Tür wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden über das 
öffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah • man inir den 
Lufthunger bald an. Es war eine heiße Nacht und die Luft im all- 
seitig abgeschlossenen Coupe bald zum Ersticken. Nach meinen Tteise- 
erfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos übergreifendes Beneh- 
men Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb bezahlt haben. Als 
der Kondukteur kam und ich mein teuer erkauftes Billet vorzeigte, 
tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar und wie drohend; Mein 
Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche Erscheinung mit miß- 
vergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der Zeit des Verfalls 
weiblicher Schönheit; der Mann kam überhaupt nicht zu Worte, er 
saß regungslos da. Ich versuchte zu schlafen. Im Traume nehme 
ich fürchterliche Rache an meinen unliebenswürdigen Reisegefährten; 
man würde nicht ahnen, welche Beschimpfungen und Demütigungen 
sich hinter den abgerissenen Brocken der e*rsten Traumhälfte ver- 
bergen. Nachdem dies Bedürfnis befriedigt war, machte sich der 
zweite Wunsch geltend, das Coupe zu wechseln. Der Traum wechselt 
so oft die Szene, und ohne daß der mindeste Anstoß an der 'Ver- 
änderung genommen wird, so daß es nicht im geringsten auffällig ge- 
wesen wäre,, wenn ich mir alsbald meine Reisegesellschaft durch 
eine angenehmere aus meiner Erinnerung ersetzt hätte. Hier aber 
tritt der Fall ein, daß irgend etwas den Wechsel der Szene beanstän- 
dete und es für notwendig hielt, ihn zu erklären. Wie kam ich .plötz- 
lich in ein anderes Coupe? Ich konnte mich doch nicht erinnern, 
umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine Erklärung: ich mußte 
im schlafenden Zustand den Wagen verlassen haben, ein 
seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Erfahrung des Neuro- 
pathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Personen, die Eisen- 
bahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen, ohne durch irgend 
ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu verraten, bis sie an irgend 
einer Station der Reise voll zu sich kommen und dann die Lücke 
in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen Fall von „Auto- 
matismc ambulatoire" erkläre ich also noch im Traume den 
meinigen. 

Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der 
Erklärungsversuch, der mich so frappiert, wenn ich ihn der Trauin- 
arbeit zuschreiben müßte, ist nicht originell, sondern aus der Neu- 
rose eines meiner Patienten kopiert. Ich erzählte bereits an anderer 
Stelle von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, 
der kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer 
Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmaßregeln litt, 
die er zur Sicherung gegen dieselben treffen mußte. Es war ein Fall 
von schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht. Zu- 
erst wurde ihm das Passieren der Straße durch den Zwang verleidet, 
sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin sie ver- 




Aual